durchging , auf welchem er sich sonnte . Er muß es doch von ihr haben ! Heißt du nicht Hermann ? Und ich sollte nichts merken ? « Neunzehntes Kapitel In diesem Augenblicke erhielt er den Befehl zur Herzogin zu kommen . » Da haben wir ' s ! « rief Flämmchen , und lief schluchzend fort . Er ging bestürzt zur Fürstin . Sie war sehr bewegt . Vergebens suchte sie heiter und unbefangen zu erscheinen . Sie fragte ihn , ob es wahr sei , daß er reise ? Ihre Stimme zitterte , sie machte sich mit Blumen und Büchern allerhand zu schaffen . Er versetzte , daß er sich nur fortbegebe , um ein Geschäft abzumachen , daß er aber , wenn es ihm erlaubt werde , in wenigen Tagen zurückzukehren wünsche . » Wir sehn Sie also wieder ? « rief sie freudig . Sie holte tief Atem , als ob eine Last von ihrer Brust gehoben sei . Dann versank sie wieder in eine stille Verlegenheit , knüpfte ein Gespräch über gleichgültige Dinge an , ließ es fallen , schien kaum zu hören , was er erwiderte . Es war , als ob sie ihm etwas vertrauen wolle , und gleichwohl die Mitteilung scheue . Er befand sich in der peinlichsten Stimmung . Der Boden glühte unter ihm . Und als ob ein Dämon heute sein Spiel triebe , plötzlich öffnete der unbescheidne Vogel im Käficht seinen Schnabel , und wiederholte ein dutzendmal die Worte , welche Flämmchens Eifersucht schon früher vernommen hatte . Er sprach sie mit dem rauhen Tone dieser Tiere . Hermann hatte früherhin auf sein Geschwätz nicht geachtet , nun aber aufmerksam gemacht , konnte er nicht zweifeln , daß der Vogel zum Verräter an den einsamen Stunden und Selbstgesprächen seiner Gebieterin werde . Unwillkürlich sah er nach dem Schwätzer , dann warf er einen scharfen fliegenden Blick auf die Fürstin . Sie errötete , und deckte einen Teppich über den Käficht . » Er spricht recht deutlich « , sagte Hermann , um nur etwas zu sagen . » Man hatte ihn schon diese Worte gelehrt , als ich ihn kaufte « , versetzte sie , mit dem Teppich beschäftigt , ohne sich umzuwenden . - » Reisen Sie glücklich ! « Der alte Erich brachte ihm draußen die Nachricht , daß heute keine Fuhre zu haben sei . So mußte er sich denn entschließen , noch einen Tag zu verweilen . Es wäre ihm nicht möglich gewesen , dem gewohnten Kreise zu nahen , und ebenso unmöglich fiel es ihm , einsam zu bleiben . Er suchte sich selbst , er suchte den Bildern zu entfliehn , die in stürmender Eile an seiner Seele vorüberjagten . In dieser Verfassung war es ihm recht , daß der Hausgeistliche sich zu ihm fand . Die gemeinschaftliche Erinnrung an Rom verknüpfte beide Männer ; auch heute war es wieder jene Weltstadt , welche Hermann wenigstens auf eine Zeitlang über sich und die Gegenwart erhob . Der Geistliche gehörte zu denen , welche dort ein neues Glaubensbekenntnis wählten . Scheu , zurückgezogen , mit äußerster Strenge die Gebräuche seiner Kirche übend , stand dieser junge Mann sehr einsam unter den neuen Glaubensgenossen da . Man kennt den Spott , womit bereits in Rom die sogenannten Nazarener verfolgt wurden ; unser armer Proselyt hatte auch diesseits der Alpen nur Achselzucken und Zweifel an seiner Gesinnung gefunden . Der Herzog duldete ihn , als vom Vater ererbt , Wilhelmi hielt ihn für einen Toren , und der Arzt für einen Heuchler . Er ertrug Kälte , verdeckte und offenbare Angriffe mit musterhafter Geduld , und hatte schon mehrere Vorschläge zu Verändrungen seiner Lage , die ihm nur zum Nutzen gereichen konnten , abgelehnt , weil er nach der Weise solcher Charaktere den Aufenthalt in diesem Schlosse für eine gottverhängte Schickung und Buße ansah . Hermann war ihm immer freundlich begegnet , und der Geistliche , dem diese sanfte Berührung wohltat , hatte sich gegen ihn mehr , als gegen irgend jemand aufgeschlossen . Unser Freund hatte bei dieser Gelegenheit eine nur unsrer Zeit eigentümliche Gemütsart kennengelernt ; eine Individualität , die sich mehr fühlen als beschreiben läßt , und von der wir nur den allgemeinsten Umriß angeben , wenn wir sie weibliche Männlichkeit nennen . Er war über die Abreise seines Freundes sehr betrübt . » Sie gehen fort « , rief er , » und wenn Sie auch noch einmal wiederkehren , wie lange wird das dauern ? Ich werde Sie bald verlieren , ich werde bald wieder ganz allein sein . Der Mensch ist eine schwache Kreatur ; es ist , als könne er den holden Schall menschlicher Rede nicht entbehren . Wie fest hatte ich mir vorgenommen , nur in stummen Gesprächen mit Gott meine Tage hinzubringen ! Sie haben mich verwöhnt ! Werde ich leben können ohne Sie ? Von niemand geachtet zu werden , o es ist ein ödes schreckliches Gefühl ! Aufzustehn mit der Überzeugung : Wieder einmal ist der Tag angebrochen , der den andern Liebe , Traulichkeit , Teilnahme bringt , und dir bringt er nichts , als trostlose Versenkung in dich selbst , als ein unendliches Brüten über den grauenvollen und unergründlichen Tiefen der Gottheit ! Sich niederzulegen mit der Bitte : Vater , laß diese Nacht die letzte sein ! und zu erwachen im Dunkel , und schaudernd zu wissen , daß man sein erstorbnes Dasein weiterzuschleppen verdammt ist . « » Armer Mann ! « sagte Hermann , den die Klage des Priesters , der sich selbst kein Heil wußte , rührte . » Wie ich Sie kenne , haben Sie den Schritt , welcher Sie aus der Mitte Ihrer Verhältnisse riß , reinen Herzens getan , und das sollte Sie trösten , wenn andre Sie kalt oder lieblos beurteilen . « » Es ist nicht das « , seufzte der Geistliche . » Reinsten Herzens , jawohl , so tat ich diesen Schritt . Hören Sie die Geschichte meiner Bekehrung ; es kommt weder von Heilandskassen noch von Zeichen und Wundern etwas darin vor ; ach , und sie hat mir nichts eingetragen , als Schmerzen und Dornen ! « Zwanzigstes Kapitel Eine Bekehrungsgeschichte » Ich war Protestant , d.h. ich wurde in dieser Konfession eingesegnet . Der Religionsunterricht der Katechumenen hatte sich mehr über Naturgeschichte und Physiologie , als über den Katechismus verbreitet . Der Prediger , welcher diese Stunden abhielt , war der Meinung , daß dieselben auf solche Weise noch immer nützlich zu machen seien . Unser Lehrer galt in der Stadt überaus viel . Er besaß die schönsten geselligen Tugenden , erheiterte wöchentlich einen großen Kreis durch Knittelverse und Gelegenheitsgedichte , und wenn er unter ganz vertrauten Personen war , ging seine Vorurteilslosigkeit so weit , hin und wieder auch ein Tänzchen oder ein Pfänderspiel nicht zu verschmähn . Ich stand den übrigen Knaben an Kenntnissen vor , wurde wegen meiner raschen Antworten sehr gerühmt , und wußte mir viel mit dem erhaltnen Lobe . Auch an verliebten Blicken zu den Mädchen hinüber und von ihnen herüber fehlte es nicht . So war ich zur Ablegung meines Glaubensbekenntnisses vorbereitet worden , und meiner Meinung nach fest in demselben , kam ich nach Rom . Erwarten Sie hier keinen Mortimer . Ich kann wohl sagen , daß der Glanz , das Geflitter und der rauschende Pomp , wovon das Leben der Kirche dort begleitet wird , nicht auf mich eingewirkt haben . Ich freute mich an diesen bunten Dingen , ohne daß sie mich religiös berührten . Aber ein andrer Einfluß begann allmählich mich umzugestalten . Sie waren dort , und wissen , welche Stille über so manchen Plätzen und Winkeln , über Trümmern und Schädelstätten , bei den Gräbern der Märtyrer , in den Hallen der weniger besuchten Kirchen und Kapellen weilt . Wer in Rom nicht fühlt , daß der Mensch ein Nichts ist , und wem nach dieser Empfindung , die zum Nichts führt , kein tröstender Geist , riesenhaft und doch vertraulich zuspricht , der muß ein verwahrlosetes Herz haben . Überall sah ich Geschichte , überall trat ich auf Boden , den vor mir Menschen beschritten hatten , durch welche die Welt verwandelt worden war ; wie kümmerlich kam ich mir mit meinem neuen Sinne , mit meinem aus bunten Läppchen zusammengeflicktem Wesen unter dieser Herrlichkeit des Todes vor ! Ich kann Ihnen die Versichrung geben , daß ich anfangs an nichts weniger dachte , als an eine Religionsverändrung . Ich besah Gemälde , Antiken , Ruinen , Paläste , Kirchen , war ein Reisender , wie es deren Tausende gibt . Aber nach und nach ward mir , als ob aus der Gewalt aller dieser verschiedenartigen Erscheinungen doch nur eine Stimme rede . Ich horchte zu , und siehe , es war die Stimme Gottes . Da wurde ich nachdenkend , und je mehr ich hörte , desto fühlbarer weitete sich mein Innres . Ich wüßte von diesem Zustande keine Beschreibung zu machen . Meine Brust baute sich wie mit granitnen Pfeilern und Bogen himmelanstrebend aus , mein Herz hing und brannte in dem neuen Heiligtume , wie die ewige Leuchte , und ein Choral , ernst , wie das Gespräch der Dreieinigkeit mit sich selbst , durchtönte es . Ich tat nichts zu diesen Sachen ; es wurde etwas in mir , ohne mein Verdienst , ja ohne meinen Willen . Auch fehlten nicht die düstern gramvollen Stunden . Ich sah nicht bloß die Wunder Roms , ich sah auch den Violettstrumpf , den hinterhaltig lächelnden Monsignore , die Schnörkel an der Monstranz , die zerstreuten Blicke sogenannter Andacht ; wie sie dem Volke aus jeder heiligen Handlung eine Komödie zubereiteten . Diesen Wust , diesen Trug , all die Alfanzerei , welche sich darum und daran gehängt hat , willst du mit in den Kauf nehmen ? fragte ich mich erbleichend . Meine Seele spaltete sich , ich hatte verlassen , was mir zugehörte , und konnte das andre noch nicht ergreifen . Die Karwoche kam heran . Ich hatte mich einem alten Priester anvertraut , und ich müßte die Unwahrheit sagen , wenn ich behauptete , jemals Künste der Überredung von ihm erfahren zu haben . Alles , was man in dieser Beziehung in Deutschland über mich verbreitet hat , ist eine Erfindung . Er riet mir , mich in Ruhe und Sammlung zu erhalten , dann werde mir von selbst das Rechte gezeigt werden . Seine Kirche sei zwar die Spenderin der alleinigen Wahrheit , aber auch zur Wahrheit komme man nur vorbereitet . Ich erlangte durch seine Vermittlung während jener Periode Aufnahme im Kloster der Passionisten , wohin sich , wie Sie vielleicht erfahren haben , gegen die Osterzeit fromme Gesellschaften zurückziehn , um sich zum Feste in der tiefsten Stille geistlich zu rüsten . Man wußte , daß ich noch nicht übergetreten war , gewährte mir aber den Aufenthalt unter der Bedingung , daß auch ich mich der Regel des Hauses fügen wolle . Wer jene Lebensweise erwählt , scheidet sich während der Dauer seines Verweilens völlig von der Außenwelt ab . Kein Brief , keine Nachricht darf von jenseit der Klostermauern zu den Genossen der Übungen dringen . Letztre sind fest bestimmt , und nehmen fast den ganzen Tag , auch einen Teil des frühen Morgens ein . Jeder hat seine Zelle , auf welcher er von niemand Besuche empfangen darf . Selbst bei dem Mahle , welches gemeinschaftlich ist , sind weltliche Gespräche untersagt . Das war nun ein Leben , wie man es nirgends wieder findet , ein eigentliches Leben im Geiste . Ich gestehe , daß gerade dort , zwischen den Wänden meiner Zelle , in mir die schwersten Zweifel aufstiegen . Ist diese Absondrung menschlich ? Lauert nicht auch hier die Schlange unter den Blumen ? Werden sich deine Mitgenossen , wirst du selbst dich nicht von solcher Entbehrung in gedoppelter Lust und Zerstreuung erholen ? - Vielleicht stirbt dieser einem ein teurer Mensch ab , vielleicht streckt nach einem andern die Not ihre Arme flehend aus , sie aber hören nichts davon , sie haben zwischen sich und der Natur eine Scheidewand gesetzt ; liegt darin nicht eine Verkehrung der ewigen Ordnung der Dinge ? - So lauteten ungefähr meine stillen Selbstgespräche . Das Kloster liegt ziemlich hoch auf einem Hügel . Ich saß in den Freistunden meistenteils unter der herrlichen Palme , die in der Mitte des Hofes ihre Schatten verbreitet . Über die Mauer am Abhange sah ich auf den Aventin und die Kaiserpaläste . Aber der Berg und die Trümmer sprachen nicht mehr zu mir , und der Gesang aus der Kirche tönte an meinen Ohren vorüber . Es war völlig finster in mir geworden , und mich verlangte nach dem Ende dieser grabähnlichen Tage . Eines Abends ging ich in meiner großen Bekümmernis zur Kirche . Noch hatte der Gottesdienst nicht begonnen ; ich war allein . Redlich hatte ich gekämpft , es durchdrang mich , wie ein Schwert , daß Gott solchem Suchen sich zeigen müsse . Ein unendliches Zutraun erfüllte mich ; ich wollte am Hochaltare zum Gebete niedersinken , als meine Blicke auf das Kruzifix über demselben fielen . Schon oft hatte ich dieses Bild gleichgültig betrachtet , in meiner damaligen Erregung machte es aber einen äußerst widerwärtigen Eindruck auf mich . In der Tat konnte man sich auch nichts Häßlicheres denken . Groß , plump , von Holz geschnitzt , war es ein getreuer Abdruck der krassesten Vorstellung . In den Zügen des Hauptes die abscheulichste Fratze des tierischen Schmerzes , alles dick mit Farben bestrichen , das Blut in ekelhaften roten Streifen herabrinnend , und mit diesem Jammer in Widerspruch geschmacklose Zieraten auf dem Kreuze in verblichnem Gold und Schmelzwerk eingeschlagen . Meine Gedanken schrumpften vor dieser Mißgestalt ein , ich richtete mich empor , und stand straff auf meinen Füßen , mißmutig , ernüchtert , verworren . Mechanisch ging ich einige Schritte zur Seite , da sah ich , daß es von Würmern zerfressen war , und es kam mir zugleich so vor , als ob sich in der Seitenfläche eine ganz feine Spalte befinde . Ich trat wieder hinzu , ich erhob mich über die Brüstung des Altars , und konnte nun deutlich sehen , daß es nicht aus einem Stücke bestand , sondern aus zwei aufeinander gelegten Hälften gemacht zu sein schien . Ich weiß nicht , war es Neugier oder etwas Ernsteres , Besseres , was meine Hand führte , genug , ich faßte das Heiligtum an , wie um ein verborgnes Geheimnis zu erobern . Zu meinem Schreck blieb mir die obere Hälfte , wie eine Schale , in der Hand ; ich traute meinen Augen nicht , als mir der wahre Gehalt dieses Bildes erschien . Das Holz war nur Kapsel , nur Futteral für ein Werk der edelsten Kunst . Aus der zweiten stehengebliebnen Hälfte blickte der Gekreuzigte , im reinsten Elfenbein auf tief glänzendem Schwarz sich abhebend , zu mir nieder . Eine göttliche Arbeit ! sie mußte der besten Florentiner Periode angehören . Nie habe ich einen Christuskopf gesehen , in dem die Pein so geistig und rührend dargestellt war . Und welche Pein ! Nicht um die blutigen Fuß- und Handwunden , nein , um die gefallnen Menschen , die sie schlugen . Überrascht , ergriffen , entzückt , warf ich die rohe hölzerne Decke aus meinen Händen , und stürzte vor dem gefundnen Erlöser nieder . Auf einmal war mir alles klar ; meine Lage , meine Pflicht ! in diesem Gleichnisse erschien mir sichtlich , körperlich , greifbar , der ganze Stand und das innerste Wesen der Kirche . Meine Seele geriet in eine Verzückung . Das war nicht totes Elfenbein und Ebenholz mehr , was ich vor mir sah ; der schwarze Stamm des Kreuzes fing an , sich von innen zu erleuchten , bis er , ganz durchsichtig , in rosenrotem Lichte strahlte , der Leib des Erlösers begann zu pulsieren , Blutstropfen perlten aus den Armen und Füßen , die Wangen färbten sich leicht an , und aus den milden Lippen tönte es mit Geisterlauten : Willst du den Kern verachten , der Hülle wegen ? Hier bin ich unter allem Tand und Aberwitz ; hier , und nirgend anders ! Die Toren haben ihr Werk getan , und die Würmer tun ihr Werk an dem Werke der Toren , du aber suche mich nicht draußen , sondern drinnen . Wie lange ich mich in diesem erhöhten Zustande befunden habe , ist mir nicht klargeworden . Als ich erwachte , stand der Prior hinter mir , nebst seinen Mönchen und den Andachtsgenossen . Alle sahn verwundert auf mich , auf das entdeckte Heiligtum , auf die Holzdecke , die von meinem Wurfe in Splitter und Wurmfraß zerfallen , am Boden lag . Ich beichtete meinen Vorwitz , man vergab mir um seiner Folgen willen . Die starre Regel des Tages war durch das unerwartete Ereignis gestört worden , und sie meinten Gott zu dienen , wenn sie ihren Betrachtungen darüber freien Lauf ließen . Die Ältesten der Kongregation erinnerten sich , daß im Kloster traditionell die Sage von einem unendlich schönen Kruzifix , welches man vor Zeiten besessen , gegangen sei , und daß man auch oft , wiewohl vergebens , Nachforschungen angestellt habe , solches wieder aufzufinden . Nun suchten sie in den Registern und Urkunden zu entdecken , wann , von wem und zu welchem Zwecke dieses Werk so mumienhaft den Augen entzogen worden sei ? Die Jüngern , welchen das Amt obgelegen , den Leib des Erlösers am Karfreitage in das aufgeschmückte Grab zu tragen , und am Auferstehungsmorgen ihn zum Altare zurückzubringen , meinten , sie hätten sich immer über die unverhältnismäßige Schwere des Kruzifixes verwundert . Einge fragten , wie es doch möglich gewesen sei , daß man nicht früher den Falz in dem Holze gesehen habe ? Darauf erwiderten andre , daß , solange der Stoff noch einigermaßen haltbar gewesen , beide Hälften fest aufeinander geschlossen hätten , erst durch Alter und Zerstörung sei das Volumen verringert , und dadurch ein Zurückweichen der Teile hervorgebracht worden . Was mich betrifft , so hatte ich während alles dieses Fragens , Verwunderns und Erklärens nur einen Gedanken . Mir war die Decke von der Gestalt hinweggetan , der Katholizismus hatte sich mir in jener Stunde der Erleuchtung göttlich , hüllen- und makellos gezeigt . Am ersten Ostertage ging ich zu meinem guten geistlichen Vater , sagte ihm , wie es mit mir geworden sei , und empfing bald darauf von ihm das hochzeitliche Kleid des neuen Menschen ! Himmel und Erde lagen jungfräulich , wiedergeboren vor meinen Blicken . Nein ! es kann keine Täuschung gewesen sein ! Diese Momente überströmender Seligkeit , diese Gefühle leiblicher Gemeinschaft mit dem Allmächtigen , sie waren nicht Lüge , sie trugen auf ihren Flügeln den Lichtglanz der Urwahrheit . « Der bewegte Mann hatte von dem Tone der Klage , womit seine Geschichte begann , sich bis zu dem Ausdrucke der höchsten Begeistrung erhoben . Er schaute mit glänzenden Blicken in die Sonne , die hinter den Hügeln hinabsank . Sie standen auf einer kleinen Anhöhe . Hermann hatte die Erzählung des Proselyten voll Teilnahme gehört . Erinnrungen schöner Art waren in ihm aufgewacht . Von diesen bewegt , drückte er dem Geistlichen die Hand , und sagte leise : » Rom ! « » Rom ! Rom ! « rief jener außer sich , und warf sich dem Erstaunten leidenschaftlich an die Brust . » Ja , Rom ! Und ist Rom nur über den sieben Hügeln ? Du Unglücklicher , Armer , Darbender ! Komm herüber zu uns , wir haben der Speise die Fülle auch für dich ! Sei der unsre ; du bist dessen wert ! « Hermann erschrak über diese unerwartete Wendung . Gegenüber in einem Fenster des Schlosses erschien die Herzogin . Ihr Blick ruhte lange und durchdringend auf der Gruppe . - » Wir sind nicht unbemerkt « , sagte er ängstlich , und machte sich los . » Die Herzogin sieht uns ! « » So sieht dich der Engel deiner Tage ! « rief der Geistliche . » Auch ihre Wünsche steigen für deine Rettung empor . Auch sie fleht mit den unschuldigen Lippen : Erlöse ihn aus seiner Unseligkeit , o Heiland , daß wir ihn haben und behalten , diesseits und jenseits ! « Drittes Buch Die Verlobung Die Ehen werden im Himmel geschlossen . Erstes Kapitel Nach einer ziemlich beschwerlichen Reise durch das Gebirge hatte Hermann sein Ziel erreicht . Als er die Stadt im dampfenden Tale vor sich liegen sah , überdachte er seinen Plan , beschloß im Hause des Pädagogen zuerst pseudonym aufzutreten , und wie im Auftrage eines andern seinen Wunsch vorzubringen . Auf diese Weise hoffte er die Sache in der für ihn leichtesten Art zum Ende zu führen . Das Gymnasium war aus den Überbleibseln einer Stiftung entstanden . Alte Linden umgaben den Schulhof ; durch einen Kreuzgang gelangte er zu der munter angestrichnen Wohnung des Rektors . Er erfuhr von der Magd , daß dieser verreist sei , und mußte sich daher bei der Frau anmelden lassen . Die Rektorin empfing den Kandidaten Schmidt aus Leipzig - diesen Namen und Stand hatte er sich gegeben - mit lebhafter Freundlichkeit . Als sie ihn zum Sitzen nötigte , wollte er ihrem Sofaplatze gegenüber auf einem Stuhle sich niederlassen . Sie verhinderte es aber , zog ihn auf das Sofa und sagte : » Wir leben hier nicht steif und vornehm . Seine Feinde faßt man ins Antlitz , seine Freunde hat man gern neben sich . « Er eröffnete ihr , daß er sich auf einer gelehrten Wandrung befinde , deren vorzüglichster Zweck sei , die ersten Männer des Fachs kennenzulernen . Schon lange habe er sich gesehnt , dem ausgezeichneten Erzieher , dessen Methode man weit und breit rühme , seine Verehrung zu bezeugen . Das Mütterchen schien das Lob ihres Eheherrn mit Behagen einzuschlürfen . » Er benutzt jetzt die Ferien zu einem Abstecher nach S. , wo wir leider einen verdrießlichen Handel abzumachen haben « , versetzte sie . » Indessen erwarte ich ihn morgen oder übermorgen zurück , und wenn Sie einige Tage hier verweilen können , so soll es mir lieb sein . « Sie gehörte zu den Personen , mit denen man in fünf Minuten bekannt ist . Die gutmütigsten Augen sahen unter dem weißen Spitzenhäubchen hervor ; ihr Herz schwebte auf der Zunge . Sie schien nicht viel Ruhe zu haben , stand öfters auf , quirlte hin und her , setzte ihm ein Frühstück vor , und er mußte , ungeachtet aller Versichrungen , daß er schon im Gasthofe das Nötige genossen habe , wenigstens davon kosten . » Wer in unser Haus tritt , ißt von unsrem Brote und trinkt von unsrem Weine « , sagte sie . » Wir ahmen darin den Erzvätern nach , und dem edlen Alkinoos , wenn wir gleich keine phäakische Schmauserei anstellen können . « Diese und ähnliche Anspielungen , welche bald darauf zum Vorschein kamen , deuteten dem falschen Schulamtskandidaten den Ton an , in welchem er sich hier vernehmen lassen müsse . Das saubre Zimmerchen , dem aber jede Eleganz fehlte , war mit den Porträts berühmter Gelehrten verziert . Der besten Rähmchen erfreuten sich die Philologen . Heyne , Wolf , Ernesti , Gesner , Bentley , Ruhnkenius zeigten ihre ausdrucksvollen Gesichter , Voß war dreimal vorhanden , gezeichnet , im Kupferstich und in Gips . Er suchte daher in aller Eile sein Lateinisch und Griechisch zusammen , sprach von der hehren Göttin Kalypso , besann sich zum Glück auf ein paar Horazische Verse , die er ohne wesentliche Verstümmlungen herausbrachte , und bemerkte , daß die Rektorin nun erst das volle Zutraun zu ihm gewann . Mit Erstaunen hörte er im Verlaufe des Gesprächs völlig regelrechte Hexameter aus ihrem Munde tönen , die nur durch gehäufte Spondeen etwas Unbeholfnes erhielten . Nach einer Viertelstunde waren sie wie alte Freunde miteinander . Indessen entstanden doch , wie es bei raschem Bekanntwerden zu geschehen pflegt , Pausen . Hermann erhob sich daher und wollte gehn . Sie faßte ihn bei der Hand und sagte , ihm treuherzig ins Gesicht sehend : » Ihr Herrn habt es im Kopfe , aber selten viel im Beutel , und obgleich Sie wohlhabender zu sein scheinen , als die Kandidaten , welche uns sonst besuchen , so dächte ich doch , daß frei Quartier bei guten Leuten besser wäre , als teure Gasthofszeche . Ich will Ihnen Ihr Zimmerchen zeigen , und Sie können nur gleich Ihre Sachen vom Wirtshause herüberbringen lassen . « Ohne seine Antwort zu erwarten , nahm sie ihn mit in das obere Stockwerk , wies ihm unterwegs verschiedne wirtschaftliche Einrichtungen , namentlich den Ofen , der zwei Stuben zugleich heizte , und den neuen Wandschrank , und führte ihn dann in ein helles Erkerzimmerchen , von welchem man das ganze Flußtal übersah . Er fragte nach dem Namen eines Dorfs , dessen Turmspitze am Horizonte hervorragte , und erfuhr nicht nur diesen , sondern lernte auch auf der Stelle die Topographie des ganzen Umkreises mit allen Verwandten , Freunden und Gevattern , die da und dort wohnten , kennen . » Sind Sie versprochen , Herr Schmidt ? « fragte sie plötzlich . » Nein ! « - » Rauchen Sie Tabak ? « - » Auch nicht . « - » Dann sind Sie auch kein ordentlicher Kandidat ! « rief sie lachend . » Ich habe wenigstens noch keinen kennengelernt , der nicht eine Braut und eine Pfeife gehabt hätte . Sie müssen sich beides bald anschaffen . « Er erwiderte ihren Scherz , der halb wie Ernst klang , und wurde von ihr mit einem Armvoll Tischzeug beladen , welches er unten in das Eßzimmer tragen sollte . Sie schien es als etwas sich von selbst Verstehendes zu betrachten , daß ein Kandidat der Frau eines Schulvorstehers nötigenfalls dienstbar sein müsse . Unten sagte er , um seinem Zwecke etwas näher zu kommen : » Es ist so still in Ihrem Hause , und ich sehe keinen Ihrer Pensionäre oder Pensionärinnen . « - » Pensionäre ? Pensionärinnen ? « fragte sie erstaunt . » Wir haben bloß unsre Knaben in Pension . Man hat mit den eignen Kindern Last genug , wer wollte sich noch die Mühe mit fremdem liebem Gute machen ? « Da sie nun merkte , daß diese Worte ihn befremdeten , fuhr sie nach einigem Besinnen fort : » Ach , gewiß ist da wieder eine Verwechselung vorgefallen , und Sie meinen , bei dem Edukationsrate zu sein . Wir werden noch an das Stadttor schreiben lassen müssen : Da wohnt der Philologe und da der Realschulmann . « Bei näherer Erkundigung hörte er nun , daß sich noch ein Namensvetter des Rektors am Orte befinde , welcher aber nicht am Gymnasium angestellt sei , sondern eine Privaterziehungsanstalt habe . Er sei in allem der Gegner ihres Alten , sagte die Rektorin , halte nichts auf Römer und Griechen , wolle vielmehr die ganze Bildung der Jugend auf das Praktische richten . » Dies hindert aber nicht « , fügte sie hinzu , » daß wir gute Freunde bleiben . Wir kommen zusammen , die beiden Alten zanken sich tüchtig ab , wenn der Konrektor dabei ist , so spricht auch das Mittelalter noch ein Wort darein , am Ende sind sie müde , der Edukationsrat ruft : Die Gegenwart gehört der Gegenwart ! das ist mein Stichwort ; ich sage dann : Es ist angerichtet , wir setzen uns zu Tische und verzehren ganz verträglich und lustig ein Gericht Gerngesehen miteinander . « Hermann überzeugte sich im stillen , daß der Arzt ihm jenen Edukationsrat habe empfehlen wollen und daß er verkehrterweise in ein andres Haus geraten sei . Indessen würde es unartig gewesen sein , das Mißverständnis zu bekennen , und er erwiderte daher auf den scherzhaften Zuruf der Rektorin , sich nunmehr zwischen dem linguistischen und dem Realsysteme zu entscheiden , daß seine Nachfrage nur eine zufällige gewesen sei , und daß er niemand hier habe kennenlernen wollen , als den in der gelehrten Welt hochgefeierten Herausgeber des Eutrop . » Nun wohl « , sagte die Rektorin , » ich glaube Ihnen , aber nehmen Sie sich in acht ; Sie werden auf den Zahn gefühlt werden . Und jetzo lassen Sie uns voneinander scheiden . Sie können den näheren Weg durch den Garten nach Ihrem Wirtshause nehmen ; schicken Sie mir mein Cornelchen daher , wir wollen einen Topf mehr zum Feuer rücken , damit es heut mittag heißen kann : Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle ; worauf es dann ferner lauten soll : Aber nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war , Gingen sie alle gesamt zu dem göttlichen Hirten Eumäos , Dort des Kaffees Gebräu zu schlürfen aus blumiger Tasse . « Zweites Kapitel Indem Hermann über den Hof und durch den Garten ging , war es ihm nicht unlieb , daß er sich in der Person des Schulmanns geirrt hatte . Nach dem Wesen der Frau , nach dem Begriffe , den er durch ihre Reden von dem Manne erhalten , bei dem Anblicke der philologischen Bildnisse , der engen Häuslichkeit , der schmalen Gartenstiegelchen und sauber gehaltnen Beetchen hätte er nicht erwarten können , daß ein Sinn , der diese Umgebung sich geschaffen , geneigt gewesen wäre , sich mit einem wilden Geschöpfe , wie Flämmchen , zu befassen . Nun aber durfte er von dem Edukationsrate noch alles hoffen . Im Pavillon , der am Ende des in eine Spitze auslaufenden Gärtchens stand , sah er ein