und schwere warme Regentropfen schlugen vereinzelt in die lenes susurros sub noctem , in das leise Geflüster im Schatten der Nacht . Kennt ihr das » Rette sich , wer kann ! « bei einem plötzlich hereinbrechenden Gewitter in einer großen Stadt ? Alle Gruppen lösen sich - Schürzen werden über den Kopf , Taschentücher über die Hüte gebunden ; hier flüchtet ein Pärchen unter eine laubige Akazie , dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines Hauses ; hier schlüpft leichtfüßig ein junges Mädchen dicht an den Häuserwänden hin , dort wandelt langsam und gleichmütig ein Naturmensch daher , nichts vor dem Regen schützend als seine glühende Zigarre . Die Droschken scheinen sich zu vervielfältigen , und - » süß ist ' s , vom sichern Hafen Schiffbrüchige zu sehen « - an allen Fenstern erscheinen lachende Gesichter . Studenten , Referendare , junge Theologen usw. wischen ihre Brillen ab ; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem Leben ; Tanten und Mütter schelten über Indezenz . - Platsch , platsch ! Alle Dachrinnen senden wie hämische Ungeheuer ihre Wassergüsse der dahertrabenden Menschheit in den Nacken . Es ist lächerlich-schrecklich bei Tage , schrecklich bei Nacht ! » Siehst du , Lieschen , das hast du erst gewollt - so lange hast du mit dem Wasser gespielt ! Das kommt davon ! « ruft ärgerlich die Tante Helene . Gustavs Jubel erreicht den höchsten Grad , und lachend schleppt er seine Mutter nach , während diesmal ich mit Liesen vorauslaufe . Nach allen Seiten haben sich unsere Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut . Das Gewitter kommt immer näher , der Donner brummt ganz artig , und die Blitze sind gar nicht übel . Selbst Gustav meint : » Gottlob , da ist die Sperlingsgasse ! « Welche Überschwemmung ! - Gute Nacht und keine langen Worte ! - Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer Haustür , und auch wir erreichen glücklich die unsrige . » Gott , Herr Wachholder , was habe ich für ' ne Angst gehabt ! « ruft die alte Martha uns von der Treppe entgegen . Lieschen pustet und ächzt und lacht , hält Arme und Hände weit ab vom Leibe und wird so schnell als möglich ins Bett geschickt . Gustav ruft natürlich von drüben noch einige Fragen herüber , auf welche wir aber nicht antworten , und der Mondschein-Spaziergang ist zu Ende . Am 15. April Der April , der einst mensis novarum hieß , ist der wahre Monat des Humors . Regen und Sonnenschein , Lachen und Weinen trägt er in einem Sack ; und Regenschauer und Sonnenblicke , Gelächter und Tränen brachte er auch diesmal mit , und manch einer bekam sein Teil davon . Ich liebe diesen janusköpfigen Monat , welcher mit dem einen Gesichte grau und mürrisch in den endenden Winter zurückschaut , mit dem andern jugendlich fröhlich dem nahen Frühling entgegenlächelt . Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er hinein in seine Schätze und schlingt ineinander Reif und keimendes Grün , verirrte Schneeflocken und kleine Marienblümchen , Regentropfen und Veilchenknospen , flackerndes Ofenfeuer und Schneeglöckchen , Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken . Ich liebe den April , den sie den Veränderlichen , den Unbeständigen nennen und den sie mit » Herrengunst und Frauenlieb « in einen so böswilligen Reim gebracht haben . - Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich früh durch das Geräusch des Regens , der an meine Fenster schlug , erweckt , blieb aber noch eine geraume Zeit liegen und träumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik hinein . Das benutzte ein schadenfroher Dämon des Trübsinns und des Ärgernisses , um mich in ein Netz trauriger , regenfarbiger Gedanken einzuspinnen , welches mir Welt und Leben in einem so jämmerlichen Lichte vorspiegelte und so drückend wurde , daß ich mich zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten konnte . - Aprilwetter ! Die Hosen zog ich - wie weiland Freund Yorick - bereits wieder als ein Philosoph an , und der erste Sonnenblick , der pfeilschnell über die Fenster der gegenüberliegenden Häuser und die Nase des mir zuwinkenden Strobels glitt , vertrieb alle die Nebel , welche auf meiner Seele gelastet hatten . Frischen Mutes konnte ich mich wieder an meine Vanitas setzen , und als ich gar in einem der schweinsledernen , verstaubten Tröster , die ich gestern von der Königlichen Bibliothek mitgebracht hatte , eine alte vertrocknete Blume aus einem vergangenen Frühling fand , konnte ich schon wieder die seltsamsten Mutmaßungen über die Art und Weise , wie das tote Frühlingskind zwischen diese Blätter kam , anstellen . Hatte sie vielleicht an einem lang vergangenen Feiertage ein uralter , längst vermoderter Kollege mitgebracht von einem lustigen Feldwege , oder hatte sie vielleicht eins seiner Kinder spielend in dem Folianten des gelehrten Vaters gepreßt ? Hatte sie etwa ein Student von der Geliebten erhalten und hier aufbewahrt und vergessen ? Welche Vermutungen ! Hübsch und anmutig , und um so hübscher und anmutiger , als sie nicht unwahrscheinlich sind . Oh , versteht es nur , Blumen zwischen die öden Blätter des Lebens zu legen : fürchtet euch nicht , kindisch zu heißen bei zu klugen Köpfen ; ihr werdet keine Reue empfinden , wenn ihr zurückblättert und auf die vergilbten Angedenken trefft ! Sei mir gegrüßt , wechselnder April , du verzogenes Kind der alten Mutter Zeit und - - » Beschütze deinen Sohn Ulrich Georg Strobel ! - Guten Morgen , Meister Wachholder ! « sagte eine Stimme hinter mir . Es war der Karikaturenzeichner , der , den grauen Filz auf dem Kopf , die Reisetasche über der Schulter , den Eichenstock in der Hand , hinter mir stand . » Ach Gott , nun ist meine Zeit vorbei ! « fuhr er lachend fort . » Ich komme , Ihnen Lebewohl zu sagen , alter Herr . « » Was , Sie wollen fort ? Was fällt Ihnen ein ? « Kann Deutschland nit finden , Rutsch allweil drauf ' rum ! sang der Zeichner und zeigte auf eine lustige blaue Stelle zwischen den ziehenden Wolken . » Es ist nicht anders ; haben Sie einen Gruß an die freie , weite Welt zu bestellen , heraus damit ! Oder noch besser : kommen Sie - dort steht Ihr Regenschirm - , begleiten Sie mich ! Hören Sie , wie lustig der Spatz da ins Fenster pfeift ! « Was sollte ich machen ; ich schlug meinen Folianten zu , der tolle Vagabond bot mir seinen Arm , und wir traten hinaus in die Gasse . » Leben Sie wohl , Mama ; viel Glück , mein Fräulein ! « rief der Zeichner seiner Hausgenossenschaft zu , die ganz aufgeregt in der Tür stand . » Gott grüß Euch , Freund Marquart : lebt wohl , Mutter Karsten ; lebt wohl , Meister und Meisterin ; lebt wohl , lebt wohl ! « rief er nach rechts und links hinüber . An der Ecke warf er noch einen letzten Blick hinauf nach seiner verlassenen Wohnung , wo die Fenster offenstanden und eine zerrissene Gardine lustig im Frühlingswinde flatterte , und brummte : » Zum Teufel , du Nest ! « » Und wo wollen Sie nun hin ? « fragte ich meinen wunderlichen Begleiter . Der Zeichner lachte . » Was meinen Sie « , sagte er , » wenn ich mir das Völkergewühl im Orient ein wenig ansähe , Kostüme zeichnete und über das Bemühen lachte , einen neu eintretenden Faktor der Menschheitsentwicklung durch Lancasterkanonen und Kriegsschiffe aufhalten zu wollen ? « » Was ? ! « rief ich mit offnem Munde . » Wem gilt das Was ? « lachte Strobel . » Meinem Vorhaben oder meiner Meinung ? « » Sie glauben ... « » Ich glaube , daß die Erde jung ist , alter Freund ! Wir brauchen frisches Blut und wollen nicht meinen , daß , weil man uns nur Geschichte der Vergangenheit lehrt , es keine der Zukunft geben werde . Wir leben uns gar zu gern in alles ein : in unsern Rock , in unsern Körper , in unsere Familie , in unser Volk : wir freuen uns , wenn ein kleiner verwandter Mitbürger das Licht der Welt erblickt ; wir ärgern uns , wenn wir den Rock zerreißen oder ein Krähenauge bekommen ; wir betrüben uns , wenn unser Vater , unsere Mutter stirbt ; aber wir halten das alles für natürlich - bloß weil wir es leichter übersehen können . Soll nun auf einmal in dem Krähenaugenkriegen , Geborenwerden und Sterben der großen Völkerfamilie der Erde ein Stillstand eintreten ein deus ex machina mit Manschetten in das ewige Werden fahren und sagen : Stop ! Halt da ! Entwickelt euch in euch selbst und - entschlaft an Euthanasie ? Bah ! « Der Redner blies eine gewaltige Rauchwolke aus seiner Zigarre und fuhr fort , während ich den Kopf bedachtsam schüttelte : » Es hat den Griechen nichts geholfen , die besten Dichter , Bildhauer und Maler zu sein , die geistreichsten philosophischen Systeme aufstellen zu können : die eisernen Männer Roms klopften an , stellten die griechische Bildung sub hasta , spielten Würfel auf den Gemälden , fabrizierten korinthisches Erz aus den Metallstatuen , und - die Weltgeschichte ging einen Schritt vorwärts . Es hat den Römern nichts geholfen , die größten Kriegs- und Verwaltungskünstler zu sein - Zündnadelgewehre und Lancasterkanonen sind Spielzeug im Kampf gegen die eine Macht im Weltall , welche die Gestirne treibt und die Wandervögel und welche die Völker bewegt zur rechten Zeit . Die Barbaren kümmerten sich nicht um Kommandowörter : sie stürmten die Tore Roms , und - die Weltgeschichte ging einen Schritt weiter ! « Ich schüttelte wieder das Haupt und brummte : » Immer zertrümmern , zertrümmern ! « » Meine Mutter starb , indem sie mich gebar ! « sagte der Zeichner grimmig und stand still . Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht ; ein kleiner Handwagen , mit Kisten und Kasten beladen , versperrte uns den Weg . » Jetzt will ich Ihnen auch sagen , wo ich in der Tat hin will , nicht , wohin ich gehen könnte « , sagte Strobel . » Kommen Sie ! « Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden . So ist das menschliche Leben . Lange , lange Jahre hatte ich in dieser Gasse gewohnt , täglich fast war ich vor diesem Hause , vor diesen trüben Fenstern vorbeigegangen , und heute , am letzten Tage , den die arme hier wohnende Familie dahinter zubringt , steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr . Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor , dem Schuhmacher Burger , einem Manne , welchem eine ganze Passionsgeschichte vom Gesichte abzulesen war . Heute abend führt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu , von wo sie ein Schiff nach einer neuen Heimat , nach dem jungen Amerika bringen soll ; und der Zeichner - will die Familie begleiten nach Hamburg . Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der ärmlichen Wohnung waren schon zusammengepackt ; die bleichen , traurigen Gesichter der Eltern , das teilnahmlose der alten Großmutter , die auch heute noch am gewohnten Platz hinter dem Ofen spann , die Kinder , welche verwundert in den Winkeln kauerten , alles machte einen tiefen wehmütigen Eindruck auf mich . Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust , welche das Volk forttreibt von Haus und Hof , aus den Städten und vom Lande , die den Köhler aus seinem Walde , den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reißt , die den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden und sie alle fortwirbelt , dem fernen Westen zu : Not , Elend und Druck sind ' s , welche jetzt das Volk geißeln , daß es mit blutendem Herzen die Heimat verläßt . Mit blutendem Herzen ; denn trotz der Stammzerrissenheit , trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters , der so leicht sich fremden Eigentümlichkeiten anschmiegt und unterwirft - worin übrigens in diesem Augenblick vielleicht allein die welthistorische Bedeutung Deutschlands liegt - , trotz alledem hängt kein Volk so an seinem Vaterland als das deutsche . In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als » the fatherland « kat ' exoxhn . Das wird zwar mit einem gewissen » sneer « gesagt , aber es ist eine Ehre für unsere Nation , und wir können stolz darauf sein . O ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands , sagt und schreibt nichts , euer Volk zu entmutigen , wie es leider von euch , die ihr die stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften führt , so oft geschieht ! Scheltet , spottet , geißelt , aber hütet euch , jene schwächliche Resignation , von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt , zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen . Als die Juden an den Wassern zu Babel saßen und ihre Harfen an die Weiden hingen , weinten sie , aber sie riefen : Vergesse ich dein , Jerusalem , so werde meiner Rechten vergessen ! Die Worte waren kräftig genug , selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten . Ihr habt die Gewohnheit , ihr Prediger und Vormünder des Volks , den Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatdorfs zu schreiben ; schreibt : Vergesse ich dein , Deutschland , großes Vaterland : so werde meiner Rechten vergessen ! Der Spruch in aller Herzen , und - das Vaterland ist ewig ! Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse gelegt . Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verödeten Wohnung , die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte , um . » ' s ist ' n hart Ding , ' s ist ' n hart Ding ! « sagte seufzend der Meister , und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter . » Es ist Zeit , Mann ! Faßt Euch ein Herz , geht Eurer Frau mit einem guten Beispiel voran . « » Der Totengräber hat versprochen , er will unseres Fritzen Hügel draußen nicht verrotten lassen ! « schluchzte die Frau . Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen , erhob sich aus seinem Hinbrüten und ging , seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse ; seine Frau weinte laut , brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im Fenster , legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den Arm , während sich die andern an ihre Schürze und ihren Rock hingen . Die Familie stieg die enge , schwarze Treppe , welche auf die Straße führte , hinauf - sie hatte ihren langen Weg begonnen ! Draußen wechselte Regen mit Sonnenschein , wie der April es mit sich brachte . Der Meister zog seinen Wagen voraus , wir andern folgten . Einen letzten Blick werft zurück in die enge , dunkle , arme Sperlingsgasse - ihr werdet wohl oft genug an sie denken - , und dann hinaus in die weite Welt , ihr Wanderer ! Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge . Ein letzter Händedruck , ein letzter Gruß ! Wer weiß , ob wir nicht noch einmal uns wiedersehen , Strobel ! Lebt wohl , lebt wohl ! - Und wieder einmal konnte ich einsam und allein zurückkehren , einsam und allein dies Blatt der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen . Am 1. Mai . Abend Ich saß heute nachmittag draußen im Park in den warmen Sonnenstrahlen , die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der höheren Bäume und durch das mit zartem , frischem Grün bedeckte niedere Gesträuch fielen . Kinder mit Sträußen von Frühlingsblumen zogen an mir vorüber : ein Maikäfer , mit einem Zwirnfaden am Bein , hing schlaftrunken an einem Zweige mir zur Seite , und ein stubengesichtiger junger Mann , dem ein Buch hinten aus der Rocktasche guckte , grub sorgsam eine Pflanze aus . Es war ein prächtiger Frühlingsnachmittag . Da begannen auf einmal in der Stadt die Glocken zu läuten , den morgenden Sonntag zu verkünden , und wieder schwebte , von den » Himmelstönen « getragen , eine süße Erinnerung heran . Es war auch ein erster Mai . Da war der Frühling gekommen mit jungem Grün , bauenden Schwalben und einem - Hochzeitstage in der alten , dunklen Sperlingsgasse . Sie hatten Blumen gestreut und mit Blumen und Laubkränzen die Pfosten umwunden : sie hatten Sonntagskleider angezogen in der Sperlingsgasse , und alle hatten fröhliche , fröhliche Gesichter . Und der Himmel war blau , und die Sonne schien strahlend durch den Efeu , welchen vor so langen Jahren Marie Ralff im Ulfeldener Walde ausgegraben hatte ; aber weder Himmelsblau noch Sonnenschein kamen an heiliger Reinheit dem Gesichtchen gleich , das sich an jenem ersten Mai an meine Schulter schmiegte und durch Tränen lächelnd zu mir aufschaute . Das Bild der Mutter sah aus seinem Rahmen und den Kränzen , die es heute umwanden , ebenfalls lächelnd auf uns herab . Lächeln , Lächeln überall ! Und als das junge Herzchen an meiner Brust pochte , auf der andern Seite Gustav mir den Arm um die Schulter legte , als Helene weinend der jungen Braut den Kranz in die Locken drückte , da war es mir , als sei nun ein lange dunkles Rätsel gelöst , und ich senkte das Haupt vor der geheimnisvollen Macht , welche die Geschicke lenkt und ein Auge hat für das Kind in der Wiege und die Nation im Todeskampf . Wie die Fäden laufen mußten , um hier in der armen Gasse sich zusamenzuschürzen zu einem neuen Bunde ! Wie so viele Herzen fast brechen wollten , um ein neues Glück aufsprießen zu lassen ! Das ist die große , ewige Melodie , welche der Weltgeist greift auf der Harfe des Lebens und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes , der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt . - Wir sprachen an jenem Tage nicht viel ! Das Glück ist stumm , und was die Liebe - die wahre Offenbarung Gottes - sich zuflüstert , hat noch kein Dichter auf Papyrus , Pergament oder Papier festgehalten . Die kleine Kirche war gar feierlich heilig , als der junge Maler - er dachte in dem Augenblick gewiß nicht an sein gefeiertes Bild : Milton , den Galilei im Gefängnis zu Rom besuchend - , als der junge Maler seine schöne Braut hineinführte an den geschmückten , lichterglänzenden Altar . Und niemand fehlte in dem Kreise teilnehmender Gesichter umher ! Da war das Atelier , da waren Elisens Freundinnen , da war vor allem die alte Martha und die Hausgenossenschaft und Nachbarschaft der Sperlingsgasse . Die Orgel begann den Choral - und die Jungfrau Elise Johanna Ralff und Herr Gustav Theodor Maximilian Berg wurden durch ein ganz leises , leises Ja und ein anderes viel lauteres auf eine gar verfängliche Frage Mann und Frau ! - Die Chronik der Gasse nähert sich ihrem Ende . Was sollte ich auch noch vieles erzählen ? Unsere Kinder sind glücklich in dem schönen Italien ; die alte Martha schläft nicht weit von Mariens Grabe auf dem Johanniskirchhofe : ich bin alt und grau . Wenn ein Paket von Rom gekommen ist , so gehe ich hinüber zu der freundlichen , schönen , weißhaarigen Frau , die da drüben in Nr. zwölf gewöhnlich strickend am Fenster sitzt , und unsere alten Herzen schlagen höher bei dem frischen Lebensglück , welches uns aus den engbeschriebenen Bogen entgegenleuchtet . Wir folgen den Kindern durch alle die alten und neuen Herrlichkeiten , wir stehen mit ihnen vor dem Laokoon , wir steigen mit ihnen zum Kapitol hinauf , unsere Schritte hallen an ihrer Seite in den Sälen des Vatikans , in den Loggien Raffaels wider . Wie eine reizende Märchenarabeske ist jeder Brief blauer Himmel und Sonne und ein fröhliches Lachen auf jeder Seite ! Es ist spät in der Nacht , als ich dieses schreibe ; tiefe Dunkelheit herrscht in der Gasse ; kein einziges erhelltes Fenster ist zu erblicken . Der einzige Laut , den ich vernehme , ist das Schlagen der Turmuhren oder der Pfiff des Nachtwächters . Da liegen alle die bekritzelten Bogen vor mir - bunt genug sehen sie aus ! - Was sollte ich noch viel hinzufügen ? Wenn die alten Chronikenschreiber ihre Aufzeichnungen bis zu ihren Tagen fortgeführt und ihr Werk beendet hatten , hefteten sie noch einige weiße Bogen hinten an , damit der künftige Besitzer die » wenigen « Ereignisse , welche vor dem Untergang der Welt noch geschehen würden , darauf nachtragen könne . Das nachzuahmen habe ich nicht im Sinn . Diese Erde wird sich noch lange drehen , in dieser engen Gasse wird noch manches Kind geboren werden , manche Leiche wird man hinaustragen und unter den letzteren vielleicht in nicht langer Zeit auch den , welchen sie Johannes Wachholder nannten . - Was die paar Tage , die mir noch übrig sind , bringen werden , will ich in Ruhe erwarten : viel Neues können sie mir nicht zeigen . - Ich öffne das Fenster und blicke in die dunkle , stille , warme Nacht hinaus . Hier und da flimmert ein einsamer Stern an der schwarzen Himmelsdecke . Wie feierlich der Glockenton in der Nacht klingt ! Zwölf Uhr . In wieviel Träume mag sich dieser Schall verschlingen ? Der grübelnde Gelehrte wird von seinem Buche verwirrt aufsehen , das junge Mädchen wird von Tanz- und Ballmusik träumen , der arme Kranke wird von dem kommenden Tage Genesung erflehen , die Mutter wird im Schlaf ihr kleines Kind fester an sich drücken , und der Herrscher , die Stirn wund vom Druck einer Krone des Zeitalters der Revolution , wird das Haupt in die Kissen senken und seufzen : Ein neuer Tag ! - Meine Lampe flackert und ist dem Erlöschen nahe . Mit müder Hand schließe ich das Fenster und schreibe diese letzten Zeilen nieder : Seid gegrüßt , alle ihr Herzen bei Tage und bei Nacht ; sei gegrüßt , du großes , träumendes Vaterland ; sei gegrüßt , du kleine , enge , dunkle Gasse ; sei gegrüßt , du große , schaffende Gewalt , die du die ewige Liebe bist ! - Amen ! Das sei das Ende der Chronik der Sperlingsgasse ! - -