sich so an jede nackte Felsen- und jede kahle Mauerwand lehnt , sie verschönernd durch seine trauliche Ansiedelung ! Vor den Reisenden lag dann auch endlich auf eine Stunde Weges entlegen das Schloß Hohenberg . Schon lange konnten sie das im Geschmack der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts errichtete stattliche Gebäude unterscheiden . Je näher sie diesem ihrem gemeinschaftlichen Reiseziele kamen , desto unruhiger wurde Hackert , desto heftiger seine Antworten , desto ungeduldiger das Seufzen , das ihm zuweilen entfuhr . Er wandte sich jetzt wieder zu Dankmarn und äußerte : Bis hierher , Herr ! Fahren Sie jetzt ! Dankmar beherrschte sich und erwiderte : Bis ich die Cigarre fertiggeraucht habe ! Die Aussicht auf das Schloß verschwand . Man war in einem anmuthigen Buchenwalde , der sich bis nach Plessen hinzuziehen schien . Welch frisches Laub ! Welche zauberhaften Lichter , wenn die Baumgattungen abwechselten und Tannen sich an Birken reihten , um gemeinschaftlich dann die Buchengruppen zuweilen zu unterbrechen ! Welcher Smaragdschimmer , wenn grünbewachsene Plätze zwischeninnelagen und von der Sonne beschienen wurden , die schon großer Öffnungen bedurfte , um mit ihren sich senkenden Strahlen hier durchzudringen ! Da sprangen ja noch Rehe erschreckt von ihrem grünen Lager unter einem großen freistehenden Eichbaum auf ! Es mußte mit des Jägers Kummer über die ausgeschossene Belebung dieser Wälder nicht so schlimm stehen . Der Fremde war im Anblick dieses stillen Friedens wie verloren . In dem Augenblicke hörten sie in der Ferne Pferdegetrappel . Hackert springt auf . Man sieht einen Zug von etwa fünf Reitern dahertraben , in der Mitte eine Dame , wie man an dem in der Luft fliegenden blauen Schleier erkannte . Hackert wirft Peitsche und Zügel fort , springt vom Sitz , schießt wie besessen über den Chausseegraben und ist im Nu im Wald verschwunden . Der Gaul , erschreckt von der heransprengenden Cavalcade , bäumt sich . Die Zügel schleifen schon an der Erde . Dankmar wirft eiligst die Cigarre fort . Der Fremde hält ihn , damit er nicht hinausspringt . In dem Augenblick jagt die Dame mit ihren Begleitern , an deren Spitze Dankmar den Stallmeister Lasally erkannte , vorüber . Es war Dies ein Glück für den bescheidenen Einspänner ; denn dem stutzigen Gaul wurde die Gelegenheit zum Durchgehen genommen . Die Cavalcade nahm sie im Vorbeireiten in die Mitte . Die Dame lachte vielleicht über die komischen Capriolen des zügelfreien Thieres und die verlegene Besorgniß der beiden Männer . Mit einem Sprung war Dankmar , als der Gaul glücklicherweise stand , hinaus und griff nach dem Zügel . Mit Verwünschungen gegen den Betrüger , der sie hier so plötzlich im Stich gelassen und ihm auch die Gelegenheit genommen hatte , die Dame zu fixiren , hieb er auf das erschreckte Thier zu und ohne sich weiter um Hackert ' s Rückkehr zu bekümmern , jagte er auf und davon . Was hatte nur der tolle Mensch ? fragte der Fremde , über das Zusammentreffen aller dieser Vorfälle erstaunt . Ich sehe , er ist verrückt , antwortete Dankmar . Ich glaubte diese Eigenschaft schon längst an ihm bemerkt zu haben . Es erleichterte Dankmarn , seinem Begleiter zu erzählen , wie er an diesen Gesellen gekommen wäre . Als er dabei einen Bericht über den eigentlichen Zweck seiner Reise erstattete und den Schrein erwähnte , den er in Hohenberg verloren und dort suchen wollte , unterbrach ihn der Fremde mit den Worten : Einen Schrein ? Etwa von drei Fuß Länge ? Wie ? fragte Dankmar gespannt ; allerdings ... etwa drei Fuß Länge ... Eiserne Bänder an dem Deckel ? Wohl ! Und am Boden ... Zwei Fuß breit mit ausgefelgten Rändern ? Zierlich geschnitzt ... Auf dem Deckel in erhabener Holzarbeit ein Kreuz ... Himmel , wo haben Sie diesen Schrein gesehen ? Er ist es ! Wo hab ' ich ihn gesehen ! fragte sich der Fremde selbst . Besinn ' ich mich wol , wo mir noch gestern dieser Schrein auffiel ! Ich beschwöre Sie , rief Dankmar , forschen Sie in Ihrem Gedächtniß . Die wichtigsten Angelegenheiten knüpfen sich für mich an diesen Schrein . Das Kreuz hatte nicht die gewöhnliche längliche Form der Kirche ... Doch ! doch ! Es war ein Malteserkreuz ! Ähnlich ! Ganz recht ! Es war ein Kreuz an den Enden mit kleeblattförmigen Rundungen . Das ist er ! Dankmar war wie auf glühenden Kohlen . Das Pferd hielt er an , da der Fremde ohnehin gewünscht hatte , aussteigen und nach Plessen einen Seitenweg einschlagen zu dürfen . Endlich , als Dankmar fast krampfhaft und erwartungsvoll des Fremden Hand ergriffen hatte , rief Dieser aus : Ich weiß es . Den Schrein sah ich gestern Abend im Hofe des Heidekrugs auf Schlurck ' s Wagen . Auf Schlurck ' s ... ? wiederholte Dankmar und stockte . Auf Schlurck ' s Wagen , versicherte der Fremde , der sich ihm in diesem Augenblick in einen Boten des Himmels verwandelte ; es war nach vier Uhr . Es dämmerte aber noch sternhell , als ich im Heidekrug ankam . Anfangs wollt ' ich die Nacht benutzen und nach einer Erfrischung weiterwandern . Da sah ich im Hof einen Reisewagen stehen , leicht bepackt , elegant . Der Kutscher zündete die beiden Laternen an , als wollte er weiterfahren . Der Wagenschlag hatte eine Chiffre , die mich fesselte . Ich blieb in der Nähe stehen . Ich sah dem Kutscher zu , wie er die Laternen befestigte . Dann ordnete er an seinem Fuhrwerk Dies und Jenes . Unter seinem Sitze hatte sich in einer dort befindlichen Vache Stroh gelockert . Er riß es vollends ab und rief den Hausknecht um neues an . Einen in der Vache liegenden Gegenstand schien er frisch emballiren zu wollen . Bei der Gelegenheit sah ich deutlich jenen Schrein , der mir wegen seiner alterthümlichen Form und des auf ihm sehr zierlich angebrachten Kreuzes , da der Deckel zur Seite lag , auffiel . Ich würde mich an dem Wagen nicht solange verweilt haben , wenn mir nicht das verwischte fürstlich Hohenberg ' sche Wappen an dem Schlage und das frisch und lebhaft darunter aufgetragene F.S. aufgefallen wäre . Ich fragte , wem die Kalesche gehörte . Es hieß : Dem Justizrath Schlurck . Ein lebhaftes Interesse , das ich an diesem Namen nehmen muß , veranlaßte mich zu bleiben und hinaufzusteigen in den Saal , wo Sie mich später fanden . Unten rief mich der Kutscher , ein brutaler Mensch , als ich ihm zusah , wie er den Schrein mit frischem Stroh umwand , mit groben Worten an . Ich gedachte meiner Blouse , blieb demüthig und machte die Bekanntschaft Schlurck ' s , der mir für mein Leben ebenso wichtig ist , als er es jetzt vielleicht auch Ihnen werden kann . Und auf wessen Zeugniß , fragte Dankmar im Ausbruch seiner jubelnden Freude , auf wessen Namen kann ich mich berufen , wenn ich von Schlurck mein Eigenthum zurückfodern werde ? Muß Dies sein ? sagte der Fremde zögernd und stieg von dem Wagen herab , während Dankmar die Zügel stark , aber auch den Fremden sanft festhielt . Daß Sie der Tischler nicht sind , sagte er dabei , der Tischler , für den Sie sich ausgaben , ist gewiß . Sie müssen mir das Zeugniß ausstellen , daß ich discret war und nicht in Ihr Geheimniß drang . Aber jetzt durch Ihre mir ewig dankenswerthe Entdeckung wird es mir zur Pflicht , Sie um Ihren Namen zu bitten ; denn ich weiß nicht , es ist mir , als wenn ich mit dem Finder nicht leichten Kauf haben werde . Schlurck ist ein Mann , der mir vorkommt , als könnte man ohne Zeugen und Proceß kein vor seinen Augen verlorenes Taschentuch wiedererhalten . Wie der Fremde noch zögerte und mit verlegenem Lächeln sich wegen seines Geheimnisses entschuldigen zu wollen schien , griff Dankmar , der nicht ohne Grund das Beispiel vom Taschentuche gewählt hatte , rasch in seinen Frack und langte das dem Fremden gehörende Tuch hervor : Hier ! sagte er , dieser Verlust muß uns näherbringen . Mein Taschentuch ! bemerkte der Fremde . Ihr Taschentuch ? Wirklich das Ihrige ? Das eingestickte Zeichen ... die Krone ? E. und die Zahl 100 ? Wohlan , mein Herr ! Ich will Ihnen das Geständniß erleichtern . Tauschen wir unsere Karten ? Damit zog Dankmar sein Portefeuille hervor und überreichte dem Fremden seine Karte . Dankmar Wildungen , sagte er , indem der Fremde seine Karte las ; Dankmar Wildungen , ein obscurer , junger Mensch , Prätendent des Glücks , wo er es findet , ein junger Jurist , Bürger kommender Jahrhunderte , ein Posa , den König Philipp mit dem entschuldigenden Titel : Sonderbarer Schwärmer ! entlassen haben würde , wenn er gerade in der Laune gewesen wäre , einmal von seinen Autosdafé sich auszuruhen . Nun denn , Sie junger , lieber Malteser ! sagte der Fremde , so will ich Ihr Carlos sein ; unter der Bedingung , daß Sie feierlichst geloben , mich nicht zu kennen , wo Sie mir hier auch in und um Hohenberg begegnen werden .... Mein Ehrenwort genügt ! sagte Dankmar mit ernstem Nachdruck . Lassen Sie uns Freunde bleiben , fuhr der Fremde fort . Ihre Offenheit kam aus edlem Herzen . Der Menschheit kann eine Zeit nicht verloren gehen , wo noch solche Flammen lodern wie in Ihrem Herzen , selbst wenn sie sich und Ihre Träume verzehren sollten . Aber nochmals ... Schwören soll ich ? sagte Dankmar lächelnd . Wobei wünschen Sie ? Der Fremde schüttelte den Kopf . Er hatte ein elegantes Portefeuille geöffnet , Dankmar ' s Karte hineingelegt und die seine hervorgezogen . Er überreichte sie Dankmarn mit einem herzlichen Händedruck , klopfte , wie zum Abschiede und Dank dem Gaul ein paar mal auf den schweißgebadeten Rücken und verschwand dann rasch hinter einem ganz in der Nähe befindlichen Gebüsch , von dem sich nach Plessen zu ein kleiner Fußweg durch die Wiesen schlängelte . Als Dankmar , unendlich glücklich über die vorläufige Beruhigung wegen seines ihm so werthvollen Verlustes , vorzog , nun erst am Fuß des Schlosses Hohenberg über Nacht auszuruhen , bis er zu der ihn jetzt magnetisch wieder zurückziehenden Hauptstadt umkehrte und er dann in leichtem Trabe nach dem unter dem Schlosse Hohenberg friedlich von der Abendsonne beleuchteten Flecken hinabfuhr , las er auf der Karte einen Namen , der ihn nach Allem , was er seither auf dieser Reise selbst erfahren und von Andern erzählt bekommen hatte , auf das angenehmste überraschen mußte . Die Visitenkarte lautete ganz einfach : Le Prince Egon de Hohenberg . 7 Rue d ' Auteuil . Zehntes Capitel Der Gläubiger vom Throne Das Schloß Hohenberg liegt auf dem ersten Vorsprung eines allmälig oberhalb des Fleckens Plessen sich erhebenden , unten mit Wiesen , oben mit Tannenwäldern bedeckten nicht unansehnlichen Bergrückens . In einem etwas schnörkelhaften Stile gebaut , besteht es aus einem dreistöckigen Hauptgebäude mit zwei fast gleich hohen hervorspringenden Seitenflügeln . Beide Flanken sind vorn durch ein etwas verwahrlostes , aber einst kunstvoll aus getriebenem Eisen verfertigtes Gitter verbunden . Das fürstlich Hohenberg ' sche Wappen aus verwittertem Sandstein gehauen , ziert oberhalb des Säulenportals die Spitze der über den Fenstern mit behelmten Römerköpfen gezierten Hauptfront . Im untern Stock gehen die Fenster wie Thüren auf den gepflasterten schattigen Hof , den in schöneren Tagen Orangenbäume zierten in großen buntgestrichenen Kübeln . Nach dieser durch große grüne Holzjalousieen noch gehobenen sehr stattlichen Vorderseite ist der emporgehende Fußweg unmittelbar von der Kirche und dem Pfarrhause zu Plessen her ziemlich steil . Sanfter aber dacht sich nach hinten der Berg so abwärts , daß man von dorther mit einem Umweg , der gleichfalls an der Vorderfront mündet , auch zu Wagen sehr bequem in dies einfache würdige Schloß gelangen kann . In den Zeiten der Fürstin Amanda , besonders als sie durch ihren religiösen Hang noch nicht zu sehr zur Verachtung der Weltfreuden verleitet war , übertraf die hintere Seite des Schlosses noch die stolze vordere beiweitem an traulicher Wohnlichkeit . Dort schloß sich dem Bau unmittelbar ein kunstvoller Garten an . Die Fenster des Erdgeschosses waren im Sommer geöffnet und führten unmittelbar aus etwas steif gegipsten und bemalten , aber doch anmuthigen Sälen ins Freie . An den Fenstern , wo große hellgrüne Vorhänge sich niedersenkten , wohnte die Fürstin im Sommer selbst und hatte um sich den ganzen Reichthum von Erinnerungen und Andenken , die sie so sehr liebte , ausgebreitet . Damals standen in dem von einem plätschernden Springbrunnen heiter belebten schattigen Quadrat des hintern Hofs und besonders an der Spitze des einen Flügels ( während an dem andern sich einige unerläßliche Wirthschaftsgebäude anlehnten ) kleine gefällige Statuen auf zierlichen Postamenten . Ein wohlunterhaltenes grünes Heck zeigte an , daß hier die stille trauliche Gartenwelt der Besitzerin begann , zu der die Abends und Morgens geöffneten Fenster dieses Flügels unmittelbar den Eintritt erlaubten . Auf leichten , vom Regen zwar verwitterten , aber doch bequem ebenen Steinstufen kam man , während sich links am kleinen Anbau der Fahrweg hinunterschlängelte , rechts in diesen wohlgehaltenen , terrassenförmig sich abdachenden Garten , von dem aus dem Bassin des obern Springbrunnens herab ein künstlicher Wasserfall sich in immer behendern Sprüngen bis in das Bächlein ergoß , von dem die plessener Mühlen getrieben wurden , die liebliche , baumbeschattete Ulla , die aus dem Ullagrunde herunterhüpfte . Diese Welt war schön . Die Natur bot der nachhelfenden Kunst die Hand , um sie liebevoll ansichzuziehen . Während rings die Berge schweigsam und feierlich herniederblickten , aus der Ferne Glocken läuteten , die Kühe auf den grünen Wiesenabhängen am Fuße der Berge weideten , war auch das Nächste hier innig und das Herz erhebend . Diese nähere Umgebung des Schlosses war halb ein Park , halb ein Garten . Man hatte Das , was die Natur bot , nur geordnet und zur Unterlage der Kunst gemacht . Da standen Beete von stolzen Feuerlilien und violetten Iris dicht unter einem Gebüsch von Hängeweiden , das man nicht erst zu pflanzen nöthig gehabt hatte . Da schimmerten weiße Birken neben Rosen oder diese rankten sich freigelassen an eine einsam stehende Tanne empor und umschlangen den trauernden Winterbaum so zärtlich , als wollten sie ihn tröstend erheitern mit duftender Frühlingsumarmung . Dann kam zum Ausruhen und Genießen gleich eine steinerne Bank dicht unter dem Schatten einer Hollunderhecke , die in sich selbst einen artigen Versteck barg , wenn man nur in den dicht zusammengewachsenen Zweigen genauer forschen wollte und den Eingang da suchen , wo man ihn am wenigsten vermuthete . Jetzt lag auf der Steinbank freilich Moos und Verwitterung . Die Spuren des letzten Regens blieben tagelang in dem Gestein , bis sie verdufteten oder eingesogen waren . Aber man fand doch auch neuere , grüngestrichene hölzerne Ruheplätze . Zu den Feldern und Wiesen abwärts hin , die dann wieder zu dem höhern und waldumkränzten Gebirge hinauf sich lehnten , dehnte sich der Garten in die Breite , aber noch immer ebenso traulich wie oben auf den sich allmälig abdachenden Terrassen . Da lag das von wildem Wein ganz eingehüllte Haus des Gärtners , lagen Treibhäuser , Ställe , Remisen , aber Alles versteckt durch sorgsam gepflegte Anpflanzungen . Eine Mauer , dann und wann von einem Graben oder einem alten Gitterwerk unterbrochen , umzog hier die ganze Besitzung . Freilich entdeckte man gerade auch hier die meisten Spuren des Verfalls . Ein Wasserbassin , eine ehemals gewiß lustig und schwatzhaft genug belebt gewesene Volière mit jetzt durchbrochenem Drahtgitter und ausgeflogenem Gefieder , kleine Pavillons , Postamente , auf denen Götter standen , die wol schon in den letzten Zeiten der Fürstin Amanda verschwanden , alles Das hatte sein früheres Leben verloren und stand wie müßige Denkmale des Vergessens da . Aber besonders gefällig ist doch noch immer ein kleiner Tempel am Rande der Grenzmauer , von dem aus man die Aussicht halb in die Thalebene , halb in das Gebirge genoß , das hier ein Echo wiedergab . Um sich mit dem ursprünglich heidnisch gedachten Bau dieses Tempels zu versöhnen , hatte die Fürstin , die ihn liebte , ein schönes , noch wie neu strahlendes goldenes Kreuz auf der runden Kuppel errichten lassen . Hier , erzählte man , hatte sie stundenlang gesessen und die Grüße der Vorübergehenden entgegengenommen und meist mit einem gewissen strengen Ernst erwidert , als wollte sie Jedem tief hinunter in den Grund der Seele blicken und fragen : Bist du auch nicht etwa dir selbst gerecht , oder fühlst du , daß du nur durch die Gnade Gottes lebst ? Hier hatte sie Greise , Männer , Frauen , Kinder angehalten , nach ihren Schicksalen , Wünschen und Hoffnungen befragt und sie oft mit Unterstützungen , immer aber mit einem Fingerzeige auf den Erlöser , der Alles zum Besten kehren würde , entlassen . Dabei las sie meistens ein Buch ihres gewählten Geschmacks , blickte über die Gitter des Tempels zum düstern Walde hinüber , wo die Ulla aus den grünen Berglehnen hervorbrach , ließ die alte Brigitte hinter sich plaudern , nahm des alten Winkler Berichte über die Gartenanlagen entgegen und hob sich doch , obgleich sie bei noch nicht funfzig Jahren sehr krank war , immer höflich empor , wenn der Pfarrer , Guido Stromer , ihr täglicher Umgang , zur gewohnten Stunde eintraf . Als sie unter diesem durch das goldene Kreuz entsündigten heidnischen Tempel nicht mehr sitzen , die Vorübergehenden nicht mehr grüßen und im Herrn ermahnen konnte , nahte sich ihr Ende auch in raschen , von dem drüben in Randhartingen wohnenden Doctor Reinick nicht mehr abzulenkenden Schritten . Hier , in der Nähe dieses nun heute vom Abendlichte besonders schön angestrahlten Tempels , erblickte man noch die meiste Pflege der im Ganzen verfallenen und vernachlässigten Besitzung . Der alte Gärtner Winkler , der für einen Gärtner galt , weil ihn die Fürstin in den Zeiten , wo schon ihr Sinn für die geschmückten Schönheiten der Natur zu ersterben anfing , für einen Gärtner nehmen wollte , der alte Winkler , sonst nur in jungen Tagen ihr Kammerdiener ( in den Tagen der Hoffahrt , wie sie sie nannte ) , hatte den Gartenrechen in der Hand und zog mit Zittern und kaum sich aufrechthaltend im Sande die kleinen Striche , die hier Pflege und Ordnung bedeuten sollten . Die alte Brigitte , sonst die allgewaltige Beschließerin des Hauses , sah ihm , auf einer Bank sitzend , zu und seufzte einmal über das andere . Sie wehklagten , was ihnen Beiden die nächste Zukunft bringen würde . Noch war Brigitte schwarz gekleidet , noch trug sie die Trauerkleider über die vor zwei Jahren heimgegangene Gebieterin , die ihr testamentarisch angefertigt wurden , trotzdem , daß es an solchen düsterfarbenen Kleidern im Nachlaß der Fürstin nicht fehlte .... Die Trauer sollte echt sein und aus der Fülle des Herzens fließen .... Der alte Winkler aber nahm sich in seiner hellblau-rothen Hohenberg ' schen Livrée schon recht abgeschabt und verkommen aus . Gott walt ' es , sagte die alte Brigitte ; der Herr hat die Haare auf unserm Haupte gezählt .... Der schon etwas kindisch gewordene Gärtner entblößte seinen kahlen Scheitel , auf dem keine Haare mehr standen , und meinte auch : Ja , ja ; er hat die Haare auf unserm Haupte gezählt ... und kein Sperling fällt vom Dache ohne seinen Willen ; setzte er hinzu . In dieser Weise hatten die Dienstleute der Fürstin Amanda sich auszudrücken gelernt . Wenn sie uns hinausstoßen , begann Brigitte mit praktischer Anwendung .... Was thun wir ? Wer nimmt uns arme Sünder auf ? Der Herr wird ihre Herzen lenken , meinte der alte Gärtner . Und der Prinz wird ' s nicht geschehen lassen .... Ich hab ' ihn auf meinen Knieen geschaukelt ... er wird ' s aber vergessen haben .... Er wird ' s nicht vergessen haben .... Als er vor sechs Jahren noch einmal da war , sah er uns nicht mehr an .... Sah er uns nicht mehr an ... Er war noch zu jung .... War noch zu jung .. Sein Herz lag noch im Argen .... Es lag im Argen .... Die Fürstin sah ' s wohl .... Die sah ' s wohl .... Und sie weinte darüber .... Der alte Winkler bestätigte alle diese rhapsodischen Bemerkungen und weinte auch , als Brigitte die Schürze nahm , um sich das Auge zu trocknen . Aber die Fürstin sagte doch , fuhr dann nachdenklicher die alte Beschließerin fort , sagte doch : Auch seine Stunde wird schlagen .... Sie wird schlagen ... Und die Erleuchtung kommt von oben ! Kommt von oben ! wiederholte Winkler und harkte wieder und fügte sich wieder in Geduld und überließ wie immer die praktische Seite ihrer Verhältnisse der geisteskräftigern Brigitte . Wie die alten Diener des Hohenberg ' schen Hauses , für die der verstorbene Fürst , der berühmte Generalfeldmarschall Waldemar von Hohenberg , wenig gesorgt zu haben schien , noch so ihre bangen Sorgen aussprachen , welche Zukunft ihnen bei dem rathlosen Zustande der Verwaltung dieser schönen Besitzungen werden würde , redete sie plötzlich ein langer , feingekleideter , mit steifer Haltung einherschreitender Herr an und lächelte dabei mit einem sonderbaren Ausdruck . Excellenz ! riefen Beide erschrocken aus einem Munde und wandten sich bestürzt um . Der lange Herr nickte sehr gnädig und ging ruhig lustwandelnd auf dem frisch geharkten Wege , ihn mit seinen Fußstapfen vertretend , weiter . Das wäre eine Herrschaft für uns , sagte die alte Brigitte , als dieser lakonische Herr vorüber war und Winkler sich anschickte , wieder jene Fußstapfen zu überharken .... So vornehm , so apart ! O die Zeit , da nur solche Menschen hier verkehrten ! Ja , ja , Das ist eine Excellenz ! Hochmuth kommt vor dem Falle ! meinte Winkler . Er hatte eine Meinung geäußert , die jedoch hierher nicht zu passen schien . Wie so Hochmuth ? meinte Brigitte , die in dieser selbständigen Antwort nicht viel Vernunft fand . Als der Alte schwieg , schüttelte sie den Kopf und flüsterte vor sich hin : Er wird recht schwach ! Der Gärtner hatte kaum die Fußstapfen des Mannes , den sie so ehrerbietig mit Excellenz begrüßt hatten , ausgeglichen , als diese gemessene steife Figur wieder zurückkehrte . Brigitte stand wieder auf , knixte wieder , Winkler zog wieder sein Käppchen und Beide sagten wieder : Excellenz ! Der große zugeknöpfte Herr nickte herablassend mit dem kleinen Kopf , blieb , ohne etwas zu sagen , einen Augenblick stehen und entfernte sich mit einem Ausdruck , als wollte er äußern : Ich freue mich , daß ihr mir die Hochachtung erweist , die ihr meinem Stande schuldig seid ! Doch sagte er nichts , sondern schwieg und lächelte . Brigitte setzte sich und der geduldige Winkler harkte zum zweiten mal die Fußstapfen der Excellenz aus .... Wenn ' s nach mir ginge , meinte Brigitte , ich wünschte , so eine Excellenz kaufte das Schloß .... Kann man das Schloß kaufen ? meinte Winkler , plötzlich ganz verdutzt . Natürlich kann es Einer kaufen . Aber reich muß er sein , fuhr Brigitte fort , ohne auf die Narrheit der Winkler ' schen Einwürfe zu hören . Der wär ' es da ! Sein Bedienter ... der Franz ... hat ' s gesagt ; die Meubles alle kauft er schon ; aber für den König . Für den König ? die Meubles ? verwunderte sich Winkler und mit Recht . Alle Schlösser vom König hat ja die Excellenz da zu regieren , erklärte Brigitte . Wer regiert die Schlösser ? fragte Winkler . Der da ! Und alle Gärten ! fuhr Brigitte fort . Alle Schlösser und Gärten des Königs und viele hundert Gärtner und Gärtnermädchen stehen unter ihm .... Jetzt bekam der alte Mann einen Einfall . Nun fühlte er sich . Er glaubte mit seinem verwilderten Garten , der doch so schön grün noch aussah , der doch soviel bunte Blumen noch trieb , eine Ehre einzulegen , vielleicht Anerkennung , Beförderung zu finden . Aber bis zu dem Muth , Frau Brigitte aufzufodern , sich nach des vornehmen Herrn , den sie nur als Excellenz kannten , Namen zu erkundigen , die Idee auszusprechen , ob er nicht noch ein Plätzchen im Staatsdienst offen hätte für eine alte zitternde Gärtnerhand , soweit reichte sein , wie man wol annehmen kann , durch die formelle Religionsübung und die systematische Selbstbeschränkung verengter Horizont nicht , obschon ihm in der That die Auszeichnung zutheilwurde , daß der herablassende vornehme Herr zum dritten male zurückkam , wieder den geharkten Weg zertrat , wieder sich eines beifälligen Nickens befleißigte , endlich aber doch mit Kennermiene sich als ein mit Sprachwerkzeugen begabter Sterblicher zeigte und dahin äußerte , daß er ganz kurz und gar leise , gar leise die Worte flüsterte : Schön geharkt ! Richtiger Strich Das ! Seid ' s braver Gärtner ! Kenne Das ! Schön geharkt ! So fortgefahren ! Brave alte Leute ! Brigitte dankte für sich und für den alten Winkler , der ganz sprachlos vor Spannung dastand und die leisen Worte nicht gehört hatte . Ach , Excellenz sind gar zu gnädig , ergriff sie , sich Muth fassend , rasch das Wort ; gar zu gnädig gegen uns geringe Leute . Gott wird Excellenz dafür lohnen , zeitlich und ewiglich , denn bei Dem da oben gilt kein Ansehen der Person . Aber wenn Excellenz ( die vorige Phrase choquirte weder ihn noch sie ) , wenn Excellenz das ganze Schloß kaufen sollten und nicht blos das Mobiliar der in Gott ruhenden Fürstin , der ich funfzig Jahre treu gedient habe , wenn Excellenz dann zwei alte Diener nicht verstoßen möchten , die jeden Riegel hier im Schlosse kennen - Schön geharkt ! Richtiger Strich ! Braver Gärtner ! Ich kenne Das ! Diese Worte waren Alles , was der vornehme Herr , sie unterbrechend , als Antwort gab . Er lächelte dabei sehr herablassend und ging , nachdem er Winkler und Brigitte auf die Schultern geklopft hatte , vorüber , ohne sich auf ein Dienstgesuch einzulassen , daß man ihm wahrscheinlich schriftlich einreichen mußte . Ein Gefühl , daß er da Menschen zurückließ , von denen er mit vollem Rechte annehmen durfte , daß er sie außerordentlich glücklich gemacht und durch seinen Beifall mit einer der angenehmsten Hoffnungen für ihre noch kurze Lebenszeit erfüllt hatte , überkam ihn dabei wol mit einschmeichelndem Behagen , aber nur flüchtig , nur obenhin . Dieser vornehme Herr war nun , wie wir bald bestätigt erhalten werden , Se . Excellenz der Herr Intendant sämmtlicher königlicher Schlösser und Gärten , eine im Lande wohlbekannte und gefürchtete Persönlichkeit , der wirkliche Geheimrath Kurt Henning Detlev von Harder zu Harderstein , zweiter Sohn jenes neunzigjährigen Obertribunalpräsidenten , der bei Tempelheide mit Anna von Harder , der Witwe seines ersten Sohnes , in so stiller Zurückgezogenheit lebte . Der neunzigjährige Hohepriester der Themis hatte bekanntlich zwei Söhne ; einen feurigen , höchst talentvollen , unternehmenden , aber früh verstorbenen , den Gatten eben jener Anna von Harder , die Frau von Trompetta als ein so seltenes Muster edler Weiblichkeit gerühmt hatte und nach Allem , was wir jetzt schon von ihr wissen , ein solches wol auch sein mußte . Der jüngere dagegen war diese sogenannte » junge Excellenz von Harder « , die nicht ganz in die Richtung des Harder ' schen Hauses paßte . Der alte Vater war ein scharfsinniger und sehr bedeutender Kopf , dem der ältere Sohn in jeder Hinsicht entsprach ; der Jüngere dagegen , früh etwas verwöhnt , wurde durch einen Zufall , den der Vater ewig bereute , für den Hof erzogen , war anfangs Kammerpage , dann Kammerjunker , zuletzt Kammerherr und hatte keine andere Bildung sich angeeignet als die , die er auf Reisen mit dem verstorbenen Monarchen , dem Vater des jetzt regierenden , sich sammeln konnte . Es war durch die Richtung , die der Kammerherr Kurt Henning Detlev von Harder nahm , eine große Spannung zwischen Vater und Sohn eingetreten . Berührungen fanden seit Jahren zwischen ihnen nicht mehr statt und konnten es um so weniger , als sich der wunderliche alte Herr nur auf seine Gerechtigkeitsübung beschränkte , in frühern Jahren allenfalls noch nebenbei die Maurerei , die er sehr liebte , eifrig trieb , gegenwärtig aber auf seine sonderbaren psychologischen Studien über die Thierseele , die ihn von den Menschen ganz abzog , sich beschränkte . Spötter bei Hofe , die den später zum wirklichen Geheimrath und Intendanten der königlichen Schlösser avancirten Kammerherrn von Harder nach seinem Geistesgrade kannten , behaupteten , daß sein Vater , als dieser sein Sohn von Reisen mit dem verstorbenen Landesfürsten und besonders von einer mehrjährigen Abwesenheit in Paris zurückkehrte , gerade durch das Wiedersehen desselben auf die Idee gekommen wäre , sich künftig nur noch mit den Geistesanlagen der Thiere zu beschäftigen . Ehemalige Spötter behaupteten Das . Denn wie wir bald sehen werden , in der Nähe des gegenwärtigen Herrscherpaares durften sich solche Plaisanterien , Wortspiele und kleinen Frivolitäten nicht mehr hörbar machen . Nach anderer Version verdankte Henning von Harder seine Stellung nicht den Rundreisen mit dem verstorbenen Monarchen , sondern dem eminenten Geiste seiner Gattin , die zufälligerweise auch seine Schwägerin war . Die beiden Harders hatten Schwestern geheirathet , die geborenen Freiinnen Anna und Pauline von Marschalk . Wie Dem auch sein möge - die Zukunft wird uns über diese in unsere Geschichte eingreifenden Persönlichkeiten Aufklärung geben - wie Dem auch sein möge , Se . Excellenz der Geheimrath von Harder war auf dem Schlosse Hohenberg als Gläubiger vom Throne erschienen und hatte in