, wartet , bis in nächster Woche mein Regiment die Wachen bezieht ! Dann vollbringe Einer unter uns , was zur Rettung Aller vollbracht werden muß . Dazu braucht es nur eines Kopfes , eines Arms , was sollen da viele ? Doch welchen unter uns das Geschick zu dieser großen That erkoren hat , das werde hier , und noch in dieser Stunde , durch das Loos bestimmt , ehe wir für heute aus einander gehen . Von allen Seiten wurde diesem Vorschlage stürmischer Beifall gezollt , der dem langwierigen , immer mehr sich erbitternden Streite ein Ende zu machen versprach . Was man zu dem grausigen Spiele nothwendig brauchte , war zur Hand , wenn gleich zu andern Zwecken bestimmt ; die Voranstalten dazu waren also in wenigen Minuten bewerkstelligt , die Häupter der Anwesenden gezählt ; Sergius , als Secretair des Bundes , brachte die verhängnißvolle Urne herbei , und warf eine gleiche Anzahl weißer Kugeln hinein , nur eine , eine Einzige unter diesen , blinkte in rothem trügerischem Goldglanze . Das Geräusch mit welchem jede derselben langsam gezählt und einzeln auf den Boden des Gefäßes hinabgelassen wurde , durchschauerte auch die muthigsten Heldenherzen mit innerm Grauen . Jetzt sollte das Todesloos gezogen werden , doch keine Hand regte sich , um die Ziehung zu beginnen . Von drückender Vorahnung befangen , mit bleichen Gesichtern und hochaufathmender Brust , standen sie Alle wie am Boden festgebannt umher . Keiner von diesen Vielen , die noch vor wenigen Minuten den wildesten Ausbrüchen ungemäßigter Leidenschaftlichkeit sich hingaben , wollte hier der Erste sein , kein Einziger von denen , die sonst überall es sein wollten . Auch Pestel suchte noch nach Worten , eindringend genug , um den Bann zu lösen , der sie gefesselt hielt ; er selbst konnte nicht der Erste sein , der sein Loos zog , denn als Präsident des Bundes war die ganz zuletzt auf dem Boden der Urne zurückbleibende Kugel für ihn bestimmt . Ein ängstlicher , unartikulirt , wie in höchster Todesnoth ausgestoßener Schrei schreckte alle aus der düstern Versunkenheit auf , die sie befangen hielt ; mit alles was ihr im Wege stand vor sich niederwerfender Riesenkraft , drängte sich aus dem Hintergrunde des Saales durch die Reihen der Brüder hindurch , bis dicht vor Pestel hin eine Gestalt , die beim ersten Anblicke Niemand erkannte . Ein Schreckensbild höchster Verzweiflung , mit weit hervorquellenden , blutunterlaufenen starren Augen , mit wild sich sträubendem , verworrenem Haar , mit wie im Todeskampfe konvulsivisch verzerrtem bleichem Gesicht . Er schleuderte mit mächtigem Arm die Urne mit den Kugeln fort , sie fiel zu Boden , die Kugeln rollten im Saale umher , und die goldene führte der Zufall dicht zu seinen Füßen hin . Er raffte unter lautem dämonischen Gelächter sie auf , und hielt hoch über seinem Haupte sie der Versammlung entgegen : ein Wunder ! jubelte er ; ein sichtbares Zeichen von dort Oben - oder vielleicht von dort Unten ? - gleichviel , ich bin der Erwählte ! Yakuchin ! Iwan Yakuchin ! erscholl es von mehreren Seiten . Es war der unglückliche , es war Richards Iwan , den man jetzt an der Stimme erkannte . Richard drängte zu dem Wahnsinnigen sich hin , denn dafür hielt er , und mußten Alle ihn halten , aber ein einziger gewaltiger Stoß warf ihn weit zurück . Wer sich selbst lieb hat , der rühre mich nicht an , der wage nicht mir zu nahe zu kommen , rief Iwan . Ihr meint , ich sei rasend ; ich bin es nicht , aber ich warne Euch dennoch , ich bin gefährlich . Ich kenne Niemand mehr , weder Feind noch Freund , Ihr Alle , die ganze Welt ist mir wie Staub unterm Fuße , denn das Schicksal hat in mir , in mir allein sein Opfer auserkoren . Verlassener , verrathener als ich , lebt Keiner auf Erden ! dieses Jammerleben , was soll es mir ? ich werfe es von mir . Richard , Alex und noch Einige , die Mitleid für den Jüngling empfanden , sogar Obrist Pestel , näherten sich ihm abermals ; bleibt zurück ! rief er befehlend , und sie gehorchten der gebietenden Gewalt hoffnungslosesten Unglücks , das offen und kühn dem Mächtigsten entgegen treten darf , so bald es nichts mehr weder zu schonen noch zu fürchten hat . Sie bildeten einen dicht geschlossenen Kreis um Iwan her , hielten sich aber in der von ihm gebotenen Entfernung . Iwan zog jetzt sein Schwert aus der Scheide ; Alle , den traurigsten Ausgang erwartend , erbebten bei dem Anblicke ; und doch hielt die Furcht , diesen zu beschleunigen , sie an ihren Plätzen zurück . Er aber kniete anscheinend gelassen in der Mitte des um ihn geschlossenen Kreises nieder , faßte den Griff des Schwertes mit beiden Händen , hielt ihn dicht vor der Brust , und blickte unverwandt zu der Spitze desselben auf ; nur das Weiße seiner Augen blieb sichtbar , er sah aus , als ob er bete , mit unaussprechlicher Inbrunst . Das währte so einige Sekunden ; dann aber , immer in der nämlichen Stellung verbleibend , erhob er die Stimme zum furchtbarsten Eide , den je eine menschliche Seele erdacht . Mit Worten , vor denen Alle schauderten , die sie vernahmen , weihte er sich dem Untergange , dem zeitlichen wie dem ewigen , indem er den Kaiser zu tödten gelobte , und gleich nach vollbrachter That sich selbst ; denn wer könnte dann noch leben wollen ! setzte er mit eisiger Kälte hinzu , indem er sich von den Knieen erhob , das verworren herabhängende Haar aus der Stirne strich , und das Schwert zurück in die Scheide stieß . Und nun gebt mir meine Ordre , ich bin zu jeder Stunde zu Allem bereit , sprach er fast verachtend , wollte sich in militärischer Stellung hoch aufrichten , wurde aber im nämlichen Augenblicke sein Bild in einem ihm gegenüber angebrachten großen Spiegel gewahr . Unmäßiges Grauen vor seiner eigenen Gestalt überkam ihn , er taumelte , seine Kniee brachen unter ihm zusammen ; hätten die , welche ihm am nächsten standen , ihn nicht in ihren Armen aufgefangen , er wäre , wie aufgelöset in allen Gelenken , unfehlbar zu Boden gesunken . Der Zustand währte indessen wieder nur einige Sekunden . Iwan erholte sich schnell , machte von denen so ihn hielten sich los , und stand frei da , den ernsten fragenden Blick auf die gerichtet , von welchen er Antwort erwartete . Jetzt , da sie vor der Ausführung der Frevelthat standen , die Sie kurz vorher , in blinder Wuth , unter ungeheuerm Toben gefordert hatten , und nur noch die nähere Anordnung des Vollbringens von ihnen erwartet wurde , regte sich keiner ; lautloses Schweigen , überall . Übermannt von geheimem Schrecken , bleich , mit gesenktem Blicke standen sie da , bis einer unter ihnen sich erhob . Es war ein Officier von bedeutendem militärischem Range , dem Namen nach , vielleicht auch von Geburt ein Deutscher , wenigstens von deutscher Abkunft . Mit großer Geistesgegenwart ergriff er glücklich den einzigen günstigen Augenblick Pesteln zuvorzukommen , um hier , wo bis dahin nur blinder Eifer und die aufgeregteste Leidenschaftlichkeit das Wort geführt hatten , auch die besänftigende Stimme der Vernunft laut werden zu lassen ; ein Unternehmen , an dessen Ausführung vorhin , bei dem allgemeinen Toben , gar nicht zu denken gewesen wäre . Allen vernehmbar , umständlich , ohne durch Weitschweifigkeit zu ermüden , bestrebte sich der wohlwollende besonnene Mann das Unwahre der Nachricht , die bis zu diesem Grade sie empören konnte , ihnen klar und deutlich auseinander zu setzen ; bewies , mit nicht zu widerlegenden Gründen , die jedem einleuchten mußten , die Unmöglichkeit derselben . Schmucklos , aber eindringlich , von unerkünstelter Überzeugung ihm eingegeben , waren seine Worte ; sie entsprangen aus vollem warmem Herzen , und konnten daher den Weg zu den Herzen seiner Zuhörer nicht verfehlen . Auch glätteten viele umdüsterte Stirnen sich wieder , die bleichen Gesichter färbten sich , in manchem abgewendeten Auge blinkte eine heimliche Thräne der Reue , und Dank und Beifall wurde dem Redner von allen Seiten laut gezollt . Ermuthiget durch dieses Beispiel , bemächtigte jetzt auch Sergius sich des Worts , ehe der etwas aus der Fassung gerathne Obrist Pestel dazu kommen konnte es zu ergreifen . Beide , er und Graf Stephan , hatten zu jenen ersten Stiftern der durchaus harmlosen Gesellschaft gehört , aus welcher später , im Verlaufe der Jahre , der jetzige Bund , unter Pestels Leitung , so ganz verschieden von jenem ersten Anfange sich entwickelt hatte . Auch in dieser umgewandelten Gestalt war Sergius noch immer einer der treuesten und eifrigsten Anhänger desselben geblieben ; er bekleidete , wie schon mehrmals erwähnt worden ist , die Stelle eines Secretairs des Bundes , und gehörte als solcher zu den drei Direktoren , den Häuptern des Rathes der Alten . Nachdem Sergius seine vollkommene Übereinstimmung mit den Ansichten seines edlen und geistreichen Vorgängers in den wärmsten Ausdrücken ausgesprochen hatte , erbat er sich die Erlaubniß jene Nachricht , die sie alle in nicht genugsam zu bereuende schmerzliche Verwirrung gestürzt habe , auch noch von einer andern Seite zu beleuchten , um auf diese Weise auch die letzte Spur ihrer zu nicht zu berechnendem Unheile führenden Nachwirkung zu vertilgen . Er sagte , er wolle für einen Augenblick das Unglaubliche , ja Unmögliche , als Wahrheit annehmen , und den Fall setzen , der Kaiser habe , wie jener unselige Brief es berichte , den unglücklichen Entschluß sein Volk zu verlassen wirklich gefaßt ; und ergoß sich dann mit unglaublichem Scharfsinne und anschaulichster Klarheit in Beweisen , daß selbst in diesem undenklichen Falle jenes Verbrechen , das er nicht mehr zu nennen wagen möchte , nur die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen könne , ohne den eigentlichen Zweck des Bundes der ächten Kinder des Vaterlandes im mindesten zu fördern . Im Gegentheile müsse jede Möglichkeit des Gelingens dadurch auf immer vernichtet werden , aus dem einfachen Grunde , weil es dem Bunde seiner innern Einrichtung nach an allen Mitteln fehle , eine solche Unthat , würde sie auch glücklich vollbracht , zu benutzen . In den glühendsten Farben schilderte er ihnen nun alle Gräuel der zügellosesten Empörung , die einer solchen Verletzung aller göttlichen und menschlichen Gesetze auf dem Fuße nachfolgen müsse , indem er zugleich an die dem Königsmorde in Frankreich unmittelbar folgende Schreckenszeit sie erinnerte . Bin ich noch lebend der Gemeinschaft böser Geister verfallen ? oder bin ich noch wirklich unter Menschen ? rief plötzlich in heftigem Zorne auffahrend Iwan Yakuchin , nachdem er mit gespanntester Aufmerksamkeit den Reden jener beiden gefolgt war . Ihr Teufel in Menschengestalt , was habe ich Euch gethan , daß Ihr mein ehrlich ruhiges Gewissen mir nicht gönnt ? daß Ihr mit einem innern Vorwurfe es belasten mußtet , den ich nimmer verwinden kann ? Ihr Bösewichte , ihr teuflischen Verführer , habt zuerst durch blendende Höllenkünste mich zu dem gräßlichen Vorsatze gebracht , das Verbrechen zu begehen , für welches weder im Himmel noch auf Erden Vergebung ist , denn Kaisermord und Vatermord sind eins ; und nun verwerft Ihr selbst als nutzlos , als überflüßig die ungeheuere That ? Wie nun , wenn Ihr diese Entdeckung später gemacht hättet , nachdem ich vollbracht - - was wäre in dieser und jener Welt aus mir geworden , und kann ich jemals vergessen , daß ich es vollbringen gewollt ? Gleich einer überirdischen Erscheinung , gleich einem Rache heischenden Dämon , stand der zornentflammte Jüngling in seiner gänzlichen Verlassenheit vor ihnen , und keiner hatte das Herz sich ihm thätig entgegenzustellen , oder auch nur ihn mit Ernst zur Ruhe zu verweisen . Einige versuchten mit besänftigenden Worten ihn zu beschwichtigen , er hörte nicht darauf . Eure wohlgesetzten Reden , Eure trefflichen Statuten , Euere herrlichen Pläne für das allgemeine Wohl des Vaterlandes , führen sie zum Ersinnen solcher Thaten ? - fuhr Iwan fort : - nun so bleibt von heute an Euer Rath fern von meiner Seele , ich trete aus eurer Gemeinschaft hinaus , und scheide auf immer von Euch ! Wollt Ihr vorher nicht Rath halten , ob es für Eure Sicherheit nicht etwa erforderlich wäre mich hier zu ermorden , ehe ich den Fuß über die Schwelle setze ? fragte er mit kalter schneidender Ironie . Thut es , tödtet mich , was liegt mir daran , was noch am Leben ? Für eine Nußschale werfe ich es Euch hin . Nur so viel noch : dieser kleine Mord wäre nicht minder überflüßig , als jener große es gewesen wäre , und dürfte in seinen Folgen doch unbequem für Euch werden , wenn er entdeckt würde . Ihr habt meinen Eid , den ich nie brechen kann , und hätte ich der Hölle ihn geschworen ; schweigen muß ich , ich sei lebend oder todt . Ihr antwortet nicht ? Nun so schüttle ich an Eurer Thüre den Staub von meinen Füßen und gehe nie wiederzukehren . Mögt Ihr indessen Euch nach Bequemlichkeit über mein Leben oder meinen Tod unter Euch berathen . Iwan wandte sich zum Gehen , Alle traten zurück ihm freie Bahn zu lassen ; mit festem Schritte ging er langsam bis zur Thüre , dort schien er wie von Schwindel ergriffen zu wanken , dann betäubt im Begriff taumelnd zu sinken . Richard und Alex eilten ihm nach , ergriffen noch zur rechten Zeit ihn am Arme , und führten ihn hinaus . Trübseliger , als jemals in seinem Leben , lag der gute kleine Kapellmeister Lange auf seinem Sopha ; krank war er nicht , glaubte aber es zu sein , und meinte zuweilen sogar die Annäherung des Todes zu fühlen . Eigentlich war er nur tief betrübt , und der sonst immer zufrieden Glückliche wußte in diesen ihm ganz neuen Zustand sich nicht zu finden . Völlig entmuthiget , versagte er allen seinen Freunden den Zutritt , sogar sein Flügel blieb verschlossen , und so fehlte ihm denn Alles , was sonst sein eigentlichstes Leben ausmachte . Nur seine treue Hausfrau war ihm geblieben ; gleich einem tröstenden Engel wich sie ihm fast nie von der Seite , obgleich sie noch schmerzlicher verletzt war , als er selbst . Auch jetzt saß sie , bei der sorgfältig verhüllten Lampe , an ihrem Tischchen neben ihm ; um von seinen traurigen Gedanken ihn abzuziehen , hatte sie versucht ihm vorzulesen , schlug aber das Buch wieder zu , als sie gewahr wurde , wie ihre Worte unbeachtet an ihm vorüber glitten . Ist er gestorben ? fragte sie leise , mit zitterndem Tone , als sie die Thüre hinter sich öffnen hörte , ohne nach dem Eintretenden sich umzusehen . Er lebt und vielleicht dürfen wir wieder zu hoffen wagen , denn Iwan Yakuchin ist es doch den Sie meinen ? antwortete eine weit sonorere Stimme als die ihres alten Dieners Jegor war , die sie zu vernehmen erwartete ; erschrocken sprang sie von ihrem Sitze auf , und Fürst Eugen stand vor ihr . Seit zehn Tagen zum erstenmal , ruht der zerrüttete Geist des Armen in tiefem Schlummer von seinen langen Qualen aus ; möge diese Nachricht es entschuldigen , daß ich gegen Ihr Verbot mich hier einzudrängen wage : sprach Eugen mit der ihm eignen , ihn so wohl kleidenden Herzlichkeit . Noch ehe Frau Karoline nur ein Wort antworten konnte , flog ihr Mann mit Blitzesschnelle von seinem Sopha , wie ein Pfeil von der Sehne auf . Die Gegenwart Eugens wirkte auf ihn mit magischer Gewalt , er vergaß daß er sterbend sei , suchte in der entferntesten Zimmerecke seine goldbetroddelte Mütze hervor , wo sie seit vielen Tagen völlig unbeachtet geruht hatte , verlor darüber in der Eile einen seiner Pantoffeln von gesticktem Saffian , der weit weg , quer über den Fußboden hingeschleudert wurde , bemerkte jetzt mit einemmal seine sehr vernachlässigte Toilette , fing an sich gewaltig seines Schlafpelzes von astrachanischem Lämmerfelle zu schämen , in welchem sonst kein fremdes Auge ihn erblicken durfte , und kam über dem Allen dermaßen außer Fassung , daß er nicht anders sich zu helfen wußte , als indem er einen gewaltigen Anlauf nahm , mit gleichen Füßen wieder auf das Sopha sprang , und eiligst in der Stellung eines Todtkranken sich darauf hinwarf . Ungeachtet große Thränen noch in ihren Augen perlten , mußte Frau Karoline über die Hastigkeit , mit der dieses Alles vollbracht wurde , laut auflachen ; Eugen konnte sich nicht enthalten ihrem Beispiele zu folgen , und auch der Kapellmeister stimmte zuletzt mit ein , und lachte lauter als die Andern über sein eignes wunderliches Treiben . Die Lampe wurde von ihrer Umhüllung befreit , das Zimmer wie gewöhnlich erleuchtet , der Kapellmeister über sein astrachanisches Lämmerfell getröstet , der Befehl , jeden weitern Besuch abzuweisen , der Dienerschaft wiederholt eingeschärft , und in weniger als zehn Minuten saßen die drei Freunde in traulicher , wenn gleich nicht fröhlicher Mittheilung beisammen . Rede und Gegenrede erleichterten ihnen die beklommene Brust , sie fühlten , wie der Mensch nie des Menschen mehr bedarf , als in Trübsal und Schmerz . Einsamkeit , so wünschenswerth sie dem Trauernden auch erscheinen mag , ist alsdann unser größter Feind : alles ausschließende Einsamkeit , die keine ist , noch sein kann ! denn wer entfloh jemals seinen eigenen düstern Gedanken ? In Mittheilung aber geht das Herz uns wieder auf ; und wenn auch die Freunde nicht immer begreifen was und wie wir leiden , wenn sie auch durch ungeschicktes Tröstenwollen die Wunde , die sie heilen möchten , vielleicht zu unsanft berühren , so lernen wir doch , indem wir ihm Worte leihen , unser Unglück und auch uns selbst besser verstehen , und treten wieder in die allgemeine Bahn des Lebens ein , von der man ohne Gefahr nie abweichen darf . Das Geschick des Einzelnen verschwindet in dem gewaltigen Lebensstrome , der das kolossale Petersburg durchbrauset , wie der einzelne Regentropfen in den Wellen der Newa sich verliert ; und so war denn auch erst an diesem nämlichen Tage , und nur durch Zufall , die Kunde von Iwans lebensgefährlichem Zustande durch des Kapellmeisters selbst gewählte Abgeschiedenheit von der Außenwelt bis zu diesem durchgedrungen . Ein dumpfes Gerücht ließ sogar Iwans Tod befürchten , und die gutmüthigen Menschen hatten sogleich ihren treuesten Diener um Nachricht von dem Leben oder Tode des Jünglings ausgesandt , den über ihren eigenen Schmerz so ganz vernachlässiget zu haben , sie jetzt sehr bereueten . Treuer , umständlicher , als Jegor diese bringen konnte , hofften sie jetzt von Eugen sie zu erhalten . Nicht ganz unbefangen , suchte Eugen , aus leicht zu errathendem Grunde , über den ersten Ausbruch von Iwans Krankheit so schnell als möglich hinwegzueilen , und erwähnte nur , daß sein Brudex Alex und Richard , in todtenähnlicher Betäubung , von der er auf der Straße plötzlich befallen worden wäre , ihn in seine Wohnung gebracht hätten . Mehrere Stunden vergingen , ehe er aus tiefer Ohnmacht erwachte , fuhr Eugen sehr bewegt fort : doch welch ein Erwachen war das ! so mag dereinst am Tage des Weltgerichts das Erwachen des zu ewigen Höllenqualen verdammten Sünders sein . In wilder , nur gewaltsam zu bändigender Raserei , kämpfte der Unglückliche mit den gräßlichsten Greuelbildern seiner Phantasie ! und zehn ganze Tage , zehn endlose Nächte hindurch , hat keine Minute Schlaf , kein einziger heller Augenblick , sein gränzenloses Leiden unterbrochen ! Die Sorge für die Pflege des Armen blieb Richard allein überlassen ; ich und mein Bruder waren durch anderweitige Pflicht zu ernstlich in Anspruch genommen , um sie mit ihm theilen zu können , und so durfte er Tag und Nacht von Iwans Seite nicht weichen . Auch nur für eine Stunde ihn Fremden zu übergeben , durfte Richard nicht wagen , denn wie leicht konnten Iwans wilde unzusammenhängende Reden - - Eugen stockte hier in sichtlicher Verwirrung , fuhr aber nach kurzem Besinnen wieder fort : wie leicht , wollte ich sagen , kann bei der Pflege Gemüthskranker dieser Art die kleinste Vernachlässigung die traurigsten Folgen nach sich ziehen ! In welchem Zustande aber unser Freund Richard sich jetzt befindet , wie abgespannt , wie an allen Kräften erschöpft , mögen Sie selbst ermessen . Und Iwan ! hoffen Sie wirklich ? wird er genesen ? wird er leben ? fragten beide zugleich , Lange und seine Frau . Die Jugendkraft unterliegt endlich , die in seiner Qual unerschöpflich schien , erwiederte Eugen . Iwan schläft , tief und fest . Er ist todt ? rief der Kapellmeister . Er schläft , war die sehr gemessene Antwort Eugens : er schläft , und der treuste aller Freunde , beinahe nicht minder Ruhe bedürfend als der Kranke , sitzt neben seinem Lager und bewacht seine Athemzüge . Der eilfte Tag ist heute , nach dem Ausspruche des Arztes , der entscheidende über Leben und Tod . Iwans ruhiger Schlaf giebt uns einige , wenn gleich schwache Hoffnung . Mit dieser Nachricht schickt mich Richard zu Ihnen , und wünscht zugleich zu erfahren ob Julie um Iwans traurigen Zustand weiß , und wie sie - - Halt ! halt ! halt ! nur den Namen und noch Einen nicht ! schrie der Kapellmeister , und hielt in zitternder Hast beide Ohren sich zu . Und Sie wüßten nicht ? Sie und auch Richard wüßten wirklich nicht , welche unerhörte Schändlichkeit , welcher Verrath an Allem , was dem Menschen heilig sein muß , den armen Iwan rasend machte , ihn vernichtete ? rief zu gleicher Zeit Frau Karoline in ungewöhnlicher Heftigkeit . Eugen erbleichte über die Auslegung dieser Worte , die wider seinen Willen sich ihm aufdrängte . Unmöglich konnte Iwans Krankheit , die überdem erst vor einigen Stunden ihnen bekannt geworden war , die einzige Veranlassung des tiefen Schmerzes sein , der in dem ganzen Wesen dieser beiden sich aussprach , und noch weniger der völligen Zurückgezogenheit , in der sie seit mehreren Tagen ganz gegen ihre sonstige Weise lebten . Das bedachte er erst jetzt ; auch wie sie mit Herz und Seele ihren Kaiser verehrten , wie sie auf Leben und Tod , in unverbrüchlicher Treue ihm ergeben waren , und hell und deutlich leuchtete der furchtbare Gedanke in ihm auf , sie wissen um das Geheimniß jener Nacht , in welcher Iwans Krankheit ausbrach , und Torson , der jetzt sich nirgends finden läßt , hat es ihnen verrathen . Regungslos , fassungslos , stand Eugen wie versteinert da , und wußte nicht wohin er die Blicke wenden sollte . Julie ist nicht mehr bei uns - auch seit zehn Tagen - uns verlassen - mit Torson entflohn - heimlich in dunkler Nacht : - brachte Frau Karoline mit abgewandtem Gesicht , in kurzen abgebrochenen Sätzen mühsam hervor . Gott sei Dank , daß es nichts Schlimmeres ist ! hätte Eugen beinahe überlaut gerufen ; glücklicher Weise besann er sich noch zu rechter Zeit , und nur ein tief geholter Seufzer , den seine treuherzigen Freunde seiner Theilnahme an ihrem Kummer zuschrieben , half ihm die bange Sorge abschütteln , die ihn eben um Fassung und Besinnung bringen wollte . Wer mag es mir verdenken , daß die Gesellschaft und das Leben in ihr , und die sogenannten guten Freunde , und alle die freundlichen Leute um mich her seit dieser Erfahrung mir so widrig ekelhaft vorkommen , daß ich von dem allen nichts mehr hören noch sehen mag ? nahm jetzt Lange mit dem Ausdrucke der tiefsten innersten Trauer das Wort , der an dem sonst immer heitern , freundlichen Manne nur um so rührender erschien . Du Karoline , fuhr er fort , bist ein treues Herz und ohne Falsch , Du allein , und nur an Dich allein will ich mich halten , und an Dich glauben , und sonst an keinen Andern . Thu ' mir nur noch den einzigen Gefallen und stirb mir nicht , so lange ich noch lebe ; hernach magst Du es halten wie Du willst . Ohne Dich könnte ich ja nimmermehr zurecht kommen , mir müßte ja sein , als wäre die liebe Sonne vom Himmel gefallen . Helle Thränen rollten bei diesen Worten ihm über die Wangen ; Frau Karoline drückte schweigend ihr Gesicht in ihr Taschentuch ; Eugen war durch das seltsame Wesen des Kleinen zu bewegt , um ein Wort aufbringen zu können . Wie haben wir das Kind geliebt ! fing der Kapellmeister nach einer kleinen Weile wieder an ; auf Händen getragen haben wir sie . Und sie konnte uns schmeicheln , uns schön thun , und viele Monate lang Trug und Verrath im Herzen hegen ! Ja , das konnte sie , ein kaum neunzehnjähriges Geschöpf , noch halb ein Kind ! Nie werde ich darüber getröstet werden , das kann ich nie vergessen noch verwinden . Denn es ist mir nicht um Julien allein . Es ist mir weit mehr darum , daß so etwas wirklich geschehen , daß der Mensch so schlecht werden kann . Das ist es , was Muth , Vertrauen und alle Lust am Leben in mir vernichtet ; klagte er mit rührender Beredsamkeit , die an ihm , der sonst fast nur in Tönen sprechen konnte , höchst seltsam auffiel . Alle Drei saßen schweigend da . Ich habe keinen Bruder , nie einen gehabt , sprach Lange dann weiter ; aber hätte ich einen , und wäre er mein Zwillingsbruder , der mit mir zugleich unter dem Herzen meiner Mutter geruht , und hätte ich zeitlebens nichts anderes gethan , als für diesen Bruder gesorgt , und er ginge nun in einer bösen dunkeln Stunde hin , und raubte mir Alles , so daß mir nichts übrig bliebe , als das kahle Leben , und die Luft , die ich einathme , - ich weiß gewiß , ich fände noch etwas aus , das ihn entschuldigte . Noth hat ihn getrieben , mein Bruder wußte nicht was er that , in einem unbewachten Augenblicke ist der Teufel in sein Herz eingezogen , würde ich sagen und auch denken . Aber diesen fein ausgesonnenen Plan Wochen , ja Monate lang mit sich herumtragen , täglich , stündlich uns heuchelnd betrügen , und dabei aussehen wie das Bild der Unschuld , - das kann die ewige Barmherzigkeit selbst nicht vergeben , und der Gedanke , wie schlecht es der Unglücklichen vielleicht in dieser Stunde schon ergehen mag , peinigt mich alten Narren weit mehr , als es für mich anständig wäre . Eugen wollte jetzt ein paar begütigende Worte einzuschieben versuchen , er nannte Torson , aber der Kapellmeister fuhr darüber sehr heftig auf . Das ist ja eben der zweite Name , den ich nie wieder zu hören wünsche , mein Fürst ! rief er mit zornblitzenden Augen ; der ist es ja eben , und doch darf man kaum ihn anklagen , denn gegen seine Mitschuldige gehalten , steht er rein und klar , wie ein Engel des Lichts da ; seine Schuld wird , verglichen mit der ihrigen , winzig klein . Wahr ist es , er hat mich betrogen ; aber warum ließ ich mich betrügen , da ich es hindern konnte ? Nicht er , meine Blindheit , und daß ich zu feig war die Augen aufzuthun und um mich zu schauen , tragen die Schuld . Wenn jene Verlorne unglücklich wird , wer gab die erste Veranlassung dazu ? ich selbst ! und das ist ein Wurm mehr , der mir am Gewissen nagt . Ich hätte jenen verkappten Satan entlarven , ihn durchschauen müssen ; ich war gewarnt durch meine Hausfrau , die immer zehnmal so gescheit ist als ich ; aber weise Worte verhallen unbeachtet in einem thörichten Ohr . Weise Worte ! meine Weisheit ! rief Frau Karoline bitter lachend ; meine eitle Einbildung war es , die mich abhielt , Dir alles weit dringender vorzustellen . Gebrechlichkeit , Dein Nam ' ist Weib ! ich habe dem Prinzen Hamlet diesen ungezogenen Ausspruch immer sehr übel genommen , doch diesesmal muß ich ihm beistimmen . Hätte ich nicht alles allein vollbringen wollen , hätte ich nicht in schnöder Sicherheit auf meine Vorsicht gebaut , und gemeint ich wäre - doch was hilft uns das alles jetzt - damals wäre es noch Zeit gewesen Dir die Augen zu öffnen , indem ich Dir alles weit klarer und dringender vorstellte , als ich es leider gethan , jetzt ist es zu spät . Julie ist verloren , und der arme unglückliche Iwan ebenfalls . Ich hätte beide retten können . Ach ! der Übel größtes ist die Schuld ! Die Bahn war gebrochen ; Frau Karoline war , sich selbst unbewußt , wieder in ihre gewohnte Weise gerathen , und Eugen erhielt endlich von ihr einen umständlichen Bericht von Juliens Flucht , oder Entführung , wie er lieber es nennen mochte . Beide , Julie und Torson , hatten bis zur letzten Stunde jede Vermuthung ihres Vorhabens durch ihr Betragen von sich fern zu halten gewußt . Nur am Abende des letzten Tages , den sie in dem gastlichen Hause zubrachte , klagte Julie über einen leisen Anflug von Migräne , der sie zuweilen unterworfen war . Der Schmerz steigerte sich oft zu einem hohen Grade , hielt aber nie lange genug an , um ernstliche Besorgniß zu erregen . Frau Karoline rieth ihr , sich gleich zur Ruhe zu begeben , wie sie in solchen Fällen immer that , half ihr sich unbemerkt aus der Gesellschaft zu entfernen , in welcher auch Iwan und Lunin gegenwärtig waren , und begleitete sie auf ihr