, hatte sich zu einer Unwahrheit entschlossen ; sie , die mit Freuden ihr Leben für Alfred hingegeben hätte , hatte ihm Schmerz bereitet . War das recht gewesen ? Hatte es kein anderes Mittel , keinen edleren Ausweg gegeben ? Sie hatte es dem geliebten Manne verbergen wollen , daß sie eben so schwer an ihrem Schicksal trage , als er an dem seinen ; sie hatte ihm die Sorge um sie und ihren Gram ersparen , ihn wo möglich beruhigen wollen . Er mußte sie leichter verschmerzen , wenn er nicht an ihre Liebe glaubte , er mußte sich leichter trösten , leichter glücklich und heiter werden . Und glücklich sein sollte Alfred um jeden Preis . Um jeden Preis ? fragte sie sich . Auch indem ich ihm den Glauben an mich nehme ? indem ich die Ueberzeugung zerstöre , daß er einem würdigen Gegenstande seine Liebe weihte ? daß ich es werth war , sein Herz auszufüllen ? Hat mich allein die Rücksicht auf ihn bestimmt ? Habe ich ihm nicht wehe gethan , mich selbst zur Lüge erniedrigt , um das Glück seiner Gegenwart zu genießen ? - Eine glühende Schamröthe überdeckte ihr Gesicht , das sie weinend in ihre Hände stützte . Es war still in dem Zimmer . Draußen peitschte der Wind den Regen gegen die Fenster , die letzten Blätter der Bäume raschelten dürr gegeneinander und knarrend bewegten sich die Aeste . Sie stand auf , ging unruhig im Zimmer umher , trat an das Fenster und blickte in den Garten hinaus . Es war tiefe Nacht , kein Stern am Himmel , man konnte keinen Gegenstand unterscheiden . Beklommen aufathmend ließ sie den Vorhang fallen und wendete sich in das Zimmer zurück . Wie öde erschien ihr das ! Dort stand der Tisch , an dem Felix gespielt , hier hatte Alfred neben ihr gesessen , als sein dunkles Auge bittend zu ihr gesprochen , als er sie um ein tröstendes Wort , um ein Liebeszeichen gebeten - und sie hatte geschwiegen , sie hatte sich für immer zum Schweigen , zu schrecklicher Einsamkeit verdammt . Ja ! einsam mit ihrer Liebe und mit ihrem Schmerze war sie gewesen , ihr Leben lang . Sie liebte den Bruder , sein Wohl und Wehe fand lebhaften Widerhall in ihrem Herzen ; fremdes Glück erfreute , fremdes Leid betrübte sie . Sie hatte Freunde gefunden , Kunst und Wissenschaft hatten ihr über manche schwere Stunde fortgeholfen ; aber war das Glück ? war das ein Glück , wie sie es in der Jugend gehofft ? Glück wäre es , die Gattin des Geliebten zu sein , in friedlicher Ruhe das Haupt stützen an seine breite Brust , den Schlag des Herzens fühlen , das für mich klopft , und seine Kinder auf den Knien wiegen ! so sprach es in ihr und trostlos schlug sie die Hände zusammen und ließ sie müde niedersinken in den Schooß . Dies Glück war unmöglich für sie und es gab doch kein zweites . Stürmisch und düster wie der Abend war , sah es in ihrem Herzen aus ; sie konnte nicht ruhig verweilen , wo sie eben mit Alfred gelebt hatte ; ihr graute vor der Einsamkeit , sie wollte sich den Qualen entreißen , die in ihr tobten , und eilte in das Zimmer ihres Bruders , um Muth zu fassen in seiner Nähe . Aber das Zimmer war dunkel , Julian war ausgegangen . Drüben in den benachbarten Häusern blitzte helles Licht aus manchen Fenstern , während hinter andern ein kleines Lämpchen schimmerte . Lange blickte sie hinüber : Wer weiß , welche Wunden dort unbeachtet bluten , welche Thränen dort fließen ? und Jeder von uns hält sein Leid für das größte , sein Glück für nothwendig , sagte sie sich . Und wir leiden und jauchzen auf dem großen Ameisenhaufen , den wir stolz die Welt nennen , und über uns gehen die Sterne ruhig und kalt ihre ewig unwandelbaren Wege . Ein schmerzliches Lächeln überflog ihr Gesicht . O ! wer auf den Sternen wäre , in Ruhe und Frieden ! Wer es wüßte , was recht sein wird vor dem Geiste , wenn die Schranken des Irdischen einst fallen , wenn Liebe und Freiheit die einzigen Gesetze sein werden ! rief sie und verstummte vor den heiligen Räthseln . IV Die junge erwartete Hausgenossin war angelangt und Therese hatte sie in ihren eigenen Zimmern eingerichtet . Aus dem Kinde war ein blühendes gesundes Mädchen von sechzehn Jahren geworden , das mit seinen großen , dunkeln Augen sehr verständig umherblickte und sich bald in den fremden Verhältnissen zurecht fand . Ihre Eltern waren nicht eben reich , hatten viele Kinder , deren ältestes sie war , und frühe schon hatte die tüchtige Mutter die Tochter als Hilfe benutzt , wo es im Hause etwas zu schaffen gab . Sie hatte die Eltern oft in Sorgen gesehen , hatte , soweit ihre Einsicht reichte , Theil daran genommen , die jüngeren Geschwister erziehen helfen und in Krankheiten gepflegt . Dadurch war sie praktisch gewandt und über ihre Jahre ernst geworden . Um so anmuthiger erschien es aber , wenn mitten in diesem jungfräulichen Ernst der kindliche Frohsinn zum Ausbruch kam . Therese fand bald Freude an ihrer Gefährtin und vielerlei Beschäftigung durch und für sie . Sie mußte ihr Lehrer auswählen , ihr eine Art Zeiteintheilung machen und auch für ihre Kleidung Sorge tragen , deren ländliche Einfachheit nicht für die Kreise paßte , in denen sich Agnes für jetzt bewegen sollte . Auch Julian nahm Theil an seiner Pflegetochter , wie er sie nannte , und es gefiel ihm gar wohl , wenn er sich Abends nach der Arbeit an den Theetisch setzte , der jetzt für vier Personen gedeckt ward . Oft vermehrte Eva die Zahl der Tischgenossen durch ihre Gegenwart , oder Alfred kam mit seinem Knaben dazu , und man war äußerlich recht heiter beisammen , während die verschiedenartigsten widersprechendsten Empfindungen in den Herzen der Einzelnen sich regten . Alfred hatte nach jenem Abende lange geschwankt , ob er Therese wiedersehen solle , ob nicht . Er war viele Tage ausgeblieben und hatte sie damit in eine peinliche Ungewißheit gestürzt . Endlich , als die Sehnsucht in ihm zu groß geworden , hatte er angefangen , ihr Verhalten zu billigen . Er wollte kein Geständniß mehr von ihr ertrotzen , er ehrte ihr Schweigen , denn eine innere Ueberzeugung ließ ihn nicht an ihrer Liebe zweifeln . Nur ihr , das fühlte er , dankte er die Möglichkeit , sie sehen und auch künftig in ihrer Nähe leben zu können . So war er ihr bewegt und versöhnend entgegengetreten . Keiner Erklärung hatte es bedurft und ein friedliches , inniges Verhältniß stellte sich zwischen ihnen her . Er besuchte Therese täglich , aber er sah sie nur selten allein . Sein ganzes Fühlen und Denken sprach er vor ihr aus , die leisesten Regungen seiner Seele enthüllte er ihr , und seine Liebe , seine Verehrung für sie stiegen noch mit jedem Tage . Sie schien beglückt durch sein Vertrauen , sie hatte ihre äußere Ruhe wiedergefunden , Jedermann mußte sie für zufrieden , selbst für glücklich halten , denn Niemand sah ihre stillen Thränen , ihr verzagtes Zusammenbrechen in der Einsamkeit . Alle Zärtlichkeit , die sie für Alfred hegte und ihm verbarg , breitete sie über seinen Sohn aus . Die Nähe des Knaben war ihr eine Wohlthat und Felix fühlte sich bald so heimisch bei ihr , daß er , so oft er durfte , zu ihr eilte . Er und Agnes wurden denn auch bald die besten Freunde von der Welt . Stundenlang konnte sie sich mit ihm unterhalten und mit ihm wie mit ihren kleinen Brüdern spielen . Dann trat das kindliche Element in ihrem Wesen entschieden hervor , so daß es kaum zu sagen war , wer mehr Lust an dem Spiele empfände , ob sie oder der Knabe . Die größte Freude aber machten sie dem Präsidenten . Er konnte nicht müde werden , ihnen zuzusehen . Er baute mit Felix die schönsten Festungen aus den Steinen seines Baukastens , hörte eifrig den Märchen zu , die Agnes ihm erzählte , wußte daran Belehrungen für sie und den Knaben zu knüpfen und erschien so liebenswürdig , daß Beide ihm von Herzen zugethan waren und seine Ankunft jedesmal freudig begrüßten . Es gab Stunden , in denen selbst Therese und Alfred ihren heimlichen Gram vergaßen und sich heiter wie Julian dem Frohsinn der Jugend überließen . Nur Theophil nahm keinen Theil daran . Lässig und mißgestimmt betrieb er widerwillig die Zurüstungen für den Ball , der jetzt schon nahe bevorstand . Sein Unwohlsein kehrte häufiger wieder , er klagte über große Abspannung , mußte bisweilen seine Amtsgeschäfte versäumen und endlich wieder den Rath des Arztes in Anspruch nehmen , der ihn , wie immer , auf die eigene Kraft , auf Thätigkeit und Zerstreuung verwies . Das aber waren Mittel , die eine Natur wie die seine nicht anzuwenden vermochte . Er folgte Therese wie ihr Schatten , schien nur in ihrer Nähe zufrieden ; dennoch wußte sie ihn soweit zu beherrschen , daß er ihr niemals von seiner Liebe sprach , die er ziemlich unverhohlen an den Tag legte und als den Grund seines Leidens bezeichnete . Klagte er über Gemüthsbewegungen , die ihn aufrieben , sprach er von einer Idee , die ihn ausschließlich erfülle und ihm alles Andere zur Last mache , dann rieth ihm Therese , zu reisen , sich in das Gewühl des Lebens zu stürzen , und machte damit seine Klagen verstummen , bis irgend ein neuer Anlaß sie hervorrief . So sehr diese von ihr nicht getheilte Liebe sie bisweilen peinigte , so gab es doch Augenblicke , in denen sie ihr wohlthat . Wenn sie sich selbst recht unglücklich , an Freude verarmt erschien , linderte das Bewußtsein ihren Schmerz , daß sie in ihrer Liebe einen Schatz besitze , der im Stande sei , Theophil ' s Wünsche zu krönen , sein Glück zu machen . Sie verzieh ihm dann gern seinen Mismuth , seine Klagen ; sie that , was sie konnte , ihn zu erfreuen , ohne ihm jedoch irgend eine Hoffnung zu geben , daß sie jemals die Seine werden wolle oder könne . V Der November war nun fast zu Ende und man näherte sich dem Tage , an dem der Maskenball statthaben sollte . Der Präsident und Therese hatten der Baronin ihre Gegenwart für den Abend zugesagt und diese hatte auch Agnes dazu eingeladen , die den Wunsch ausgesprochen , die ungekannte Freude zu genießen . Therese hatte sich , trotz Agnes ' Bitten , dagegen erklärt , aber als nun der Termin heranrückte , als Agnes bei Frau von Barnfeld beständig von dem Feste sprechen hörte , als diese und Theophil von den Handwerkern die einzelnen Garderobestücke angefertigt erhielten , da stieg ihre Lust , dem Balle beizuwohnen , höher und immer höher . Eines Tages saß sie mit einem Buche in Theresen ' s Zimmer , während diese ausgegangen war , und dachte wieder lebhaft an den Ball und seine Freuden , als der Präsident hereintrat und ihr über die Schultern in das Buch blickte . Was lesen Sie , Agnes ? fragte er . Romeo und Julie , Herr Präsident ! Therese hat es mir gegeben . Julian nahm das Buch , blätterte darin und fing an , dem jungen Mädchen die erste Scene vorzulesen , in der Romeo und Julie sich auf dem Balle begegnen . Er hatte bei seinem regen Gefühl für Poesie es bald vergessen , daß er nur auf einen Augenblick gekommen war . Die Schönheit des Gedichtes riß ihn hin , und mit seinem wohlklingenden Organ und aller Begeisterung , die er für Shakspeare hegte , las er weiter und immer weiter , bald diese , bald jene Stelle , bis er endlich die Balkonscene aufschlug . Agnes hatte gespannt zugehört , doch kam es dem Präsidenten vor , als erlösche allmälig ihre Theilnahme , und er forderte sie auf , die Julia selbst zu lesen . Sie gehorchte anfangs zögernd und ein wenig befangen , dann ward sie wärmer und freier . Der Präsident hörte ihr mit steigender Ueberraschung zu und las den Romeo mit solchem Eifer , mit so großer Hingebung , daß er sich selbst darüber wunderte , als die Scene zu Ende war und er das Buch zusammenschlug . Agnes , durch das Lesen erhitzt , ebenso entzückt als verschämt , hatte begeistert die glühenden Liebesworte gesprochen und blickte nun mit klopfendem Herzen und lächelnd den Präsidenten an , der seinen Augen und Ohren nicht traute . Sie war sehr schön in diesem Augenblick . So konnte Julia ausgesehen haben . Das glänzend schwarze Haar , das die reine Stirn umgab , die großen unschuldigen Augen hatten etwas höchst Jugendliches , die Form der Nase und des Mundes etwas Italienisches . Er wunderte sich , daß er dies Alles bis jetzt nicht bemerkt hatte , daß ihm entgangen war , wie viel Geist und Gefühl in dem jungen Mädchen schlummre . Er nahm sich vor , aufmerksamer auf sie zu werden , und fragte sie , wie ihr das Gelesene gefallen habe ? Sehr gut , sehr gut , sagte sie , besonders die Scene auf dem Maskenballe . Ach , Herr Präsident ! Sie glauben nicht , wie glücklich ich wäre , wenn Sie Therese überredeten , mich mitzunehmen . Julian mußte lachen , weil der Ton ihrer Bitte so gar kindlich klang . Sehen Sie , wie ungerecht es in der Welt hergeht ! sagte sie . Theophil , der ewig stöhnt und ächzt , der kann thun was er mag . Der geht stöhnend und kauft sich den prächtigsten Anzug und wird ächzend mit Frau von Barnfeld tanzen , und ich ganz allein werde zu Hause bleiben und Sie Alle recht beneiden . Sie wären lieber an Frau von Barnfeld ' s Stelle mit dem hübschen Theophil , liebes Kind ! Das glaube ich , sagte Julian neckend , aber dazu haben die Eltern Sie eigentlich nicht hergeschickt . Glauben Sie , daß mir der Assessor gefällt ? Da irren Sie sehr . Ich kann es gar nicht leiden , wenn ein Mann immer so unglücklich thut . Mein Vater hat gewiß mehr Sorgen als der Assessor , aber er ist doch immer heiter , wenn er noch so viel zu thun hat , und so soll doch ein Mann auch sein und nicht wie Theophil . Theophil ist krank , begütigte Julian , haben Sie Mitleid mit ihm , suchen Sie ihn zu zerstreuen . Haben mich meine Eltern dazu in die Stadt geschickt ? spottete sie und sagte dann : Gewiß , ich will Alles thun , was Therese und die Eltern von mir verlangen , ich bin ja auch sehr fleißig dabei , aber gegen den Ball hätte meine Mutter ganz bestimmt nichts einzuwenden , und ich wäre so glücklich , könnte ich ihn mitmachen . Plötzlich schien ein Gedanke in dem Präsidenten aufzutauchen und er sagte : Agnes , können Sie wohl schweigen ? Wie das Grab ! Und wollen Sie mir einen Gefallen thun ? Von Herzen gern , Herr Präsident . So sagen Sie nicht , daß Sie mit mir von dem Balle gesprochen haben , sprechen Sie überhaupt nicht mehr davon . Aber weshalb denn nicht ? ich möchte so gern hinkommen . Haben Sie nie von guten Elfen gehört , die den frommen Kindern ihre Wünsche erfüllen ? Beten Sie nur fleißig , vielleicht kommt der Elf und hilft . Herr Präsident , Sie nehmen mich mit ! rief Agnes jubelnd . Ich bin kein Elf , liebste Agnes , und Theresen ' s Willen darf ich nicht entgegenhandeln , antwortete er und ging hinaus . Agnes lächelte still vor sich hin . Den ganzen Tag sah sie strahlend vor Glück aus , so daß Therese sie um den Grund ihres Frohsinns befragte , aber sie behauptete , es sei ihr gar nichts begegnet , und freute sich , als am Abend Alfred seinen Felix mitbrachte , mit dem sie ihrer Lust in den tollsten Schwänken freien Lauf ließ . War Theresen der ungewöhnliche Frohsinn des jungen Mädchens aufgefallen , so erschreckte sie andrerseits der ungewöhnlich trübe Ernst in Alfred ' s Zügen und , sobald sie allein miteinander waren , bat sie ihn besorgt , ihr zu sagen , was ihn beunruhige . Ich habe schon einmal , sagte er , mit Ihnen von einer Frau sprechen wollen , die mir die innigste Theilnahme einflößt , von der Harkourt . Therese erschrak , Alfred bemerkte es , ließ sich aber dadurch nicht stören , sondern fuhr fort : Sie kennen das Verhältniß , in dem Julian zu ihr gestanden hat . Sie werden wissen , daß er sie nicht mehr sieht und jede Beziehung zu ihr abgebrochen hat . Sie ist aber eine in jedem Betrachte bedeutende Frau , und wenig Männer möchten die Kraft haben , ihr gegenüber kalt zu bleiben , noch wenigere würden sie so schnell verlassen haben als Ihr Bruder , an dem sie noch mit leidenschaftlicher Liebe hängt . Ich mag über sein Verhalten zu ihr , über den Grund seines jetzigen Betragens nicht urtheilen . Das sind Dinge , die Jeder mit sich selbst abzumachen hat , die man vor sich selbst rechtfertigen muß , und das kann Julian nach seiner Ansicht auch gewiß . Aber ich möchte Sophie vor dem Verderben bewahren , dem sie entgegeneilt , und dazu sollen Sie mir Ihren Rath ertheilen . Therese hatte anfangs sich scheu von diesen Mittheilungen abgewendet , die sie verletzten . Sie zürnte mit Alfred , sie begriff nicht , was diese Erörterungen ihr sollten . Als er aber Sophie eine Unglückliche nannte , als er Beistand für sie verlangte , schwand jedes Bedenken in ihr und sie bat ihn , ihr zu sagen , wie sie helfen möchte . Alfred erzählte , auf welche Weise er Sophie kennen gelernt habe , sprach von dem Briefe , den sie ihm nach Rosenthal geschrieben , und sagte , daß er sie bald nach seiner Ankunft besucht habe . Ich fand sie die ersten Tage , als ich zu ihr ging , nicht zu Hause . Sie sei in der Kirche , sagte man mir . Erst bei dem dritten Besuche traf ich sie selbst . Der Gram hat ihre Wangen gebleicht , sie sieht sehr leidend aus . Sie empfing mich mit einer Ruhe , die etwas sehr Trauriges hatte , und erklärte mir , daß sie nach langem Kampfe mit sich zu einem Entschluß gekommen , daß sie Willens sei , der Welt zu entsagen und in ein Kloster ihres Vaterlandes einzutreten . Die Harkourt ? fragte Therese zweifelnd . Es überrascht Sie , bemerkte Alfred , weil Sie sie nicht kennen ; mir ist es ganz begreiflich . Sie hat nach einem höchsten Glück gestrebt ; ihr Dasein war aufgegangen in Liebe . Nun , da diese sie verläßt , findet sie keinen Halt in sich . Die Gesellschaft der Frauen , denen sie sich vertrauend zu nahen vermöchte , weiset sie von sich , da wirft sie sich verzweifelnd der Kirche in die Arme und hofft Glück hinter den Klosterpforten zu finden , die ihre Phantasie sich wie ein Asyl voll Ruhe und Frieden ausmalt . - Denken Sie nur : Sophie , die Lebensvolle , Strahlende , in den grauen Mauern eines Klosters ! Therese hörte nachdenkend zu , dann sagte sie , als Alfred schwieg : Ich begreife Sophien ' s Entschluß vollkommen , wenn sie fühlt , daß sie fertig mit dem Leben ist , daß es ihr nichts mehr bieten kann , sie für ihren Verlust zu entschädigen . Sie billigen es , daß man in ein Kloster geht ? daß man sich lebendig begräbt und das Leben hinsterbend vertrauert ? Der Widerwille , den Sie gegen jede Beschränkung der Freiheit haben , lieber Reichenbach , wendete Therese ein , macht Sie in diesem Falle ungerecht . Sie wissen es , wie fern mir der Katholicismus , wie fremd und meiner Natur zuwider mir Frömmelei ist . Dennoch habe ich oftmals daran gedacht , daß es gut wäre , wenn man , besonders für Frauen , noch jene stillen Zufluchtsorte hätte , in denen man , aller Lebenssorgen enthoben , der Erinnerung , der Selbstbetrachtung leben könnte und ausruhen von den Stürmen der Welt . Sie sah eine Weile nachdenkend vor sich nieder , dann fuhr sie fort : Es gibt Schicksalsschläge , die so gewaltsam das Leben einer Frau zerstören , Leiden , von denen nicht jede Natur sich erholen kann . Nicht Jede hat einen Wirkungskreis , in dem sie nützen , Pflichten , die sie erfüllen soll . Was kann es für eine Frau in dem Falle Beglückenderes geben , als Einsamkeit und Ruhe ? Diese Ansicht hätte ich bei Ihnen nicht vermuthet , rief Alfred . Sie ! Sie könnten es billigen , daß man ohne Zweck dem Grabe entgegenlebt ? daß man feige sagt , die Last wird mir zu schwer , ich werfe sie von mir ? Therese ! das ist nicht Ihre Ansicht , Sie widersprechen sich seltsam . Und wenn Sophie das Gelübde gethan hat , wenn sie dann einsieht , daß sie sich getäuscht hat , daß Ruhe und Friede nur aus der eigenen Seele quellen , was wird sie dann vor dem Verzweifeln bewahren , wenn es mir nicht gelingt , sie von dem Schritte abzuhalten , den sie zu thun gedenkt ? Glauben Sie , daß sie Frieden findet in dem Zwang eines Gelübdes ? Das kann ich nicht ermessen , da ich die Harkourt nicht kenne , antwortete Therese , auch spreche ich mehr im Allgemeinen als von ihr . Es sind erst wenige Tage , daß ich in irgend einem Blatte von den Zufluchtshäusern las , welche die Puseyiten in England zu errichten beabsichtigen . Dieser Gedanke schwebte mir vor und ist mir segensreich erschienen , weil kein Eid zu ewigem Verweilen darin verpflichtet ; weil eine Rückkehr in das Leben offen bleibt , wenn der Wunsch des Menschen ihn dorthin zurückzieht . - Wie glücklich wäre manche Frau , könnte sie für einige Jahre in solche Einsamkeit flüchten ! welche Erleichterung kann es unter gewissen Verhältnissen sein , einen großen Schmerz ruhig auszuweinen , in tiefer Stille neue Kraft zu suchen . Ist es doch gar so schwer , über das blutende Herz den eiteln Tand einer Gesellschaftskleidung zu legen , die Thränen hinter Lächeln zu verbergen und sich umhertreiben zu lassen in den hohlen Genüssen der Gesellschaft , an denen die Seele keinen Theil hat . Wie Vielen , die gramerfüllt unter uns umherwandeln , würde ein solcher Zufluchtsort willkommen und selbst heilsam sein . Alfred war von ihren Worten sehr ergriffen , er fühlte , welch tiefen Antheil ihre eigenen Erfahrungen an dem Gesagten hatten . Er sah sie lange traurig an und drückte dann ihre Hand , ohne zu sprechen , die sie ruhig in der seinen ruhen ließ . Was bedarf es auch der Worte zwischen Seelen , die nur Ein Dasein haben ? Das tiefste Verständniß , das heiligste Glück der Liebe ruht in diesem Schweigen . Der höchste Schmerz und das größte Glück sind wortlos . Therese und Alfred empfanden es jetzt ; aber Beide gaben sich der Täuschung hin , treu an den Vorsätzen zu halten , die sie gefaßt hatten , Beide vergaßen , daß jeder Blick , jede Miene zum Verräther an ihnen ward und daß sie keines Wortes zum Geständniß ihrer gegenseitigen Liebe bedurften , weil sie Einer in des Andern Seele empfanden . Ein tiefer Seufzer Alfred ' s riß Therese endlich aus den Gedanken , in die sie versunken war . Ich fühle die Wahrheit Ihrer Ansicht , sagte er dann , und ich würde , falls es solch ein Asyl für Sophie gäbe , sie ruhig dahin gehen sehen , aber in ein Kloster niemals . Man soll sich nicht durch Eide binden , die unsere Freiheit beschränken , man darf nie und nimmer ein Gelübde leisten , das uns zum Fluche werden , das uns zu einer Zeit fesseln kann , in der wir selbst es als einen Irrthum betrachten , in der wir sehnsüchtig nach Freiheit verlangen . Eine zweite , noch gefährlichere Pause entstand , Therese fühlte es und fragte : Und was denken Sie der Armen zu rathen ? Ich weiß es selbst nicht , antwortete er . Glücklicherweise ist sie hier noch durch ihr Engagement gebunden . Sie tritt nicht auf , und man muß sich darein finden , weil sie wirklich leidend ist ; aber man will sie nicht frei geben , sie nicht ihrer Verpflichtungen entlassen . Sie verlangt , daß ich mit der Direction unterhandele , und ich habe die einleitenden Schritte dazu gethan . Daß sie hier bleibt , scheint mir selbst nicht rathsam , dennoch betreibe ich die Angelegenheit ohne Eile , um Zeit zu gewinnen , um ihr Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu lassen . Wären Sie nicht Julian ' s Schwester , ich ließe nicht mit Bitten nach , bis Sie sich Sophien näherten , bis Sie sie in Ihren Schutz , in Ihre Pflege nähmen . Eine solche Natur vor sichrer Reue zu retten , das wäre ein schöner Beruf für ein edles Frauenherz , das sich zu ihr neigen wollte . Er sprach mit Wärme , erwartete sichtlich Beistimmung , hoffte vielleicht gar auf irgend eine Ermuthigung , aber Therese schwieg . Sophie dauerte sie , sie glaubte an alles Gute , das Alfred von ihr aussagte , dennoch konnte sie sich nicht überwinden , in irgend eine Beziehung zu ihr zu treten . Sophien ' s Verhältniß zu ihrem Bruder hatte ihr zu viel Kummer gemacht , sie konnte und wollte den Unwillen nicht besiegen , den sie gegen jede Uebertretung der Sitte fühlte , und vielleicht that ihr auch die Theilnahme Alfred ' s an Sophien wehe . Ihr besseres Selbst tadelte sie deshalb , aber sie bot den Beistand nicht an , den Alfred verlangte . Felix und Agnes kehrten zurück und eine allgemeine Unterhaltung zog Therese von den Zweifeln ab , die sie innerlich beunruhigten . VI Seit vielen Tagen hatte Alfred einen Brief von seinem Freunde , dem Domherrn , erwartet . Endlich langte er an . Nach einer kurzen Einleitung hieß es in demselben : » Ich kann Frau von Reichenbach zu keiner bestimmten Erklärung , zu keinem Eingehen auf Ihre Wünsche bewegen . Ich müßte mich sehr täuschen , wenn diese Hartnäckigkeit nicht von den Rathschlägen des Herrn Kaplan herrühren sollte . Er ist Ihr entschiedener Feind . Ich weiß nicht , womit Sie ihn bei Ihrer letzten Anwesenheit in Rosenthal verletzt haben mögen , aber er verbirgt seinen Widerwillen gegen Sie durchaus nicht . Er tadelt überall laut das Verfahren gegen Ihre Frau , er hat dieser gesagt , daß bei einer Ehescheidung Sie allein für den schuldigen Theil erklärt werden , daß man Sie böslicher Verlassung beschuldigen würde und daß Frau von Reichenbach viel vortheilhafter bei einer Scheidung gestellt sein dürfte , als bei der Trennung , die Sie ihr vorschlagen . Dies sagte mir Ihre Frau selbst ; zugleich aber auch , daß Ruhberg ihr rathe , sich noch nicht zu entscheiden , sondern Ihre Rückkehr zu hoffen und zu fordern . « » Ruhberg spielt ein schlecht verstecktes Spiel . Mich dünkt , er will Sie durch den Widerstand Ihrer Frau zu einem Aeußersten treiben ; er hofft , daß Sie die gerichtliche Scheidung endlich doch verlangen werden , und sieht sich im Geiste bereits an meiner Stelle und als Verwalter Ihrer Güter , als Erzieher Ihres Sohnes . Irgend einen bestimmten Anschlag führt er ganz entschieden gegen Sie im Schilde , darum seien Sie vorsichtig , lieber Freund ! Lassen Sie sich nicht ungeduldig machen , denken Sie an die Vorsätze , die Sie gefaßt , sich für fremdes Wohl zu opfern , und beharren Sie fest in Dem , was Sie für das Rechte erkannt haben . Ich gebe die Angelegenheit nicht aus den Händen , vielleicht sende ich Ihnen bald eine bessere Botschaft . - Seien Sie vorsichtig , mistrauen Sie allen Vorschlägen , die Ihnen von Ruhberg kommen , und verzeihen Sie es einem alten Freunde , wenn er Sie vielleicht in übergroßer Besorgniß mit Rathschlägen belästigt , deren ein Mann wie Sie sicher nicht bedarf . « Alfred ward durch diesen Brief in die bitterste , verdrießlichste Stimmung versetzt . Er hatte , als er ihn empfing , mit Lust bei der Arbeit gesessen und in warmen Worten das Glück getheilter Liebe , das Glück einer Ehe geschildert . Spöttisch sah er jetzt auf die Blätter herab , die vor ihm lagen . Welch lächerliches , widerwärtiges Narrenspiel ist das Leben ! sagte er zu sich selbst . Da sitze ich und spreche von einem Glücke , das ich nie gekannt habe ; das mir aus nächster Nähe winkt und das ich nicht erfassen darf . Da male ich Liebe und fühle nichts als Zorn , während die Welt vielleicht einst mich um das eheliche Glück beneidet , dem ich diese Schilderung nachbildete . O ! wenn das Publikum wüßte , welche tiefe Wunden , welche heiße Sehnsucht sich oft hinter den Worten verbergen , an denen es sich erfreut ! Wenn sie wüßten , daß nur zu oft der Schmerz es ist , der die Binde von unseren Augen nimmt und uns lehrt nach den Geheimnissen in der eigenen Brust zu forschen und fremde Seelen zu verstehen ! Wenn sie ahnten , wie schwer wir die Erfahrungen bezahlt haben , wie herb , wie