es mir , als ob in seinen Augen so etwas unaussprechlich Anziehendes läge , eine Mischung von Geist und Schwermuth , geschaffen , die Gemüther in der grenzenlosesten Hingebung zu fesseln . Er hat die Augen der Stuarts , sagte die jüngere Herzogin mit hervorgehobener Kälte ; man hat stets viel und in vielen Verhältnissen und an den verschiedensten Individuen von ihrer Zauberkraft gefabelt , und obwohl sie mir diesen Eindruck nie machten , sehe ich doch , die Wirkung blieb für meinen Sohn aufgehoben . Denn wahrlich , fuhr sie fort und streckte die Hand , sich erheiternd , nach ihm hin , Du glühst in der Erinnerung dieser Augen , und Dein künftiger König mag mit Empfindungen zufrieden sein , die Dich , wie es scheint , in grenzenloser Ergebenheit an ihn fesseln werden . Ja , theure Mutter ! Ich würde für den Prinzen , den ich von Kindheit an liebte und durch des Vaters Erzählungen fort lieben lernte , mit Entzücken mein Leben geben , und er wird in mir einen Unterthanen finden , wie er ihn hoffentlich nie bedürfen wird , der seine Rechte mit Gut und Blut zu vertheidigen bereit wäre . - Er wußte nicht , wie er in diesen Worten sowohl sein , als des Prinzen späteres Schicksal bezeichnete . So wird in unserer Empfindung oft Jahre lang vorher die Fähigkeit vorbereitet , die das Leben späterhin in das Dasein ruft , und wir nehmen oft den Platz wirklich ein , den wir in der Jugend mit unsern Träumen und Wünschen umschlichen , ohne seine Erreichung für möglich zu halten . Wer möchte die Grenzen bestimmen , die unser inneres Streben , das uns oft selbst nicht deutlich wird , hier in einem höhern Willen findet ; wer kann sagen , ob wir das Schicksal heranzogen durch die Richtung , die wir uns gaben ; oder ob es das Schicksal war , welches uns gerade diese Richtung der Ansichten und Empfindungen aufnöthigte , deren wir oft nicht eher uns bewußt werden , als eben in dem Augenblicke , der sie zugleich in Thaten hervortreten läßt . - Die begeisterten Worte des Jünglings hatten eine augenblickliche Stille des Nachdenkens veranlaßt , und vielleicht mochten in den älteren Personen sich ähnliche Gedanken regen ; doch die Herzogin liebte nicht , in fremde Empfindungen einzugehen , und hielt gern sich und Andere in den ihr bereits bequem gewordenen Grenzen . Der Prinz war der Freund meines Gemahls , hob sie an , als ob sie dadurch Alles ausdrücken wolle , was er in ihrem Antheile besitzen könnte , aber ich gestehe , daß ich mich nie bis zu einer Bewunderung dessen habe erheben können , was in meinen Augen selbst in dem Falle , der ihn in den Deinigen , mein Sohn , so zu erheben scheint , nur eine unmännliche Schwäche war . Was ist mehr Gottes unmittelbarer Wille , als der Standpunkt , auf dem wir uns durch unsere Geburt befinden ? Mögen Andere mindern Ranges darüber noch in Zweifel sein , der Prinz , der künftige König , muß es wissen , daß er nicht seinen Privat-Empfindungen angehört , und der hohe Beruf , der ihm geworden , dächte ich , müßte das Herz zu größeren Empfindungen entflammen und ihm wohl einen starken Ersatz für jene kleinen Tändeleien des Herzens gewähren , fühlt er sich anders wahrhaft fähig , der großen Anforderung seiner Geburt zu genügen . Könige haben andere Gründe , sich zu vermählen , sie müssen diese Pflicht gegen ihr Volk erfüllen , und müssen , auch ohne ihr Herz , eine solche Ehe würdig zu gestalten wissen . Man sollte überhaupt auch in andern Ständen , etwa als Oberhaupt einer bedeutenden Familie , sich frei zu erhalten suchen von einer Leidenschaftlichkeit der Empfindungen , die uns nur zu leicht aus dem Gleichgewicht zieht , mit dem wir allein im Stande sein werden , ausgedehnte Pflichten zum Nutzen und Beispiele der uns Anvertrauten zu erfüllen . Ich möchte jungen Leuten , die eine Laufbahn beginnen , immer zurufen , erst den Standpunkt zu prüfen , auf den sie durch ihre Geburt gestellt wurden . Was ihnen dann zulässig wäre , würden sie leichter und geschickter wählen , als wenn sie sich regellos entwickeln und ihren Verhältnissen aufnöthigen , was ihre Leidenschaften ihnen nicht zu unterdrücken gestatten . Welche unselige Verwirrungen hat dies in die ehrwürdigsten Familien geführt ! Glaubet nicht , theure Mutter , erwiederte der Herzog , daß ich solcher Verwirrung das Wort redete , aber ein Herz , welches einer tiefen und starken Empfindung in der Liebe fähig ist , müßte , dachte ich , auch den warmen Impuls der Tugend und Pflichttreue dadurch in sich verstärkt fühlen . Ich wollte nicht tadeln , was Du sagtest , entgegnete die Herzogin ; hätte es mir Unrecht geschienen , würde ich Dich ohne Einkleidung meiner Meinung gewarnt haben . Ich ehre vollkommen eine aufrichtige Liebe zu unserm Lehnsherrn , wie ich sie in Deinen Aeußerungen erkannt habe ; ich würde meinen Sohn verkennen , wäre es anders . Doch laß uns auf etwas kommen , was mich zu hören verlangt ; Du bist mir noch Deine Aufnahme bei ' m Könige schuldig . Willst Du der Großmutter und mir Einiges darüber mittheilen ? Der König war sehr gütig , und seine Gesinnungen für unsere ganze Familie sind höchst ehrenvoll ; aber die eigentliche Ceremonie ward seiner Gesundheit halber sehr abgekürzt . Auch fand ich ihn so verändert , daß ich ihn wohl unter andern Verhältnissen , die ihn weniger kenntlich gemacht hätten , kaum wieder erkannt haben würde . - Wie ? sagte die alte Herzogin , ist er leidend , oder ist schon wirklich Gefahr für unsern guten Herrn ? Dies möchte ich nicht gerade behaupten , nahm Graf Archimbald das Wort , doch hat er eben ein böses Fieber überstanden , und in seinen Jahren bleibt allerdings eine gänzliche Herstellung zweifelhaft , oder doch nur langsam zu erwarten . Ich habe die Veränderungen seiner Gesundheit auch bemerklich gefunden . Auch scheint ihn Gram und Sorge über die Reise seines Sohnes sehr erschüttert zu haben , setzte der junge Herzog hinzu ; denn er redet Jeden an , um ihm darüber seinen Schmerz und seine Besorgniß auszudrücken . Diese große Reizbarkeit läßt auf eine allgemeine Schwäche schließen , fuhr Graf Archimbald fort , denn wenigstens bis jeßt sind die Nachrichten aus Spanien so glänzend , daß es scheinen will , das Glück wolle es übernehmen , die kleine Uebereilung unsers theuern Prinzen wieder gut zu machen . Wir haben dies alle dem unvergleichlichen Benehmen des Grafen Bristol zu verdanken , der dem Prinzen eigentlich den Boden bereitete , auf welchem er siegend einher zu gehen scheint , und der auch bei der überraschenden Ankunft des Prinzen mit der größten Geistesgegenwart seine Maaßregeln besser nahm , als unsere nachkommenden Depeschen sie ihm angeben konnten . Und so wäre diese Sache also wirklich durch den raschen Entschluß des Prinzen befördert ? fragte die alte Herzogin . Dies zu bestimmen , möchte ich vor der Rückkehr des Prinzen nicht übernehmen , sagte lächelnd Graf Archimbald , denn der Herzog von Buckingham begleitet ihn , und wer weiß , ob der Graf von Bristol seine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll betreibt . Wie verstehst Du das ? fragte , unschuldig ihn anblickend , die alte Herzogin . Wozu , theure Mutter , sagte der Graf , fast zärtlich ihre Hand nehmend , wozu willst Du mit Deinem reinen Geiste Dich zu den Schlangenwegen der Politik , des Neides und Stolzes herablassen ? In Deiner Nähe vergesse ich am liebsten den wunderlichen Verkehr der Außenwelt , wenn ich ihr nachher auch wieder angehöre , durch Erziehung und einmal übernommene Stellung . Meldet man uns ja doch in diesem Augenblicke aus Madrid noch die glänzendsten Dinge . Dem Prinzen ist königlicher Rang eingeräumt , die Infantin hat den Titel einer Prinzessin von Wales angenommen , und der König , sein Hof und das ganze hochherzige und ritterliche Volk überhäufen ihn mit enthusiastischer Liebe , da sie allerdings diese Handlung , sie in ihrer ganzen Originalität auffassend , als den höchsten Beweis des Zutrauens zu ihrem National-Karakter ansehen . Wenn ich Hofdame wäre oder noch am Hofe lebte , versetzte die alte Herzogin lächelnd , so würde ich mir die Stoffe zu meinen Roben aussuchen , in denen ich den Vermählungs-Feierlichkeiten beiwohnen wollte ; so sicher erscheint mir die erlauchte Infantin unsere Prinzessin von Wales zu werden , und ich sehe wohl , daß ich trotz meines politischen Gemahls , Sohnes und Bruders wenig Kenntnisse gesammelt habe , da mir hier von keiner Seite mehr ein Hinderniß einleuchten will . - Sie erhob sich freundlich von ihrem Sessel , denn die Mittagszeit war nahe , und man hatte über der Freude des Wiedersehens nicht daran gedacht , sich umzukleiden . Jeder begab sich in seine Zimmer . Der Herzog weigerte sich , die im italienischen Flügel anzunehmen ; wodurch er seiner Mutter eine größere Wohlthat erzeigte , als sie eingestand . Die Gesellschaft des Schlosses hatte , obwohl nun ein längerer Zeitraum zwischen dem Tode des Herzogs verflossen war , doch ein so gedrücktes , schwermüthiges Leben fortgeführt , daß ein Bedürfniß freieren Aufathmens , lebhafteren Treibens bei den Meisten sich dringend einstellte . Auch trat die Zeit als mildernde Vermittlerin selbst für diejenigen ein , die am nächsten dabei gelitten , und machte sie wenigstens geneigt , dem wiederkehrenden Leben stille Zuschauer abzugeben . Das ewige Ergänzungs-System in der Natur läßt auch eine so endlos scheinende Lücke , als der Gram über den Verlust eines geliebten Gegenstandes uns scheinbar öffnet , nicht ohne diesen wohlthätigen Einfluß . Müssen wir auch oft einen bis dahin uns theuer oder doch bequem gewordenen Kreis abschließen , ohne daß wir Grund oder Boden für einen neuen sehen - die kleine , rettende Insel steigt doch endlich aus dem leeren , wüsten Raum empor , auf der wir einen neuen Kreis ziehen , wenn auch endlich immer kleiner , wenn auch unsichtbarer , stiller und einsamer . Das große Geschäft , zu leben , löset uns vor unserm letzten Athemzuge niemals ab ; und wer aus freier Kraft die Wünsche ablöst , die dem schönen , ruhigen Lauf des Daseins mit Verwirrung drohen , der fühlt endlich , daß über ihm der Kreis sich vergrößert , der da unten in der Welt sich verengt ; und hat er mit diesem endlich abgeschlossen , so gähnt ihm keine bodenlose Tiefe entgegen , sondern ein heller , lichter Strahlenkreis , worin er wieder finden wird , was er verdient . So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Herzogs und des Grafen Archimbald den zaghaften Gewissen zur Entschuldigung der Freude , die nun bald wieder in den schicklichen Grenzen sich zeigte , welche hier mehr , als sonst , beobachtet wurden . Die anspruchlose Natürlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl sehr viel bei ; er kannte es nicht , sich ein Gefühl aufzubürden , was er nicht hatte . Seinen Vater je zu vergessen , gleichgültig gegen seinen Verlust zu werden , schien ihm so außer dem Bereich der Möglichkeit zu liegen , daß er nicht fürchtete , damit beargwöhnt zu werden . Daher athmete seine Brust in neuer jugendlicher Lust empor , er freuete sich dessen , und es schien ihm dies recht natürlich , da er ja noch viel zu thun hatte , um seines Vaters willen , wozu ihm ein gesundes Herz vor Allem nöthig schien . Darum sah man ihn auch auf das Anmuthigste mit Arabella und Lucie scherzen , und Alles um sich her durch die klare , heitere Miene beleben , die nicht der Ausdruck des Leichtsinns ist , sondern eines sichern natürlichen Gefühls , das Alles eingesteht , weil es nichts zu verbergen hat . Man hätte denken können , die alte Herzogin habe diese wohlthätige Diversion vorausgesehen oder herbei gewünscht ; denn offenbar unterstützte sie mit ihrer liebenswürdigen Laune das Betragen ihres Enkels , und schien sich des Erfolges zu freuen , der selbst über ihre Schwiegertochter sich langsam verbreitete , welche zu mütterlich fühlte , um sich nicht endlich dem Einfluß zu überlassen , den ihr Sohn zu verbreiten wußte , nachdem sie den unangenehmen Eindruck überwunden hatte , diesen Sohn den höchsten Rang behaupten zu sehen , der ihr selbst an der Seite ihres Gemahls , in seiner milden , gegen äußere Vorzüge gleichgültigen Stimmung , so unbestritten gewesen war . Der junge Herzog nahm überall willig das Recht in Empfang , was mit seiner Würde ihm verbunden schien . Wie deshalb aber seine Mutter einen niedern Rang , als früher , einnehmen könne , vermochte er nicht einzusehen ; und eben dies , daß der Herzog dies fühlte , versöhnte sie mit den unvermeidlichen Einschränkungen ihres Einflusses und ihrer Macht . - Als man sich zur Tafel begeben hatte und Lucie noch immer ihren Liebling vermißte , brach sie sich mit ihrem klaren Stimmchen Bahn , und sich zu ihrer Mutter wendend , rief sie : O , liebe Mama , wo ist aber unsere Lady , warum kommt sie nicht zu uns , ist sie wieder krank ? Nein , Lucie , sagte die Herzogin , und die Erinnerung an dieses geheimnißvolle Wesen weckte die stillen Qualen ihrer Brust und veränderte schnell die Farbe ihrer Wangen ; fürchte nichts , sie ist wohl auf , aber zu bescheiden , ohne Vorbereitung vor diesen Herren zu erscheinen . Meinem guten Bruder Robert , meinem lieben Oheim ? rief Lucie , vor denen hätte sie immer erscheinen können , die hätten ihr sicher nichts übel genommen , wenn sie auch fremd ist , wie Du sagst . Nicht wahr , Oheim ? Nicht wahr , Robert ? Was meinst Du , Lucie ? Wen hast Du , dem Du Protection gewährst ? fragte Graf Archimbald , während Roberts Blicke sich fragend zu seiner Mutter wendeten . Wir haben einen Gast , mein Sohn , hob die Herzogin gezwungen an , über den ich noch nicht den passenden Augenblick finden konnte , Dir meine Mittheilungen zu machen . Ich habe während Deiner Abwesenheit ihr den Schutz dieses Hauses gelobt , den sie , unglücklich und verlassen , für den Augenblick zu bedürfen scheint . Du wirst mich sehr verbinden , wenn Du meine Worte bestätigen willst . Meine theure Mutter , rief der Herzog , und über sein jugendliches Antlitz flog die Röthe der Ueberraschung und der Beschämung , Euer Durchlaucht sind hoffentlich vollkommen überzeugt , daß es hier keine Autorität giebt , Ihre Anordnungen und Befehle zu bestätigen . - - Es war vielleicht das erste Mal , daß ihn der Gedanke flüchtig berührte , wohin der stolze Sinn seiner Mutter sich verirrte , den er aber mit Erschrecken aufzunehmen schien . Die Herzogin war mit dieser Huldigung zufrieden , und ohne sie weiter zu beantworten , fuhr sie sichtlich freier , gegen die Hauptperson sich wendend , fort : Ich habe gestern ihre rührende Geschichte gehört , sie ist von vornehmer Geburt , eine Gräfin von Melville , eine Enkelin des Sir Robert Melville , und obwohl ihre Eltern gestorben sind , lebt ihr doch noch ein Oheim , für dessen Auffindung wir Eure Güte , Graf Archimbald , in Anspruch zu nehmen denken . Graf Archimbald verbeugte sich und wiederholte blos den Namen Melville , als säh ' er in Gedanken in der großen Namenliste seines Gedächtnisses nach diesem sich um . Die Herzogin erzählte alsdann kurz und mit vieler Geschicklichkeit die Geschichte der Auffindung und der Krankheit der jungen Dame , und schloß mit einem fast unwillkürlichen Lobe ihrer Schönheit und feinen Erziehung . Die Wirkung dieser Erzählung auf beide Männer war auffallend , wenigstens für die Uebrigen , an diese seltsame Erscheinung bereits Gewöhnten . Man sah hier recht , wie das Geheimnißvolle über alle Menschen eine Gewalt übt , welche zu läugnen , eben so vergeblich wäre , als ihr gänzlich entgehen zu wollen . Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekommen war , wünschte die Herzogin nunmehr auch die persönliche Bekanntschaft mit ihrem Schützlinge einzuleiten , und gab zu dem Ende ihren Töchtern den Auftrag , die Lady am Nachmittage zu besuchen und sie , wenn es ihre Gesundheit erlaube , um die Theestunde nach ihren Zimmern mit herüber zu führen . Dieser Auftrag ward mit Freude von den Töchtern empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein leicht zu erreichendes Ziel ; während es die Herzogin selbst beruhigte , weil sie mit ihren eigenen Gedanken über die Gräfin außer Zweifel kommen wollte . Ihre Schwiegermutter hatte , trotz ihrer argwöhnischen Aufmerksamkeit bei der Vorstellung der jungen Dame , ihr durchaus keine Aufschlüsse gewährt , indem sie jene nur mit dem freundlichen Antheil empfangen hatte , der sowohl ihrer Lage , als ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit billig zuzukommen schien . Als daher die Theestunde herangerückt war , die um der alten Herzogin willen mit großer Aufmerksamkeit gehalten wurde , obwohl dies keineswegs damals schon zu den Sitten Englands gehörte , und sie sich , von ihrem Sohne geführt , bei ihrer Schwiegertochter eingefunden hatte , konnte diese die Ankunft des Herzogs in steigender Ungeduld nicht erwarten , und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink dahin , die jungen Damen abzuholen . Die Herzogin hatte in der Nähe eines der hohen Bogenfenster , welches , geöffnet , einen heitern Blick auf die Gebüsche der Terrassen und die dahinter ausgebreitete Landschaft gewährte , die Sessel stellen lassen , welche die Familie aufnehmen sollten . Man saß so dem mit schönen Gemälden und kostbaren Geräthen geschmückten Saal gegenüber , der mit diesem Zimmer durch einen hohen und breiten gothischen Spitzbogen verbunden war ; diesen hatte man , seines kunstreichen Schnitzwerkes und seiner prachtvollen Vergoldungen wegen , ohne Thüren gelassen , und nur durch einen reichen seidenen Vorhang die Zimmer nach dem Bedürfniß der Bewohner getrennt . Jetzt war derselbe von einander gerollt und gewährte eine schöne Aussicht in den eben erwähnten Saal , an dessen Ende sich , dem Bogen gegenüber , die breiten vergoldeten Eingangsthüren befanden . Die Herzogin hatte , ihre Schwiegermutter an ihrer Seite , ihren Teppich vorgenommen und arbeitete , wie es schien , mit der vollkommensten Ruhe an der Bildung einer künstlich verschlungenen Blume , während Graf Archimbald , vor ihr stehend , mit großer Beredsamkeit ihr die verschiedensten Mittheilungen machte über Freunde und Verwandte in London . Die Herzogin hatte ihm einige Mal schon den Sessel angeboten , der ihm die Richtung gegen den Saal zu gegeben und ihn für ihre Beobachtung bequemer gestellt haben würde , aber außer einer stummen Verbeugung hatte er sich nicht unterbrechen lassen , da er , wie es schien , zu stehen vorzog . Jetzt öffneten sich die Thüren . Die Erwarteten zogen in bunter Ordnung durch den Saal , und Graf Archimbald sprach noch immer , mit dem Rücken dahin gewandt , lebhaft und zu laut , um das Geräusch der Nahenden zu hören , als die Herzogin in voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff , und mit Hand und Augen und freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein grüßte , für den Augenblick unbekümmert über die sonderbare Huld , und einzig bestrebt , ihren hartnäckigen Schwager zu wenden . Dies gelang , er trat zurück und folgte der Richtung mit den Augen , welche seine Schwägerin so lebhaft anzugeben bemüht war , und der Blick , den der Graf jetzt prüfend und immer prüfender dahin sandte , und die auf seinem Gesichte unverkennbare Spur innerlicher Ueberraschung befriedigte die Herzogin zu ihrem eigenen Nachtheil vollkommen über die List , die sie sich erlaubt hatte , und über das davon erwartete Resultat . Die jungen Damen , von ihren Gouvernanten und Master Copley begleitet , näherten sich nur langsam , sprechend und mit Lucie tändelnd , welche die Zipfel des langen durchsichtigen Schleiers ergriffen hatte , den die Gräfin Melville trug , und den sie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte . Dadurch aber drängte sie dieselbe vor , und es schien wirklich , als ob die sie Begleitenden ihr Gefolge ausmachten . Die Gräfin trug noch immer Trauerkleidung , welche von schwarzem seidenen Stoff auf ihren Wunsch erneut war , und nach der damaligen Mode in einem Mieder bestand , welches die Schönheit der Taille sehr vortheilhaft bezeichnete , und Schultern und Nacken enthüllte , während der Rock in feinen Falten sich bis zu den Füßen senkte . Dazu gehörten noch die weiten lang niederhängenden Oberärmel , welche , aufgeschnitten , den zierlichen Unterärmel zeigten , der eng anliegend , die Form des Armes umschloß . Der einzige Schmuck dieser einfachen Kleidung bestand in dem uns bekannten Kreuze , welches an der Perlenschnur von ihrem Halse hinab bis auf die Spitze des Mieders hing , und dessen Werth die Besitzerin wenig kannte , obwohl vielleicht kaum ein ähnliches Geschmeide sich in dem Besitz der reichen Edelfrauen des Landes befinden mochte . Das Haar trug sie nach französischer Sitte über die Stirn gescheitelt und von den Schläfen an in vollen Locken bis zu den Schultern hinabwallend . Das dunkle und glänzende Braun dieses Haares hob die Lilienweiße ihrer Haut , welche nur einen leichten Anhauch von Röthe auf den lieblich geformten Wangen zuließ und dem Lichte auf diesem Antlitze fast etwas Strahlendes gab . Es lag außerdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und feinen Gestalt etwas Ungewöhnliches , so daß sie die Aufmerksamkeit fesseln mußte . Sie schien jetzt ganz mit Lucie beschäftigt , und in ihren Scherz eingehend , hatte sie den schönen Kopf halb zurückgebogen , um mit ihrem kleinen lieblichen Pagen zu kosen . Auf dem dunkeln Grunde des Schleiers ruhte die feine Linie von Stirn und Nase , und zeigte das gesenkte Auge mit seinen langen schwarzen Wimpern nur in der hohen und schönen Wölbung , zu einer Vollendung der Form erhoben , welche auch ohne die Entschleierung des vollen Blickes eine Verheißung unendlichen Liebreizes war . So hatten sie sich dem Eingange spielend genaht , da erwachte Graf Archimbald aus seinem Anschaun . Wer ist das ? rief er lebhaft , unfähig , sein Auge von dem Eingange zu wenden . Meint Ihr die Gräfin Melville ? sagte die Herzogin mit einer solchen Kälte und Gleichgültigkeit , daß der Graf wegen des Kontrastes mit ihrer eben geäußerten Theilnahme ganz erstaunt zu ihr sah , - und die beiden sich so wohl Kennenden bedurften hier nur eines flüchtigen Blickes , um sich gegen einander verrathen zu sehen . Aber es war nicht Zeit zu näheren Erörterungen , denn so eben trat die Gräfin unter den Bogen des Eingangs . Sie wendete ihr Gesicht zu den Anwesenden und suchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier aus Luciens Händen zu ziehen . Dadurch wölbte sich der schwarze Flor zu einer Nische um sie her , und als sie langsam und mit steigender Röthe die großen dunkeln Augen aufschlug und einen Augenblick stillstehend ihre nächsten Schritte zu bedenken schien , glich sie eher den idealischen Träumen eines Raphael , als einem menschlichen lebenden Wesen . Die Herzogin hörte hinter ihrem Stuhle von ihrem Sohne , der leise hereingetreten war , einen Ausruf der Bewunderung , ohne dadurch überrascht zu sein ; ward doch auch sie von dem Wesen beherrscht , welches dazu bestimmt schien , durch dieselben Reize , durch die sie die trübsten Gedanken der Herzogin erweckte , sie auch zu bewältigen und zu versöhnen . Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls , den wir einflößen , ist , wenn auch nur in Blick und Mienen ausgedrückt , eine so leicht sich mittheilende Sprache , daß sie sich auch denen verständlich macht , die mit der ersten jugendlichen und so glücklichen Unbefangenheit sie nicht durch ihre Vorzüge herbeigeführt wähnen , aber dennoch von dem Wohlwollen sich gehoben und erfreut fühlen , das ihnen entgegentritt . Es ist dies einer der schönen Genüsse jenes Alters , wo wir weder Auszeichnung erwarten , noch verlangen , und was uns davon gewährt wird , mit großmüthigem Enthusiasmus dem Ideale zurechnen , welches wir uns von den brüderlichen Liebesbanden der menschlichen Gesellschaft entwarfen , - glückliche Träume ! welche uns noch frei und lebendig in unserer eigenen Gestalt mit fröhlichem Vertrauen hervortreten lassen , während wir später oft nur den Wunsch behalten , durch gänzliche Unbemerktheit so wohl dem Lobe , als der Verfolgung zu entgehen . Die Gräfin Melville fühlte in dem Kreise , in den sie trat , und aus den auf sie gerichteten Augen etwas ihr entgegen dringen , das ihre Seele mit Vertrauen und der unschuldigen Heiterkeit erfüllte , deren Ursache wir eben erwähnten . Er belebte ihre Züge und zog den feinen Anfang eines süßen Lächelns um ihren Mund , während sie leicht vorglitt und die kindliche Bewegung machte , der jüngern Herzogin die vorgestreckte Hand zu küssen , welches diese jedoch lebhaft verweigerte . Haben wir Euch wieder ? sagte sie dabei sehr freundlich , ich sehe , Lucie hat das Sicherste erwählt , sie hielt Euch fest und that Pagendienste , daß Ihr uns nicht wieder entfliehen konntet . Weigerte sie sich denn , zu uns zurück zu kehren ? sagte die alte Herzogin und küßte das liebliche Mädchen auf die Stirn , während sie einen Augenblick vor ihr auf den Fußschemel sich neigte ; dann soll sie zur Strafe neben uns sitzen und mir Seide zupfen helfen . Ich möchte gefehlt haben , um dieser Strafe nicht zu entgehen , sagte heiter und mit holdem Lächeln die Gräfin , machte mich der Fehler nicht der lieben Strafe unwerth . Doch lieber sag ' ich , daß Arabella und Lucie meiner Sehnsucht zu Hülfe kamen ; es war mir so bang und traurig dort oben allein , und mich verlangte die Freude zu sehen , die ich hier nun verbreitet wußte . - Hier streifte ihr helles Auge den jungen Herzog , der immer noch unbeweglich hinter seiner Mutter stand und den Blick vergeblich von einem Gegenstande zu wenden suchte , der seine jugendliche Phantasie mit allen ihren Träumen überflügelte . Von dem Ausdrucke betroffen , womit der Herzog sie anblickte , wandte sie ihre Augen schnell , um sie einen Augenblick auf dem Grafen Archimbald ruhen zu lassen . Erlaubt , Lady Melville , daß ich Euch meinen Sohn , den Herzog von Nottingham , vorstelle , sagte jetzt die jüngere Herzogin , er freut sich , den Schutz zu bestätigen , den ich so glücklich war Euch zu gewähren . Mylord , sagte die Gräfin , als der Herzog zu antworten zögerte , und neigte sanft ihr schönes Haupt , ich bitte Gott , daß er Euch segnen wolle in diesem ehrwürdigen Hause , und danke Euch , daß Ihr mir den Schutz nicht entziehen möget , den Eure erhabene Mutter mir so großmüthig gewährte . Die Gräfin Melville , hob jetzt der junge Herzog mit einer von Gefühl überfüllten Stimme an , ist nicht in dem Falle , um Schutz bitten zu müssen ; wo sie sich zeigt , wird sie über das zu gebieten haben , was Jeder zu leisten vermag . Ihre Gegenwart ist eine Gunst des Schicksals , die zu verlängern der einzige Wunsch bleiben möchte . - Er hatte sich ihr bei diesen Worten mit einer Ehrerbietung genähert , die auf seinem glühenden Gesicht einen Ausdruck hervorrief , der seine Worte noch verbindlicher machte . Seine Mutter fühlte sich unwillkürlich geneigt , ihn zu unterbrechen , und eilte , ihr den Grafen von Glanford , ihren Schwager vorzustellen . Beide Herren schienen , obwohl in sehr verschiedenem Verhältniß , doch jeder in seiner Art , der Schönheit ihren Tribut zahlen zu müssen . Graf Archimbald wußte nämlich für den ersten Augenblick sich nicht mit seiner gewöhnlichen Politur in einigen Worten auszudrücken , sondern schien , zerstreut und abgezogen , und doch ganz mit der Gräfin beschäftigt , kaum einige Ausdrücke der Höflichkeit finden zu können . Nicht so die Gräfin , welche von einem angenehmen Erstaunen ergriffen , sogleich ausrief : Graf Archimbald Glanford , Ihr seid der berühmte Graf Glanford , der Freund des Prinzen Heinrich von Wales ! Wie glücklich macht es mich , Euch kennen zu lernen ! O Mylord , wie oft hörte ich von Euch erzählen , wie wurdet Ihr geliebt von meinem Oheim , meiner theuern Tante ! Wie lange verehrte ich Euch schon vor diesem Augenblicke ! - Sie hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen , von welcher sie jetzt selbst überrascht schien , und die Furcht , zu dreist hervorgetreten zu sein , übergoß ihr Gesicht mit Purpur und senkte ihr Auge mit wachsender Verlegenheit zur Erde . Doch der Graf war durch diese verständlichen Zeichen und die schmeichelhafte Beziehung , die darin für ihn lag , angenehm zu sich selber gekommen und eilte mit seiner ganzen Gewandtheit , ihr zu Hülfe zu kommen . Er führte sie , höchst verbindliche Dinge sprechend , zu ihrem Sessel , und die Art von Vergnügen , welches er über ihre Mittheilung auszudrücken versuchte , beruhigte leicht das erschrockene Fräulein , welche nun die Augen mit Vertrauen und mit der holden Klugheit einer jugendlichen Beobachtung auf sein unschönes Antlitz wandte , und vielleicht nicht ganz ohne Erstaunen die sehr gewöhnliche Bildung des berühmten Mannes erkannte . Doch war , was wir mit dem Worte gute Erziehung bezeichnen , bei ihr Bildung des Herzens und des Verstandes geworden . Sie unterdrückte daher nicht allein das wenig befriedigende Resultat ihrer Beobachtung , sondern ihr edles Gefühl milderte selbst gleich im Entstehen eine Regung der Art , weil sie die unsichtbare Schönheit der Seele verehren und die zufällige Hülle vergessen gelernt hatte . Auch bestürmten zugleich ihre Brust die vereinten Gefühle , welche ihr der Anblick eines von den Ihrigen gekannten und geachteten Mannes erregte , und die trostlose Trennung von all diesen