die das Mädchen unglücklich wird ? Vater , Du gehst zu weit ! sagte Eduard in heftiger Bewegung . Der Vater aber , der bis dahin mit kalter Ruhe , fast streng mit dem Sohne gesprochen hatte , nahm plötzlich seine Hand , die er herzlich drückte , und sagte mild : So , Eduard , urtheilt der Mann , und Du verdienst den Tadel . Der Vater bedauert Dich , und wollte Gott ! ich könnte Dir helfen . Mein Herz ist nicht so kalt geworden , daß ich Dein Leiden nicht verstehen könnte ; aber weil ich Dich , mein Sohn , vor Reue , und das Mädchen , das ich schätze , vor Kummer wahren möchte , darum ist es meine Pflicht , Dir zu sagen : halte inne . Thue keinen Schritt vorwärts ; vermeide Alles , was Euch einander näher bringen , Clara ' s Erwartungen erhöhen könnte , bis Du weißt , ob Du auf sie hoffen darfst . Denn wenn selbst , was ich bezweifle , der Staat eine solche Verbindung zugäbe , stände Dir mit Clara ' s Eltern noch ein schwerer Kampf bevor . Und doch wollte ich , sie allein wären es , die Du gegen Dich hast ! schloß er , und sah bekümmert auf das verdüsterte Antlitz des Sohnes . Dieser schwieg lange , dann sagte er : Ich bin mir bewußt , daß der Gedanke an Clara ' s Ruhe ebenso wenig aus meiner Seele gekommen ist , als das Gefühl meiner Liebe ! Der Schwäche bin ich freilich schuldig , daß ich mein Herz nicht fest zusammen nahm , daß ich mich dem beglückenden Reiz des Augenblicks mehr als ich sollte , überließ , daß ich hoffte , weil ich wünschte ; aber falle mein Loos , wie es wolle , Du sollst mich Deiner würdig finden . Das genügt , mein Sohn ! sprach der Vater . Ich traue Dir , und wollte nichts , als Dich warnen vor Dir selber . Damit trennten sie sich , Beide tief ergriffen und besorgt , aber ruhig im Aeußern , wie sie es immer waren , obgleich Eduard nun mit doppelter Ungeduld die Entscheidung seines Schicksals ersehnte . Je länger er diese Liebe zu Clara in stiller Brust genährt , um so tiefer war sie in sein Herz gedrungen . Er konnte zwar sein Leben ohne Clara ' s Besitz denken , aber kein Glück ohne sie . Sie zu erkämpfen und seinem Volke zugleich damit zu nützen , das war der belebende Gedanke in seiner Seele geworden ; und mit der Energie , die ihm eigen war , hatte er rasch die nöthigen Schritte dazu gethan , ohne mit irgend Jemandem darüber zu sprechen . Anfangs hatte er mit Zuversicht auf einen günstigen Bescheid gerechnet und sich mit einer Art von stolzer Sorglosigkeit der Leidenschaft hingegeben , die ihn beherrschte ; nun aber , als die Antwort , die er erwartete , von Tag zu Tag ausblieb , als die Erkundigungen , welche er einzog , auf eine abschlägige Bescheidung hinzudeuten schienen , mußten die Ermahnungen seines Vaters einen um so tiefern Eindruck auf ihn machen . Zerstreut war er zu seinen Kranken gekommen und hatte kaum die nöthige Aufmerksamkeit für ihre Klagen in sich erzwingen können . Das machte ihn noch trüber und unzufriedener mit sich . Er zog sich in den Stunden , welche ihm seine Praxis frei ließ , ganz in seine Wohnung zurück und kam auch nur des Mittags zu den Seinen , weil in dieser Stimmung ihm selbst der Umgang mit seiner Familie keine Freude machte . So mochten etwa acht Tage vergangen sein . Er saß Abends an den geöffneten Fenstern seines Zimmers und sah , in tiefe Gedanken versunken , nichts von der Pracht des Frühlings , dessen lieblichste Blumen in dem Garten , der das Haus nach dem Hafen hin begrenzte , sich zu entfalten anfingen . Lebhaft erinnerte er sich jener Winternacht , in der dieselbe hoffnungslose Liebe ihn in Sturm und Wetter hinausgetrieben hatte , und der leidenschaftlich erregte Zustand jener Stunde schien ihm beneidenswerth gegen die Muthlosigkeit , welche er jetzt empfand , und aus der ihn , wie er wähnte , nichts empor zu rütteln vermochte . Da pochte es an seine Thüre , und es trat der Postbote herein , der ihm einen großen , mit amtlichem Siegel geschlossenen Brief aushändigte . Eduard wußte , was er ihm bringen konnte . Mit hastiger Hand erbrach er ihn . Er näherte sich dem Fenster , um bei den letzten Strahlen des Tages die feste , deutliche Schrift zu lesen - dann legte er das Blatt zur Seite , und blieb gedankenvoll , den Kopf gegen die Scheiben gelehnt , am Fenster stehen . Es war entschieden . Der Jude durfte nicht auf das Glück hoffen , die Geliebte zu besitzen . Was war nun zu beginnen ? Er hörte über seinem Haupte , in den obern Zimmern , Stühle hin und wieder rücken ; er sah empor , es war Nacht geworden . Man stand vermuthlich bei seinen Eltern von der Abendmahlzeit auf . Er hatte also mehrere Stunden in dumpfem Brüten verbracht und kein kräftigender Gedanke war erleuchtend in die Nacht seines Schmerzes gedrungen . Flüsternd berührten Jenny ' s und Gustav ' s Stimmen sein Ohr . Der milde Abend hatte sie ins Freie gelockt und Eduard erblickte sie bald darauf in den breiten Gängen des Gartens . Aber ! trog ihn sein Auge ? noch eine dritte Gestalt ging mit ihnen . Therese konnte das nicht sein ; sie war wenig größer , als Jenny , während diese schlanke , hohe Figur Jenny bedeutend überragte . Sie war es ! Noch ahnte sie nichts von dem Schmerz , den er bekämpfte , den der nächste Tag auch ihr bringen mußte . Nur noch dies Eine Mal wollte er sie glücklich sehen . Es schien ihm , als hätte sie im Vorübergehen , trotz der Dunkelheit , nach seinen Fenstern geblickt - im nächsten Moment war er an ihrer Seite . Wo kommst Du her , Nachtwandler ? fragte Jenny scherzend . Du hast mich förmlich erschreckt , als Du so plötzlich hervortratest ; und auch die arme Clara fuhr zusammen . Wo warst Du denn bis jetzt ? In meinem Zimmer , antwortete er . Da war es dunkel , als wir vorübergingen , bemerkte Reinhard verwundert , und Deine Eltern wähnten Dich außer dem Hause . Das war ein Irrthum ! erwiderte er , ebenso zerstreut und tonlos , als er die erste Antwort gegeben . Höre , Eduard ! rief Jenny , um nur irgend etwas zu sagen , weil sie nicht wußte , was die Stimmung ihres Bruders , die sie beunruhigte , bedeute , wenn Du nur gekommen bist , uns zu erschrecken , so hättest Du fortbleiben sollen . Gustav war so gut , so lieb ; Du hast uns um die schönste Erzählung aus seinen frühern Jahren gebracht , die ich nicht aufgeben will , und ich gehe mit Gustav fort , wenn Du nicht heiterer sein kannst . So geht , ihr Lieben ! sagte er , und lehnte sich tiefaufathmend an den dicken Stamm einer mächtigen Kastanie , deren junge Blätter leise unter der Berührung der Nachtluft zitterten . Unentschlossen standen Alle einen Augenblick einander gegenüber ; dann führte Reinhard Jenny einen Augenblick mit sich fort und bot Clara den andern Arm . War es nur Täuschung , oder hatte Eduard wirklich seine Hand bittend gegen Clara bewegt ? - aber das Brautpaar war bereits einige Schritte fort , und Clara stand noch in scheuer Entfernung allein vor Eduard . Sie hatte die Hände ängstlich über die Brust gefaltet , trat ihm näher und fragte mit sanfter Bitte : Sie kommen nicht mit uns ? Der Ton dieser süßen Stimme , das war mehr , als Eduard ertragen konnte . Clara ! Clara ! rief er mit einer Leidenschaftlichkeit , in der das ganze Leiden der letzten Stunden sich zusammendrängte , und riß das junge Mädchen gewaltsam an seine Brust , das sich an ihn lehnte , als ob sie an seinem Herzen Schutz gegen ihn selbst erwartete . Wie nach langer drückender Hitze die schwarzen Wolken sich in großen einzelnen Tropfen entladen , so fielen aus Eduard ' s Augen heiße schwere Thränen auf die Stirn Clara ' s und auch sie weinte still . Warum weinen wir denn , fragte sie endlich , wenn ich mit Ihnen bin ? Weil ich Dich verloren habe , antwortete er gepreßt , weil ich über Dein geliebtes Haupt den Fluch heraufbeschworen , der mich verfolgt . Auf dies geliebte Haupt , sagte er , es in seinen Händen haltend und mit der Zärtlichkeit eines Vaters küssend , auf das ich alles höchste Glück herab zu rufen dachte . Sie hing sich fester an seine Brust , und er fühlte , wie sie zitterte ; aber kein selbstsüchtiger Gedanke kam in ihre reine Seele , nur der Kummer des Geliebten war es , den sie zuerst empfand . Armer Eduard ! seufzte sie , und ich wagte , fröhlich zu hoffen , während Sie litten , ich hoffte ...... Liebste ! Dein Wagen ist da ! rief Jenny ' s Stimme und schreckte Clara empor von Eduard ' s Brust , der ihr seinen Arm reichte ; und sie hatte dieses Beistandes nöthig , um sich aufrecht zu erhalten . Ohne ein Wort der Entschuldigung oder des Abschiedes , geleitete Eduard sie an Reinhard und an der Schwester vorüber zu ihrem Wagen , drückte einen langen Kuß auf ihre Hand , und ging dann schnell in sein Zimmer zurück , dessen Fenster er verschloß . Die Verlobten sahen ihnen erschrocken und verstehend nach . Auch sie schritten dem Hause zu . Die Armen , klagte Jenny , und Reinhard zog sie näher an sich , wie wenn er sich vor ähnlichem Scheiden bewahren wollte . Arm in Arm langten sie bei Jenny ' s Eltern an . Sie entschuldigten mit einem Vorgeben Clara ' s Fortfahren ohne Abschied ; Eduard ' s wurde gar nicht erwähnt . Bald darauf trennten sich auch die Uebrigen , Reinhard und Jenny mit schwerem Herzen , und erst , nachdem sie sich durch einen nochmaligen Gang nach dem Garten überzeugt hatten , daß Eduard zu Hause sei . Sie sahen ihn durch die Vorhänge an seinem Schreibtisch sitzen . Er schrieb an Clara . Sein Brief an die Geliebte lautete also : Jene Stunde , die ich mit aller Wonne der Liebe erwartet hatte , ist herangekommen und zur Trennungsstunde für uns geworden - das höchste Glück , das Bewußtsein , Ihre Liebe zu besitzen , wird zum Schmerz , denn auch auf Sie fällt die Pein des Scheidens . - Zürnen Sie mir um deshalb nicht . Mehr , als mein eigener Schmerz , peinigt mich der Gedanke , daß Sie mit mir leiden , daß meine Liebe Sie nicht zu schützen , nicht zu beglücken vermag . Ich könnte eine Welt hassen , in der Herzen , die zusammen gehören , getrennt werden , weil das Eine so , das Andere anders zu seinem Schöpfer betet , der Beide für einander erschuf , der sie , wie uns , zusammenführte . Jahrtausende hat der Fluch über meinem Volke geschwebt , nun hat er auch mich getroffen . Ich wähnte , es sei an der Zeit frei zu werden von jenen Fesseln , die blinder Pfaffenglaube der ganzen Menschheit angelegt . Ich hatte Dich gesehen , ich liebte Dich , und ich hoffte , Du solltest die Aurora werden , welche ein neues Morgenroth der Aufklärung für unser ganzes Land verkündete . Denn nicht allein den Juden trifft der Wahnwitz dieses Hasses , er schlägt in gerechtem Undank selbst die Mutter , die ihn erzeugt . Auch Du ! die Christin ! leidest unter ihm . Aber wer hieß Dich , einen Juden lieben ? Warum wolltest Du lieben , was die Deinen hassen ? Die Deinen , welche sich zu einer Religion der Liebe bekennen ! - O ! Christus wußte , wie der Haß zerfleischt , entmenscht , darum predigte er Liebe , und die Unwürdigen begriffen nur den Haß , vor dem er sie gewarnt . Aber ich wollte ruhig sein und nicht auch in Deine Seele den Widerschein des Zornes leuchten lassen , der in mir lodert ! Ruhig denn ! - Seit ich Dich kenne , seit ich Dich liebe , habe ich keine Stunde ruhigen Glückes gekannt als in Deiner Nähe . Nur der Zauber Deiner Gegenwart konnte mich trösten , mich vergessen machen , daß ich Dich nicht besitzen würde . Ich fühlte es , wie Dein Herz sich zu mir neigte , und wollte Dich und mich vor jeder Hoffnung bewahren , indem ich Dir sagte , mit wie unauflöslichen Banden ich an mein Volk gekettet sei . Es ist nicht der Glaube , der mich an das Judenthum bindet : ich bin weder Jude noch Christ in dem Sinne der Menge - ich bin ein Mensch , den Gott geschaffen , der seinem Schöpfer dafür dankt und der seine Mitgeschöpfe liebt . Aber meine Ehre fesselt mich an mein Volk , das gleich mir in Unterdrückung seufzt . Was dem verbannten Polen sein Vaterland , das ist dem Juden die Gemeinde ; nur der Verräther sagt sich von ihr los . Denkst Du jener Polenhelden , die wir jüngst gesehen , und der Wunden auf ihren gramdurchfurchten Stirnen ? Diese Wunden können heilen ; aber der Schmerz ihrer gebrochenen Herzen nimmer ! Geschieden von Bräuten , Weibern und Kindern , kamen sie in unser Land , Alles war ihnen geraubt , und sie hatten nichts als die Ehre und den heiligen Gram um ihr gesunkenes Vaterland . Nach langem Elend war das Volk der Polen erstanden , um mit Männerkraft seine Ketten zu zerreißen . Es mißlang und die Unterdrücker trugen wieder den Sieg davon . So ist es mir ergangen . Ich wollte versuchen , auf Deinen Besitz zu verzichten , zu entsagen ; aber Entsagen ist Feigheit , so lange noch eine Möglichkeit da ist , das Glück zu erreichen . Ich verlangte vom Staate die Erlaubniß , Dich mein zu nennen , ohne Christ werden zu müssen . An Deiner Zustimmung , an Dir zweifelte ich nicht , und mit Dir hoffte ich die Einwendungen der Deinen leicht zu besiegen . Ich hoffte , glücklich zu sein mit Dir , und Tausenden , die gleich uns gelitten , ein Befreier von bejammernswerthem Vorurtheil zu werden . Es ist anders gekommen . Der Staat , der es erlaubt , daß Menschen , ohne alle innere Zusammengehörigkeit , einander den Eid der Treue vor dem Altare schwören , der es duldet , daß die Jungfrau mit gebrochenem Herzen in die Arme eines Mannes geführt wird , welcher vielleicht noch gestern an der Brust einer Buhlerin des Bundes lachte , den er heute beschwört , der Gesetze gibt , diese fluchenswerthen Ehen zu schützen - derselbe Staat will es nicht dulden , daß zwei Herzen , die in reinstem Einklang schlagen , sich verbinden , weil sie auf verschiedene Weise Gott für das Glück danken würden , das er ihnen durch ihre Liebe gewährt . - Das sind die Gesetze , vor denen man Achtung verlangt ! Nur Eine Zuflucht bietet sich uns dar , wenn Du es vermöchtest , Dich von allen Vorurtheilen zu befreien , wenn Du Dich entschließen könntest , mir unter dem Schutze der Meinen in ein Land zu folgen , das unsere Ehe zuläßt , und dort die Meine zu werden ; wenn ich Dich im Triumphe zurückführen dürfte und den Verblendeten zeigen könnte , wie die Liebe frei ist vor dem Urtheil eines weisern Staates ; wenn Du durch Ein Wort uns den versagten Himmel zu öffnen bereit wärest - ein Leben voll der wärmsten , ergebensten Liebe sollte es Dir lohnen ; Dir , aus deren Hand mir Liebe und Freiheit zugleich gegeben würden . Mitten im Fluge solchen Hoffens fühle ich aber bereits das Unrecht , das ich an Dir begehe , indem ich Dich zum Richter über unsere Zukunft mache . Das hätte ich Dir ersparen sollen , und doch kann ich es nicht . So nimm denn wenigstens das heilige Versprechen , Du Geliebte , daß ich mit keinem Worte versuchen werde , das Urtheil , wie Du ' s auch fällst , zu ändern . Was Dein liebendes Herz vermag oder nicht vermag , was Dein gerader Sinn Dir zu thun gebietet , das soll auch meine Richtschnur sein . Nur versage mir die Gunst nicht , Dich noch einmal zu sehen . Und somit Lebewohl ! Vergebens würde es sein , ein Bild des Schmerzes zu geben , mit welchem Eduard diesen Brief geschrieben , oder der Gefühle , die er in Clara hervorrief . Wer es je erfahren hat , plötzlich eines Glückes beraubt zu werden , auf das er eben ein volles Anrecht erworben zu haben glaubte , der mag ahnen , was Eduard und Clara bei dem Gedanken an ihre Trennung litten , nachdem sie durch das gegenseitige Geständniß ihrer Liebe sich an einander gebunden . Von Minute zu Minute zögerte Clara , eine Antwort zu geben , die , so innig sie Eduard liebte , niemals eine günstige sein konnte . Immer hoffte sie , es werde sich ihr ein Ausweg aus dem Labyrinthe zeigen ; sie fürchtete Eduard ' s Leiden zu vergrößern durch die Schilderung ihres Schmerzes ; sie wollte ruhig werden , um ihn zu beruhigen ; und das war der Brief , den sie endlich an ihn schrieb : Gott hat es mir auferlegt , daß ich mit den ersten Worten , die ich Ihnen schreibe , Ihnen und mir den tiefsten Schmerz bereite , den eine Menschenbrust empfinden kann . Er wird uns Kraft geben , ihn zu ertragen . Liebte ich Sie weniger , oder wäre ich nicht vollkommen gewiß , es könne kein Zweifel an meiner Liebe Raum in Ihrer Seele finden , ich würde nicht den Muth haben , Ihnen zu sagen , daß ich nicht die Ihre werden , daß die schönste Hoffnung meines Lebens nicht erfüllt werden dürfe . Ach , lieber Eduard ! als ich Jenny und Reinhard verbunden sah , da wagte ich mir zu gestehen , daß ich ein ähnliches Glück begehrte und erhoffte , obgleich ich wußte , was Sie von Jenny ' s Uebertritt zum Christenthume dachten ; wie Sie bei Jenny billigten , was Sie selbst niemals zu thun vermöchten . Ich täuschte mich gern , weil ich Sie liebte und kein höheres Glück kannte , als Ihnen in jeder Stunde meines Daseins , mit jedem Gedanken , mit jedem Gefühl meiner Seele zu eigen zu sein . Ein Familienleben hatte ich erst in dem Hause Ihrer Eltern in seiner heiligen Schönheit kennen gelernt , und ich wünschte sehnlichst , mit Ihnen zu den Kindern dieses glücklichen Hauses zu gehören , das mich mit so viel Güte empfing , in dem ich die schönsten Stunden meines Lebens genossen habe . Glauben Sie mir , ich verlange nichts als Ihre Liebe , nichts als Sie , Eduard ! und jedes Band , das uns vereinigte , wäre mir heilig . Ich möchte Ihr treues Weib sein , gleichviel , welch ein Priester den Segen über uns gesprochen ; jedes Land , jedes Verhältniß wäre mir gleich . Ich könnte ruhig den Tadel der Menge ertragen - aber den Segen meiner Eltern kann ich nicht entbehren . Ohne diesen Segen , den ich nie zu erhalten hoffen darf , so lange Sie nicht Christ geworden sind , gäbe es , selbst mit Ihnen , kein Glück für mich . Meine Mutter hat mich William verlobt , ohne mich darum zu befragen , und ich habe mich dadurch keinen Augenblick für gebunden gehalten . William selbst würde meine Hand nicht begehrt haben , hätte er meine Liebe zu Ihnen gekannt . Ich vermag , so leid es mir thut , den Wunsch meiner Mutter nicht zu erfüllen , ich kann William ' s Frau nicht werden . Aber auch die Ihre nicht , Eduard ! Sie bindet die Ehre an Ihr Volk , mich die Pflicht an meine Eltern , und ich darf an eine Verbindung nicht denken , die auch einer minder stolzen Frau als meiner Mutter verwerflich scheinen müßte durch die befremdlichen Schritte , welche eine Trauung im Auslande erfordert . Ich wähnte , Liebe sei allmächtig , nun sehe ich , daß sie vor Pflicht und Ehre sich beugen muß . Ich bin bereit , das Opfer zu bringen - aber es ist ein schweres , furchtbares Opfer , ich bringe es mit blutendem Herzen , und weiß kaum , wie ich das Unvermeidliche ertragen werde . Sie nehmen Abschied von mir , Eduard ! Sie sagen mir Lebewohl ! das begreife ich nicht ! Ist es nicht hart genug , daß wir einander nicht gehören sollen ? Wollen wir uns selbst um das Glück bringen , uns zu sehen , uns zu sprechen und Trost für unser Leid in dem Beisammensein zu suchen , das uns vergönnt ist ? Ich kann den Gedanken nicht fassen , Sie nicht mehr zu sehen ; ich möchte den Trost nicht entbehren , Ihrer treuen Brust anzuvertrauen , was mich bewegt , und zu erstarken an den großen Gedanken Ihres Geistes . Waren wir nicht glücklich bis jetzt , auch ehe das Wort Liebe ausgesprochen wurde ? Hatten wir uns nicht verstanden ? So kann und soll es wieder werden ! Man sagt , der Strom , der die Dämme durchbrach , könne niemals wieder von selbst in jene Schranken zurückkehren ; das mag sein . Wo aber die Schranke allein Zuflucht vor gänzlichem Verarmen zu geben vermag , da muß man sie aufs Neue erbauen , sich hinter sie flüchten , um das einzige Gut zu behalten , das uns geblieben ist . Schreiben Sie mir nicht mehr , das kann nicht sein . Lassen Sie uns versuchen , die Ereignisse des gestrigen Tages im tiefsten Grunde des Herzens zu bergen . So allein - und ich rechne auf Sie , als ob Sie es mir mit dem heiligsten Eide gelobt hätten - dürfen wir uns wiedersehen . Sie , Eduard , sollen mich schützen vor der Gewalt unserer Liebe ; Ihrem starken Willen vertraue ich mich an . Nur ein paar Tage der Einsamkeit gönnen Sie mir , mich zu gewöhnen an das schwere Loos , das uns geworden ist . Doch was klage ich ? Ich begehrte Glück und Leid mit Ihnen zu tragen , und sollte muthlos werden , nun die Prüfung naht ? Nein , Eduard ! Sie sollen sehen , daß Sie sich nicht in mir geirrt haben , daß ich würdig gewesen wäre , die Ihre zu sein , weil jedes Schicksal , das ich mit Ihnen theile , mir erträglich scheint . Um mich sorgen Sie nicht , ich weiß , daß Sie mich lieben ! Mit dem Bewußtsein kann ich Alles tragen ; denn Liebe , selbst hoffnungslose Liebe ist Glück ! Daran halten Sie fest , Eduard ! wenn wir uns wiedersehen . Dieser Brief brachte auf Eduard die doppelte Wirkung hervor , ihm Clara im vollsten Lichte ihres ruhig milden Wesens zu zeigen , und ihn zu ermannen , obgleich er ihn die ganze Größe seines Verlustes fühlen ließ . Er durfte nicht kleiner sein als sie , die ein unabwendbares Geschick mit Ergebung trug und mit ängstlicher Sorgfalt das geringe Glück , auf das sie Anspruch hatte , sich und dem Geliebten zu erhalten strebte . Doch nur schwer und allmälig gelangte er zu der Fassung , welche Clara gleich in sich gefunden hatte , um ihn damit zu beruhigen . Auch ihm drängte sich dadurch unwillkürlich die Frage auf , ob in der Frauen-Natur wirklich eine höhere Leidensfähigkeit liege , als in der des Mannes . Er bewunderte Clara , aber er konnte ihre Entsagung kaum begreifen . Ja , einen Augenblick lang wagte er zu glauben , Clara ' s Gefühl könne an Stärke dem seinigen nicht gleich sein ; sie müsse ihn weniger lieben , als er sie . Das ist eine Ungerechtigkeit , deren man sich nur zu oft schuldig macht . Weil das Weib besser liebt , weil es nur an den Schmerz des Geliebten , nicht an sich selbst denkt und sich in dem Glück des Andern vollkommen vergessen kann , schilt man es kalt und tröstet sich über den Gram , den man verursacht , mit dem alten Gemeinplatz , das Weib sei leidensfähiger als der Mann . Die Schmach fühlt man gar nicht mehr , den Frauen , dem sogenannten schwachen Geschlecht , eine Stellung im Leben angewiesen zu haben , die sie von Jugend auf an Leiden und Entsagungen gewöhnt ; man denkt nicht an jene schweren Stunden , in denen sie genöthigt sind , sich zu beherrschen , wenn ihr Herz gepeinigt wird . Wer sieht die Thränen , die oft aus der innersten Seele hervorbrechen möchten , während ein Männerarm die schöne Gestalt umschlingt und mit ihr durch die fröhlichen Reihen des Walzers dahinfliegt ? Ihr seht nur die schimmernden Thautropfen auf dem Rosenkranz in ihren Locken , nur die Perlen , die den schönen Nacken zieren , und ahnet nicht , daß hinter dem feuchten Blau des Auges , das Euch entzückt , Perlen und Thautropfen glänzen , viel kostbarer und reiner , als der Tand , den Ihr bewundert . Ihr preiset das süße Lächeln des holden Mundes , der nur zu oft traurig lächelt über ein Dasein , das so grelle Gegensätze in sich schließt . Kommt dann Einer einmal zu der Erkenntniß des Schmerzes , den solch ein heiteres Frauenantlitz birgt , dann schreit er über die Verstellung , die Unwahrheit des Geschlechts , und vergißt , daß Jeder , der ein Mädchen traurig sieht , ohne sich zu bedenken , auf eine unglückliche Liebe schließt und mit roher Hand das stille Geheimniß an das Licht ziehen möchte . Ein Frauenherz , in dem einmal der Strahl wahrer Liebe gezündet , erkennt seinen Besieger in dem Manne , fühlt sich ihm unterthan , als Sklavin seines Willens , und möchte doch aus angebornem Schamgefühl nicht dem Auge jedes Ungeweihten die Fessel zeigen , durch die es gebunden wird , die oft blutig drückt , und selbst zerbrochen , unvertilgbare Narben zurückläßt . Geliebt werden ist das Ziel der Frauen . Ihr Ehrgeiz ist Liebe erwerben ; ihr Glück Lieben , und die Liebe , nach der sie gestrebt , nicht erlangen zu können , unglücklich lieben , eine Kränkung , welche nur die edelsten Frauennaturen ohne Schädigung zu tragen vermögen . So beruht die ganze Entwickelung der weiblichen Seele auf dem Verhältniß zum Manne ; und man darf das Weib nicht der Falschheit anklagen , wenn es den geheimnißvollen Proceß seines geistigen Werdens schamhaft der Welt verbergen möchte . In der ganzen Natur schreitet die Entwickelung so mystisch verhüllt vor , daß wir fast überall nur das Fertige erblicken , ohne uns über das Werden Rechenschaft geben zu können . Warum verlangt man es denn anders von den Frauen ? Es mag den Mann stolz machen , die sichtbare Vorsehung des Weibes zu sein ; zu fühlen , daß Glück und Unglück ihm aus seiner Hand kommt ; aber es sollte ihn auch Mitleid und Schonung für die Armen lehren , die echt biblisch die Hand küssen , welche sie schlägt . Man hat sich nicht zu wundern , wenn einst die Stunde kommt , in der das Weib gleichen Schmerz mit dem Manne zu tragen berufen ist , es ruhig in liebender Ergebung zu finden , wo der Mann gegen das Schicksal tobt , so lange er die Möglichkeit begreift , ein besseres Loos zu ertrotzen . Das Letztere war denn auch Eduard ' s Fall , der nicht allein die Geliebte verlor , sondern der aufs Neue glaubte eine Unbill rächen zu müssen , die man an ihm , an seinem Volk begangen . Er haßte in der ersten Leidenschaft des Schmerzes die Welt , die noch immer in stumpfer Gefühllosigkeit Recht und Wahrheit verhöhnte . Seine Phantasie erschrak vor keiner noch so gewaltsamen Maßregel , welche ihn zum Besitz der Geliebten , zur Erlangung seines guten Rechtes führen konnte . Dann , als der erste Sturm vorüber war , las er Clara ' s Brief aufs Neue und verstand die Schönheit einer Seele , die so zu entsagen vermochte . Er konnte die Zeit nicht erwarten , in der es ihm vergönnt sein würde , sie wiederzusehen , und durfte doch nicht wagen , den ersehnten Augenblick herbeizuführen , ehe sie ihn dazu berechtigte . Sein Herz war noch tief erschüttert , als sein Geist schon wieder zu seiner Klarheit gelangte und sich an einem Gedanken mächtig emporrankte . Um sein Glück war es geschehen , sein Leben hatte man der reinsten Freuden beraubt ; darum fühlte er den Muth , Alles von sich zu werfen , sein Vaterland , seine Aussichten für die Zukunft , selbst seine Freiheit , wenn es sein mußte , um damit das Einzige zu erkaufen , das noch Werth für ihn hatte : die bürgerliche Gleichstellung seines Volkes . Diese Idee gab ihm die nöthige Kraft , noch an demselben Tage vor seinem Vater zu erscheinen und ihm zu verkünden , er habe das Spiel verloren , auf das er alle seine Hoffnungen gesetzt . Der Vater war bewegt . Auch ihn traf der Schlag doppelt , in seinem Sohne und in seinem Volke , obgleich ihm das Gelingen dieser Angelegenheit höchst zweifelhaft gewesen war , aber er war kein Mann des Wortes ,