offner Zustimmung . Der Prinz Karl blickte ernsthaft auf den Sprechenden . - Ich werde mit dem Könige reden - fuhr der Prinz A. fort , unbekümmert um den Eindruck , den seine Worte hervorbrachten - ich werde ihm die Stimmung des Volks schildern . - Nein - sagte Prinz Karl , ihn bei der Hand fassend - stören Sie ihn in diesem Augenblicke nicht , aber sprechen Sie mit der Königin . Der Prinz A. näherte sich der Königin und war eben im Begriff , sie anzureden , als der König sich erhob . Ein tiefes Schweigen trat ein , in welchem man deutlich von unten herauf die Worte : » Rache ! Rache ! « - » Waffen her ! « - vernahm . Graf A. - sagte der König . - Lassen Sie dem Volke die Proklamation verlesen , welche die Errichtung der Bürgerwehr verkündet . Ich will das Aeußerste versuchen , um diesem unseligen Zustande auf friedliche Weise ein Ende zu machen . Graf A. bemerkte , indem er sich entfernte , um den Befehl des Königs auszuführen , daß die Blicke der Minister Th. und B. sich begegneten . - Majestät - sagte der Letztere , auf den König zutretend - Sie kennen meine Ergebenheit und Anhänglichkeit . - Auf diese allein mich berufend , wage ich Ew . Majestät zu beschwören , nur jetzt kein Schwanken , keine Unentschiedenheit ! - - - Ich gebe ihm Recht - sagte halblaut theils zu sich selbst , theils zum Prinzen Karl gewendet , der Prinz von Preußen . Es waren seine ersten Worte . Der König , welcher mit auf den Rücken gelegten Händen , die Augen auf den Boden geheftet , mit kurzen , unsicheren Schritten hin und her ging , blieb einen Augenblick stehen und warf einen fragenden Blick auf seine Brüder . Aber er erwiederte nichts , sondern setzte seinen Weg wieder fort . - Man kann zweifelhaft sein - fuhr der Minister fort - nach welcher Seite hin die Entscheidung ausfallen müsse , um am schnellsten , sichersten und ohne viel Blutvergießen zum Ziele zu gelangen . Meiner Meinung nach ist in dieser Rücksicht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Wegen ; aber unerschütterlich fest steht meine Meinung , daß jeder in der Mitte liegende zum Unheil führt . Entweder , Majestät , gewähren Sie Alles oder verweigern Sie Alles ! - Und welchen Rath gebt Ihr mir ? - wandte der König sich an seine Brüder . - Gewähren Sie - sagte Prinz Karl . Der Prinz von Preußen schwieg . Der König blieb eine Weile vor ihm stehen , trat dann ans Fenster , und sah , wie von einem mit Brettern beladenen Leiterwagen herab die Proklamation verlesen wurde . Aber die Menge schien unbefriedigt , sei es durch den Inhalt oder durch die Unmöglichkeit , in dem Tumult das Verlesene zu verstehen . In diesem Augenblicke trat der General von Pr . ein . - Majestät - sagte er , zum Könige herantretend - ich erwarte Ihre Befehle . Der König schien einen Entschluß gefaßt zu haben . - Das Militair soll sich zurückziehen - sagte er bestimmt . Der General trat einen Schritt zurück . - Das ist unmöglich , Majestät - - Unmöglich ? - fragte der König , den jeder Widerspruch erbitterte - Warum ? - Majestät , es würde zwecklos sein , die Aufregung ist bereits zu einem Grade gestiegen , der ein entschiedenes Handeln zur Pflicht macht . Sehen Sie dort - er wies die Königsstraße hinab - die Barrikaden ? In der Friedrichsstadt ist der Aufstand bereits vollkommen organisirt . Jede Minute Zögerung würde durch Ströme Blutes wieder eingebracht werden müssen . Ja , ich wage zu behaupten , daß nur ein schneller und kräftiger Angriff einem großen Blutbade vorbeugen kann . Lassen wir der Menge Zeit , sich hinter den Barrikaden festzusetzen , so werden tausendfache Opfer gebracht werden müssen für die Herstellung der Ruhe - und wer kann wissen , ob sie vielleicht nicht doch vergeblich gefallen sind . Der König schwieg noch immer , den starren Blick auf die Straße geheftet . Hier war indeß eine neue Veränderung eingetreten . Man hatte mit dem Militair kapitulirt . Dieses wollte vom Platze zurückziehen , wenn das Volk ebenfalls die andere Hälfte des Platzes räumen würde . Letzteres zog sich sofort bis auf die Kurfürstenbrücke zurück . Aber statt sich ebenfalls zurückzuziehen , rückte das Militair im Sturmschritt nach und hatte dadurch den ganzen Platz und bald darauf auch die Kurfürstenbrücke in seine Gewalt bekommen . Die fortdauernde spannende Ungewißheit , in welcher sich die Umgebung des Königs über dessen endliche Entscheidung befand , lagerte sich wie eine düstere Wolke über alle Anwesenden . Keiner wagte mehr zu sprechen . Aber alle Blicke hingen mit Angst an dem Gesicht des Königs , dessen Aufregung allmählig bis zur äußersten Grenze des Möglichen gestiegen war . Kalter Schweiß stand in dicken Tropfen an seiner hohen kahlen Stirn . Sein bald starr auf die Straße gerichteter bald unstätt im Saale umherschweifender Blick hatte einen unheimlichen Glanz angenommen . - Erschöpft warf er sich endlich wieder in den Armstuhl zurück , als vermöchte er die gewaltige Schwere dieser Stunde nicht länger zu tragen . - Elisabeth - sagte er zu der Königin , welche sich wieder zu ihm herabbeugte , und weinte - Elisabeth , du bist krank und solltest dich zur Ruhe legen . - - - Nein , nein , bleibe bei mir ; es ist mir , als ob mein guter Engel mich verläßt , wenn du gehst - - - - o , ich traue Keinem von diesen hier , Keinem - - Sie haben alle ihre Absichten , ich weiß es wohl - - - wer mir sagen könnte , wer von ihnen es ehrlich meint , wem ich trauen könnte . - Dem wollt ' ich folgen . Du bist ein Weib , dich schreckt die Gefahr - - horch , wie sie toben - - - - ah , da ist Arnim . Nun was bringen Sie ? Wenig Tröstliches , Majestät , doch glaube ich auch jetzt noch , daß eine Vermittelung immer noch möglich ist , Majestät erlauben , einen Vorschlag zu machen ? - - - Lassen Sie hören , lieber Graf . - Ich habe hier in der Geschwindigkeit eine Fahne fertigen lassen . - Der Graf entrollte ein großes Stück Leinwand , worauf mit fußgroßen Buchstaben die Worte standen : » Ein Mißverständniß ! Der König will das Beste . « - - Versuchen Sie es , Graf ; aber eilen Sie . Gebe der Himmel , daß Ihre Hoffnung erfüllt wird . Der Graf eilte fort , um seinen Vorschlag auszuführen . Der König trat abermals ans Fenster . - - - - Die Fahne erschien bald auf dem Platze . Zwischen zwei hohen Stangen befestigt , so daß die Worte deutlich zu lesen waren , bewegte sie sich nach der Königsstraße . Jetzt stand sie , die Menge umringte sie - - Der König hielt den Athem an - - - Ah , die Ruchlosen - rief er erbleichend , als er die Fahne schwanken , fallen und mit Füßen treten sah . - Wohlan , es war das letzte Mittel . Das Aeußerste ist versucht worden . - Sie wollen es nicht Anders . - General Prittwitz ! - Majestät ! - Thun Sie Ihre Pflicht , General - - und melden Sie mir , wann die Ruhe hergestellt ist . Mit diesen Worten reichte der König der Königin den Arm und begab sich nach seinem Cabinet . Die Zurückbleibenden sahen ihm schweigend nach . Unschlüssig , was er thun solle , trat auch der Prinz A. ans Fenster und verfolgte die Bewegung , welche sich jetzt unter dem Militair kundgab . Am Eingange der Breiten-Straße wurden zwei Kanonen aufgefahren . Da erzitterten plötzlich die Fenster von dem dumpfen Donner des schweren Geschützes . Unwillkürlich trat der Prinz einen Schritt vom Fenster zurück und faßte nach seinem Degen . - Einige Sekunden später fand er sich auf der Straße , ohne zu wissen , wie er herabgekommen . Von einer unerklärlichen Ahnung getrieben , eilte er nach Alicens Wohnung . XII Als Alice ihre Wohnung wieder verlassen hatte , waren Lydia und Salvador zu ihrem früheren Schweigen zurückgekehrt . Lydia wandte von Zeit zu Zeit , wenn ein fernes Getöse von Waffen zu ihr herüberdrang oder der dumpfe Knall eines Kanonenschusses die Scheiben erdröhnen machte , ihren Blick mit geheimem Schauder auf die Straße hinab . Aber noch war diese Gegend vom Gewühl des Kampfes völlig unberührt geblieben . Die Läden waren geschlossen ; an den Hausthüren standen eifrig sich unterhaltende oder mit ängstlicher Neugier die Straße hinabschauende Gruppen . Nur zuweilen lief ein einzelner Mensch eilig das Trottoir hinab , ohne den Gaffern an der Hausthüre , die ihn mit Fragen bestürmten , Rede zu stehen . Salvador hatte seinen alten Sitz zu den Füßen Lydia ' s wieder eingenommen und schien nicht die geringste Theilnahme für die Ereignisse draußen zu empfinden . Mehr spielend als in ernster Absicht , zog er seinen Dolch hervor , prüfte Schneide und Spitze und versuchte , da er etwas angelaufen war , ihm durch Schleifen auf dem hölzernen Fenstertritt , worauf Lydia ' s Stuhl stand , seinen früheren Glanz zurückzugeben . Das Getöse kam näher , die Schüsse donnerten stärker , die Zwischenräume zwischen den einzelnen Salven wurden kürzer . Häufiger eilten jetzt die Menschen die Straßen hinab ; bald zeigten sich kleinere , bald größere Trupps von Arbeitern , welche theils mit Flinten und Säbel , theils mit großen Eisenstangen , Aexten , Hacken und sonstigen Werkzeugen bewaffnet waren . - Während ein Theil die nächste Straßenecke verbarrikadirte , rissen Andere das Pflaster auf und sammelten die Steine zu einzelnen Haufen . - Die Barrikade war fertig - - man begann jetzt die Häuser zu befestigen . Mit ängstlichem Staunen blickte Lydia auf das Treiben nieder . Plötzlich wurde sie durch ein bescheidenes Klopfen an der Thüre aufgeschreckt . - Was thun wir , Salvador ? - fragte sie bebend den Knaben . - Wenn ' s Anna wäre ? - Die Tia hat gesagt , daß wir nicht öffnen sollen - erwiederte er , ruhig in seinem Schleifen fortfahrend . Das Klopfen wurde stärker . - Salvador hörte auf zu schleifen und faßte den Dolch fester . - Aufgemacht - donnerte man jetzt draußen . - Sie werden die Thüre einschlagen - Geh , öffne Salvador . - - Die Tia hat gesagt , wir sollen Niemandem öffnen - wiederholte er . - Dann werde ich selbst öffnen - - Lydia ging nach der Thüre . Mit bebender Hand zog sie den Riegel zurück , doch schon bereute sie ihre That , als sie einen Haufen wild aussehender bewaffneter Männer erblickte . Erschreckt trat sie einen Schritt zurück . Da erblickte sie Anna unter ihnen . - O , fürchten Sie nichts , Fräulein - sagte diese . - Sie wollen Ihnen nichts zu Leide thun - - sie wünschen nur Waffen von Ihnen . - Du weißt ja Anna , daß hier nur zwei Frauen wohnen . Wir haben keine Waffen . - Ich habe doch eine Waffe - sagte Salvador hervortretend , und seinen Dolch zeigend - aber die werde ich behalten . Ein tüchtiger Junge - sage lächelnd der Anführer der Arbeiter . - Sie werden die Thüre nicht wieder verschließen ? - fuhr er zu Lydia gewendet in halb fragendem halb befehlendem Tone fort - und uns die Zimmer nach der Straße überlassen ? - - Mein Gott , was wird aber Alice sagen ? - bemerkte Lydia zu Salvador gewendet . - Alice ! - sagte der Arbeiter - wohnt Alice hier ? - Ja , sie ist meine Freundin - erwiederte Lydia - erstaunt über des Arbeiters Frage . - Hierher - Cameraden - ein glücklicher Zufall hat uns in die Wohnung unserer Präsidentin geführt . Alice wohnt hier ! Eine freudige Bewegung gab sich in dem Haufen kund . - Das ist hier ihre Freundin ! Sie muß eine Schutzwache haben . Wer bleibt hier als Wache ? Freiwillige vor ! Alle drängten sich nach dieser Ehre . Der Führer wählte zehn der Stärksten und am besten Bewaffneten aus und stellte sie Lydia zur Disposition . - Ihr vertheidigt diese Dame bis auf den letzten Mann . Ihr andern wißt , was noch zu thun ist . Schnell ans Werk . Das Haus wurde jetzt in Vertheidigungszustand gesetzt . Es war die höchste Zeit , denn der Angriff auf die Barrikade hatte bereits begonnen . Lydia , welcher sich eine Aufregung bemächtigt hatte , durch welche die Angst vor der nahenden Gefahr in den Hintergrund gedrängt wurde , eilte ans Fenster . - Sie sah , wie die Soldaten sich zu einer zweiten Salve bereit machten - aber die hinter den Barrikaden stehenden Arbeiter kamen ihr zuvor . Auf das Kommandowort des Führers flog ein Steinregen in die Reihen der Soldaten - die Wirkung zeigte sich sogleich - zehn bis zwölf waren sofort gefallen , die Uebrigen zogen sich eilig zurück . - Machen Sie das Fenster zu , liebes Fräulein - sagte Anna . Je weiter die Soldaten stehen , desto größer ist hier oben die Gefahr . Die Kugeln gehen dann höher . - Die Richtigkeit dieser Bemerkung zu erkennen hatte Lydia sogleich Gelegenheit . Dicht neben ihr schlug eine Musketenkugel in die Bekleidung der Fenster . Sie bohrte sich einen Zoll tief in den Kalk ein und fiel dann matt auf das Fenstergesims . - Die sollt ' ihr wieder haben , - sagte ein Arbeiter , die Kugel aufnehmend . Sehen Sie dort den kleinen Lieutenant mit dem blonden Haar ; der soll sie kosten . Mit diesen Worten eilte er auf den Boden . - Man möchte sonst das Fenster aufs Korn nehmen , wenn ich von hier aus feuerte - sagte er . Die Soldaten rückten zum zweiten Male im Sturm an . Zehn Schritte vor der Barrikade machten sie Halt , die Kolben der Gewehre an die Wange gedrückt . So standen sie , wartend , ob nicht ein Kopf über der Barrikade erscheinen würde . Da hörte Lydia einen schwachen Knall über sich , in demselben Augenblicke fuhr der » kleine Lieutenant « mit der Hand nach der Brust ; der Säbel entfiel seiner Hand und er stürzte zu Boden . - O mein Gott - sagte sie , das Gesicht verhüllend - er hat seine Drohung wahr gemacht . - - Es ist ein eigenes Ding , dem Morde eines Menschen zuzuschauen , der in einem Augenblick kräftig und lebensmuthig in der Fülle der Gesundheit dastand , im nächsten als Leiche auf den Boden hingestreckt liegt . Der Eindruck ist nach den Charakteren verschieden , doch gewöhnlich nur ein zwiefacher : Man erstarrt entweder im Innersten seiner Seele oder - bleibt gleichgültig . Nicht immer übt ein solcher Anblick gerade auf den Neuling den erstern , auf den damit Vertrauten den letztern Eindruck aus . Es giebt Menschen , die sich nie an dergleichen gewöhnen können , sondern nur dann darüber hinaus kommen , wenn ihre eigene Begeisterung und jene Trunkenheit , in welche die Hitze des Kampfes zu versetzen pflegt , eine gewisse Höhe erreicht hat ; Andre dagegen bleiben einem solchen Schauspiel gegenüber um so kälter , je krankhafter vorher ihre Bangigkeit und je furchtbarer ihre Vorstellung davon gewesen . Lydia war eine weiche Natur , welche , einem zarten Saitenspiel vergleichbar , durch den leisesten Hauch - sei es der Freude oder des Schmerzes - in nachhallende Bewegung versetzt wurde . Wenn sie daher durch ihre anfängliche Aufregung gegen die unter ihren Augen andringende Gefahr gewissermaßen gestählt worden , so war doch mehr ihre Phantasie als ihr Gefühl angeregt . Die nackte Wirklichkeit schlug daher durch ihre grausame Kälte eben so sehr die Wärme ihrer Illusionen , wie durch ihre triviale Rohheit die Idealität ihrer Empfindung nieder . Die künstliche Besonnenheit , welche sie gewonnen , wich einer verzweiflungsvollen Trostlosigkeit , die sie nahe an den Rand der Bewußtlosigkeit führte . Salvador hatte sie nicht verlassen . Zwar zog es ihn hinab unter die Kämpfenden , aber da er kein besonderes Interesse am Kampf haben konnte , als höchstens den Kampf selbst , so kostete es ihm wenig Ueberwindung , bei Lydia zu bleiben . Hinter ihrem Stuhle stehend , verfolgte er , wie sie , alle Bewegungen des Feindes . Als der Officier fiel , schlug sein Herz rascher und hob sich seine Brust stolzer , als sei er selbst es gewesen , der ihn getödtet . Um so mehr war er über den Eindruck erschreckt , den der Fall des Officiers auf Lydia hervorbrachte , deren Angst sich zuletzt in einem Strom von Thränen auflöste . Salvador schauete unverwandt auf die Straße hinab . Er sah , wie die Soldaten nach dem Fall ihres Führers sich zurückzogen , aber nur um sich zu verstärken . Bald rückten sie in dreifacher Menge wieder gegen die Barrikade vor . Der Kampf wurde jetzt von beiden Seiten hitziger und mit größerer Erbitterung geführt . Zwar waren die Soldaten durch den Mangel jeglicher Deckung dem Steinregen und den einzelnen Schüssen der Arbeiter mehr ausgesetzt . Dennoch waren bereits mehrere der Letzteren durch wohlgezielte Schüsse hingestreckt worden . So dauerte der Kampf eine volle Stunde hindurch . Da schien es endlich , als ob die Soldaten , des nutzlosen Angriffs müde , sich zurückziehen wollten . Salvador bemerkte , wie ein Officier in Jägeruniform , der ihm nicht unbekannt schien , auf den kommandirenden Officier zueilte und ihm mit lebhaften Gestikulationen , wobei er öfters auf die Barrikade zeigte , eine Nachricht mitzutheilen schien . Der Officier nickte mit dem Kopfe und bog mit seiner Compagnie um die nächste Straßenecke ; die auf der Barrikade stehenden Arbeiter erhoben ein Siegsgeschrei . Doch schon nach einigen Minuten kehrten die Soldaten zurück , aber in geringerer Anzahl . Die Hälfte der Compagnie war nebst jenem Jägerofficier verschwunden . Salvador vermuthete eine Kriegslist und theilte seine Furcht einem der zum Schutze Lydia ' s zurückgelassenen Arbeiter mit . - Sie werden den Versuch machen , die Barrikade im Rücken anzugreifen - meinte Salvador . Anna schüttelte den Kopf . - Das ist unmöglich . Ich komme von jener Seite . Sie ist am stärksten verbarrikadirt und am besten vertheidigt . Die Soldaten verhielten sich vollkommen ruhig , aber in einer Stellung , als erwarteten sie irgend ein Signal , um den Angriff zu erneuern . Salvador , dessen Besorgniß noch nicht geschwunden war , verlor den commandirenden Officier nicht aus den Augen . Es dünkte ihm , als ob jener von Zeit zu Zeit seinen Blick aufmerksam auf das Obergeschoß eines der gegenüberliegenden Häuser richtete . Auch diese Bemerkung theilte er Anna mit , die mit steigender Unruhe ihr Auge ebenfalls auf dies Haus heftete , das etwa hundert Schritt hinter der Barrikade lag und noch nicht besetzt worden war . In der That schien es , als ob in diesem Hause irgend Etwas vorginge . Vor wenigen Minuten noch schien es völlig leer und unbewohnt ; jetzt sahen Salvador und Anna eine Menge Gestalten an den Fenstern vorüber eilen . - Ein Fenster im zweiten Stock wurde geöffnet - Salvador erstarrte das Wort im Munde , als jener Jägerlieutenant , den er vorhin mit dem Officier hatte sprechen sehen , am Fenster erschien , ein weißes Tuch herauswehen ließ und dann sogleich wieder verschwand . Auch Anna hatte die Erscheinung bemerkt . - Das ist Verrath ! - stammelte sie erbleichend und stürzte hinab auf die Straße , um die Arbeiter von der drohenden Gefahr zu unterrichten . Aber es war zu spät . Kaum hatte der Officier das Zeichen erblickt , als er den Befehl zum Angriff gab . Mit erneuerter Wuth stürzten die Soldaten auf die Barrikade zu . Ein Steinregen empfing sie , aber diesmal wichen sie nicht . In der Gewißheit , bald im Rücken der Feinde eine Unterstützung zu erhalten , hielten sie Stand und begannen mit vorgestreckten Bajonetten das Holzwerk zu erklimmen . - Die tapferen Arbeiter wehrten sich mit dem Muthe der Verzweiflung ; da stürzten plötzlich die Soldaten aus jenem Hause heraus und fielen ihnen in den Rücken - der Muth entsank ihnen - sie verließen die Barrikade und zogen sich in die nächstliegenden Häuser zurück . Es begann jetzt einer jener fürchterlichen Kämpfe , von dem man nur eine Vorstellung hat , wenn man sie aus eigener Anschauung kennen lernte . Es galt , die Häuser von den Insurgenten zu säubern . Das Haus , in welchem Lydia sich befand , war eins der ersten , welche angegriffen wurden . - Die arme Lydia war durch die fortwährende Angst in einen bewußtlosen Zustand gefallen . Salvador legte sie mit Hülfe eines Arbeiters auf das Sopha und eilte die Treppe hinab . Die Hausthür war bereits erbrochen . Die Vertheidiger des Hauses , deren Zahl sich etwa auf vierzig bis fünfzig belief , hatten sich theils in den ersten Stock zurückgezogen , wo sie die Treppe besetzt hielten , theils hatten sie sich in das Hintergebäude begeben , um auch diese Eingänge in Vertheidigungszustand zu versetzen . An der Haupttreppe befanden sich nur zehn Arbeiter ; drei von ihren Cameraden lagen bereits von den Kugeln ihrer Feinde getroffen auf dem untern Hausflur . Neben ihnen fünf Soldaten , deren Schädel von Steinen zerschmettert waren . Die Treppe war enge , so daß immer nur zwei bis drei Soldaten neben einander die Stufen besteigen konnten . Dadurch war der Nachtheil der schlechten Bewaffnung für die Arbeiter fast ausgeglichen . Die Wuth der Soldaten stieg auf einen fürchterlichen Grad . Immer von Neuem stürmten sie die Treppe hinan , und immer mußten sie dem in der Nähe furchtbar wirkenden Steinregen der Vertheidiger weichen . Aber es kam der Augenblick , wo der Steinhaufen so zusammengeschmolzen war , daß jeder Arbeiter nur noch einen einzigen Stein in der Hand hielt . - Laßt sie ganz nahe heran kommen - commandirte der Führer und wähle sich jeder einen bestimmten Mann aus . Keiner werfe früher , bis ich commandire . Jeder , der geworfen , steigt die zweite Treppe hinauf . Die Soldaten stürmten an , den linken Arm über den Kopf gehalten , die rechte Hand das Gewehr fassend . Noch fehlten nur fünf Stufen und sie wären oben gewesen , da donnerten die Steine auf ihre Köpfe und schreiend , blutend , betäubt stürzten sie durcheinander und zurück . Ueber ihre Körper drangen die Folgenden vor . Sie erreichten die letzte Stufe . Die Arbeiter hatten sich eine Treppe höher gezogen . Der Kampf sollte nun von Neuem beginnen , da gebot eine Stimme von unten herauf » Halt « ! - - Der Verlust an Menschen und , was schlimmer ist , an Zeit , ist zu groß . Wir müssen zu einem andern Mittel greifen - sagte der fremde Officier zu dem Anführer der Truppe . Beide standen auf dem untersten Flur , vor den Würfen der Arbeiter geschützt . - Sie haben wohl recht , aber welches Mittel ? - - Kennen Sie die Procedur des Bienenschwefelns ? - - - Das ist ein capitaler Einfall ; aber wir werden das Nest anzünden . - Die Bienenstöcke sind auch von Stroh , nicht wahr ? und verbrennen nicht ? - Sie haben wieder recht , auf Ehre . Wir wollen sogleich ans Werk . Rasch wurde Stroh herbeigeschafft und am Fuße der Treppe angezündet . In wenig Augenblicken wirbelte ein erstickender Dampf bis zu den höchsten Dachsprossen empor . Aber die Rechnung schien ohne den Wirth gemacht . Denn statt , wie man vermuthete , die hartnäckigen Vertheidiger zur Uebergabe zu zwingen , rührte sich nichts . Dagegen war es den Soldaten jetzt wegen des Qualms ebenfalls unmöglich geworden , ihre Angriffe zu erneuen . Ja , als der Rauch alle Räume des Corridors erfüllt hatte und keinen Abzug fand , verdichtete er sich zuerst oben , und senkte sich dann immer tiefer und tiefer , bis er endlich das Parterre erreichte . Da drängte sich jener Unbekannte vor und rief : Folgt mir , Cameraden , ich werde euch führen . - Mit Sicherheit darauf rechnend , daß der Rauch die Feinde in die Zimmer getrieben , auf der Treppe also weniger zu fürchten war , zumal theils der dicke Qualm , theils die bereits einbrechende Dunkelheit eine deutliche Unterscheidung von Feind und Freund unmöglich machte , schritt er den Soldaten voran auf eine Thüre zu und deutete mit einer verständlichen Pantomine an , daß sie eingeschlagen werden solle . Die Soldaten gehorchten . Einige Kolbenstöße reichten hin , sie zu zerschmettern . Man drang ein - es war ein leeres Gemach - man gelangte zu einer zweiten Thüre . - Da warf sich ihnen mit wüthendem Geschrei die Schaar der Arbeiter entgegen . Einigen Soldaten wurden die Gewehre entrissen , Andere , und sie selbst mit ihren eigenen Waffen niedergestreckt . Man kämpfte Mann gegen Mann . Die Schläge donnerten , die Verwundeten ächzten - endlich neigte sich der Sieg auf die Seite der Uebermacht an Zahl und Bewaffnung . Das bis auf fünf Kämpfer geschmolzene Häuflein der Arbeiter zog sich zurück . Die Soldaten gewannen frischen Muth , sie drangen nach - - da plötzlich blieben sie an den Boden gebannt und ihre Waffen entsanken fast ihren Händen - - ein bleiches schönes Weib stand vor ihnen , wie eine überirdische Erscheinung , neben ihr ein schwarzlockiger Knabe , in der Hand einen blinkenden Dolch haltend . Es war Lydia . Ihr Gemach war der Schauplatz des eben beschriebenen Kampfes geworden . Die Arbeiter hatten sich um ihr Lager geschaart , so daß sie anfangs den angreifenden Soldaten nicht sichtbar war . In dem Augenblick , wo der Kampf in ihrer unmittelbaren Nähe entbrannte , erwachte sie aus ihrer Betäubung , und wunderbar , mit ihrem Bewußtsein war ein Muth , eine Geistesgegenwart in sie zurückgekehrt , die sie inmitten der furchtbaren Scene , von der sie Zeugin war , ruhig und besonnen erhielt . Sie sah , daß die Arbeiter unterliegen mußten , und befahl ihnen , sich zurückzuziehen . Sie selbst aber erhob sich und trat den Soldaten muthig entgegen , sie versuchte zu sprechen , aber die Stimme versagte ihr . Den rechten Arm ausgestreckt , den linken auf Salvadors Schulter gestützt , so stand sie regungslos den Erstaunten gegenüber . - Nun , was zaudert Ihr ? ertönte die Stimme des fremden Officiers hinter ihnen . Ertrat vor und er blieb ebenfalls erstarrt vor Lydia stehen . - Gilbert ! - riefen die Arbeiter von der andern Seite erstaunt . In demselben Augenblick sank Lydia , von der Stimme Gilberts , Gilbert , vom Dolche Salvadors getroffen , zu Boden ; im nächsten hatten sich die Arbeiter abermals auf die Soldaten gestürzt . - Der Kampf entbrannte von Neuem . - Der Ausgang konnte eben so wenig zweifelhaft sein , wie vorhin . Ein Soldat hatte Salvador ergriffen , und ihn zum offnen Fenster geschleppt . Der Knabe aber hatte sich fest um seinen Gegner geklammert , so daß dieser sich nicht von ihm losmachen konnten . Jetzt taumelte er rückwärts - Salvador hatte ihn ins Gesicht gebissen . Kaum befreit , warf er sich zu Lydia auf den Boden . Doch sein Gegner , dessen Erbitterung noch durch den Schmerz der Wunde vergrößert worden war , ergriff ihn von Neuem . Diesmal hatte er ihn besser gefaßt . Abermals schleppte er ihn zum Fenster - da fühlte er sich plötzlich an der Schulter gepackt und zu Boden gerissen . Der Prinz A. in Generalsuniform stand vor ihm . - Verruchter ! - donnerte ihm dieser zu - an wehrlosen Knaben erprobst Du Deine Tapferkeit ? - Dem tobenden Kampfgewühl war eine Todtenstille gefolgt . Drei von den fünf übriggebliebenen Arbeitern lagen blutend am Boden , aber eben so viel Soldaten hatten ihren Fall mit zerschmettertem Hirnschädel gebüßt . - Wer hat diese Schlächterei befohlen ? - fragte der Prinz weiter , einen Blick tiefen Schauders über die Scene werfend . Der commandirende Officier trat vor : - Excellenz - - Sie haben die preußische Uniform geschändet , Herr ! - In der That , eine Bravour sonder Gleichen haben Sie bewiesen gegen Knaben , Weiber und Unbewaffnete . - Gehen Sie , ich will nicht fragen , wer Sie sind , damit ich nicht gezwungen bin , Sie kassiren zu lassen . Ein tiefes Stöhnen unterbrach die Stille , welche abermals nach den Worten des Prinzen eingetreten war - es kam aus der Brust Gilberts . Der Prinz wandte sein Gesicht und fuhr erbleichend zurück . - Wie kommt der Mensch hieher ? - stammelte er . - Er war unser Führer - sagte der Officier . Der Prinz winkte mit der Hand und wandte sich ab . Die Soldaten hoben Gilbert auf und verließen lautlos das Zimmer . Salvador , welcher sich wieder über Lydia geworfen hatte , erhob sich jetzt und rief die beiden Arbeiter . Leise traten sie näher , um die bewußtlose Lydia in das andere Zimmer zu tragen . Da erwachte der Prinz aus seiner Träumerei und warf einen Blick auf das Gesicht der Leblosen . - Therese ! - rief er mit durchdringendem Schrei und stürzte neben ihr nieder . Therese - erwache , erwache , Geliebte ! ! XIII Mitternacht war vorüber , noch immer donnerten die Kanonen durch die festlich erleuchteten Straßen . Man illuminirte zum Wiegenfeste der Revolution . Denn wenn Zorn über die Rohheit der Soldateska und Entrüstung über den Verrath am Volke die Barrikaden erbauet hatte , so bedurfte es nur eines achtstündigen Kampfes , um jene -