rief Wilhelm : » Vater - Tochter - von wem sprichst Du denn ? Wer ist Friederikens Vater ? « » Friederike ? « rief Franz in gleich staunendem Tone . » Friederike - Du liebst Friederiken ? « Und wie er erkannte , daß nur ein Mißverständniß ihm das selbst nur leise geahnte Geheimniß seines Herzens entrissen , lehnte er sich zurück an die Linde , drückte wider ihre rauhe Rinde seine heiße Stirn , wie um sich zu verbergen , und flüsterte : » Vergiß , was Du mich hast sagen hören ! « » Du liebst Friederiken nicht - aber Du kennst sie , Du sprachst sie oft - noch gestern sah ich Dich bei ihr stehen - es preßte mir schier das Herz entzwei . « » Ihre Herrin hat sie lieb , es ist ein gutes Mädchen - und wenn Du sie liebst , wird sie Dich , denk ich , wieder lieben und Ihr werdet glücklich zusammen sein . Und Du hast gedacht , ich stände dieser Liebe und diesem Glück entgegen ? « » Nun ja - ich wußte , wie die Liebe thut - wußte es nur gar zu gut , darum verstand ich Dein verändert Wesen , das den Andern ein Räthsel - und da ich wohl sah , daß Deine Augen leuchteten , wenn Du in das Wohnhaus des Fabrikherrn gingst , so wußt ' ich , daß Du dort die finden müßtest , welche Du liebest - - nun versteh ' ich es anders - das hatte ich nicht denken können ! Vielleicht werde ich einst glücklich sein - und Du ? - Armer Freund ! « » Nein , nicht arm ! « sagte Franz sich aufrichtend . » Sie wird mich nie aus ihrer Nähe verbannen , sie wird mich immer dazu wählen , den Segen auszuspenden , welchen sie für die Nothleidenden hat , Sie wird mich zuweilen freundlich ansehen , wenn ich im Vertrauen auf ihre Großmuth in ihrem Namen gehandelt habe - ich werde glücklich bleiben , wie ich es geworden bin , seitdem ihre Erscheinung verklärend hereintrat in mein Leben . Komm , Wilhelm , wir wollen ruhig nach Hause gehen und schlafen und von ihnen träumen . « II. Haussuchung » Auf des Lagers Kissen schlummert Kalt die lieblichste der Leichen . « F. Freiligrath . In der Residenz , in der Stube Amaliens , der Gattin Gustav Thalheims , stand ein kleiner schwarzer Sarg . Eine schöne blasse Kinderleiche lag darin im weißen Sterbekleidchen , einen Rosenkranz in den blonden Locken - die ganze kleine Gestalt zur Hälfte mit Blumen überdeckt . Die kleine Anna war gestorben . Amalie kniete an dem Sarge ihres einzigen Kindes . Der Schmerz einer Mutter ist riesengroß und meerestief , wie kaum ein zweiter in der Welt . Fast jede Mutter , die ein todtes Kind beweint , wird zu einer heiligen mater dolorosa , vor welcher selbst jeder Fremde in ehrfurchtsvoller Ferne stehen bleibt . Eine heilige Würde ist in dem Schmerz einer Mutter , welche an das Wehe denkt , unter dem sie das Kind geboren , welches nun wie ein Theil von ihr selbst losgerissen worden und dem Grabe verfallen ist , während sie doch unter den Tausend Dolchstichen , unter welchen ihr blutendes Herz zuckt , noch beten kann : » Der Herr hat ' s gegeben , der Herr hat ' s genommen - sein Name werde gepriesen . « In Amaliens Schmerze war das Gepräge dieser ehrwürdigen Heiligkeit verdunkelt . Erst jetzt , als ihr das anvertraute Kleinod für immer entrissen war , begann sie zu empfinden , welches Glück sie in demselben besessen , und es traf sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen Innern , daß sie das Kind nicht mit wahrer Mutterzärtlichkeit geliebt , weil es das Kind eines ungeliebten Vaters war . Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung , denn sie sagte sich selbst , daß ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wäre , wenn sie ihm eine bessere , zärtlichere Mutter gewesen ; ja , sie machte sich selbst den Vorwurf , vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit Theil an der schnellen und so unheilvollen Krankheit zu haben . So brachte ihr der Schmerz nicht den heiligen , stärkenden Thau frommer Ergebung und Erhebung , sondern nur verwundende Stacheln , welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr blutendes Innere stieß und herausriß . Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand , in welchem in wenig Stunden ihr die schwarzen Träger auf immer ihr einziges Kind , ihr bestes Besitzthum forttragen würden , ging die Thüre auf und ein junger Mann in der grünen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein . Er war groß und schlank gewachsen , hatte lichtbraunes , lockiges Haupthaar und langen Schnurrbart - ein freundliches offenes Gesicht , das Munterkeit und Gutmüthigkeit zeigte . Erschrocken blieb er zwischen der Thüre stehen , als er sah , daß er in die Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen - dann ging er auf Amalien zu , nahm ihre abgezehrte Hand , schüttelte sie treuherzig und sagte , indem eine helle Thräne auf seinen Schnurrbart rollte : » Das ist ein sehr trauriger Empfang , Frau Schwägerin ! - Kennst Du mich denn noch ? « fügte er nach einer Weile hinzu , wo sie wortlos dagestanden und ihm mechanisch ihre Hand überlassen hatte . » Ja , Bernhard , « sagte sie . » Es ist gut , daß Du mich nicht vergessen hast und mit zu mir kommst , es ist gut - Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte Geleit mit geben ? « » Ja , ich will ' s - sieht wie ein Engel aus , das arme Kind , sieht wahrlich dem Vater ähnlich . « Der Eingetretene , der dies sprach , war Bernhard Thalheim , der jüngste der drei Brüder . Er war unter die Soldaten gegangen , weil er kaum wußte , was er sonst hätte ergreifen sollen . Er sah den Brüdern ähnlich , aber seine Gesichtszüge hatten nicht den schwärmerischen , ernsten Ausdruck jener Beiden , er sah freundlicher , wenn man so sagen kann , einfach-gutmüthiger , aber auch ungleich unbedeutender aus , als sie . Er hatte ein vortreffliches Herz , aber seine geistigen Fähigkeiten , wenn er sie gleich den Brüdern besaß , hatten doch nur eine höchst untergeordnete Ausbildung erlangt - er schien aber damit glücklicher zu sein als Jene , denn , wie gesagt , sein ganzes Ansehen zeigte von einem heitern , lebensfröhlichen Charakter . » Weiß es der Bruder schon ? « fragte er jetzt leise mit betrübtem Tone . Amalie schüttelte das Haupt und sah starr vor sich nieder . » Es wird ihn sehr erschüttern ! « seufzte Bernhard . - » Schreib Du es ihm - ich kann es nicht ! « ächzte sie . » Ein trauriges Geschäft - aber wenn du willst - nun da will ich es Dir schon zu Liebe thun , glaub ' es wohl , daß es Dir schwer wird zu schreiben . « » Es ist , als habe Dich mir der Himmel zur Hülfe , zur Erleichterung hergeschickt - daß Du gerade jetzt kommen mußtest . - « » Ja , unser ganzes Bataillon ist hierher versetzt worden - ich bleibe nun hier - es ist doch Schade , daß Gustav nicht mehr da ist . « Sie hörte nicht weiter auf ihn , denn sie lauschte auf ein Geräusch von Tritten , die unten im Hausflur klangen - dann die Treppe heraufkamen - nun immer näher und näher - die Thüre ging auf - - sie stellte sich vor den Sarg , legte sich mit dem halben Leib darauf , schlang ihre Arme darum und rief außer sich : » Sie dürfen nicht , sie dürfen nicht ! « Die schwarz gekleideten Träger waren eingetreten - die Leichenfrau war ihnen gefolgt - sie ergriff den schwarzen Sargdeckel mit den versilberten Zierrathen . - Ein junges Mädchen mit blondem Haar trat ein und zog Amalien sanft von dem Kinde auf - helle Thränen fielen dabei aus den Augen des Mädchens . » Kommen Sie mit herauf , arme Frau , « bat es , » hier können Sie doch nicht bleiben . « » Ich kann nicht fort ! « sagte sie mit herzzerreißendem Schrei und sank an dem Sarge ohnmächtig zusammen . Das Mädchen kniete neben sie und legte das bleiche Haupt der unglücklichen Mutter auf ihren Schoos , indem sie leise sagte : » Es ist am Besten , wenn sie bewußtlos ist - nun eilt , daß Ihr die Leiche hinausbringt , ehe sie wieder zu sich kommt . « Die Träger befolgten den Rath , Bernhard selbst drückte den Sargdeckel darauf ; weil die Leute ihn hastig und geräuschvoll aufhoben , nahm er ihn ihnen ab , damit es ohne Lärm geschehe ; das Mädchen dankte ihm dafür mit einem innigen Blick . Wie aber die Träger den Sarg zur Thüre hinaustrugen , stießen sie damit wider die Pfoste - es klang hohl und dumpf - dieser Ton brachte Amalie wieder zu sich , sie verstand ihn - schrie auf , wollte nachspringen , aber die Thüre war in ' s Schloß geworfen ; das Mädchen zog Amalie mit sich auf das Sopha , wohin Amalie , ohne ohnmächtig zu sein , aber wie vor Verzweiflung erstarrt sich ziehen ließ und regungslos sitzen blieb . Die beiden Frauen waren allein . Eine Stunde mogte vergangen sein , wo sie so stumm und unbeweglich nebeneinander gesessen hatten . Amalie hatte ihr Logis , das sie früher mit ihrem Gatten bewohnt , mit einem kleineren in der Vorstadt vertauscht . Das Mädchen , welches bei ihr saß , war die Tochter des Hauswirthes , eines Korbmachers und hieß Auguste . Sie hatte ihrer einsamen Hausgenossin getrenlich beigestanden bei der Pflege des kranken Kindes - sie hatte auch in den herbsten Stunden des Leides die Unglückliche nicht verlassen . Sie fühlte wohl , daß sie keinen Trost für sie hatte , aber sie wollte sie ihrer Verzweiflung nicht allein überlassen . So saß sie auch jetzt still weinend neben ihr und hatte ihre Arme um die im Schmerz wie Erstarrte geschlungen . Ein starkes Pochen an der Thüre schreckte sie auf von den marternden Gedanken , welche sie sich so lange überlassen hatten . » Es wird mein Schwager sein , « sagte Amalie tonlos . » Er wird wieder zurückkommen - es wird nun Alles vorbei sein ! - « Auguste stand auf und öffnete die Thüre ; befremdet trat sie einen Schritt zurück - ein fremder , langer , dürrer Mann stand draußen - hinter ihm ein Polizeidiener . » Zu wem wollen die Herrn ? « fragte Auguste schüchtern , bestürzt . » Wohnt hier nicht die Frau des Doctor Thalheim ? « fragte der Lange . » Dort ist sie - « sagte Auguste . Amalie blieb ruhig sitzen : » Ich habe Alles angezeigt , alle Gebühren entrichtet . « » Sie haben schon Alles angezeigt , Frau Doctorin ? « sagte der Lange verwundert , aber vor Freuden schmunzelnd . » Desto besser , dann werden Sie sich die Behörden zu großem Danke verpflichtet haben . « Plötzlich mäßigte er sich jedoch in seiner Freude und sagte : » Allein , wenn ist dies gewesen - man würde mich sogleich davon unterrichtet haben . « » Vor drei Tagen , in derselben Stunde , wo sie gestorben war , wie es das harte Gesetz will . « Der Lange und der Polizeidiener sahen einander unbeschreiblich albern an und schienen sich schweigend zu befragen . Endlich sagte der Lange zu Amalien : » Aber wovon sprechen Sie denn eigentlich ? « » Mein Gott ! Sie fragen noch - wovon - ach , wovon ! « und sie schrie laut auf und verfiel in Zuckungen . Auguste eilte zu ihr und sagte zu den Männern : » Aus Barmherzigkeit , schonen Sie die Unglückliche - sie spricht von ihrem einzigen Kinde , das man so eben begraben hat . « Die Beiden sahen sich einander verdutzt und albern an , wie vorher . » Das ist ein sehr übler Zufall , « sagte der Lange verdrießlich . » Was wollen Sie noch - ist nicht Alles in Ordnung ? « fragte Amalie , sich wieder aufrichtend , nach einer Pause , während welcher die Beiden mit ihren Blicken ringsum das Zimmer gemustert hatten . » Wir sind nicht deshalb gekommen , « sagte der Lange . » Wir sind gekommen , einige Fragen an Sie zu richten , welche sie uns gefälligst beantworten werden . « Amalie schwieg . » Zuerst , « fuhr Jener fort : » Ihr Mann hat einen Bruder , welcher Franz heißt ? « » Ja ! « » Er ist Arbeiter in der Fabrik des Herrn Felchner bei Hohenthal ? « » Ja ! « » Er ist diesen Morgen bei Ihnen angekommen ? « » Nein ! « » Nein ? - Leugnen Sie nicht - es wird Ihnen Nichts helfen , die Polizei täuscht man nicht so leicht . « » Ich habe keinen Grund Etwas zu leugnen , das meinen Mann und seine Brüder betrifft , « sagte Amalie beleidigt . » Er hat zwei Brüder , sein jüngster Bruder Bernhard ist gestern Abend mit dem Militär hier angekommen , bei dem er steht , und vorhin bei mir gewesen - - jetzt hilft er mein Kind begraben - - « und bei den letzten Worten ward ihre Stimme wieder undeutlich und sie versank wieder in ihren Schmerz . Die Beiden machten wieder ihre betroffenen und verdutzten Gesichter . Auguste zeigte als nächsten Beweis auf Bernhards Soldatenmantel , welchen derselbe zurückgelassen hatte . » Sie kennen aber Ihren Schwager , den Fabrikarbeiter Franz Thalheim ? « » Er ist nur ein Mal vor drei Jahren ein paar Tage hier gewesen . « » Das ist wunderlich . « » Gar nicht - denn die armen Fabrikarbeiter haben kein Geld , das sie verreisen könnten , um ihre Angehörigen zu besuchen . - « Der Lange flüsterte dem Polizeidiener zu : » Das ist eine bedenkliche Aeußerung , sie ist also auch schon angesteckt , wir müssen vorsichtig sein - wer weiß , gelangen wir hier nicht zu überraschenden Resultaten - - « dann fuhr er laut fort , gegen Amalien gewendet : » Sie stehen im Briefwechsel mit diesem Schwager ? « » Nein . « » Aber die Brüder pflegten einander zu schreiben ? « » Das ist natürlich . « » Ihr Mann schreibt Ihnen oft ? « » Das ist ebenfalls natürlich - aber mein Herr , ich sehe nicht ein , warum sie mich hier wie eine Delinquentin verhören , und zwar über Familienangelegenheiten , über welche man durchaus Niemand Rechenschaft schuldig ist - « sagte Amalie schnell und ziemlich heftig . » Wer mir das Recht giebt ? - « sagte der Lange . » Die Polizei - « und er wies auf den Polizeidiener . » Frau Doctorin , « sagte dieser , » Sie werden sich in die Fragen und Anordnungen des Herrn Polizeicommissairs fügen . « Dieser trat jetzt zu dem Pulte , an welchem der Schlüssel steckte und öffnete es . - » Mein Herr ! Was fällt Ihnen ein ? « rief Amalie außer sich und sprang auf . » Keine Widersetzlichkeit ! « mahnte der Polizeidiener und hielt sie am Arme . » Fremde Männer kommen in mein Haus und forschen nach meinen Familienangelegenheiten - bei einer armen hilflosen Frau , deren Mann abwesend ist und sie beschützen könnte - deren einziges Kind man begrub , « jammerte sie . Auguste weinte und sagte beruhigend : » Sie haben ja kein Unrecht zu verbergen , lassen Sie ihnen immer ihren Willen - Ihr Widerstand wäre doch fruchtlos . « Der Polizeicommissair hatte jetzt ein Fach mit Briefen herausgezogen und sah sie flüchtig durch , die meisten schob er unbefriedigt auf die Seite . » Es ist Keiner von Franz Thalheim darunter - « sagte er heimlich zu dem Polizeidiener . » Das ist nur ein verdächtiger Umstand mehr , der Doctor wird diese Briefe als zu gefährlich verbrannt oder mitgenommen haben . - « Jetzt zog er ein kleineres Fach mit Briefen heraus , es enthielt nur diejeninigen , welche Thalheim an seine Gattin geschrieben hatte , seitdem er von ihr getrennt war . Amalie trat wieder hinzu und sagte : » Mein Herr , was zwischen Gatten verhandelt wird , gehört doch mindestens nicht vor die Augen der Polizei - « » Fürchten Sie Nichts ! « sagte der Commissair mit widerlichem Lächeln . » Die Augen der Polizei vergessen sogleich wieder , wenn sie auch Etwas erfahren sollten , das nicht vor ihr Forum gehört - nur was vor diesem Forum bedenklich und gefährlich erscheint , bewahrt ihr Gedächtniß treu - und darin läßt sie sich nicht täuschen und irren . « Während er dies mit Nachdruck sagte , hatte er wieder einen Brief entfaltet und indem er ihn überflog , nahmen seine Augen einen ganz eigenen Ausdruck an , halb wie vor Schreck , halb wie vor Freude . Es war der erste Brief , welchen Thalheim an seine Gattin geschrieben , er datirte von dem Gute des Rittmeisters Waldow und die Stelle , welche solch ' eigenthümliches Leben in das Gesicht des Polizeicommissairs brachte , lautete : » Ich bin bei Franz gewesen - ich habe die Noth und das Elend gesehen , welches dort unter den Fabrikarbeitern herrscht - ach , Amalie , dieser Armuth gegenüber haben wir in beneidenswerthem Reichthum geschwelgt ! - Ich habe Franz das Versprechen gegeben , daß , wenn mir in meinem neuen Wirkungskreise Zeit bleibt , mich mit literarischen Arbeiten zu beschäftigen , ich auch über die Noth der Fabrikarbeiter schreiben werde . Vielleicht wird mir auf meiner Reise Gelegenheit , darüber noch anderweite Notizen zu sammeln . Franz selbst schreibt in seinen Mußestunden , aber diese einfachen Stimmen mitten heraus aus dem Volke werden wohl von alle Denen gehört , für welche sie laut werden , welche das geschilderte Elend theilen , aber nicht von Denen , welche es verbreiten , und Denen , welche die Macht und Pflicht haben es aufzuheben und zu lindern . Darum fiel er mir weinend um den Hals , als wir von einander Abschied nahmen und sagte : Leb ' wohl Du - nun doppelt mein Bruder , wenn Du derselben Sache dienen willst , welcher ich mich geweiht habe ! « Diesen Brief wollte der unberufene Leser erst in seine Brieftasche schieben - er besann sich aber anders und notirte nur die angezogene Stelle stenographisch . In den andern Briefen fand er nichts Beachtenswerthes , außer daß er sich den jedesmaligen Ort anmerkte , von welchem aus sie geschrieben waren . Jetzt griff er nach einem kleinen hölzernen Kästchen , zwischen dessen Schluß unterhalb des Deckels ein Stückchen beschriebenes Papier hervorschimmerte . » Hier sind auch Briefe darin - « sagte er . » Das Kästchen ist verschlossen - es thut mir leid - aber ich muß um den Schlüssel bitten . « » Das ist unmöglich , « rief Amalie . » Ich kann es beschwören , daß es der Polizei ganz gleich sein kann , den Inhalt dieses Kästchens zu erfahren - und wenn Sie gekommen sind , um nach Papieren von Franz , von meinem Gatten in meinen Sachen herum zu spüren , so wiederhole ich nochmals - ich will es beschwören - von ihrer Hand finden Sie kein Wort in diesem Kästchen . « » Dieser Eifer macht die Sache nur um so verdächtiger - ich muß durchaus Sie bitten , zu öffnen . « » Um keinen Preis - « sagte sie außer sich , aber fest . » Es thut mir leid , « bemerkte darauf der Polizeicommissair mit feinem Lächeln , » aber es muß sein , - « und ehe Amalie es nur bemerken , noch weniger verhindern konnte , hatte er ein kleines Instrumentchen aus seiner Westentasche geholt und mittelst desselben das Schloß des Kästchens geöffnet . » Aus Barmherzigkeit , « rief Amalie , als sie es sah und fiel auf ihre Kniee . Jener bemerkte es nicht - sein Gesicht strahlte vor Freude und Staunen . » Jaromir von Szariny ! « rief er leise für sich . » Das ist ja der anonyme Publizist - nun ist kein Zweifel mehr . « Er sah die Briefe alle eifrig durch , schien aber unzufrieden mit ihren Inhalt zu sein und daß er keine mit neuerem Datum fand - sie waren alle schon vor sieben Jahren geschrieben . » Ich werde Nichts ausplaudern , « sagte er zu Amalien , welche Auguste wieder von der Erde aufgehoben hatte . - » Nur eine Frage : Sind Sie noch mit dem Grafen Szariny in Verbindung ? « Sie wandte sich tief verletzt ab und antwortete nicht . » Ich muß Sie um aufrichtige Antwort bitten - es ist die letzte Frage , welche ich an Sie zu richten habe - ich bedauere Ihnen lästig gewesen zu sein und wir werden uns dann sogleich entfernen - es wäre vielleicht meine Schuldigkeit gewesen , einige dieser Briefe mitzunehmen , allein aus schonenden Rücksichten gegen Sie habe ich es unterlassen - meine Schonung gegen Sie verdient wahrlich nicht diese Halsstarrigkeit von Ihrer Seite - antworten Sie ; Niemand wird es erfahren . Sind Sie mit dem Grafen Szariny noch in Verbindung ? « » Nein - er war mein Verlobter , ehe ich in meinem jetzigen Gatten eine andere Wahl traf - - aber nun lassen Sie diese Qualen endigen , die Sie jetzt über mich brachten , während mein Kind begraben ward - als sei dies nicht schon entsetzlich genug - - « rief Amalie und verhüllte ihr Gesicht . » Bedauere herzlich , Ihnen lästig geworden zu sein und daß wir an solchem Unglückstage kommen mußten , « sagte der Polizeicommissair mit schlecht erheuchelter Theilnahme und ging . Der Polizeidiener folgte ihm . Amalie war schon zu sehr von dem Jammer der letzten Tage angegriffen , als daß sie sich eigentlich hätte klar darüber bewußt sein sollen , was jetzt vorgegangen war , als daß sie fähig gewesen wäre , nur Etwas davon zu begreifen . Sie war nur froh , daß die fremden Männer sich wieder entfernt hatten , daß sie nun wieder ungestört ihrem Schmerz um ihr verlornes Kleinod , um ihr gestorbenes Kind nachhängen konnte . Ihr Schwager Bernhard kam wieder zurück . Er ging schweigend auf sie zu und drückte ihr die Hand - sie seufzte tief und sagte dann : » Ich danke Dir - ist doch eine verwandte Seele dabei gewesen , ich hätt ' es nicht vermogt . « » Ich habe die erste Hand voll Erde auf den hinabgesenkten Sarg geworfen für Dich , dann eine für Gustav , dann für mich selbst - « sagte er und verschlang eine Thräne . Nun war es wieder lange stumm in dem kleinen Zimmer zwischen den drei Menschen . Nachher stand Auguste auf , trat zu Bernhard und erzählte ihm Alles , was während seiner Abwesenheit vorgekommen war und ihr so räthselhaft und unheimlich erschien . Ihm war es so nicht minder - er verstand es gar nicht , fragte zu wiederholten Malen und ward doch nicht klüger . Endlich fuhr er heraus : » Donnerwetter ! Wär ' ich da gewesen - ich hätte die Kerle die Treppe hinunter geworfen - trotz Polizei - nicht einmal die Spürnasen vor solchem Elend ehrfurchtsvoll ein Weilchen zurückzuziehen ! « Dieser Vorfall hatte sich an dem Tage vorher ereignet , an welchem Franz Thalheim so unbesorgt war über die Ankunft des langen dürren Herrn Stiefel . III. Wiedersehen » An dem hellsten Sommertag , Unter Zweigen lichtdurchbrochen , Bei der Lerchen Jubelschlag Hab ' ich Dich zuerst gesprochen . « Betty Paoli . Einige Wochen waren seit dem Tage vergangen , an welchem Graf Hohenthal und Rittmeister Waldow sich vergeblich bemüht hatten , Herrn Felchner zu einer kleinen Gestundung zu vermögen - er war im Recht gewesen und er hatte von diesem Recht Gebrauch gemacht - der Wald war ihm als Eigenthum zuerkannt worden . Jaromir hatte eine der Hütten , welche zu der Wasserheilanstalt Hohenheim gehörten , für sich gemiethet und vollkommen Alles das ausgeführt , was er mit Waldow in Bezug auf die Heilanstalt verabredet hatte . Ehe er sich ganz in dieselbe begab , war er noch auf ein paar Wochen zurück in die Residenz gereist , um dort seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen , da er vorher seine Abwesenheit nicht auf eine längere Dauer berechnet hatte . Zugleich benutzte er die Zeit dieses Aufenthaltes dazu , den idyllischen Aufenthalt in Hohenheim mit entzückenden und glänzenden Farben in einigen aristokratischen Zirkeln so verführerisch zu beschreiben , daß ihm beim Abschied mehr als ein Mal , und von mehr als einer Person das Wort entgegentönte : » Ich denke , wir sehen uns wieder - in Hohenheim . « Vollkommen befriedigt von den Resultaten dieser Wochen , vollkommen ermüdet und gelangweilt von der Gesellschaft in der Residenz , dagegen aber auch nach seiner elenden Hütte sich sehnend - vielleicht auch noch verlangender nach Etwas mehr kam er in Hohenheim an . Der Restauration der Wasserheilanstalt gegenüber , welche ein speculativer Gastwirth auf Zureden des Wasserdoctors für einen geringen Pacht übernommen hatte , befand sich eine Baute aus Brettern , welche man den Kursalon zu nennen beliebte . Er war nach vorn geöffnet , von einigen Bäumen umgeben , mit Markisen von grauer Leinwand versehen und sein Fußboden mit grobem Kies bestreut . Weiß angestrichne Lattenbänke , ebenfalls weiß gefirnißte Tische und ein Duzend Feldstühle mit Sitzen von groben Gurtbändern , dies war das Meublement dieses Salons , welcher dazu bestimmt war , daß die Kurgäste zu den Stunden in ihm sich versammelten . wo sie ein solches Mittelding von freier Luft und Bretterschutz gegen diese wünschenswerth fanden . In der That , ein Aufenthalt , welcher mehr als einfach war . Jaromir hatte ihn sogar zu einem Lesesalon gemacht , indem er gefällig genug war , diejenigen Journale , welche er vermöge seiner literarischen Verbindungen zugeschickt erhielt , daselbst zur allgemeinen Lectüre auszulegen . Niemand war glücklicher als Hofrath Wispermann , in Jaromir eine so gute Acquisition gemacht zu haben , er überhäufte ihn dafür mit Artigkeiten , wiewohl es ihn im Stillen verdroß , daß der Graf durchaus seine ärztliche Behandlung , seine Bäder verschmähte . Gleich am ersten Nachmittag nach seiner Ankunft besuchte Jaromir diesen Salon . Der junge Waldow traf am Eingang mit ihm zusammen . » Hierher ist fast mein täglicher Spazierritt , « sagte er , » um zugleich jeden neuen Ankömmling mustern zu können und zu erfahren , wie er die göttliche Romantik dieses Ortes findet , mit welcher Ihre Schilderungen ihn so reichlich versehen haben . - Dort sitzt ja ein ganzer Klubb - lassen Sie uns die Gesellschaft erst aus der Ferne in Augenschein nehmen . Lorgnetten heraus ! Dort das rothbackige Gesicht des Engländers mit dem großen Mund , der die verhältnißmäßig gleich großen Vatermörder zu küssen scheint , kennen wir schon - er behauptet ewig dieselbe stereotype Figur - er sitzt allein und liest in einem Buche . Mein Himmel ! Was muß der Mensch nicht Alles schon zusammengelesen haben , wenn er ' s immer so treibt wie hier - ich habe ihn noch niemals anders als lesend gesehen , ich kann mir ihn auch gar nicht anders vorstellen . Wie jene Wilden , welche , als sie die ersten Reiter sahen , glaubten , Mensch und Roß wären ein Wesen , so scheint mir der Engländer mit seinem Buch durchaus ein Ganzes zu bilden . Den eleganten Herrn mit den gelben Glacehandschuhen und der rothen Sammtweste kenne ich und werde Sie nachher einander vorstellen . Es ist ein Kammerjunker von Aarens , der sich nur Courmachens halber hier aufhält - er ist nämlich hierher gegangen , weil er den Grafen Hohenthal kennt und eine reiche Partie beabsichtigt - er ist seit einer Woche hier und schon sehr oft in dem benachbarten Schloß gewesen . « Jaromir hatte zuletzt aufmerksamer als Anfangs zugehört , den eben Besprochenen mit prüfenden Blicken gemustert und sagte jetzt ruhig : » Der Mensch sieht sehr unbedeutend aus . « » Was ihn aber bedeutend machen kann , ist ein alter Name , bedeutendes Vermögen und große Gunst , welche er an seinem Hof genießt . Den Herrn zwischen ihm und unsern Doctor , eben so lang und dürr wie dieser , aber mit einer so ausgesucht malitiösen Miene , kenne ich nicht , es muß ein neuer Ankömmling sein . Der Geheimrath von Brodenbrücker daneben hat sich bis jetzt schrecklich gelangweilt , er ist aus Gefälligkeit für seine Frau , welche vollkommnes Pantoffelregiment geltend macht , hierher gekommen , denn sie will nämlich gern in jeder Mode den Ton angeben und hat sich es deshalb nicht nehmen lassen , krank zu sein und von einem gefälligen Arzt in eine Wasserheilanstalt geschickt zu werden . Sie scheint eine sentimentale Kokette zu sein , bei welcher man sich Etwas erlauben darf . Nun kommen Sie , ich stelle Sie den Herrschaften vor , Ihr Name wird frappiren , wenn ihn nicht etwa der Doctor schon ausgeplaudert hat . Bemerken Sie wohl , welche schmachtenden Blicke die Geheimräthin auf uns wirft - ich glaube , es ist ihr lange nicht so wohl geworden , die einzige Dame in einem Badeort zu sein . « Waldow trat jetzt mit