ob die Rede Ernst sei , er sank in die Knie , und bat , in Demut und Wehmut aufgelöst , um Verzeihung . Er konnte immer noch seine Fassung nicht wiederfinden . Er mochte nicht sagen , und wagte es am wenigsten in der Gegenwart des Troilo , wen er eigentlich erwartet habe . Er flehte nur , als man sich trennte , seine Verirrung und sein Mißgeschick zu verschweigen . Dies wurde ihm zugesagt , und Donna Isabella war auch froh , als sie sich , von den Dienern des Hauses unerkannt , wieder im Freien befand . - Das Abenteuer des Gesandten blieb aber nicht verschwiegen , und er mußte Anspielungen auf seine Sklavin hören , von der man in seiner Gegenwart wie von einer fremden Schönheit sprach , die mit seltsamen Reizen ausgestattet sei . Isabella aber zog sich seitdem ganz von ihm zurück , und er durfte sich nicht darüber beklagen . « - - » Diese possierliche Begebenheit « , bemerkte die Matrone , » wenn sie nicht sehr ausgeschmückt ist , belehrt uns wieder , wie es an Höfen und bei den Vornehmsten ganz anders hergeht , als wir Geringeren es uns denken können . « » Es ist unbillig « , sagte Vittoria , » Menschen so zu kritisieren , als wenn sie etwa ein Buch wären , aber ich muß gestehen , daß ich diese Donna Isabella gar nicht begreife . Schön , verständig , witzig , unterrichtet - und doch die Zeit mit so nüchternen Späßen hinbringen zu können . Fühlt sie denn nicht , daß , indem sie den alten Gesandten dem Gelächter preisgibt , etwas , wenn noch so weniges , auf sie selber von dieser Geringschätzung zurückfällt ? Die edlen Naturen müssen am meisten darüber wachen , wen sie zur Gesellschaft wählen ; denn die zartesten , höchsten , leiden am meisten vom schlechten Umgange : der Mittelmäßige braucht nicht so ängstlich zu sein , denn in seiner Unbedeutendheit schützt ihn eine Waffe , die dem feinern Geiste mangelt . « » Sehr wahr « , sagte Don Giuseppe , » der flache Mensch kann durch den Hochbegabten weder zur göttlichen Natur aufsteigen , noch durch den Nichtsnützigen zum Bösewicht verwandelt werden . Je feiner , zarter die Natur , so leichter ist sie der Verderbnis ausgesetzt . « - Man trennte sich , denn es war spät geworden . Indem Don Giuseppe von den Damen , vorzüglich von Vittoria Abschied nahm , fühlten diese beiden wohl , in welcher Bewegung sie waren . Er zögerte , sah Mutter und Tochter mit bedeutenden Blicken an , und bat dann um die Erlaubnis , seine Besuche wiederholen zu dürfen . Sie wurde ihm gern zugestanden , denn beide Frauen konnten es sich nicht verhehlen , daß ihnen dieser fremde Mann sehr bedeutsam erschienen war , wenn sie auch nichts Bestimmteres von ihm wußten . Caporale begleitete diesen noch ; und als sie in die einsame Gegend des Coliseums gekommen waren , stand der Fremde einen Augenblick still , faßte die Hand des Dichters und sagte : » Wie sehr muß ich Euch danken , Vortrefflichster , daß Ihr mich in diese Familie eingeführt habt , und wie glücklich seid Ihr zu preisen daß Ihr sie schon seit Jahren , und als vertraute Freunde kennt . Um des Himmels willen , wie ist diese Vittoria an diesen Mann , oder an dieses Männchen geraten ? Sie , die , wie ich meine , nur unter den Fürsten Italiens hätte wählen dürfen . Dazwischen muß eine höchst sonderbare Geschichte liegen . Steht er nicht neben ihr , wie ein gemaltes Püppchen , das nur da ist , um den Saal ausfüllen zu helfen ? Kann die Mutter wirklich viel von der Verwandtschaft mit dem Montalto erwarten ? Mag der Mann fromm und tüchtig sein , aber niemand achtet ihn ; er wird niemals einen großen Einfluß erringen , dabei ist er alt und schwächlich . « Caporale antwortete nur obenhin , weil er die Geschichte der Familie einem Fremden , den er nur noch so wenig kannte , nicht preisgeben wollte . » Die junge Frau « , fuhr Don Giuseppe fort , indem sie weitergingen , » ist ein wahres Wunder zu nennen . Mir ist noch niemals in der Schönheit die wahre Hoheit und Majestät des Weibes so erschienen . Wie sie spricht ! Welcher Ton ! Und welch ein Labsal ist es , sie nur anzublicken ! Diese purpurdunkeln Haare , die rabenschwarzen Brauen , unter diesen , wie Goldstrahlen , die langen gebogenen Augenwimpern ! Kein Maler hat je in seiner schönsten Begeisterung so etwas ersonnen . Und habt Ihr wohl das liebliche Rätsel bemerkt - oder , wie soll ich es nennen ? - daß in dem linken Augenlide fünf oder sechs dieser Goldfäden mangeln ? Schlägt sie nun das Auge nieder , oder blickt sie gar auf und sieht Euch an , so ist , als wenn Amor plötzlich aus dem Goldsaum flöhe und unverhüllt sichtbar auf dieser entblößten zarten Stelle des Auges dastünde . - Nicht wahr ? für einen Mann von Jahren schwärme ich noch so ganz leidlich ? - Ich werde gewiß von dem erhabnen Wesen träumen . « - Am andern Tage ging Caporale mit schwerem Herzen zu seinen Freunden . Die junge Frau traf er im Garten , der , sehr verschieden von dem ehemaligen Gärtchen , sich weit hinter der schönen Wohnung ausdehnte . Vittoria eilte auf ihn zu . - » Nun ? « rief sie ihm entgegen . » Ich begrüß Euch « , sagte der Poet . » Ich dachte « , antwortete sie schmerzlich , » Ihr hättet mir etwas Neues zu hinterbringen , und etwas Gutes , oder wenigstens Wunderbares . - Ach ! Freund ! ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können , und wenn ich auf Augenblicke einschlummerte , so standen die Bildnisse der alten Heroen vor meinen Augen . - So habe ich doch wirklich einen wahren , wirklichen Mann gesehen . « » Im Traum also ? « fragte Don Cesar . » Wie Ihr sprecht ! « rief sie lebhaft ; » gar nicht , wie ein Poet , sondern wie ein Krämer , der alles mit der Elle ausmißt : Euern Don Giuseppe mein ich , oder wie er sich nennen mag . Ich freue mich , ihn wiederzusehn , von ihm zu hören und zu lernen , denn jedes Wort ist gewichtig , das von seinen Lippen fällt . « » Ihr seid begeistert « , erwiderte der Freund sehr ernst ; » wäre der Mann noch jung , aber er ist ohngefähr von meinem Alter so würde ich Wunder was von Euch denken . « » Was Ihr wollt ! « rief sie unwillig : » immer und ewig muß ich das alte , abgedroschene Märchen von Jugend und Alter wieder hören . Wer ist denn jung ? Ist es denn etwa mein uraltes , längst gestorbenes Männchen , dieser Peretti , weil er blonde Haare und rote Wangen hat ? Alle sprechen immerdar von der Unsterblichkeit , von der hohen Würde ihrer Seele , und geben dann doch dem Kleide , dem rohen Überzuge den Vorzug . Jugend ! ist sie nicht eine Einwohnerin des Himmels und der seligen Gefilde ? Läßt sie sich denn in trägen Gefühlen , in albernen Gedanken beherbergen ? - Ich kann es jetzt ahnen , wenn auch noch nicht verstehn , was die Liebe zum Manne sein möchte . Und wenn mir diese Vision , die Gotterscheinung nahe tritt - wer hat ein Recht , sie zurückzuhalten ? Wer ist es , der fordern darf , ich soll mich von dieser Weihe abwenden ? Weshalb ? Wem habe ich es versprochen , mir , oder ihm , oder Gott , daß ich diesen kleinen Francesco lieben will ? Lieben ! als hätte ich nur gewußt , was das Wort zu bedeuten habe . « » Armes Kind ! « sagte Caporale , » jetzt muß ich selbst fürchten , die Vermutung , die im Scherz neulich ausgesprochen wurde , sei eine richtige : daß ich Euch nämlich einen alten Banditen ins Haus gebracht habe . Denkt nur , ich spreche heut bei ihm vor - alles ist verschlossen - endlich , nach vielem Klopfen öffnet ein altes Mütterchen . Er sei schon vor Sonnenaufgang abgereist , kein Mensch wisse , wohin , keiner , ob , oder wenn er wiederkomme : das sei einmal so seine Art und Liebhaberei . Keine Seele könne auch von seiner Hantierung Rechenschaft geben , denn sooft er das Haus betreten , sei er so schweigsam , wie das Grab ; auch dürfe man ihn nicht viel fragen . Kurz , er ist ein Rätsel . Und wohin ? Warum ? Da er Euch , wie er mir so lebhaft versicherte , heut abend wieder besuchen wollte ? Da er von Euch , Euren Gaben , Eurer Schönheit , so entzückt ist ? Da er ebenso schwärmerisch von Euch spricht , wie Ihr von ihm ? Könnt Ihr Euch diese Seltsamkeit erklären ? « » Jetzt erst weiß ich « , sagte sie , » daß ich unglücklich bin , ich weiß es , bis dahin träumte ich es nur . « - Sie lehnte das Haupt auf die Schulter des Alten und weinte heftig - » Ihn nicht wiedersehen ? Er sollte ein Verräter , ein Mörder sein ? - Meinethalb . Und wenn er mir entschwunden ist , wenn er dem Hochgerichte angehört , wenn er ein Bettler ist , meine Seele ist auf ewig mit der seinigen verkettet . - Versteht Ihr mich , Alter ? Ihr , der dieselben Jahre , ebenso viele Sommer hat kommen und schwinden sehn , wie er ? - Ja , wenn Ihr nur auch vom Trank der Unsterblichkeit gekostet hättet ! - Aber Ihr seid nur ein eingefleischter alter Mann , zähe und unwandelbar , aber dabei gut , wie ein Lamm . Ob Euch wohl jemals das Lieben angewandelt ist ? - Ihr seid bei alledem ein komischer Patron . « Sie warf die dunkeln Haare nach hinten , die ihr in das Gesicht gefallen waren , stieß ihn gelinde zurück und lief laut lachend nach einer fernen , dunkeln Laube , in welcher sie sich verbarg . Don Cesar stand wie betäubt , schüttelte das Haupt und sagte halb verdrießlich , indem er den Garten verließ : » Es ist eine unangenehme Sache , der Vertraute von Personen zu sein , die über der Linie der gewöhnlichen Menschen stehen . « Zweites Kapitel Don Giuseppe , der am Abend erfahren hatte , daß Malespina am folgenden Morgen wieder nach Florenz zurückreisen würde , hatte , da ihm ein plötzliches Geschäft zugekommen war , sich schnell entschlossen , mit diesem unterrichteten Manne die Reise gemeinschaftlich zu machen . Noch in der Nacht war die Abrede genommen worden , und sie waren schon früh , vor Anbruch des Tages außerhalb der Tore Roms . Der gesprächige Malespina beantwortete gern , soweit er konnte oder durfte , alle Fragen des wißbegierigen Lombarden und sagte unter anderm : » Es ist gewiß und augenscheinlich , daß unsre Zeit so vieles an das Licht bringt und zur Wirklichkeit macht , was ganz die Gestalt hat , wie es jene Märchen liebende Poeten erzählen . Darum darf man sich auch nicht wundern , wenn vieles , das auf die Dauer bestehen sollte , sich ebenso schnell entwickelt und plötzlich beschließt , wie es unerwartet aufgetreten war . Wie arm und hülfsbedürftig kam diese jetzt allmächtige , kluge Bianca Capello mit dem jungen armseligen Gatten flüchtig von Venedig . Der junge Prinz Francesco sah sie ; bald war sie seine Geliebte : so schlau und verständig ist dieses schöne Wesen , daß er jetzt nach dreizehn Jahren noch ebenso leidenschaftlich ihr ergeben ist , wie in den ersten Wochen . Wir alle sind überzeugt , daß , wenn etwa seine Gemahlin sterben sollte , er Bianca zur Großherzogin erheben würde . Als der vorige Mann der Bianca sich durch Übermut allen verhaßt gemacht hatte , ward er ermordet und niemand beklagte ihn . Überhaupt , so gern unser Fürst streng sein möchte , haben die Meuchelmorde in der Stadt wie in der Provinz außerordentlich zugenommen , denn es scheint den Mächtigen immer das kürzeste , den Gegner , der Verdruß und Verwicklung erregt , aus dem Wege zu räumen . « Die beiden Männer konnten sich in ihrem Fuhrwerk so frei und ungestört unterhalten , weil Giuseppe keinen Diener bei sich hatte und der Florentiner seinen Wagen von einem halbtauben Menschen lenken ließ , der nur seine Pferde beachtete . » In Eurer Erzählung gestern « , fing Don Giuseppe an , » ist mir manches unklar geblieben , und ich zweifle selbst , ob sich alles so habe zutragen können , und doch scheint Ihr sehr unterrichtet , ja Ihr waret bei jenen läppischen Spielen am Hofe wohl selber zugegen . « » Gewiß « , erwiderte jener . » Aber , mein Freund , wenn Ihr niemals an Höfen gelebt habt , so wißt Ihr auch nicht , was Übersättigung und Langeweile alles erzeugen können . Wieviel Aufwand , übertriebene Pracht , Gold in Haufen weggeworfen , übermäßige Belohnung der Künstler und Gewerbe bei Hochzeiten - und daneben unwürdige Knickerei und Geiz . Die edelsten Geister unserer Zeit so oft in Tätigkeit , das Vollendete , Große hervorzubringen , wovon unsere Nachkommen noch mit Bewunderung sprechen können ; - und unmittelbar darauf solche Spiele und Späße , welche ihr eben läppisch genannt habt . Der Großherzog sieht seine kränkelnde Gemahlin nur selten , er wünscht sich männliche Erben , damit sein Reich nicht an seine Brüder falle : der Kardinal Ferdinand ist ein vortrefflicher Mann , fein , gewandt und edel , aber der Großherzog betrachtet ihn natürlich mit Neid und Eifersucht . Der jüngste , Don Pietro , der viel in Spanien gelebt , und mit einer Spanierin aus dem Hause Toledo vermählt ist - was soll man von diesem sagen ? diesem wilden ausschweifenden Mann , den Krankheiten ausgehöhlt haben , der in seiner Wut kaum einem Menschen gleicht - er wird gefürchtet und gehaßt , und setzt ebendadurch alles in Schrecken , er herrscht dadurch , daß er es gar kein Hehl hat , wie er keine Rücksichten kenne und sich alles für erlaubt halte . « - » Da Ihr Euch so gerne mitteilt , Don Celio , so erlaubt mir noch einige Fragen , und löst mir einige Zweifel auf , die Eure Erzählung von jenem lächerlichen Gesandten aus Ferrara mir erregt hat « , sagte Don Giuseppe . » Jener Troilo von Orsini , den Ihr nanntet und als einen schönen jungen Herrn beschriebet , muß mit der Herzogin von Bracciano , jener Isabella , auf einem sehr vertrauten Fuße leben , ich möchte das Verhältnis verdächtig nennen , da er so ganz keine Rücksicht auf ihren Stand und Ruf zu nehmen scheint , daß er sie zu diesen nächtlichen Spaziergängen und Verkleidungen mißbrauchen darf . « » Mein geehrter Herr « , sagte Celio , » Ihr nehmt diese Verhältnisse zu streng und feierlich . Wie die arme Großherzogin , die doch eigentlich in keiner wahren Ehe lebt , sich oft in Langeweile , Verdruß und Eifersucht verzehrt , und sich daher gern in zuweilen schlechten Späßen ergeht und erheitert , so ist es auch auf ähnliche Weise mit Donna Isabella beschaffen . Ihr Gemahl , der Herzog von Bracciano , ist ein tapfrer Herr , ein Mann in hundert Rücksichten ausgezeichnet , aber der Liebe mag er wohl nicht fähig sein . Seine Bravour hat sich früh im Dienst der Republik Venedig erwiesen , er ist schon etlichemal leidenschaftlicher Soldat gewesen , noch vor drei oder vier Jahren hat er sich im Kampf gegen den Türken vielen Ruhm erworben , und schon vor zwölf Jahren ging er von Venedig aus zur See : aber die arme Gemahlin hat ihn nur noch wenig gesehn . « » Ihr kennt den Mann nicht persönlich ? « fragte der Fremde . » Nein « , antwortete Celio , » denn er hat sich schon seit Jahren nicht in Florenz gezeigt ; aber alle , die von ihm sprechen , achten ihn hoch , wegen seiner männlichen Tugenden ; aber sie fürchten ihn auch , denn er ist barsch und unerbittlich , wenn er erzürnt ist ; selbst der Großherzog hat eine gewisse Scheu vor ihm . Nun geht er seiner Laune nach , lebt bald hier , bald dort , und hält in Rom ein prächtiges großes Haus , wo es ihm sein großes Einkommen erlaubt , die Kardinäle und andere Fürsten zu überglänzen . Dann ist er wieder auf Reisen , unterstützt die armen Anverwandten und bändigt diejenigen , die sich zu trotzig erweisen . Aber die arme Isabella ! Er soll sie nur aus politischer Rücksicht geehlicht und niemals geliebt haben . Nun hat sich dieser leichtfertige Ton am Hofe eingeführt , der einem Fremden auffallen könnte , welcher aber nur sehr selten ärgerliche Geschichten oder Verhältnisse hervorruft . Und so steht Donna Isabella auch ganz rein und unbescholten da . Aber die Langeweile , das einsame Leben , ein unbefriedigtes Dasein führen sie dahin , vielleicht mit zu großem Ernst diese läppischen Späße zu verfolgen . « » Hat sie Kinder ? « » Nur einen Sohn und eine Tochter , den Virginio , der noch unmündig ist , und den sie wie ihre Virginia liebt . Sie hat sich sehr jung , fast noch selbst als ein Kind verheiratet . « » Wie ist es nur möglich « , begann der Fragende wieder , » da dieser Troilo doch immer ihren Verehrer und Liebhaber vorstellt , daß er den Mut hat , eine so hohe Dame mit seiner besoldeten Geliebten bekannt zu machen , daß er es wagt , sie zusammenzubringen : was muß Donna Isabella von ihm denken ? Wie ihn ansehen , wenn sie ihn etwa lieben sollte ? Und woher diese ganz unbegreifliche Vertraulichkeit , wenn ihr Verhältnis kein unerlaubtes ist ? Seht , das ist ein Rätsel , welches ich mir gar nicht auflösen kann . « » Weil Ihr die Höfe nicht kennt ! « rief Celio lachend ; » weil Ihr alle diese Stümpereien und Kleinigkeiten aus einem zu moralischen Gesichtspunkte anseht ! Daß der junge Graf seine Liebschaft der Herzogin anvertraut , ist ja der sicherste Beweis , daß beide nur Scherz und Zeitvertreib suchen : denn außerdem würde sie doch wohl eifersüchtig sein und ihn nach einer solchen Eröffnung von sich entfernen . Wenn der regierende Herr , wie es bei uns der Fall ist , öffentlich in einem Verhältnisse lebt , das nicht ganz den Gesetzen gemäß ist , so ahmt die Umgebung ihn nach und übertreibe und überbietet jene Ungebundenheit . Darum ist er auch schon einigemal mit Zorn und Bestrafung hart , ja grausam dazwischengefahren . Jedoch , um ein Beispiel zu geben und abzuschrecken , vergeblich . « » Und sich als Mann zu verkleiden ! « fing Don Giuseppe wieder an : » so in finsterer Nacht mit dem jungen Manne allein auszuwandern ! Im Stall mit einem Diener und einer Sklavin zu verweilen . « » Überlegt doch nur « , sagte Celio halb unwillig , » daß es nur auf diese Art möglich war , den ganzen Spaß durchzuführen . Die Diener des Gesandten durften sie doch nicht als Donna Isabella erkennen : ein langer Mantel verhüllte sie ganz , sie gab sich nachher nur dem Gesandten zu erkennen , um diesen recht zu beschämen . « » Nun meinethalb « , sagte Don Giuseppe : » was geht mich auch die ganze widerwärtige Geschichte an ? Aber ein Verwandter der Dame dürfte es doch höchst anstößig finden , daß sie mit dem jungen Menschen , wenn er auch ihr weitläuftiger Vetter ist , auf der Straße und unten im Hause so lange im Finstern verweilt : dann wieder im Schlafgemach im Dunkeln , jener unzüchtigen Szene ganz nahe . Alles das setzt in der Dame einen Leichtsinn voraus , den meine Einbildung mit weiblicher Tugend durchaus nicht zu reimen weiß . « » Hab ich je einen so schwerfälligen hartnäckigen Mann gesehn ! « rief Celio aus : » gut , daß Ihr es nicht nötig habt , an Höfen zu leben . Ihr gemahnt mich fast wie der ehrbare Sperone , der sich in Rom hauptsächlich dadurch bei den Vornehmen verhaßt machte , daß er in jeder Gesellschaft in seinem selbsterfundenen langen Professorhabit erschien , der ihm so ehrwürdig auf die Füße reicht , und hinten nachschleppt , ein Talar , wie ihn weder ein Professor noch ein Philosoph jemals in Italien getragen hat ; am wenigsten in vornehmer Gesellschaft . - Die Gemahlin des Prinzen Pietro , diese ist es , die ein öffentliches Ärgernis erregt . Sie nimmt gar keine Rücksicht , hoch und niedrig , alles ist ihr gleich willkommen : und dabei bemüht sie sich nicht einmal , ihre Schande und Ausschweifung den Augen der Welt zu entziehn . Freilich ist ihr Gemahl noch schlimmer und ruchloser , der mir dem allerniedrigsten Pöbel verkehrt , in den schmutzigsten Kneipen sich schimpfliche Krankheiten auflieset , aller Welt schuldig ist , weder Treue noch Glauben kennt , und ihr , der Verlornen mit einem gottlosen Beispiel vorangegangen ist . Über das ruchlose Leben der beiden ist selbst der Großherzog empört : nur hegt er , so stark und stolz er ist , doch vor dem Bruder eine gewisse Scheu : und sie verlacht in Leichtsinn und Frechheit jede Ermahnung . Man hat mir immer gesagt , daß wenn die züchtigen , eingezogenen Spanierinnen einmal den Zwang abgeworfen haben , sie viel wilder und unzüchtiger als unsre Landsmänninnen sein sollen . Der Fürst selbst hat den Bruder der Frau ermahnt , ihr Zaum und Gebiß anzulegen : es ist ihm selbst befohlen worden , an den Vater der Ausgelassenen zu schreiben , damit dieser von Neapel herüberkomme , um sie zu züchtigen , und das Ärgernis wenigstens zu mildern , wenn er es nicht ganz aufheben kann . Man ist nun gespannt , ob es zur Scheidung kommen oder ob man sie in ein Kloster verstoßen wird . Vielleicht , daß der Gemahl sie auch so tief verachtet , daß er sich um ihren Lebenslauf nicht mehr kümmert . « - So , unter mancherlei Gesprächen verging den Reisenden die Zeit . Celio Malespina wußte vielerlei von Gelehrten sowohl , wie von Staatsmännern . Was er auf seinen Reisen gesehn und erlebt , hatte sich seinem Gedächtnis gut eingeprägt , und er wußte auch kleine , unbedeutende Begebenheiten gut vorzutragen , weil er ihnen eine frische , lebendige Färbung gab , so daß die Figuren und Sachen den Hörenden vor Augen standen . Don Giuseppe war sehr abwechselnd in seinen Launen : bald heiter , bald wieder sehr ernst , ja finster . Wenn ihn Malespina befragte , antwortete er nur : einige Verlegenheit in seinem Kaufmannsgeschäft , das er dort in Mailand ordnen müsse , mache ihn nachdenklich , wenn er sich den Verdruß denke , der ihn dort erwartete . Sie hielten sich unterwegs nirgend auf , weder in Bologna noch Siena . Oft , in der Zeit , wenn die Pferde der Ruhe bedurften , ging Don Giuseppe durch die Stadt , oder über Feld , seinen Reisegefährten nicht beachtend : ein andermal war er wieder sehr freundlich und ließ sich kostbaren Wein und herrliche Früchte nachtragen , die er selbst eingekauft hatte , und in Fröhlichkeit mit seinem redseligen Reisegefährten teilte . Als sie in die Nähe von Florenz gekommen waren , verweilte Giuseppe in einem Borgo , der nur noch wenige Miglien von der großen Stadt enfernt lag . Er sagte zu Celio : » Hier , mein teurer Gesellschafter , muß ich mich von Euch trennen : liegt der Ort Eurer Bestimmung doch ganz nahe vor Euch , wo wir ja doch voneinander scheiden müßten . Ich werde hier noch im Gebirge einen alten Ohm besuchen , den ich , wenn ich ihn jetzt versäumte , vielleicht niemals wiedersehen würde . « - Jetzt erhob sich , indem sie freundlich Abschied nehmen wollten , ein Streit der Höflichkeit , denn der Mailänder wollte dem Florentiner die ausgelegten Reisekosten so reichlich vergüten , daß er sie dadurch wohl ganz allein bezahlte . Malespina weigerte sich , der Lombarde aber war so dringend , empfindlich , ja halb befehlerisch , daß Celio endlich nachgeben mußte . - » Ich bin reich « , sagte der Lombarde , » wenn mein Geschäft dort nicht ganz verunglückt , gewiß viel reicher als Ihr . Ich habe es wohl gemerkt , daß Ihr einigemal meinetwegen auf der Reise zögertet , daß Ihr hie und da , meiner Person zu gefallen , mehr aufgehen ließet , als wenn Ihr allein gewesen wäret , und so dürft Ihr meinetwegen keinen Schaden leiden , denn Ihr seid noch ein junger Hofmann , und Euer Glück noch keineswegs entschieden . « » Alter Herr « , sagte Celio empfindlich , » ich habe Euch mehr als einmal daran erinnert , daß Ihr von Höfen nichts wißt . Es ist auch ganz natürlich ; denn wenn der reiche Kaufmann auch einmal mit den Herrschaften in Berührung kommt , so kann er immer nur ihre ganz oberflächliche Außenseite gewahr werden , die doch immer nur eine Maske sein muß . « » Ihr habt nicht unrecht « , erwiderte jener , » und doch möchte ich , als der ältere Mann , Euch , dem jüngern , noch zum Abschied einen Rat geben , der weit mehr wert ist , als jene unbedeutende Summe , über welche wir so unnötig gestritten haben . « » Und der wäre ? « - » Sprecht , da Ihr ein Hofmann sein wollt , weniger , erzählt das was Ihr glaubt gesehn und erlebt zu haben , nicht andern , am wenigsten Fremden . « » Alter Herr « , rief Celio verdrießlich , » ich sollte Euch für Euern gutmeinenden Rat danken , und doch weiß ich es nicht anzufangen . Ich bin der Sekretär der Chiffer bei meinem gnädigsten Herrn , und ich verdiente gehängt zu werden , wenn ich auch nur das allerkleinste Geheimnis , ja nur eine Nachricht , die mir beim Dechiffrieren früher als jedem andern zukommt , verraten , oder ausplaudern wollte ; auch die gleichgültigste . Was ich Euch gesagt habe , und dort in Rom gesprochen , erzählen sich die Kinder auf den Gassen . « » Wenn gleich « , erwiderte der Ältere : » man gäbe oft viel darum , auch ein gleichgültiges Wort wieder zurücknehmen zu können . Nur allzuleicht kommt man durch diese Redseligkeit in eine gewisse Abhängigkeit von Menschen , mit denen man lieber nichts zu tun haben möchte ; mindestens erzeugt es mit Unbekannten oder Fremden eine gewisse Art von Vertraulichkeit , die uns auch drückend werden kann . Wen man als Redseligen kennt , dem kann der kluge Verleumder auch leicht etwas anheften , und von ihm das glaubwürdig machen , was er niemals gesprochen hat . « So trennten sie sich , beide verstimmt . Drittes Kapitel Es war im Beginne des Julius , welcher in diesem Jahre mit ungewöhnlicher Hitze eintrat . In Italien ist es schon oft bemerkt worden , daß in diesen heißen Monaten die meisten Untaten und Verbrechen geschehn . Im Norden will man wahrgenommen haben , daß auch bei anhaltender übermäßiger Kälte das Gemüt des Menschen sich verhärtet , und der Grausamkeit zugänglicher ist , als bei milderem Wetter . - In dem schönen Florenz sah man in allen Häusern und Palästen die Vorkehrung , sich eine anmutige Frische und Kühlung zu verschaffen , viele der reichen Familien bezogen ihre höher liegenden Schlösser im Gebirge , und auch der Hof hatte schon beschlossen , einige der angenehmen Paläste auf dem Lande zu besuchen . In seinem Palast war der Großherzog Francesco mit Arbeiten beschäftigt . Noch nicht weit in Jahren , fing er doch schon an , stark zu werden . Der Ausdruck seines Gesichtes war milde und freundlich , sein Auge verständig und leuchtend , er affektierte aber gern einen starren , abschreckenden Ernst , wie er in Spanien , wo er lange gelebt hatte , vom Könige und den Ersten des Reiches gesehn hatte , die er sich gern zum Muster nahm , wodurch er seinen italienischen Dienern und Untertanen oft unbequem wurde . Sein Sekretär Malespina stand vor ihm , mit dem er zufrieden schien , indem er wohlgefällig dessen Berichte aus Rom anhörte . Es war ihm nicht unwillkommen , alle die Kleinigkeiten zu erfahren , die ihm sein Geheimschreiber von seinem Bruder , dem Kardinal , mitteilen konnte . Mit Schadenfreude hörte er einige Anekdoten aus dessem Privatleben an , und von den kleinen Blößen , die sich doch auch im Eifer oder Nachlässigkeit der Mann gibt , der sich am meisten bewacht . Ein Kammerherr trat ein und meldete den Herzog Orsini von Bracciano . Francesco erschrak sichtlich und sprach halblaut mit dem Ausdruck des tiefsten Verdrusses im Gesicht : » Bracciano ? Wo kommt der ungestüme Mann her ? Was will er in Florenz ? Das ist ja so plötzlich und unvermutet , wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel . « Er winkte dem Edelmann , dieser ging hinaus , die Flügeltüren wurden geöffnet , und in seinem glänzenden Kleide trat der große starke Fürst mit königlichem Anstande herein . Mit einem von Freude strahlenden Gesicht ging ihm Francesco bis zur Tür entgegen und umarmte ihn herzlich . Der Sekretär aber riß groß die Augen auf und glaubte