, die , unermüdlich in Nachtwachen und Dienstleistungen , der eigenen geringeren Leiden gern vergaß ; an dem innern Verstehen dieser Beiden durch Alter , Bildung und Vaterland so ganz verschiedenen Naturen lernte Leontine den Werth eines begrenzenden Glaubens , die Gefahr ihrer eigenen Ansichten erkennen . O , wie beneidete sie selbst Jean Carlo , wie er jetzt ohne Scheu vor ihr sich nennen ließ , um den Trost seiner Fürbitte , um sein inbrünstiges , den von Heiligen erfüllten Himmel erstürmendes Gebet ; denn nach demselben ward er ruhiger , er hörte die fromme Schwester mit stiller Ergebung an , er faßte neue Hoffnung und einte die Palme des Friedens der Dornenkrone , die sein Vaterland ihm als letztes Geschenk hinterlassen . Aber diese Dornen stachen schwer und tief , er litt unsäglich ! Nachdem König Ferdinand des Vierten Reise nach Laibach der Neapel kaum gewährten Constitution den frühen Todesstoß gegeben , nachdem die lange Jahre hindurch heimlich vorbereiteten Pläne des Carbonarismus eigentlich bereits vernichtet waren , hatte dennoch ein Sproß des Freiheitsbaumes sich grünend zu erhalten vermocht . Boralli ' s Schilderung der Lage des Königs in Laibach erweckte eine durchgehende allgemeine Begeisterung und Krieg ! ward die überall im ganzen Lande widerhallende Losung . Jean Carlo hatte sich im Gebirg , wo er die Truppen organisiren half , den festesten Glauben an die Thatkraft seines Volkes bewahrt . Ueber jeden Zweifel hinweg trugen ihn die Flügel seiner jungen Phantasie und der feurigsten Verehrung für Guglielmo Pepe , seines Oheims langjährigen Freund und Waffengenossen . Als aber kurz nach dem so glänzenden Beginnen des Kampfes diese Flügel , gewaltsam geknickt , zur nutzlos mit Bürgerblut befleckten Erde niedersanken , als die regellose , wilde neapolitanische Armee , ohne Disciplin , ohne Kriegsübung , ja sogar ohne hinreichende Waffen , der Uebermacht des sieggewohnten österreichischen Heeres fast ohne Widerstand erlag , als mehr noch als alles dies der durch lange Knechtschaft entartete Charakter der niedern Volksclassen dem Gelingen allzukühner , zu rascher Entwürfe einen innern , ja den allergefährlichsten Feind entgegenstellte , da focht Jean Carlo unter dem Helden seiner Wahl - um die Gunst des Todes . Sie ward ihm nicht ! Er erlebte es , bei Rieti durch General Walmoden die Ueberbleibsel des unglücklichen Heeres zerstreut zu sehen . Pepe ging nach Neapel zurück und brachte nichts mit sich dahin , als die trostlose Nachricht seiner eigenen Niederlage . Jean Carlo ' s Oheim , der ihn an Vaters Statt erzogen , dessen Adjutant er in dem kurzen Feldzuge gewesen , an dessen Seite er den goldnen Freiheitstraum geträumt , ward vermißt ; ob er gefallen , ob geflüchtet , war nicht zu ergründen . Zerbrochen an Leib und Seele , hatte Jean Carlo neben ihm gefochten , bis er selbst bewußtlos niedersank . Ihn weckte die Nachricht der neuen Schmach , die Carascosa ' s Heeresabtheilung getroffen . Als er in einem kleinen Dorfe von seiner Wunde insofern genesen war , daß er aufstehen und sich bewegen konnte , zog er Erkundigungen ein . Die vom König eingesetzte provisorische Regierung hatte einen Preis auf seines Oheims Kopf gesetzt . Monato , Hiacinth de Passe fielen , unzählige Bekannte , Freunde und Verwandte des unglückseligen Jünglings büßten Leben oder Freiheit ein , ihn selbst retteten günstige Zufälligkeiten und die Zuneigung eines mit seinem Hause befreundeten Fürsten , Medici , der sein Pathe war . Ihm ward die Flucht erleichtert . Längst ruhten seine Eltern im Grabe , ihm blieb eine einzige Schwester , die in einem unfern Neapel gelegenen Kloster in Pension war . Als er in der Nacht , verkleidet , sich hinüberschlich , um Rosalien ein vielleicht letztes Lebewohl zu sagen , fand er die Aebtissin desselben , eine Base seiner Mutter , von all den Sorgen um die Ihren schwer erkrankt und schon im Todeskampf . Der Einzug des Königs war nahe , die Amnestie für Alle , die bis zum vierundzwanzigsten März an geheimen Gesellschaften Theil genommen , noch nicht ausgesprochen , über Jean Carlo ' s mögliche Rückkehr in sein Vaterland nichts vorauszusehen , und kein einziger Verwandter , dem er die Schwester übergeben konnte , ungefährdet oder frei , die meisten heimlich verborgen oder geflüchtet . Noch vor Anbruch des nächsten Tages stand die Auflösung der Aebtissin zu erwarten , die wortlos des armen jungen Mädchens zarte Hand in die seine legte . Rosalien blieb nur die Wahl des schützenden Schleiers , das Kreuz des Heilands , oder das Schwere der herben Theilnahme am ungewissen Geschick ihres Bruders . Sie wählte das letzte . In fast wahnsinniger Verzweiflung umklammerte sie den einzigen Beschützer , der ihr geblieben , und beschwor ihn unter heißen Thränen , sie nicht zu verstoßen , sie nicht allein in dem der Knechtschaft geweihten Lande zurückzulassen , sie mit sich zu nehmen in die Fremde - ach ! die Aermste kannte ja diese Fremde nicht , die sie um seinetwillen lieben zu können hoffte , in welcher sie nur für ihre Todten und für die einstige Auferstehung ihres Volkes zu beten gedachte und in der sie unbewußt sich selbst den frühen Tod erbeten hatte . Die dringende Eile der Stunden und die Thränen des armen Kindes siegten . Vereint flohen die Geschwister . Eine Weile lebten sie unbemerkt in Frankreich und gingen dann nach der Schweiz . Von dort aus ward Jean Carlo nach Baden geschickt , weil seine schlecht geheilte Wunde aufgebrochen . Ach , eine unendlich tiefere öffnete sich ihm dort , als die Hoffnung schwand , Rosaliens Gesundheit herzustellen , deren Schwäche der junge Mann früher bei seinen sie immer momentan neu belebenden Klosterbesuchen nicht wahrgenommen hatte . Die Aerzte schrieben ihr Uebel einer Erkältung beim Uebergang der Alpen zu - der Tod will ja eine Ursache haben . Leontine , Schwester Renate und Jean Carlo saßen in stummem Schmerz am Bett der plötzlich , nach einem neuen heftigen Blutauswurf sanft wie ein Kind Entschlafenen ; die Nonne betete still für die durch den unerwarteten Tod ohne die Gnadenmittel der Kirche Hinübergegangene ; Leontinens Hand ruhte zum ersten Mal lange in der ihres armen Freundes ; Keines versuchte ein lautes Wort . Im Hause ahnete noch Niemand die Gegenwart des Todes . Renate hatte selbst die geweihten Kerzen zu Haupt und Füßen des Sterbelagers angezündet , den Priester hatte man nicht mehr rufen können , so schnell hatte der Scheidekuß des Lebens die bleichen Lippen des schönen Mädchens berührt . Die Badegäste und Wirthsleute schliefen , auf den Straßen hatte sich ringsum Ruhe verbreitet , nur ein überwachter Orgelmann drehte auch schon halb schlafend unter einem fernen Fenster sein letztes Ständchen ab , es war ein veraltetes Volks- und Liebeslied ; unwillkürlich mußte Leontine darauf hören . » Keine Nessel , kein Feuer kann brennen so heiß als heimliche Liebe , die Niemand nicht weiß . « Lange saßen sie so schweigend ; endlich begann Carlo zu reden . Er blickte nach dem noch nicht ergrauenden Tage ; sein unruhiges Blut trug die Unthätigkeit des Schmerzes nicht , und es lastete der Gedanke auf ihm , die geliebte Leiche hier im fremden Lande zurückzulassen . Sollte Rosalie als Polin mit einer Lüge in ' s dunkle Grab gelegt werden ? Welche Hoffnung blieb dann dem Trauernden , in möglich besseren Tagen wenigstens die schöne Hülle der Schwester dem Geburtslande wieder heim zu bringen , dem die Lebende entrissen zu haben er so tief bejammerte ? Ach , Schmerz und Glück zogen ja ihn wie sie in jedem Athemzug hinüber ! - Mit heftig erwachender Leidenschaftlichkeit erneuten sich seine Klagen . Trostlos stand Leontine neben ihm , sie litt unaussprechlich und ach ! sie wußte keinen Rath für diese neue Form der Qual . Vergebens bot sie ihm ihres in wenig Tagen erwarteten Stiefvaters Hülfe . Jede Mittheilung des Geheimnisses an einen Dritten lehnte er bestimmt ab . In diesem Augenblicke hatte die fromme Schwester , die in stillen Fürbitten am Fußende des Lagers kniete und in tiefster Sammlung das Gespräch nicht beachtete , ihre Gebete beendet . Sie schritt der Thüre zu und , schon an der Schwelle , sagte sie leise : Ich gehe zum Dechanten ; man wird nun bald zur Frühmesse läuten , er wird schon aufsein . Wie ein Lichtstrahl durchzuckten die einfachen Worte Jean Carlo ' s verdüstertes Gemüth . Ja ! rief er aufspringend , im Schoos der Kirche , in der Hingebung an ihre beseligenden Wahrheiten finde ich die Gewährung einer Versicherung , die nichts Irdisches mir zu geben vermag . Die gefalteten Hände fest auf die Brust gedrückt , blickte er aufwärts und ein Ausdruck der schwärmerischsten , inbrünstigsten Frömmigkeit überflog den Schmerz seiner Züge . Ja , fuhr er fort , von dir , mein reiner Engel ! kam mir der Gedanke . Die Beichte sichert mein Geheimniß und bürgt mir für die Erfüllung deines letzten Erdenwunsches ! Er hob den Schleier , der das Antlitz der Gestorbenen deckte ; sie war unaussprechlich schön . Leise küßte er ihre weiße Stirn , dann fuhr er , zu Leontinen gewendet , fort : Ach , Signora ! könnten Sie fühlen , was in diesem Augenblicke meine arme zerrissene Seele wie ein Friedensbote durchzieht und das wilde Thier in mir bändigt . O , könnten Sie mit mir glauben , so wie Sie mit mir gelitten haben ; wie Sie oft mitten in der Verzweiflung mir einen Sonnenstrahl des Glücks in die Lebensöde gesandt ! Er küßte heftig ihre Hände und wandte sich dann wieder der Leiche zu , die er mit immer steigendem aber stillerem Schmerz betrachtete . Könnte ich mit ihm glauben ! wiederholte sich leise Leontine . Kann ich ' s denn nicht ? Sie legte den Kopf zurück in die Lehne des Sessels und einzelne große Thränen rollten über ihre hochrothen Wangen . Da öffnete sich leise die Thür , lautlosen Schrittes trat der Dechant ein , hinter ihm ein Chorknabe , der am Eingange stehen blieb . Er kannte die Geschwister wohl , obschon nur unter polnischem Namen ; es that ihm weh , daß sein Beichtkind ohne die letzten Tröstungen der Kirche geschieden war . Nun kam er , von der alten Schwester herbeigerufen , den Rest der Nachtwache mit dem unglücklichen Bruder der Verstorbenen zu theilen und den Ritus der Kirche zu vollziehen . Der Dechant war noch ein junger Mann mit fast durchsichtig bleichem Gesicht ; auch ihm schien die Verheißung eines frühzeitigen Todes auf die gedankenklare Stirn gedrückt . Eine große Milde und Sanftmuth sprach sich in seinem ganzen Wesen aus ; so war auch sein Ruf von makelloser Reinheit . Leontine hatte nie einen andern katholischen Geistlichen gekannt , oder auch nur außer der Kirche gesehen , als den alten Domine , dem sie so übel mitzuspielen pflegte . Sie kannte die sanfte Suade , die Gewalt der Einwirkung katholischer Formen , dieses weiche Herrschen , dieses feste Ergreifen und Tragen der Seele nicht , das in dem Riesenbau jener Kirche , in der Gestaltung jener höchsten Manifestation des menschlichen Geistes sich ausspricht , und nun in der vollendetsten Ausübung überwältigend ihr entgegentrat . War der Dechant mit den Verhältnissen der polnischen Familie unbekannt , die er vor sich zu sehen wähnte , hatte der Anblick der jugendlichen Leiche ihn dieselben vergessen machen ? Genug , er hielt Leontine vielleicht der heißen Thränen wegen , die während seiner Worte ihr Gesicht überströmten , für Trzebinski ' s Gemahlin und sprach in diesem Sinne auch zu ihr , ermahnte sie , dem schwer Geprüften nun auch die Verlorene zu ersetzen , sich wo möglich noch enger ihm anzuschließen , und wie aus der Tiefe der Verwesung die Kraft eines erhöhten Lebens der leiblichen und geistigen Natur sich entringe , so auch diesem so früh geöffneten Grabe ein Gott geheiligtes Leben der Liebe entsprießen zu lassen . Jean Carlo weinte so heftig , daß er nicht sogleich die Kraft hatte , die Anrede des Geistlichen zu unterbrechen , der im Begriff war , in einem kurzen Uebergange dem Formular der Kirche sich zuzuwenden und deren Ceremonien zu vollziehen , als endlich Leontinens furchtbare Erschütterung und ihr Zittern des jungen Mannes Aufmerksamkeit gewaltsam auf sie zurücklenkten . Er ergriff mit dem Ausdruck der tiefsten Verehrung ihre Hand und geleitete sie der Thüre und Babet zu , die schluchzend in derselben stand , dann wandte er sich wieder zum Dechanten ; in demselben Augenblick schloß sich die Thüre hinter Leontinen , und halb bewußtlos folgte sie Babeten in ihr Zimmer . Es war Mittag und die Trauerkunde hatte sich bereits durch das ganze Baden verbreitet , als die todtmatte Leontine die Augen aufschlug ; die gewandte Babet hatte der Gräfin eine unruhige , durch die Nachbarschaft der Kranken schlaflose Nacht des Fräuleins vorgelogen . Aber mit dieser Nacht hatte ja nun auch das Zusammenleben mit dem neugewonnenen Freunde aufgehört ! Der lange Tag verging , ohne daß Leontine mehr von dem hörte , was sich drüben begab , als was auch die andern Hausgenossen erfuhren . Sie sandte , wie die meisten Bewohnerinnen des Hotels , einen Blumenkranz , der schönen jungen Todten auf den Sarg zu legen . Daß er aus Orangenblüten und Granaten bestand , ließ man für einen Zufall gelten ; die Thränen , die als Thau ihn benetzten , bemerkte Niemand . Kaum war die Begräbnißstunde bestimmt , so vereinten sich die Gräfin und ihre Freundinnen , um der Ceremonie zuzusehen . Es war ein Drängen und Treiben um die offene Grabhöhle , als hätten Alle das schöne Mädchen gekannt , oder als gälte es eine Lustpartie . Leontine warf sich weinend auf ihr Bett und schützte Kopfweh vor . Noch am nämlichen Abend überbrachte man ihr einige Zeilen von Jean Carlo ' s Hand . Sie hielt das Blatt noch in der ihren , als draußen Babets aufjubelnde Stimme die Ankunft Geierspergs und Josephinens verkündete ; kaum blieb Leontinen Zeit , das Papier zu verbergen , so lag sie schon in ihrer Mutter Armen . Von nun an begann ein ganz neuer Lebensabschnitt . Geiersperg liebte joviale Geselligkeit , war gern in Baden und fand eine Menge alter Bekannte , Kriegsgefährten und Jugendgenossen daselbst . Auch Josephine ward von einem kleinen Kreise freudig begrüßt , eine Landpartie , eine Ausfahrt jagte die andere . Die Generalin ging freundlich auf jeden Vorschlag der Art ein , ihre Lebensstellung war in der zweiten Ehe eine ganz andere geworden , als sie in der ersten , im Jugendrausch der Begeisterung geschlossene Verbindung mit Waldau gewesen . Die Zeit war ja so ganz verändert , es war Friede , und hatte auch dieser Friede nicht alle Träume und Verheißungen des ihm vorangegangenen Kampfes erfüllt , so waren doch materielles Behagen oder industrielles Wirken überall an die Stelle der früheren Romantik getreten , die Josephinens Blütenzeit belebte und deren mitunter sehr dunkle Schatten die letzten Jahre Waldau ' s vor Erschlaffung bewahrt hatten . Denn selbst als ihn Krankheit und der schwere Druck der Ereignisse zur Unthätigkeit verdammten , hatte sich das Wechselspiel von Sorge , Angst und Freude , das man Leben nennt , immer noch in weit höheren Potenzen um ihn her entwickelt , als es nun im freundlichen Beisammensein mit Geiersperg der Fall war . Waldau war ein Idealist , im Alltäglichen ganz unerfahren ; man mußte unaufhörlich für ihn sorgen . Geiersperg sorgte lieber noch für Andere , als daß er ihrer Leitung sich hingab ; er fürchtete beständig , gehandhabt zu werden , wie er es nannte , und wollte alles selbst machen . Hatte Josephine in ihren ehemaligen Verhältnissen zerrissene Herzen , kränkelndes Leben und die Keime nationaler Hoffnungen gepflegt , hatte sie damals oft jede Seelenkraft bis zur höchsten Spannung anstrengen müssen , so pflegte sie jetzt , ohne jedoch an Elasticität des Geistes einzubüßen , mit nicht geringerer Anmuth die Blumen und Bäume , die ihres Gemahls Lieblinge waren , zog seine Jagdhunde auf und bewunderte mit wirklich aufrichtiger Freude die von Geiersperg geschossenen Auerhähne und Schnepfen . Sie war eigentlich nicht minder glücklich als sonst , denn bei ihr war das Glücklichsein fast eine Eigenschaft des Charakters geworden . Leontinens Erziehung war ihr nicht ganz gelungen , das fühlte sie selbst , doch , wie viele Mütter , blieb sie dabei blind für deren Mängel ; und dann hatte ja Leontine ihres Vaters Fehler ! Geiersperg tadelte sie strenger , schon deshalb mußte Josephine die Tochter entschuldigen . Vor allem war ihm nicht recht , daß sie kein Junge war ; er hätte so gern einen Sohn gehabt . Darum hatte er die Verbindung mit seinem Neffen Albert fast leidenschaftlich gewünscht ; sie sollte seiner väterlichen Liebe Enkel geben . Im Ganzen konnte er die excentrischen Weiber nicht leiden ; - und hast mich doch geheirathet ? sagte Josephine . Aber Geiersperg nahm ihren Kopf zwischen seine beiden großen Hände und küßte sie herzlich . Von dir , liebes Kind , kann ja hier gar nicht die Rede sein , du bist mein lieber , närrischer excentrischer Engel ! Aber im Häuslichen bemerke ich , Gott sei Dank ! nur , wie du mir alles leicht und lieb machst . Wenn die Leontine excentrisch sein wollte , wie du , so hätte ich nichts dagegen . Geierspergs schönste Jahre waren die gefahrreichen des Kriegs und seiner geheimen Vorbereitungen gewesen ; auch nachdem er den Dienst verlassen , blieb er innerlich Soldat . Alles , was auf das Militär sich bezog , interessirte ihn lebhaft ; in seinem Hause herrschte die strengste Disciplin , in seinem Herzen blieb er der alte loyale , seinem Könige unbedingt ergebene Kriegskamerad . Selbst wo sein klarer Verstand tadelte , ließ sein Gefühl dem Tadel selten Raum zum Wort , und Leontine hatte ganz recht , ihn einen Ritter aus dem Mittelalter zu nennen . Hätte der König seiner innersten , heiligsten Ueberzeugung zuwider gehandelt , hätte er ihn oder die Seinen durch irgend eine Ungerechtigkeit noch so unheilbar schwer verletzt , Geiersperg war der Mann dazu , in solchem Falle sich lieber eine Kugel vor den Kopf zu schießen , als den Grundsatz der tiefsten Anerkennung und Verehrung der Legitimität seines angebornen Herrschers aufzugeben , mit dem sein ganzes Wesen verwachsen war . Sehr natürlich hatten ihn die politischen Ereignisse des Jahres Zwanzig in Neapel oft und ernstlich beschäftigt ; so lange die Volkssache nicht von der des Königs getrennt war , hatte er wahrhaften Antheil an ihr genommen . Seine langjährige Freundschaft für einige der Hauptagenten des bewaffneten Interventionssystems hatte ihn nicht gehindert , sich an dem begeisterten Aufflammen der italienischen Jugend von Grund aus zu erfreuen , es weckte in ihm ja tausend und aber tausend Erinnerungen ! Später tadelte er das seiner Meinung nach in unklugem Eifer zu weit gehende Parlament und fühlte sich in seinen Ansichten etwas gestört ; dennoch machte es ihm sichtlich Vergnügen , wenn Leontine ihm triumphirend die Zeitungen vorlas , in denen die Fabier und Bruttier der Abruzzen eine so glänzende Rolle spielten . Als sich aber der Aufstand immer bestimmter gestaltete und er das ganze Unternehmen an der Muth-und Kraftlosigkeit des eigentlilichen Volkskernes scheitern sah , ergriff ihn eine echt soldatische Ungeduld , er warf die Zeitungen in einen Winkel und ging eine ganze Weile , von unreifem Zeuge , Kinderstreichen und dummen Jungen murmelnd , im Hause umher . In Baden hatte die ganze Geschichte vergleichsweise längst einen komischen Anstrich für ihn bekommen , den er mit seinen alten Waffenfreunden im besten Humor ausbeutete , und deren derbe und körnige Späße der armen Leontine in ' s Herz schnitten . Es war rein unmöglich , in dieser Stimmung über Jean Carlo ' s Lage mit ihm zu reden . Vielleicht war es diese im Kreise ihrer Lieben zum ersten Mal empfundene Entfremdung ihres innigsten Gefühls , welche Leontinen in den Abgrund eines hoffnungslosen , in tiefes Geheimniß gehüllten Verhältnisses fast widerstandlos hineinriß . Jean Carlo begnügte sich eine Weile mit Schreiben ; aber sein junges Leben war so plötzlich leer geworden , jedes Interesse darin schien erloschen , Vaterland und Schwester waren ihm entrissen . In Baden von jeder Verbindung mit den ihm nach und nach in Frankreich und der Schweiz bekannt gewordenen italienischen Flüchtlingen abgeschnitten , verstand er nicht einmal die Sprache , die er um sich reden hörte ; war es ein Wunder , wenn in dieser gänzlichen Abgeschiedenheit , im kochenden Blut des Jünglings die Leidenschaft für Leontinen eine Höhe erreichte , die ihn jeder Rücksicht nicht nur vergessen ließ , nein , die sie ihm geradezu unmöglich machte ? Sein Zimmer war dem der so Heißgeliebten gegenüber ; er hörte sie kommen , gehen . Trotz Josephinens Anwesenheit fand er bald Mittel , ihr zu nahen , sie zu sehen , zu sprechen , sie mit all dem tiefen Zauber seiner poetischen Liebesglut zu umstricken , deren Anblick ihr völlig neu war , die sie nie zuvor gekannt , nie früher geahnt . Denn bei uns wird ja ein wirklich vornehmes Mädchen so sorgsam gehütet , kein Laut , kein Hauch der rohen Heftigkeit der Leidenschaft oder auch nur menschlich-sinnlicher Schwäche berührt jemals ihr Ohr ; sie weiß nicht einmal um die Existenz derselben . Und wenn nun auf diese ätherreinen Sinne , auf diese schneeigklare Gedankenfläche die Liebe in Gestalt der heißen Leidenschaft ihr Siegel drückt - wer darf es wagen , sie mit gemeinem Maß zu messen , oder eine Klugheit von ihr zu fordern , die in ihrer Lage eine Erniedrigung , eine Entwürdigung wäre ? Jean Carlo ließ nicht ab , bis sie an seinem Herzen , in seinen Armen ihm bebend Gegenliebe gestanden und zuletzt , vom Uebermaß seiner sich immer steigernden Wünsche und Qualen unwiderstehlich fortgerissen , ihm geschworen hatte , nie einem Andern ihre Hand zu reichen . O , welche Glutwogen der Poesie , des Fanatismus und der sie vergötternden Sinnlichkeit schlugen über des armen Kindes so leicht erregbarem Herzen zusammen ! Wie schal und abgeschmackt erschienen ihr jetzt die früheren Bewerbungen der Männer , die ihr bis dahin von ehrerbietiger Ergebenheit vorgeschwatzt und darin wahrscheinlich nur der Mode oder ihren brillanten Vermögensumständen gehuldigt hatten . Wenn Jean Carlo spät Abends leise in ihr Stübchen hinüberschlich , Stundenlang vor ihr kniete , ihre kleinen Füße küßte , ihren heißen Athem trank - dann wieder , in plötzlich erwachendem Zorn gegen sich selbst , fast verzweifelnd sich anklagte : daß sie mit einem Male die Welt ihm geworden , daß er um ihretwillen sein Vaterland vergesse , daß sie die heilige Jungfrau sei , zu der sein Herz bete - wenn seine heißen wollüstig-schmerzlichen Thränen ihre Hände benetzten , oder wenn er , von der eigenen Glut aufgeschreckt , aufsprang und fortlief , um in der wilden Aufregung seines Wesens mit keinem Hauch ihre kindliche Unbefangenheit zu beleidigen , dann aber , wie gebannt , am Thürpfosten fest angeklammert stehen blieb und nur von fern mit trunkenem Auge die Wonne ihres Anblickes in sich sog , bis dann zuletzt langsam , allmälig die unbegrenzte Herrschaft , die sie über ihn ausübte , die Gewalt seines Gefühls beschwichtigte , ihn zurücklockte und er leise wieder näher trat und mit zitternden Lippen zur » guten Nacht « ihre Fingerspitzen kaum zu berühren wagte , als wäre sie das ihm von Priesterhand geweihte Bild des Allerheiligsten - dann mußte ja wol vor allen diesen unverstandenen und doch so beseligenden Empfindungen die ruhige Ueberlegung weichen , die ihr in einsamen Minuten eine Verbindung mit Jean Carlo als unmöglich erscheinen ließ . Auf den Spaziergängen traf Leontine zuweilen mit dem Dechanten zusammen . Immer machte sein Anblick wieder denselben tiefen , ihr unerklärlichen Eindruck einer höheren Gewalt auf sie . War sie allein , so redete er sie an , und auch er nannte sie Jean Carlo ' s Stütze , seinen einzigen Trost . Den erhabeneren , an welchen er selbst sein vielleicht einst eben so schmerzlich-bewegtes Herz gewiesen , nannte er ihr nicht ; aber dennoch lag in jedem seiner Worte die Glorie der Kirche , welcher er angehörte ; immer hob sich aus ihnen , wie in weiter Ferne , eine Friedenshalle empor , die auf goldenen , eine Welt tragenden Säulen ruhte und den Zagenden ein sicherndes Asyl bot . Ach ! und Leontinens in solchem Zwiespalt von Angst und Seligkeit bestürmtes Herz hatte eines solchen so nöthig ! Josephine ahnte von dem Allen nichts ; sie lachte über Geierspergs Späße , mit denen er gegen die Neapolitaner zu Felde zog , sie freute sich über Leontinens blühende Wangen und lobte sie , daß sie nicht tanzte . Daß diese einen Ausbruch von Jean Carlo ' s wüthender Eifersucht scheute , konnte die Arme nicht ahnen . Der Sommer ging zu Ende , mit ihm gar mancher bunte Liebestraum . Plötzlich ward der Tag der Heimreise bestimmt . Jean Carlo ' s Abschied war herzzerreißend . Er kehrte nach Genf zurück , wo er den Winter zugebracht ; nach Berlin traute er sich nicht , er fürchtete erkannt und überliefert zu werden . In des Dechanten Gegenwart , der einen Augenblick aus Jean Carlo ' s Zimmer zu ihr hinüberkam , ihr Lebewohl zu sagen , zwang er die Geliebte , ihm das Versprechen zu wiederholen , nie einem Andern , als ihm , anzugehören , und schwur ihr Treue und Anwendung jeder ihm zu Gebot stehenden Kraft , um ihr sobald wie möglich ein ihrer würdiges Loos zu bieten . Mit dem Versprechen , einander täglich zu schreiben , schieden die Verlobten . Aber was konnten Briefe einer glühenden Seele , wie die Jean Carlo ' s war , gewähren ? Trotz aller damit verbundenen Gefahr sah er Leontinen mehre Male in Berlin ; und als sie im nächsten Frühjahr zu ihren Verwandten nach Schlesien ging , folgte er ihr auch dorthin . Seine Verhältnisse hatten in diesem Jahre eine Art günstiger Gestalt gewonnen . Obschon sein Name noch immer mit dem seines Oheims zusammen auf der Liste der zum Tode Verurtheilten stand , öffnete sich ihm dennoch durch des Fürsten Medici Vermittlung die Aussicht auf einen künftigen ungeschmälerten Genuß seiner Einkünfte im Auslande , das allerdings nur eine beaufsichtigte Freiheit , zugleich aber die Wahrscheinlichkeit der Milderung des Richterspruchs in den einer längeren Verbannung ihm bot . Und doch waren es gerade diese Hoffnungen , die während eines Sommeraufenthalts Leontinens auf den Gütern ihrer Vettern in Schlesien einen Bruch herbeiführten , dessen Folgen für Beide unberechenbar blieben . Die Familie des Baron Lersheim , bei welcher Leontine sich aufhielt , sah oft und gern Fremde in ihrem Hause . Jean Carlo ließ sich ganz unvermuthet als einen schweizer Gelehrten , einen Genfer , dort einführen , was er um so eher konnte , da er der Sprache unbedingt mächtig war . Schön , gewandt , mit dem kräftig pulsirenden Leben in jedem Zuge des Geistes wie der Gestalt , mußte der junge , wirklich liebenswürdige Mann gefallen , und bald hatte er das warme Interesse aller Mitglieder des kleinen Kreises sich gewonnen . Anfangs genoß das schöne Paar der ganz unerwarteten Blütenzeit ihrer Liebe , im Schutz dieser unschuldigen Mystification , ohne Vornoch Rückblick , in der anmuthigen Frische eines jungen Gefühls und jungen Glücks . Ach , nur zu schnell trat die vernichtende Schwüle der Leidenschaft in ihr siegend-verheerendes Recht ! Bald ekelte Beide das Spiel mit der so ernsten Empfindung ihrer Lage an . Jean Carlo gestand dem Baron , wer er sei , und stellte ihm frei , das ihn gefährdende Geheimniß auch den Seinen mitzutheilen . Lersheim dankte ihm gerührt für das ihn ehrende Zutrauen , zog aber vor , bei der noch immer über des jungen Mannes Haupt schwebenden Gefahr , die es schützende Hülle nicht zu heben . Den jungen Fräulein lag die Politik zu fern , als daß sie überhaupt etwas Anderes in der Erscheinung des Fremden bemerkt hätten , als daß er augenscheinlich ihrer Cousine Waldau den Hof mache ! Die Baronin mochte eine dunkle Ahnung eines traurigen Geschicks ihres Gastes haben , aber zu sehr gewöhnt , ihr Urtheil immer auf das ihres Gemahls zu stützen , suchte sie nicht eigenmächtig nach der Lösung des von ihm nie berührten Räthsels . So vergingen mehre Monate . Jean Carlo hätte indessen kein Mann und kein verliebter Italiener sein müssen , wenn ihn dies tägliche , öffentliche und doch so geheimnißreiche Zusammensein mit der von Bewerbern umringten Geliebten nicht gesteigert und zu immer heftigeren Wünschen entflammt hätte . Fräulein von Waldau war nicht nur eine sehr glänzende Partie mit einem ganz unabhängigen Vermögen , sie gehörte auch zu jenen fast dämonisch die Phantasie entzündenden Gestalten , deren Gegenwart berauschend auf die verschiedenartigsten Männer wirkt , ihre Sinne reizt und quält ; sie war eine der Frauen , die der Leidenschaft den Wahnsinn zugesellen . Eine ihr angeborene , durch Erziehung und Umgebung ganz unberührt erhaltene Art Unbefangenheit , eine Unschuld der Unkenntniß , die sie noch gefährlicher machte , ließ sie dem Gemeinen wie dem Unrecht lachend und unbefleckt vorübergehen . Jean Carlo ' s heftiges Gemüth , die ihn beherrschende Glut seines Gefühls machten ihm seine Lage bald unerträglich . Er konnte es nicht aushalten , sie andern Männern gegenüber zu sehen , ohne sein Anrecht auf ihr Herz geltend zu machen , er vermochte es nicht , die ihr angeborene Koketterie zu ertragen und machte ihr oft ungerechte Vorwürfe , ja heftige Scenen um unbedeutender Kleinigkeiten willen . Vergebens bezeigte ihm Leontine die innigste Neigung ; vergebens machte sie ihn auf die Nothwendigkeit aufmerksam , der Welt kein ernsteres Einverständniß mit ihr ahnen zu lassen ; vergebens stellte sie ihm vor , daß des Barons Theilnahme am Geschick eines politischen Verbrechers sich in Abneigung verwandeln werde , sobald dessen Einfluß auf das Leben seiner nächsten Verwandten ihm klar werde ; daß ihre Familie eine Verbindung mit einem Ausländer , auf dessen Kopf noch immer