bestätigte , so bin ich noch mehr an jener in Ansehung des Fräuleins Albertine irre geworden . « » Wieso ? « » Sie ist ja so liebenswürdig , innig und kindlich freundlich , daß deine Schilderung gar nicht auf sie paßt . Und ihre Stimme , ohne ihre anderen Vorzüge ! Ich habe noch nicht leicht einen Ton gehört , der so unmittelbar zum Herzen spricht . Man braucht nicht einmal auf den Inhalt ihrer Rede hinzuhorchen , so erweckt der Silberklang dieses schönen Organs auch ohne weiteres poetische Vorstellungen in unserm Gemüt , eine anmutige Rührung , eine schöne Erhebung unsers Geistes . « » Still ! mein Freund « , rief Elsheim , » du bist ganz nahe daran , dich in dieses Gesichtchen und die klaren blauen Augen zu verlieben , wenn es nicht schon geschehen ist . - Nun , was werde ich über Charlotten hören ? « » Verliebt ! « rief Leonhard , » sieh Freund , dies ist eins von den Worten , die in der Welt am allermeisten gemißbraucht werden . Ich werde einer solchen Gefahr nicht unterliegen . - Nun , Charlotte ? diese ist eins von den Wesen , so scheint es mir nach kurzer Bekanntschaft und Beobachtung , über welche es unendlich schwer vielleicht unmöglich ist , ein wahres Urteil zu fällen . Sie ist ein tiefes , poetisches Gemüt , schweigsam , weil ihr der gewöhnliche hergebrachte Ausdruck nicht genügt , weil der gemeine Gegenstand der meisten Reden und Gespräche ihr wohl zu gering sein mag . Sie scheint ganz Leidenschaft und Enthusiasmus . In ihrer Nähe und von ihren Worten berührt , ist mir gewesen , wie in der schönsten , ganz poetischen Einsamkeit . Wald und Fluß sprechen dann auch , aber in gereizter und erhobener Stimmung so innigst , daß jeder der rätselhaften Laute ebensosehr zum Schmerz als zur Wonne wird . « » Du bist in einer fatalen hyperpoetischen Stimmung « , antwortete Elsheim . » Auf solchen Wegen wirst du die Menschen niemals kennenlernen . Ich sage dir , deine vergeistigte Albertine ist ein albernes Gänschen , und diese deine wundersame Charlotte eine recht eigentliche Kokette , nur auf ihre eigentümliche , etwas seltsame Art. Dich haben gewiß in früher Jugend auch jene Sterne , Sonnen und Blumen erfreut , die man aus dunkelroter , oder rubinfarbener , himmelblauer und glänzend grüner Folie und dünnen Blechen schneidet . Diese Zieraten waren einmal sehr Mode . Wie matt sieht gegen diese funkelnden Stücke jede Malerei aus ! Selbst die Natur kann in Laub und Blumen nicht mit diesen Prachtstücken wetteifern . Aber nur ein kindischer Sinn wird davon geblendet , der Maler kann diese Effekte weder hervorbringen , noch will er es . Die heilige Zartheit der Natur zieht sich vor jedem Wettstreit mit diesen Dekorationen zurück . Zu diesen zauberischen Prunkflittern , diesen dunkelglänzenden Folieblumen gehört eben Charlotte . « » Du nennst sie Kokette « , sagte Leonhard ; » ist sie es , so muß man sie hassen . « » Warum das ? « fragte der Freund ; » nur nicht Natur , Gesinnung , Gemüt und Wahrheit in ihr sehen wollen , oder die Begeisterung und Freude von ihr erwarten , die uns ein Kunstwerk zuführt . « » Du bist deiner Sache auch vielleicht zu gewiß « , erwiderte Leonhard etwas empfindlich ; » vielleicht wäre die Verbindung mit Albertinen - du sagtest mir , daß deine Verwandten sie wünschten - dein Glück . « » Wie bist du nur ? « rief Elsheim aus , » ich kenne dich heut nicht wieder ; du solltest doch deine Freude , die du an diesen törichten Mädchen hast , nicht mir anzwingen wollen . Suche jeder sein Glück auf seinem eigenen Wege . « Leonhard wollte eben antworten , als sie durch einen Bedienten unterbrochen wurden , der , weil er den jungen Baron schon allenthalben gesucht hatte , keuchend in die Laube trat . » Was gibt ' s ? « fragte dieser . » Ach ! gnädiger Herr « , sagte der Diener , » hier ist der alte Förster Rudolf , der im Hause und im ganzen Garten herumläuft , heulend und schluchzend , und der Sie mit aller Gewalt sprechen will . « Elsheim ging dem alten Jäger entgegen , und dieser lief schon mit den Zeichen des größten Schmerzes auf ihn zu , die Hände ringend und dann wieder mit seinem Tuch die Augen trocknend . » Alter , um Gottes willen ! « rief der junge Edelmann aus , » was ist Euch für ein Unglück begegnet ? Faßt Euch , alter Mann ! « Mit den Worten ergriff er die Hand des Alten und suchte ihn zu beruhigen , erschrocken , wie er selber war . » Oh , gnädiger Herr « , klagte der Alte , » daß mir noch in meinen allerletzten Tagen dergleichen begegnen muß ! Ich dachte , nun bald mit Ehren in die Grube zu fahren , und soll noch solchen Schimpf vor meinem seligen Ende erleben ! « » Aber was ist Euch zugestoßen . « » Man sagt ja « , rief der Förster , » daß Sie es durchaus wollen , junger Herr . Der Heinrich ist zu mir gelaufen gekommen , ich soll einen Komödianten abgeben , und wenn es noch Kaiser , König , oder eine Art Herzog wäre , den ich aufführen soll ! Nein , geradezu einen Spitzbuben , einen Mordbrenner ! Und auch das würde ich mir noch gefallen lassen , wenn der Mensch noch ein ehrlicher , ordinärer Spitzbube wäre . Aber einen Zigeuner soll ich agieren ! Ich werde vor allen meinen Jägerburschen zu Schimpf und Schanden , denn es sind noch nicht zehn Jahre her , als sie drüben , jenseits , über der Grenze einen solchen verruchten Zigeuner aufknüpfen taten , wie er es auch verdiente . Damals ist die ganze Landschaft von hier , und ich selber mit , hinübergelaufen , um den Skandal anzusehen . Und nun soll ich einen solchen giftigen heidnischen Hund vor meiner Herrschaft und allen Dienern und den Fremden vorstellen . Das überleb ich nicht . « Elsheim nahm den alten Mann , der ganz außer sich schien , beiseit und ging in der Lindenallee lange mit ihm auf und ab , um ihn durch gütliches Zureden zu beschwichtigen . Leonhard beobachtete aus der Ferne ihr lebhaftes Gespräch , und als sich die Freunde am Abend wieder trafen , sagte der Baron : » Nun fängt das Leiden der Komödie auch schon an , daß die Menschen nicht mit ihren Rollen zufrieden sind . « Es vergingen nun mehrere Tage unter mancherlei Zerstreuungen und verschiedenen Arbeiten . Das Theater war unter Anleitung Leonhards und des Barons Mannlich schon bedeutend vorgeschritten ; man hatte die Leseprobe gehalten , zu unendlicher Ergötzlichkeit der kleinen mutwilligen Dorothea . Denn bei Abschrift und Austeilung der Rollen hatte es sich erst erwiesen , daß man eine der hauptsächlichsten bis dahin völlig vergessen hatte , den muntern , herrlichen , treuen Georg nämlich . Nun bat man dringend und freundlich , daß Dorothea diesen , statt ihrer Zigeunerin , übernehmen möge , und sie ließ es sich endlich gefallen , in der Tracht eines Knaben aufzutreten . Beim Lesen ihrer Rolle wendete sie manche Stellen höchst mutwillig so , daß es wie Verspottung der zerstreuten und vergeßlichen Direktoren klang . » Da flog das Meislein auf ein Haus und lacht den dummen Buben aus « , klang , von ihrem Gelächter akzentuiert und durch ihre Blicke kommentiert , für den Baron Mannlich fast etwas zu anzüglich . Indessen ließ sich seine ehrenfeste Haltung von dem kleinen Schadenfroh , wenn auch einige mitlachten , nicht aus der gesetzten künstlerischen Fassung bringen . Leonhard hatte auch schon einen Brief von seiner Frau durch seinen Freund erhalten , nachdem er ihr sogleich nach seiner Ankunft auf dem Gute geschrieben hatte . In seinem Hause stand alles gut , und so war er jeder Sorge enthoben . Ein Teil der Gesellschaft hatte sich bei dem schönen Wetter auf die Reise begeben , um einige theatralische Vorstellungen in einer namhaften Stadt , wo sich derzeit eine gute Schauspielertruppe befand , anzusehen . Der Ort war zwar eine ganze Tagereise entfernt , indessen bestand diese Sommergesellschaft , die sich auf dem Landhause versammelt hatte , aus Menschen , die mit der Zeit etwas großmütig umgehen konnten , weil sie , Leonhard abgerechnet , alle ohne Beruf und Beschäftigung waren . Elsheim vorzüglich betrieb diese Reise , da er sich von der Langeweile und Anstrengung erholen wollte , die ihm die gerichtliche Übergabe des Gutes verursacht hatte , wobei die Förmlichkeiten , die Gerichtspersonen , das Zeremoniell und alles , was zu dergleichen Akten gehört , ihn wirklich sehr verstimmten und ihm in diesen Tagen für sein Theater und die poetischen Ergötzlichkeiten keine Zeit übrigließen . Als die jungen Leute nach vier Tagen etwas ermüdet zurückkamen , so wendeten sie sich wieder zu ihren theatralischen Belustigungen . Es war jetzt auffallend , wie oft man Leonhard mit Charlotten im eifrigen Gespräche sah , und wie die Schweigsame eilig in Fragen und Antworten war . Elsheim beobachtete sie lächelnd aus der Ferne und wendete sich zuweilen an Dorothea , um mit dieser über das Bündnis zu scherzen , welches jene beiden auf dieser Reise geschlossen zu haben schienen . Dorothea selbst aber war unterweges der schwermütigen Albertine viel nähergekommen , und es bildete sich schnell eine vertraute Freundschaft unter den beiden jungen Mädchen , von denen jedermann bisher geurteilt hatte , da ihre Art und Weise so völlig verschieden war daß sie sich niemals einander nähern würden . Unter den Männern verbanden sich , sowie Elsheim den Baron Mannlich mehr vernachlässigte , dieser und Graf Bitterfeld mit jedem Tage inniger . Der Graf bewunderte die ausgebreiteten Kenntnisse seines neuen Freundes , so wie er immerdar von seiner Biederkeit gerührt wurde . Mannlich war gegen diese Anerkennung sehr dankbar , und übersah mit Freundlichkeit die Unwissenheit seines Genossen , dessen edles Herz und Menschenkenntnis er um so höher stellte . Am einsamsten schien sich der Professor Emmrich in diesem bunten Zirkel zu befinden . Er studierte viel in seiner Gartenwohnung , die ihm Elsheim , weil er des Freundes Launen kannte gern eingeräumt hatte . In diesem abgelegenen Pavillon sah die Dienerschaft noch oft Licht , wenn im Schlosse schon längst alles zur Ruhe gegangen war . Emmrich hatte es sich schon früh angewöhnt , in der Nacht fast mehr als am Tage zu leben ; er bedurfte nur wenigen Schlafs und weniger Nahrung und hielt in seiner bizarren Laune das meiste von dem , was andere Menschen Naturbedürfnisse nannten , nur für Angewöhnung und Nachgiebigkeit gegen Schwächen . So konnte er lange fasten , viele Meilen dabei zu Fuß gehen , ohne sich ermattet zu fühlen , und er gestand , daß er fast niemals Hunger oder Durst empfinde und sich ebenso ohne Anreiz , nur mit willkürlichem Vorsatz an die Tafel begebe , wie er sich zum Schlafe endlich niederlege , ohne sich jemals überwacht zu fühlen . Diese seltsame Lebensweise war auch die Ursache , daß sich viele Menschen vor ihm fürchteten , welche unheimliche Furcht sein klarer Verstand und unbestechliches Urteil noch vermehrten . Denn viele Menschen mögen mit sich selbst und ihren sogenannten Freunden nur in einer gewissen Dämmerung leben , wo nichts bestimmt gesehen und unterschieden , wo nichts scharf ausgesprochen wird . Um so schlimmer , wenn diese einmal aus ihrem Schlaf erwachen . Darum erregt es dem Menschenkenner kein Erstaunen , wenn so oft Freundschaften , die innig schienen , sich um eine Kleinigkeit lösen und zuweilen sogar in bittern Haß verwandeln . Am meisten war Emmrich mit der verständigen Tante in Gesellschaft , und es war sichtlich , daß auch er Albertinen , welche von der Tante vorzüglich geliebt wurde , den übrigen jungen Frauenzimmern vorzog . » Du wirst krank werden , Albertine « , sagte Dorothea , indem sie die Freundin liebkoste . Die beiden Mädchen hatten sich von der Abendgesellschaft zurückgezogen und saßen , in traulicher Dämmerung plaudernd und erzählend , einsam im Zimmer der Tante . » Wie ich dich kennenlernte « , fuhr Dorothea fort , » warst du so heiter , sahst so klar aus den Augen , sprachst so richtige Vernunft , daß es eine Freude war , dich zu hören und zu sehen . Und auch noch jüngst , als wir hieher reiseten - wie heiter und selbst fröhlich warst du - und jetzt verfällt dein Gemüt von Tage zu Tage mehr . Unsere Herzen sind sich auf der Reise so schön begegnet ; so gestehe mir nun auch , was dich so traurig machen kann . « » Ich weiß es selbst nicht « , erwiderte Albertine , indem sie weinend die Freundin umarmte . » Es ist ja so schwer , das , was uns oft ängstigt , in Worte zu fassen . Du bist immer heiter und unbesorgt , dich ängstigt das Leben noch nicht , und darum hüte dich , daß du nicht auch einmal in diese Stimmung gerätst . Sieh , mein Herz , das Leben selbst ist es , was mich so wehmütig stimmt , denn ich wüßte mich für meine eigene Person über nichts zu beklagen . Wie schnell ist der Frühling vergangen , wie bald wird der Sommer vorüber sein ! Wie hinfällig ist alles , wie vorübergehend und in den Händen verwelkend , worüber wir uns freuen möchten ! Alles verschwindet , ehe wir es genossen haben , und jeder folgende Tag straft uns Lügen , daß wir uns gestern auf ihn freuen konnten . « » Das kann ich dir alles nicht glauben « , erwiderte Dorothea ; » ich habe zwar noch nicht so gar viele Erfahrung , aber ich denke denn doch , alle diese Weichmütigkeiten kommen uns erst , wenn irgend was Wirkliches , ein wahres Leid unser Herz belästigt . Dich drückt etwas , du geliebtes Wesen , und du willst es mir entweder nicht bekennen , oder weißt es noch selber nicht recht , wie denn das auch wohl zuweilen der Fall sein mag . « » Nein , Geliebte « , erwiderte das trauernde Mädchen , » mir ist wohl , mir selbst tritt nichts feindlich entgegen ; es ist eine allgemeine Trauer , die sich meiner bemeistert hat , eine Wehmut , möcht ich doch sagen , über alles Geschaffene . Du bist jetzt meine Freundin ; weiß ich , wie lange du es sein kannst und wirst ? ob du mir nicht einmal , vielleicht bald , feindlich gesinnt bist ? Wie wandelbar , wie schwach ist das menschliche Gemüt ! Ich habe ja dergleichen auch schon in meinem jungen Leben erfahren . « Jetzt wurde auch die muntere Dorothea betrübt und sagte : » Nein , so weit muß deine Schwermut nicht gehen , daß du deinen Freunden unrecht tust , du versündigst dich damit . Man muß dich schwer verletzt haben , daß es dir möglich ist , so unbillig zu sein . « » Nein ! nein ! « rief Albertine heftig , » du irrst dich , mein Herz , und so laß uns denn lieber von anderen Dingen sprechen . Wie hast du dich auf dieser Reise unterhalten ? « » Angenehm genug « , erwiderte die Kleine ; » denn erstlich haben wir einander näher kennengelernt , dann habe ich viel Neues gesehen , eine Oper , die mir fremd war , und ein neues Lustspiel , das Museum , die vielen Gemälde , die große Wachtparade , und was dann noch außerdem an der zahlreichen table d ' hôte im eleganten Gasthofe vorfiel . « » Ja , ja , viel Neues ! « sagte Albertine seufzend , » wären die Sachen nur auch löblich , wahrhaft aufregend gewesen . Diese armselige Oper und diese neue Sorte von Theaterstücken - wie kann man nur Interesse an ihnen nehmen ? « » Doch , wenn man jung ist . Sind wir denn nicht überhaupt dazu da , immerdar etwas zu lernen ? « So sprach Dorothea , und Albertine sah sie forschend an und fuhr dann fort : » Sieh , mein Kind , ich verstehe die Menschen gar nicht mehr . Nicht wahr , mein Vetter , der junge Elsheim , wird von allen Leuten für einen sehr angenehmen Menschen gehalten ? Man nennt ihn geistreich , wohlgebildet , fein , witzig , wohlwollend , selbst gelehrt , und wer weiß was nicht sonst noch alles ! Und doch sind wenige Männer , vielleicht gibt es keinen einzigen der mir in jeder Minute , ja fast in jedem Augenblick , wenn ich in seiner Gesellschaft bin , einen so lebhaften Unwillen , ja einen tief empfindlichen Schmerz erregt . Wie ist es dir denn in seiner Gegenwart ? « » Mir ? « fragte Dorothea ; » wahrlich , mir ist es noch gar nicht einmal eingefallen , mir diese Frage zu stellen . Er gefällt mir übrigens ganz wohl und kommt mir vor , wie die meisten Männer . « » O du unschuldiges Kind ! « rief Albertine aus - » du siehst also nicht , wie in diesem jungen , hübschen , hochfahrenden Mann die ganze Verkehrtheit unsers Zeitalters so recht sichtlich dargestellt ist ? Wie ist er mit sich selbst zufrieden , wie belehrt und hofmeistert er oft andere über Dinge , die diese doch viel besser wissen . Er ist freundlich gegen alle ohne Ausnahme , aber in diesem Wohlwollen ist so viel bewußte und absichtliche Herablassung , daß es den Unschuldigen , dem er sich auf diese Weise nähern will , weit mehr verletzen , als erfreuen muß . Und sein Lachen , sein höhnisches Lachen - meist über Dinge , die ihm nur deswegen komisch vorkommen , weil er sie nicht versteht . Ist nicht ein recht hochadliger Hochmut in seiner Art , wie er mit seinem bürgerlichen Freunde Leonhard umgeht , der ihn doch , sogar in Gesellschaft , du nennen darf ? « » Kind « , sagte Dorothea , » du tust dem Vetter unrecht . Er ist ein ganz gutmütiger und , wenn ich es recht überlege , ein allerliebster Mensch . So gefällig , so nachgiebig , der beste Wirt ; gegen seine Mutter , die er doch so sehr übersieht , so ganz kindlich , so daß er es sie nie merken und empfinden läßt , wenn sie manchmal in seiner Gegenwart so ganz einfältig spricht . Er muß dich einmal eigen beleidigt haben , oder ein Fremder hat dich gegen ihn aufgebracht , sonst ist mir alles dies unerklärlich . « » Sind doch andere Männer « , fuhr Albertine fort , » ganz anders beschaffen . Betrachte nur diesen bescheidenen , wahrhaft verständigen Leonhard . Möchte ich diesen doch das Muster eines gebildeten Mannes nennen , so ruhig und fest steht er auf sich selbst und bedarf keiner Bestätigung von außen oder von andern . Er hat auch gar nicht das männlich Männliche , was mir schon als Kind so anstößig und ärgerlich war . « » Ich verstehe dich wieder gar nicht « , sagte Dorothea . » Das ist ja mein Leid « , fuhr Albertine fort , » daß ich so ganz anders empfinde , und nichts davon - , noch dazutun kann . Ist es dir denn nicht schon einmal im Leben recht empfindlich zuwider gewesen , wenn Männer beisammen sind und etwa im Preisen einer Pastete , oder eines delikaten Weines sich ergehn ? Hast du denn noch niemals bemerkt , daß dann dieser und jener auf eine recht widerliche Art den Mund verzerrt , schielt und lächelt und mit den Augen blinzelt ? Mag das Gespräch vorher gewesen sein , welches es wolle , von Religion , Natur oder Kunst , wobei sie sich oft recht erhaben vorkommen : - nun wird dieser Ton angeschlagen - und das Tier , das gleichsam künstlich untergeschoben , an den Ketten der Förmlichkeit und Heuchelei festgebunden lag , springt nun plötzlich hervor . Viele finden dergleichen an solchen Männern liebenswürdig , und ich schwöre dir , mir ist schon oft ein Grausen darüber angekommen . Und wenn ich mir dann denke : dieser , der bei Erinnerung an einen sinnlichen Genuß so widerwärtig grinsen kann , so garstig lachen - dieser soll sich irgendeinmal einbilden , er könne lieben , oder werde es einem armen getäuschten weiblichen Wesen vorlügen - oder gar ich selbst könnte seiner Falschheit unterliegen - so muß ich schaudern . - - Siehst du , Dorothea , nun bist du selbst nachdenklich geworden . « Es war wirklich so . Die Kleine hatte den Kopf in die Hand gestützt und machte eine Miene , wie sie Albertine noch niemals an ihr bemerkt hatte . » Du hast wohl nicht unrecht « , sagte sie nach einer Pause recht schwermütig , » es kann oft im besten Menschen etwas sein , was eigentlich , wenn man es genau nimmt , recht unmenschlich ist . Ich habe nur niemals darauf achtgegeben , oder , wenn ich es einmal bemerkte , und es mir widerlich auffiel , habe ich es nicht so wichtig genommen . « » Und nun gar « , fuhr Albertine mit unterdrückter Stimme fort , » wenn sie von Mädchen und Frauen sprechen , und man , ohne es zu wollen , ihre Erzählung zufällig anhört , wie sich wo unversehens eine Schulter , oder ein Busen enthüllt , oder gar ein Knie entblößt hat : - plötzlich dann jene Satyr-Larven , jenes Faunen-Gelächter , an dem sich die Brüderschaft erkennt und ohne Worte sich zuruft : Lassen wir die Maske fallen , zwingen wir uns nicht , da wir uns doch alle gegenseitig als Tiere und Vieh längst kennen ! « Die Mädchen sanken sich weinend in die Arme . » Ja , ich bin krank « , sagte Albertine dann , » am Leben krank , und der Tod ist vielleicht meine Heilung . Wie oft träumte ich in meinem kindischen Sinn , daß der echte Mann zugleich das Wesen einer Jungfrau haben müsse . « » Manche von uns « , erwiderte Dorothea kleinlaut , » sind aber auch nicht viel besser . Und viele Bücher in Prosa , wie in Versen suchen ja auch alles das , worüber wir hier klagen , lächerlich zu machen . Ach ja , man muß sich eben , um leben zu können , in alles finden . « » Ich will aber nicht ! « rief Albertine mit der größten Lebhaftigkeit , » - hörst Du ? ich will es nicht ! Und sieh , der Elsheim , den du vorher so verteidigen und loben wolltest , ist in allen diesen Punkten einer der Schlimmsten . Nicht wahr , ich werde den meisten rasend vorkommen , wenn ich verlange , daß Mann und Frau , Vater und Mutter auch in der Ehe noch unschuldig bleiben sollen , daß den Geliebten nach dem höchsten Genuß ein Händedruck seines Mädchens noch so beglücken soll , wie beim ersten scheuen Begrüßen ? « » Ach , Liebe , Liebe « , sagte Dorothea und schmiegte sich an die Freundin , » du sprichst da etwas Göttliches aus , worüber wir vielleicht alle unsere schönen Träume haben . Wörtlich sagt dasselbe auch Novalis , was du eben aussprachst . « » Novalis ? « » Dieses herrliche Buch will ich dir geben , du mußt es lesen , es ist erst ganz kürzlich herausgekommen « , antwortete Dorothea . » Ach Kind « , fuhr Albertine fort , » du wirst mich für ganz töricht halten . Erzähle wenigstens keinem Menschen , auch der Tante nicht , von dem , was ich dir eben anvertraut habe . Ist mir Elsheim gleich zuwider , so kann ich ihn doch nicht hassen . Oh , seine Blicke sind oft fürchterlich ! In der Gemäldegalerie dort in der Stadt und noch mehr unter den Antiken und Abgüssen wußte ich mich , von seiner Gegenwart geängstigt , gar nicht zu lassen . Die Unschuld selbst , das Heilige und die Größe der Kunst wird anstößig und zum Frechen , wenn er erst diese nackten Bilder und dann dich mit jenem kritischen forschenden Auge mustert . Ich hätte mich so gern dort unter den Götterbildern recht ergangen und mein Gemüt in dieser Schönheit erhoben , aber diese Säle wurden mir durch seine schuldvollen Blicke ein Aufenthalt der Sünde . O welche Verschiedenheit unter den Männern ! Dieser Leonhard mit seinen redlichen , unschuldigen Augen könnte selbst dem Zweideutigen Reinheit geben . Er war in diesen beklemmenden Stunden mein einziger Trost . Mit ihm könnt ich allenthalben sein , ohne mich gestört zu fühlen . In seinem Wesen herrscht das vor , was ich das Weibliche , das Jungfräuliche nennen möchte . Wie glücklich muß die Gattin und die Geliebte sein , die er sich auserwählt ! Ich bilde mir ein , daß es nur wenige Männer gibt , wie diesen . « » O mein Kind ! mein armes Kind ! « rief jetzt Dorothea aus , » dachte ich es doch , daß dein Leidwesen aus einer ganz andern Gegend herstammen müsse . Wie soll das endigen ? Was soll daraus werden ? « » Nun ? « fragte jene erstaunt , » und was ist es denn , das mir fehlt ? « » Du hast dich « , war die Antwort , » in diesen fremden Menschen , in diesen Leonhard sterblich verliebt . Oh , du Unglückselige ! mich dünkt , ich habe gehört , er sei schon verheiratet . « Die beiden Mädchen waren jetzt aufgestanden . » Verliebt ? « sagte Albertine nachdenkend - » und in Leonhard ? Nein , liebste Freundin , das kann ich doch unmöglich glauben . « » Alle Merkmale sind da « , sagte Dorothea seufzend , » es ist so klar , daß du es nur nicht mehr leugnen solltest . « Es war ganz finster geworden , und ein Bedienter , welcher sie schon allenthalben gesucht hatte , rief sie zur Gesellschaft ab , die sich im Komödiensaal versammelt hatte , um die eben fertig gewordene Walddekoration zu betrachten , die dort aufgestellt war . Sie gingen hinüber und fanden die Freunde und Bekannten , die bei angezündeten Lampen das neue Kunstwerk beurteilten und sich daran freuten . Am lautesten sprach der Maler selbst , ein kleiner dicker Mann , der in einem nahe gelegenen Städtchen ansässig war . Er setzte die Richtigkeit , die Perspektive und die Schönheit aller einzelnen Teile weitläufig auseinander , und der Professor Emmrich schien ihm mit der größten Aufmerksamkeit zuzuhören . Die Wand , sowie die Kulissen waren ziemlich grell gefärbt , und es war augenscheinlich nur guter Wille der Anschauenden , wenn sie dem Lobredner in keiner seiner Behauptungen widersprachen . Als sich der Künstler entfernt hatte , sagte Emmrich : » Es ist für mich fast rührend , einen schwachen Handwerker dieser Art zu sehen , wenn er in seiner Mittelmäßigkeit meint , ein Meisterwerk verfertigt zu haben . Wer könnte so grausam sein , den von seiner Kunst Entzückten auch mit dem gegründetsten Tadel zu Boden zu schlagen ? Lassen wir ihm das Glück seiner Einbildung , denn für das , was uns sein Machwerk nutzen oder bedeuten kann , ist es immer gut genug . Grün ist der Wald wenigstens , das kann niemand leugnen , und das können manche wirkliche Wälder in der Mark und auch anderswo nicht zu allen Zeiten von sich rühmen . « » Als wenn er es besser machen könnte ! « sagte Graf Bitterfeld zu Elsheim und Leonhard , die etwas entfernt standen . » Der gute Mann « , fuhr der Graf fort , » will in allen Dingen den Kenner spielen , und das ist recht bequem und leicht , wenn einer , wie der Professor , kein eignes bestimmtes Fach hat , in welchem er sich auszeichnen könnte . « Als der Graf sich entfernt hatte , sagte Elsheim zu Leonhard : » Mit diesem Emmrich mußt du nähere Bekanntschaft machen . Er ist ein tüchtiger Mann , ein Original , wie sie immer seltner bei uns werden , selbständig bis zum Eigensinn , dabei aber billig und freundlich . Er ist hart und tadelt oft scharf diejenigen als Schwächlinge , die sich beim Frost zu sehr beklagen , und verachtet geradezu alle , die in der Hitze verschmachten wollen . Und doch ist kein Mensch auf Erden in einem Punkt so schwach , ja lächerlich empfindlich , als er selbst . Dieser Punkt betrifft den Zug . Er kann heftig bis zur Grobheit werden , ja selbst tyrannisch , wenn irgendwer durch übereilte Öffnung eines Fensters oder einer Tür plötzlich Zugwind erregt . Er behauptet , dieser sei eigentlich das gefährlichste Gift in der Welt , und Tausende von Menschen stürben an diesem Arsenik ; doch sei für einen solchen offenbaren Giftmischer in den Gesetzen keine Strafe festgestellt , was eine Barbarei der Zeit beweise und eine gefühllose Unachtsamkeit der meisten Menschen , die doch sonst für Leben und Gesundheit so übermäßig ängstlich besorgt wären . Die Ärzte schilt er , was diesen Punkt betrifft , Ignoranten , und er ist fest überzeugt , daß alle diejenigen , die sich dem Zuge aussetzen und auch in scheinbarer Gesundheit keinen Nachteil spüren , es in Zukunft durch Schmerz und Krankheit abbüßen müssen . - Doch sieh , nun geht die Tür auf ; jemand hat das Fenster geöffnet ; ich bin überzeugt , er fühlt nichts davon , aber aus Vorurteil , aus Vorsatz wird er dennoch totenblaß . Laß uns näher treten ;