vermeiden , und ließ St. Julien bitten , die Gesellschaft zu vermehren , indem er zugleich die Damen entschuldigte , die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten würden , zu erscheinen . Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung zu gewähren , weil er sich nach dem , was vorgefallen war , der Gräfin gegenüber unbehaglich gefühlt haben würde ; auch seine Begleiterin erklärte , nicht erscheinen zu wollen , und so waren die Männer dieß Mal bei der Tafel allein , und der General benuzte die größere Freiheit , die dadurch entstand , als der Wein ihn etwas begeisterte , zu manchen Scherzen , die die Gegenwart der Frauen unmöglich gemacht haben würde , und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen , wenn er solche witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte , der nicht recht den Muth hatte , sie abzuweisen , weil er den feindlichen General fürchtete , und sich doch empfindlich gekränkt fühlte , daß er seine geistliche Würde so verletzen lassen mußte . Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen , indem er diesen an die früheren Zeiten erinnerte , die sie miteinander in Paris verlebt hatten , und sich nach manchen Bekannten erkundigte , die damals zu ihrem Kreise gehört hatten . Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck , daß der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete , der ist in jener Schlacht geblieben ; der starb an seinen Wunden nach der Schlacht ; den raffte eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg ; so , daß kaum zwei oder drei als Lebende bezeichnet wurden , die sämmtlich einen bedeutenden Rang in der Armee erreicht hatten . Es macht mich schwermüthig , rief der Graf , wie vieles Leben untergehen muß , um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen , und da beinah Alle , mit denen wir damals lebten , in Staub zerfallen sind , so frage ich mit Bangigkeit nach dem Freunde , den ich wahrhaft liebte , und von dessen Schicksal ich , seit wir uns trennten , nichts habe erfahren können . Was ist aus dem jungen Evremont geworden . Die Heiterkeit , mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller Jugendbekannten gesprochen hatte , verschwand plötzlich aus seinen Zügen , und es schien , als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge , wodurch auch die Wirkung des Weins aufgehoben würde , denn ernst und nüchtern erwiederte er : Mit dieser Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück , und alles Entsetzen , welches damals meine Brust erfüllte , droht mich von Neuem zu ergreifen . Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen , fuhr dann damit über die Stirn und sagte : Traurig hat unser junger Freund geendigt , und ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können . Du verließest Paris , als die entsetzlichen Auftritte begannen , die unsere Revolution täglich hervorrief . Der alte Graf Evremont , der Vater unseres Freundes , hieß es um diese Zeit , sei gestorben ; ein dunkles Gerücht behauptete , er sei nach der Schweiz entflohen , auch von dem Sohne wollte man behaupten , er sei abwesend , als er plötzlich in Paris erschien und sich allenthalben öffentlich zeigte . Er ließ es sich gefallen , daß ihn Niemand mehr Graf , sondern Alle Bürger Evremont nannten . Es war die Rede davon , daß er bei der Armee angestellt werden sollte , als er auf ein Mal wieder verschwand ; man behauptete , er sei emigrirt , und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen , denn es ergab sich , daß Vieles verkauft war . Ich theilte die allgemeine Ansicht , daß er sich zur Condéschen Armee begeben habe , und dachte in Jahren nicht weiter an ihn . Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris , und es war die traurige Pflicht des Dienstes , in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu besetzen ; so wurde auch ich eines Morgens beordert , diese Pflicht mit meiner Compagnie zu erfüllen . Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon gefallen ; ich hatte mich von dem scheußlichen Anblick abgewendet , und ich begreife noch nicht , welche innere Macht mich zwang , mich endlich nach dem Schaffot hinzuwenden ; da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen , die geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte . Ich wollte rufen : Evremont ! aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust ; in demselben Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung , daß alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich nach der Seite hinwendeten , von woher der Schrei ertönte ; auch meine Augen folgten der allgemeinen Richtung , und ich sah einen Augenblick zwei blendend weiße Arme nach dem Schaffot ausgestreckt , ein todtenbleiches Gesicht einer Frau mit wahnsinnigem Ausdruck ; ein zweiter Schrei ertönte , und die Gestalt sank zurück und war mir in der Menge verloren . Als ich mich wieder nach dem Schaffot wendete , hatte unser unglücklicher Freund geendet , und sein edles Blut strömte dampfend hinunter . Ich gestehe Dir , sagte der General , nachdem Alle eine Zeitlang geschwiegen hatten , an diesem Tage kam mir die Revolution , der ich sonst mit ganzer Seele anhing , gräßlich vor ; ich beweinte unsern Freund mit bittern Thränen , ich glaubte nicht , daß ich , nachdem ich dieß erlebt hatte , jemals wieder heiter werden könnte , und doch , was ist der Mensch mit seinen Freuden und Schmerzen ? Ich überwand dieß , wie vieles Andere und wurde wieder mit dem Leben vertraut . Und jene unglückliche Frau ? fragte der Graf mit ungewisser Stimme . Ich habe niemals erfahren , Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm stand , erwiederte der General ; seine Schwester aber war es nicht , fügte er hinzu , die würde ich erkannt haben . Dabei fällt mir ein , fuhr er lächelnd fort , es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch , diese Schwester mit Dir zu verbinden , und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt ; wie hat sich denn doch Alles anders gestaltet ; oder sollte die Gräfin , Deine Gemahlin vielleicht - Meine Gemahlin ist eine Deutsche , versetzte der Graf . Nach meiner Abreise von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes , wie seiner liebenswürdigen Schwester verloren ; die Zeit beruhigte mich nach und nach über den Verlust , und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten , hegte ich noch immer die Hoffnung , ich würde ihn , den ich so herzlich liebte , einmal plötzlich wieder erblicken ; ja , so wie Du mir heute unvermuthet erschienst , so träumte ich oft , würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich als herzlicher Freund in seine Arme schließen . Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen , sagte lächelnd der General . Sei nicht ungerecht , erwiederte der Graf , und tadele es nicht , wenn das traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt , den wir Beide liebten . Das ist der Fluch der Revolutionen , fuhr er mit bewegter Stimme fort , daß sie das Edelste hinwegraffen , daß sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern , und beider Blut oft auf gleiche Weise vergießen . Das ist wahr ! rief der General , und sind wir denn nun nicht dem großen Geist unendlichen Dank schuldig , der dieß blutige Ungeheuer fesselte , der Ruhe und Sicherheit in alle Familien zurückkehren hieß und Frankreichs Söhne auf eine Bahn des Ruhms leitete , so kühn , so glänzend , wie die Geschichte kein Beispiel bietet ? Es wäre ungerecht , sagte der Graf , eine entschiedene Größe nicht anerkennen zu wollen , auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen , aber glaube mir , fügte er lächelnd hinzu , wir alle haben noch kein Urtheil über Napoleon ; dieß müssen wir der unpartheiischen Nachwelt überlassen ; wir sind zu sehr in der Gegenwart befangen ; diejenigen , die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt , werden ihn vielleicht zu sehr bewundern , und die , die er als egoistischer Sieger schonungslos drückt , werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen ; nur die Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern , Was wirklich groß in Euerm Helden erscheint , und auch anerkennen , daß er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher Selbstsucht war . Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt , sagte der General empfindlich , und urtheilst , ob Du gleich behauptest , daß wir nicht urtheilen können . Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen , erwiederte der Graf , indem er freundlich die Hand seines Freundes faßte , jeder von uns müßte seine Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben , wenn er zu der Meinung des Andern übertreten sollte , darum laß es uns erwarten , ob nicht auch uns die Zukunft in dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt . Du meinst , sagte der General gereizt , wenn die Bourbons wieder über Frankreich herrschen , wenn alle alten Anmaßungen wiederkehren , wenn - Ich meine gar nichts , sagte der Graf ihn unterbrechend , als daß wir die Zeit unseres Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten . Darin hast Du Recht , erwiederte der General , wir wollen nichts , gar nichts mehr über Politik sprechen , bis nach dem Frieden , der uns vielleicht auf eine andere Weise näher zusammenrückt , als Du vorhin meintest . Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen , und St. Julien bat den General um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer ; hier trug er ihm die Bitte vor , einen Brief an seine Mutter zu besorgen . Ich darf eigentlich gar nicht wissen , daß Sie hier sind , sagte der General ; da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist , und Sie doch keinen Antheil an den Gefechten nehmen können , so will ich Sie hier als krank zurücklassen und Ihren Brief besorgen , den Sie mir morgen abgeben müssen , da wir übermorgen weiter ziehen , um uns der großen Armee anzuschließen . St. Julien fühlte sich beschämt und gekränkt , daß er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte ; ihn ängstigte der Gedanke , daß der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten könnte , und er setzte ihm deßhalb sein ganzes Verhältniß zum Grafen auseinander und bat ihn , selbst zu enscheiden , ob er sein dem Grafen gegebenes Wort verletzen könne . Der General hörte mit Rührung St. Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig die edle schonende Weise , mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet worden . Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen , sagte er endlich , also sind Sie gewissermaßen sein , und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen ; auch bin ich überzeugt , dieser Krieg wird bald beendigt sein , dann werden Sie uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen , um sich Ruhm zu erwerben . Aber nun erklären Sie mir , schloß er seine Rede , wie kam es , daß man Sie , getrennt von der Armee , in dieser hülflosen Lage einsam fand ? Eine dunkle Röthe bedeckte St. Juliens Gesicht , er schwieg verlegen und stotterte endlich : es war eine Ehrensache , ein Duell , dem ich mich nicht entziehen konnte . Ich will nicht weiter in Sie dringen , sagte der General kalt , die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein , daß sie sich aufrichtig mittheilen läßt . Geben Sie mir morgen Ihren Brief . Hiemit entließ er den jungen Mann , der , aufs Tiefste verletzt , sein einsames Zimmer suchte , um den Schmerz zu verbergen , der sein Herz zerriß , da er sah , wie er von dem General verkannt wurde , der offenbar zu glauben schien , daß wenig ehrenvolle Gründe ihn zum Schweigen bestimmten . Der Arzt war indessen auf dem Schlosse angekommen und berichtete , daß das Unglück viel gelinder vorüber ginge , als man hatte vermuthen können . Anfangs , rief er , ja Anfangs , da sah es freilich übel aus ; die Franzosen kamen wüthend wie die Tigerthiere ; Der forderte Wein , Jener wollte Braten und Fisch , und die Verwirrung war grenzenlos , denn die armen unvernünftigen Bauern verstanden nicht einmal , was ihre Gäste wollten ; diese nahmen ihre Zuflucht zu Prügeln , um sich verständlich zu machen ; die Weiber fingen an zu heulen ; die Kinder kreischten dazwischen ; kurz , es war ein Getöse , als ob die Welt untergehen sollte . Zum Glück war ich gegenwärtig , fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort ; ich , der niemals seine Pflichten versäumt , wenn die Erfüllung derselben auch mein Leben in Gefahr bringen sollte , ich besuchte heute wie immer meine Kranken , und auch zu dem Schmerzenslager drang das wüste Geschrei . Da ich nun französisch verstehe , so konnte ich wie eine wohlthätige Gottheit zwischen Feinde und Bauern treten ; ich bewirkte , daß die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten , indem ich ihnen die Unmöglichkeit zeigte , daß der Bauer nicht geben könne , was er nicht hat ; und ich erklärte den Bauern die Bedürfnisse ihrer Gäste ; diese hörten auf zu prügeln , und die Weiber , statt zu heulen , deckten die Tische . Die Feinde wurden guter Laune und die Gemüther näherten sich ; dabei fand es sich , daß einige Franzosen krank sind , die Feldapotheke ist aber schlecht versehen , und der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit ; auch hier kann ich heilbringend dazwischen treten ; ich habe , was er bedarf ; ich werde ihm selbst die nöthigen Arzneien hinbringen , und er wird meinen Rath benutzen ; den Bauern aber habe ich befohlen , für Kraftbrühen für die Kranken zu sorgen . Auch dafür , sagte der Graf , wird besser hier im Schloß gesorgt werden können . Das ist wahr , rief der Arzt , auch Feinde sind Menschen , die Wissenschaft macht keine Unterschiede , ich muß sie wieder herzustellen suchen , und wollen sie so undankbar sein , wenn sie durch meine Hülfe ihre Glieder wieder brauchen können , sie zu unserem Schaden zu benutzen , so ist das ihre Sache , die sie verantworten mögen . Der General war wieder zur Gesellschaft zurückgekehrt und hatte des Arztes Bericht , von diesem unbemerkt , gehört . Er verstand im Ganzen seine Mittheilung und lächelte über die seltsamen Geberden , womit er seine Rede begleitete . Jetzt , rief der lebhafte Arzt , muß ich erst sehen , wie es mit Herrn St. Julien steht , und dann zurück zu meinen Franzosen . Er wendete sich schnell und bemerkte nun , daß der General dicht hinter ihm gestanden hatte , und da er , nachdem er sich gewendet hatte , in die Augen des feindlichen Anführers blickte , so sprang er vor Schrecken , St. Juliens erwähnt zu haben , drei Schritte zurück . Ich Unglücklicher ! rief er aus , welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen ! Der General , der ihn errieth , sagte : Beruhigen Sie sich , ich lasse Ihnen Ihren Kranken , Sie sind ein braver Mann , wenn auch etwas sonderbar , lächerlich würden wir in Paris sagen , aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloß etwas seltsam genannt werden . Der Arzt war erstaunt und empört zugleich , daß man ihn lächerlich finden könnte , und die dunkle Röthe seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten , daß er etwas Heftiges antworten wollte ; der Graf , der ihn errieth , lenkte jedoch seinen Zorn ab , indem er ihn erinnerte , daß er heute St. Julien noch nicht besucht habe , und ihn auch bat , sich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen . Der Arzt eilte hinaus , diese doppelte Pflicht zu erfüllen , und der General sagte , als er den Saal verlassen hatte , zum Grafen : Das scheint eine gutmüthige Karrikatur . Du hast Deinen Haushalt recht vollständig auf den Fuß der guten alten Zeit eingerichtet , denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte , wie es scheint , zugleich einen Hofnarren . Wir müssen es unsern Besiegern gestatten , sagte der Graf lächelnd , unsere gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen , wie es ihnen gut scheint , und haben kein Recht oder wenigstens keine Macht , ihre Freimüthigkeit zu beschränken . Nimm es nur nicht übel , sagte der General gutmüthig , daß ich meine Meinung ohne Umstände aussprach ; aber gewiß muß man sich erst an die wunderlichen Manieren Deines Arztes gewöhnen , ehe man seine guten Eigenschaften gehörig würdigen kann , und mit einem Französisch ist der Mann behaftet , daß ich es , in welcher Gegend der Welt ich auch war , noch niemals barbarischer vernommen habe . Und grade dieß , sagte der Graf , ist sein Stolz . Er ist überzeugt , daß er wie ein geborner Pariser spricht ; sein Ohr hört gar keinen Unterschied . Nun siehst Du , erwiederte der General , Du mußt seine Narrheit ja selbst zugeben . Der Prediger konnte sich in der Nähe des Generals gar nicht behaglich fühlen , und es war ihm also sehr erwünscht zu vernehmen , daß die Rückkehr nach seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei ; er beschloß daher , seine Familie auf dem Schlosse zu lassen , wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze des feindlichen Generals am Sichersten glaubte , und kehrte mit dem Arzte nach dem Dorfe zurück , um selbst zu sehen , wie es den Bauern erginge . Alles war hier in vollkommener Ruhe , die französischen Soldaten hatten sich überzeugt , daß die Bauern bereit waren , sie so gut als möglich zu bewirthen ; da sie die Vorräthe der Häuser selbst untersucht hatten , so wußten sie , wie weit sie ihre Forderungen ausdehnen könnten , und waren genügsamer geworden . Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten , fingen sie an , mit den Kindern zu spielen oder ihrem Wirthe in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen . Einige suchten sich eine Violine und einen Baß zu verschaffen , um in der Schenke zum Tanze zu spielen ; denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden gegeben , bis sie alle weiblichen Personen , die das Regiment begleiteten , zum Tanze willig gemacht hatten ; auch einige Mägde aus dem Dorfe waren überredet worden , und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu , um den Ball zu eröffnen . Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser , da sie sich durch die vom Schlosse gesendeten Kraftbrühen und durch den guten , ebenfalls von dort erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten . Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien , die ihm sein deutscher Kunstgenosse mittheilte , und der Prediger lud den deutschen wie den französichen Arzt ein , den Abend bei ihm zuzubringen , welches von Beiden bereitwillig angenommen wurde . XIII Der andere Tag ging ohne Störung und ohne merkwürdige Vorfälle vorüber . Den folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter , um sich der großen Armee anschließen . Das Geräusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war verschwunden , und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das Schloß nieder , als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nähe wütheten . Der Graf besuchte nun den Obristen Thalheim , den er vom Schlosse entfernt gehalten hatte , so lange die Franzosen dort die Herren waren , denn der alte Krieger würde nicht mit der nöthigen Geduld den Anblick der übermüthigen Sieger ertragen haben . Er theilte ihm zum Troste die Nachricht mit , die sich anfing zu verbreiten , daß endlich die Russen zum Beistande erschienen seien , und man hoffte nun mit Gewißheit , daß Napoleons Macht an dem nordischen Koloß scheitern würde . Auf St. Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemüths nachtheilig gewirkt zu haben , denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern ; seine Wunden entzündeten sich von Neuem , und der Arzt gerieth in Verzweiflung . Emiliens Kummer war sichtbar , wenn der junge Mann so bleich und im Fieber zitternd in der Gesellschaft erschien , und ihre fragenden , theilnehmenden Blicke senkten Balsam in das verwundete Gemüth des Kranken . Der Graf und die Gräfin bemühten sich liebevoll ihn aufzurichten , und Dübois verdoppelte Aufmerksamkeit und Pflege . Selbst der Obrist Thalheim bewies dem jungen Manne aufrichtige Theilnahme und vermied es sogar , in seiner Gegenwart die Franzosen zu verwünschen , so daß nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele zurückkehrte . Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr gelitten , als man Anfangs glaubte , und der Graf mußte auch hier helfend eintreten , wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten ; er selbst erwähnte seinen eigenen Verlust nicht , ob dieser gleich nicht unbedeutend war . So war das Weihnachtsfest herbeigekommen , und obgleich Jeder dem Andern kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing , so waren doch alle Gemüther zu sehr gedrückt , als daß eine allgemeine Heiterkeit hätte stattfinden können . Die Feinde waren Herren des Landes , das von ihnen planmäßig ohne Schonung benutzt wurde ; die Festungen waren in ihrer Gewalt , und Niemand konnte es sich abläugnen , daß eine große Entscheidung nahe sei , denn , mußte die Macht Rußlands vor der Napoleons weichen , so war es nur zu gewiß , daß er ohne Widerspruch das Schicksal des unglücklichen Landes bestimmen durfte . Diese traurige Stimmung wurde noch erhöht , als die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete ; beinah aller Muth und alle Hoffnungen wurden erschüttert . Die langen traurigen Winterabende trugen dazu bei , die Schwermuth zu erhöhen . Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus der Wirklichkeit hinweg zu flüchten , und in Poesie und Musik den Trost zu suchen , den das Leben in der Gegenwart nicht gewähren konnte . Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht , die den 7 und 8 Februar bei Eylau geschlagen sein sollte . Das Gerücht verkündigte , die Russen wären die Sieger und Napoleons Armee nach einem fürchterliche Blutbade vernichtet . Wenn auch das menschliche Gefühl die auf Hohenthal vereinigten Freunde zu schaudern zwang über den gräßlichen Untergang so vieler Tausende , so erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude ; die Hoffnung regte sich im Herzen ; man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes , und wenn man auch ahnete , daß noch manche Kämpfe zu bestehen sein dürften , so faßte man doch Muth nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glücks . Nur St. Julien schlich bei der allgemeinen Freude hinweg ; er fühlte mit innigem Schmerz die Niederlage der Franzosen ; er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte , der Sieg schien ihm gefesselt an die französischen Adler ; er konnte sich die Möglichkeit nicht denken , daß die dreifarbige Fahne rückwärts wiche , und er hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten , die , wie er nicht zweifelte , diesen ersten widersprechen würden . Aber sein Herz war getheilt , er mußte es sich gestehen , daß ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude gewähren würde , weil er seine deutschen Freunde , an die ihn tausend zarte Bande knüpften , so innig schmerzen mußte . Ueberhaupt hatte St. Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders betrachten gelernt ; er hatte mit einem gewissen Leichtsinn , wie beinah alle jungen Leute in Frankreich , Militärdienste genommen ; es schwebte ihm dunkel das Bild des glänzenden Ruhmes vor , den er , durch Napoleons Stern geleitet , gewinnen wollte , ein strahlender Name in der Geschichte , und als Lohn im gegenwärtigen Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich . Er hatte sich nie gefragt , weßhalb diese Kriege geführt würden und welchen Zweck sie befördern sollten . Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden , der ihm das Leben rettete , und hier öffnete sich sein Herz Gefühlen , die ihm dieß Leben verschönerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren ; denn wie innig er seine Mutter auch liebte , so fühlte er doch , daß er der Gräfin mit größerer Zärtlichkeit ergeben sei . Der Graf flößte ihm nicht nur die Liebe ein , die er für einen Vater empfunden haben würde , wenn er jemals einen Vater gekannt hätte , sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung ; er war ihm das Vorbild eines vollendeten edeln Mannes , dessen kleine Schwächen selbst seinen Charakter mehr zierten , als entstellten . Sein empfängliches Gemüth öffnete sich dem Zauber , den die Dichtkunst auf ihn übte , die er durch den Grafen in den Werken aller Sprachen kennen lernte , und er empfand es lebhaft , welchen nie versiegenden Quell der edelsten Genüsse ein gebildeter Geist in sich trägt . Und Emilie ! Schon der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen , jeder ihrer Blicke , jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber ; er fühlte die glühendste Leidenschaft , die zärtlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es zu hoffen , daß ein ähnliches Gefühl sich auch in ihrem Busen entzündet hätte . Unter diesen Umständen war ihm der Gedanke schrecklich , dieß Haus , diese Menschen je verlassen zu müssen , und doch war dieß , sobald der Friede geschlossen war , unvermeidlich , und er schloß sich seinen deutschen Freunden und vor Allen Emilie nur um so inniger an , um über der beglückenden Gegenwart die quälenden Sorgen für die Zukunft zu vergessen . Es konnte der Gräfin nicht entgehen , daß zwischen St. Julien und Emilie sich das zarteste , innigste Verhältniß bildete ; es erfüllte dieß ihr Herz mit Sorgen für die Zukunft ihrer jungen Freunde , und dennoch wagte sie nicht mit Emilien darüber zu sprechen , weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt , wenn man unbestimmten Gefühlen Wort und Gestalt giebt . Die jungen Leute ferner als bisher von einander zu halten , ließ sich ohne fühlbaren Zwang nicht machen , und dieser würde ein Mißtrauen , welches keines von beiden verdiente , gezeigt haben . Es blieb also der Gräfin nichts weiter übrig , als von der Zukunft , wenn auch mit sorgendem Gemüthe , zu erwarten , wie das Loos ihrer jungen Freunde sich entwickeln würde . Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde mehrere Tage gelebt ; da begann die Hoffnung , welche nach der Schlacht bei Eylau erregt worden war , nach und nach zu sinken . Der Obrist Thalheim , der sich am lebhaftesten gefreut hatte , wurde zuerst bedenklich , da nach diesem großen Schlage keine Veränderung in der politischen Lage fühlbar wurde . Er fing zuerst an den großen Sieg zu bezweifeln , und bald konnte es sich Niemand mehr verbergen , daß zwar ein großes Blutvergießen bei Eylau stattgefunden hatte , aber daß es für keine Partei entscheidend gewesen war . Ein Schimmer von Hoffnung erhielt sich noch ; die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kräftigen Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeutenden Vortheile gewonnen . Während solcher Spannung kam der Frühling heran . Die Wiesen bekleideten sich mit zartem , frischem Grün ; der würzreiche Duft der Veilchen schwebte in den Thälern ; tausend Blumen öffneten ihre Knospen und schimmerten der wärmenden Sonne in allen Farben entgegen ; die Bäche waren von den Banden gelöst , mit denen sie der Winter gefesselt hatte , und schlängelten sich wie Silberbänder durch das frische Grün ; das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die silbernen Stämme , indeß Buchen , Linden , Eichen und alle später sich belaubenden Bäume ernsthaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der lauen Luft wiegten , gleichsam als ob sie das voreilige Thun der andern tadeln wollten . Noch kein Frühling hatte St. Juliens Herz mit so trunkenem Entzücken erfüllt , als dieser , und Emilie behauptete , ihn in solcher Schönheit noch nie erlebt zu haben ; auch Theresens Seele öffnete sich dem holden Zauber , und die jungen Leute vergaßen allen Kummer der Welt , wenn sie auf den nahen Bergen umher schweiften oder durch die blühenden Thäler einem klaren Bache folgten , bis er sich mit Brausen auf die Räder einer einsam gelegenen Mühle stürzte . Die älteren Freunde genossen mit Sorgen die schönen Tage , denn trübe und schwül wie ein Gewitter drückte die französische Macht das Land , und bange harrte man der Zukunft entgegen . Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen , und wenige Tage danach wurde der Waffenstillstand mit Rußland geschlossen und gleich darauf der mit Preußen . Jetzt mußten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben werden , denn Jedermann konnte voraussehen , daß ein höchst nachtheiliger Frieden diesem Waffenstillstande folgen werde . In dieser Zeit hörte der Graf mit minderer Theilnahme , als wohl sonst in seinem Charakter lag , die Berichte des Predigers , der schon früher , wie er es versprochen hatte , Erkundigungen über alle Mitglieder der Hohenthalschen Familie hatte einziehen wollen , aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert worden . Er konnte jetzt dem Grafen mittheilen , daß sein Verwandter , der den Prozeß gegen ihn habe einleiten wollen , in sehr bedrängten Umständen lebe , und daß vermuthlich das so wichtige Dokument , welches der alte Lorenz entwendet hatte , nur dadurch in