Ich glaube , er hat geschlafen ! « sprach sie halb unmuthig , halb lachend zu Mario . » Ich glaube , das thut ihm noth « - antwortete Mario , schüttelte Walldorfs Arm und sagte : » Wollen Sie mich begleiten ? die Gräfin kommt ermüdet vom Ball und ist unser ganz überdrüssig . « » Ihrer vielleicht « - warf Clemens über die Schulter ihm zu und sprach dann zu Faustine : » Sie kommen zu dieser Stunde , in dieser Verkleidung - was soll das bedeuten ? « War Faustine erstaunt gewesen über die Ruhe , womit Mengen Walldorfs Antwort hingenommen , so wuchs dies Staunen , als er ihr jetzt gelassen seinen Mantel abnahm , der noch um ihre Schultern hing , und ihr das Wort abschnitt , das auf ihren Lippen schwebte , indem er sagte : » Die Gräfin giebt Ihnen sicher morgen die interessantesten Notizen über den Ball , doch heute ist es wirklich zu spät . Kommen Sie mit mir , bester Walldorf . « » Aber Mengen , ich begreife Sie gar nicht ! lassen Sie sich doch nicht mit dem Unbescheidenen ein ! « rief sie . » Sie müssen Nachsicht mit ihm haben - er hat stark getrunken . « Faustine unterdrückte nur halb einen ängstlichen Ausruf und ergriff Marios Hand . Das erregte Walldorfs Zorn . Er nahte ihr , leichenblaß , und fragte mit starker Stimme : » Warum fürchten Sie mich ? « » Gar nicht , « sprach sie hastig . Aber ihr Arm lehnte auf Marios , und der fühlte , wie ihre ganze Gestalt zitterte . Er wollte diese peinliche Scene für sie beenden und sprach : » Wenn Sie mir den Brief geben könnten ? und dann , gute Nacht ! « Faustine ging rasch in ihr Zimmer , er folgte ihr bis zur Thür . Auf der Schwelle empfing er den Brief , ihren dankbaren Händedruck , den freundlichsten Blick - dann schloß sich diese Thür .... auch vor ihm . Er empfand das , wie einen leisen Schmerz , ganz heimlich und ganz tief in der Seele ; doch er hatte nicht Zeit , dieser Empfindung nachzuhängen . Clemens hatte sich auf ein Sopha gesetzt , die Beine über ein Tabouret gelegt , ein kleines Polster unter den Kopf geschoben , sich so bequem wie möglich etablirt . Mario nahm seinen Mantel um , setzte den Hut auf und fragte : » Ist ' s Ihnen gefällig , Herr von Walldorf ? « » Nein , ich warte auf die Gräfin Faustine ! sie soll mir Rede stehen , weshalb sie mir heute Mittag ihr Wort gebrochen , und heute Abend mich fortgeschickt hat . « » Aber sie hat sich in ihr Zimmer begeben : ein Zeichen , daß wir gehen können . « » Oder , daß ich ihr folgen darf . « Er stand auf , doch etwas schwankend . Mario kochte innerlich vor Wuth , dennoch wollte er glimpflich mit Clemens umgehen , um Faustine nicht noch mehr zu ängstigen . Darum entgegnete er : » Dann müssen Sie doch auf ihren Befehl warten . « » Richtig ! « sagte Clemens , und ganz vergnügt über dies Argument , welches ihm erlaubte sich zu setzen , nahm er seine bequeme Stellung wieder ein . Mengen warf Hut und Mantel ab , und etablirte sich neben Clemens ganz auf die nämliche Weise . Als der Anstalten sah , welche ein dezidirtes Postofassen verkündeten , fragte er verdrießlich : » Mit welchem Recht lassen denn Sie sich hier nieder ? « » Da Sie vor dem Zimmer der Gräfin Wache halten , so darf ich mir wol auch dies Vergnügen machen . « » Die ganze Nacht hindurch ? « » Die ganze Nacht . « » Es wird hier aber recht kalt werden . « » Ich habe meinen Mantel . « » Zwei Wachen stehen doch nie auf einem Posten . Zwei sind überall zu viel und Einer ist genug . « » Diesmal ist auch Einer überflüssig . « Clemens gab allmälig dem Einfluß nach , den die behagliche Stellung auf ihn übte : er wurde immer schläfriger . Nach fünf Minuten murmelte er : » Ich wollt ' , es wäre Schlafenszeit und Alles stände wohl . « » Oho , alter Falstaff ! « rief Mario lachend und klopfte ihn auf die Achsel , » dazu kann Rath werden , komm nur mit mir . « » Du bist ein braver Junge , Heinz , nur etwas leichtfertig , « stammelte Clemens . Und bald hatte Mengen ihn den Händen seines Dieners übergeben . Dann fuhr er auf den Ball zurück - im Grunde nur , um von dem verschollenen Ernst Nachricht einzuziehn ; denn als ihm sein Jäger nach einer halben Stunde meldete , Ernst sei da , fürchterlich betrunken , so befahl er jenem , ihn mit sich zu führen und begab sich dann selbst nach Hause . Dort ließ er Ernst hereinkommen , der weinselig , Faustinens Mantel über dem Arm , erschien , und mächtig erschrak , als statt der Gebieterin ein ernster Mann vor ihm stand , der drohend fragte : » Wer hat Dich dazu verführt , Dich so schmählich zu betrinken ? « » Der Herr von Walldorf , « stammelte Ernst , halb ernüchtert . » Lüge nicht ! « sagte Mengen streng . » Der Herr von Walldorf , auf meine Ehre ! wenn der Herr Graf mir erlauben wollen , mich so vornehm auszudrücken . Er kam und sprach : er habe den Befehl von meiner gnädigen Gräfin , sie zu erwarten , und er könne es mir durch einen Doppel-Friedrichsd ' or beweisen . Das war klar . Ich ging . Auf dem Ball hieß es , der würde noch lange dauern . Es war kalt , eine Weinstube nah - ich trank ein Paar Gläser Champagner - vielleicht sind ' s auch Flaschen gewesen - man berechnet das nicht ! die Zeit vergeht so schnell - « » Die Frau Gräfin will heute nichts von Dir wissen . Geh mit meinem Jäger und schlaf Deinen Rausch aus .... aber den Mantel sollst Du nicht mit Dir herum schleppen . « Ernst hing den Mantel über einen Stuhl und ging niedergeschlagen ab . Mario nahm den Mantel und betrachtete ihn so aufmerksam , als ob er ihn hätte taxiren sollen , und so erfreut , als ob ihm ein Wunder der Welt in die Hände gefallen . Er war von dunkelrothem Atlas , mit weißem Tafft gefüttert , warm und leicht , um die Toilette nicht zu chiffonniren ; weich , um sich dennoch fest darein wickeln zu können . Vor Marios Phantasie schwebte Faustinens lieblicher Kopf über dem Purpurstoff , wie ein Stern über der Abendröthe , und ihre graziöse Gestalt hüllte sich in die reichen Falten , und ihre schneeweißen Hände blitzten draus hervor . Er drückte sein glühendes Antlitz fest in den Mantel , der weiche schmiegsame Atlas legte sich sanft wie ein Kuß an seine Wangen , an seine Lippen - mit einer heftigen Bewegung schleuderte Mario den armen Mantel weit von sich , holte tief Athem , strich ganz erschöpft die Locken aus der Stirn und schellte . Der Jäger kam . Er ließ sich entkleiden , doch unfähig schlafen zu gehen , setzte er sich an den Schreibtisch , um einen Brief an den Vater zu beginnen . Kaum saß er , so fiel sein Blick auf den Mantel , der an der Erde lag . Das ist aber kein Platz für etwas , was sie trägt - dachte Mario , stand auf , nahm den Mantel , küßte ihn , als wolle er ihn wegen der schlechten Behandlung um Verzeihung bitten , setzte sich zum Schreiben , behielt ihn dabei auf seinen Knieen , und schrieb nun wirklich so eindringlich und herzlich über Cunigunde , daß er der günstigsten Antwort gewiß sein durfte . » Das war ein guter Tag ! « sprach er halblaut nach Beendigung des Briefes ; ich habe den Engel in seiner Glorie gesehen , und ich habe ihm dienen dürfen . Er suchte die Ruhe , indem er sein Haupt auf den geliebten Mantel bettete , und durch seine Träume gaukelte , weinte und lächelte Faustine . Clemens erwachte früh , unbehaglich , wüst im Kopf , öde in der Seele . Der ganze gestrige Abend war ihm wie Geld unter den Händen weggekommen . Er konnte sich auf nichts besinnen . Er rief seinen Diener , einen stämmigen , untersetzten Burschen , den er aus Oberwalldorf mitgebracht . » Johann , « sagte er , » wer hat mich über Nacht hierher begleitet ? « » Das weiß ich nicht , gnädiger Herr . « » Kam ich allein ? « » Nein , gnädiger Herr ! ein sehr großer , blasser Herr , gewiß so groß wie Ew . Gnaden , aber viel dünner - und ein Jäger , kamen mit herauf . « » War ich denn krank , Johann ? « » Ne , gnäd ' ger Herr , das eben nicht , « sagte Johann mit stupidem Lachen . » Jesus Maria ! « rief Clemens entsetzt , » und ich war bei ihr gewesen ! unmöglich ! bin ich denn an Körper und Seele umgewandelt ? kann ich nicht mehr einen erbärmlichen Tropfen Weins vertragen ! « » Na , gnäd ' ger Herr , « sagte Johann begütigend , » ich sollte meinen , es wäre wol mehr als ein Tropfen gewesen . « » Ich will mich ankleiden ! « rief Clemens . Er that ' s im Fluge und stürmte eben so zu Mengen . Er haßte Mengen ; aber er wollte doch wissen , ob er Faustine auf irgend eine Weise gekränkt , und ob der Gehaßte ihn zum Dank verpflichtet habe . Mengen war noch nicht aufgestanden , doch Clemens ließ sich nicht abweisen . Jener befahl die Vorhänge aufzumachen , Clemens setzte sich vor sein Bett - und starrte ihn sprachlos an , denn der ihm wolbekannte Mantel Faustinens lag auf Marios Bett . Dieser hatte , plötzlich erweckt , den unseligen Mantel vergessen , er wußte nicht Walldorfs ungemessenes Staunen zu deuten , und wartete ruhig auf eine Erklärung desselben und des frühen Besuchs . Als aber Walldorfs Zähne hörbar zusammenschlugen , wähnte er , Clemens werde durch die Erinnerung an sein gestriges Betragen gedrückt , und deshalb sprach er freundlich : » Das kann wol einmal passiren , lieber Walldorf , und - « » O zum Teufel ! « rief Clemens außer sich , » der Mantel gehört - « » Der Gräfin Faustine ! « sagte Mario eiskalt , aber innerlich durchzuckte ihn ein gewaltiger Schreck über seine Unbesonnenheit . » Und das läugnen Sie nicht einmal ? « stammelte Clemens . » Warum sollte ich ? « fragte Mario unbewegt . » O , Faustine ! Faustine ! in welche Hände bist Du gefallen ! « jammerte Clemens und rannte durch das Zimmer . » Herr von Walldorf , Ihr gestriges Benehmen war zu begreifen und daher zu entschuldigen , Ihr gegenwärtiges ist aber weder das eine noch das andre . Haben Sie die Güte , mir Ihr Anliegen so kurz wie möglich vorzutragen , damit ich es so bald wie möglich erfüllen könne . « » Graf Mengen , wie kommt dieser Mantel hieher ? « » Auf diese Frage bin ich nicht Ihnen , sondern der Gräfin Faustine die Antwort schuldig ; daß ich ihr diese Rechenschaft nicht schuldig bleiben werde , davon mögen Sie später Zeuge sein . Uebrigens , Herr von Walldorf , bitte ich Sie , meine Verehrung für diese liebenswürdige , schutzlose Frau niemals nach der Ihren zu beurtheilen , welche für diese letzte Eigenschaft einen empörenden Mangel an Rücksicht an den Tag gelegt . « Clemens wußte genug - für seine Person . Und das , was er weiter wissen wollte , erfuhr er jetzt doch nicht . Also lief er fort , auf die Promenade , hin und her vor Faustinens Fenster . Vielleicht würde sie ihn sehen , ihn rufen - allein durch Faustinens purpurrothe Vorhänge schimmerte der Tag so dämmernd , daß er ihre Augenlieder überstreifte , ohne sie zu heben . Sie schlief nicht mehr , sie träumte nur noch halb und halb , es war ihr lieblich zu Sinn - sie wußte selbst kaum warum . Cunigundens freundliche Zukunft wird es sein ! meinte sie . Nachdem Clemens vergeblich einige Zeit auf und ab gerannt , entschloß er sich nach einigen Stunden , Faustinen seinen Besuch zu machen , unbefangen , gleichmüthig , als sei nichts vorgefallen , und es darauf ankommen zu lassen , wie sie ihn empfangen würde . » Gott , « dachte er , » wenn sie nur diesen Mengen nicht liebte ! der macht sie gleichgültig gegen mich ! in Oberwalldorf war sie anders .... nicht anders gegen mich , nicht freundlicher .... aber dort konnt ' ich nicht glauben , daß sie für irgend einen Mann - Andlau etwa ausgenommen - lieblicher sein könne ; ja sogar ihre Empfindungsweise für Andlau kränkte mich nicht so - nicht so tief , nicht so bitter . Zeit , Treue , Gewohnheit , gaben ihm Rechte - ich weiß ja Alles , ich mache mir ja keine Chimären ! ich verlange ja nichts , als daß sie mir erlaube mein Herz vor ihr niederzulegen , als daß sie freundlich meine Liebe anlächle , sie dulde ! statt dessen weist sie sie ab , drängt mir das Wort in den Busen zurück oder verdreht es mir auf der Lippe , während sie an diesen Mengen ihre Liebe verschwendet . - Der Teufel mag wissen , in welchem Grad ! Durch solche und ähnliche Vorstellungen regte er seinen Zorn und seine Leidenschaft dermaßen auf , daß er halb vernichtet bei Faustinen eintrat und keines Wortes mächtig neben ihr auf das Sopha sank . Sie wähnte , wie Mario vorhin , die Erinnerung an seine Ungezogenheit quäle ihn , und dadurch ward sie in ihrem Vorsatz , den gestrigen Vorfall gänzlich zu ignoriren , noch mehr bestärkt . Sie frühstückte , denn Clemens , dem die Secunden zu Ewigkeiten wurden , hatte sich in den Stunden verirrt . » Brav , daß Sie so früh kommen ! ich fürchtete schon , Sie würden mir meine gestrige Abtrünnigkeit nicht ganz verziehen haben . Das kam aber so . « Sie erzählte ihm , wodurch sie gestört worden sei , und dann vom Ball , der elegant und amüsant gewesen , und dann , daß Mengen sie heut im Eisschlitten fahren wolle - Alles so schlicht , so natürlich , wie die Unbefangenheit , und freundlich , wie die Güte thut , die einen Andern aus peinlicher Lage befreien mögte . Doch Clemens in seinem aufgeregten Zustand war nicht dafür empfänglich . Er sah nur eine geschickte Heuchelei . Das überwältigte ihn , er schlug verzweiflungsvoll beide Hände vors Gesicht . Die erste Bewegung Faustinens war , mißtrauisch von ihm wegzurücken . Doch sie besann sich , daß er unmöglich Morgens um zehn Uhr im Rausch sein könne , und seine Desperation auf Rechnung seiner Beschämung schreibend , faßte sie sich , blieb neben ihm sitzen , zog seine Rechte von seinem Gesicht herab , und sagte : » Guter Clemens , beruhigen Sie sich . « Da blickte er sie an , schüttelte den Kopf und rief : » Aber Sie strafen ja den lieben Gott Lügen ! .... Ja ja ! « fuhr er fort , als Faustine tödtlich erschreckt ihn sprachlos ansah - » jetzt fällt die Maske ! doch , wenn man nichts ahnt , nichts weiß , und nur Ihr Gesicht sieht , so würde Jeder meinen , der liebe Gott habe seinen Lieblingsengel auf die Welt geschickt , um die Menschen von ihm zu grüßen , und vielleicht ist das auch seine Absicht mit Ihnen gewesen . Aber dies himmlische Antlitz lügt ! es wohnt nichts dahinter - als ein lügenhaftes Weib . « Faustine erhob sich . Sie stand vor Clemens so hoch , so groß , als sei sie plötzlich um einen Fuß gewachsen . Kalt und befehlend zeigte sie mit der ausgestreckten Rechten nach der Eingangsthür , und ohne Clemens eines Blickes zu würdigen , ging sie königlich stolz aus dem Salon in ihr Zimmer und verschmähete es die Thür hinter sich zu schließen . Sie setzte sich an ihren Schreibtisch , legte den Kopf in beide Hände , um sich zu besinnen , ob Clemens verrückt oder betrunken , krank oder unverschämt sein möge , brachte es nicht heraus , und schrieb , um sich zu zerstreuen , ein Paar herzliche Zeilen an Cunigunde , als Antwort auf ihren gestrigen Brief . So war eine Viertelstunde verflossen . Clemens saß noch immer regungslos auf dem Sopha . Er bereute sein Benehmen - besonders deshalb , weil er , mit der Thür ins Haus fallend , Faustinen Waffen in die Hand gegeben . Darum hob er ganz demüthig an : » Ich bin noch hier , Gräfin Faustine . « » Wider meinen Willen , Herr von Walldorf , « sprach sie eisig von ihrem Schreibtisch herüber . Er stand auf , ging bis zur Schwelle ihres Zimmers und bat : » Wenn ich ein Verbrecher bin , so geben Sie mir durch die Beantwortung einiger Fragen dreist den Todesstoß . « » Sie sind ein Wahnsinniger , « sagte sie gelassen und legte die Feder hin . » Kamen Sie nicht heute Nacht in Graf Mengens Begleitung nach Hause ? « » Ja . « » In seinen Mantel gehüllt ? « » Ja . « » Warum das ? « » Weil der meine samt meinem Bedienten verschwunden war und noch ist . « » Ich bitte um Vergebung ! der Mantel ist da , ich habe ihn vor zwei Stunden gesehn . « » Wo denn ? « » Wo ? Sie fragen ? .... Gräfin , haben Sie in der That den Muth , zu fragen ? « » Himmel ! « rief sie sehr ungeduldig , » hing er als Wetterfahne an der katholischen Kirche , oder fuhr ein neuer Faust auf ihm durch die Luft , oder was sonst ! « » Er lag in Graf Mengens Zimmer - auf dessen Bett . « » Nun das ist mir lieb ! der gute Mengen ! so hat er den Ernst aufgefunden - ich war schon ganz verzagt . - Weiter im Examen , Herr von Walldorf ! Sie sehen , ich bleibe keine Antwort schuldig . « » Ich bin zu Ende . « » Das thut mir leid . « » Warum ? « » Weil es mir nicht geglückt ist , Ihnen den Todesstreich zu geben , d.h. Ihren wahnsinnigen Hirngespinnsten , denn Sie sehen zwar ganz petrifizirt aus , aber gar nicht klar und verständig . « » Faustine ! « rief Clemens und warf sich ihr zu Füßen , » haben Sie Mitleid mit mir . Wie kann ich klar sein , wenn die rasendste Leidenschaft , Eifersucht , meine Besinnung , mein Urtheil verstümmelt , und wenn alle äußern Zeichen mich gräßlich in dem Verdacht bestärken , daß - Mengen glücklicher ist als ich . « » Das wünsch ' ich ihm aus tiefster Seele , « sprach Faustine finster . Clemens fuhr auf und sagte mit hämischer Bitterkeit : » Daran hab ' ich nie gezweifelt ! ich wußte es - als ich den Mantel bei ihm sah . « » Verschonen Sie mich mit diesem ewigen Mantel ! « rief sie ungeduldig . » Er muß doch sein , wo die Besitzerin ist - oder war . « Der tiefe Unmuth in Faustinens Zügen ging plötzlich in eine so tiefe Trauer über , daß Clemens wie niedergedonnert abermals zu ihren Füßen hinsank . Sie sagte nur : » Clemens ! « - aber es lag ein herzzerschneidender Vorwurf in ihrem leisen , zitternden , melancholischen Ton . » Vergebung ! « stammelte er mit gerungenen Händen . » O , « sagte sie , » nicht mich haben Sie am tödtlichsten gekränkt : Sich selbst - die reine Blüthe Ihres Gefühls ! .... Stehen Sie auf , Herr von Walldorf , gehen Sie ! Sie können doch künftig nicht mehr den Muth haben , mir fest ins Auge zu sehen , unwillkürlich würden Sie es niederschlagen , und einen solchen Menschen kann ich nicht in meiner Nähe dulden - gehen Sie ! « » Sei gnädig , Faustine ! « seufzte Clemens , und drückte seine Stirn auf ihre Füße . Doch mit unsäglichem Widerwillen machte Sie mit dem Fuß eine abwehrende Bewegung und wiederholte : » Gehen Sie . « - Und er ging . - Große Thränen quollen aus ihren Augen . Sie blickte mit tiefer Sehnsucht Andlaus Bild an und sagte : » Anastas , mein Freund ! kommst Du denn nie wieder mit Schutz und Schirm für Deine Ini ? « Da hörte sie im Vorzimmer Marios Schritt . Schnell trocknete sie die Augen . Es war vielleicht ihr größter Schmerz , daß sie ihm den Grund ihrer Betrübniß nicht sagen durfte . Das machte sie verdrießlich . Sie empfing ihn nicht eben freundlich , als er mit den Worten eintrat : » Darf ich für den Sünder Ernst um Gnade bitten ? « » Der ist an Allem schuld ! « rief sie unmuthig . » Ist Ihnen Unangenehmes widerfahren ? « fragte Mario sehr besorgt . » Nein , gar nichts , « sagte sie verlegen - » ich meinte nur gestern .... und dann , wo ist mein Mantel ? « Aha , dachte Mario , Clemens hat bereits geplaudert . Laut sagte er ruhig : » Ich nahm ihn gestern Abend dem weinseligen Ernst ab , um ihn vor den Rauchwolken der Bedientenstube zu schützen ; jetzt hängt er wieder auf dessen Arm . « Dann erzählte er ihr , daß und wie Ernst zu dem Rausch gekommen , und sie rief : » Mit Trunkenen hab ' ich nichts zu schaffen ! den einen hab ' ich so eben fortgeschickt , und der andere mag auch gehen . « » Theure Gräfin , möchten Sie nicht ignoriren ? « » Nein ! Clemens beharrt in einem fortwährenden Rausch , der mir ganz lästig ist , und was ich jetzt von ihm erfahren , Bestechung meines Bedienten , trägt nicht dazu bei , ihn in meiner guten Meinung herzustellen . « » Aber Ernst , der zum ersten Mal diesen Fehltritt begangen und ihn mit Thränen bereut hat .... « » Nun , so ermahnen Sie ihn , reden Sie ihm ins Gewissen , nehmen Sie ihm Schwur und Eid ab , liebster Mengen ! ich verstehe mich nicht auf Strafpredigten , und behalte ganz gern einen , seit Jahren treu ergebenen Diener . « So vermittelte Mario den Frieden ; und bald war es ihm auch gelungen , die Unmuthswölkchen aus Faustinens Seele zu verscheuchen , denn sie hatte die reizbare Beweglichkeit eines Kindes , und jeder goldene Apfel eines Gedankens , den man auf ihren Weg warf , hemmte ihren flüchtigen Atalantenlauf . Mario erzählte ihr von einer Heirath , welche als eine schauerliche Mesalliance , nicht sowol des Standes , als auch des Alters und aller äußern Verhältnisse , die Gemüther in Bewegung setze . » Der Mann ist ein Künstler , « sagte Faustine . » Aber hoch in Jahren aber ohne die geringste Spur von Schönheit ! was hilft es der Frau , ihn alle Abend drei Stunden lang glänzend und gefeiert zu sehen , wenn vor ihren Augen der Nimbus schwindet ? « » O wir sind capriziös ! drei Stunden täglich den Liebsten bewundert zu sehen , alle Seelen beherrschend , alle Blicke fixirend - das mag eine große Befriedigung sein . « » Dann kommt er matt , unschön , abgespannt heim , ein in die Raupenhülle zurückgekrochener Schmetterling .... « » Ach , Bester ! die Frau bekommt den Mann sehr häufig in unschöner Gestalt zu sehen , ohne daß er zuvor die Welt entzückt ! Und dann glaub ' ich , daß es fast unmöglich ist , den Zauber zu ergründen , welcher über den intimen Umgang aller Kunstmenschen ausgebreitet ist , und daher auch schwer , ihm zu widerstehen , wenn man dafür empfänglich . Launen mögen sie haben , heftig , zerstreut , wild mögen sie sein - dennoch besitzen sie eine Magie , die mit dem allen versöhnt - und das ist vielleicht der höchste Triumph der Kunst . « » Es fragt sich doch , ob diese Magie fürs Leben ausreicht . Welcher junge Mann ist nicht einmal in eine Schauspielerin , Sängerin bis zum Wahnsinn verliebt gewesen , und wie selten entspringt daraus ein dauerndes Verhältniß . « » Weil überhaupt ein solches nicht aus jugendlichen Aufwallungen hervorgeht . « » Nein , weil jene Erscheinungen nur im Besitz der Magie sind , welche für einen Moment blendet , ohne zu fesseln . « » Sie haben freilich die eigene Erfahrung für sich « - sagte Faustine launig - » dagegen kann ich nicht streiten . Künstler aller Art sind und bleiben aber doch meine geborenen Freunde , für die ich mich vorzugsweise interessire - nur müssen es wahre Künstler sein , schaffende , begeisterte , keine Nachahmer , keine Handwerker . « » Das Genie hat das nämliche Schicksal wie die Tugend : sie sind beide in der Minorität auf unserer mittelmäßigen Erde . Ein großer Künstler ist eben so selten , als ein großer Mensch . « » Hört er Ihrer Meinung nach auf ein Mensch zu sein ? « » Halb und halb ! es kommen Inspirationen über ihn - er weiß nicht woher ! es steigen Bilder vor ihm auf - er weiß nicht von wannen ! streitende und ringende Gewalten werden in ihm rege , die kein äußerer Anlaß , keine innere Leidenschaft geweckt ! er sagt Dinge , die er noch nie gedacht ! er schafft Gebilde , deren Gleichen er nicht geschaut ! Allein er kann nicht der Kraft gebieten , welche sie aus dem Nichts hervorruft . Er muß warten , bis ein Gott , ein Dämon , ein Genius sie ihm einhaucht . Er besitzt höhere Gewalt , als die gewöhnlich menschlichen , sogar die allerglänzendsten Fähigkeiten ; aber er wird von einer noch höheren Gewalt besessen . Er schreibt Gesetze vor , er stürzt Gebräuche und Meinungen , er beginnt und endet Epochen , wie ein Gott ; aber er ist zugleich ein blinder , gehorsam dienender Priester im Tempel des Gottes . Und diese wundersamen Mischungen , welche essentiel seine Wesenheit ausmachen , stellen ihn gewissermaßen seitab von den selbstbewußten Menschen . Ich gestehe , daß ich immer eine Art von Scheu vor ihnen habe , die sonst meiner Natur fremd . Man ist nie sicher bei ihnen , ob sie bergan oder bergab steigen - ob sie Himmelslichter in die Tiefe leuchten , oder unterirdische Flammen am Himmel strahlen lassen wollen - ob sie ihre immensen Gaben wie der Reiter bändigen , oder wie das Roß ihnen gehorchen . Ich liebe sie nur par distance - in ihren Werken . « » Das ist recht weltmenschlich kalt gesprochen ! Sie fürchten nur , in eine Sphäre fortgewirbelt zu werden , der Sie nicht gewachsen sind . Bedenken Sie nur , welche unermeßliche Wohlthat ein einziger Künstler für lange Zeiten und kommende Geschlechter werden kann , und Ihr Herz muß schlagen für ein Wesen , das von Gott zu einem Segen der Menschheit auserlesen ward , und das diese hohe Ehre vielleicht mit ungekannten und ungemessenen Schmerzen bezahlt hat . « » Aber durch welche Wonnen werden diese Wehen des ringenden und schaffenden Genius compensirt ! ich denke mir , daß wenig Menschen eine Empfindung hatten , derjenigen gleich , womit Rafael vor seiner vollendeten Sixtinischen Madonna gestanden . « » Vor der vollendeten ? kaum ! - der Genius ist éminemment strebend , findet weder Genuß noch Befriedigung in dem Ueberwundenen , dem Geleisteten . Wenn die Conception in ihm aufgeht , dann glaub ' ich , feiert er seine seligen Mysterien , gegen deren tiefsinnige , glühende , unirdische Trunkenheit unsere kleinen mäßigen Freuden freilich sehr grau aussehen mögen . Doch jener Rausch ist ein Moment , und dann steht er plötzlich in dem nüchternen Leben . « » Wir Alle stehen in dem nüchternen Leben und ohne jenen compensirenden Rausch - « » Es muß demjenigen schwer werden , einen Schoppen aus der Hand der schwarzaugigen Kellnerin zu nehmen , dem Hebe die Schaale kredenzt hat . Er wird unwillkürlich vergleichen , den Wein mit dem Nektar , das Mädchen mit der Göttin , und Vergleiche stören die Genußfähigkeit . Wir aber begnügen uns tout bonnement mit dem Wein und der Sterblichen , denn wir wurden nicht aus dem Olymp auf die Erde geschleudert . So wird er auch immer das , was er gewollt , mit dem vergleichen , was er geschaffen hat , und gewiß in der Erscheinung nur einen Schatten seiner ursprünglichen Idee finden . Ich hab ' einen Freund - er ist aber nicht Maler , sondern Dichter - der spricht : All meine Schöpfungen kommen mir vor wie gefallene Engel ! sie haben wol noch etwas , was an ihren Ursprung mahnt , doch die Glorie ist verschwunden , seit sie die sinnliche Form annahmen . Mich grämt ' s aber wenig ! ich verkehre mit den ungefallenen Geistern , und schneide ihnen nach besten Kräften ein Mäntelchen von Staub zurecht , worin sie sich den Menschen offenbaren