mich deines Ausdrucks zu bedienen ? « » Nun , wahrscheinlich du . « » Und wenn dir nun meine Dressur zuwider ist , warum übernimmst du nicht einmal diese Mühe ? Es wäre doch wahrhaftig deine Pflicht als Mutter , die Kinder zu unterweisen . - Aber , « setzte er achselzuckend hinzu , » dann müßtest du sie freilich ein paar Stunden des Tages um dich haben , und das wäre zu viel verlangt . « » Ich sehe die Kinder , so oft es nothwendig ist , « entgegnete Madame gereizt . » Heute Morgen schien es dir also noch nicht nothwendig , denn wie mir Anna sagte , hast du noch nicht ein einziges Wörtchen zu ihr gesprochen . - O Bertha ! Bertha ! « setzte er mit weicherer Stimme hinzu , » es ist fast schon die Hälfte des Tages vorüber und du hast deine Kinder noch gar nicht gesehen . Ich muß dir gestehen , ich begreife das nicht , mir ist es am Morgen der süßeste und liebste Anblick , wenn ich die lieben und unschuldigen Gesichtchen sehe . « » Ha ! ha ! ha ! « lachte Madame überlaut , » natürlicher Weise dein süßester Augenblick , du hast mich ja vorher gesehen , und darauf brauchst du begreiflich eine Erholung . - Aber der kleinen Katze , « fuhr sie fort und nickte heftig mit dem Kopfe , » werde ich ' s doch noch ernstlich und fühlbar vertreiben , beständig meine Angeberin zu machen . - Ein anderer Mann freilich würde auf das Gerede der Kinder nichts geben , aber du bist glückselig , sobald es dir gelungen ist , eine Gelegenheit zum Zanken vom Zaune zu brechen . « » Hat das Kind Unwahrheit gesprochen , hast du ihm vielleicht schon heute Morgen ein freundliches Wort gesagt ? « Es erfolgte wieder einmal keine Antwort , vielmehr schlug Madame eifrig ein paar Blätter des Buches um . Der junge Mann wiederholte gelassen seine Frage zwei bis dreimal , dann schwoll aber die Ader seiner Stirne und er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne . » Du wirfst mir immer vor , « sagte er endlich mit gepreßter Stimme , » ich bräche die Gelegenheit , mit dir zu zanken vom Zaune . Daß es Zank und Streit in diesem Hause genug gibt , es ist nur zu wahr ; der Friede ist leider aus diesen Gemächern und hier aus diesem Herzen gewichen , aber freilich nicht meine Anhänglichkeit an dich , meine innige Liebe zu den Kindern . « Madame zuckte verächtlich mit den Achseln . » Diese Anhänglichkeit und Liebe , « fuhr er mit erhöhter Stimme fort , » halten mich wie Ketten an dich , an dies Haus , das mir schon oft zur Hölle , zu einem Orte der fürchterlichsten Marter geworden ist . Dafür sind es aber auch wirkliche Ketten , die ich tragen muß ; ich bin leider nicht Mann genug , sie zu brechen , und sie machen mich zum Sklaven deiner Laune , die fürchterlich unerträglich ist . « Madame blickte finster in die Höhe . » Ich habe gesagt , deiner Laune , denn ich will dir zu meiner eigenen Beruhigung nicht einmal wirkliche Fehler zuschreiben , sondern es sollen meinetwegen nur Launen sein , die dich veranlassen , deine Kinder den Dienstboten zu überlassen , und wenn ich , dein Mann , mich über die Nachlässigkeit deiner Dienstboten beklage , ihnen noch Recht zu geben . - Es soll Laune sein , Bertha , wenn deine fürchterliche Gleichgültigkeit gegen Alles , was mir , den Kindern im Hause geschieht , mich zur Verzweiflung bringt . Es soll Laune sein , wenn aus deinem Munde Tage , Wochen lang kein angenehmes , liebreiches Wort kommt , wenn du Alles mit verdrießlichem , moquantem Blick betrachtest , wenn dich im reichsten Sonnenscheine des Lebens jener Glanz nicht freut , der dich umgibt , sondern dich jede Fliege ärgert , die um dich summt , wenn du das tausendfach Gute und Schöne , was dir Gott verliehen , nicht sehen willst , und du dagegen emsig nach einer kleinen Wolke spähst , damit du einen Vorwand hast , mir ein verdrießliches Gesicht zu machen . « » Phrasen ! Phrasen ! unausstehliche Phrasen ! « entgegnete achselzuckend Madame , » Reden ? die ich schon zum Uederdruß gehört . « » Und ich nenne ferner Laune , « fuhr unerschütterlich der Gemahl fort , » wenn du - ja , ich will sagen - eine junge schöne Frau , die in der Nettigkeit ihres Anzugs dem ganzen Hause ein Muster geben sollte , um eilf Uhr Morgens so erscheinst - - - wie du hier vor mir sitzest . « Einen Augenblick schien Madame über diese letzte Rede , wie sie es schon einige Mal vorher gethan , mitleidig lächeln zu wollen . Doch warf sie verstohlen einen Blick in den Spiegel , und da sie vielleicht finden mochte , daß ihr Gemahl nicht so ganz Unrecht , ja vielmehr vollkommen Recht habe , so flog eine tiefe Röthe über ihr Gesicht , sie preßte die Lippen heftig auf einander und öffnete sie alsdann wieder , als wolle sie etwas zornig erwidern , doch siegte ihr angebornes Phlegma , jene Gleichgültigkeit , von der ihr Mann sagte , daß sie ihn zur Verzweiflung brächte , über diese Aufwallung . Sie warf ihm einen finsteren , verdrießlichen Blick zu , dann senkte sie den Kopf auf ihr Buch herab und vergrub sich tief in den Fauteuil . Der junge Mann war , wie er vorhin sagte , in der That der Sklave seiner Frau ; und seine Sklaverei war von der härtesten Art. Hätte er ihr Gemüth besessen , hätte er Gleichgültigkeit mit Gleichgültigkeit erwiedern können , so würden die Beiden eine Ehe geführt haben , wie leider so viele andere . Ja , oder wäre sie bei seinen Reden ebenfalls heftig geworden , hätte ihr volles Herz ausgesprochen , hätte ihre Ansichten , ihre Ideen , ihre Gründe für dies und das mitgetheilt , so wäre nach einem kleinen , oft wohlthätigen Sturme Alles wieder im gleichen Geleise gegangen . Da sie aber das nicht that , da sie bei jeder Veranlassung die Gekränkte und Mißhandelte spielte , wenn er , ein offener , ehrlicher Charakter , ein rasches Wort dazwischen warf , und da sie dies Spiel mit außerordentlicher Gewandtheit fortsetzte - es war auch wohl ihr wirkliches Gefühl - so glaubte er am Ende fast beständig , er sei zu weit gegangen , und hot also wieder die Hand zur Versöhnung . Auch heute ging er , die Hände auf den Rücken gelegt , eine Zeit lang unmuthig auf und ab , wobei er es aber nicht unterlassen konnte , von Zeit zu Zeit einen Blick nach seiner Frau zu werfen und dann jedesmal zusammen zuckte , wenn sie so ruhig und theilnahmlos in ihrem Buche weiter las . » Ah ! Bertha , « sagte er endlich nach einem längeren Stillschweigen , » es kann wahrhaftig nicht so fortdauern , das mußt du einsehen . Glaube mir , unser ganzes Hauswesen geht dabei zu Grunde . « Es erfolgte natürlicher Weise keine Antwort . » Unsere Kinder , die armen , kleinen , lieben Kinder leiden sehr darunter Noth , wenn du , ihre Mutter , dich nicht um sie bekümmerst . « Keine Antwort . » Es sollte dir ja ein Vergnügen sein , « fuhr er zitternd vor Aufregung und doch mit erzwungener Ruhe fort , » ihre kleinen Spiele zu überwachen , sie zu beaufsichtigen , oder wenn du das nicht willst , nur deinen Dienstboten einzuschärfen , daß sie ihre Pflicht thun . Es ist das ja eine Kleinigkeit . « Madame schien eifrig und mit großer Aufmerksamkeit zu lesen . » Ueberhaupt , « fuhr er wärmer fort , » wäre es deine Pflicht und Schuldigkeit , nach deinem Hauswesen , deinen Dienstboten zu sehen ; ich will dir ja gewiß nicht verwehren , zu thun , was jede Frau deines Standes thun darf : Besuche zu machen , zu lesen ; aber es muß doch auch eine Zeit geben , wo du begreifst , daß du nicht blos dazu auf der Welt bist . « Madame zog ihre Augenbrauen in die Höhe , als interessire sie eine Stelle in dem Buche außerordentlich . » Dann kann ich dich auch versichern , Bertha , daß du eine große Beruhigung in der Erfüllung deiner Pflichten finden wirst , daß das dein an sich etwas trauriges Gemüth erheitern wird , und dich der Wahn verläßt , als seiest du eine unglückliche Frau . - - Ja ein Wahn , ein schrecklicher Wahn , mein Kind , « setzte er etwas heftiger hinzu ; » du bist von Gott begünstigt wie wenige , du lebst nicht nur behaglich , sondern sogar glänzend ; dein Mann , deine Kinder sind gesund - sage , was willst du mehr ? Hast du kein beneidenswerthes Loos , hast du keine glückliche Existenz getroffen ? - Und doch beständig traurig , beständig verdrießlich ! - Oh ! das ist unerträglich ! « rief er ausbrechend , » ganz unerträglich , und wenn ich es auch schon lange in Geduld ertragen , so wird dieselbe doch bald zu Ende sein , denn ein solches Leben führe ich länger nicht mehr ! « Nachdem der junge Mann an der Thüre , wohin er geeilt , noch einen Augenblick gewartet , ob sie nicht vielleicht doch noch ein versöhnendes Wort von sich hören ließe , ein einziges kleines Wort , ja nur einen sanften oder freundlichen Blick , der ihm - wir sagen leider ! - Veranlassung gegeben hätte , wieder gegen die Frau einzulenken , nachdem er so eine Zeit lang vergebens gewartet , ging er in erneuertem Zorne durch die Thüre und stieß sie hinter sich ziemlich unsanft in ' s Schloß . Auf seinem Arbeitszimmer angekommen , warf er sich in seinen Schreibstuhl und blickte , tiefes Weh im Herzen , rings in dem elegant , ja reich möblirten Gemache umher . Hier war für jede Bequemlichkeit des Lebens gesorgt , hier standen Luxusgegenstände aller Art , und die ganze Einrichtung verkündigte einen reichen Besitzer . Er stützte die Arme auf die beiden Lehnen des Sessels und ließ den Kopf tief auf die Brust herab sinken . Wie hatte er seine Frau geliebt ! Wie hatte er sich ein häusliches Glück so schön und zart ausgemalt , einen Familienkreis mit lieben Kindern , eine behagliche Existenz in seinen vier Pfählen , unberührt vom Sturme des Lebens . Ach ! und wie war die Wirklichkeit geworden ! Hier in seinem Innern sauste der Sturm und riß die schönsten Blüthen ab , und wenn er ja einmal Frieden haben wollte , mußte er sein Hans verlassen , um unnatürlicher Weise Ruhe und Frieden im Gewühl der Welt zu suchen und zu finden . Wie hatte er sich jene Abende so freundlich und schön ausgemalt , an dem großen runden Tische sitzend , beim hellen Schein der Lampe , mit ihr so vergnügt und freundlich zu plaudern , Beide traulich in die Ecke des Sopha ' s geschmiegt , während draußen die Feinde aller Geselligkeit , Wind und Regen , an die Fenster schlugen . - Ach ! auch das hatte er nicht gefunden , und wenn zu Hause die Lampe angezündet wurde , so verließ er meistens seine Wohnung und suchte in einem Kreis von Bekannten , was er zu Haus nicht fand . - Lange saß er so vor seinem Pulte in tiefe Träumereien versunken , um endlich achselzuckend in die Höhe zu fahren und sich selbst zu versichern , daß er vor der Hand kein Mittel wisse , diesen Zustand zu ändern . Er sah sein Leben dahin ziehen in einer Abhängigkeit , in einer Sklaverei , ärger als die , welche mit hochgeschwungener Peitsche zur angestrengtesten Arbeit treibt . Madame ihrerseits hatte nicht so bald die Thüre sich schließen gesehen , als sie das Buch , welches sie in der Hand hielt , heftig auf den Boden warf und mit den Füßen weit von sich stieß . Sie legte ihren Kopf in dem Fauteuil zurück , kaute heftig an den Nägeln und murmelte endlich , während sich ihre Brust heftig hob : » Nein , diese ewigen Quälereien sind nicht mehr zu ertragen ! Ist es nicht bald so weit mit mir gekommen , daß ich auf Commando bald lachen , bald weinen soll ? Auf welch empörende Art bin ich von ihm überwacht ! Nicht blos , was ich sage , was ich thue , nein ! nein ! jeden meiner Blicke beobachtet er und glaubt , es brauche nichts mehr als seinen Befehl , um mich heiter und glücklich zu stimmen . - Ah ! das ist ein unerträgliches Leben , ein Leben voll Elend und Knechtschaft ! Was nützt mich der Reichthum , der mich umgibt , bin ich nicht in all ' dieser Pracht und Herrlichkeit eine elende Sklavin ? « Der geneigte Leser kann sich denken , daß nach dieser häuslichen Scene der junge Mann allein zum Diner in ' s elterliche Haus ging , Madame schützte Kopfweh vor und blieb zu Hause . Fünfzehntes Kapitel . Lebende Bilder . Das Haus des Commerzienrathes Erichsen war in jeder Beziehung auf das Reichste und Comfortabelste eingerichtet . Die Familie bewohnte den ersten Stock ; unten waren Comptoir und Kassen . Den Chef des Hauses haben wir bereits kennen gelernt , ebenso seinen Schwiegersohn , Herrn Alfons , den Mann mit dem schwarzen Haar und der Brille . Er hatte Marianne , die einzige Tochter des Banquiers , geheirathet , und die Mutter , die sich eher entschließen konnte , den Sohn als die Tochter aus dem Hause zu lassen , räumte der Letzteren den zweiten Stock ihrer Wohnung ein , was um so weniger auffiel , da Herr Alfons Theilhaber des Banquiergeschäfts war , und in geschäftlicher Beziehung die rechte Hand des Commerzienrathes . Dieser würdige Herr war nominell das Haupt der Familie ; in Wahrheit aber schwang die Commerzienräthin ein eisernes Scepter und regierte fast völlig unumschränkt . Wir sagen fast völlig unumschränkt , denn der Einzige im ganzen Hause , der es hie und da wagte , ihr offen entgegen zu treten und der auch zuweilen ihr gegenüber Recht behielt , war ihr Schwiegersohn . Der Commerzienrath , ein heiterer Mann , der gern lebte und leben ließ , hatte sich schon zu Anfang der Ehe die Zügel aus den Händen winden lassen , indem er viele Concessionen machen mußte , um die Hand der reichen Bürgerstochter zu erhalten . Er wurde von dieser stolzen Sippschaft durchaus nicht als ebenbürtig betrachtet , denn einige freundliche Basen hatten nachgewiesen , daß sein Großvater zwei Brüder gehabt , von denen der eine als Rathsdiener starb , und der Andere lange Jahre der selbst eigenhändige Betreiber und schaumschlagende Besitzer einer Barbierstube gewesen . Wenn man dagegen die lange Linie stolzer Vorfahren der jetzigen Commerzienräthin betrachtete , so konnte man eine Mißheirath nicht läugnen . Da folgten sich in stolzer Reihe Stadt- , Kanzlei- , Justiz- , Regierungs- , Hof- und andere Räthe , und eine Seitenlinie hatte sich sogar in ein adeliges Geschlecht verwachsen , während von dem Urahnherrn der Familie zweifelhaft war , ob er nicht sogar ein heruntergekommener Edelmann gewesen sei ; wenigstens deutete man so das Wappen mit zwei Beilen , während dagegen boshafte Neider versicherten , diese Emblemen bezögen sich auf die ehrbare Metzgerei , deren Oberzunftmeister jener erwähnte Ahnherr gewesen . Dem sei nun aber , wie ihm wolle , das Haus der Commerzienräthin war in seiner Sphäre tonangebend , und wer zu ihren Gesellschaften gezogen wurde , der konnte sich überall präsentiren lassen . Familienunglück hatte man freilich auch gehabt , aber es war mit dem Mantel christlicher Liebe und mit schweren Wechselbriefen bedeckt worden . Man sprach in übelwollenden Kreisen von dem zarten Verhältniß einer Nichte des Hauses mit einem unternehmenden Lieutenant der Infanterie , den man am Ende in die Familie aufnehmen mußte , weil es seltsame Umstände ziemlich gebieterisch verlangten . Nachdem aber die Commerzienräthin hiezu , freilich nach langen Bitten , einmal ihren Consens gegeben und ihre wichtige Hand auf das junge Paar gelegt , war es rein gewaschen und brauchte sich nicht schüchtern zu bewegen wie andere minder reiche und vornehme Colleginnen , denen etwas Aehnliches , sehr Menschliches passirt . - Es ist das so der Welt Lauf und kommt häufig vor . Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war die Commerzienräthin eine große , hagere Frau mit einem strengen , magern Gesichte , aus dem die lange spitze Nase wie ein Zeigefinger hervorsah . Wir gebrauchen dieses Bild , um dadurch die Wirkung auszudrücken , die es auf Jeden ausübte , gegen den diese Nase gedreht wurde ; es war eine unmittelbare Aufforderung , ein förmliches Hinweisen , eine Erlaubniß , jetzt endlich zu sprechen oder jetzt endlich das Maul zu halten . Diese Nase wurde von den beiden stechenden Augen gleich zweien Trabanten unterstützt , von denen es nur eines Blinzelns bedurfte , um genau zu wissen , was die Commerzienräthin eigentlich wünschte . Hierüber blieb selten Jemand im Zweifel , und wenn sie obendrein ihre Blicke durch ein Wort unterstützte , so wußte man gleich , woran man war ; und wie schon vorhin bemerkt , gehorchte alsdann fast Alles ohne Widerrede . Das Diner war vorüber , der alte Herr , der wie immer sehr gut gespeist hatte , beschäftigte sich mit seiner Verdauung , indem er , die Hände auf den Rücken gelegt , in dem weiten Gemach auf und ab spazierte . Dabei nickte er zuweilen mit dem Kopfe und hob wohl auch hie und da die Nase schnüffelnd in die Höhe , als wolle er erforschen , ob sich nicht bald durch eine Thürritze hindurch ein angenehmer Kaffeeduft bemerklich mache . Die Commerzienräthin saß in der rechten Sophaecke kerzengerade aufrecht , denn sie hielt es nicht für anständig , daß ihr Rücken die weichen Kissen berühre . In der linken Ecke saß ihre Tochter Marianne , die Frau des Herrn Alfons , und da diese schon mit der Zeit vorgeschritten war , so lehnte sie behaglich hinten über , während ihre Füße einen Stützpunkt auf denen des Tisches gefunden hatten . Es war ein hübsches kleines Weib , blond wie ihre Brüder , und wie der ältere , der neben ihr saß , mit Augen , die viel Sanftmuth , ja Duldung verriethen . Sie hatte ihren Kopf auf die Seite geneigt , und schien ihrem Bruder zuzulauschen , der ihr eifrig etwas zuflüsterte , wahrscheinlich die Erzählung des Auftritts von heute Morgen ; sie hörte ruhig und aufmerksam zu , und nur zuweilen , wenn sich seine Stimme etwas laut erheben wollte , drückte sie ihre Hand auf seinen Arm , wobei sie von der Seite einen Blick auf die Mutter warf , die indessen theilnahmlos , mit hoch erhobener Nase , für Niemand Auge und Ohr zu haben schien , und zuweilen mit ihren Fingern gleichgültig auf dem Tische trommelte . Wir sagen schien , denn in Wahrheit entging ihr keine Miene , keine Bewegung all ' derer , welche sich im Zimmer befanden . Die lebhafteste Gruppe von der Familie bildete übrigens Arthur und Herr Alfons , die an einem der hohen Fenster standen und zusammen sprachen , auch wohl lachten . Alfons hatte den hoch erhobenen Arm auf den Fensterrahmen gestützt , den Kopf darauf gelegt und schaute seinem Schwager zu , der , während er hie und da eine Bemerkung hinwarf , zu gleicher Zeit beschäftigt war , mit einem umgekehrten Zahnstocher allerlei Figuren auf die angelaufenen Fensterscheiben zu zeichnen . » - Sehr gut ! - sehr gut ! - sehr brav ! « sagte Alfons , indem er die vergängliche Arbeit aufmerksam betrachtete ; » das wird ein schöner Kopf , und eine Aehnlichkeit . - - Jetzt keinen Strich weiter , so steht ' s vor mir . Wahrhaftig , ich möchte schwören , daß dies Gesicht existirt . « » Wie kann man nur so etwas sagen ! « antwortete lächelnd der Maler , » eine Phantasie , eine Idee . Aber schau nur , wie sich die Gesichtszüge ändern , wie der Hauch auf der Scheibe nach und nach schmilzt . Das Gesicht war vordem lachend und freundlich , jetzt wird es ernst , finster , drohend und jetzt ist es wie von schmerzlichen Thränen überzogen . - Das ist der Lauf der Welt . « » Ja , man erlebt das häufig , « entgegnete der Schwager ; » Freude , Glück verschwinden so schnell , und hat erst so ein Gesicht den kleinsten Anflug von einer Schmerzenslinie angenommen , so greift er immer weiter um sich , und am Ende entstellt und verstört er Alles . « » Ganz recht , « versetzte Arthur , wie es schien , nicht ohne Beziehung , » aber man muß sich auch hüten , aus einem Gesicht , das uns lieb und freundlich angelächelt , jenen ersten kaum bemerkbaren Zug des Schmerzes hervorzurufen . « » O , das kommt ganz von selbst . Du , Glücklicher , hast nur keine Gelegenheit , das zu bemerken ; du flatterst von Blume zu Blume , und wenn in deiner Praxis so ein Schmerzenszug sichtbar wird , suchst du schon nach einer neuen und frischen Blüthe . « » Nicht immer , « sagte ernst der Maler . » Apropos , « fuhr der Andere leiser fort , indem er sich tiefer hinab beugte , » du bist doch ein wahrhaft lockerer Zeisig . Aus welchem Zweck treibst du dich denn so viel in der Nähe der Balkengasse umher ? Ich habe das neulich zufällig erfahren . Ist denn da wieder was Besonderes los ? « » Ich ? « fragte scheinbar verwundert Arthur . » Daß ich öfter da wäre , als an anderen interessanteren Orten wüßte ich gerade nicht . « » Ah ! so gehört die Balkengasse zu den interessanten Orten ? « » Allerdings , nach den Begriffen des Malers . Da sind die alten pitoresken Häuser , der Kanal , das beständige Gewühl von Menschen ; man kann da die besten Studien machen . « » O , ihr Maler seid in der That ein glückseliges Volk , euch ist gar nicht beizukommen und wenn man euch auf der That ertappt . Streift ihr in der Mitternacht herum , so werden Mond- oder Schattenstudien gemacht , attrapirt man euch am allerfrühesten Morgen in irgend einem verdächtigen Viertel , so habt ihr die wunderbaren Abwechslungen des jungen aufsteigenden Lichtes beobachtet , und trifft man euch in Person bei einer sonderbar ausschauenden Unbekannten , so versteht sich das , ganz von selbst , denn ihr waret gezwungen , an ihr äußerst interessante Studien zu machen . Ja , ja , in der That , ihr habt ein beneidenswerthes Gewerbe . « » Es ist eigentlich schade , daß du nicht auch ein Maler geworden bist , « sagte Arthur , indem er auf die Fensterscheibe hauchte , und mit wenigen Strichen den Kopf eines Satyrs entwarf . Der alte Herr , der auf seinem Spaziergange durch ' s Zimmer zufällig hinter den Beiden stehen geblieben war , hatte die letzten Worte gehört und sprach nun lächelnd : » Nein , nein , Alfons , ' s ist besser so ; Gott soll uns bewahren ! Wir haben an Einem Künstler genug ; nicht wahr , Mama ? « Die Commerzienräthin wandte ihre spitze Nase ruhig nach dem Fenster , glättete den Kragen ihres Chemisettes und entgegnete : » Das will ich meinen , mehr als genug ! « » Hörst du es , Arthur , was Mama gesagt , mehr als genug - ? « » O , ich habe das schon tausendmal gehört . « » Und Mama hat Recht , « fuhr der Commerzienrath fort . » Künstler , - nun ja , es soll am Ende auch solche Leute geben , und wer einmal angewiesen ist , sein Brod auf diese Art verdienen zu müssen , der kann es in Gottes Namen thun ; aber in unserer Familie bist du der Erste , der sich - wie soll ich sagen ? - veranlaßt sah , keinen - eigentlich soliden Geschäftszweig zu ergreifen . « » Der Erste , « sagte bestimmt die Commerzienräthin ; » und von der ganzen Malerei hast du , wie es mir scheint und wie ich mir sagen ließ , die unsolideste Branche erwählt . « » Eine unsolide Branche ? « fragte Arthur verwundert , indem er sein Gesicht vom Fenster in ' s Zimmer wandte . » Ah , Mama ! das genau zu erfahren wäre ich neugierig . « » Die unsolideste , « entgegnete fest die Commerzienräthin . » Was bringst du eigentlich zu Stande ? - Eine Landschaft , an der man sein Vergnügen haben könnte ? - Nein ! - oder ein würdiges Portrait ? - Auch das nicht ! Da zeichnest und malst du allerlei Firlefanz , so daß man den Leuten , die für deine Kunstfertigkeit schwärmen , nichts von deinen Arbeiten zeigen kann , ohne in Verlegenheit zu gerathen . « » Das ist schon wahr , « sagte Alfons leise und lachend , » Venus malst du zu oft , und badende Mädchen , auch Tänzerinnen und dergleichen . « » Mama hat Recht , « sprach wichtig der Commerzienrath , indem er den Versuch machte , seine Weste herab zu ziehen ; » das eigentlich Solide fehlt dir . Hast du nicht vor einem halben Jahr das Portrait unserer Freundin , der Oberregierungsräthin , ganz vergeblich angefangen ? Hast du es nicht trotz ihres oftmaligen Erinnerns bis jetzt unvollendet gelassen ? « » Einer so würdigen Frau von so gutem Hause , « setzte ernst die Commerzienräthin hinzu . » Allerdings , « sagte Arthur , » eine würdige Dame mit rothem Gesichte , röthlichem Haar , die gemalt zu sein wünschte in einer Haube mit rothen Bändern , in einem rothen Kleid und rothem Shawl . Das war nicht auszuhalten . Es hätte meine Augen ruinirt . « » Es wäre aber ein artiges Bild geworden , « meinte Alfons ironisch , » das vielleicht irgend einmal bei einem Stierkampf hätte verwendet werden können . « » Thomas ! « rief die alte Frau ihrem Gatten , ohne den Worten ihres Sohnes und Schwiegersohnes weiter Aufmerksamkeit zu schenken , » wir sind jetzt alle so ziemlich hier versammelt - nur deine Frau fehlt wie gewöhnlich , « wandte sie sich mit Beziehung an ihren älteren Sohn , - » und könnten also in einige Ueberlegung ziehen , wann und auf welche Art wir die große Soirée veranstalten wollen , die ich für unumgänglich nothwendig gefunden habe , nächstens den uns befreundeten Familien zu arrangiren . « » Ganz recht , mein Kind , « entgegnete der Commerzienrath , während er sich die Hände rieb ; » wir müssen ziemlich ausgedehnte Einladungen machen . « » Aber in gehörigen Grenzen , « antwortete ernst die alte Dame . » Das versteht sich ganz von selbst . « » Bis zur sechsten Rangklasse , « sagte Alfons lächelnd , aber leise zu Arthur . » Soll getanzt werden , Mama ? « fragte Marianne . » Ueber die Art dieser Soirée bin ich noch nicht mit mir im Reinen , « entgegnete die Commerzienräthin ; » ein Ball , ein einfacher Thé dansant ist etwas Gewöhnliches , ich möchte wieder etwas Neues arrangiren , etwas , von dem man auch spräche , das uns Veranlassung gäbe , so viel wie möglich der Bekannten und Freunde einzuladen . « » So warten Sie doch bis Carneval , und arrangiren Sie alsdann einen maskirten Ball . « » Ich hasse die Maskeraden . Aber ich habe etwas Anderes ausgedacht . « » Das ist auf jeden Fall vortrefflich , « sagte der alte Herr , wobei er sich dem Sopha näherte . - » So laß hören ! « » Ich denke , « fuhr die Frau würdevoll fort , » wir veranstalten lebende Bilder ; der grüne Saal wäre ganz Passend dazu , es ließe sich da sehr gut ein Vorhang anbringen , und dann hat auch Arthur bei dieser Veranlassung die beste Gelegenheit , den Leuten zu beweisen , daß er auch in seiner Kunst etwas Reelles zu leisten versteht . « » Die Idee , Frau Mama , ist charmant , « sprach der Maler . » Lebende Bilder , hübsch arrangirt - wahrhaftig ein vortrefflicher Gedanke ! Ich werde mich der Sache mit allem Eifer annehmen . « » Der grüne Saal ist ganz passend dazu , « meinte der Commerzienrath . » Nicht übel , « sagte Alfons mit einem beistimmenden Kopfnicken . Und Marianne flüsterte ihrem Bruder zu : » Ich würde mich gern darauf freuen , aber du wirst sehen , mein Mann erlaubt mir nicht , daß ich ebenfalls mitmachen darf . « » Und meine Frau , « entgegnete der Bruder verstimmt , » wird an so dummem Zeug , wie sie sagt , keinen Spaß finden - nachdem nämlich ihre Laune ist - und mir schon zum Voraus den ganzen Abend verderben . « » Gewiß , mein Kind , « versetzte der Commerzienrath , » wir sind stolz auf deine Erfindung . « Die alte Dame fühlte sich einigermaßen geschmeichelt , daß ihr Vorschlag mit Akklamation gut geheißen wurde . Wenn sie auch ihren Willen auf alle Fälle durchgesetzt hätte , so war es ihr doch angenehm , auf keine großen Widerreden zu stoßen . » Darf ich auch mitmachen ?