umbraust und nie untergewirbelt ; das , Otbert , sind nach meiner Meinung die Nervenfaden durch welche der Dichter feiner und fester als jeder Andre mit der Menschheit zusammenhängt ! Allein banales Wolwollen Aller für ihn folgt daraus nicht ! im Gegentheil ! so ein Dante , so ein Byron konnten nicht ein gelassenes Wolwollen einflößen . Sie sind unendlich geliebt und unendlich gehaßt . Denke doch nur welch einen Eindruck das machen muß , wenn die Welt der Liliputaner so einen Titanen über sich dahin schreiten sieht und von ihm nur als Gattung , nicht als so und so viel wichtige Individuen betrachtet wird ! - und an die Schläfrigen , die Trägen , die Engherzigen denke , welche sein dröhnender Schritt aus ihrem bequemen Halbschlummer weckt und aus den Träumen welche auf schmackhafte Kost und leckere Genüsse folgen - wie die ihm zürnen werden ! - und an die Zaghaften , die Schüchternen denke , welche sich in ihrem Kämmerlein , in ihrem Hüttchen verschanzt haben gegen Eindringlinge und denen plötzlich etwas wie Fanfaren zu Kämpfen , Schlachten und Triumphen ins Ohr klingt - wie die erschrecken müssen , als ob ein Feind nahe ! - und an die Wolgesinnten denke , denen es so herrlich auf der Welt geht , daß sie meinen diese wundervolle Welt müsse in Ewigkeit in ihrer gegenwärtigen Gestaltung fortbestehen - wie die ihn verachten werden , den rohen uncivilisirten Titanen , der gelassen sagt : sie tauge so gar viel nicht ! - Das bedenke , und dann sage mir : glaubst Du daß aus diesen Jammerseelen die Opferflamme und der Weihrauchduft der Begeisterung und Liebe aufschlagen könne ? Nimmermehr , mein armer Otbert ! nimmermehr ! was die bewundern , was die mit ihrem Wolwollen beehren - das muß ihres Gleichen sein und mit ihnen Schritt halten , das muß ihren Schwächen schmeicheln und ihre Niedrigkeit - Hoheit nennen . Ich zweifle nicht daß in diesem Sinn sehr viele Verse gemacht sein mögen ; ich sage nur - daß kein Dichter sie je gemacht hat . « Wenn ich in dieser lebhaften Weise sprach , gefiel ich ihm außerordentlich . » Meine Muse ! rief er , Königin meiner Seele ! führe mich zu irgend einem Stern empor , wo ich an Deiner Seite das Reich des Genius gründen könnte . Die Aera Deiner Ideen ist nicht unser Jahrhundert ! Was Du begehrst vom Menschen , vom Dichter - hat Keiner geleistet und wird kein Sohn des Staubes je leisten . Er ist nicht so unantastbar und unwandelbar wie Du ihn träumst , denn ewig wandelt er unter nicht über dem Geschick . Haben ihm die Götter einen Silberpanzer an den Sonnenstralen geschmiedet , der ihn schützt gegen Pfeile von Menschenhand : so glaube Du jezt mir : unter dem Panzer , im eignen Busen hegt er den Geier der ihm das Herz abfrißt und ihn in namenloser unruhvoller Qual umhertreibt - grade wie Dante , grade wie Byron ! O Sibylle ! zu jenem alten gemarterten Titanen Prometheus , der ein Dichter der Menschheit im größten Styl war , kamen die Oceaniden um mit ihm zu klagen , denn menschliche Klage reichte für dieses Leid nicht aus . O wünsche mir nicht die einsame Felsenklippe auf dem Caucasus ! gönne mir das schöne reiche bunte Leben zwischen unsers Gleichen . « » Ich stelle mir zuweilen vor , entgegnete ich , das Wesen sehr begabter Individualitäten sei irgend einer elementarischen Essenz , irgend einem Naturwesen entlehnt und mit menschlichem Geist und Körper verwebt . Deren Sympathien und Neigungen verriethen alsdann stets die ursprüngliche Verwandtschaft . In Dich ist gewiß ein Sonnenstral hineingesponnen , Otbert , so glänzend , funkelnd , helle und licht bist Du . « » Das klingt lieblich , Schmeichlerin ! - aber nun in Byron ? « - - » Ein trauriger Stern . « » Und in Göthe ? « » Ein Regenbogen . « » Und in Beethoven ? « » Ah in den .... die ganze Welt ! « » Und in Dich selbst ? « » Nichts ! .... oder Staub , was dasselbe ist . « » Das ist falsch ! Meereswellen sind in Dir .... und weißt Du wol daß sich aus Deinem Einfall ein wunderniedliches Gedicht machen ließe ? und schenkst Du mir wol Deinen Einfall ? « » Gewiß , lieber Otbert ! bei mir liegt er roh und grau wie ein Kiesel da . Du schleifst ihn ab und erst dann wird etwas draus ! - Aber warum arbeitest Du nicht an der Sirene ? « » Sie schläft , Sibylle , und ich mögte sie mit meinen Liedern wecken . « Allein er verfiel auf tausend andre Dinge , die ihn von der Arbeit abhielten , auf das Studium von ich weiß nicht welcher orientalischen Sprache im armenischen Kloster von San Lazaro - auf eine Regatta , die er für die Gondoliere veranstalten und an der er Theil nehmen wollte . Er übte sich stundenlang in der Lagune zu rudern und vor der Hand mit Gino Wettkämpfe anzustellen , bei denen er immer sagte : » Gino ! wenn Du siegst geb ' ich Dir drei Dukaten ; wenn ich siege .... Stockprügel ! « Dadurch war er sicher daß Gino aus Gier nach dem Gelde die Höflichkeit des Dieners gegen den Herrn aus den Augen setzen werde . Später , nachdem er sich genug geübt hatte , fand die Regatta wirklich statt und Otbert empfand bei ihrer Veranstaltung das größte Vergnügen . Er hatte sich eine leichte zierliche Barke und einen Gondolieranzug von Tafft machen lassen , der ihm ungemein gut stand ; er hatte ferner drei Preise für die Sieger , und für jeden Theilnehmer ein kleines Geldgeschenk bestimmt . Trotz des Wetteifers den er zwischen ihnen entzündete und wodurch er sie zur Entfaltung ihrer Kraft und Geschicklichkeit anfeuerte , ward ihm dennoch die Freude zu Theil der Dritte am Ziel zu sein , und sich dadurch und durch seine Freigebigkeit , die Liebe und Verehrung der Gondoliere in einem solchen Grad zu erwerben , daß sie ihn fortan ihren König nannten . Dies beschäftigte ihn in unglaublicher Weise , und als ich ihm einmal meine Verwunderung über das lebhafte Interesse aussprach , das er im Stande sei an solchen Beschäftigungen zu nehmen , entgegnete er noch verwunderter : » Begreifst Du nicht welch ein unaussprechlicher Genuß darin liegt in jeder erreichbaren Region der Erste zu sein , arme Sibylle ? Das gewährt stets eine süße Berauschung , und in derselben athme ich mehr poetische Inspiration ein , als mit der Feder in der Hand am Schreibtisch . Alles was das Herz klopfen macht ist des Dichters Element - wenn nicht der Dichter ein engbrüstiger Duckmäuser ist , der sich vor dem starken Herzschlag fürchtet als ob es krankhaftes Herzklopfen sei . Ich bekenne Dir , daß mir die Bewunderung meines geschickten und starken Ruderschlages , meiner Leutseligkeit und Großmuth von Seiten der Gondoliere zu Zeiten viel angenehmer , viel erfrischender ist , als das fade Lob irgend eines kritischen Journals oder eines eleganten Salons . « Das begriff ich außerordentlich gut ! was ich nicht begriff und was ich unmöglich an Otbert sagen konnte , war die Frage : warum er mich wol eigentlich geheirathet haben könne ? Es gab eine Antwort auf dieselbe , allein mir grauete sie mir zu geben ! sie hieß : Um eine reiche Frau zu haben ! - Denn von einem intimen traulichen Leben schwand jede Spur immer mehr und mehr . Er mußte sich beständig neue Interessen schaffen , und um so heftiger sein Wunsch und sein Bestreben mich zu gewinnen gewesen war , um so größer war die Lücke welche auf deren Befriedigung folgte , um so eifriger suchte er sie auszufüllen . Den Winter verlebten wir in dem lebhaftesten gesellschaftlichen Verkehr . Es waren viele Fremde in Venedig . Der Carneval war außerordentlich munter und besonders darum so lustig , weil das Volk mehr als an jedem andern Ort , Rom nicht ausgenommen , Theil daran nimmt . Weil man nur zu Fuß oder in der kleinen unscheinbaren Gondel seinem Vergnügen nachgeht , so tritt eine äußere Gleichheit der Zustände ein , welche da nicht statt findet wo die eine Hälfte der Theilnehmer den Wagen und Pferden der andern Hälfte beständig ausweichen muß . Dies ist zu jeder Zeit ein auffallender und ganz characteristischer Zug von Venedig gewesen , welchem auch das von je her zwischen Volk und Vornehmen herrschende gute Einverständniß entspricht ; da war weder Neid noch Mißgunst auf der einen - weder Hochmuth noch Unterdrückung auf der andern Seite ! sie waren Alle Kinder der Lagune , und Alle von der Regierung auf gleiche Weise überwacht . Damals war das alte Regiment der Republik erst vor einem Menschenalter zu Grunde gegangen , folglich hatte dessen alter tausendjähriger Einfluß noch nicht verwischt werden können . Er lebte fort in Gewohnheit , Sitten und Gebräuchen , und was von denselben in fröhlicher Ungezwungenheit zum Vorschein kam , sprach mich ungemein an durch ein eigenthümliches Gemisch von Harmlosigkeit , Mutterwitz und Schlauheit . Dennoch nahm ich im Grunde nur Theil an diesen Vergnügungen um mich nicht meinen Gedanken hinzugeben . Ich floh sie instinctmäßig ; mir war als müßten sie mich in ihrem Strudel verschlingen . Ich wollte mich betäuben gegen meine eigene heimlich anpochende Angst - mich klammern an mein Glück und meine Liebe - nicht weichen von dem Boden des Bewußtseins einen Platz gefunden zu haben auf dem ich eine ernste dauernde Befriedigung gewähren und empfangen könne . Ich lebte auch sehr gut mit Otbert , freundlich , theilnehmend , allein lauter und immer lauter wollte in mir eine Stimme sprechen : » Aber dies Alles soll doch wol nicht Glück und nicht Liebe sein ? es wird nur so genannt ! und wie heißt es denn in Wahrheit ? sollte es wol .... Komödie heißen , welche die Menschen mit einander spielen um die Hohlheit des Lebens mit einigen bunten Fetzen aufzuputzen ? « - Es war eine fürchterliche Zeit ! ich ging wie ein Seiltänzer der Thurmspitze zu , die ich mein Ziel , mein Glück nannte ; und fühlte dabei wie der Schwindel in mir aufstieg , mich umspann , mich umschwebte , daß es mir schwarz vor den Augen ward ; und wie ich ihn überwinden müsse um nicht einen gräßlichen , einen zerschmetternden Sturz zu thun ; und wie dabei das Herz immer schwerer , der Fuß immer lahmer , der Blick immer umflorter werde . So durchlebte ich den Winter , so den Frühling ; ich war nun zwei Jahr in Venedig . Ich schlug Otbert einen Sommeraufenthalt in Engelau vor . » Im nächsten Sommer , lieber Engel ! « sagte er abwehrend . Nicht um ihm zu widersprechen , sondern wirklich weil ich es für zweckmäßig hielt , bat ich ihn mir Urlaub zu geben : ich müsse einen Blick auf die Geschäfte und in die Zustände meiner Heimat werfen . Er entgegnete freundlich : » Drei Monat gebe ich Dir ! Das ist grade genug um halb erstarrt aus Norddeutschland hieher zurückzukehren und um noch wieder aufthauen zu können . « Die unbefangene Freundlichkeit mit welcher Astrau in unsre ziemlich lange Trennung willigte , sprach deutlich seine sanftgleichgültige Gesinnung aus . Mir schien als ob ich fortan gar nicht mehr in seinem Leben zählen würde , und dennoch tröstete mich zuweilen die Hofnung , daß in der Trennung seine Liebe wieder erwachen könne . Als es in meinem Hause bekannt ward daß ich meine Abreise vorbereite , bat Gino mich dringend in Venedig zu bleiben . Ich entgegnete : da ich im Herbst wiederzukommen hofte , so würde ich ihn in meinem Dienst behalten , und überdas bleibe ja auch der Graf hier . - Er spreche nicht seinet- sondern meinetwegen jenen Wunsch aus , meinte Gino . » Mir kann weder auf der Reise noch in meiner Heimat etwas Uebles geschehen , Gino ! « erwiderte ich gerührt durch seine Theilnahme . » Weder auf der Reise noch in der Heimat - das weiß ich , « entgegnete er mit einem seltsamen bedeutungsvollen Ton , der mir unwillkürlich den fast angstvollen Ausruf entlockte : » Aber hier ? « Obwol ich allein mit ihm in der Gondel war machte er eine schweigengebietende Pantomime , und nickte dann bejahend aber fast unmerklich nur mit den Augenwimpern . » Was kann mir hier widerfahren ? sprich Gino ! sagte ich ernst ; - halbe Warnung ist Verrath nach zwei Seiten hin ! Ich habe Dir verziehen daß Du Dich vom Grafen zu der Nino-Maskerade erkaufen ließest .... weil es eben der Graf war , aber ich habe Dir seitdem nicht mehr getraut . Also sei ehrlich : was führst Du im Sinn ? wer hat Dich erkauft ? sprich ! « » Ich kann sagen und schwören , ' Lustrissima : so wahr ich der Fürbitte meines Schutzpatrons zur Erlösung aus dem Purgatorium vertraue - so wahr bin ich von Niemand erkauft ! allein sprechen , ' Lustrissima .... sprechen kann ich nicht . « » Kannst Du denn schreiben , Gino ? « fragte ich wieder ganz unwillkürlich , denn mir war als legte er mir durch seine sonderbare Betonung gewisse Worte auf die Lippen . » Die gelehrte Wissenschaft hab ' ich nie gelernt . « » Was kannst Du denn , Gino ? « fragte ich seltsam gespannt . Er schwieg , sah mich an wie um meine Aufmerksamkeit zu fesseln , und that dann einige Ruderschläge mit der theatralischen Bewegung eines Menschen , der sich sehen lassen mögte mit seiner Geschicklichkeit . » Du kannst rudern , Gino ? « fragte ich immer gespannter . Er nickte mit freudiger Hast . » Nun ja ! das weiß ich längst ! rief ich erwartungsvoll . Aber was weiter ? « Er zuckte stumm die Achseln . Auch ich schwieg und verfiel in Nachdenken . Verstand ich ihn richtig , so konnte er mir seine Ergebenheit nur dadurch beweisen , daß er mich nach einem Ort hinbrachte wo ich die Erklärung seiner Warnung finden würde . Ich verfiel den Wellen des Zweifels ; aber .... wie ich denn bin ! hat er mich einmal gepackt , so fürchte ich nicht bis zu dessen allerletzten Consequenzen zu gehen um zu entdecken welche Art von Gewißheit hinter ihm liegt . - - Ich hatte jezt einige Besuche zu machen . Auf der Heimfahrt sagt ' ich : » Gino , da Du so gut rudern kannst , so wär ' es mir lieb wenn Du mir noch heute Deine Geschicklichkeit zeigtest . « » ' Lustrissima befehlen um zwei Uhr Nachts und mit mir allein ? « » Um zwei Uhr Nachts und mit Dir allein . « Den späten Abend verbrachten wir wie gewöhnlich mit einigen Bekannten . In der Regel versammelten sie sich bei mir ; wir musicirten , wir plauderten ; zuweilen gingen wir auf den Markusplatz , oder machten eine Gondelfahrt , oder betrachteten im Mondschein irgend eines der herrlichen Gebäude von Venedig . Am heutigen Abend verscheuchte uns ein heftiges Gewitter gegen Mitternacht vom Markusplatz und Jeder kehrte nach seiner Wohnung zurück . Ich war gespannt ob meine nächtliche Fahrt stattfinden würde . Das Gewitter löste sich in einen sanften Frühlingsregen auf , und bis ein Uhr saß Otbert mit mir auf dem Balkon um die frische Luft zu genießen ; dann ging er in sein Zimmer , welches über dem meinen lag und wo es bald ganz stille wurde . Mit Herzklopfen wartete ich auf Gino . Zuweilen wünschte ich er möge lieber nicht kommen . Aber er kam um zwei Uhr und fragte ob es mir gefällig sei , und ich folgte ihm entschlossen . Irgend eine vorherrschende Ahnung hatte ich gar nicht . Zuweilen dachte ich an Sedlaczech im Elend , krank , sterbend - zuweilen an Astrau am Spieltisch , bei einem verliebten Abenteuer , bei irgend einer peinlichen Begegnung ; allein das rollte Alles wirr wie im Kaleidoscop durch einander . Wir fuhren nach Torcello ; aus langer Gewohnheit erkannte ich die Richtung trotz der Dunkelheit . Nun wirbelte sich auch noch Benvenutas Bild in meine Phantasmagorien hinein . Wir stiegen nicht beim gewöhnlichen Landungsplatz aus , sondern an einer Stelle welche gar nicht dazu bestimmt war , denn Gino trug mich aus der Gondel ungefähr zwanzig Schritt durch Morast bis er auf trocknen Boden und wie es schien in einen kleinen Gemüsegarten kam . Da setzte er mich nieder , flüsterte : » ' Lustrissima ! .... jenes erleuchtete Fenster dort .... ich harre bei der Gondel ! « und schlich leise zurück . Ich leise vorwärts , bis ich vor jenem Fenster stand und mit einem Blick das liebliche Bild übersah welches sich mir darbot . Dies Fenster war das letzte in einem unscheinbaren Häuschen , und das einzige des Zimmers das vor mir lag ; Gitterstäbe sicherten es nach außen , und eine Fülle von lila- und rosenfarbenem Convolvulus umrankte dieselben . Die Fensterflügel waren geöfnet und die Vorhänge weit zurückgeschoben um die Luft einströmen zu lassen . Das Zimmer war weder groß noch hoch , wie sich das in einem solchen Hause nicht anders erwarten ließ - aber wie geschmückt ! Rosenfarbener Seidenstoff mit weißem Musselin überzogen bekleidete die Wände und Decke , umgab als Vorhang das Bett , den Toilettentisch , das Fenster , und die Thür welche zu meiner Rechten in ein Nebenzimmer führte . Ein andrer Seidenstoff , weiß mit Rosengewinden , bedeckte Sopha und Stühle . Der Fußteppich war ebenfalls weiß und mit Rosen bestreut . Zu beiden Seiten des Fensters auf Marmor-Consolen brannten Lampen , und an der Hinterwand des Zimmers , dem Fenster grade gegenüber stand das Bett . In dem Bett lag eine Frau in sitzender Stellung , durch Kissen unterstützt . Sie hatte eine Wange in die aufgestemmte Hand gelegt . Eine Fülle von schwarzen Locken umrieselte sie , hob den wundervollen Farbenschmelz ihres Colorits hervor , und umgab ihr Antlitz und ihre Büste wie mit einem Rahmen von Ebenholz . Ich habe nie eine liebreizendere Schönheit gesehen - das sage ich heute wie ich es damals , wie ich es immer fand ! - und der Gondolier der am Fußende ihres Bettes saß und sie mit liebetrunkenem Auge ansah , war der schönste Mann den ich je gesehen .... denn es waren Arabella und Otbert . Wie in einen Zauberspiegel starrte ich in dies Fenster hinein . Ich war nichts als Auge . Mein Herz faßte , mein Verstand begriff dies nicht : sie waren wie todt in mir ! nur mein Auge lebte , wachte , sah ! .... und sah ein reizendes Bild , würdig durch Titians und Giorgiones Pinsel unsterblich gemacht zu werden : die Transfiguration der Ueppigkeit . Sie sprachen ganz laut und unbefangen wie man eben spricht wenn man sich in seinen vier Wänden sicher weiß . Einmal lachte Arabella . Das Alles rauschte wie ein Waldbach an meinem Ohr vorüber . Plötzlich hörte ich ; denn Arabella fragte : » Wann reist Sibylle ab ? « » In acht Tagen , « entgegnete Otbert . » Und reist sie gern ? « » Das ist schwer zu sagen ! Du kennst ja ihren Mangel an Animo . Ihre Gedanken nehmen sie zu sehr in Anspruch um ihre Gefühle aufkommen zu lassen . « » Indessen hast Du denn doch ihre Gefühle geweckt . « » Sage lieber , daß ich ihrer Phantasie einen bestimmten Gegenstand dargeboten habe , Arabella , auf dem sie sich niederließ wie ein umhergescheuchter Vogel auf einem grünen Zweig . Die Wahl ihres Herzens wäre nie auf mich gefallen . Ich glaubte es einst und gab mir darum unsägliche Mühe . Allein .... ich glaub ' es nicht mehr . Sie ist partiel ein sehr vollkommnes Geschöpf , aber sie verbraucht sich selbst in unfruchtbarer Weise durch Phantasie und Reflexion , von denen jene ihr heute eine Seligkeit vormalt , welche morgen von dieser vernichtet wird . Im Ganzen ist sie merkwürdig unvollkommen , denn ihr fehlt dasjenige was den Menschen zu Schwung erst und dann zur Ausdauer befähigt : die treibende Kraft der Leidenschaft ! jenes innere Naphthafeuer welches die Elemente des ganzen Wesens zu jenem Punkt zusammenschmilzt , den man beim schmelzenden Metall Silberblick nennt und der durch ein liebliches Farbenspiel den Moment bezeichnet , wo es flüssig genug geworden ist um in eine Form gegossen zu werden . Für den Menschen heißt diese Form : That , und je nachdem sein Character edler , sein Wille reiner , seine Selbstbeherrschung gewaltiger , seine Erkenntniß tiefer ist , wird der That ein schönerer und großartigerer Stempel aufgedrückt . Ist der Character gemein oder lasterhaft oder roh , so wird der Abdruck desselben , seine That es auch sein ; denn adeln kann ihn die Kraft der Leidenschaft nicht immer . Ich sage nur daß dieselbe den innern Adel wenn er vorhanden ist in seiner Glorie zum Vorschein bringt , und daß er ohne sie nur stückweise und ohne göttliche Fülle sich zeigt . Und diesen Mangel beklage ich an Sibyllen für sie selbst und für Andere . Sie ist aller Achtung werth und alles Bedauerns , denn sie wird nie weder glücklich sein noch machen . « » Beklag ihn nicht ! rief Arabella . Hätte sie jene erwärmende Seelenglut , so würdest Du bei ihr und nicht bei mir Dein Glück gefunden haben , und ich , Otbert , bin nun einmal so beschaffen , daß ich will Du sollst das Glück bei mir finden .... bei keiner Andern ! - Ich liebe Dich zu sehr , Otbert , um großmüthig sprechen zu können : Sei glücklich .... aber nicht durch mich ! - Das könnte Sibylle . « » Ja , das könnte Sibylle ! aus Ueberlegung ist sie zu jedem Opfer fähig .... nicht aus Liebesdrang wie Du . Spräche ich zu ihr : stirb für mich ! - so würde sie der Nichtigkeit des menschlichen Daseins gedenken und gelassen sterben . Spräche ich so zu Dir , so würdest Du Dich freudejauchzend in den Tod stürzen , und wenn Dir das Leben auch noch so lieb wäre , ohne Reflexion , aus Liebe für mich . « » Das ist gewiß ! « entgegnete Arabella . Sie sprach ganz wie sonst mit ihrer tiefen gedämpften Stimme , die etwas Rührendes hatte und die mir immer so sehr gefiel . Ihre wunderschönen schwarzen Augen ruhten mit solcher Macht und Innigkeit auf Otbert , daß mir war als müsse ihr Blick ihn wie laue Luftwellen umfließen und von der Erde heben . Schöner , verführerischer , feenhafter als ich sie je gesehen , ganz wie eine Houri des muhamedanischen Paradieses erschien sie mir . Otbert mogte dasselbe finden . Er stand rasch auf . » Du mußt schlafen , Arabella , und Dich ausruhen , sagte er . Auf morgen , Süße ! « Aber er ging nicht ; er kniete vor dem Bett nieder , sie umschlang seinen Nacken , sie sprachen ganz leise mit einander , und tausend Liebkosungen durchschwebten das Gespräch . Endlich sagte Otbert laut : » Nun zum letzten Mal - gute Nacht , Arabella , und gieb mir einen Kuß für Astralis mit . « » Astralis schläft , Otbert , wecke sie nicht und behalte meinen Kuß ! « sagte Arabella mit holdseligem Liebreiz einen Kuß auf seine Lippen drückend . Dann sprang Otbert auf und verschwand hinter dem Thürvorhang zu meiner Rechten . Ich hörte unverständliche Stimmen im Nebenzimmer ; dann öfnete sich die Hausthür und durch die lautlose Nacht hörte ich Otberts Schritt , der dem Landungsplatz zuging . Arabella aber hatte inzwischen schon geschellt , ihre mir wolbekannte irische Kammerfrau war eingetreten und beide sprachen irisch zusammen , was ich nicht verstand . Aber das Folgende verstand ich nur zu gut ! Die Kammerfrau ging ins Nebenzimmer und kam nach einigen Augenblicken mit einer Wärterin zurück , die ein ganz kleines Kind trug und es in Arabellas Arme legte . Sie empfing es zärtlich , küßte seine Händchen , sah es an und wieder an , plauderte abwechselnd mit ihm und den beiden Frauenzimmern italienisch und irisch , und gab es erst zurück als es anfing zu weinen . Da trug die Wärterin es fort , und Arabella bereitete sich zur Ruhe . Die Kammerfrau schloß Fenster und Vorhang , löschte die Lampen - - - verschwunden war das Bild im Zauberspiegel und ich stand da in der feuchten , grauen Dämmerung . Daß es Tag wurde brachte mich zu mir selbst . Ich fühlte nichts als daß eine Art von Erstarrung sich meiner bemächtigt hatte , welche mir die Empfindung gab , als ob statt des Herzens mir ein Marmorblock im Busen liege eiskalt und schwer . Ich riß eine Convolvel-Ranke vom Fenster ab um ein sichtbares Zeichen zu haben , daß meine Vision kein Traum gewesen sei , und kehrte zur Gondel zurück in die mich Gino hineintrug . Zu meiner eigenen Ueberraschung sagte ich sehr gelassen und mit fester Stimme : » Gino , wie hast Du dies Geheimniß erfahren ? « Er wollte Ausflüchte machen ; aber ich sagte : » Bevor ich es wußte mußtest Du schweigen , das versteht sich , Gino ! allein jezt weiß ich es bereits - also rede .... und die Wahrheit . « Da erzählte er mir , er habe längst bemerkt daß Astrau zu seinen nächtlichen Fahrten nicht unsre eigenen Gondoliere gebraucht habe , sondern zu einem traghetto gegangen sei , und dieser Mangel an Vertrauen habe ihn tief gekränkt , da er sich doch als ein Muster von Verschwiegenheit und Treue bewährt . Seine Ergebenheit für mich , die gute Herrin , sei dazu gekommen um ihn zu einer tadelnswerthen Handlung zu verleiten : vor acht bis zehn Tagen sei er heimlich der Barke Astraus nachgefahren , und auf Torcello vorsichtig ihm nachgeschlichen . In dem Häuschen sei es in jener Nacht sehr unruhig gewesen , viel Hin- und Her-Gehens , klagende Stimmen - ihm habe gegraut , und er habe nicht auf Astraus Rückfahrt gewartet , sondern vor ihm Torcello verlassen - was auch sehr gut gewesen indem dieselbe erst am andern Morgen um zehn Uhr erfolgt sei . Am nächsten Tage sei er wieder hinüber gefahren , habe sich beim Hauswirth von Benvenutas Wohnung erkundigt wer in jenem Häuschen wohne , und erfahren es sei eine fremde vornehme Frau , die es schon im vorigen Sommer bezogen habe , in tiefer Einsamkeit lebe und in letzter Nacht ein Kind geboren habe - wie es durch die Wehmutter verlaute , die ganz erstarrt sei über die Herrlichkeit welche die Dame umgebe und über deren Schönheit . Gino suchte in den folgenden Tagen unbemerkt dem Hause sich zu nähern , fand es nur möglich in der Weise wie er es auch heute bewerkstelligt hatte , entdeckte bei der Gelegenheit das erleuchtete Fenster mit Allem was hinter demselben vorging , und wollte mich nun von seiner Entdeckung unterrichten , damit ich meinen Mann in diesem wichtigen Augenblick nicht verließe . Ich bewunderte im Stillen Ginos Takt , der ihn die hohe Wichtigkeit des Moments errathen ließ , denn allerdings ! jezt konnte bei Astrau eine gewisse Gleichgültigkeit gegen - oder eine verstärkte Hinneigung zu Arabella eintreten ; aber was ging das mich an ? ich hatte nur mit dem einen , dem niederschmetternden Gedanken zu thun : Nichts dauert ! die Gefühle des Menschen sind Seifenblasen , bunt , leer , nichtig - abhängig von den Wellen des Blutes und den Nervenfasern , welche heute angeregt und morgen abgespannt sind und ihn in diese oder jene Emotion versetzen . - - Ich saß nicht mehr auf der grünen blumigen Wiese auf der es mir vor einem Jahr so wol gefallen hatte , daß ich meinte ich wolle nie meinen Platz verlassen . Ich war aufgestanden .... war wieder an den Rand des Abgrunds getreten .... sah tief unten den schwarzen Strom fließen der Endlichkeit heißt , und der stückweise und gliederweise alle Bestandtheile des menschlichen Daseins verschlingt und fortwirbelt .... und sah starren Blicks ein Stück meines eigenen Lebens darin untergehen . Ich war nicht entsetzt , nicht verzweiflungsvoll - nur unerhört traurig . Ich hatte keine bittre , zürnende Empfindung gegen Andre , keine mitleidige oder resignirte mit und in mir selbst ; - nur den Wunsch : O könntest du versteinern , Sibylle , um wenigstens auf Einmal und nicht so gräßlich stückweise den Sturz in den unvermeidlichen Abgrund zu thun ! - und mir war als ob die Kälte des Steines langsam und schwer durch meine Adern zum Herzen hinauf kröche und mich ersterben mache . Als ich zu Hause angelangt mich zu Bett legte , meinte ich unter einem Felsen begraben zu werden . Aber ich schlief als sei mir nichts geschehen einen traum- und leidlosen , von den Qualen der Seele unbelästigten Schlaf . Wird dereinst der Tod also sein ? Ich schlief als ginge mich Glück und Unglück , Freude und Schmerz nichts an ; und ebenso erwachte ich . Eine Stunde darauf trat Otbert , ausnahmsweise , zum Frühstück bei mir ein . » Du kehrtest recht spät oder eigentlich recht früh von einer einsamen Spazierfahrt heim ? « sagte er . » Ungefähr eine halbe Stunde nach Dir , entgegnete ich ruhig ; - denn nachdem Du Arabella verlassen hattest , sah ich noch Astralis , die zu ihrer Mutter gebracht wurde . Ich war auf Torcello vor dem Häuschen um dessen Fenster diese Convolveln sich schlingen « - setzte ich hinzu auf die Ranke deutend , die eine Wasserschaale umgab . Astrau starrte mich an als ob ein Medusenhaupt zu ihm spräche . » Du hast