die befreundete Stadt vor uns , aus deren mit Blumen und grünen Zweigen bekleidetem , altertümlichem Tor die so wie wir gerüstete Jugend uns entgegentrat , umgeben von den schaulustigen und freundlichen Eltern und Geschwistern . Ihre Artillerie löste uns zu Ehren eine Anzahl von Schüssen , wir betrachteten mit kritischem Auge , wie die kleinen Kanoniere neben der Mündung mit ebenso zierlicher Verrenkung sich zurückbogen , wenn die Lunte sich dem Brander näherte , um mit einer ebenso verächtlichen Schwenkung wieder zur Erde gewandt zu werden , wie das alles bei uns üblich war . Noch mehr Ursache zur Eifersucht gaben uns die hübschen Perkussionsgewehre , womit unsere Kameraden versehen waren , da wir selbst nur alte Steinschlosse hatten , welche sich dann und wann erlaubten zu versagen . Die Regierung dieses Standes war ein wenig im Geruche , in ihrem aufgeweckten Sinne für alles Gute und Schöne manchmal mehr Aufwand zu machen , als sich mit haushälterischer Bedächtigkeit vertrüge , und hatte demgemäß für ihre Schuljugend solche neue Waffen beschafft zu einer Zeit , wo dergleichen erst bei größeren Militärstaaten in der Einführung begriffen waren . So hörten wir denn , während unsere Freunde uns wohlgefällig erklärten , wie bei ihnen während der Ladung die Bewegung des Patronbeißens nun wegfiele , unsere erwachsenen Begleiter heimlich einen bedächtigen Tadel über solchen Aufwand aussprechen . Doch waren wir endlich ermüdet und gaben uns willig den Einladungen der Familien hin , welche sich so eifrig um unsere Beherbergung stritten , daß unsere ganze Schar in ihren offenen Armen so schnell verschwand , wie ein flüchtiger Regenschauer im heißen durstigen Erdreiche versiegt . Wir sahen uns nun vereinzelt in die Mitte häuslicher Wirtlichkeit versetzt als Gegenstand des festlichsten Wohlwollens und belohnten diese Gastfreundschaft dadurch , daß wir , als ob wir in Feindesland wären , beim Schlafengehen unsere Flintchen mitnahmen und neben die großen Gastbetten stellten , welche zu ersteigen wir alle unsere Turnerkünste aufbieten mußten . Das Fest des andern Tages erfüllte alle Erwartungen . Der Wetteifer ließ beide Parteien bei den Übungen gleich wohl bestehen ; gegen die Perkussionsgewehre unserer Nebenbuhler aber hatten wir einen andern Trumpf auszuspielen . Indem ihre Artillerie nämlich nur blind zu schießen gewohnt war und keine Kugeln kannte , schoß die unserige so geschickt nach dem Ziele , daß das bei solcher Gelegenheit stehende Sprichwort : » Die Kleinen machten es wahrlich besser denn die Großen ! « diesmal nicht ganz unrichtig war und die Nachbaren dem ernsthaften Richten der Geschütze verwundert zuschauten . Ein großes Festmahl , welches einige tausend junge und alte Menschen vereinigte , wurde auf einer blühenden Wiese eingenommen . Beliebte Jugendfreunde hielten Tischreden und trafen in denselben das Rechte , indem sie , anstatt uns in hohlem , frühreifem Ernste zu halten , in reinem Humor den Ton unschuldiger Fröhlichkeit anstimmten , ihr Alter vergaßen , ohne kindisch zu tun , und uns dadurch ; desto leichter lehrten , die Freude nicht ohne Witz zu genießen . Darauf zog eine lange Reihe feiner Mädchen aus dem Tore an uns vorbei auf einen geebneten Rasenplatz und lud uns mit Gesang zu Spiel und Tänzen ein . Sie waren alle weiß und rot gekleidet und entfalteten sich in der lieblichsten Blüte vom kindlichen Lockenkopfe bis zur angehenden Jungfrau , hinter dem weiten Kranze ragte manch weibliches Haupt in reifer Schönheit , um die zarten Pflänzlinge zu überwachen und bei guter Gelegenheit selbst noch ein bißchen jugendlicher über den Rasen zu schlüpfen , als in sonstigen Tagen erlaubt war . Hatten doch die Männer ihrerseits die Gelegenheit auch ersehen und die Lust der Kinder bereits zu ihrer eigenen Sache erklärt und schon mit mancher Flasche besiegelt ! Unsere tapfere Schar näherte sich in dichtem Haufen dem flüsternden Kreise der Schönen , keiner wollte recht der vorderste sein , unsere Sprödigkeit ließ uns fast feindlich und düster aussehen , während das Anziehen der weißen Handschuhe ein weitgedehntes Flimmern und Schimmern verursachte . Doch es zeigte sich nun , daß die Hälfte der Handschuhe überflüssig war , indem wir in zwei verschiedene Teile zerfielen , in solche Knaben nämlich , welche größere Schwestern zu Hause hatten , und in solche , welche dieses angenehme Glück nicht kannten . Die ersteren zeigten sich alle als zierliche Tänzer und Kavaliere , welche bald gesucht und ausgezeichnet wurden , indessen die letzteren wie ungeleckte Bären über den Rasen stolperten und nach einigen mißlungenen Abenteuern sich aus den Reihen stahlen und bei den Trinktischen zusammenfanden , wo wir mit energischem Gesang ein wildes Soldatenleben führten , als rauhe Krieger und Weiberfeinde , und uns gegenseitig einzubilden suchten , daß die Mädchen doch häufig nach unserm tüchtigen Treiben herüberschielten . Unser Zechen bestand zwar mehr in einer bescheidenen Nachahmung der Alten und überwand den natürlichen Widerwillen gegen Unmäßigkeit nicht , der noch in jenem Lebensalter liegt ; doch bot es hinlänglichen Spielraum für unsere kleinen Leidenschaften . Der Weinbau dieser Landschaft war bedeutender und edler als bei uns , daher hatten unsere jungen Nachbaren schon eine entschiedenere Färbung in ihrer Fröhlichkeit und vertrugen ein stärkeres Glas Wein als wir , so daß sie ihren Ruf vollkommen rechtfertigten . Da galt es nun , sich hervorzutun ; ich gab mich diesem Bestreben ohne Rückhalt hin , meine wohlversehene Kasse verlieh mir die nötige Sicherheit und Freiheit , und dieser folgte alsobald eine gewisse Achtung meiner Umgebung . Wir durchzogen Arm in Arm die Stadt und die Lustplätze vor derselben , das schöne Wetter , die Freude , der Wein regten mich auf und machten mich beredsam und ausgelassen , keck und gewandt ; aus einem stillen und blöden Fernesteher war ich urplötzlich ein lauter Tonangeber geworden , der sich in übermütigen Bemerkungen , Witzworten und Erfindung von Schwänken erging und welchen die übrigen Wortführer , die sich bisher wenig aus mir gemacht , sogleich anerkannten und hätschelten . Die Eigenschaft als Fremder , der neue Schauplatz erhöhte noch die Stimmung ; es ist schwer zu entscheiden , was größer war , ob meine Redseligkeit , mein Freudenrausch oder meine erwachte Eitelkeit , kurz , ich schwamm in einem ganz neuen Glücke , welches am dritten Tage womöglich noch zunahm , als wir heimwärts zogen und die allseitige Zufriedenheit sowie die freiere Ordnung und Haltung eine neue Reihe fröhlicher Auftritte veranlaßten . Als ich mit Sonnenuntergang das Haus meiner Mutter betrat , bestaubt und sonnverbrannt , die Mütze mit einem Tannenreise geschmückt , die Mündung des Gewehrchens und der eigene Mund prahlerisch von Pulver geschwärzt , da war ich nicht mehr der gleiche , wie ich ausgezogen , sondern einer , der sich mit den kecksten Führern der Knabenwelt in verschiedene Verabredungen und Versprechungen eingelassen hatte zur Fortsetzung des begonnenen Tones , mittelst welcher wir auch in unserer Stadt eine Rolle zu spielen gedachten . Hauptsächlich sollten die tanzkundigen Feintuer oder Weichlinge , wie wir sie nannten , verhindert werden , uns bei der einheimischen Schönheit etwa in den Schatten zu stellen ; wir wollten daher ihren zierlichen Künsten ein derbes militärisches Wesen , kühne Taten und allerlei Streifereien und Unternehmungen entgegensetzen zur Begründung eines bedenklichen Ruhmes . Voll von diesen Ideen und noch voll der durchlebten Freude , die ich sowenig erschöpft hatte als sie mich , fühlte ich mich in der besten Laune und erging mich in unserm Hause in lauten Erzählungen und prahlerischem , barschem Wesen , bis ich durch einige magische Witzkörner , die meine Mutter in die unbescheidene Brandung warf , für einmal zu Ruhe und Schlaf gebracht wurde . Meine neuen Freunde ließen mir nicht Zeit , aus meiner Verirrung zu kommen ; schon der nächste Tag , an dem ich , selbst eine Art von Größe , in der renommiertesten Gesellschaft unserer Stadt zu sehen war , weckte alle neuen Erinnerungen wieder , die Nachklänge des Festes gaben Gelegenheit , den Rest meiner Barschaft anzubringen und dagegen erneute Lorbeeren einzutauschen . Für einen der nächsten Sonntage wurde ein großer Spaziergang verabredet , welches wieder eine Demonstration gegen die Feinspinner werden sollte . In meinem Leichtsinn hatte ich nicht bedacht , woher ich die nötigen Mittel nehmen solle , also auch keinen Vorsatz gefaßt ; als aber der Augenblick da war , griff ich wieder in den Schrein , ohne etwas anderes zu fühlen als das zwingende Bedürfnis und eine Art dunklen Entschlusses , daß es das letzte Mal sein solle . So ging es den ganzen kurzen Sommer hindurch . Die veranlassende Laune war längst verflogen , die Teilnehmer hatten sich dem ordentlichen Lauf der Dinge wieder gefügt , auch über mich hätten Maß und Bescheidenheit ihre Herrschaft wiedergewonnen , wenn nicht eine andere Leidenschaft aus der Sache erwachsen wäre , nämlich die des unbeschränkten Geldausgebens , der Verschwendung an sich . Es reizte mich , jeden Augenblick die kleinen Herrlichkeiten , wonach jenes Alter gelüstet , kaufen zu können ; immer hatte ich die Hand in der Tasche , um mit Münzen hervorzufahren ; Gegenstände , welche Knaben sonst vertauschen , kaufte ich nur mit barem Gelde , gab solches an Kinder , Bettler und beschenkte einige Gesellen , die meinen Schweif bildeten und meine Verblendung benutzten , solange es ging Denn es war eine wirkliche Verblendung . Ich bedachte im mindesten nicht , daß die Sache doch ein Ende nehmen müsse , nie mehr öffnete ich das Kästchen ganz und übersah das Geld , sondern schob nur die Hand unter den Deckel , um ein Stück herauszunehmen , und überdachte auch nie , wieviel ich schon verschleudert haben müsse . Ich empfand auch keine Angst vor der Entdeckung , in der Schule und bei meinen Arbeiten hielt ich mich nicht schlimmer als früher , eher besser , weil keine unbefriedigten Wünsche mich zu träumerischem Müßiggange verleiteten und die vollkommene Freiheit des Handelns , welche ich beim Geldausgeben empfand , sich auch im Arbeiten durch eine gewisse Raschheit und Entschlossenheit äußerte . Zudem fühlte ich das dunkle Bedürfnis , das unsichtbare Unheil , welches über mir sich sammelte , durch sonstige Pflichterfüllung einigermaßen aufzuwiegen . Jedoch trotz allem befand ich mich jenen ganzen Sommer hindurch in einem unheimlichen und peinvollen Zustande , dessen Erinnerung , verbunden mit derjenigen an den blauen Himmel und Sonnenschein , an die stillen grünen Waldschenken , in welche wir uns zu heimlichen Gelagen verkrochen , eine seltsame Empfindung wachruft . Meine Genossen mußten längst gemerkt haben , daß es mit meinem Gelde nicht mit rechten Dingen zugehe , aber sie hüteten sich sorgfältig , einen Verdacht zu äußern oder die leiseste Frage an mich zu tun ; vielmehr stellten sie sich , als ob sich alles von selbst verstünde , waren mir stillschweigend behilflich , die auffälligen blanken Silberstücke umzuwechseln , ohne in Erörterungen einzugehen , und als die Herrlichkeit ein Ende nahm , wandten sie sich ganz trocken und unbeteiligt von mir , ganz wie erwachsene brave Geschäftsleute , welche in aller Seelenruhe auch den Gewinn der Unredlichen an sich bringen , ohne über den Ursprung desselben Forschungen anzustellen . Dies vorausgeahnte Benehmen drückte mich um so mehr , als ich bald bemerkte , daß sie sich sonderbar gemessen gegen mich betrugen und nur wärmer wurden , wenn ich wieder ein Geldstück auf die Straße brachte , daneben aber sich anderweitig über mich zu besprechen schienen . Während jedoch die kleinliche und gewöhnliche Art der Mehrzahl keine heftige und leidenschaftliche Trennung bedingte , sollte mir die energische Selbstsucht eines einzigen und der daraus entspringende Haß Kummer und Leiden bereiten , wie sie wohl selten in diesem Alter sich zeigen . Derselbe war ein kleiner Bursche mit kleinen regelmäßigen Gesichtszügen , welche von Sommersprossen bedeckt waren . Er besaß einen frühreifen Verstand , lernte fleißig und genau , bestrebte sich gegen ältere Leute , besonders gegen Frauen , in wohlgesetzten , altklugen Worten auszudrücken und galt daher für einen ordentlichen ersprießlichen Jungen . Er war fast in allen Übungen geschickt , durch Aufmerksamkeit und Ausdauer , und brachte alles , was er unternahm , auf eine zierliche Weise zustande . Meierlein , so hieß er , besaß aber kein tieferes Talent ; in seinen verschiedensten Unternehmungen war nie etwas Neues oder Eigenes sichtbar , sondern er brachte nur das gut zuwege , was er sich vorgemacht sah , und ihn beseelte nur ein unablässiges Bedürfnis , sich alles Erdenkliche anzueignen . Deshalb konnte er ebensowohl eine vollkommene und reinliche Papparbeit hervorbringen als über einen breiten Graben setzen oder Ball schlagen oder mit einem Steinchen eine bezeichnete Stelle an einer Mauer treffen , alles durch langsame und anhaltende Übung ; seine Schulhefte waren korrekt und in bester Ordnung , seine Schrift klein und zierlich , besonders seine Zahlen wußte er ausnehmend angenehm und rundlich in Reihen zu setzen . Seine vorzüglichste Gabe aber war eine gewisse Fähigkeit , mit verständiger Besprechung alles zu überspinnen , Verhältnisse auszuklügeln und mit vielsagender Miene Aufschlüsse und Vermutungen aufzustellen , welche über unser Alter hinausgingen . Dabei war er ein zuverlässiger und kurzweiliger Gesell , gesucht und nützlich , fing wenig Streit an , aber focht einen solchen höchst hartnäckig aus und war daher um so respektierter , als er immer wohlbedächtig auf der Seite stand , wo das wirkliche oder scheinbare Recht ersichtlich war . Er war anderthalb Jahre älter als ich , hatte sich indessen enger an mich geschlossen als alle übrigen , so daß wir eine besondere Freundschaft bildeten und jeden freien Augenblick beisammen waren . Er ergänzte mich vortrefflich und sagte mir daher sehr zu . Meine Unternehmungen gingen immer auf das Phantastische , Bunte und Wirksame aus , während er durch Genauigkeit und Dauerhaftigkeit der mechanischen Arbeit meinen flüchtigen und rohen Entwürfen Nutzen und Ordnung verlieh . Meierlein ließ mein Geheimnis ebenso vorsichtig bestehen wie die anderen , obwohl es für seine verständige Aufmerksamkeit noch weniger eines sein konnte ; doch ließ er nicht ebenso zwischendurch seine Einsicht ahnen , sondern bestrebte sich vielmehr , mich von den zu leichtsinnigen Ausgaben abzuhalten und meine Wünsche auf scheinbar nützliche und gute Dinge zu richten mit gesetzten Worten , was dem Verkehr mit ihm einen soliden Anstrich verlieh . Nur für sich selbst war er mit noch größerm Eifer bedacht als die übrigen , und sich nicht begnügend mit meiner unmittelbaren Freigebigkeit , errichtete er mit großer Einsicht ein Schuldverhältnis zwischen mir und ihm , indem er sich haushälterisch aus meinem Gelde eine kleine Kasse ansammelte , aus welcher er mir , wenn ich augenblicklich nicht über mein Kästchen konnte , mäßige Vorschüsse machte , die wir gemeinsam verbrauchten und die er in ein zierlich angefertigtes Büchelchen eintrug , dessen Seiten mit Soll und Haben ansehnlich überschrieben waren . Überdies wußte er mir eine Menge kindischer Gegenstände zu verkaufen , deren Betrag er durchaus nicht in bar annehmen wollte , sondern in sein Buch setzte . Seine Gewandtheit in den verschiedensten Übungen verwertete er ebenfalls , er war mein dienstbarer Dämon , der alles konnte und alles in Angriff nahm , was wir wünschten , aber jede Dienstleistung durch kleine Münzsorten in meinem Schuldregister bezeichnete . Auf Spaziergängen reizte er mich stets , seine Geschicklichkeit auf die Probe zu stellen . » Soll ich mit diesem Steinchen jenes dürre Blatt treffen ? « sagte er , und ich erwiderte : » Das kannst du nicht ! « - » Willst du mir einen Kreuzer schuldig sein , wenn ich es tue ? « - » Ja « , und er traf es und erschwerte unter den gleichen Bedingungen die Aufgabe manchmal zwölfmal hintereinander , ohne sie je zu verfehlen . Dann schrieb er den Betrag genau in sein Buch mit allerliebsten wohlgestalteten Zahlen , was mir solches Vergnügen gewährte , daß ich laut auflachte . Er aber sagte ernsthaft , da sei gar nichts zu lachen , ich sollte bedenken , daß ich alles einmal berichtigen müßte und daß sein Büchlein eine ordentliche Bedeutung und Gültigkeit hätte vor jedem Geschäftsmann ! Dann veranlaßte er mich wieder zu zahlreichen Wetten , ob z.B. ein Vogel sich auf diesen oder jenen Pfahl setzen , ob ein vom Winde bewegter Baum sich das nächste Mal so oder so tief niederbeugen , ob am Gestade des Sees mit dem fünften oder sechsten Wellenschlage eine große Welle ankommen würde . Wenn bei diesem Spiele der Zufall mich manchmal gewinnen ließ , so setzte er in seinem Buche auf die Seite des Soll mit wichtiger Miene ein knappes Zählchen , welches sich in seiner Einsamkeit höchst wunderlich ausnahm und mir neuen Stoff zum Lachen , ihm hingegen zu ernsthaften Redensarten gab . Er suchte mich eifrigst zu überzeugen , daß Schulden eine wichtige Ehrensache seien , und eines Tages , als der Sommer sich seinem Ende nahte , überraschte mich Meierlein mit der Nachricht , daß er nun » abgerechnet « habe , und zeigte mir eine runde Zahl von mehreren Gulden nebst einigen Kreuzern und Pfennigen und bemerkte dabei , daß es nun tunlich wäre , wenn ich darauf dächte , ihm den Betrag einzuhändigen , indem er wünsche , aus seinen Ersparnissen sich ein schönes Buch zu kaufen . Doch erwähnte er hierüber die nächsten zwei Wochen nichts mehr und legte inzwischen eine neue Rechnung an , welches er mit vermehrtem Ernste tat und wobei er ein seltsames Betragen äußerte . Er wurde nicht unfreundlich , aber die alte Fröhlichkeit und Unbefangenheit unseres Verkehres war verschwunden . Eine große Traurigkeit beschlich mich , welche Meierlein durchaus nicht zu stören schien ; vielmehr nahm er selber einen elegischen Ton an , ungefähr wie er Abraham überkommen haben mochte , als er mit seinem Sohne Isaak den vermeintlich letzten Gang tat . Nach einiger Zeit wiederholte er seine Mahnung , diesmal mit Entschiedenheit , doch nicht unfreundlich , sondern mit einer gewissen Wehmut und väterlichem Ernste . Nun erschrak ich und fühlte eine heftige Beklemmung , indessen ich versprach , die Sache abzumachen . Jedoch konnte ich mich nicht ermannen , die Summe zu entnehmen , und verlor selbst den Mut , meine gewöhnlichen Eingriffe fortzusetzen . Das Gefühl meiner Lage hatte sich jetzt ganz ausgebildet , ich schlich trübselig umher und wagte nicht zu denken , was nun kommen sollte . Ich fühlte eine beängstigende Abhängigkeit gegen meinen Freund , seine Gegenwart war mir drückend , seine Abwesenheit aber peinlich , da es mich immer zu ihm hintrieb , um nicht allein zu sein und vielleicht eine Gelegenheit zu finden , ihm alles zu gestehen und bei seiner Vernunft und Einsicht Rat und Trost zu finden . Aber er hütete sich wohl , mir diese Gelegenheit zu bieten , wurde immer gemessener im Umgange und zog sich zuletzt ganz zurück , mich nur aufsuchend , um seine Forderung nun mit kurzen , fast feindlichen Worten zu wiederholen . Er mochte ahnen , daß eine Krisis für mich nahe bevorstehe ; daher war er besorgt , noch vor dem Ausbruche derselben sein so lang und sorglich gepflegtes Schäfchen ins trockene zu bringen . Und so war es auch . Um diese Zeit war meine Mutter durch die verspätete Mitteilung eines Bekannten aufmerksam gemacht worden , sie erfuhr endlich mein bisheriges Treiben außer dem Hause , woran hauptsächlich die übrigen Kumpane schuld sein mochten , die sich schon früher von mir gewendet hatten , als meine Niedergeschlagenheit begonnen . Eines Tages , als ich am Fenster stand und für meine Blicke auf den besonnten Dächern , im Gebirge und am Himmel stille Ruhepunkte und die vorwurfsvolle Stube hinter mir zu vergessen suchte , rief mich die Mutter mit ungewohnter Stimme beim Namen ; ich wandte mich um , da stand sie neben dem Tische und auf demselben das geöffnete Kästchen , auf dessen Boden zwei oder drei Silberstücke lagen . Sie richtete einen strengen und bekümmerten Blick auf mich und sagte dann : » Schau einmal in dies Kästchen ! « Ich tat es mit einem halben Blicke , der mich seit langer Zeit zum ersten Male wieder den wohlbekannten innern Raum der geplünderten Lade sehen ließ . Er gähnte mir vorwurfsvoll entgegen . » Es ist also wahr « , fuhr die Mutter fort , » was ich habe hören müssen und was sich nun bestätigt , daß sich mein guter und sorgloser Glaube , ein braves und gutartiges Kind zu besitzen , so grausam getäuscht sieht ? « Ich stand sprachlos da und sah in eine Ecke , das Gefühl des Unglückes und der Vernichtung kreiste in meinem Innern so stark und gewaltig , als es nur immer im langen und vielfältigen Menschenleben vorkommen kann ; aber durch die dunkle Wolke blitzte bereits ein lieblicher Funke der Versöhnung und Befreiung . Der offene Blick meiner Mutter auf meine unverhüllte Lage fing an , den Alp zu bannen , der mich bisher gedrückt hatte , ihr strenges Auge war mir wohltätig und löste meine Qual , und ich fühlte in diesem Augenblicke eine unsägliche Liebe zu ihr , welche meine Zerknirschung durchstrahlte und fast in einen glückseligen Sieg verwandelte , während meine Mutter tief in ihrem Kummer und in ihrer Strenge beharrte . Denn die Art meines Vergehens hatte ihre empfindlichste Seite , sozusagen ihren Lebensnerv getroffen einesteils das kindliche blinde Vertrauen ihrer religiösen Rechtlichkeit , andernteils ihre ebenso religiöse Sparsamkeit und unwandelbare Lebensfrage . Sie hatte keine Freude beim Anblick des Geldes , nie übersah sie unnötigerweise ihre Barschaft , aber jedes Guldenstück war ihr beinahe ein heiliges Symbolum des Schicksals , wenn sie es in die Hand nahm , um es gegen Lebensbedürfnisse auszutauschen . Desnahen war sie nun weit schwerer mit Sorge erfüllt , als wenn ich irgend etwas anderes begangen hätte . Wie um sich gewaltsam vom Gegenteile zu überzeugen , hielt sie mir alles deutlich und gemessen vor und fragte dann wiederholt : » Ist es denn wirklich wahr ? Gestehe ! « Worauf ich ein kurzes Ja hervorbrachte und mich meinen Tränen überließ , ohne indessen viel Geräusch zu machen ; denn ich war nun völlig befreit und fast vergnügt . Sie ging tiefbewegt auf und nieder und sprach » So weiß ich nun nicht , was werden soll , wenn du dich nicht fest und für immer bessern willst ! « Damit legte sie das Kästchen wieder in ihren Schreibtisch und ließ den Schlüssel desselben an dem gewohnten Ort . » Sieh « , sagte sie , » ich weiß nicht , ob du , wenn du deine paar Geldstücke noch verbraucht hättest , alsdann auch nach meinem Gelde , welches ich so sparen muß , gegriffen haben würdest ; es wäre nicht unmöglich gewesen ; aber mir ist es unmöglich , dasselbe vor dir zu verschließen . Ich lasse daher den Schlüssel stecken , wie bisher , und muß es darauf ankommen lassen , ob du freiwillig dich zum Bessern wendest ; denn sonst würde doch alles nichts helfen , und es wäre gleichgültig , ob wir beide ein bißchen früher oder später unglücklich würden ! « Es waren gerade etwa acht Tage Ferien , ich blieb von selbst im Hause und suchte alle Winkel auf , in denen ich den Frieden und die Ruhe der früheren Tage wiederfand . Ich war gründlich still und traurig , zumal die Mutter ihren Ernst beibehielt , ab- und zuging , ohne vertraulich mit mir zu sprechen . Am traurigsten war das Essen , wenn wir an unserm kleinen Eßtischchen saßen und ich nichts zu sagen wagte oder wünschte , weil ich das Bedürfnis dieser Trauer selbst fühlte und mir sogar darin gefiel , während meine Mutter in tiefen Gedanken saß und manchmal einen Seufzer unterdrückte . So verharrte ich im Hause und gelüstete nicht im mindesten ins Freie und zu meinen Genossen zurück . Höchstens betrachtete ich einmal aus dem Fenster , was auf der Straße vorfiel , und zog mich sogleich wieder zurück , als ob die unheimliche Vergangenheit zu mir heranstiege . Unter den Trümmern und Erinnerungen meines verflogenen Wohlstandes befand sich ein großer Farbenkasten , welcher gute Farbentafeln enthielt , statt der harten Steinchen , die man sonst den Knaben für Farben gibt , die aber auch den heißesten Bemühungen nicht eine wohlwollende Tinte preisgeben . Ich hatte schon durch , Meierlein erfahren , daß man nicht unmittelbar mit dem Pinsel diese Täfelchen aushöhlen , sondern dieselben in Schalen mit Wasser anreiben müsse . Sie gaben reichliche , gesättigte Tinten , ich fing an , mit selben Versuche anzustellen , und lernte sie mischen . Besonders entdeckte ich , daß Gelb und Blau das verschiedenste Grün herstellten , was mich sehr freute , daneben fand ich die violetten und braunen Töne . Ich hatte schon längst mit Verwunderung eine alte in Öl gemalte Landschaft betrachtet , welche an unserer Wand hing ; es war ein Abend , der Himmel , besonders der unbegreifliche Übergang des Roten ins Blaue , die Gleichmäßigkeit und Sanftheit desselben reizte mich ungemein , ebensosehr der Baumschlag , welcher mich unvergleichlich dünkte . Obgleich das Bild unter dem Mittelmäßigen steht , schien es mir ein bewundernswertes Werk zu sein , denn ich sah die mir bekannte Natur um ihrer selbst willen mit einer gewissen Technik nachgeahmt . Stundenlang stand ich auf einem Stuhle davor und versenkte den Blick in die anhaltlose Fläche des Himmels und in das unendliche Blattgewirre der Bäume , und es zeugte eben nicht von größter Bescheidenheit , daß ich plötzlich unternahm , das Bild mit meinen Wasserfarben zu kopieren . Ich stellte es auf den Tisch , spannte einen Bogen Papier auf ein Brett und umgab mich mit alten Untertassen und Tellern ; denn Scherben waren bei uns nicht zu finden . So rang ich mehrere Tage lang auf das mühseligste mit meiner Aufgabe ; aber ich fühlte mich glücklich , eine so wichtige und andauernde Arbeit vor mir zu haben , vom frühen Morgen bis zur Dämmerung saß ! ich daran und nahm mir kaum Zeit zum Essen . Der Frieden , welcher in dem gutgemeinten Bilde atmete , stieg auch in meine Seele und mochte von meinem Gesichte auf die Mutter hinüberscheinen , welche am Fenster saß und nähte . Noch weniger , als ich den Abstand des Originales von der Natur fühlte , störte mich die unendliche Kluft zwischen meinem Werke und seinem Vorbilde . Es war ein formloses , wolliges Geflecksel , in welchem der gänzliche Mangel jeder Zeichnung sich innig mit dem unbeherrschten Materiale vermählte ; wenn man jedoch das Ganze aus einer tüchtigen Entfernung mit dem Ölbilde vergleicht , so kann man noch heute darin einen nicht ganz zu verkennenden Gesamteindruck finden . Kurz , ich wurde zufrieden über meinem Tun , vergaß mich und fing manchmal an zu singen , wie früher , erschrak jedoch darüber und verstummte wieder . Doch vergaß ich mich immer mehr und summte anhaltender vor mich hin , wie Schneeglöckchen im Frühjahr tauchte ein und das andere freundliche Wort meiner Mutter hervor , und als die Landschaft fertig war , fand ich mich wieder zu Ehren gezogen und das Vertrauen der Mutter hergestellt . Als ich eben den Bogen vom Brette löste , klopfte es an die Tür , und Meierlein trat feierlich herein , legte seine Mütze auf einen Stuhl , zog sein Büchlein hervor , räusperte sich und hielt einen förmlichen Vortrag an meine Mutter , indem er in höflichen Worten Klage gegen mich einlegte und die Frau Lee wollte gebeten haben , meine Verbindlichkeiten zu erfüllen ; denn es würde ihm leid tun , wenn es zu Unannehmlichkeiten kommen sollte ! Damit überreichte der kleine Knirps sein unvermeidliches Buch und bat , gefällige Einsicht zu nehmen . Meine Mutter sah ihn mit großen Augen an , dann auf mich , dann in das Büchelchen und sagte : » Was ist das nun wieder ? « Sie durchging die reinlichen Rechnungen und sagte : » Also auch noch Schulden ? Immer besser , ihr habt das Ding wenigstens großartig betrieben ! « während Meierlein immer rief : » Es ist alles in bester Ordnung , Frau Lee ! Diesen letzten Posten nach der Hauptrechnung bin ich jedoch erbötig nachzulassen , wenn Sie mir jene berichtigen wollten . « Sie lachte ärgerlich und rief : » Ei , ei ! So , so ? Wir wollen die Sache einmal mit deinen Eltern besprechen , Herr Schuldenvogt ! Wie sind denn diese artigen Schulden eigentlich entstanden ? « Da reckte sich der Bursche empor und sagte : » Ich muß mir ausbitten , ganz in der Ordnung ! « Die Mutter aber fragte mich streng , da ich ganz verblüfft und in neuer Beklemmung dagestanden : » Bist du dem Jungen dieses schuldig und auf welche Weise ? Sprich ! « Ich stotterte verlegen ja und einige Tatsachen über die Natur der Schulden . Da hatte sie schon genug und jagte den Meierlein mit seinem Buche aus der Stube , daß er sich mit frechen Gebärden davonmachte , nachdem er noch einen drohenden Blick auf mich geworfen . Nachher befragte sie mich weitläufig über den ganzen Hergang und geriet in großen Zorn ; denn es war vorzüglich das ehrbare Ansehen dieses Knaben gewesen , welches sie über meine Vergehungen keine Ahnung empfinden ließ . Sodann nahm sie Gelegenheit , gründlicher auf alles Geschehene einzugehen und mir eindringliche Vorstellungen zu machen , aber nicht mehr im Tone der strengen und strafenden Richterin , sondern der mütterlichen Freundin , die bereits verziehen hat . Und nun war alles gut . Allein doch nicht alles . Denn als ich nun wieder in die Schule trat , bemerkte ich , daß mehrere Schüler , um Meierlein versammelt , die Köpfe zusammensteckten und mich höhnisch ansahen . Ich ahnte nichts Gutes , und als die erste Stunde zu Ende war , welche der Rektor der Schule selbst gegeben , trat mein Gläubiger respektvoll vor ihn hin , sein Büchlein in der Hand , und erhob in geläufiger Rede seine Anklage wider mich . Alles war gespannt und horchte auf , ich saß wie auf Kohlen . Der Rektor stutzte , durchsah das Heft