beruhigte sich oder beschwichtigte wenigstens ihre Unruhe im Anschauen und Anschmiegen an ihren Freund . Er gefiel ihr gar zu gut ; er kam ihr so männlich vor und war unter dem zuversichtlichen Reden gleichsam gewachsen . » Nun hast du mein Herz und meine Hand und meinen Eid « , fuhr er fort . » Jetzt mußt du mir aber auch versprechen , daß du mir treu sein willst , denn ich muß dir nur gestehen , das Rumschwanzen und Lustigtun mit den ledigen Burschen auf ' m Tanzboden , das muß jetzt ein End haben , und die Husarentänz im Karz stehen mir auch nicht an . « » Was , Husarentänz ? Ich weiß nicht , was du willst . Seit wir nicht mehr gut miteinander gestanden sind , bin ich gar nicht in Karz kommen , und daß ich selbigsmal auf den Tanzboden gangen bin , das hätt dir doch dein Herz sagen sollen , warum das geschehen ist . « » Du hast ja aber gar nichts mit mir gemacht . « » Hätt ich kommen und vor dich hinknien sollen ? « » Aber gelacht und geschwätzt hast mit den andern , wie wenn ich gar nicht da wär . « » Ich hab doch nicht schreien und heulen können , wiewohl mir das nah genug gewesen ist ; es ist mir schwer ankommen , mich so zu verstellen , nachdem ich hingangen bin , bloß um dich zu sehen , und du gar nichts von mir gewollt hast . « » Und unter den Karzgängerinnen , die gestraft worden sind , bist du nicht ? « Sie wußte von nichts . Er mußte ihr den Vorgang erzählen . In ihrem abgelegenen Häuschen hatte sie von der Geschichte gar nichts gehört . » Jetzt ist ' s recht « , sagte er lachend . » Aber jetzt möcht ich erst einmal den Husarentanz von dir sehen . Wie , mach mir ihn einmal vor . « Sie sah ihn mit großen Augen an . » Sag das nicht noch einmal « , entgegnete sie ernsthaft . » Es wär mir leid , wenn ' s dein Ernst wär ! « » Nein « , sagte er und nahm sie in die Arme , » ich hab dich bloß ein wenig necken wollen . Ich hab dich lieb und wert , und verlaß dich drauf , daß ich dich immer in Ehren halten werd . Aber das mit den ledigen Buben , das hast du mir noch nicht versprochen . « » Du wirst mich noch bös machen ! « sagte sie . » Was will ich von den ledigen Buben ! Aber ich will dir ' s schwören , damit die arm Seel Ruh hat . Da , sieh , ich schwör ' s ! Und jetzt wollen wir sehen , wer seinen Eid am längsten hält , du oder ich . « Auch er gab sich nun seinerseits zufrieden . Sie plauderten zutraulich miteinander und malten sich ihr künftiges häusliches Leben aus , wobei es nicht an Scherzen und Neckereien fehlte . Während sie so Arm in Arm in der Stube herumgingen , rief Christine auf einmal : » Hu , wie kalt geht ' s an mich hin ! Was ist denn das ? « Auch er empfand jetzt den kalten Luftstrom , und beide untersuchten , woher derselbe komme . Eine von den runden Fensterscheiben fehlte , und durch die offene Lücke drang die kalte Winterluft ins Zimmer . » Das ist vorhin nicht gewesen ! « rief Christine erbleichend . » Sieh nur , da liegen die Glasscherben auf der Bank ! Herr Jesus , da ist jemand vor dem Fenster gewesen und hat uns zum Schabernack die Scheib eingedrückt . Ich hab doch nichts gehört . « » Ich auch nicht « , sagte er , den Tatbestand in stummer Bestürzung prüfend . » Wir sind verraten ! « rief sie weinend und verbarg das Gesicht an seiner Brust . » Sei ruhig , der Wind wird ' s getan haben « , sagte er ; aber er selbst war keineswegs so ruhig , als er schien , denn er hatte noch eine andere Entdeckung gemacht , die Christinens Argwohn nur zu sehr bestätigte . Auf den Staffeln der Außenseite waren im Schnee frische , scharfe Fußstapfen wahrzunehmen . Dies konnten nicht seine eigenen sein ; denn zur Zeit seines Kommens hatte es ziemlich stark geschneit , und seine Tritte mußten daher bald wieder verwischt worden sein . Es war ihm kaum zweifelhaft mehr , daß , nachdem es zu schneien aufgehört , jemand sich die Stiege heraufgeschlichen und die Scheibe eingedrückt habe , worauf der Täter , wahrscheinlich in der Meinung , durch das Klirren der Gläser in der Stube einen Schreck erregt zu haben , schnell wieder entflohen war . Von dieser Wahrnehmung aber teilte er Christinen nichts mit ; vielmehr suchte er sie , als sie ihn darauf aufmerksam machte , daß ja gar kein Wind gehe , auf den Glauben zu bringen , die Katze werde es getan und vielleicht von außen durch das Fenster hereingewollt haben . Dies war jedenfalls ein annehmbarer Grund , wenn die Eltern bei ihrer Heimkunft der Sache nachfragten , und er hieß sie inzwischen das Loch mit einem Tuch verstopfen . Sie waren noch im Reden und Raten über den Vorgang begriffen , und Christine hatte ihre Verstörung noch keineswegs überwunden , als die große Glocke auf dem Turme anschlug . » Horch , die Betglock ! « rief sie , » die Kirch ist aus , jetzt mach , daß du fortkommst ! « Sie küßten und herzten einander , während Christine ihn beständig forttrieb . » Heut abend kommen wir zusammen , nicht wahr ? « sagte er . » Ja , sobald meine Leut im Bett sind , und das ist ziemlich früh . « » Ich treff dich hinterm Haus , und dann spazieren wir ins Feld . Der Boden ist mit lauter Zucker bestreut . Meinst nicht , es werd dir zu kalt sein ? « » Mich friert ' s nicht , wenn ich bei dir bin , aber jetzt mach dich fort . « Sie wollte ihn bereden , das Haus durch die hintere Türe zu verlassen . » Nein « , sagte er , » vorn , wo ich herein bin , da will ich auch wieder hinaus . Ich red ohnehin nächster Tag ganz frei und offen mit deinen Eltern . « » Laß es nur noch ein wenig anstehen « , sagte sie , » es ist mir so angst . « » Und wenn sie fragen , ob jemand unter der Kirch bei dir gewesen sei , so sagst ohne weiteres ja , ich sei dagewesen . « Sie versprach alles und trieb ihn wiederholt zur Eile an , so daß er , als sie sich voneinander losrissen , noch lange nicht genug geküßt zu haben meinte . Er hatte seinen guten Grund , das Haus auf der Vorderseite zu verlassen . Es sollten nicht doppelte Fußstapfen hinterbleiben , die vielleicht ein endloses Gewirr von Vermutungen wachgerufen haben würden . Er trat sorgfältig in die vorhandenen Spuren und folgte ihnen , um auf diese Weise etwa herauszubringen , wer vor dem Fenster gewesen sein möchte . Die Spuren führten an den äußersten Häusern des Fleckens hin und dann kreuz und quer durch einige Gäßchen , wo sie sich aber bald mit anderen Fußstapfen vermischten . Er mußte seine Nachforschung als fruchtlos erkennen und ging kopfschüttelnd seines Weges . Die Leute kamen eben aus der Kirche . Er konnte es nicht vermeiden , manchem verwunderten und neugierigen Blick zu begegnen ; da er sich aber ruhig in den Zug mischte , so brachte dies viele , die sich mehr mit Anhörung der Predigt als mit Musterung der Zuhörer beschäftigt hatten , auf den Glauben , daß er gleichfalls aus der Kirche komme . 10 In der Sonne wurde der Neujahrstag mit einem Familienessen gefeiert . Die beiden Schwiegersöhne hatten sich mit ihren Frauen nach der Kirche zur Gratulation eingefunden und blieben nach hergebrachter Weise zu Tische da . Als Friedrich nach Hause kam , fand er schon die ganze Familie versammelt . » Da muß irgendwo ein Rädle gebrochen sein « , dachte er , denn der Empfang war in der Tat ein sehr wunderlicher . Der Chirurg wußte seinem Gesicht einen gewissen verlegenen Ausdruck zu geben ; der Handelsmann , ein kugelrundes Figürchen in hellgelbem Rock , himmelblauer Weste und mit lang herabfallenden weißen Halstuchzipfeln , drückte seine kleinen Äuglein listig zusammen und ließ dabei die vorspringenden wulstigen Lippen offenstehen , so daß sie gleichsam einen stummen , aber sichtbaren Seufzer eines ehrbaren Verwerfungsurteils bildeten ; die beiden Frauen schlugen die Augen nieder und schienen sich kaum entschließen zu können , dem Bruder die Hand zu geben , als dieser mit einem treuherzigen » Prosit ' s Neujahr ! « auf sie zugegangen kam . Der Sonnenwirt sah dieser gezwungenen Begrüßung etwas verwundert zu ; er kannte augenscheinlich den Grund derselben noch nicht , mochte aber denken , sein Sohn werde es bei der Verwandtschaft durch irgendein nicht gar zu bedeutendes Ungeschick verschüttet haben ; wenigstens ließ er das , was vor seinen Augen vorging , geschehen , ohne sich mit Fragen darein zu mischen . Friedrich aber hatte sogleich an dem zuverlässigsten Wetterglase erkannt , daß etwas Schweres gegen ihn im Werke sein müsse , nämlich an dem gelben Gesichte seiner Stiefmutter , welchem ein offener triumphierender Hohn eine Art von Blüte verlieh . Es war ihm übrigens jede Verlegenheit erspart , denn die Kinder des Krämers , die dieser mitgebracht hatte , deckten mit ihrem jubelnden Empfange alle Lücken in der Liebe der Erwachsenen zu : sie hatten dem Großvater geschriebene Neujahrswünsche überreicht und als Gegengeschenk neue Kreuzer nebst mürbem Gebäck erhalten ; jetzt sprangen sie im vollen Jubel ihres Glückes an dem kinderfreundlichen jungen Oheim empor und nahmen ihn in Beschlag , bis das Essen aufgetragen war . Solange das Gesinde , das diesmal an einem besonderen Tische speiste , sich in der Stube befand , wurde von der Witterung und von der heutigen Predigt gesprochen , welche sich der mit einem guten Gedächtnis begabte Chirurg sehr ausführlich anzueignen gewußt hatte . Nachdem aber Knechte und Mägde sich entfernt und auch die Kinder auf Befehl ihres Vaters , jedes ein Stückchen Kuchen in der Hand , die Stube verlassen hatten , begann dieser mit mutwilligem Blinzeln : » Ist der Schwager heut auch in der Kirche gewesen ? « Friedrich wurde rot . » Ich hab Gott anders gedient « , sagte er . » Vielleicht zu Haus eine schöne Predigt gelesen oder ein Stück in Arndts Wahrem Christentum ? « Friedrich schwieg , der inquisitorische Ton , aus welchem eine geheime Bosheit sprach , machte ihm das Blut , aber jetzt nicht aus Scham , nach dem Kopfe steigen . Der Sonnenwirt , der noch mächtig am Braten arbeitete , hielt einen Augenblick inne , um zu schauen , wo die Sache hinaus wolle , und sah bald den Tochtermann , bald den Sohn mit fragenden Blicken an . Die Sonnenwirtin hatte dem ersteren , der den Laufgraben mit so viel Geschick eröffnet , einen Blick der Zufriedenheit zugeworfen . Nun rückte sie selbst ins Feld , um ihm zu Hilfe zu kommen . » Wenn er ' s nicht sagen will , wo er gewesen ist , so muß ich das Maul für ihn auftun « , sagte sie . » Des Hirschbauern seiner Jungfer Tochter hat er den Morgensegen vorgebetet , just unter der Kirch . Nun gibt ' s zwar Freigeister , die alles auf die leicht Achsel nehmen - ( dabei ließ sie einen Blick an ihrem Manne hinstreifen ) - und Spülwasser löscht auch den Durst , wie das Sprichwort sagt ; aber noch sagen , man hab Gott gedient , das ist eine Sünd , die unser Herrgott gewißlich zu den anderen Missetaten mit aufhaspeln wird . Ich hab mich ' s von deinem Hab und Gut kosten lassen « , setzte sie gegen ihren Mann hinzu , » daß die Person , von der ich die Sach weiß , nichts weiter sagt , damit ' s nicht vor den Pfarrer kommt , was dein christlich gesinnter Sohn unter Gottesdienst versteht . « Der Krämer kicherte und riß einige Witze , die Friedrich beinahe außer sich brachten ; aber er schwieg noch , denn die plötzliche Entdeckung , daß er nicht bloß , wie ihm schon zuvor klar gewesen , verraten , sondern daß sein Geheimnis in die schlimmsten Hände überliefert sei , hatte ihn etwas seiner Fassung beraubt . » Wer hat dir denn die Sach hinterbracht ? « fragte der Sonnenwirt seine Frau . » Das darf ich nicht sagen « , antwortete sie , » ich hab Stillschweigen angeloben müssen , kannst dir wohl denken warum , aber die Person ist zuverlässig . « » Und doch möcht ich raten « , sagte der Chirurg mit einem wohlwollenden Blicke auf seinen jungen Schwager , » solchen unbekannten Personen nicht allzuviel zu trauen . Man muß einen nicht gleich auf eine bloße Delation hin verdammen . « - Der Chirurg war weltklug : er wollte es mit der angegriffenen Partei nicht verderben ; auch hatte er , seit sein Ziel erreicht war , seiner Schwiegermutter mehrfach gezeigt , daß er nicht ganz und gar in ihr Hörnlein zu blasen gesonnen sei . Dabei mochte er ein wenig von der Abneigung seiner Frau angesteckt worden sein , gegen welche er sich oft über die Unselbständigkeit und Untertänigkeit des Krämers lustig machte . Die Sonnenwirtin hatte inzwischen in dem Gesichte ihres Stiefsohnes gelesen . » Was brauchen wir weiter Zeugnis ? « rief sie . » Er leugnet ' s ja selber nicht , daß er sich mit dem schlechten Mensch eingelassen hat . « Der Sonnenwirt hatte eben die Gabel mit einem Stücke Braten erhoben ; es war aber in Gottes Ratschluß vorgesehen , daß er dasselbe nicht in den Mund bringen sollte , denn Friedrich fuhr auf , durch das böse Wort aus seiner Befangenheit herausgerissen , und rief : » Über mich kann man sagen , was man will , das will ich alles geduldig tragen , aber auf das Mädle laß ich nichts kommen , denn das Mädle ist brav , und wer schlecht von ihr reden will , der kann sich vor mir in acht nehmen ; ich leid ' s von niemand , selbst von Vater und Mutter nicht ! Es ist mir leid , Vater , daß die Sach so vor Euch gebracht worden ist , denn ich hab ' s ganz anders fürgehabt , wie Ihr Euch wohl selber einbilden könnt . Aber nun es einmal ohne meine Schuld heraus ist , will ich ' s Euch frei bekennen : das Mädle ist mein Schatz , und ich hab ' s treulich und ehrlich mit ihr und will keine andere heiraten als das Christinele allein . Ich hab mir Eure Einwilligung zu einer gelegeneren Zeit erbitten wollen , aber jetzt ist eben die Gelegenheit vom Zaun gebrochen . « Ein starres , sprachloses Staunen hatte sich der Familie auf dieses unumwundene Geständnis bemächtigt ; der Sonnenwirt hatte die Gabel mit dem Braten auf das Tischtuch fallen lassen , wo sie , über den Rand hinausragend , keinen Halt fand und , der Sonnenwirtin unterwegs das Taffetkleid beschmutzend , ihren Fall auf den Boden fortsetzte . Die Anstifterin des Auftrittes konnte deshalb an dem ersten Geräusche der Explosion keinen Anteil nehmen ; sie schoß mit einem wütenden Blicke auf ihren ungeschickten Eheherrn hinaus , um die Flecken an ihrem Kleide womöglich zu vertilgen . Nachdem die bestürzten Geister sich wieder etwas gesammelt hatten , machten sich die Gefühle über das unerhörte Unterfangen des jungen Menschen in verschiedener Weise Luft . Der Krämer stieß ein schrillendes Gelächter aus , das dem Geheul eines jungen Hundes nicht unähnlich klang , und seine kleinen Äuglein verschwanden in den Fettbergen , womit sie umgeben waren . Seine Frau , Friedrichs älteste Schwester , schlug die Hände über dem Kopf zusammen und lamentierte . Der Chirurgus bewegte den seinigen gravitätisch hin und her und begnügte sich , durch die stumme Gebärde seine ernste , aber unvorgreifliche Mißbilligung an den Tag zu legen , während seine Frau schmerzlich ausrief : » Ach Bruder , wirst denn gar nie gescheit werden ? « Der Sonnenwirt hatte gleichfalls einige Zeit gebraucht , um aus einer Art von Erstarrung zu sich zu kommen . Als er sich erholt hatte , streckte er den Finger gebieterisch gegen seinen Sohn aus . » Laß dir im Hirn verganten ! « rief er , » vor allem aber reis dich , daß ich dich heut nicht mehr sehen muß , und hörst ? komm mir ein paar ganze Tag gar nicht vors Angesicht . « Friedrich stand gelassen auf , um dem Gebote seines Vaters zu gehorchen . » Ihr werdet noch besser von der Sach denken lernen , Vater « , sagte er , indem er sich zum Gehen anschickte . » Still ! « rief der Alte , » sei ganz still , red gar nichts , denn jedes Wort , das aus deinem Munde geht , ist ein Nagel zu meinem Sarg . « Der Sohn schwieg und ging schnell zur Türe hinaus . » Es ist doch schrecklich « , jammerte die Krämerin , » daß sich der Bub gar nicht geben will . Kaum meint man , man hab ihn auf dem rechten Weg , so kommt wieder ein ärgerer Streich . « » Ja « , sagte der Krämer , » das gäb eine Eh , die man aus dem Heiligen verhalten müßt . « » Freilich , wie die Lumpensippschaft , aus der das liederlich Ding abstammt « , ergänzte seine Frau . » Ach Gott , ich will ihr ja sonst weiter nichts nachgered ' t haben « , sagte ihre jüngere Schwester , die sich zur Heirat mit dem Chirurgen bequemt hatte , » aber sie hat eben gar nichts als ' n Gott und ' n Rock . « » Eine schöne Partie für uns ! « rief die Krämerin . » Der Bub ist einmal im Kopf nicht richtig . Bei seiner Tauf ist der vorig Amtmann zu Gevatter gestanden , und jetzt will er uns ein solches Bauernmensch in die Familie bringen . « » Ich möcht nur wissen , mit was sie ihm ' s angetan hat ! « seufzte die Chirurgin , die bisher seine Lieblingsschwester gewesen war . » Pah ! « lachte der Krämer , » sie handelt mit kurzer War , und da beißt so ein Unverstand gleich an . « » Ja « , sagte seine Frau , » Schwarz ist auch eine Farb . « » Für den Liebhaber ! « fiel die Sonnenwirtin ein , die eben wieder in die Stube getreten war . » Der Geschmack verbirgt sich nicht . Es heißt nicht umsonst : Sage mir , mit wem du umgehst , so will ich dir sagen , wer du bist . Diese Liebschaft bringt ' s einmal recht an den Tag . Da kann man wohl auch sagen : Hudel find ' t Lumpen , Hutsch find ' t sein Hätsch . « Der Sonnenwirt , dem es bei all seinem eigenen Verdrusse doch durch die Seele schnitt , seine Frau in seiner Gegenwart so von seinem Sohne reden zu hören , sagte unmutig zu ihr : » Das Zeugnis muß ich dir geben , daß du mir da ein schönes Zugemüs angerichtet hast . Hättest ' s nicht besser anbringen können , als just überm Essen . Wem du den Neujahrsschmaus bereitest , von dem darfst nicht fürchten , daß er nichts übriglassen werde . « » Da muß ich freilich sehr um Verzeihung bitten « , entgegnete sie , » wenn ich gewußt hätt , daß dir das Essen wichtiger ist als der Lebenswandel deines Sohnes , so hätt ich geschwiegen ; aber ich hab eben gemeint , ich müss ' reden , solang ' s noch Zeit ist und eh er vollends ganz in den Abgrund taumelt . Wiewohl , ich hab ' s auch früher nicht an Ermahnungen fehlen lassen , und die Sach ist dir schon lang sehr nah gelegen ; wenn ' s ein Wolf gewesen wär , er hätt dich gefressen . « Der Sonnenwirt trommelte am Fenster . » Hab ich mir denken können « , schnauzte er nach einer Weile herum , » daß der Bub so aus der Art schlagen und mit der dummen Liebschaft Ernst machen würd ? Jetzt muß man freilich mit ihm Ernst machen « , fuhr er gegen den Chirurgen fort , dem er noch am liebsten ein Wort gönnen mochte , » und wenn man zu den schärfsten Mitteln greifen müßt , so ist das Unglück nicht so groß , als wenn man der Sach den Lauf läßt . Hier muß man mit der Katz durch den Bach . « Der Chirurgus , der bis jetzt das Reden den andern überlassen und sich dadurch seine Meinung freibehalten hatte , räusperte sich und erwiderte : » Das ist gar kein Zweifel , Herr Vater , diese Liebschaft ist ein Übel , eine Art Geschwür , das man um keinen Preis aufkommen lassen und im Notfall mit Schneiden oder Brennen beseitigen müßte . Jedennoch möcht ich unmaßgeblich raten , nicht allsofort zum Äußersten zu schreiten , sondern erst gelindere und womöglich auflösende Mittel zu versuchen . Der Schwager ist zwar - hm , hm - kann ' s nicht in Abrede ziehen - er ist ein wenig ein Springinsfeld , aber er hat doch , mit Salvenia zu reden , kein so ungattiges Temperament , daß man gleich die Beinsäge bei ihm in Anwendung bringen muß . Ich schmeichle mir , bereits eine Arznei ausfindig gemacht zu haben , welche sich als probat erweisen dürfte . Für jetzt wäre es wohl nicht angemessen , den Herrn Vater länger mit dem faulen Handel zu behelligen , der , wie ich zu sagen mir erlauben muß , nicht zu ganz richtiger Zeit an ihn gebracht worden ist ; denn bei Reden und Mitteilungen , insonderheit wenn ihnen etwas Bitteres beigemischt ist , sollte man , wie bei den Latwergen aus der Apotheke , immer die passende Stunde beobachten . Zur Essenszeit beigebracht aber kann eine unverhoffte und widrige Nachricht leicht eine Indigestion effektuieren , woraus dann , je nach Beschaffenheit der Leibeskonstitution , vielfache Infirmitäten fließen können . Aus diesem Grunde würde ich dem Herrn Vater raten , sich jetzo eine kleine Bewegung in der frischen Luft zu machen , damit die etwas gestörten Lebensgeister wieder erwecket werden . Was aber den Schwager anbelangt , so muß man ihn mehr wie einen Patienten , denn wie einen Delinquenten ansehen , und wenn man den rechten Punkt bei ihm trifft , so hoffe ich , er werde noch zu kurieren sein . Man muß ihn nicht ganz wegwerfen . « » Ja « , setzte seine Frau mit einem Seitenblick auf die Krämerin hinzu , » und seine Schwestern sollten ' s doch nicht so leicht vergessen , wie er sich ihrer angenommen hat und ihnen immer ein guter Bruder gewesen ist . « Die Sonnenwirtin hatte die anzüglichen Bemerkungen ihres abtrünnigen Tochtermannes mit einem giftigen Lächeln verschluckt und einen Blick mit dem Krämer zu wechseln versucht , der aber , in der Erkenntnis , daß er es aus zu großer Dienstbarkeit gegen die Schwiegermutter mit dem Schwiegervater verschüttet habe , die Augen verlegen zu Boden schlug . Als jedoch ihre Stieftochter daran zu erinnern wagte , daß Friedrich seine Schwestern gegen sie in Schutz genommen , fuhr sie auf . » So ? « rief sie , » das soll ihm noch als eine Tugend angerechnet werden , daß er den häuslichen Frieden untergraben hat und Hader angestiftet und hat seine ruchlose Hand gegen seine Mutter aufgehoben ? Und darob lobt man mir ihn ins Gesicht , wie wenn ich nicht die Frau im Haus mehr wär ? « » Still jetzt ! « rief der Sonnenwirt auf den Tisch schlagend , » ich hab genug an dem Neujahrsschmaus , will nicht auch noch einen Nachtisch dazu ! « Die Familie ging mit einem sauren Abschied auseinander . Der Sonnenwirt lehnte eine Einladung des Krämers ziemlich trocken ab , nahm seinen Hut und schloß sich im Weggehen dem Chirurgen an , der ihn ins Freie zu begleiten versprach . 11 Abends zur verabredeten Zeit traf Friedrich , mit Christinen zusammen . » Hat ' s was gegeben ? « fragte er . Sie verneinte es . » Bei mir hat ' s schon eingeschlagen ! « sagte er und erzählte ihr den Auftritt , den es über Mittag abgesetzt hatte , wobei er jedoch die grellen Farben desselben sehr zu mildern Sorge trug . Christine weinte und sagte : » Ich hab ' s wohl vorausgesehen , daß ich den Deinigen nicht recht sein werd . Ach Frieder , wie wird ' s mir gehen ? Da liegen viel Berg und Täler dazwischen , bis wir zwei zusammenkommen . « » Reut ' s dich ? « fragte er . » Mich reut ' s nicht . « » Solang du so gegen mich bist , wie jetzt , reut ' s mich auch nicht . Aber wir werden eben viel zu leiden haben miteinander , das gibt schon der Anfang . Es ist kein gut ' s Zeichen , daß es uns gleich am ersten Tag so hinderlich gehen muß . Ich möcht nur auch wissen , was für ein Neidhammel uns bei deiner Mutter verraten hat . « » Das möcht ich auch herausbringen « , sagte er . » Hat dich vielleicht einer von den ledigen Buben gesehen gestern nacht , wie du den Brief ins Beckenhaus tragen hast ? « » Mit deinen ledigen Buben ! « spottete sie . » Du meinst immer , das ganz ledig Mannsvolk sei hinter mir auf dem Strich . « » Ich sag ' s nicht aus Eifersucht « , entgegnete er . » Aber es ist ja wohl möglich , daß dich einer auskundschaftet hat und hat dich vielleicht mit mir reden sehen . Du sagst ja selber , der Neid werd ihn getrieben haben . « » Ich bin keinem begegnet « , sagte Christine , » und wenn mich je einer gesehen hätt , hätt er mich nicht erkannt , so flink bin ich gewesen . Nur einer fällt mir ein , der hat mir ins Gesicht gesehen und könnt mich möglicherweis erkannt haben . Den rechnet man aber kaum zu den ledigen Buben , und er wird dich nicht eifersüchtig machen . Der Fischerhanne ist ' s gewesen ; der ist vor seinem Haus gestanden und hat , scheint ' s , auf das Schießen gehorcht , hat aber dabei geschnattert vor Kälte . « » Der Fischerhanne ! « rief Friedrich . » Jetzt weiß ich , wo ich dran bin . Der weißblütig Neidteufel hat mich von jeher verfolgt . Da ist gar kein Zweifel , der ist dir gestern nacht nachgeschlichen - wenn ihn nur der Mordschlag troffen hätt ! - und hat auch heut meinem Gang nachgeforscht . Dem möcht ich jetzt für die zerbrochene Scheib eins von seinen Gesichtsfenstern ausstoßen oder ein Eck von seinem siebeneckigen Kopf wegschlagen . « » Nein , du wilder , gewalttätiger Bub ! « sagte Christine , » laß du ihn lieber in Frieden , sonst würdest nur aus Übel Ärger machen . « » Es ist auch wahr « , erwiderte er . » Und zudem , seit du mein bist , ist mir ' s so wohl , daß ich der ganzen Welt in Fried und Freundschaft die Hand geben möcht . Ich muß mich eigentlich zwingen , dem Fischerhanne gram zu sein , wie er ' s ja doch verdient . Auch meinem Vater hab ich heut kein bös Wort geben können , wiewohl ' s nicht recht von ihm ist , daß er sich gegen unser Verhältnis hat einnehmen lassen und hat mich gar nicht anhören wollen . « » Bleib du immer so « , sagte Christine , » und wie du lieb gegen mich bist , so sei ' s auch gegen deine Nebenmenschen . Wir müssen die Hindernisse , die man uns in den Weg wirft , durch Liebe zu überwinden suchen . « » Aber dem Racker tu ich doch noch einmal einen Tuck « , bemerkte Friedrich . » Es gibt Menschen , mit denen man in Liebe und Güte nicht fertig wird , sonst fressen sie einen aufm Sauerkraut . « » Du solltest eher auf das denken , wie du ihn gewinnst , damit er uns nicht weiter verschwätzt . « » Dafür ist schon gesorgt : meine Frau Mutter hat zu verstehen gegeben , sie hab ihn abgefunden , damit er dem Pfarrer nichts zutrage . Der schreit schon , wenn einer am Sonntag eine Bettlad anstreicht . Wie würd er erst einen Lärm machen , wenn er erführe , was wir für einen Gottesdienst miteinander gehalten haben . « » Red doch nicht so gottlos heraus ! « unterbrach ihn Christine . » Es ist ja eine Sünd und eine Schand , wie du schwätzt ! « » Was ? Wenn ein Bub sein Mädle in Arm nimmt , die unser Herrgott füreinander geschaffen hat ? Da müßtest du ja Reu und Leid tragen für jeden Kuß , den du mir heut unter der Kirch geben hast ! « » Ach , Gott verzeih mir ' s ! Ich hab