ist ein eigen Schicksal , daß unser beider Bemühung , Dich zu einer innern Bildung zu leiten oder vielmehr sie Dir zu erleichtern , nicht gelingen will , so schreibt er mir heute . Unter vielen Witzfaseleien , träumerischem Geseufze und Beteuerungen , daß er gar nicht mehr derselbe sei , ist es das einzige , was auf Dich Beziehung hat . Weil er Dich immer auffordert , Deine phantastischen Ahnungen zu sammeln , diese Fabelbruchstücke Deiner Vergleiche , Deiner Weltanschauung in irgendeiner Form niederzulegen , so meinte ich wie ein guter Bienenvater Deinen Gedankenschwärmen eine Blumenwiese umher zu bauen , wo Deine Gedanken nur hin und her summen dürfen , Honig zu sammeln . Ein glücklicher Schiffer muß guten Fahrwind haben ; ich dachte , Deine Studien sollten wie frischer Morgenwind Dir in die Segel blasen . - Ich schrieb heute an Clemens , es werde sich nicht tun lassen , Deinen Geist wie Most zu keltern und ihn auf Krüge zu füllen , daß er klarer trinkbarer Wein werde . Wer nicht die Trauben vom Stock genießen will , wie Lyaeus der Berauscher , der Sohn zweier Mütter , der aus der Luna geborne , endlich sie reifen lasse , der Vorfechter der Götter , der Rasende ; - und heilige Bäume pflanzte , heilige Wahrsagungen aussprach . Der Naturschmelz , der Deinen Briefen und Wesen eingehaucht ist , der , meint Clemens , solle in Gedichten oder Märchen aufgefaßt werden können von Dir - ich glaub ' s nicht . In Dich hinein bist Du nicht selbsttätig , sondern vielmehr ganz hingegeben bewußtlos , aus Dir heraus zerfließt alle Wirklichkeit wie Nebel , menschlich Tun , menschlich Fühlen , in das bist Du nicht hineingeboren , und doch bist Du immer bereit , unbekümmert alles zu beherrschen , Dich allem anzueignen . Da war der Ikarus ein vorsichtiger , überlegter , prüfender Knabe gegen Dich , er versuchte doch das Durchschiffen des Sonnenozeans mit Flügeln , aber Du brauchst nicht Deine Füße zum Schreiten , Deinen Begriff nicht zum Fassen , Dein Gedächtnis nicht zur Erfahrung und diese nicht zum Folgern . Deine gepanzerte Phantasie , die im Sturm alle Wirklichkeit zerstiebt , bleibt bei einer Schwarzwurzel in Verzückung stocken . Der Strahlenbündel im Blumenkelch , der Dir am Sonntag im Feldweg in die Quere kam , wie Du dem rückwärts gehenden Philosophen Ebel Deine Philosophie eintrichtern wolltest , ist eine blühende Scorza nera , so sagt Lehr , der weise Meister . - Ich werd eingeschüchtert von Deinen Behauptungen , ins Feuer gehalten von Deiner Überschwenglichkeit . Hier am Schreibtisch verlier ich die Geduld über das Farblose meiner poetischen Versuche , wenn ich Deines Hölderlin gedenke . Du kannst nicht dichten , weil Du das bist , was die Dichter poetisch nennen , der Stoff bildet sich nicht selber , er wird gebildet , Du deuchst mir der Lehm zu sein , den ein Gott bildend mit Füßen tritt , und was ich in Dir gewahr werde , ist das gärende Feuer , was seine übersinnliche Berührung stark in Dich einknetet . Lassen wir Dich also jenem über , der Dich bereitet , wird Dich auch bilden . - Ich muß mich selber bilden und machen so gut ich ' s kann . Das kleine Gedicht , was ich hier für Clemens sende , hab ich mit innerlichem Schauen gemacht , es gibt eine Wahrheit der Dichtung , an die hab ich bisher geglaubt . Diese irdische Welt , die uns verdrießlich ist , von uns zu stoßen wie den alten Sauerteig , in ein neues Leben aufzustreben , in dem die Seele ihre höheren Eigenschaften nicht mehr verleugnen darf , dazu hielt ich die Poesie geeignet ; denn liebliche Begebenheiten , reinere Anschauungen vom Alltagsleben scheiden , das ist nicht ihr letztes Ziel ; wir bedürfen der Form , unsere sinnliche Natur einem gewaltigen Organismus zuzubilden , eine Harmonie zu begründen , in der der Geist ungehindert einst ein höheres Tatenleben führt , wozu er jetzt nur gleichsam gelockt wird durch Poesie , denn schöne und große Taten sind auch Poesie , und Offenbarung ist auch Poesie , ich fühle und bekenne alles mit Dir , was Du dem Ebel auf der Spazierfahrt entgegnetest , und ich begreife es in Dir als Dein notwendigstes Element , weil ich Deine Strömungen kenne und oft von ihnen mitgerissen bin worden , und noch täglich empfinde ich Deinen gewaltigen Wellenschlag . Du bist die wilde Brandung , und ich bin kein guter Steuermann , glücklich durchzuschiffen , ich will Dich gern schirmen gegen die Forderungen und ewigen Versuche des Clemens , aber wenn auch in der Mitte meines Herzens das feste Vertrauen zu Dir und Deinen guten Sternen innewohnt , so zittert und erbebt doch alles rings umher furchtsam in mir vor Menschensatzung und Ordnung bestehender Dinge , und noch mehr erbebe ich vor Deiner eignen Natur . Ja , schelte mich nur , aber Dir mein Bekenntnis unverhohlen zu machen : mein einziger Gedanke ist , wo wird das hinführen ? - Du lachst mich aus , und kannst es auch , weil eine elektrische Kraft Dich so durchdringt , daß Du im Feuer ohne Rauch keine Ahnung vom Ersticken hast . - Aber ich habe nichts , was mich von jenem lebenerdrückenden Vorläufer des Feuers rette , ich fühle mich ohnmächtig in meinem Willen , so wie Du ihn anregst , obschon ich empfinde , daß Deine Natur so und nicht anders sein dürfte , denn sonst wär sie gar nicht , denn Du bist nur bloß das , was außer den Grenzen , dem Gewöhnlichen unsichtbar , unerreichbar ist ; sonst bist Du unwahr , nicht Du selber , und kannst nur mit Ironie durchs Leben gehen . Manchmal deucht mir zu träumen , wenn ich Dich unter den andern sehe , alle halten Dich für ein Kind , das seiner selbst nicht mächtig , keiner glaubt , keiner ahnt , was in Dir , und Du tust nichts als auf Tisch und Stühle springen , Dich verstecken , in kleine Eckchen zusammenkauern , auf Euren langen Hausgängen im Mondschein herumspazieren , über die alten Böden im Dunkeln klettern , dann kommst Du wieder herein , träumerisch in Dich versunken , und doch hörst Du gleich alles , will einer was , so bist Du die Treppe schon hinab , es zu holen , ruft man Deinen Namen , so bist Du da und wärst Du in dem entferntesten Winkel ; sie nennen Dich den Hauskobold , das alles erzählte mir Marie gestern , ich war zu ihr gegangen , um sie zu fragen , ob es tunlich sein möchte , daß ich mit Dir nach Homburg reise , sie ist gut , sie hätte es Dir gern gegönnt und ich wär Dir zu Gefallen gerne mit Dir hingereist ; St. Clair hatte uns begleiten wollen , und ich sagte auch der Marie nichts als , ich möchte wohl nach Homburg reisen und Dich mitnehmen , dort den kranken Hölderlin zu sehen , das war aber leider grad ' das Verkehrte , sie meinte im Gegenteil , dahin solle ich Dich nicht mitnehmen , sie glaube , man müsse Dich hüten vor jeder Überspannung - ich mußte doch lachen über diese wohlgemeinte Bemerkung , nun kam Tonie , der es Marie mitteilte , sie meinten , Du seist so blaß gewesen im Frühjahr und auch letzt habest Du noch krankhaft ausgesehen , nein , sagt Tonie , nicht krank , sondern geisterhaft , und wenn ich nicht wüßte , daß sie das natürlichste Mädchen wär , die immer noch ist wie ein unentwickeltes Kind , was noch gar nichts vom Leben weiß , so müßte man fürchten , sie habe eine geheime Leidenschaft , aber hier in der Stadt befindet sie sich nur wohl in der Kinderstube , sie schleicht immer weg aus der Gesellschaft und vom Tisch und geht an die Wiege , nimmt die kleine Max heraus , hält sie wohl eine Stunde auf dem Schoß und freut sich an jedem Gesicht , das sie schneidet . Das Kind hatte die Röten , niemand kam zu mir . Sie allein saß stundenlang beim Kinde , es hat ihr nicht geschadet ; sie kann alles aushalten , noch nie hab ich sie klagen hören über Kopfweh oder sonst etwas , wie lange hat sie bei der Claudine gewacht , kein Mensch könnte das , ich glaub , sie ist vierzehn Tage nicht ins Bett gekommen , sie ist wie zu Haus in jeder Krankenstube und amüsiert sich köstlich , wo andre sich langweilen . Aber ihr ganzer Geist besteht in ihrem Sein , denn ein gescheites Wort hab ich noch nie von ihr gehört , ihr Liebstes ist , den Franz zu erschrecken , alle Augenblick sucht sie sich einen andern Ort , wo sie ihn überraschen kann , letzt hat sie sich sogar auf den einen Bettpfosten gehockt , ich dachte sie könne keine Minute da aushalten , nun dauerte es eine Viertelstunde , bis Franz kam , als der im Bett lag , schwang sie sich herunter , ich dachte sie bricht den Hals , wir konnten sie die ganze Nacht nicht aus dem Zimmer bringen . - Über dieser Erzählung war Lotte gekommen , die behauptete ernsthaft , Du hättest Anlage zum Veitstanz . Deine Blässe deute darauf , Du klettertest auch beim Spazierengehen immer an so gefährliche Orte , und letzt wärt Ihr im Mondschein noch um die Tore gegangen mit dem Domherrn von Hohenfeld und da seist Du oben auf dem Glacis gelaufen bald hin , bald her Dich wendend , ohne nur ein einzigmal zu fallen , und der Hohenfeld auch , habe gesagt , das ging nicht mit natürlichen Dingen zu . Kaum hatte Lotte ihre Geschichte , wo immer der Refrain war , Mangel an historischem Sinn und keine Logik , geendet , so trat Ebel ein , er wurde auch konsultiert wegen der Fahrt nach Homburg ( ach hätt ich doch nicht in dies Wespennest geschlagen ) , der fing erst recht an zu perorieren , der wußte alles : » um Gottes willen nicht « , Lotte saß im Sessel und sekundierte ; nein um Gottes willen nicht , man muß logisch sein . Ebel sagte : Wahnsinn steckt an , ja sagt L. : besonders , wenn man so viel Anlage hat . Nun Lotte , Du machst ' s zu arg , sie kann wohl dumm sein , und das ist noch die Frage , denn sie ist eigentlich weder dumm noch gescheit , oder vielmehr ist sie beides , dumm und gescheit . - Ebel aber sagte : ich muß hier als Naturphilosoph sprechen , sie ist ein ganz apartes Wesen , das von der Natur zu viel elektrischen Stoff mitbekommen , sie ist wie ein Blitzableiter , wer ihr nahe ist beim Gewitter , der kann ' s empfinden , er war nämlich letzt auf der Spazierfahrt mitten im Gewitter unter Donner und Blitz im stärksten Platzregen trotz Schuh und Strümpfen bloß wegen Dir aus dem Wagen und im kurzärmeligen Rock querfeldein nach Hause gesprungen . Die Tonie sagte ihm dies , und er gestand es ein , es sei Furcht gewesen , das Gewitter könne durch Deine elektrische Natur angezogen werden , er glaubt steif und fest , der Schlag sei so dicht vor den Pferden niedergefahren , weil Du in Deiner Begeistrung zu viel Elektrizität ausströmtest . - Der arme Freund , seine Rockärmel sind vom Regen noch mehr verkürzt . - Lotte behauptete , es sei unlogisch von Ebel zu sagen , Begeisterung , denn dazu müsse ein logischer Grund sein und der sei in Deiner Seele nicht zu finden . - Dabei kam St. Clair auch zur Teestunde , ich hatte ihn hinbestellt , um zu hören wie der Versuch ausfallen werde , wär ' s gelungen , so hätten wir Dich heute überrascht und Dich gleich mit dem Wagen abgeholt , aber Franz kam herauf und George , denen wurde es vorgetragen . Lotte behauptete fort und fort , es würde das Unlogischste der Welt sein , Dich hingehen zu lassen , denn trotz Deiner Unweisheit , Faselei und gänzlichem Mangel usw. seist Du doch sehr exzentrisch , und es wurde einmütig beschlossen , Du sollest nicht mit ; Tonie behauptete noch , Du seist ihr von Clemens noch mehr auf die Seele gebunden , und der würde ihr ein unangenehmes Konzert machen , wenn sie ihren Beifall dazu gäbe . - Ich weiß einen , der ihnen allen gern die Hälse herumgedreht hätte , das war St. Clair , er war so ernst , er tat den Mund nicht auf , aber ich sah seine Lippen beben , kein Mensch wußte , welchen Anteil er daran nahm , er nahm , ohne ein Wort zu sagen , seinen Hut und ging , und ich sah , daß ihm die Tränen in den Augen standen , Deinem Ritter . An Clemens Die Hirten lagen auf der Erde Und schlummerten um Mitternacht , Da kam mit freundlicher Gebärde Ein Engel in der Himmelspracht . Mit Sonnenglanz war er umgeben , Und zu den Hirten neigt er sich , Er sprach : » Geboren ist das Leben , Euch offenbart der Himmel sich . « - Auch ich lag träumend auf der Erde , Ihr dunkler Geist war schwer auf mir , Da trat mit freundlicher Gebärde Die heil ' ge Poesie zu mir , In ihrem Glanz warst Du verkläret , Vertrauet mit der Geisterwelt , Den Becher hattest Du geleeret , Der Dich zu ihrem Chor gesellt . Dein Lied war eine Strahlenkrone , Die sich um Deine Stirne wand , Die Töne eine Lebenssonne , Erleuchtend der Verheißung Land Der Liebe Reich hab ich gesehen In Deiner Dichtung Abendrot ; Wie Moses auf des Berges Höhen , Als ihm der Herr zu schaun gebot ; Er sah das Ziel der Erdenwallen Und mochte fürder nichts mehr sehn . Wohin , wohin soll ich noch wallen , Da ich das Heilige gesehn ? - An die Günderode Ich hab mir ' s nicht gedacht , daß ich so sein könnt in diesen schönen Tagen . In Deinem Brief , Zeile für Zeile , lese ich nichts Trauriges und doch macht er mich schwer . - Du redest von Dir , als seist Du anders wie ich , ganz anders , ach und stehst mir doch allein unter allen Menschen gegenüber , und alles , was wir miteinander besprachen , da waren wir nicht eins , Du warst anders gesinnt und ich anders , und doch hast Du mich immer vertreten , ja gewißlich ich bin anders wie Du , ich fühl ' s auch heut aus jeder Zeile Deines Briefs , die mir doch so wahr sind und den tiefen Grund Deiner Seele beleuchten . Wie ist doch jeder Mensch ein groß Geheimnis , und bis alles ins Himmlische sich verwandelt , wieviel bleibt da unverstanden . Aber ganz verstanden sein , das deucht mir die wahre alleinige Metamorphose , die einzige Himmelfahrt . - Im Gartenhäuschen , wo wir vorm Jahr um die Zeit uns zum erstenmal gesehen haben - also ein ganz Jahr sind wir schon gut Freund miteinander ? ? ? ! ! ! - - - Und so könnt ich fortfahren Zeichen zu machen der Verwunderung , des Stummseins , des Denkens - Seufzens , ja wenn ich ein Zeichen des Schauderns , der Tränen zu machen wüßte , so könnte ich die Blätter voll der merkwürdigsten Gefühle bezeichnen , denen ich keine Namen zu geben weiß . - Das Geißblatt , das da herabschwankt über die Latten , blüht dies Jahr viel üppiger . Weißt Du , das war unser erst Wort , ich sagte zu Dir : » Es war ein recht kalter Winter dies Jahr , der Hahnenfuß hat seine meisten Zweige erfroren , die Laube gibt wenig Schatten « ; da sagtest Du : » Die Sonne gibt und die Laube nimmt , was sie nicht fassen kann vom Licht , das muß sie durchlassen zu uns , « und dann sagtest Du , diese Pflanze sei schöner benannt Geißblatt als Hahnenfuß , weil man dabei eine schöne Ziege sich denke , die mit Anmut gewürzige Blumen fresse , und daß die Natur für jedes Geschöpf ein idealisch Leben darbiete . - Und wie die Elemente in ungestörter Wirkung das Leben erzeugen , tragen , nähren und vollenden , so bereite sich im Genuß einer ungestörten Entwicklung abermal ein Element , in dem das Ideal des Geistes blühen , gedeihen und sich vollenden könne . - Und dann sagtest Du , ich solle mich doch weiß kleiden der Natur zulieb , die rund um uns her so herrliche Blumen aufsprieße , dabei ein Kleid tragen zu wollen mit gedruckten Blumen , das sei geschmacklos und man müsse im Einklang leben wollen mit der Natur , sonst könne die Knospe des Menschengeistes nicht aufblühen . - Ich dachte ein Weilchen über Deine Reden , so waren wir beide still - die Antwort war an mir - ich getraute mich gar nicht , Du kamst mir so weisheitsvoll vor , es schien mir Dein Denken wirklich mit der Natur übereinzustimmen , und Dein Geist rage über die Menschen hinaus , wie die Wipfel voll duftiger Blüten im Sonnenschein , im Regen und Wind , Nacht und Tag immerfort streben in die Lüfte . Ja , Du kamst mir vor wie ein hoher Baum , von den Naturgeistern bewohnt und genährt . Und wie ich meine Stimme hörte , die Dir antworten wollte , da schämte ich mich , als sei ihr Ton nicht edel genug für Dich . - Ich konnt ' s nicht heraussagen , Du wolltst mir helfen und sagtest : » Der Geist strömt in die Empfindung , und die geht aus allem hervor , was die Natur erzeugt , der Mensch habe Ehrfurcht vor der Natur , weil sie die Mutter ist , die den Geist nährt mit dem , was sie ihm zu empfinden gibt . « - Wie sehr hab ich an Dich gedacht und Deine Worte , und an Deine schwarzen Augenwimpern , die Dein blau Aug decken , wie ich Dich gesehen hatt zum allererstenmal , und Dein freundlich Mienenspiel und Deine Hand , die mein Haar streichelte . Ich schrieb auf : Heut hab ich die Günderode gesehen , es war ein Geschenk von Gott . - Heut lese ich das wieder , und ich möcht Dir alles zulieb tun , und sag mir ' s lieber nicht , wenn Du mit andern Menschen auch gut bist . Das heißt : sei mit andern , was Du willst , nur laß das uns nichts angehen . Wir müssen uns miteinander abschließen , in der Natur , da müssen wir Hand in Hand gehen und miteinander sprechen nicht von Dingen , sondern eine große Sprache . Mit dem Lernen wird ' s nichts , ich kann ' s nicht brauchen , was soll ich lernen , was andere schon wissen , das geht ja doch nicht verloren , aber das , was grad nur uns zulieb geschieht , das möcht ich nicht versäumen , mit Dir auch zu erleben , und dann möcht ich auch mit Dir all das überflüssige Weltzeugs abstreifen , denn eigentlich ist doch nur alles comme il faut eine himmelschreiende Ungerechtigkeit gegen die große Stimme der Poesie in uns , die weist die Seele auf alles Rechte an . Einmal ist mir die Höflichkeit zuwider , die sich immer neigt vor andern und doch keinen Verkehr mit einem hat , als ob das unhöflich wär , dem auszuweichen , der einem nichts angeht ; - wär die Natur so verkehrt , so intrigant und unsinnig wie die Menschen sind , es könnte kein Erdapfel reifen , viel weniger denn ein Baum blühen , alles ist die reine Folge der Großmut in der Natur , jede Kornähre , die den Samen doppelt spendet , gibt Zeugnis . Engherzigkeit wird nimmer ihren Samen spalten zum Licht , sie verkeimt . Jetzt fang ich an zu fühlen , zu was ich da bin . Alle Morgen bet ich , wenn ich aufwache : » Lieber Gott , warum bin ich geboren « , und jetzt weiß ich ' s , - darum , daß ich nicht so unsinnig sein soll , wie die andern sind , daß ich den reinen Pfad wandle , in meinem Herzen bezeichnet , für was hätt ihn der Finger Gottes mir eingeprägt und meine fünf Sinne in die Schule genommen , daß ein jeder ihn buchstabieren lerne , wenn es nicht wär diesen Weg zu bekennen . - Ja , man muß dem Menschen Weisheit zumuten und sie ihm als den einfachen Weg der Natur vorschreiben , aber das Verleugnen eines großen mächtigen Weltsinnes in uns ist immer Folge unseres Sittenlebens mit andern , das hängt sich einem an , daß man keinen freien Atemzug mehr tun kann , nicht groß denken , nicht groß fühlen aus lauter Höflichkeit und Sittlichkeit . Groß handeln , das dank einem der Teufel , das müßte von selbst geschehen , wenn alles natürlich im Leben zuging . Es ist eine Schande , was die Menschen alles mit dem Namen Großmut belegen , als ob nicht ein rasches selbsttätiges Leben immer das als elektrisches Feuer ausströmen müsse , was man große Handlung nennt . - Das mühselige Menschengeschlecht plappert wie die Elstern , es versteht nicht das Stöhnen der Liebe , das muß ich sagen , weil die Nachtigallen so süß stöhnen über mir . Vier Nachtigallen sind ' s , auch im vorigen Jahr waren ' s vier . Ja , lieben werd ich wohl nie , ich müßt mich vor den Nachtigallen schämen , daß ich ' s nicht könnt wie die . - Wie hauchen sie doch ihre Seel in die Kunst der Wollust , in die Musik - und in einen Ton hinein , so rein , so unschuldig - so wahr und tief - was keine Menschenseele weder durch die Stimme noch durch das Instrument hervorbringen kann . Warum doch der Mensch erst singen lernen muß , während die Nachtigall es so rein , so ganz ohne Fehl versteht , tief ins Herz zu singen , ich hab noch gar keinen Gesang gehört von Menschen , der mich so berührt wie die Nachtigall - eben dacht ich , weil ich ihnen so tief zuhör , ob sie mir wohl auch zuhören wollten , wie sie eine Pause machten , kaum heb ich die Stimm , da schmettern sie alle vier zusammen los , als wollten sie sagen , lasse uns unser Reich . Arien , Operngesänge sind wie lauter falsche Tendenzen der sittlichen Welt , es ist die Deklamation einer falschen Begeisterung . Doch ist der Mensch hingerissen von erhabner Musik , warum nur , wenn er nicht selbst erhaben ist ? - Ja , es ist doch ein geheimer Wille in der Seele groß zu sein . Das erquickt wie Tau , den eignen Genius die Ursprache führen zu hören , - nicht wahr ? - O wir möchten auch so sein wie diese Töne , die rasch ihrem Ziele zuschreiten , ohne zu wanken . Da umfassen sie die Fülle , und dann , in jedem Rhythmus ein tief Geheimnis innerlicher Gestaltung , aber der Mensch nicht . Gewiß , Melodien sind gottgeschaffne Wesen , die in sich fortleben , jeder Gedanke aus der Seele hervor lebendig , der Mensch erzeugt die Gedanken nicht , sie erzeugen den Menschen . - Ach ! Ach ! Ach ! - Da fällt mir ein Lindenblütchen auf die Nas - und da regnet ' s ein bißchen ; was schreib ich doch hier dumm Zeug hin , und kann ' s kaum mehr lesen , jetzt dämmert ' s schon stark - wie schön doch die Natur ihren Schleier ausbreitet - so licht , so durchsichtig - jetzt fangen die Pflanzenseelen an umherzuschweifen , und die Orangen im Boskett . Und der Lindenduft - es kommt Well auf Well herüber geströmt - es wird schon dunkel - Nachtigallen werden so eifrig - sie schmettern recht in die Mondstille , - ach , wir wollen was recht Großes tun - wir wollen nicht umsonst zusammengetroffen haben in dieser Welt - laß uns eine Religion stiften für die Menschheit , bei der ' s ihr wieder wohl wird - ein Sein mit Gott - Dein Mahomet hat ' s mit ein paar Ritt in den Himmel auch zuwege gebracht . - Ein bißchen Spazierenreiten in den Himmel . An die Günderode Gestern hab ich vergessen Dir zu schreiben , daß ich Dein Gedicht an den Clemens geschickt hab nach Marburg , ich hab mir ' s aber erst abgeschrieben , ich wollt Dir auch sagen , wie schön ich ' s find . Aber vor Dankbarkeit , daß ich Dich als Freundin hab , hab ich ' s versäumt . Aber Du siehst ' s doch im Brief gespiegelt , daß es Dein groß Herz ist , das mich rührt , und daß ich mich unwert halt , Deine Schuhriemen zu lösen . - Du wählst Dir einen schönen Gedanken und fügst ihn in Reime zu einem Ehrenmantel für den Clemens , ach , was hast Du da für eine schöne Tugend , hebst den Geist heraus aus dem Erdenleben . - Gott schuf die Welt aus nichts , predigten immer die Nonnen , - da wollt ich immer wissen , wie das war - das konnten sie mir nicht sagen und hießen mich schweigen , aber ich ging umher und schaute alle Kräuter an , als müßte ich finden , aus was sie geschaffen seien . - Jetzt weiß ich ' s , er hat sie nicht aus nichts geschaffen , er hat sie aus dem Geist geschaffen , das lern ich vom Dichter , von Dir , Gott ist Poet , - ja - so begreif ich ihn - heut las ich bei der Großmama aus dem Hemsterhuis vor : der Choiseil sagte : » Il faut que Dieu ait la figure de l ' homme comme il l ' a crée d ' après son image . « Der d ' Allaris meinte : » C ' est fort singulier , monsieur , de se figurer la figure de Dieu avec un visage humain , comme celui-là est fait pour des besoins et des fonctions terrestres auxquelles Dieu ne doit avoir aucun rapport , en raison de sa force et de son grand courage le monde entier devrait s ' en aller en poussière si par exemple le bon Dieu s ' amusait une seule foix a éternuer de bon coeur . « - Wenn Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen , so begreife ich dies so : Gott hat eine Persönlichkeit , die kann aber er selbst nur fassen , denn er steht sich selbst allein gegenüber , aber als Poet verschwindet ihm seine Persönlichkeit , sie löst sich auf in die Erfindung seiner Erzeugung . So ist Gott persönlich und auch nicht . Der Dichter stellt dies dar - der ist persönlich und auch nicht , eben ganz nach Gottes Ebenbild , denn er erschafft mit dem Geist , was ganz außer dem sinnlichen Dasein liegt , und doch ist es sinnlich , da es die Sinne fassen und sich hierdurch gewiegt fühlen und genährt , und da doch Nahrung der Sinne nur ihre höhere Entwicklung ist , so löst der Dichter , wie Gott , seine Persönlichkeit auf durch sein Denken in eine höhere Form und bildet sich selbst in eine höhere Entwicklung hinüber . - Was sag ich Dir da ? - Ach , ich hab ' s einen Augenblick verstanden , was Gott ist , als könnt ich ' s in den Wolken lesen , und da sah ich am Himmel , wie der Mond hervorschwippt und zerstreut mir die Gedanken , daß ich eben gar nichts mehr lesen kann , alles ist zerflossen , und die Worte da oben , in denen ich ' s festhalten wollt , die sind verschwommen , ich hab ' s mit andern Worten müssen reden , es ist nicht recht , wie ich ' s gemeint hab . Ja , Gott läßt sich nicht fangen , ich dacht , ich hätt ihn schon . - Aber das eine hab ich behalten , daß Gott die Poesie ist , daß der Mensch nach seinem Ebenbild geschaffen ist , daß er also geborner Dichter ist , daß aber alle berufen sind und wenige auserwählt , das muß ich leider an mir selber erfahren , aber doch bin ich Dichter , obschon ich keinen Reim machen kann , ich fühl ' s , wenn ich gehe in der freien Luft , im Wald oder an Bergen hinauf , da liegt ein Rhythmus in meiner Seele , nach dem muß ich denken , und meine Stimmung ändert sich im Takt . - Und denn , wenn ich unter Menschen bin und lasse mich von ihrem Takt oder Metrum , was ganz auf den gemeinen Gassenhauer geht , mit fortreißen , da fühl ich mich erbärmlich und weiß nichts mehr als lauter dumm Zeug , fühlst Du das auch , daß dumme Menschen einem noch viel dummer machen , als sie selber sind , - die haben nicht so unrecht , wenn sie sagen , ich sei dumm . Aber Herz , was mich versteht , komme nur , und ich will Dir ein Gastmahl geben , was Dich ehrt . - Aber hör doch nur weiter : - Alle große Handlung ist Dichtung , ist Verwandlung der Persönlichkeit in Gottheit , und welche Handlung nicht Dichtung ist , die ist nicht groß , aber groß