viel Besitz hat , viele Hände , so bezahle er sie , und es wird Niemand darüber murren , daß er in dieses oder jenes reichen Herrn Lohne stehe . Es ist aber ein himmelschreiendes Unrecht , von hundert und tausend Armen , die das Glück in keine goldne Wiege mit Perlmutterwalzen gelegt hat , zu verlangen , daß sie zwei Drittheile ihres ganzen Lebens unentgeltlich dem Manne zum Opfer bringen sollen , den ihnen der blinde Zufall zum Herrn gegeben , und daß sie dieses furchtbare Opfer auf Kosten ihres eigenen vernunftgemäßen Vortheils bringen sollen ! Wer viel besitzt , viel gewinnt , soll viel davon ab- und ausgeben . Das ist Naturgesetz und bringt eine wohlthätige Gleichheit unter die Menschen , die ohnehin zu sehr von einander abhängig gemacht worden sind durch allerhand Wunderlichkeiten , die sich seit Adams Zeiten in der Welt eingenistet haben . Braucht also Jemand viel Arme , so bezahle er diese Arme , verlangt er aber , daß diese Arme für ihn ohne Entgelt arbeiten und sich abmühen sollen , so verdient er , daß man ihm den Kopf zurecht setze , wie ' s drüben in Paris die Franzosen gemacht haben und noch machen . « Auf diese lebhafte Entgegnung blieb der Voigt dem Maulwurffänger eine Antwort schuldig , die Knechte , sonst gegen Alles gleichgiltig , was nur irgend wie mit allgemeinen Interessen zusammenhing , rückten dem Sprecher immer näher und bekundeten ihre Theilnahme am sichersten dadurch , daß nach und nach eine Tabakspfeife nach der andern zu qualmen aufhörte . Zuletzt rauchte nur Heinrich noch , der nie versäumte , dem verglimmenden Kraut durch frisches Feuer wieder nachzuhelfen . » Ein Wort , Maulwurffänger , « sprach der Großknecht nach einigem Zögern . » Habt Ihr das unserm gnädigen Herrn in ' s Gesicht gesagt ? « » Dazu hatte ich keine Zeit , « versetzte Heinrich . » Ueberdies war das auch gar nicht nöthig , da ich ihm genug zugeflüstert habe , um ihn festhalten zu lassen an seinem Beschlusse . « » Ist ' s , wie Du sagst , « fiel hier der Voigt wieder ein , » so begreife ich eben so wenig , was aus der Welt , noch was aus den Herren werden soll ! Sie müssen gradeswegs zu Grunde gehen , bei meinem Eid ! « Heinrich lachte mit dumpfem Kehllaut . Man konnte nicht leicht errathen , ob aus Schadenfreude oder weil er die Bemerkung des Voigtes lächerlich fand . » Was würdest Du denn machen , he , « sagte er , » wenn nun alle die reichen und mächtigen Grundbesitzer mit sammt ihren alten gemalten Vorfahren und steinernen Wappenschildern so über Nacht verschwänden , als hätte sie die Erde verschlungen oder als wären sie in einem Brücherche1 versunken ? He , was würdest Du denn machen ? « Der Voigt wußte auch auf diese Frage keine Antwort zu geben . Er schüttelte den Kopf und sah finster vor sich hin . » Nun ich will Dir auf die Sprünge helfen , « fuhr der Maulwurffänger fort . » Kommt es wirklich dahin , wohin ich wünsche , daß es recht bald kommen möge , so kann zweierlei geschehen . Entweder schlagen die reichen Herren in sich , kriegen , wie vom heiligen Geist erleuchtet , gesunden Menschenverstand und geben ihren Nebenmenschen , was ihnen gehört . Dann werden sie bei einigem Verlust sich ganz wohl befinden und den Dank ihrer Mitbrüder erwerben . Oder sie bleiben verstockt und pochen auf ihre Rechte , die ich in meiner Beschränktheit für Unrecht halte . In diesem Falle wird man ihnen mit Gewalt nehmen , was sie im Guten nicht geben wollen , und da kann ' s wohl möglich sein , daß Mancher mit sammt seinem Hechelkram von Ritterschwerten und Grafenkronen , ehe er sich ' s versieht , in eine Irre geräth , aus der ihm keine Sonne mehr heim leuchtet . « » So dumm wird unser gnädiger Herr nicht sein , rechne ich mir , « warf einer der Knechte ein . » Was auch Der und Jener an ihm aussetzen mag , gescheidt ist er wie der Teufel und pfiffig wie ein Advocat ! « » Er wird thun , was die Andern thun , « sagte Heinrich , » und in diesem löblichen Eutschlusse habe ich ihn zu bestärken gesucht . Dafür hat er mich belobt , wie ein Schulmeister seine Jungen , wenn sie ' was gelernt haben , und mir verheißen , Du , mein lieber Voigt , würdest mir die Mandel Maulwürfe , die ich heut auf Seiner Gnaden Feldern abgeknötelt habe , bezahlen . Du kannst sie zuvor nachzählen , sie stecken in meinem Ranzen . Für diese Nacht bitt ' ich mir ein Oertel2 aus , wenn ' s sein kann , in der Hölle ; denn morgen mit dem Frühesten will mir der Herr Graf zu wissen thun , was er von der Sache hält und wie er dabei zu handeln gesonnen ist . « Wir brechen die Unterhaltung in der Gesindestube auf kurze Zeit ab , um denjenigen unserer Leser , die mit den Verhältnissen der Unterthanen zu ihren Herren wenig oder gar nicht vertraut sind , einige Winke darüber zu geben . Zu der Zeit , wo unsere Geschichte spielt , waren noch alle Dorfbewohner ihren verschiedenen Herrschaften frohnpflichtig , eine Last , die mit wenigen Ausnahmen bis in die neuere Zeit sich erhalten hat und erst seit wenigen Jahren ganz aufgehoben worden ist . Alle Landbewohner zerfielen in drei Klassen , in Bauern , Gärtner und Häusler . Das Landeigenthum der Bauern war sehr verschieden , doch kann man annehmen , daß jeder Bauer durchschnittlich wenigstens zu dreißig Dresdner Scheffel Aussaat besaß . Bei Einzelnen mochte sich dieser Besitz verdoppeln , ja verdreifachen . Weit geringer war das Landeigenthum der Gärtner , indeß immer noch groß genug , um darauf Zugvieh zu halten . Der Häusler dagegen hatte über nichts , als über sein kleines Häuschen zu verfügen , dem im günstigsten Falle noch ein kleiner Wiesenplan zu Gebote stand , um eine Ziege darauf grasen zu lassen . Solche Häusler lebten theils von Weberei , theils von Handarbeit und Tagelohn . Jene leibeigenen Bauern nun , von denen wir vorzugsweise sprechen , besaßen zwar Hof und Ackerland als Eigenthum , waren dabei aber doch nicht ihre eigenen Herren , sondern mußten dem Besitzer des Dorfes in allen Dingen zu Willen sein . Um indeß nicht zu hart von der Willkür Einzelner bedrückt zu werden , bestanden gewisse gesetzliche Bestimmungen zwischen Herren und Unterthanen , welche der Herr so gut respectiren mußte , als der Unterthan . Der Letztere war nämlich gebunden , seinem Gebieter jährlich eine gewisse Anzahl Zug- und Handdienste zu leisten . Grade diese waren aber sowohl für Bauer wie für Gärtner und Häusler eine Last , der sie erlagen , die sie nie aufkommen ließ und selbst bei übermenschlicher Anstrengung in schmachvoller Unterwürfigkeit erhielt . Auf dem Schauplatz unserer Erzählung unter den leibeigenen Wenden war z.B. jeder Bauer , der ungefähr für zwanzig Scheffel Kornaussaat Land besaß , gehalten , seinem Herrn wöchentlich sechs Handtage zu leisten oder drei Zugtage mit Pferden und , besaß er diese nicht , mit vier Ochsen . Es blieb ihm also wöchentlich blos ein einziger Tag zu Bestellung seines Feldes , wenn er nicht im Stande war , die Handtage in Zugtage verwandeln zu können . Wollte überdies der Zufall oder das Mißgeschick , daß der Herr auf seinen Gütern Brandschaden erlitt , oder daß ein Unwetter seine fahrbaren Wege zerriß oder daß ein Wasserbau nothwendig ward , oder endlich , daß es ihm einfiel , Holz schlagen zu lassen , so mußte der arme geplagte Bauer die Brandstelle räumen und neue Gebäude mit aufführen helfen ! Er war außerdem verbunden , die schlechten Wege auszubessern , Steine zu einem nöthigen Wehrbau anzufahren und das geschlagene Holz einzuführen . Alle diese Dienste raubten ihm Zeit , ruinirten ihm Wagen , Geschirr und Vieh , und wenn er ermattet heim kam , trat oft die schlechte Jahreszeit ein und verhinderte ihn an tüchtiger Bestellung seines eigenen Landes . So gerieth er immer tiefer und tiefer in Elend und Armuth , versank unter dem steten Druck in Schmutz und Unwissenheit und ward eine willenlose , stupide Maschine seines launischen , im Ueberfluß schwelgenden Herrn . Nicht besser hatten es Gärtner und Häusler . Jener mußte drei Vierteljahre hindurch wöchentlich der Herrschaft drei Handtage und im vierten wöchentlich zwei leisten , dieser wöchentlich einen Handtag , außerdem noch zwölf Tage als Monatsdienst und während der Aerndtezeit vier Handtage . Hierzu kam noch , daß Söhne und Töchter aller Bauern , Gärtner und Häusler den sogenannten Hofedienst auf dem herrschaftlichen Gute oder Schlosse als Knechte und Mägde abhalten und oft mehrere Jahre unablässig gegen bloße Verköstigung , die schlecht und oft unsauber war , dienen mußten ! Man kann sich demnach vorstellen , wie tief und allgemein der Eindruck war , den Heinrichs Neuigkeiten bei allem Hofgesinde hervorbrachten ! Eine neue Welt , die unbekannte Welt der sonnigen Freiheit , lag vor den Augen Aller aufgethan ! Wurden die Hofedienste , wie der Maulwurffänger behauptete , abgeschafft , so war das Joch damit abgeworfen , das ursprünglich die Leibeigenschaft erzeugt hatte . Sie wurden frei , wurden ihren Herren gleich durch die Willkür , nach der sie dann über ihr Handeln verfügen konnten . War aber das Gerücht erdichtet , so war damit ein furchtbarer Feuerbrand in die Gemüther aller Leibeigenen geschleudert worden , den keine noch so milde Behandlung mehr auslöschen konnte . Die Herrschaft wandelte von Stund ' an auf einem glühenden Vulkan , der in jedem Augenblicke bersten und sie zermalmt in die Luft schleudern konnte . Der Maulwurffänger erkannte dies sehr gut und wußte genau , was er that , ohne sich vor der Hand um die Folgen zu kümmern , die seine Handlungsweise haben konnte und mußte . Der Saame der Unzufriedenheit war ausgestreut , in der Masse aller Leibeigenen fraß der Gedanke um sich , daß sie rechtlos , gegen die heiligen Gebote der Religion unterjocht seien , und dieser Gedanke mußte ein Selbstbewußtsein unter der an sich kräftigen Bevölkerung wecken , von dem sie früher keine Ahnung gehabt hatte . Ihm waren außerdem noch so viele geheime Mißbräuche bekannt , welche viele Herren übten und auf die nur hingedeutet werden durfte , um die Unterdrückten von der Unzufriedenheit zur Erbitterung , von dieser zu einer drohenden Stellung den Herren gegenüber aufzuregen . Der Raub der Wendin durch Magnus gab die erwünschteste Veranlassung , diese Mißbräuche nach und nach , wie es Zeit und Umstände erheischten , aufzudecken . Die bedenklichen Unruhen im Auslande waren ein vortrefflicher Anhaltepunkt , den man beliebig benutzen konnte , um den Herren zu drohen . In jedem Falle stand ein Krieg der Unterworfenen gegen die Unterdrücker in naher Aussicht , und diesen durch schmeichelndes Zureden wieder zu beseitigen , hielt Heinrich für unwürdige Feigheit . Wenn überhaupt , konnte nur auf diese Weise uraltes Unrecht aufgehoben und ausgeglichen werden . Da er gewahrte , welchen Eindruck seine unschuldig und nachlässig hingeworfenen Aeußerungen selbst auf diese ungebildeten Menschen machten , ging er noch einen Schritt weiter , den mißmuthigen Voigt jetzt gar nicht beachtend . Er richtete seine Worte direct an das Gesinde des Edelhofes , das ihm , wie einem Propheten , gläubig zuhörte . » Ist Euch nichts zu Ohren gekommen , « sprach er , » daß sich Graf Magnus bald verheirathen will ? Ich hörte in der Haide davon reden . Auf seines Vaters Schlosse , dem alten Boberstein , lebt ein schönes junges Fräulein , um das er werben soll . « » Ihr meint gewiß Herta , die Mutter der Armen , « sagte der Großknecht . » Es kann wohl sein , daß sie Herta heißt , « erwiederte der Maulwurffänger . » Ich habe mein Lebtage nicht mit ihr gesprochen . Aber ein Engel an Schönheit ist sie , davon sind meine eigenen Augen Zeuge . Hat das Gerücht Grund , so ist ' s doch nicht recht , daß der gnädige Herr auch noch mit andern Weibsleuten scherzt ! « » Thut er das ? « fragten ein paar von den Mädchen . » Ich will nicht geradezu behaupten , daß er es thue , der Schein kann trügen , aber ein hübsches Mädchen , das ich kenne , ist bei ihm im Herrenhause . « » Hier auf dem Hofe ? « sagte Marie . » Es muß doch wohl so sein , sonst hätt ' ich sie ja nicht sehen können ! « Hier winkte ihm der Voigt , daß er schweigen solle , und stieß ihn verstohlen mit dem Fuße an . Heinrich aber that , als sehe und fühle er nichts . » Als ich vorhin bei ihm war , « fuhr er fort , » sah ich ein wendisches Häubchen , in dem ein allerliebstes Gesichtchen steckte , fast noch hübscher , als das Deinige , Marie , und das hat noch keinem schmucken jungen Burschen mißfallen . Geweint mußte das blutjunge Ding auch haben , denn sie hatte rothe Augen . Ich möchte doch wissen , warum er das arme liebe Kind bei sich eingesperrt hält . « » O in dem Punkte , « fiel einer von den Knechten ein , » da hat unser gnädiger Herr gar kein Gewissen ! Was ihm gefällt , das nimmt er sich , und hat er sich amusirt , läßt er so ein gutwilliges Geschöpf wieder laufen . Da sieh zu , wo Du ein Unterkommen findest ! « » Wer könnte denn das Mädchen sein ? « sagte ein anderer Knecht . » Ist sie hübscher , als Marie , so ist sie nicht aus der Nähe , « meinte der Großknecht . » Hier herum kenne ich alle Mädchen . « » Der Tracht nach muß sie irgendwo in der Haide zu Hause sein . « Bei diesen Worten des Maulwurffängers hörte man einen schrillenden Ton , als ob eine Fensterscheibe zerspränge , und gleich darauf einen lauten , gellenden Hilferuf . Alle horchten auf und sahen einander bestürzt an . Nur der Voigt senkte die Augen zu Boden und der Maulwurffänger lächelte unheilvoll . » War das im Hofe ? « sagte Marie . » Ich möchte darauf wetten , daß der wunderliche Ton aus dem Herrenhause kam , « sprach Heinrich und stand gelassen auf . » Bleibt nur sitzen , ich werde nachsehen . Kämt Ihr ungerufen , so könnt ' s Euch Buße tragen , mir thut Blauhut nichts zu Leide ! « Und ungehindert , nicht einmal von dem unschlüssigen Voigt begleitet , verließ der Maulwurffänger die Gesindestube mit ihrer aufgeregten , im Herzen heimlich gegen Magnus erbitterten Gesellschaft . Fußnoten 1 Moorsumpf . 2 Platz . Stelle . Achtes Kapitel . Die Flucht . Erzürnt und niedergeschlagen zugleich über die freche Heuchelei , durch welche Graf Magnus ihr Vertrauen bis zu einem gewissen Grade erschlichen hatte , um seine verbrecherischen Pläne auszuführen , blieb Haideröschen eine Zeit lang am Simse des Kamins lehnen , der ihr bei Abwehr des lüsternen Grafen als Rückhalt gedient hatte . Von der übernatürlichen Anstrengung und der unaussprechlichen Seelenangst , die sie dabei gelitten hatte , gänzlich erschöpft , brach sie jetzt zusammen und glitt mit vorgebeugtem Körper auf den weichen buntfarbigen Teppich nieder , der über den Fußboden des prächtigen Zimmers ausgebreitet war . Ströme von Thränen entstürzten ihren Augen , und obwohl sie in tiefstem Herzen Gott dankte , daß er sie aus den Händen ihres Peinigers errettet , konnte sie doch des bittern Schmerzes nicht Meister werden , der sich zugleich ihrer bemächtigte . Wie sollte sie den Verfolgungen des entsetzlichen Grafen begegnen , wenn er seine kaltblütig ausgesprochene Drohung wahr machte ? Und mit welchen Gefühlen konnte sie es wagen , unter ihre Gespielinnen zurückzukehren , hatte sie nur eine einzige endlose Nacht unter dem Dache des Verhaßten zugebracht , der sie kurze Zeit mit so meisterhafter Verstellung gekirrt und zutraulich gemacht hatte ! Diese Fragen legte sich die arme Wendin wiederholt vor , ohne in ihrer Angst und Bestürzung eine Antwort darauf zu finden . Sie wußte und ahnte nicht , wer den Grafen abgerufen hatte und daß dieser kecke und entschlossene Eindringling in ihrem Interesse , zu ihrer Rettung auf dem Edelhofe erschienen sei . Der bloße Name des Maulwurffängers würde sie beruhigt und getröstet haben . In ihrer Rathlosigkeit blieb sie kange auf den Knien liegen , abgebrochene Gebetbrocken mit zitternder Lippe hersagend . Bald faltete sie in wilder Hast die kalten Hände , bald rang sie dieselben verzweiflungsvoll über ihrem Haupte und warf sich dann schluchzend mit dem Gesicht auf den Fußboden . Nach und nach aber ward sie ruhiger und sie begann zu überlegen , wie sie sich gegen den Schändlichen waffnen könne , wenn es ihm einfallen sollte , in kurzer Zeit wiederzukommen . Sie stand auf und untersuchte das Zimmer . Leicht und geräuschlos schlüpfte sie auf den Zehen die Wände entlang und prüfte jeden Falz , jede Buckel der Tapete . Nirgends entdeckte sie eine Thür , die ihrem Druck weichen wollte . Eben so vergebens bemühte sie sich , die Zimmerthür zu öffnen . Sie war und blieb fest verschlossen . Die Schelle zu läuten , nahm sie mit Recht Anstand , da es fast wahrscheinlich war , daß sie in ihrer unsichern Hand mehr als einmal erklingen und dadurch den herrischen Gebieter nur zu schnell wieder herbeirufen würde . Sie schlich jetzt nach den Fenstern , die hoch und breit waren und von denen das eine bis an den Fußboden herabreichte . Behutsam versuchte sie die Wirbel umzudrehen , die wirklich schon gelinder Kraftanwendung nachgaben . Der Fensterflügel ging wie von selbst auf , so daß Haideröschen bequem hindurchschreiten konnte auf einen sehr schmalen Altan , der hier an dem Hause hinlief . Zu beiden Seiten desselben standen ausländische Gewächse in hölzernen Kübeln , die jetzt noch in wärmenden Bast und Leinwand dicht eingeschlagen waren . Unter dem Altan schimmerten die breiten mit rothgelbem Sand bestreuten Gänge eines Gartens unklar durch den schweflig riechenden schwarzgrauen Nebel , der feucht und dick an der Erde lag und Alles mit seinen finstern Schwingen bedeckte . Dennoch bemerkte Haideröschen , daß die Höhe des Fensters unbedeutend sei . Augenblicklich entstand der Gedanke an Flucht in ihrer Seele . Aber sie war unbekannt in der Gegend , sie wußte nicht , wie und ob sie aus dem Garten würde entrinnen können , und wo sollte sie in dieser finstern , naßkalten Märznacht , in diesem grausigen Nebel einen Ort auffinden , der ihr Schutz und Obdach bis zum nächsten Morgen gewähren konnte ! So beschloß sie denn auszuharren , ergeben sich in ihr Schicksal zu fügen und auf Gott zu vertrauen . An ihn wendete sich die fromme Gläubige im Gebet , wie sie es seit ihrer ersten Kindheit gewohnt war . Sie bat ihn , daß er sie beschirmen , daß er den Schlaf in dieser Nacht von ihren Augen verscheuchen und ihr klare Besonnenheit und nicht wankenden Muth in der Stunde der Gefahr verleihen möge ! Gestärkt erhob sie sich von ihren Knieen , löschte instinktartig auf den beiden silbernen Armleuchtern drei Kerzen , weil es ihr Verschwendung dünkte , so viele Lichter für eine einzelne Person anzuzünden , die noch dazu vollkommen müßig ging . Unvollständig erleuchtete die vierte Kerze , deren Docht sich in der trüben Flamme krümmte , das einsame Gemach mit den dunkeln Bildern an den Tapeten . Haideröschen schien es oft , als bewegten sich alle Wände , als verdrehten die grimmig blickenden Jäger die Augen und als schlügen sie ihre Gewehre auf sie an . Dann mußte sie sich Gewalt anthun , um nicht laut aufzuschreien , und als ob sie Beruhigung darin fände , preßte sie beide Hände auf ihren fieberhaft klopfenden Busen . So saß sie lange unbeweglich , nur von Zeit zu Zeit schüchterne Blicke nach der Stelle werfend , wo die verborgene Thür sich befand , auf dem weichen , seidenen Divan , mit ihren Gedanken in der Haide auf dem Garten des Vaters , dessen Sorgen um sie und ihr Loos die Betrübniß ihres schuldlosen Herzens noch vergrößerten . Sie saß und zählte die Viertelstunden , welche die Seigerschelle auf dem Herrenhause regelmäßig anschlug . Ueber eine Stunde war lautlos verstrichen , als sie wieder das unheilvolle Rascheln hinter der Tapetenwand vernahm . Sogleich stand sie auf , ergriff den Armleuchter , auf dem sie beide Kerzen ausgelöscht hatte , und stellte sich mit ihm dicht an das bis zur Erde herabreichende Fenster . Kaum hatte Haideröschen hier Posto gefaßt , als die Tapetenwand zurückwich und Graf Magnus mit einiger Schüchternheit und sehr blaß in das Zimmer trat . Die Gedanken dieses Wüstlings waren durch Heinrichs erdichtete Mittheilungen von Röschen eine Zeitlang ganz abgewendet worden . Der Maulwurffänger hatte ihn mit seinen Neuigkeiten gleichsam überfallen und Magnus sah im ersten Augenblick der Bestürzung , wie alle Menschen , die sich geheimer Schuld bewußt sind , Tage blutigen Aufruhrs , wilder Verheerung in unmittelbarster Nähe . Obwohl er , wie der gesammte Adel , die furchtbaren Ereignisse in Frankreich , die eine neue Zeit ansagten , geflissentlich nicht beachtete , waren sie ihm doch genau bekannt . Denn es gebrach ihm keineswegs an Bildung , an Sinn für geschichtliche Ereignisse und an Talent , aus sich selbst ein tüchtiges Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu bilden , wenn er Lust und Willen dazu gehabt hätte . Erst nachdem er den Maulwurffänger verabschiedet hatte , drängten sich ihm verschiedene Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzählungen dieses Mannes auf . Heinrich konnte ja selbst betrogen worden sein und ihn wieder belogen haben . Denn an die Erdichtung des drohenden Unheils durch den Maulwurffänger dachte er nicht im entferntesten , weil er den umherstreifenden Mann für einen bloßen Schwätzer hielt , der aus purer Selbst- und Gewinnsucht alle Dinge so zu drehen und zu benutzen verstehe , daß sie ihm selbst irgend etwas eintrügen . Leute dieser Art waren nicht selten im Gebirge , und weil sie eigentlich aller Welt Freund waren und Jedermann sie für geringes Entgelt für sich gebrauchen konnte , überall beliebt . Dennoch verdroß es den Grafen , daß er so schnell dem schwatzhaften Manne Gehör gegeben und dadurch das kaum in seine Gewalt bekommene Mädchen sich schon wieder hatte entreißen lassen . Freilich baute er im Hintergrunde seiner Seele einen glänzenden verbrecherischen Plan auf , von dem er sich den größten Genuß und eine furchtbare Genugthuung versprach . Er hütete sich aber wohl , diesen abscheulichen Plan irgend Jemand merken zu lassen , denn er hatte bei sich beschlossen , den Großmüthigen , Milden , Bekehrten zu spielen , aber freilich auch nur zu spielen ! Am meisten verdroß es den eitlen Edelmann , daß diese kleine Wendin einen plumpen Bauerburschen ihm unverhohlen vorzog und daß eigentlich nur dies in seinem Auge der Grund ihrer Widerspänstigkeit war . Obwohl er bei seiner Abberufung den festen Willen gehabt hatte , die Wendin um jeden Preis zu gewinnen , stand er jetzt in Folge seiner Unterredung mit dem Maulwurffänger davon ab , und um in Röschens Gemüth die üble Meinung wieder zu verwischen , die sein letztes Auftreten hervorgerufen haben mußte , entschloß er sich nochmals , sie zu sehen , bevor Heinrich Rücksprache mit ihr genommen habe . » Haideröschen ! « sprach er mit sanfter Stimme , da er die Wendin bei der einzelnen trüb brennenden Kerze nicht sogleich gewahr wurde . » Wo hast Du Dich denn versteckt und wer heißt Dir die Lichter auslöschen ? Sprich , wo bist Du ? Ich komme als Freund und gelobe Dir kein Leid zuzufügen ! « Während er nur halblaut flüsternd diese besänftigenden Worte an das Mädchen richtete , trat er vollends in das Gemach und lenkte seine Schritte nach dem Kamin , wo er die Wendin verborgen glaubte . Da er sie hier nicht fand , besorgte er schon , der Maulwurffänger sei ihm zuvorgekommen und habe Röschen mitgenommen . Ein wilder Fluch entglitt seinem Munde , der seltsam gegen die sanften Worte abstach , die er so eben noch geflüstert hatte . Dabei kehrte er sich um und die am schon aufgewirbelten Fenster lehnende Wendin stand vor ihm . » Kleine Spitzbübin , « sagte er mit freundlichem Lächeln , » Du kannst doch das Necken nicht lassen . Komm näher , mein Täubchen , ich möchte Dich gern um Verzeihung bitten , denn ich sehe ein , daß ich Unrecht habe und Dir unwürdige Zumuthungen machte . « Haideröschen beharrte in schweigender Regungslosigkeit , nur ihre großen Augen schleuderten Blitze der Verachtung auf den Nichtswürdigen , der seine Frechheit so weit trieb , daß er jetzt als Bittender zu erscheinen wagte , wo er vor Kurzem noch die brutalsten Drohungen ausgestoßen hatte . » Ich will nicht hoffen , « fuhr er fort , der Wendin sich nähernd , » daß Du vor Angst und Furcht in dieser Einsamkeit die Sprache verloren hast . Es ist nicht angenehm , allein in Gesellschaft dieser grotesken Jäger zu sein , und weil ich dies aus Erfahrung weiß und die furchtsame Gemüthsart junger Mädchen kenne , wage ich es nochmals vor Dich zu treten , Dir Abbitte zu thun , wenn Du es wünschest , und Dich unter Menschen zu führen . « Haideröschen schwieg noch immer , theils aus Verachtung , theils , weil ihr Blut so ungestüm wallte , daß ihr die Sprache versagte . » Du bist mir immer noch böse , wie ich sehe , « begann Magnus abermals , » es wird mir demnach wohl nichts übrig bleiben , als mich fußfällig vor Dir zu demüthigen und Dich mit einem Handkuß zu versöhnen . « Der Graf stand nur noch wenige Schritte von der Wendin . Als er weiter vordringen wollte , erhob Haideröschen entschlossen den Armleuchter und rief befehlshaberisch : » Wagen Sie nicht näher zu kommen ! Es könnte Sie gereuen ! « Magnus stutzte und verschlang das in ihrem Zorn noch schönere Mädchen mit sinnlichen Blicken . Sie hatte etwas von dem trotzigen Stolz und dem fanatischen Heroismus der Judith , wie sie , den linken vollen Arm , von dem sich der am Handgelenk aufgegangene weiße Hemdärmel abgestreift hatte , nach dem Wirbel über ihrem Haupte ausgestreckt , mit der rechten den blank polirten silbernen Leuchter gegen den Grafen drohend erhoben , dastand . » Wahrhaftig Du bist schön , daß es mir wie eine Versündigung gegen die Schönheit , die wir anbeten sollen , erscheint , Dich nicht zu küssen . Laß Dich also herab , kleine Wilde , und vergib mir im Kusse ! « » Elender ! « stammelte Haideröschen , kaum die Lippen öffnend . » Wenn Du es wagst , mich zu berühren , so stoß ' ich Dir die Augen mit dem Leuchter aus . Ich will nichts mehr von Dir hören , will Dich nicht sehen ! Ehe ich es dulde , daß Du mich berührst , werde ich mir lieber den Kopf an der Wand zerbrechen ! « » Immer laß Deinem Zorn freien Lauf , ich werde Dich nicht hindern , « versetzte Magnus mit gehaltener Ruhe . » Sobald Du Dich erschöpft hast und die Ueberzeugung gewinnst , daß ich nur Dein Gutes will , wirst Du auch wieder vernünftig mit mir reden . « » Verlassen Sie mich ! « sagte Haideröschen , ohne ihre Stellung zu verändern . » Sobald Du mir verziehen und angehört haben wirst , was ich Dir mittheilen will . « » Wenn Sie nicht auf der Stelle gehen , so gehe ich ! « » Das kann ich nur wünschen , weil Du dann an mir vorüber mußt und ich den Saum Deines Gewandes fürbittend mit meinem Munde berühren kann . « » Sie irren sich , Herr Graf ! Ich werde weder in Ihre Nähe kommen , noch es dulden , daß Sie die meinige suchen . « » Dann wirst Du lange Deinen Platz behaupten müssen , kleine wendische Heldin . « » Zwei Minuten noch , nicht länger , « versetzte Haideröschen in finsterer Entschlossenheit . » Ich werde diese Frist gehorsam benutzen , um Dich von meiner Reue zu überzeugen . Du willst nicht zugeben , daß ich Dir näher schreiten soll , gestatte denn , daß ich mich auf meinen Knieen Dir nähere . Die ärgsten Sünder in der katholischen Christenheit nahen sich so der zürnenden Gottheit , die ihnen nach überstandener Kniewallfahrt großmüthig vergibt . « Und während Magnus noch so sprach , ließ er sich wirklich auf die Knie niedergleiten und näherte sich rutschend dem erzürnten und ihn fürchtenden Mädchen . Schon streckte er die Hände flehend nach ihr aus , indem ein schalkhaftes Lächeln seine interessanten Züge nicht unbedeutend verschönerte . Da hieß ihn Haideröschen nochmals einhalten mit der Drohung , sie werde unfehlbar , wenn er seinen Vorsatz ausführe , entweder ihm oder sich selbst ein Leid zufügen . Magnus achtete nicht auf ihre Befehle . Er war so bezaubert von dem Reiz ihrer entzückenden Schönheit , daß er sie nicht mehr sprechen hörte , daß er nur ihre Hand zu fassen , sie zu umarmen wünschte . Jetzt erhaschte er ihr grobes Gewand und wollte sie zu sich heranziehen , um den Saum desselben zu küssen . Da zerbrachen klirrend die großen Fensterscheiben , mit schwerer Wucht flog der silberne Leuchter auf ihn , streifte seine Stirn und verwundete ihn mit scharfer Kante an der Schläfe . Taumelnd stürzte er zurück auf den Teppich . Er sah dunkel , daß die Fensterthür , die Haideröschen ausholend mit dem Leuchter zertrümmert hatte , sich öffnete und gleich