die man Leonin bisher dafür ausgegeben , vergessen hatte , Fennimor sie nie gekannt , so war es auch natürlich , daß Beide niemals auf die Schwierigkeiten verfallen konnten , die sich ihm zum Gegensatze ihrer Welt und der von ihm gekannten aufnöthigten , und daß diese endlich von ihm selbst nur noch mit dem Entschlusse betrachtet wurden , sie gering zu achten , da er hier den Inhalt einer Existenz kennen lernte , edel und ausreichend vor Gott , und doch fremd jenem ganzen Treiben berechnender Klugheit . Aber es geschah ihm auch zuerst , daß er über das vorzüglichste ihn bis jetzt leitende Prinzip , über seine Mutter , nachdachte , und daß er den Widerspruch erkennen lernte , in den er durch die eigene entschiedene Umwandlung seines Wesens , von der er sich das Eingeständniß machen mußte , zu dieser unveränderlichen Frau getreten war . Er wollte nur noch Fennimor , und mit ihr Ste . Roche bewohnen , und er wußte genau , seine Mutter würde entschieden das Gegentheil wollen - er wußte , sie wolle ihn an dem glänzenden geistreichen Hofe des Königs sehen , vermählt mit einer Dame , deren Name durch Alter und Ansehn dem seinigen gleich käme . Er fühlte , er habe zu diesen Plänen seine Mutter berechtigt ; denn auch er hatte früher nie eine andere Wendung seines Lebens für möglich geachtet , und sei es Ueberredung , sei es der ihm angeborne Geburtsstolz , nie hatte er den Gedanken , seine künftige Gemahlin anders , als in den höchsten Regionen des Hofes zu suchen , für möglich gehalten . Er war noch jung genug , um der erfahrenen Entwickelung mit Enthusiasmus sich hinzugeben und sich im vollkommenen Rechte mit diesen Empfindungen zu fühlen , da sie ihn edler , menschlicher , hochherziger stimmten , als Alles , was er bis dahin empfunden . Wenn er so in der heißen Sehnsucht nach Fennimor ' s ihm nur wenige Stunden entzogenem Anbicke , in der Frühe den Wald durchstreifte , regte sich eine Fülle guter Gedanken und Beschlüsse in ihm , gemäß den Ansichten , die seine neuen Freunde ahnungslos durch Worte und Handlungen erweckt hatten . Sie waren eine Sonde für Leonin ' s Herz , die ihm fühlen ließ , wie weit es gesund geblieben war unter der Hand der klugen Fürstin Soubise , die jeden höheren Athemzug in ihn zurückdrängte mit der Warnung : der bösen Welt nie zu vertrauen , nie offen sich ihr zu zeigen . Jetzt war der Muth erwacht , sich ihr offen zu zeigen , und dessen fühlte er sich froh . Er hoffte seiner Mutter zu beweisen , wie man ein freier , offener Mensch sein , und doch der hohen Würde , wozu die Geburt berufen , Ehre machen könne . Ste . Roche , wohin er am liebsten dachte , Fennimor ' s heilige Ruhe hier am besten gesichert haltend , Ste . Roche sollte ein Paradies werden ! Nicht allein die schlanken Bewohner der Wälder sollten ungestört auf den reichen Weideplätzen umher wandeln - jedes Wesen , das ihm gehörte , sollte Ruhe , Glück und Sicherheit durch ihn finden . - Was Reichthum war , verstand er erst , seitdem er gesehen , wie ernst und verständig Vater und Tochter , was sie übrig zu haben glaubten , mit denen theilten , die weniger hatten , und sein Herz jauchzte , wenn er dachte , daß er an einem Tage mehr besaß , als Fennimor im ganzen Jahr erübrigte . Ihr diesen Reichthum zu Füßen zu schütten , ihr freudiges Erstaunen , ihr himmlisches Lächeln zu sehen , und wie sie sich mit diesem Reichthume aufrichten werde , und wie eine Königin durch seine Unterthanen gehen , und helfen , und retten , und Segen spenden mit klugen , ernsten Gedanken und strenger Mahnung , und süßer kindlicher Hingebung und Heiterkeit . Was konnte ihm die Welt gegen eine solche Aussicht auf Glück bieten , auf ein Glück , von dem er sich veredelt fühlte bei dem bloßen Gedanken daran ! - Schon längst kannten Sir Reginald Lester und Fennimor die Pläne , welche Crecy ' s Liebe für die Zukunft geschaffen , und wenn Fennimor , kein Hinderniß ahnend , in sorgloser Freude das Glück ihrer Liebe genoß , so sehen wir Sir Reginald mit mehr Hingebung an die Wünsche der Liebenden sich anschließen , als bei seinem reiferen Alter zu erwarten stand , wenn nicht eben lange Zurückgezogenheit von der Welt ihn zum Fremdling darin gemacht , und die Erinnerung aus seiner Jugend , die ihn allerdings in manche Beziehungen zu den Vorurtheilen und Rücksichten höherer Stände geführt , doch ihm keine Befürchtungen für Frankreich gaben , was er unterschieden in seinen Ansichten von England wähnte , und Crecy ' s Bestätigungen leichten Glauben verschafften . Den ungestörten Umgang der so schnell Vereinten hatten die Ereignisse auf dem Schlosse Stirlings besonders begünstigt . Die Mutter der Gräfin Gersey war gestorben , und der Graf , ihr Gemahl , hatte sich , der tiefen Trauer wegen , genöthigt gesehen , seine heitere Gesellschaft zu entlassen , und seinen Aufenthalt abwechselnd in Edinburg zu nehmen , da die zu machende Erbschaft seine Gegenwart ebenso , wie die der übrigen Verwandten nöthig machte . Den jungen Grafen von Crecy wünschte er allerdings , dem früheren Uebereinkommen mit seiner Mutter gemäß , bei sich fest zu halten ; nur schien es ihm nicht wahrscheinlich , daß der junge Mann , der schon so wenig Vergnügen zu haben schien , als das Schloß noch der Wohnsitz der Heiterkeit und Geselligkeit war , jetzt zu halten sein werde , wo er die einzige Person zu seiner Gesellschaft war und jene Familien-Angelegenheiten auch ihn zu Zeiten wegriefen . Er schlug ihm daher vor , mit ihm Edinburg zu besuchen , und außer dem Trauerhause dort Vergnügen und Zerstreuung zu suchen . Das war natürlich ganz gegen die Neigung des jungen Grafen , und er bat es sich aus , in Stirlings-Bai in der größten Einsamkeit die anberaumte Zeit verleben zu dürfen , indem er die gemachte Bekanntschaft mit dem Geistlichen eingestand , und damit des Grafen Besorgnisse für den Mangel aller Geselligkeit zerstreute , da auch er für Sir Reginald eine große Hochachtung hegte . Keinesweges war die Marschallin von Crecy so schnell zu beruhigen . Sie hatte den Brief ihres Sohnes empfangen , dessen wir bereits gedacht , und augenblicklich erkannt , ihm müsse ein ganz besonderer Eindruck gekommen sein , den sie unmöglich seinen Hausgenossen zuschreiben konnte und daher unter den Gästen suchen mußte , von deren Anwesenheit dieser Brief sie unterrichtete . Noch zögerte sie gegen sich selbst mit dem gefürchteten Geständnisse , dies könne ein Herzenseindruck sein ; denn sicher gemacht durch die bloße galante Neigung ihres Sohnes zu Frauen , hatte sie sich der Hoffnung überlassen , Alles , was er darüber zu erfahren nöthig habe , werde er dereinst auch durch sie empfangen , durch die ihm von ihr bestimmte Gattin . Sie war zu kalt , zu sehr Weltfrau , um großen Werth auf eine mögliche unzeitige Herzensaffektion ihres Sohnes zu legen , im stolzen Selbstvertrauen sich überzeugt haltend , sie würde niemals ihren Plänen für die Zukunft entgegen treten können - aber dennoch berührte es sie unheimlich , als ein neuer Beweis , wie viel Selbstständiges sich in ihm zu entwickeln begönne ; und ihr Antwortschreiben war so eingerichtet , ihm zu genaueren Mittheilungen Veranlassung zu geben , da sie näher kennen wollte , was geschehen , ehe sie einschritte . - Auch gelang ihr dies vollkommen ; denn Leonin , entzückt von dem milden mütterlichen Tone dieses Briefes , legte ihr nun seine Pläne für die Zukunft dar , indem er sich unbefangen über den Werth seiner zu erwartenden Besitzungen freute , und seine Absicht aussprach , auf Ste . Roche fürs Erste zu leben , und dort Wohlthaten und Verbesserungen jeder Art zu häufen . Er fügte mit kindlicher Zärtlichkeit hinzu : wie er dann hoffe , auch sie werde dort gern weilen , wenn er ihr eine Tochter zuführen könnte , ihrer würdig , und mit ihm vereint bemüht , ihr das Leben zu erheitern . Zwar hielt ihn eine ahnungsvolle Scheu zurück hinzuzufügen , wie weit er mit dieser letzten Zusicherung selbst sorgend gekommen war , aber dies war auch für die Fürsten Soubise nicht nöthig , denn sie hatte genug vernommen , um zu wissen , ihr Sohn habe ohne sie eine Lebensgefährtin gewählt , genug , um plötzlich aus ihrer Sicherheit über ihn zu erwachen , genug um die Kräfte ihres intriguanten Geistes herbei zu rufen , denn dieser Mutter konnte nur einfallen , um jeden Preis zu hindern , was sie nicht beschlossen ; Bedenklichkeiten bei solchen Schritten waren ihr fremd , weil sie Niemand so liebte oder achtete , um auf dessen Wünsche oder Ansichten , den geringsten Werth zu legen . Nur auf welche Weise sie hier am zweckmäßigsten einschritte , blieb ihr ungewiß . Doch ihre Unruhe , ihre Ueberraschung und ihr Schrecken sollte noch steigen , als sie sich endlich entschlossen hatte , ganz absichtslos erscheinend , die Veränderung in der Gersey ' schen Familie zu einer schnelleren Zurückberufung ihres Sohnes zu benutzen , ihm ihr Bedauern ausdrückend , daß ihr Wunsch ihn an einen Ort habe fesseln müssen , der so wenig Reiz für ihn haben könne , und wie sie ihm ihr Schloß Moncay bei Paris anböte , wohin sie sich mit seinem Vater zu seinem Empfange begeben wollte , wenn er bis zu seiner Majorennität vorzöge , vom Hofe entfernt zu leben . Leonin ' s Antwort überhüpfte leichten Fußes den ganzen schwerfälligen Inhalt dieses wohlberechneten Briefes , und wie ein Schäfer an seine Geliebte , antwortete er heiter und in glückseliger Laune scherzend , wie Stirlings-Bai nichts Abschreckendes für ihn habe , und die herrlichen Wälder , die reizenden Thäler in der Zauberluft des Herbstes zu durchstreifen , ihm einen Genuß gewährte , womit er nichts zu vergleichen wüßte , und der Gedanke , damit zugleich ihre früheren mütterlichen Wünsche zu erfüllen , ihn entschlossen machte , hier genau so lange zu bleiben , daß ihm blos Zeit bliebe , zu dem nothwendigen Augenblicke seiner Majorennitätserklärung in Paris einzutreffen . » Also , er faßt eigene Entschlüsse ! « rief die Marschallin , als sie diesen leichten , spielenden Brief gelesen hatte - und ganz überwältigt von dieser Vorstellung , blieb sie in ihrem Stuhle sitzen , unfähig sich zu fassen . » Und zurück muß er dennoch ! « fuhr sie , sich emporringend , fort , » zurück muß er , und ich muß erfahren , was ihn dort zu fesseln vermochte ! « - Ihr langes Nachdenken gab ihr , wie immer , die Mittel an die Hand , die sie zu ihren Zwecken bedurfte , und leider ließ es sie jetzt ein zu jeder That bereites Individuum wählen , dessen erprobte Theilnahme in allen Fällen ihr dasselbe zu einem Freunde erkoren hatte , den Begriffen von Freundschaft gemäß , die zwei solche Menschen nähren konnten . In dem Hause der Marschallin von Crecy lebte ein junger Mann , den Alle Marquis de Souvré nannten . Seine Erziehung war in dem Kollegium zu Clermont geleitet worden und jedenfalls auf größere Ansprüche berechtigt gewesen , als der frühe Tod beider Aeltern und ein zerrüttet befundenes Vermögen später zuließen . Diese Täuschung , die er in einem Alter erfuhr , wo er mit dem ganzen Uebermuthe eines hochmüthigen und sinnlichen Charakters dem Leben schon jeden materiellen Genuß abgefragt , und von der Magie des Reichthums eine um so höhere Idee gefaßt hatte , als er gefunden , wie sie am leichtesten die Wege des Lasters verdecke , erfüllte ihn mit der bittersten Empörung gegen ein Loos , das ihm nur noch eine sparsame Revenue und ein dadurch heruntergekommenes Ansehn in seiner ganzen gesellschaftlichen Stellung übrig ließ , Er grollte der ganzen Welt , die ihm begünstigter schien , als er es war ; er grollte namentlich dem ganzen Kreise , in dem er als reicher Marquis mit dem vollsten Uebermuth solcher Vorrechte gelebt , und welcher ihn jetzt mit mitleidiger Gleichgültigkeit oder höhnisch verrathener Freude von einem Platze verdrängt sah , den er mit so viel Anmaßung eingenommen hatte ; und er überwand nur den bittern Schmerz dieser Demüthigung , um sich der Mittel in seinem listigen Geiste bewußt zu werden , die ihn ohne das Erforderniß seiner bisherigen Unterstützungen zum Herrn seiner Feinde machen sollte . Wir hoffen , unsere Leser erlassen uns gern die Verfolgung des geheimen Lebens eines Mannes , das er selbst mit der höchsten Feinheit seinen nächsten Umgebungen zu entziehen wußte . Sein Hauptgrundsatz war : Niemandem sei Vertrauen zu schenken und das Vertrauen Aller zu erringen . Er setzte sich in den Besitz aller Geheimnisse , aller Angelegenheiten , die nur entfernt das Eigenthum der Personen waren , mit denen er leben wollte , oder die ihm behülflich werden mußten zu seinen Zwecken . Trotz seiner Jugend hatte er beständig ein ernstes , kaltes und abgemessenes Wesen , er schien nur gezwungen sich dem Vertrauen Anderer hinzugeben , und indem er immer ablehnend war , fesselte er gerade das Interesse , zog dadurch an und schien eine größere Sicherheit zu versprechen . Es war leicht zu bemerken , wie er gelegentlich , gleichsam zufällig , anzudeuten wußte , wie ihm Geheimnisse und Verhältnisse der höchsten Personen bekannt waren , die er sich doch sehr wohl hütete aufzudecken , wenn sie ihm den Dienst geleistet , ihn da , wo er es brauchte , wichtig erscheinen zu lassen ; er hatte sich dadurch auch das für ihn höchst belohnende Gefühl verschafft , gefürchtet zu sein , und hiermit den Platz errungen , der ihn allein über den Verlust seiner früheren Verhältnisse zu trösten vermochte . Durch seine Mutter war er der Marschallin von Crecy verwandt und derselben bei ihrem Tode dringend empfohlen . Nicht lange betrat er dies Haus , ohne das ganze Terrain darin mit Ueberlegenheit zu überschauen , und es höchst bequem zu finden für seine Neigungen . Den Marschall ließ er bald mit einem mitleidigen Lächeln , als gänzlich der Beachtung unwerth , bei Seite , da er schnell erkannte , er habe in seinem eigenen Hause , wie im Staate nur noch den Platz eines zur Ruhe gesetzten Invaliden . Schärfer faßte er die Marschallin auf , die in der That keine schnelle Beute fremder Willkür werden konnte - aber , sie hatte ja Schwächen in Fülle - ihr Hochmuth , ihr Ehrgeiz , der sie gegen Beherrschung schützen sollte , mußte sie gerade diesem gewandten Machinisten in die Hände spielen , und er hatte ihr Vertrauen , ehe sie es ahnete , er änderte und beherrschte schon ihre Pläne , als sie noch glaubte , sie brauche ihn nur gelegentlich , die ihrigen zu fördern . Vom ersten Augenblicke an haßte er Leonin . - Dies sorglose , weiche Kind des Glückes , das so wenig die unermeßlichen Vorzüge von Rang und Vermögen zu schätzen , ja , sie ihm so wenig zu verdienen schien , gering mit den Eigenschaften ausgestattet , die ihm allein wichtig waren und ihn verächtlich von den Vorzügen denken ließen , die Leonin als Ersatz glänzender Geistesfähigkeiten besaß . Dies Wesen , das in dem ruhigsten Gleichmuthe und der größten Sicherheit sein sorgloses Leben genoß , und spielend den Reichthum verbrauchte , als könne es gar nicht anders sein , nach dessen Besitz in ihm die ungemessenste Begierde glühte , erfüllte ihn mit einem so heftigen Neide , mit einem so bitteren Hasse , daß das Haus der Marschallin für ihn einen Reiz bekam , den ihm kein anderes Gefühl mehr gewährte . Daß Leonin sich ihm anschloß - brüderlich und mit der großmüthigsten Hingebung ihn jeden Vorzug dieser Lage fast zu theilen zwang , versöhnte ihn nicht , und er ertrug nur seine Gesellschaft , um ihn zu verachten und , wo möglich , zu lehren , daß sein Glück zu erschüttern sei . Schon wünschte er dazu die Reise des jungen Grafen mitzumachen ; aber zu stolz , deshalb gefügige Schritte zu thun , sah er auch zu bald ein , wie der gute Abbate Mafei ihm wohl nicht ganz traute und Alles that , sich diesen Gefährten entfernt zu halten . Er blieb daher in der ruhigen Sicherheit , sein bezeichnetes Opfer dennoch gewiß zu haben , bei der Marschallin zurück , entschlossen , hier indessen so viel Boden zu gewinnen , daß er fest stehe bei der Rückkehr des sorglosen Glückskindes . Es war der Marquis de Souvré , den die Marschallin herbeirufen ließ , und bald sah er sich in dem ganzen Vertrauen der besorgten Mutter . Wie immer , gab er halb zu , was sie sagte , um desto besser sie zu seiner Meinung überführen zu können , und indem er sie noch ruhig sprechen ließ , sagte sie ihm schon nichts mehr , als was er zu hören wünschte . Mit der größten Sprödigkeit nahm er ihre Bitten auf , selbst nach Schottland zu gehen und ihres Sohnes Lage dort nicht allein zu erforschen , sondern ihn frei zu machen und so schnell , als möglich , zurück zu führen . Erst , als seine Eiwilligung ihr die höchste Gunst der Freundschaft schien , gab er sie und erndtete von einer Frau , die nie dankte , nie das Ansehn haben wollte verpflichtet zu sein , nun den vollsten Ausdruck von Beidem . - Wir wenden uns vorläufig gern von einem Zustande der Seele ab , wie der war , mit dem der Marquis plötzlich die Wege vor sich offen sah , auf die er fast getrieben ward , mit der sicheren Hoffnung , dem heiß beneideten Jünglinge seine äußeren Vorzüge zu verleiden , da er es nicht vermochte , sie ihm zu rauben . Wir werden ihn leider wiederfinden , und kehren zu der Unschulds-Welt zurück , die wir also bedroht wissen . Das tägliche , ungestörte Beisammensein einiger Wochen hatte eine genauere , innigere Annäherung zugelassen , als in dem Geräusche der Welt oft Jahre vermögen . Leonin hatte die Vollendung des Sprachunterrichts übernommen , den Fennimor von ihrem englischen Vater nur bis auf einen gewissen Punkt erhalten konnte , und Fennimor hatte dagegen ihm ihre alten Legenden und Geschichtsbücher , vor allen aber ihre Bibel vorgetragen , worin sie ihn zu ihrem Erstaunen höchst unwissend fand , und welchen Uebelstand sie durch ihren ernsten Eifer , und indem sie bei ihm alle Regeln des Unterrichts anwendete , durch die sie selbst geleitet worden war , jetzt für immer zu heben hoffte . Wir wollen nicht untersuchen , wie lange der Ernst solcher Studien jeden Tag anhielt , welche Rolle der Wald , die Blumen , die Vögel und alle die tausend lieblichen Kindereien dazwischen spielten , womit Fennimor ihre Einsamkeit bisher geschmückt , und die nun alle Leonin so wohl bekannt waren , als ihr selbst : gewiß bleibt es , daß der unverwandt sie anblickende Schüler oft kein Wort mehr von den alterthümlichen Figuren hörte , die sie mit dem vollen Eifer ihres Glaubens daran ihm einzuprägen suchte - blos noch das himmlische , von Locken , wie von einer Glorie , umsäumte Antlitz betrachtend , das so ernst , so glühend von ihrer Anstrengung , mit den leuchtenden Augen den schlanken Finger verfolgte , der über die vergelbten Blätter Leonin als Wegweiser dienen sollte . » Du giebst wieder nicht Acht ! « rief sie dann plötzlich , Alles merkend , » und sollst Du es nachher ohne das Buch wissen , dann ist die Arbeit umsonst gewesen . « Aber schon mußte sie , selbst lachend , die Augen von seinem lachenden Gesichte abwenden , und wenn er dann die strenge Hand , die ihm drohen wollte , einfing , fiel ihr auch bald allerlei liebes Geschwätz ein , was nicht auf dem alten Pergamente stand . - Es blieb Leonin kein Geheimniß in dieser Seele , deren ganzes Bewußtsein ein redendes Mittheilen an ihn geworden war , und wie sie sich erweckt und belebt fühlte durch diese Hingebung und den ganzen Zauber dieser reinen und tiefen Liebe , so strömten in ihrer reichen Seele nur jeden Tag neue Entwickelungen hervor , an denen sie sich kindlich erfreute , sie alle dem Geliebten dankend . Unser Gefühl hält uns zurück , den hinreichend durch unsere Mittheilungen dargelegten Zustand der beiden Glücklichen zu umschleichen ; dennoch werden wir dies Gefühl in allen seinen Stadien andeutend verfolgen müssen , da es fortan die Atmosphäre oder das Schicksal dieser so innig sich gehörenden Wesen bildet , und ihr ganzes Leben gestaltet und bestimmt . Schon nahte sich die Zeit , die Leonin als die seiner Abreise angesetzt hatte , und er , wie Fennimor gingen ihr mit so bangem , beklommenem Herzen entgegen , als stehe ein Gewitter über Beider Haupt . Keiner wagte den Andern daran zu erinnern , aber Beide verstanden die bange Furcht ihrer Herzen , und wenn Fennimor sich plötzlich , weinend wie ein Kind , an seine Brust warf , frug er sie nicht , warum sie weine , und ließ auch den Thränen seiner eigenen Augen freien Lauf , denn er schämte sich dieses treuen Mitgefühls nicht . Was dabei Crecy ' s Besorgnisse noch mehr erregte , als selbst Fennimors unerfahrenes Herz es auffaßte , war das sichtliche Abnehmen der Lebenskräfte des ehrwürdigen Sir Reginald . Diesem kindlichen Greise , der seit einigen vierzig Jahren die Wälder von Stirlings-Bai und ihre nächsten Umgebungen nicht mehr verlassen hatte - dessen Erinnerungen bis auf das Leben mit seiner Gattin erblaßt waren , der die großen Umwälzungen , die die Welt indessen erlitten , nur wie ein Schattenspiel ohne ihre wahren Farben , ohne von ihrem Einflusse berührt zu werden , an sich hatte vorübergehen lassen , der vom Leben sich so leise , so mild abgelöst , daß er nur , um Fennimor Gesellschaft zu leisten und ihre Existenz unangerührt zu lassen , das Leben fest gehalten hatte als eine noch nicht gelöste Aufgabe - ihm sank mit jedem Tage , jetzt , wo Fennimor ein neues Dasein ergriffen , das er kindlich unwissend durch Crecy ' s Herz für gesichert hielt , die Lebenssonne tiefer herab . Er fühlte in sich schon den Tag nahen , wo sie ihm versinken würde , und seine Züge trugen das Lächeln der Verklärung , wie einen liebevollen Trost , um die bleichere eingesunkenere Wange . Schon nahmen die sanften Laute der brechenden Stimme bei jeder liebevollen Anrede Abschied von dem Lebenden , und Crecy sah mit tausend bangen Gedanken , wie die schwankenden Schritte verriethen , daß die ehrwürdige Gestalt sich nicht mehr aufrecht zu tragen vermochte , und die weißen Locken dem müden Haupte nach über die Brust zusammen fielen . Fennimor sah die Veränderung ihres Vaters , aber sie kannte den Tod nicht , sie hatte noch nie daran gedacht , ihr Vater könne sterben , und so hatte sie immer eine neue Erklärung für seinen veränderten Zustand , wenn Crecy zuweilen schonend den Versuch machte , sie auf den immer unvermeidlicher werdenden Ausgang vorzubereiten . Oft wurde sein besorgter Blick von dem Greise errathen , dann reichte er ihm lächelnd die Hand . » Du wirst Fennimor jetzt meine Stelle ersetzen , « sagte er - » ich fürchte nicht mehr mein nahes Ende , und ein Vaterland wird sie überall finden , wo sie geliebt wird . « Crecy hatte oft nicht den Muth , in solche Andeutungen einzugehen , aber er fühlte dennoch immer lebendiger heraus , wie groß und Besorgniß erregend die Veränderung sein würde , die Sir Reginalds Tod jetzt hervorbringen müßte , wo seine Verhältnisse Fennimor für den Augenblick weder eine Zuflucht bei ihm , noch Rechte darauf geben konnten . Es findet sich am häufigsten , daß wir einen eigenen Fehler überwinden lernen , wenn wir ihn an Andern in seiner ganzen Stärke , mit allen seinen Nachtheilen hervortreten sehen , denn indem die Folgen unser Interesse gefährden , lernen wir selbst uns davon frei machen , indem wir uns dagegen zu sichern suchen . So gern Crecy die Zukunft erwartete und der Gegenwart ohne weitere Anstrengung in unthätiger Muße angehörte , so war dies bei Sir Reginald , entweder durch den zuletzt erwähnten Zustand , oder aus dem kindlich ruhigen Einschlafen eines langen , einförmigen Lebens hervorgehend , in noch viel höherem Maaße der Fall , und dies ruhige , sorglose Erwarten der besorglichsten Zukunft , ohne auch nur mit einem Gedanken dafür eine Einrichtung treffen zu wollen , weckte nun Leonin zu Betrachtungen darüber , die ihn eine Berathung mit Sir Reginald dringend wünschen ließen . - Als sie sich so einst wieder errathen hatten und Sir Reginald , wie früher , jede Sorge für Fennimor in ihm erledigt hielt , dankte ihm Leonin herzlich für sein Vertrauen , und da Fennimor ' s Abwesenheit ihn unbehindert ließ , suchte er ihn zu einer berathenden Mittheilung zu bewegen : » Fennimor wird als meine Gattin , hoffe ich zu Gott , allen Schutz genießen , den Ihr mit Recht voraussetzt ; aber denkt selbst , daß ich Euch bald verlassen muß , daß ich nicht wissen und bestimmen kann , wie lange mich die Fundirung meiner Angelegenheit , die ich zu Fennimor ' s Gunsten selbst nicht übereilen darf , von dieser lieben Stelle trennen wird ; denkt , daß Fennimor bis dahin keine Rechte an mich hat , und ich keine an sie vor der Welt darf geltend machen , und fühlt dann meine Besorgnisse für ihre nächste Zukunft , wenn indeß der schmerzliche Augenblick einträte , dessen Ihr jetzt so oft gedenkt , daß Ihr mich selbst sein Möglichkeit habt annehmen lassen . « Sir Reginald schwieg nach diesen Worten lange , und blickte ernst und mit sichtlicher Erweichung in die Ferne . » Mein Sohn , « sprach er dann - » Du bist weiser für die Welt bei Deiner Jugend , als mich das Alter , das uns von der irdischen Sorge bei ihrer erkannten Geringfügigkeit abzieht , erhalten hat . Du hast Recht - es liegt bis zu Fennimor ' s sicherer Zukunft an Deiner Seite noch ein Zwischenraum , den mein Tod für dieses theure Kind unsanft ausfüllen könnte , und in Wahrheit wäre ihre Lage bei ihrer weichen Seele alsdann bedroht genug . Ich würde sie bis zu Deiner Rückkehr sicher , wenn auch unerwünscht für das liebe Kind , der Lady Gersey haben anvertrauen können ; doch ihr Aufenthalt in Edinburg und ihre großen Verhältnisse dort mit all ' der Unruhe einer solchen Erbschaft überhäuft , machen dies unzulässig . Mein Sohn lebt leider so entfernt und als Geistlicher an den Platz gefesselt , den er übernommen , daß ich ihn nicht veranlassen dürfte , zu Fennimor herüber zu kommen , so sehr sein edles brüderliches Herz dazu auch bereit sein würde ; auch , glaube ich , steht ihm selbst eine Reise nach London bevor , da er sich dort zu vermählen denkt . « - Er schwieg , nachdem er so selbst die Schwierigkeiten hervorgehoben , die Fennimor aus seinem Tode erwachsen konnten , und sichtlich wußte er sich keinen Rath . Nicht besser ging es Leonin , und tausend Mal wünschte er diese unselige , unerläßliche Reise schon hinter sich , um mit der ausreichenden Vollmacht eines unabhängigen Mannes Fennimor ' s Gatte zu werden , und sie gegen jede Zufälligkeit hinlänglich schützen zu dürfen . » Am liebsten , « hob der Alte mit dem Tone an , dem man die erregte Besorgniß anhörte , » am liebsten wird sie Dich hier erwarten wollen , und bei Emmy Gray und ihrem Manne bleiben ; aber dies ginge wohl , wenn sie Deine Frau wäre , wo sie für sich stehen könnte und man ihr keinen Vorwurf darüber machen dürfte , daß sie mit ihren Domestiken allein bliebe , bis Du zurück kehrtest ; so aber würde sie unschicklich handeln , was wir nicht zugeben dürfen , da das gute Kind von der Welt noch nichts weiß und stets geneigt ist , das Natürlichste für das Beste zu halten - auch ist mir schon der Nachfolger ernannt , denn der Lord Gersey will seine Gemeinde nicht ohne geistliche Fürsorge lassen , und dieser mir wohl bekannte Kaplan wird mit einer starken Familie bald hier einziehen , wenn meine Augen sich schließen , und Fennimor würde viel Schmerz erleben , hier das Haus als Fremdling bewohnen zu müssen , wo sie einst so sinnig schuf und ordnete . « Leonin hörte dem Alten mit Erstaunen zu . Erweckt über diesen Gegenstand nachzudenken , durchschaute er mit folgerechter Klarheit alle daliegenden Schwierigkeiten , und hatte sie doch so lange , wie nicht existirend , bei Seite schieben können , wo der Gegenstand , den sie betrafen , ihm doch der wichtigste , theuerste auf Erden war . Leonin fühlte die Nothwendigkeit , hier entscheidend zu helfen , und doch sah er weder eine Möglichkeit dafür , noch gestattete ihm sein zärtliches Gefühl für den geliebten Greis , so ohne Schonung den unglücklichen Fall anzunehmen , der diese Verhältnisse alsdann herbeiführen mußte . Da sagte plötzlich der alte Mann , aus tiefem Nachdenken erwachend : » Das Beste wird sein , mein geliebter Sohn , wenn ich Dir Fennimor zum Weibe gebe , ehe Du nach Frankreich gehst ; dann hat sie mit dem ehrwürdigen Range einer verheiratheten Frau das Recht , sich überall hinzubegeben , wo Du es für gut hältst , und Emmy Gray und ihr Mann werden , bis Du sie nach Frankreich in Deine Besitzungen führst , hinreichend sein , da sie dann nur treue Diener braucht . « - Es ist unmöglich , den Eindruck zu