andern Mönche graute ; die dachten , es sei etwas Heidnisches darin . Zu keinem Heiligen waren sie gerichtet , auch nicht zu Gott Sohn und nicht zur Gottesmutter , er wagte zu beten zu dem Gott Vater selbst , der Himmel und Erde geschaffen , er , der noch vor wenigen Jahren ein Götzendiener gewesen , und es graute die frömmsten Mönche vor der Vermessenheit . Da rief er den Gott an , der über Alle ist , ob er recht gethan oder gesündigt , daß er sein Volk und den alten Glauben verlassen , um den neuen Glauben , den er nicht fasse und der doch so allmächtig sei , wie der Sturm , der die Vögel und Wellen treibt , und so mild und warm wie die Sonne , die die Keime lockt aus den Bäumen und die Saat aus der winterlichen Erde ? Er oben , unter den Unerschaffenen thronend , werde wissen , ob die Welt erschaffen sei , daß die Wälder bleiben oder die Städte werden . Wenn sie das hörten , erkannten die Mönche , daß er wieder verfallen sei in seinen alten Irrsinn und scheuten vor ihm . Drauf starb er schon nach wenigen Jahren an den Stufen des Chors mit den Armen den Stamm der Eiche umklammernd , wo dazumal der Markgraf geschlafen . Das war ' s , was Ruprecht dem Junker in seiner Art erzählte , und aus der Legende war eine Sage geworden , die in der Familie fortging von Mund zu Munde . Markgraf Otto schenkte den letzten Elennhirsch zum ewigen Andenken Wußo ' s Nachkommen . Auf dem Thore ihrer Burg prangte noch lange der Kopf des Elenns mit seinem Geweih und nachmalen auch auf dem Wappen des Hauses . Die Formschneider und Maler aus Franken , die es nicht verstanden , weil sie nie ein Elennthier gesehen , machten daraus einen Widderkopf . Mit dem Fell des Hirsches hat Mancher sich des Nachts zugedeckt , bis die weichlichere Sitte kam - weiß der Himmel woher - , daß sie den Gänsen die Federn ausrupften , in einen Sack stopften und damit ihren Leib zudeckten . So ward das schöne Fell in die Rumpelkammer geworfen , und nur den Freunden der Sippschaft als eine Reliquie gezeigt , aus der Zeit , wo es noch Elennhirsche in der Mark gab . Da einmal eine Kranke , die man darauf legte , genesen war , kam die Haut wieder in Ehren , doch nicht so , daß ein Besitzer , der etwas geizig war , und was ihm im Hause unnütz schien , zu Gelde machte , sie um ein Geringes einem Handelsmann verkaufen wollte . Seine Ehefrau berief sich auf jene Eigenschaft des Felles , und endlich kam man überein , daß man es gerben und zu einem Kleidungsstück zuschneiden wolle . Dann war es kein unnütz Stück mehr , und wenn eine Heilkraft darin stecke , meinte der Mann , es sei ihr unbenommen , daß sie auch in der neuen Gestalt sich zeigen thäte . So ward das Fell , da es zu einem Koller sich nicht paßte , der Besitzer auch fast immer auf dem Pferde lebte , das , was es ist , und erbte vom Vater auf den Sohn . Bis dahin war der Knecht Ruprecht in der Erzählung gekommen , welcher Hans Jürgen so aufmerksam zugehört , daß er gar nicht bemerkt , wie der Dämmerschein immer heller geworden , als er plötzlich still hielt und dem Andern winkte . Hans Jürgen hörte ein leises Wimmern . Er sah in die entlaubten Zweige , durch welche das graue Morgenlicht schien , und sein Blick fragte den geisterkundigen Gefährten , ob die Unheimlichen etwa auch in dieser Stunde Macht hätten , aber Ruprecht , der ganz andern Spuren folgte , schüttelte den Kopf und gab ihm nur ein Zeichen , stille zu sein . Nachdem er auf eine Höhe geklettert , winkte er ihm wieder mit vergnügtem Gesicht , und als er heruntersprang , rief er laut : » die kluge Elster am Wege hat mich nicht getäuscht , wenn der Krämer der Dieb ist , haben wir ihn ; und das Jucken im Daumen sagt mir , daß wir bei ihm finden , was wir suchen . « Auf dem Wege am rauschenden See stand ein Karren mit verkoppelten Pferden : aber die Kisten und Packen , die zerbrochen auf der Straße lagen , sprachen nur zu deutlich , daß schon Andere dagewesen , die den Inhalt untersucht hatten . Von diesen war zwar keine Spur , als die ihrer Rosse im Wege . Aber auch der Fuhrmann war verschwunden : » Wenn sie den Hedderich mitgeschleppt hätten ! « rief Hans Jürgen . Ruprecht schüttelte den Kopf und sah nach dem See : » Junker , lieber Junker ! preist Euren Herrn , daß Ihr nicht mitgeritten . Wenn es ehrlich herging , hätten sie ihn an einen Baum gebunden . Ich fürchte , die Sonne , die aufgeht , färbt sich in Blut . « Er schwieg und horchte wieder . Es schien über den See her in der Luft ein Wimmern zu kommen . » Nein , von da , Ruprecht . « Das Laub raschelte , ein tiefes , gurgelndes Stöhnen kam von ziemlich nahe . Mit einem Satz waren Beide durch die niedrigsten Büsche und dem Seeufer hinab , und zugleich entdeckten sie einen Mann , gebunden und geknebelt am schrägen Ufer liegen : » Vorsichtig ! « rief Ruprecht , » sonst kugelt er hinunter . Die haben ihn wie der Teufel gebettet , wenn er sich rührt , plautzt er in ' s Wasser . Beim Kopf , Junker , fest , dann bind ich ihm die Beine los . « Der unglückliche Krämer mochte zuerst glauben , daß er auf ' s Neue in die Hände der unersättlichen Ritter aus dem Stegreif gerathen sei , die zurückgekehrt , um noch etwas zu erpressen . Denn kaum , daß sein Knebel gelöst und die Stricke zerschnitten waren , und sie den Unmächtigen mit ihren kräftigen Armen hinaufgerissen auf die Straße , als er ihnen zu Füßen fiel und bei allen Heiligen schwor , er habe nichts versteckt und Alles offen und ehrlich angezeigt , was er mit sich geführt ; sie möchten seines Lebens schonen um seines Weibes und seiner Kinder willen . - Hans Jürgens Gelächter brachte ihn zur Besinnung , wenigstens zeigte es ihm andere Gesichter , als er erwartet hatte . Nun ergoß sich aber seine Zunge in Verwünschungen gegen die schändlichen Räuber , die ihn , den friedlichsten und rechtlichsten Handelsmann von der Welt , hier überfallen , durch ihre Uebermacht bewältigt , dann grausam gemißhandelt , beraubt und in den Zustand zurückgelassen , wie sie ihn fanden . » Ich will verkrummen wie das Eisen in der Schmiede , wie die Buche , wenn der Stellmacher sie biegt , wenn sie mich nicht niedergeschmissen , auf ' s Gesicht , dann knieten sie auf mir , daß mir das Rückgrat brach , mit Stricken banden sie , mit dem Helfter knebelten sie mich wie ein Pferd . Dann wußte ich nichts mehr von mir . « Knecht Ruprecht zeigte mit grinsendem Lächeln auf ein Etwas , das Hans Jürgen jetzt erst erkannte und seiner Freude nun kaum Herr ward . » Curiose Räuber , « rief der Knecht , » die Einen , den sie ausziehen , auch anziehen . Du hast Dich versehen , Claus , das waren keine Räuber , Schneidergesellen waren ' s , die Dir ein Paar Hosen anmaßen . « Der arme Mann fühlte jetzt , was es galt . Blaß , die Hände ringend , stotterte er Entschuldigungen über Entschuldigungen vor den neuen Peinigern , die er nun erkannte , und die ihm mit wenigen raschen und unsanften Griffen die Lederhosen abstreiften . Er lag wieder auf den Knieen , während Hans Jürgen die Elennshaut wie eine Wurst zusammenstreifte . » Das war mein Unglück ja , gestrenge Herren ! Mich fror in der Morgenluft , da zog ich sie mir über . Da kamen sie auf mich los , ehe ich wieder zurecht saß . Wer weiß , ob sie mich gekriegt hätten ! « » Aber , wo kriegtest Du die Hosen her , Dieb ! « Wo er hinsah Verderben . Vor ihm Hans Jürgen mit dem Plumpsack , hinter ihm der Knecht . Was konnten sie ihm Schlimmeres thun , da er auf seine Waaren sah . Heulend warf er sich mit dem Gesicht darauf : » Schlagt , tödtet , hängt mich , was Ihr wollt , reißt mir das Herz aus dem Leibe , Ihr könnt nichts mehr ausreißen . Das ist Gerechtigkeit um den alten Plunder ! Wollt , ich soll Euch was vorlügen . Ich will nicht lügen , will verdammt sein , wie sie Alle . Ja , ja , ich riß es von der Leine , Berlin ist weit - der Kurfürst ein Kind . ' S wird noch mehr von den Leinen gerissen werden , Meßgewänder und Fürstenmäntel . Wem ' s gehört , kriegt ' s nicht wieder . Aber die Gerechtigkeit kommt doch auf Erden . Der Bauer ist geschunden , der gemeine Mann gegerbt . Immerzu , das Schinden und Gerben geht Reih ' um . « Der Wuthausbruch Eines , der keine Hoffnung mehr hat , hat für einen , der auf dieser Erde noch hofft , etwas Überwältigendes ! Ruprecht zog sanft seinen Pflegebefohlenen am Arm : » Laßt den , Junker . Er hat seine Strafe . Wer zu stark schlägt , schlägt seine eigene Hand . « Zwölftes Kapitel . Das Erwachen . Zwischen Mitternacht und dem ersten Hahnenschrei hatte es vor Hohen-Ziatz gewiehert , als verlange es Einlaß , und da der Thurmwart hinauslugte , sah er das Todtenroß , das unschuldig im Sande scharrte . Schnell hatte er die Lade zugeworfen und nichts mehr gesehen , aber das Wiehern hörte er noch lange fort . Auf der Sumpfwiese hatten Lichtflämmchen hin und hergehüpft , und am Morgen , als die Sonne blutig roth durch das zerrissene Gewölke aufstieg und Windstöße durch die Luft fuhren , hatte man ganze Schaaren von Raben um die Burg kreisen gesehen , und sie ließen sich nicht scheuchen , sondern setzten sich immer wieder auf die Giebel und Dachfirsten . » Und dann hat auch ein wendisch Weib , die Liese aus Gütergotz , die von Golzow kam , auf dem ganzen Wege das Leichenhuhn gackern gehört , als wollte es ihr den Weg zeigen . Vor der Burg zum letzten Mal . Dann ist ' s verschwunden . Darum « - so schloß der Knecht Kasper seinen Vortrag von den Wundern der Nacht - » darum , Gestrenge , mein ' ich , ' s ist nicht so übel , daß die Hosen grade heute nicht da sind . « » Und warum nicht ? « » Und wie gesagt , wenn ' s nicht auf Einem sitzen bleibt , so kommt ' s auf Viele . Bin nicht , wie der Ruprecht , aber wo so viele Zeichen sind , da hat ' s was auf sich , und der wäre kein Christ nicht , der nicht auf Warnungen hören thut . « Was Kasper sprach , schien nur der Wiederhall der stillen Gedanken auf den Gesichtern der andern Burgbewohner . Als wäre ein wüstes Gelag vorhergegangen ; machte doch auch die Frau von Bredow keine Ausnahme . » Kasper , Du meinst es gut , aber der Herr - « » Nun ja , es wird ein Ungewitter setzen . « » Ich mag ' s nicht vor den Mädels haben , er ist doch ihr Vater , « sagte sie halb vertraulich zum alten Knappen und Waffenträger ihres Herrn . Es war sehr selten , daß Frau von Bredow zu einem Dienstmann vertraulich sprach . » Auch die beiden Ziehkinder , es ist nicht gut , daß sie so etwas sehen . « » Sie sind ja noch nicht zurück . « » Ich selbst wollte schon mit ihm sprechen . « » Nein , bei Leibe nicht , Gestrenge ! Ihr könntet ja rüber fahren , ' s ist Sonntag , zur Kirche nach Ferch , dann wäre das Nest leer , und ich will ' s schon auf mich nehmen . Er schlägt auch jetzt nicht mehr , wie ehedem . Mit den Jahren ist er viel frommer geworden . Fahrt zur Kirche , gestrenge Frau , mit den Frölens ; ich halt es aus . « Aber die Frau wußte doch nicht , was das eigentlich helfen sollte . » Unglück kommt nie allein , das ist wahr , « sagte Kasper . » Aber wenn er erst in den Kleidern sitzt , muß er ausreiten , und Gott weiß , was ihm da zustößt . Ich sage , man muß das Unglück nicht aufsuchen gehn , es kommt von selber gelaufen , und wer ausweichen kann , und ' s nicht thut , der hat sich ' s zuzuschreiben . « » Ist der Ruprecht denn noch nicht zurück ? « Eva schüttelte den Kopf . » Ich sagt ' es ja , Mutter , sie haben sich vergangen . « » Dummes Mädchen , fang mir auch an zu flennen . Und wie siehst Du aus ! Fix , mach Dich fertig . Ihr taugt hier nichts . Euch will ich zur Kirche schicken . Was schluchzt denn da ? « Agnes kam aus dem Thore ; einige Leute aus dem Dorfe folgten , die ein in Schweiß gebadetes , von Staub und Schaum bedecktes Reitpferd führten , dessen in Unordnung gerathenem Geschirr man ansah , daß es schon lange ohne Herrn und Pflege umhergelaufen sein mußte . Es war Hans Jochems Pferd . Das Mädchen setzte sich , still weinend , ihr blasses Gesicht mit den Händen bedeckend , auf den Stein an der Mauer : » Ich wußt ' es ! « Die Burgleute schlugen die Augen nieder . Die Sache sprach von selbst von einem abgeworfenen Reiter . » Das war kein Leichenpferd nicht ; das war sein Pferd gewesen , « schluchzte das Mädchen . » Hätten sie nur gleich aufgethan und nachgeschickt , dann hätten sie ihn noch gerettet . « » Wo ist Hans Jochem ? Wo ist Peter Melchior . « Es erfolgte keine Antwort . » Was wird ' s weiter sein ! « fuhr die Frau beruhigter fort . » Sie werden dem Herrn bis zur Fähre das Geleit gegeben haben . Da können sie noch nicht zurück sein . « » Sie werden nie zurückkehren . « » Macht mir den Kopf nicht warm , Mädchen ! Wenn ihm ein Unglück begegnet , sind ja die andern Herren dabei . Werden ihn nicht dabei liegen lassen . Mir ist um den Hans Jürgen und Hans Jochem nicht bange . Unkraut vergeht nicht . « Und doch hörte man ' s dem Ton ihrer Stimme an , daß es nicht ihre gewöhnliche Ruhe war . Wer hält sich auf einem Schiffe fest , wenn Alles um ihn schwankt . Da schlug ein Fenster auf im Giebel und eine Stimme , die man bis in ' s Dorf hörte , schrie : » Das Wetter noch mal ! Kasper ! Brigitte ! wo sind meine Hosen ? « » Gleich , gleich , Götze ! « rief die Edelfrau , und Edelfrau und Knecht stürzten in den Flur , die Treppen hinauf . Dem Knecht warf sie einen freundlichen , bittenden Blick zu . Der antwortete aber nur mit einem grämlichen Kopfnicken und einer Bewegung mit der Hand auf den Rücken . » Hab mir was untergestopft , da kann man ' s schon ' ne Weile aushalten , « brummte er für sich , ohne zu eilen , wie die Frau that , die ihm längst vorauf war . Vielmehr gab er seinen Gedanken in rechter Gemächlichkeit Gehör : » Der Dechant freilich , als ich ' s neulich im Beichtstuhl ihm sagte , meinte , das wär ' auch Sünde , ich glaube , er sagte gegen den heiligen Geist . Jedermann sollte wahrhaftig sein , auch wenn ' s ihm an Haut und Haare ginge , daß er niemals , in welcher Lage des Lebens es sei , im Zustande der Unwahrhaftigkeit sich sollte betreffen lassen . Und das wär ' also Unwahrhaftigkeit , weil ich der Liese ihren Friesrock untergestopft hatte , und der Herr dachte , es wäre meine Haut . Und gelobt hab ich ' s , das ist wahr , daß ich ' s nicht mehr thäte . Aber Leder ist Leder und Haut ist Haut . Und nun sollt ' s mich doch wundern , ob der Dechant das auch Sünde nennen wird , daß ich die alte Rehhaut unterm Koller trage . Denke so überhaupt , was das den heiligen Geist angeht , ob Einer Prügel kriegt oder nicht ! Der Herr oder der Vater giebt sie , und der Knecht oder der Sohn kriegt sie , da hat doch kein Dritter was mit zu schaffen . Aber wenn ich ' s dem Dechanten sage , dann ist das schon wieder Sünde , daß ich ' s gedacht habe . Ueberhaupt , wenn nur nicht die Pfaffen wären , nämlich , daß man ihnen Alles beichten müßte . Die Prügel , nun die wären Prügel , der Regen macht naß und man trocknet wieder , Keiner stirbt davon ; aber wenn man Prügel kriegt , daß man immer denken muß , warum man sie kriegt , und wie man sie kriegt , und wie man ' s im Beichtstuhl vortragen soll , man weiß oft selbst nicht warum und nun werden sie Einem vom Pfaffen erst recht eingeschmiert und eingebläut , und was vorher gar nichts war , das ist nun was , das eben ist die verfluchte Geschichte . « Als die Frau von Bredow die Kammerthür zu ihrem Ehegemahl ein klein wenig aufthat , war der Anblick , den sie durch die Spalte hatte , eben nicht angenehm . Herr Gottfried war aufgesprungen , wie er im Bette gelegen , und reckte die Arme , so weit er konnte , während seine Lippen auch so weit sie konnten , aufstanden , um den Morgenschlaf hinaus zu lassen . Vor ihm aber lag eine dicke Wolke , nämlich das Deckbett , was vorher auf ihm gelegen , und es schienen in den Sack von blauem Zwilch die Federn von drei Heerden Gänse gestopft , die von der Erschütterung des Wurfs nicht wenig durch die Kammer stäubten . Dieser Anblick war aber der Frau nicht ganz unangenehm ; denn das Bette bildete eine natürliche Schanze zwischen ihr und dem Ehemann , falls es ihm eingefallen wäre , ihren Morgengruß durch die That zu erwidern ; denn daß eine so nahe erste Berührung nicht in ihrer Absicht lag , verrieth ihre Stellung an der Thür . Sie wollte nur sehen , wie es stand , auf einen eiligen Rückzug , wenn er Noth that , vorbereitet . » Grüß Dich Gott , Götz , bist Du aufgewacht ? « » Ja ! « » Das ist schön , Männchen , Deine Morgensuppe brodelt auch schon auf dem Heerd . « Aber der Ritter schloß nur den Mund , um ihn wieder zu öffnen : » Wo sind sie ? « » Sind sie noch nicht hier ? Warte nur , lieber Mann , werden gleich kommen . « Seine Stirn runzelte sich und ein verdrießliches Roth lagerte über den nüchternen Augen , die ihre Strahlen erst zu einem stechenden Blick sammelten : » Brigitte , wo sind sie wieder ? « » Jemine , weißt Du nicht , wie Du sie auszogst , hast Du sie auf den Schemel gelegt ; da auf die Lehne ! Der Wind gestern hat das Fenster aufgemacht . Als ich ' s sah , war ich recht erschreckt , Du möchtest Dich verkühlen , aber der Kasper wollte mich nicht reinlassen . Da ist die Katze gekommen und sprang über ' n Schemel auf ' s Fenster und riß sie mit . Ich sah ' s von unten , da hingen sie am Brett ; aber eh ' wir ' s uns versahen , kam wieder ein Windstoß , der warf sie auf ' s Dach . Da wollten wir sie eben holen , als der Sturm eben losging . Ach , Götze , Du wirst Dich wundern , was der Sturm alles angerichtet hat . Die drei großen Kiefern an der Lehmgrube , an der Wurzel rein abgebrochen sind sie . Das Dach vom Hinterhaus wirst Du neu decken müssen , eine Sparre ist eingeknickt . Das Storchnest ist auch runter , wie mit ' nem Messer abgeschnitten . « » Ich friere ja . Wo sind sie geblieben ? « » Ach , daß weißt Du auch nicht ! Die Kinder glaubten , ' s wär ' ein Drache ; so flogen sie über ' s Haus , über die Mauer , bis auf die Wiese . In den Ententeich sind sie gefallen . Die Entengrütze , Götzchen , mußte man doch ein bischen abspülen . Sind gewiß schon trocken . Hab ' den Hans Jürgen nachgeschickt . Er kommt Dir gleich . Frieren sollst Du nicht , mein Herz . Hab ' dir Ingber und Pfeffer in die Biersuppe gethan und Honig . Willst Du auch Eierschaum drauf schwimmen haben ? Der Kasper macht auch ' s Wasser warm , daß er Dir den Bart scheert . Solltest Dich wieder ein Bischen in ' s Bett legen ; ich bring ' s Dir ' rauf . Steige jetzt nur auf den Thurm und will nach dem Hans Jürgen rufen . « Der Ritter rief , er wolle nicht mehr in ' s Bett ; aber die Burgfrau hörte nicht mehr aus , was er sprach , sie hatte die Thür zugeschlagen , und schon war sie über das Brücklein oben , das aus dem Erker nach dem Thurme führte , als sie den Schemel krachen hörte , den Herr Gottfried gegen den Boden schleuderte , daß drei Beine ausfielen und die Lehne knackte : » das Weibervolk , sag ich ' s doch immer , das ist Weibervolk ! « Nur wenig Stufen waren ' s bis zur Thurmzinne , aber Frau Brigitten lag ' s in den Knieen , als wäre vor ihr die Treppe zum Münster in Straßburg . Sie war doch eine wahrhaftige Frau , wie nur eine zehn Meilen in der Runde , aber war ' s die Lüge , die wie Blei ihr in den Gliedern drückte ? - Eine Nothlüge , und solche kleine Nothlüge ! Der Dechant sollte ihr die Frau zeigen , die niemals ihren Mann belogen , und es war ja in so guter Absicht ! Mit der Lüge hätte sie sich auch schon abgefunden , aber mit dem Dechanten und der Beichte ! Die arme Frau von Bredow ! - Nein , es war noch etwas anderes , das ihr in den Gliedern lag . Es war heut ein Unglückstag . - Auf der Mitte der Treppe war in der Blende ein kleines unscheinbares Marienbild . Sie ließ sich auf die Knie und faltete die Hände . Was sie gebetet hatte , wußte sie eigentlich nachher selbst nicht , aber ihr war ' s , als hätte sie die Himmelskönigin gebeten , sie möge ihre Noth bedenken und machen , daß sie nicht gelogen hätte . Hatte sie doch auch einst die Bitte der frommen Landgräfin von Thüringen erhört , und das Brod und Geld ward in Körben zu Blumen . Nun war sie oben auf der Zinne . - Die freie Luft wehte sie an . Wie der Wind über Kieferwälder strich , wie er , in den Ulmen spielend , einen goldenen Blätterregen auf die Wiese streute , wie die Krähen und Tauben in Schaaren sich in der niederen Luft wiegten , wie die Habichte unter den Wolken kreisten , wie der Rauch sich aufringelte aus den Mooshütten des Dorfes - ein Anderer hätte es vielleicht mit Lust gesehen , ihr Auge war auf andere Dinge gerichtet , ihr Ohr lauschte auf andere Töne , als das Summen der Käfer , das Gekrächze der Raben , das Hämmern des Dorfschmieds , das Knarren der Mistwagen , welche von den Ochsen mühsam durch den Sand gezogen wurden . » Der Kaspar ist ein guter Mensch , « dachte sie . » Ich hör ' ihn auch gar nicht widerreden . Er nimmt ' s so ruhig hin . - Wenn doch alle Knechte so fromm wären ! - Ich will ihn auch nachher in den Keller lassen - - - Es klatscht ja gar nicht mehr ! - Was ist das ! - Ach heilige Elisabeth , er hat ihn gewiß an die Gurgel gefaßt . - Da butzt es auch schon gegen die Wand - Götze , Götze , nur nicht zu stark . Wenn da nur kein Unglück kommt ! « Sie hatte sich über die Zinne gelehnt , den Kopf übergebeugt ; als wolle sie keinen Ton sich entgehen lassen , drückte sie die Augen zu : » Götze , Götze ! lieber Mann ! - Warte nur ein klein bischen . Nun kommt ' s schon . Ich sehe den Hans Jürgen schon . Er bringt sie . Du sollst nicht mehr frieren . « Unten schwieg es wirklich , auch sie schwieg , es war etwas Angstschweiß , der sie überlief . Sie hatte ja wieder gelogen ; wie sollte sie in ' s Licht des Tages sehen ! Aber sie sah doch hinein . Ihre Knie hoben sich , ihre Augen wurden größer , ein Zug von Friede und Freude breitete sich um ihren Mund . Traute sie ihrem scharfen Gesicht heute nicht , daß sie die Hand noch einmal über das Auge legte ? Nein , es war keine Täuschung : » Götze , Götze ! Der Hans Jürgen ist da , er hat sie ! « - Hans Jürgen mußte die Edelfrau auf dem Thurme erkennen . Mitten auf dem Damm schwenkte er es . » Der liebe Jung , er ist geschickter als ich dachte . Aber was ist ihm . Er könnte hurtiger laufen . « - Ehe sie hinunter stieg , schaute sie noch einmal hinaus . Aus dem Walde kamen noch Andere , langsameren Schrittes . » Ist das der Ruprecht ? « Sie blieben stehen ; es schien ihr , als trügen sie etwas . Der Schatten des Waldes erlaubte ihr es nicht zu erkennen . Was ging es auch sie an ! Da stand schon Hans Jürgen im Hofe , als sie hinunter kam , aber was sah der Junge so blaß und verblüfft aus . Was war überhaupt vorgegangen ? Das Thor stand sperrweit offen . Der Dechant war auch herbeigekommen und wollte ihre Hand fassen : » Gnädige Frau , Gottes Fügungen sind wunderbar ! In seinen unerforschlichen Rathschlüssen zu lesen , ist uns zwar nicht vergönnt , indessen - « » ' S ist heut ein Unglückstag , « sagte der alte Meier , und betrachtete das Blut in seiner Hand , mit der er den Sattel und Kopf des Pferdes befühlt hatte . » Was ist los , Kinder ? « Sie hielt doch schon das verlorene Kleidungsstück , das Hans Jürgen überbrachte , in der Hand , und aus ihrer Hand war es schnell in den Erker hinaufgewandert . » Du bist nicht daran schuld , « sagte Eva zu Hans Jürgen . » Ach wer das sah und wer das hörte ! Wenn er am Leben bleibt , der Kopf und der Arm sind hin . « Wäre nicht der Dechant gewesen , es wäre Niemand gewesen , der der Edelfrau Rede stehen konnte , so kraus und bunt ging ' s durcheinander . Die halbe Einwohnerschaft war hinausgestürzt , um zu helfen oder zu sehen . » Er ist vom Pferde gestürzt , meine gnädige Frau . Der Herr giebt und der Herr nimmt . « » Hans Jochem ! « Die Blässe des Schrecks gewann endlich Platz auf der Burgfrau Gesicht . » Er ist noch nicht ganz todt « , sagte der Dechant . » Es ist sogar noch Hoffnung , daß wir ihm die Sterbesacramente reichen können . « Frau von Bredow legte mit mütterlicher Theilnahme die Hände auf die Stirn ihrer Tochter . Sie blickte sie wehmüthig an und küßte ihre Stirn : » Der Mensch denkt , Gott lenkt . « Auf einer Bahre von Tannenreisern lag der Verwundete , ein kläglicher Anblick selbst für die , welche ihn schon seit einer Stunde so gesehen . Sein Gesicht war mit Blut aufgelaufen und unkenntlich , sein linkes Bein gebrochen , sein ganzer Körper schien zerschmettert . Der Knecht Ruprecht winkte dem Bauer , mit dessen Hülfe er und Hans Jürgen den Verwundeten bisher getragen , daß er nun gehen könne . Er wartete auf frische Hülfe aus der Burg . » Meint Ihr , daß er davonkommt ? « fragte der Bauer . » Wenn er leben bleibt , bleibt doch nicht viel von ihm leben , « antwortete Ruprecht . » In den Krieg kann er nicht mehr , auf die Jagd auch nicht . « » Und was ist ein Junker , der nicht auf ' s Pferd kann , « sagte der Bauer achselzuckend und ging . Was Hans Jürgen nicht erzählt , erzählte der Bauer denen , die ihm entgegen kamen : wie es gewimmert und gestöhnt , als der Knecht und der Junker im Walde zurückkehrten , wie sie , der Hufspur