war er bei ihr und ruhte nicht , bis Hansli entdeckt war , den er scharf ins Gebet nahm . Hansli gab Bericht und ziemlich der Wahrheit gemäß , nur daß er den , welcher ihn von Resli weggelockt , sehr ins Schwarze malte und zu verstehen gab , daß es mit dem nicht richtig gewesen sein könnte . Aber daß Resli tot sei , glaube er nicht , doch wo er hingekommen , begreife er nicht . » He nun so dann , so muß man ga luege , du kömmst doch mit und zeigst , wo er zuletzt gewesen ? « Er sei wohl müde , sagte Hans , die ganze Nacht hätte er nicht geschlafen . » He nun , so nimmt man Roß und Wägeli , mach daß du in einer Stund z ' längst unten am Weg bist . « Hans war bereit dazu , sobald er sah , daß Christen nicht mit ihm aufbegehrte ; er sagte , es sei niemand mehr daran gelegen , zu wissen , was mit Resli gegangen , es sei ihm nicht nur wegen Resli selbst , sondern auch , damit man wisse , daß er ihn nicht liederlich im Stich gelassen . Christen ward es auf dem Heimwege ganz wunderlich , die Beine schlotterten ihm , und mehr als einmal war es ihm als ob es ihm schwarz werden wollte vor den Augen , daß er sich an einen Zaun stellen mußte und sich halten . Er hatte gute Hoffnung , daß die Sache nicht halb so böse sei als die Leute ausstreuten , und das Wasser stund ihm fort und fort hoch in den Augen aus Dank und Freude , daß die Nachrichten besser seien , als er anfangs gedacht ; aber eben deswegen ließ die Spannung des Schreckens nach , und blöde ward es ihm an Leib und Seele , und lose nur schienen seine Glieder zusammenzuhängen . So kam er langsamer , als er gedacht , und mit Mühe heim , wo weit im Gäßchen vornen alle seiner warteten . » Herr Jemer ! Herr Jemer ! « sagte Änneli , » wie siehst du aus , er ist tot , gäll ? O Resli , my Resli , seh ich dich nie mehr ! « und aufs neue schlugen die Wellen des Jammers über das Gestade . » Tu nicht so « , sagte Christen , » wäger nicht , allem an ist Resli nicht tot . Er wird , als er alleine war , zu sich selbst gekommen und nun hingegangen sein , wo er jetzt noch ist . Aber suchen muß man ihn . Christeli , gib dem Braun z ' fresse und mach das Wägeli zweg , ich will mich anders anlegen « , so sprach Christen in Ännelis lauten Jammer , gegen das Haus gehend , und vor der Türe setzte er sich aufs Bänklein hin und sagte , man solle ihm Wasser bringen , es werde ihm so kurios . Nun neuer Jammer , daß er doch sagen solle , was er vernommen , einist müsse man es vernehmen , und je länger man hingehalten werde , desto grüslicher schlage es dann nieder . Sie sollten nur ruhig sein , antwortete Christen , die Sach sei nicht bös , aber es sei ihm so in die Glieder geschossen , er wisse nicht wie , es werde wohl vom starken Laufen sein und bald bessern . Änneli solle ihm ein frisches Hemd fürelege , er wolle gehen und sich zweg machen . » O nein ! Vater , du gehst nicht « , sagte Änneli , » Christeli kann fahren , es ist dir ja übel und der Braun wild ; es weiß kein Mensch , welche Angst ich hätte , wenn du gingest . « » Samis Hans kommt mit « , sagte Christen . » So komme er « , sagte Änneli ; » er kann dich nicht gesund machen , und wenn man so zweg ist wie du , so tuts ds Liegen am besten . Es weiß kein Mensch , ob es nicht einen Schlagfluß , Gott behüt uns davor , oder sonst etwas Böses geben könnte , wenn du in der Welt herumsprengtest . Nein wäger , du mußt dich stille halten , und wenn es dr nicht bald bessert , so muß Annelisi zum Doktor . Bluet usela wär vielleicht gut . « Wie der Vater sich auch wehrte , er mußte nachgeben und ds Christeli fahren lassen , und die Sorge um den Anwesenden zerstreute etwas Kummer und Jammer um den Abwesenden in Ännelis Herzen . Den rechten Weibern ist und bleibt immer der der Nächste , der ihnen zunächst im Bereich ihrer Hülfe liegt ; sie lassen nie einen Anwesenden schmachten und stöhnen , um zu jammern um einen in der Ferne . Christen mußte zu Bette , er mochte sich wehren wie er wollte , mußte sich Suppenbrühe geben lassen , und Änneli setzte sich neben das Bett und wehrte ihm die Fliegen , während Annelisi draußen ums Haus herumfuhr und bald in dieser , bald in jener Ecke auf der Lauer stand , ob niemand mit Botschaft komme oder vielleicht Resli selbst . Und zu ihm gesellte sich bald die Mutter , die vom schlafenden Christen sich weggestohlen , und bald wiederum Christen , den die Sorge nicht lange schlafen ließ ; aber gäb wie sie ausschauten , es kam niemand , einsam blieb es ums Haus , einsam , so weit die Sinne reichten . Da sagte Änneli : » Ja so gehts , aber wer glaubt es , ehe man es erfährt ! Gestern wars so schön , und wie waren wir alle beisammen , so glücklich und froh , und jetzt , wie ists ? Jetzt sind wir einsam ; unser Bub ist hin , und das Herz aus dem Leibe möchten wir weinen , jetzt , wo wir uns so lieb haben möchten . « Oh , wenn es der Mensch sinnen könnte , daß man sich lieb haben sollte , wenn man bei einander ist , weiß ja doch kein Mensch , wenn man von einander muß ! In einem waldumsäumten Boden stund in Mitte reicher Matten ein großes graues Haus , dessen Hinterseite im Reiz der Neuheit glänzte ; nebenbei lagen ein Holzschopf , ein Spycher und ein sogenannter Stock mit kleinen Fenstern und einem auf die Fenster gedrückten Dache , das akkurat aussah wie ein Hut , den ein Räuber sich in die Augen gedrückt , damit niemand sehe , was die Augen im Schilde führen . Allerlei lag um das Haus herum , Bauspäne und sonstiges Geräbel ; die Mistgülle lebte in süßer Freiheit , Enten und Hühner ebenfalls , und im offenen Tenn stand ein kurzer dürrer Mann mit breiter Nase und schmalen Augen , der Strohbänder machte für die kommende Ernte . Neben dem Tenn lag die Haustüre , die durch einen schwarzen , rauchigten Gang zunächst in die Küche führte . Aus derselben kam rasch ein Mädchen , dem man aber den Rauch nicht anmerkte , denn es war nett , schmuck , sorgfältig gestrählt , und sagte : » Vater , es wird doch noch der Doktor geholt werden müssen , er will nicht erwachen , oder was meinst ? « » Was anfangs « , hässelte der Mann , » daß ihr ihn hättet liegen lassen sollen ; was ist er euch angegangen und was hat es braucht , uns die Unmuße zu machen ? « » Aber Vater « , antwortete das Mädchen , » so hätte er ja sterben müssen . « » So hätt ' er , es muß einmal sein , und jetzt wäre es ihm vielleicht leichter gegangen als einist . « » Aber Vater , was hätten wir uns für ein Gewissen machen müssen , wenn wir ihn hätten liegen lassen und es dann geheißen hätte , er sei gestorben ! « » Unkraut verdirbt nicht so leicht , und du weißt nicht , ob seine Kameraden ihn nicht gesucht , und das ist dann eine schöne Geschichte , wenn die ihn nicht finden und weiß da Schinder was für einen Lärm machen . « » Es ist einmal jetzt so , Vater « , antwortete das Mädchen , » und Balgen macht die Sache nicht anderst . Aber wolltest du nicht hineinkommen und sagen , was du meinst ? Wir haben Weinüberschläge gemacht , und jetzt sagt die Mutter , sie wolle noch mit kaltem Wasser probieren , und wenn das nicht helfe , so wisse sie nichts mehr anzufangen . « Das Band zusammendrehend und dasselbe zu den gemachten legend , sagte da Alte : » So gehts , mit unserer Sache mögen wir nicht fertig werden und haben böse und geben uns noch dazu mit andern Leuten ab und versäumen uns darob . Aber daß du das weißt , einmal für allemal , wer liegt , den lasse liegen ! Was vermögen wir uns dessen , wenn einer nicht zu sich selbsten sieht ! « So keifend ging er hinter dem Mädchen drein über die hohe Schwelle durch den dunkeln Gang , in welchem Werkzeug stand aller Art und manche schwere Kette an hölzernen Nägeln hing . Das Mädchen öffnete eine Stubentüre , und hinter ihm drein brummte der Vater : Man hätte ihn nicht brauchen in die Stube zu tun und ins beste Bett ; Solche , die man im Wald auflese , tue man in den Stall , und im Stroh wäre er noch wöhler gewesen als in einem Federbett . » Vater , der ist von einem Hause her « , sagte das Mädchen , » wo sie nicht gewohnt sind , im Stroh zu liegen . « » So wäre er daheim geblieben , da hätte er dann meinethalb liegen können , wo es sich ihm am besten geschickt . « » St ! St ! « flüsterte drinnen in der Stube eine lange , hagere Frau und hielt den blauen Umhang vor dem Bett etwas zurück . » St ! er rührt sich . « Leise trat die Tochter hinter die Mutter , an der Fußeten blieb der Bauer stehn und sah nach einem blassen Jüngling hin , der im Bette lag , dessen Kopf verbunden war , dessen Augen geschlossen und in dessen Hand ein Zucken sichtbar wurde , ein Heben und Wiederfallenlassen ; es war , als fühlte er irgendwo etwas , wolle hin mit der Hand und vermöge es nicht . Da mangle es des Doktors nicht , sagte der Bauer , der werde bald von sich selbst erwachen . Allbets sei es einem nicht der wert gewesen , wegen einem jedere Müpfli desauszufahren wie ein Kegel und so i dAllmacht z ' liege . Da schlug der Wunde langsam die Augen auf , sah matt um sich , langsam sanken die Augenlider wieder zu ; plötzlich , als ob etwas Besonderes zu seinem Bewußtsein gekommen , fuhr er auf , sah mit Staunen in der Stube herum und frug endlich : » Aber um Gottes willen , wo bin ich und was ist mit mir ? « » He , wo wolltest du sein , als hier « , sagte die Frau . » Aber wie bin ich hieher gekommen ? « frug Resli . » Seh , Meitschi , bricht « , sagte die Mutter , drehte sich , und vor Resli stund unverdeckt Anne Mareili , des Dorngrütbauren Tochter , sittig und verlegen die Augen gesenkt . Dem Resli ward es gar wunderlich im Herzen , er mußte sich legen , aber wie sie ihm auch zufallen wollten , die Augen schloß er nicht wieder . » Seh , bricht , Meitschi « , sagte die Mutter , » drwylen kann ich haushasten . « » Es ist einmal gut « , sagte der Bauer , » daß du wieder bei dir selbst bist , so braucht man den Doktor nicht und dSach wird scho bessere . Wenn ich meine Burde Bänder ausgemacht , so will ich wieder kommen und sehen , ob du aufmögest . « Es gingen Beide , Vater und Mutter , hinaus , und Keines von Beiden hatte eine Ahnung von dem , was in den jungen Herzen sich regte . Anne Mareili hatte seinen schlanken Tänzer nicht vergessen können , hatte an manchem Markt , oder wo viele Leute zusammenliefen , seine dunkeln Blicke umsonst nach ihm ausgesandt , war manchmal in dunkler Nacht , wenn der Wind über seine Fenster strich , aufgefahren und hatte gedacht : Ists ihn wohl ? , hatte dann traurig sein Haupt in die Kissen verborgen und gesinnet und gedacht : Ob er wohl vernommen , wer es sei , und ob es sein Lebtag nie vernehmen werde , wer er gewesen , und ob sie nie zusammenkämen . Vergessen könne es ihn nicht , und wenn es ihn erst in der Ewigkeit wieder sehen sollte , so kennte es ihn wieder auf den ersten Blick . Um so tiefer und inniger prägte das schöne Bild sich ein , je düsterer das Los war , welches ihm zu warten schien ; um so weniger durfte es aber auch die Eltern merken lassen , was tief im Herzen ihm lebte . Wenn es gesagt hätte , es liebe einen Burschen , von dem es nicht wüßte , woher er sei und wie er heiße , so hätten sie gesagt : » Bist e Narr , e Sturm , unser Lebtag hat man nie davon gehört , daß ein Mädchen es Mannevolch gliebet het , wo es ihm keinen Namen hat geben können und nicht einmal gewußt , hat er nüt oder öppis und ob er auch an einem rechten Ort daheim ist oder nicht . Wie öppe die zusammenkommen , welche nichts haben , das weiß man öppe . « Heimlich trug es das Bild in sich , wo es niemand sehen konnte , und kein Tag verging , daß es nicht dachte : Sinnet er wohl auch noch an mich und kennte er mich wieder , wenn wir wieder zusammenkämen ? Dann stellte es neben dieses Bild ein anderes Bild , einen siebenzigjährigen Gritti mit dünnen grauen Haaren , roten Augen und einer Schnupfnase , und wer dann nahe bei ihm gewesen wäre , hätte wohl gehört : » Und ich tue es nicht , und wenn sie es zwängen , so sterbe ich . « Das Dorngrüt lag keine Stunde weit von Aufbegehrigen , seitwärts von der Straße . Als Wolke um Wolke in schwarzen Wirbeln gen Himmel stieg , das Aufflammen neuer Häuser verkündend , die Glocken immer ängstlicher um Hülfe wimmerten , da blieb nach üblich schöner Sitte in weiter Umgegend niemand , der Arme und Beine rüstig rühren konnte , daheim . Die Bauerntöchter liefen mit den Mägden , die Söhne mit den Knechten , und mancher Großätti humpelte hinterdrein , mit einem Eimer in jeder Hand , welche von dem leichtsinnigen jungen Volke vergessen worden waren und welche doch bei jedem Brande so nötig sind . Auch aus dem Dorngrüt war alles fort bis an Vater und Mutter , und rüstig hatte Anne Mareili gearbeitet , war aber von den Seinen abgekommen und suchte sie wieder . Da erschien ihm plötzlich , als es am wenigsten daran dachte , sein lieb heimlich Bild , es schalt es Lümmel , und wie ein nächtlicher Spuk verschwand es . In einen andern Wasserzug , der durch dunkle Baumgärten ging , gestoßen , konnte es sein Bild lange nicht suchen , mußte Eimer um Eimer laufen lassen durch die rüstigen Hände , und der Boden brannte unter seinen Füßen und es mußte bleiben . Zweimal wollte es entrinnen , zweimal wies man es hart wieder an seine Stelle . Die Abdankung machte es frei , aber nur zu hinterst an den Ring gelangte es , sah nichts , mußte seine Leute suchen , mußte ihre Spritze suchen , denn die Mädchen wollten nicht alleine durch den Wald , wollten mit ihrer Mannschaft gehen ; sie verließen unter den Letzten den Brandplatz , zahlreich und im Geleite der Spritze . Langsam und Jeder seine Helden , taten berichtend , daß wenn er nicht gewesen , der Pfarrer verbrannt wäre oder eine Frau oder ein Hals , und wenn ihre Spritze nicht gewesen wäre , nicht nur kein Haus , sondern kein lebendig Bein übrig geblieben wäre , zogen sie durch den Wald . Plötzlich schrie ein Mädchen , welches etwas seitwärts gegangen war , auf : » Herr Jemer , Herr Jemer , e Totne , e Totne ! « Der Zug hielt , die Mädchen schrieen auf , die Bursche liefen hin ; man rief nach der Laterne , hinter derselben drängten schüchtern die Mädchen sich nach . Unter einer Eiche lag ein schlanker Bursche , das blasse Gesicht im grünen Grase ; blutige Streifen liefen über seine Wangen , mit Blut war das Gras betaut , und ein blutiger Streif lief vom Wege zur Eiche hin . Auch Anne Mareili drängte sich in den Rund , den zwei Laternen hell machten . Da lag der , den es heimlich im Herzen getragen , gefunden , verloren ; da lag er , tot . Es schrie nicht auf , es fiel nicht in Ohnmacht , aber es war ihm , als fasse eine eiserne Hand sein Leben und drücke es zum Tode . Da rief einer : » Nein , der ist nicht tot , er ist noch ganz warm , und ds Herz rührt sich auch , wie mich düecht . « » So kommt « , rief der Spritzenmeister , » ehe er zu sich selbst kömmt , sonst wer weiß , ob wir nicht noch ins Schloß müßten oder gar dSach selber sollten gemacht haben . « Der Ring lief auseinander , die Bursche wollten wieder zu Rosse , der Spritzenmeister sagte schon : » Hü , i Gottes Name « , da sagte Anne Mareili : » Das geht nicht diesen Weg , den können wir da nicht liegen lassen , vor Gott und Menschen könnten wir es nicht verantworten . « » Kommt « , sagte ein Bursche , » dem fragen wir nichts nach ; wie er dahin gekommen ist ohne uns , so wird er auch so wegkommen . Es weiß ja niemand , wem er ist . « » Nein , so kommt er nicht weg « , sagte Anne Mareili , » das ist ein vornehmer Bauernsohn , da obe aben , ich habe ihn einmal angetroffen . Wenn wir den so da ließen ungratsamet und er umkommen mußte , so wurd ja unsere ganze Gegend verbrüllet , kein Kreuzer Steuer käme da oben herab , und es möchte brennen wie es wollte , so käme niemand mehr zur Hülfe . Es muß doch nadisch nicht heißen , unser Wald sei eine Mörderhöhle . « Anne Mareili war im Ansehen , und es war nicht das erstemal , daß es etwas befohlen hatte , und so stellte sein Wort die Leute ; sie ratschlagten , wie der fortzubringen sei . Anne Mareili befahl einem ihrer Knechte , auf dem kürzesten Wege heimzulaufen und ein Wägeli mit Stroh zu bringen , bis dahin könnte man ihn mit Zweien , die ihn hielten , vornen auf das Bänklein der Spritze setzen . Auf die Einwendung , wo man dann mit ihm hin wolle , wenn ers doch selbst nicht sagen könnte , wie er heiße , sagte es , daß sie darüber keinen Kummer haben sollten , das sei nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein , den sie beherberget hätten . Anne Mareilis zwei Brüder , die da waren , redeten zwar dagegen , aber brachten nichts ab . So war Resli in dies Haus gekommen . Der Vater hatte darüber gemuckelt , die Mutter aber gesagt : Sie hätten noch keinen kranken Bettler fortgejagt , und da wärs doch grüslich , wenn man Bauernsöhne im Walde wollte verrebeln lassen und daß das ein Bauernsohn sei , und zwar von den vornehmern einer , sehe man schon am Hemde , sie hätte noch nicht bald ein so feines und weißes gesehen . So war es gekommen , daß Resli in Anne Mareilis Stübli war , denn daß er dorthin gebracht wurde , hatte es angeordnet , und es hatte ihns gedünkt , es nähmte nicht alle Schätze der Welt dafür , daß er nicht da wäre , und jetzt , als Vater und Mutter draußen waren , reichte er ihm die Hand und sagte : » Du bist doch nicht mehr höhns , aber ich habe wäger nicht gewußt , daß du es bist . « » Wer wollte höhn werden in einem solchen Wirrwarr « , sagte Anne Mareili , » wer hohn werden will , muß nicht an eine Brunst . « » Es war nur lätz , daß der Wagen daherkam wie vom Himmel , ich hätte dir doch sonst gesagt , es sei mir leid , und gab wie ich dich gesucht , fand ich dich nicht mehr « , sagte Resli . » Aber wie bin ich hierher gekommen ? « Nun erzählte Anne Mareili , wie es zugegangen , aber die Hauptrolle teilte es sich selbst nicht zu , sondern es bediente sich der Redeform : Me het denkt , gglaubt , gseit , gmacht . Dann mußte Resli erzählen , wie er unter die Eiche gekommen und da alleine geblieben . Der redete nun schon etwas deutlicher und sagte , daß es ihn immer gedüecht , er möchte ihns finden , um ihm zu sagen , daß er ihns nicht gekannt , denn sonst wäre er doch sicher nicht so grob und unerchannt gewesen , das sei doch sonst seine Art nicht ; aber alles hätte ihn böse gemacht , und gäb wie er die Leute zusammengestellt , sei doch gleich wieder alles auseinander gewesen . Er hätte gemeint , er höre ihre Stimme , und nachsehen wollen , da sei es ihm gewesen , als schlage man ihn auf den Boden hinab und schwärzer und schwärzer werde es um ihn , je tiefer er falle ; plötzlich sei alles erloschen . Da sei es ihm in den Ohren gewesen , als rede es wieder , und mühsam hätte er die Augen aufgetan , aber hinter der Mutter sie nicht recht gesehen ; plötzlich sei ihm eingefallen , das Meitschi hinter der alten Frau sei doch das , welches er gesucht , allem an ; das habe ihm die Augen wieder aufgetan und ihn zu sich selbst gebracht . » Aber hast du mich denn noch gekannt ? « fragte Anne Mareili . » Warum nicht « , sagte Resli , » unter Tusige hätts mer nit gfehlt , aber hast du mich noch gekannt ? « » Es hat mir geschienen , es sei dich « , sagte Anne Mareili , » doch habe ich es so bestimmt nicht gewußt , bis daß ich dich recht gesehen habe . Aber weißt du , wo du bist ? « fragte Anne Mareili . » Es wird im Dorngrüt sein « , sagte Resli . » Warum meinst « fragte Anne Mareili . » Bist du nicht ds Dorngrütbauern Tochter ? « » Wer hat dir das gesagt ? « » Ds Stubemeitli , wo uns aufgewartet hat . « » So , damals schon hast du es vernommen , und wunder hat es dich nicht genommen , wie ich heimgekommen , das ist schön von dir , und willst an mich gesinnet haben ? « » Häb es nit für ungut , hundertmal hätte ich daran gesinnet , zu kommen , aber du hast mir nichts gesagt , und zu fragen hatte ich nicht Zeit . « » Es ist einer ein schlechter Schütze , wenn er keine Ausrede weiß « , sagte Anne Mareili ; » du wirst vielleicht nicht abkommen können , wenn du willst , dein Meister wird dich nicht gehen lassen . « Da hob Resli sich auf ; als er aber einen schalkhaften Zug um Mareilis Mund sah , antwortete er : » Vexier nur , du wirst wohl wissen , wer ich bin . « » Wie wollte ich das wissen « sagte Anne Mareili , » gefragt habe ich niemals und an der Stirne steht es dir nicht geschrieben , so wenig als einem Andern . « » Hat es dich denn gar nicht wunder genommen ? « fragte Resli . » He , ungefähr wie du Langeweile nach mir gehabt hast , und wen hätt ich fragen wollen , den Ätti oder unsern Kohli ? « antwortete das Meitschi . » Aber Spaß apart , wem bist ? « Da erzählte Resli , wer er sei , und hatte nicht nötig , viel zu rühmen , denn wer ds Bure zLiebiwyl seien , das wußte man im Dorngrüt ungefähr so gut , als man in adelichen Ländern die adelichen Häuser kennt . Er rühmte nicht Land nicht Viehstand , nicht Reichtum , er rühmte bloß seine Geschwister , seinen Vater , seine Mutter , wie gut alle gegen ihn , wie einig sie überhaupt seien . Der gestrige Abend trat immer deutlicher vor seine Seele , das Wasser kam ihm in die Augen , das Herz auf die Zunge , und andächtiger als vor keinem Pfarrer , heiß im Herzen und naß in den Augen , saß Anne Mareili vor ihm . Da trat die Mutter herein mit Kaffeekanne und Eiertätsch und sagte , sie hätte neuis gemacht und wolle sehen , ob er möge . Man hat viele Erzählungen , wie man Geister vertreiben , Erscheinungen verscheuchen könne und wie man dafür manchmal Kapuziner weither beschicken müsse ; aber wie man das Herz von der Zunge treiben , die Seele aus den Augen , beide hinunter in ihren tiefen , dunkeln Versteck und vor beide eine Türe machen und vor die Türe einen Riegel schieben könne , das berichtet man uns nicht , und doch können es so viele Leute und wissen es nicht , tun es so viele Mütter , so viele Väter und schimpfen dann darüber , daß die Herzen sich so verstecken und verschließen täten . Aber es ist kurios , wie die Menschen so oft nicht wissen , was sie machen , und noch kurioser ist es , wie die Herzen so kurios sind , fast wie die Murmeltiere , die auch nur aus ihren Höhlen kommen ins Freie , wenn kein Lüftchen geht , aber recht warm und lieb die Sonne scheinet . Stumm waren Beide , während die Herzen sich verkrochen ; dann sagte Resli , sie sollten doch nicht Mühe haben seinetwegen , er möge nicht und sollte fort , und Anne Mareili sagte : » Weißt , wem er ist ? Er ist ds Liebiwyle Bure Sohn , du weißt , wir haben schon oft von ihnen gehört , öppe von Bettlerleuten und Andern . « » So ? He nun so de « , sagte die Mutter , » aber mit dem Fort pressier nicht , nimm zerst und iß . Meitschi , schenk ein und gib ihm , ich habe noch den Schweinen ob , habe gedacht , es gehe in einem Feuern zu . « Aber es war ihr nicht sowohl um die Schweine , als um dem Vater es zu sagen , der immerfort brummte , daß man Leute heimbringe und nicht wisse , was für Fötzeln es seien , gerade auf dem Wege komme man ins Brüll und mache sich einen schlechten Namen . Als er hörte , für wen Resli sich ausgab , sagte er : » Wenn es wahr ist , so kömmt er von einem rechten Orte her , aber es hat sich schon manchmal einer für den Andern ausgegeben , und je eher er fortkömmt , dest lieber ist es mir . Wenns dr Kellerjoggi vernimmt , es weiß kein Mensch , was er sagt . Sorg ha muß man , Frau , du weißt doch , wie mißtreu er ist . « Drinnen machte Anne Mareili die Hausfrau mit Servieren und Pressieren , und was das Trauliche dieses Amtes erhöhte , war , daß Anne Mareili alles zum Bette bringen mußte , das Kacheli hielt , während Resli aus dem Blättli trank . Man glaubt gar nicht , wie lieb man sich während solchem Trinken und Halten werden kann . Resli wehrte sich zwar gegen alles Essen und Trinken , aber das Halten und Zutragen war so schön , so appetitlich , daß er aß und trank , er wußte nicht wie . Freilich machte er lange daran , ließ noch länger sich nötigen , brachte alles mit der größten Mühe hinunter , aber es dünkte ihn doch , so gut hätte ihn noch nie etwas gedünkt und er möchte Tag und Nacht so essen und trinken , wenn so ein Anne Mareili es ihm immer zutrüge und Handreichung täte . Das war so ein traulich , herzlich Abwarten und Hinnehmen , wie es wohl selten und darum um so süßer ist . Da kam die Mutter wieder und die hieß auch den Vater kommen , ein Kacheli Kaffee zu nehmen , und da war die süße Traulichkeit wieder davongeflogen . Der Vater war einsilbig , frug nicht einmal , wieviel Kühe sie hätten , ob auch eine Käserei , und wieviel sie melchten ; aber immer mehr blangte es Resli nach Heimat und Mutter , immer mehr quälte ihn die Angst über die Angst , welche sie um seinetwillen ausstehen müßten , da kein Mensch wisse , wo er geblieben , und man ja wohl wisse , wie in solchen Stücken gelogen werde . Anne Mareili wollte ihn trösten und sagte , bei einem so jungen Burschen sei die