- Was ist mit ihr ? « » Sie wird vielleicht kaum den morgenden Tag erleben . « » Das wolle der Himmel nicht « - sagte Landsfeld ernst . » Ihre Angst wird wohl die Gefahr etwas übertreiben , Gertrud . « » Ach nein , gnädiger Herr « - erwiederte die Alte , sich die Thränen mit der Schürze trocknend . » Der Herr Doktor haben es auch gesagt . Er ist noch bei ihr . Sprechen Sie selbst mit ihm . « » Das würde das Maaß von Lydiens Leiden voll machen « - sagte Landsfeld laut zu sich selbst sprechend . » Bitten Sie den Herrn Doktor auf einige Augenblicke zu mir zu kommen « - sagte er zu ihr . » Ist wirklich Gefahr , lieber Freund « - sagte er zu diesem - » sprechen Sie ohne Hehl . « » Ja , es ist Gefahr und sehr große . Sie müssen sich auf Alles gefaßt machen . Eine Krisis , die ich schon lange befürchtet , ist eingetreten . Es kann sehr schnell zu Ende sein . « » Ich danke Ihnen . Gehen Sie , ich bitte dringend , zur Kranken zurück . Bieten Sie Alles auf , was in Ihren Kräften steht . Das Leben meiner Frau steht mit auf dem Spiele . Denken Sie daran . Ich werde Ihnen morgen erklären , was ich damit sagen will . « Es gehörte eine körperlich wie geistig so riesenkräftige Natur dazu , wie sie Landsfeld besaß , um den ungeheuren Anstrengungen der letzten 24 Stunden nicht schon erlegen zu sein . Aber jetzt war auch seine Kraft erschöpft . Bis zum Tode ermattet , war er nicht mehr im Stande , selbst die eigene kritische Lage , den ganzen Umfang der Gefahren , die sein ganzes Lebensglück in diesem Augenblick bedrohten , zu ermessen . Er sank unausgekleidet auf das Sopha , und verfiel in einen tiefen , todtähnlichen Schlaf , aus dem ihn erst gegen 6 Uhr ein lautes Pochen an seiner Thüre erweckte . Karl trat ein . - » Gnädiger Herr - erschrecken Sie nicht - es ist ein Unglück - « Landsfeld bedeckte sich das Gesicht mit den Händen . » Die gnädige Frau Mutter - « » Ist todt ? « Karl antwortete nicht , aber er trat zu seinem Herrn und küßte seine Hand . » Sie müssen nicht den Muth verlieren , gnädiger Herr ; wenn Sie ihn verlieren , wer sollte ihn dann noch behalten ? « Diese einfachen Worte enthielten eine Wahrheit , die ihren Eindruck auf Landsfeld nicht verfehlte . Er drückte seinem treuen Diener die Hand und sprang auf . - Als er in Lydiens Schlafgemach und an ihr Lager trat , sah sie ihn mit großen Augen an , ohne etwas auf seinen Morgengruß zu erwiedern . Auf ihrem Gesicht flammte eine brennende Röthe . » Was ist Dir , Lydia ? « - fragte er , von neuen Ahnungen erschreckt . » Nicht wahr « - erwiederte diese - » Therese wird sich freuen , wenn ich sie besuche . Warum soll ich auch nicht ? Richard hat mich selbst dazu aufgefordert . « Sprachlos starrte Landsfeld auf die Phantasirende . Dann verließ er das Zimmer , um den Arzt aufzusuchen , als dieser ihm auf dem Corridor begegnete . » Sie wissen es schon , Herr Baron ? « - fragte er . » Ich weiß es « - sagte Landsfeld tonlos . » Aber kommen Sie . Ich glaube meine Frau bedarf jetzt mehr , als irgend ein Anderer Ihrer Hülfe . « Sie traten zusammen an Lydiens Bett . Schweigend legte der Arzt den Finger auf ihren Puls . » Es ist ein nervöses Fieber « - sagte er endlich . » Vorläufig noch keine Gefahr , wenn nicht besondere Umstände hinzutreten . « Dreizehntes Kapitel Wieder waren mehrere Monate vergangen . Lydia hatte indeß die langwierige Krankheit überstanden , welche durch die Nachricht von dem Tode ihrer Mutter , der ihr nicht verheimlicht werden konnte , eine gefährliche Höhe erreicht hatte . Der Winter hatte bereits den milden Lüften des erwachenden Frühlings weichen müssen . Draußen regte und bewegte sich Alles in neuer Frische und jugendlicher Kraft , während auf den Straßen Berlins die weiße reinliche Schneedecke mit ihrem Schlittengeläute und geputzten Pferden durch einen dicken Schlammüberzug , in dem sich nur bescheidene Droschken und klappernde Hundekarren hineinwagten , ersetzt worden war . Als Lydia sich stark genug fühlte , bezog Landsfeld auf Anrathen des Arztes mit seiner jungen Gemahlin das reizende Sommerhaus in Schönberg , das sie am Ende des vorigen Sommers mit ihrer Mutter bewohnt hatte . Die frische Luft , so wie der wohlthätige Einfluß , den die Natur besonders im beginnenden Frühlinge auf jedes kranke Gemüth und jeden leidenden Körper ausübt , stärkten auch Lydia sichtlich von Tage zu Tage . Zwar kostete es sie noch immer einen Kampf , wenn sie das früher von ihrer Mutter bewohnte Zimmer betrat , aber ihre Thränen flossen sanfter und ihr Schmerz verlor allmählig an Herbe und Schärfe . Landsfeld widmete sich ihr ganz . Seit er die tiefe Reinheit ihres Gemüths ganz kennen gelernt , weihte er ihr seine volle Liebe . Ueber jene Scene in Potsdam hatte er noch nicht mit ihr gesprochen , theils weil er glaubte , daß die Aufregung , in die sie dadurch nothwendigerweise gesetzt würde , bei ihrem noch nicht ganz befestigten Gesundheitszustande gefährlich sein könnte , theils weil er voraussah , daß die Erklärung jener Auftritte andere Erklärungen aus seinem eigenen Leben und über seine eigene Stellung zu ihr herbeiführen müßten , an die er jetzt nur mit einem innern Zagen dachte . Denn er fühlte wohl , daß dieser Punkt ein Wendepunkt in seinem Verhältniß zu Lydia , und folglich auch in ihrem beiderseitigen Leben werden mußte . Vielleicht hätte er noch länger geschwiegen , obwohl er fühlte , daß jede Verzögerung hierin die Schwierigkeit , diesen von ihn selbst geschürzten Knoten zu lösen , nur vergrößerte , ja am Ende eine friedliche Lösung desselben gar unmöglich machte , wenn nicht ein Umstand eingetreten wäre , der ihn halb wider Willen dazu zwang , den Versuch der Lösung zu wagen , wenn er der Gefahr eines gewaltsamen Zerreißens vorbeugen wollte . Gegen Ende des Maimonats war ihre Freundin Therese in Begleitung ihres Gemahls von Potsdam zum Besuche herübergekommen , um sich nach langer Trennung persönlich von dem Befinden ihrer Jugendfreundin zu überzeugen . Es war natürlich , daß Lydia jener unglücklichen Fahrt nach Potsdam gegen Niemand , am wenigsten aber gegen die schuldlose Theilnehmerin an jenem Complott , die leiseste Erwähnung gethan hatte , und auch fest entschlossen war , darüber zu schweigen . Indessen konnte sie die tiefe Aufregung , in die sie durch den Anblick Theresens gesetzt wurde , weil ihr plötzlich jene Scene lebendiger in die Erinnerung zurückkehrte , vor den Blicken der Freundin schwer verbergen . Therese deutete aber den halb traurigen , halb forschenden Blick , den Lydia auf sie warf , ganz anders . Sie erwartete in zwei Monaten ihre Niederkunft und glaubte daher den schmerzlichen Ausdruck im Auge Lydiens aus dem Umstande erklären zu müssen , daß sie selbst sich dieser Hoffnung noch nicht hingeben köne . Mit jener offnen , fast rücksichtslosen Herzlichkeit , die bei gutmüthigen Naturen nicht selten mit einem Mangel an Zartgefühl verbunden ist , suchte sie daher , sobald die beiden Frauen allein waren , das Gespräch auf diesen Gegenstand hinzulenken , um einen in ihrem Sinne wohlgemeinten Trost zu spenden . Da Lydia nicht blos von ganz anderen Gedanken erfüllt war , sondern auch jene Veränderung an ihrer Freundin , wie diese mit Bestimmtheit voraussetzte , gar nicht bemerkt hatte , so konnte sie anfangs ihre Andeutungen gar nicht verstehen , trotzdem , daß sie ziemlich unverholen und ungeschminkt waren . Lydiens Erstaunen rief Seitens Theresens eine nicht minder große Veränderung hervor , bis die Letztere endlich , nachdem alle ihre Mühe , sich deutlich zu machen , an der vollkommenen Unwissenheit Lydiens gescheitert war , begriff , daß das , was sie ehemals für bloße » Prüderie « - gehalten hatte , wirkliche baare Wahrheit war . Ihr Schreck , ja ihr Zorn gegen Landsfeld erreichte , als ihr über das eigentliche Verhältniß zwischen den Gatten kein Zweifel mehr übrig blieb , einen so hohen Grad , daß sie , jede Rücksicht vergessend , nicht nur in laute Vorwürfe gegen ihn ausbrach , die Lydia zuerst mit Befremdung anhörte , dann aber mit Entrüstung zurückwies , weil sie sich selbst in der Seele ihres Gemahls beleidigt und gekränkt fühlte , sondern auch , um ihre Heftigkeit selbst zu rechtfertigen , es unternahm , in kurzen , aber nicht mißzuverstehenden Worten den Schleier herabzureißen , der bisher Lydiens kindlichen Sinn bedeckt hatte . Aber Lydia war weit entfernt davon , Alles , was sie eben gehört , für Wahrheit zu halten , theils weil die Weise , in der es ihr vorgestellt wurde , ihr reines Gefühl zu sehr beleidigte , theils weil , wäre es ihr auch in anderer zarterer Weise dargelegt worden , sie nie hätte glauben können , daß Richard , ihr Richard , dem sie sich mit so grenzenlosem Vertrauen hingegeben , wirklich so hätte handeln können , wie es ihre indiskrete Freundin sie glauben machen wollte . Mit vor edlem Zorn hochroth gefärbten Wangen sprang sie von der Bank auf , auf der sie neben Theresen auf dem Balkon gesessen hatte . » Schweige , ich bitte Dich ernstlich und zum letzten Male « - rief sie . » Willst Du , daß unsere Freundschaft bestehen soll , so darf ich nie wieder ein derartiges Wort von Dir hören , Therese ! « » Armes verblendetes Kind « - entgegnete diese , sie mitleidsvoll betrachtend . - » Doch ich will schweigen , wenn Du es verlangst . Denn Du hast vielleicht jetzt mehr als je meine Freundschaft nöthig . Aber - « In diesem Augenblicke kehrten die Männer aus dem Garten zurück . Als Landsfeld näher getreten war , bemerkte er die tiefe Verwirrung in Lydiens Zügen . Wie von einer Ahnung der Wahrheit durchbebt , erbleichte er . Ein zweiter Blick auf Therese sagte ihm deutlich , daß er sich nicht geirrt . Seine eigene Unvorsichtigkeit , die beiden Frauen allein zu lassen , und die indiskrete Schwatzhaftigkeit Theresens verwünschend , ging er auf Lydia zu , die ihn mit starren , fast zweifelnden Blicken ansah . » Was fehlt Dir , Lydia ? « - fragte er , seine Angst niederkämpfend , indem er ihre Hand ergriff , die eiskalt war . » Laß uns hineingehen , Richard « - sagte sie zitternd . » Es wird schon kühl draußen . « Es konnte hierin eine indirekte Mahnung an ihre Gäste liegen , daß es Zeit sei , sich zu entfernen . Wenigstens wurden die Worte Lydiens so verstanden . Denn Therese brach augenblicklich auf , um nach Hause zurückzukehren . Als die beiden Gatten allein waren , herrschte eine lange Pause . Lydia rang vergeblich nach Worten , in denen sie ihr Gefühl hätte ausdrücken können ; und Landsfeld wagte es nicht , diesem Gefühle , dessen Grund und Wesen er wohl kannte , Worte zu geben , aus Furcht , daß dadurch Lydiens Schmerz nur vergrößert werden würde , wenn sie sähe , wie gut sie verstanden werde . Denn wurde sie verstanden , so hatte auch ihre Freundin Recht und dann - sie schwindelte vor dem Abgrunde zurück , der bei dem Gedanken , Landsfeld könnte sich nicht aus Liebe mit ihr verbunden haben , vor ihren Füßen aufgähnte . Um das peinliche Schweigen zu durchbrechen , was wie ein Alp auf ihm lastete , sagte endlich Landsfeld : » Meine theure Lydia , ich glaube , es wird gut sein , wenn Du Dich bald zur Ruhe legst , Du scheinst sehr angegriffen . Ob es der ungewöhnlich lange Besuch war , der Dich so aufgeregt , oder ob Dich etwas Anderes beunruhigt hat , darüber wollen wir morgen sprechen . « Landsfeld stand bei diesen Worten auf und rief Gertrud , der Lydia auch sogleich fast willenlos in ihr Schlafgemach folgte . Landsfeld ging mit gesenktem Haupte auf und nieder . Bald wollte er Theresen nacheilen , um Sie zu fragen , was sie mit Lydia gesprochen , bald legte er die Hand auf den Griff der Thüre , die zu Lydiens Zimmer führte , um sie aus dieser tiefen Niedergeschlagenheit durch die Versicherung seiner unwandelbaren Liebe herauszureißen und in einer vollständigen innigen Versöhnung jeden Nebel , der sich am Horizonte ihrer gegenseitigen Liebe zu lagern drohte , zu verscheuchen , und die Morgenröthe der vollen ganzen Einheit wahrhafter Gattenliebe heraufzuführen . - Aber dann dachte er sich wieder , wie Lydiens zarte Organisation von langer Krankheit und vielfacher Gemüthsbewegung ohnehin in ihren Grundfesten erschüttert , den plötzlichen Ausbruch voller Leidenschaftlichkeit nicht würde ertragen können , und er trat von der Thüre zurück und schritt von Neuem , sinnend über das Benehmen , das er nunmehr zu beobachten habe , auf und nieder . Endlich glaubte er einen Mittelweg gefunden zu haben . Er konnte das Bewußtsein , kein beruhigendes Wort gesprochen zu haben , nicht aushalten . Ein solches wollte er , wie der Augenblick es ihm eingeben würde , noch sagen , und das Uebrige auf einen geeigneteren Zeitpunkt verschieben . Als er in Lydiens Zimmer trat , fand er sie , den Kopf in die Hand gestützt , nachdenklich auf dem Sopha sitzen . Schweigend setzte er sich neben sie und ergriff ihre Hand . » Nicht wahr ? « - sagte er - » Du hast Vertrauen zu mir , Du glaubst an meine Liebe ? « » Gewiß , gewiß - Richard « - rief sie , ihn umschlingend . » Den Glauben kann mir Niemand rauben , als Du selbst . « Beruhigter fuhr er fort : » Und hat ihn Dir Jemand zu rauben versucht , Lydia ? « » Sage mir nur Eins , mein Richard - ich frage nur , um mit dem einen Worte , das Du mir sagen wirst , alle die Angst , die mich durchzittert , entschwinden zu machen . Richard , bin ich Deine Gattin , Dein Weib im vollsten Sinne des Worts ? « » Wie kommst Du auf diese Frage ? « - fragte er ausweichend . Sie schüttelte den Kopf , und verbarg das Gesicht in die Hände . Landsfeld wünschte der Wiederholung jener Frage zuvor zu kommen , da er begreiflicherweise sie weder bejahen , noch verneinen konnte , weil er in dem einen Falle die Schranke zu einer ewigen gemacht , im andern ihr mit einem Worte den Glauben an ihn zerstört hätte . Er umfaßte sie mit tiefer Innigkeit und preßte einen heißen Kuß auf ihre Lippen . » Lydia , konntest Du je an meiner Liebe zweifeln ? « » Verzeih , verzeih , Richard ! « » Als ich Dich kennen lernte , Lydia « - fuhr er fort , da er jetzt die Unmöglichkeit einsah , die Erklärung , welche er ihr nothwendigerweise einmal geben mußte , aufzuschieben , um jenen Zweifel ganz zu ersticken . - » Als ich Dich kennen lernte , hatte ich den Glauben an weibliche Reinheit und Liebe verloren . Ich war in meinen liebsten Hoffnungen getäuscht , in meinen theuersten Wünschen betrogen und alle meine Ideale hatten sich als leere Schattenbilder erwiesen . Da sah ich Dich - und - verzeih ' mir , denn jene Zeit des Zweifels liegt jetzt hinter mir - wollte mich überreden , daß auch Du vielleicht nur ein Scheinideal seiest , das mich in neue Träume von Glück einzuwiegen mir erschienen war . Da schwur ich , Lydia , nicht eher an Dich zu glauben , nicht eher meiner bereits erwachten Neigung zu Dir mich ganz zu überlassen , als bis ich eine feste unumstößliche Ueberzeugung von der Wirklichkeit , von der Wahrheit Deiner idealen Erscheinung gewonnen hätte . « Er schwieg . Lydia hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu , denn Landsfeld hatte sich über sein Inneres , über die Kämpfe , die früher darin getobt hatten , nie gegen sie so aufrichtig und klar geäußert . » Du warst wohl recht unglücklich damals , Richard « - sagte sie liebevoll . » Sehr unglücklich , ja , das war ich - ja , ich bin es theilweise noch . Denn - mißdeute mich nicht , - ich habe ein Unrecht gegen Dich , oder vielmehr gegen mich zu büßen ; dies Unrecht war , daß ich mich gegen jene Ueberzeugung zu lange gesträubt habe , daß ich fast aus Furcht , mein Ideal wieder zu verlieren , dagegen angekämpft habe ; dies Unrecht lastet auf meiner Seele und läßt mich noch heute mein Glück nicht vollständig genießen . « Das schwere Wort war gesprochen . Ob es verstanden war , das war eine andere Frage . Seine angstvollen Blicke ruhten auf dem Gesicht Lydiens , die über den Sinn seiner Rede nachzudenken schien . » Aber als Du nun jene Ueberzeugung erlangt hattest , Richard , da sträubtest Du Dich doch nicht mehr gegen sie ? Wie hättest Du sonst Dich entschließen können , Dich mit mir zu verbinden , wenn nicht jene Ueberzeugung in Dir schon feste Wurzel geschlagen ? « Diese , den eigentlichen Kern der Immoralität ihrer bisherigen Ehe berührende Reflexion , welche unmittelbar aus Lydiens reinem natürlichen Gefühl stammte , machte Landsfeld zittern . Gerade diesen Punkt war er zu verdecken bemüht gewesen , und nun wurde er mit Gewalt zur Entscheidung getrieben . Jetzt blieb ihr nur noch ein Ausweg , um zum Ziele zu kommen , und das war gerade jener , den er am meisten gescheut hatte : der Weg der Leidenschaft . » Lydia « - rief er , aus tiefster Brust aufathmend , indem er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und ihr lange und tief in das blaue Auge schaute . Seine Stimme versagte ihm fast , als er , halb vor Verzweiflung halb aus wirklicher , tiefer , überströmender Liebe , endlich in die Worte ausbrach : » Du weißt nicht , wie unendlich , wie unsagbar meine Liebe zu Dir ist . « Der zitternde Ton , mit dem diese Worte gesprochen wurden , setzte ihre Seele in eine Schwingung , der ihr ganzes Wesen zu folgen gezwungen war ; sie stieß einen leisen aber tiefen Seufzer aus , in dem sich ihre ganze noch nicht überwundene Beklemmung verhauchte . Ihr schöner Kopf sank auf die Sophalehne herab und ein überaus seelenvolles Lächeln umspielte ihren reizenden Mund . Landsfeld beugte sich über sie und küßte ihre Augen , die sie geschlossen , als wolle sie einen entzückenden Traum , in den sie durch Landsfelds Wort und Blick versenkt war , festhalten . Ihre Wangen , noch kurz zuvor so bleich , färbten sich unter seinen Küssen tiefer und tiefer , die ein ungekanntes verzehrendes Feuer in ihrer Brust entzündeten . Landsfeld selbst war von seiner Empfindung übermannt ; er fühlte es , daß der Augenblick kommen werde , in dem seine Willenskraft vor der Gewalt der Leidenschaft werde ohnmächtig zusammensinken . Zagend davor , und sich doch danach sehnend , schwankte er einige Minuten zwischen glühendem Verlangen und zitterndem Bangen hin und her , indem er , bald kühner werdend , Lydiens sich an ihn schmiegende Gestalt mit festen Banden umstrickte , bald , wie vor seiner eigenen Kühnheit erbebend , die sie umschlingenden Arme sinken ließ . Als er aber sah , daß in Lydiens Seele bereits ein Funke von der Glut , die wie ein Lavastrom durch seine Adern rollte , gefallen war , der , weiter und weiter glimmend , bald in leuchtende Flammen ausbrechen mußte , so setzte er , jede Bangigkeit und Unentschiedenheit vergessend , dem tosenden Strome seiner Leidenschaft keinen Damm mehr entgegen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - In diesem Augenblicke ging in Lydiens Innern eine ungeheure , ihr ganzes Wesen bis in die kleinsten Empfindungsfasern tief erschütternde Umwandlung vor , indem plötzlich die Erinnerung an jene furchtbare Scene mit Berger in ihr auftauchte . Ein Schauder durchrieselte wie Todesfrösteln ihre Glieder , als der Gedanke in ihr lebendig wurde , daß - Therese Recht gehabt habe . Ihr Herz durchzuckte der tiefe brennende Schmerz einer unendlichen Trostlosigkeit , die sie in einem Nu an den Rand der Verzweiflung schleuderte . » Er hat Dich nicht geliebt « - so tönte es wieder und immer wieder in ihrer Seele . » Du bist Ihm nichts gewesen als eine Puppe , mit der er gespielt , als ein Instrument , mit dem er kalte und berechnende Versuche angestellt . « Sie fühlte sich erniedrigt , gedemüthigt , bis im innersten Lebenskeime verwundet , und das unnennbare Weh ' betrogner Liebe zog wie Ahnung des Todes durch ihre Brust . Hätte sie die physische Kraft gehabt , so würde sie den im Taumel schrankenloser Leidenschaft Fortgerissenen von sich gestoßen haben . Aber sie vermochte es nicht . Ihr weiblicher Zartsinn war empört über seine Angriffe , ihr edler Stolz krümmte sich wie ein ohnmächtiger Wurm unter der grausamen Hand , die den Schleier von dem Allerheiligsten ihrer Jungfräulichkeit zerriß : aber sie vermochte es nicht , ihm den geringsten Widerstand zu leisten . Wie der Ertrinkende im Todeskampfe vergeblich die Hände emporstreckt , so lange er noch Hoffnung auf Rettung hat , aber endlich eine verzweiflungsvolle Resignation sich seiner bemächtigt , wenn die Gewißheit , keinen Boden mehr unter seinen Füßen und keinen Strohhalm zum Anklammern zu haben , seinen Geist überwältigt und vernichtet , so kämpfte sich auch in Lydiens Seele der ungeheure Kampf zwischen der Vernichtung ihres eigenen Selbst und der Machtlosigkeit eines verzweiflungsvollen Widerstrebens gegen das blinde Verlangen ungezähmter Leidenschaft in ihr durch - bis zum Wahnsinn . Hätte sie widerstehen können , wäre ihr Stolz hinlänglich durch ihre physische Kraft unterstützt worden , um seine Empörung wenn auch nur durch den Versuch eines Widerstandes bethätigen zu können , dann würde ihre verrathene Liebe sie vielleicht einem frühen Tode zugeführt haben . Aber da Landsfeld , theils weil er selbst zu sehr durch eigene Leidenschaft verblendet war , theils weil Lydia seinem Ungestüm nicht den geringsten Widerstand entgegen setzte , besonders aber durch ihre anfängliche Hingebung getäuscht jene entsetzliche Umwälzung in ihr gar nicht bemerkte , vielmehr in ihrer jetzigen , an Apathie grenzenden Ermattung nur den Widerschein seines Entzückens zu sehen glaubte : Jetzt mußte ihre ganze geistige Existenz aus ihren Fugen gehen . Es war ein furchtbarer Augenblick . - Ein vierfacher Mord : - an ihrer Unschuld - ihrer Liebe - ihrem Stolze - ihrer Vernunft . Die vier Elemente ihrer innern Welt , sie zerfielen mit einem Schlage in Trümmer und der Genius ihrer reinen Seele löschte klagend die Fackel in seinen Thränen . Als Landsfeld aus seinem Rausche erwachend , den Kopf erhob und sein liebender Blick den ihrigen suchte , war er durch die fahle Blässe und ausdruckslose Schlaffheit ihrer Züge überrascht . Ihr Auge war weit geöffnet , aber ohne lebendigen Glanz , ohne jene Bestimmtheit der Richtung und Sehweite , welche man Blick nennt , starrte es empfindungs- und gedankenlos in ein leeres Nichts . - » Lydia « - sagte er sanft und innig . Sie hörte nicht - » Lydia « wiederholte er ängstlich flehend . - Vergebens . Dieser Ton , der sie einst aus der tiefen Bewußtlosigkeit geweckt , in welche sie Angst und Abscheu in den Armen Bergers versenkt hatte , er hatte seine Zauberkraft auf immer für sie verloren . Landsfeld sprang auf - sie rührte sich nicht . Da zuckte plötzlich der Gedanke ihres Todes durch seine Seele . » Ruhig « - sagte er leise zu sich selbst - » sie wird erwachen , sie muß erwachen - solch überteuflischer Gedanke kann in keiner Hölle erfunden werden . « Er stand vor ihr , den kalten , sinnenden Blick auf sie gerichtet . Es war einer jener Augenblicke , in denen der Gedanke an die Möglichkeit einer ungeheuren That jede Empfindung , jede Bewegung des Innern in der kalten Resignation absoluter Verzweiflung auslöscht . Er durfte nur die Hand auf das Herz legen , um sich davon zu überzeugen , ob sie lebe . Aber er that es nicht . Er klammerte sich an die in jeder Möglichkeit liegende Hoffnung vom Gegentheil an , denn er fühlte , daß er jetzt nicht die Kraft habe , diese Hoffnung vor seinen Augen in Nebel zerfließen zu sehen . » Schrecklich wär ' s « - fügte er mit furchtbarem Hohn gegen sich selbst nach einer Pause hinzu , » in dem Moment , wo das Glück beginnen soll , den Tod im Arm zu halten . Ich will Wahrheit « - schrie er , den Arm ausstreckend - sein Finger zuckte - mit abgewandtem Gesicht suchte er die Stelle des Herzens - - - Da erhob sich Lydia . Als hätte er einen Geist erblickt , so trat Landsfeld einen Schritt zurück , denn Lydia war aufgestanden und schritt , ohne Landsfeld anzublicken , auf die Thüre zu . - » Lydia « - rief er . Sie zuckte einen Augenblick zusammen , aber sie ging weiter . Da eilte er ihr nach und umschlang sie mit seinen Armen . Ein herzzerreißender dumpfer Schrei drang aus ihrer Brust und lös ' te sich endlich , als Landsfeld sie noch heftiger umfaßte , in lautes Schluchzen auf . » Mutter , Mutter « - rief sie mit einer Stimme , die die höchste Angst ausdrückte - » Hülfe « - Gertrud , die den ängstlichen Hülferuf gehört hatte , eilte vor Schrecken bleich herzu . Mit übermenschlicher Kraft riß sich Lydia aus der Umschlingung Landsfelds und stürzte in die Arme ihrer alten Amme . » Mutter « - rief sie weinend , indem sie ihr Gesicht an Gertruds Brust versteckte - » rette , rette mich vor ihm ! « Jetzt faßte Landsfeld sie mit starken Armen und trug sie auf ihr Lager zurück . Es wurde sofort ein Wagen nach der Stadt geschickt , um den Arzt herauszuholen . Eine Stunde wohl hatte Landsfeld am Bette Lydiens gesessen und jeder Bewegung , jedem Athemzuge der Unglücklichen gelauscht . Was in dieser Stunde in seiner Seele vorging , welche Angst , welche Ahnungen in ihm stürmten , kann man nicht in Worten ausdrücken . Kurz vor der Ankunft des Arztes war Lydia aus ihrer Ohnmacht erwacht . Mit aufmerksamen , aber wirren Blicken betrachtete sie den noch immer in derselben Stellung neben ihr Sitzenden , dann stieß sie abermals jenen dumpfen , erschütternden Schrei aus . Sie wollte aufspringen , und verlangte , als sie von Landsfeld mit Aufbietung aller seiner Kräfte daran verhindert wurde - immer wieder nach ihrer Mutter . Während eines solchen Kampfes war es , als der Arzt eintrat . Sobald sie ihn erblickt hatte , stürzte sie auf ihn zu , und rief ihm flüsternd und geheimnißvoll ins Ohr : » Er hat mich nie geliebt . - Ich bin entehrt . « Landsfeld verbarg sein bleiches Gesicht in die Hände , und sank verzweiflungsvoll auf einen Stuhl . Ein sanfter Druck auf der Schulter weckte ihn aus seiner Betäubung . » Sie armer Mann ! « - sagte der Arzt , » Ihre Frau ist wahnsinnig . « - Lautlos stürzte Landsfeld zu Boden . Vierzehntes Kapitel Auf dem Balkon eines der geschmackvollen und eleganten Villen , welche das sanft aufsteigende , mit Reben bedeckte rechte Ufer der Elbe unterhalb Dresden schmücken , saß an einem milden Juniabend eine Dame von etwa acht und zwanzig Jahren , den gedankenvollen Blick auf die Zeilen eines Briefes gerichtet , den sie mit der rechten , sehr zarten und weißen Hand hielt , während die Linke nachlässig über die Balkonlehne hinabhing . Als sie das Ende des Briefes erreicht hatte , ließ sie die Hand auf den Schooß sinken . » Es konnte nicht anders kommen « - sagte sie halblaut . - » Und doch - wer kann ' s wissen , ob schon alle Hoffnung verloren . Sie oder Ich - vielleicht Beide . « Sie seufzte und rief darauf , den Brief zusammenfaltend , in die offene Salonthüre hinein : » Marie ! « » Mein Gott , gnädige Frau , wie bleich sehen Sie aus ! Was ist geschehen ? « » Wann ist der Brief abgegeben ? « - fragte die Dame , ohne auf die Aeußerungen des jungen Mädchens Rücksicht zu nehmen . » Schon heute Vormittag , als Sie eben fortgeritten waren . « » So kann ich ihn jeden Augenblick erwarten « - sagte Jene vor sich hin , indem eine flüchtige Röthe ihre Wangen färbte . Einige Minuten später öffnete ein Mann die Thüre des Gartens , auf den der Balkon hinausging und näherte sich mit langsamen Schritten dem Hause . Die Dame war aufgestanden , um den Nahenden zu bewillkommnen . Ihr Herz schlug fast hörbar , und eine tiefe Beklommenheit schien sich in den ängstlichen Blicken und dem schnellen Auf- und Abwogen ihres Busens kund zu geben . Endlich standen Beide einander gegenüber und betrachteten sich einige Sekunden mit großer Aufmerksamkeit . » Du hast Dich sehr verändert , Richard « - sagte die Dame sanft . Ein bitteres Lächeln flog über die abgezehrten und bis zur Unkenntlichkeit gealterten Züge Landsfelds . » Findest Du das ? - Um so mehr freue ich mich darüber , wie gut Du Dich konservirt hast , Alice . « Nun lud sie ihn zum Sitzen ein . Nach einer langen Pause , während welcher