ich hab so manches nachfühlen müssen , was Du wohl längst verschmerzt hattest , noch eh ich Dich kannte . Die drei Mohren sollen Deine Wächter sein , daß sich kein fremder Gast bei Dir einschleiche und Du Dir kein geschnitzeltes Bild machst , dasselbige anzubeten . Laß Dir ' s bei den drei Mohren gesagt sein , daß ich um den Ernst Deiner Treue bitte , erhalte sie mir unter den zierlichen , müßigen Badenymphen , die Dich umtanzen , die Nadel mit dem Gordischen Knoten trag an Deiner Brust , denk daran , daß Du aus der Fülle meiner Liebe keine Wüste des Jammers machen sollst , und sollst den Knoten nicht entzweihauen . Dem Primas hab ich geschrieben in Deinem Auftrag , er ist in Aschaffenburg , er hat mich eingeladen , dorthin zu kommen ; ich werd auch wahrscheinlich mit der ganzen Familie ihn besuchen , da kann ich ihm alles noch einmal mitteilen . Ich werde Dir Nachricht darüber geben . Nun küsse ich Dir zum letztenmal Hand und Mund , um morgen einen neuen Brief zu beginnen . Bettine An Goethe Am 5. Juli Wenn ich Dir alle Ausflüge beschreiben sollte , liebster Herr , die wir von unserm Rheinaufenthalt aus machen , so blieb mir keine Minute übrig zum Schmachten und Seufzen . Das wär mir sehr lieb , denn wenn mein Herz voll ist , so möcht ich ' s gerne vor Dir überströmen lassen ; aber so geht ' s nicht : hat man den ganzen Tag im heißen Sonnenbrand einen Berg um den andern erstiegen , alle Herrlichkeiten der Natur mit Hast in sich getrunken wie den kühlen Wein in der Hitze , so möchte man am Abend den Freund lieber ans Herz drücken und ihm sagen , wie lieb man ihn hat , als noch viele Beschreibung von Weg und Steg machen . Was vermag ich auch vor Dir , als nur Dich innigst anzusehen ! Was soll ich Dir vorplaudern ? - Was können Dir meine einfältigen Reden sein ? Wer sich nach der schönen Natur sehnt , der wird sie am besten beschreiben , der wird nichts vergessen , keinen Sonnenstrahl , der sich durch die Felsritze stiehlt , keinen Windvogel , der die Wellen streift , kein Kraut , kein Mückchen , keine Blume am einsamen Ort . Wer aber mitten drinnen ist und mit glühendem Gesicht oben ankommt , der schläft , wie ich , gern auf dem grünen Rasen ein und denkt weiter nicht viel , manchmal gibt ' s einen Stoß ans Herz , da seh ich mich um und suche , wem ich ' s vertrauen soll . Was sollen mir all die Berge bis zur blauen Ferne , die blähenden Segel auf dem Rhein , die brausenden Wasserstrudel ! - Es drückt einem doch nur , und - keine Antwort , niemals , wenn man auch noch so begehrend fragt . - Am 7. Juli So lauten die Stoßseufzer am Abend , am Morgen klingt ' s anders , da regt sich ' s schon vor Sonnenaufgang und treibt mich hinaus , wie einer längst ersehnten Botschaft entgegen . Den Nachen kann ich schon allein regieren , es ist mein liebstes Morgengebet , ihn listig und verstohlen von der Kette zu lösen und mich hinüber ans Ufer zu studieren . Allemal muß ich ' s wieder von neuem lernen , es ist ein Wagstück , mit Mutwill begonnen , aber sehr andächtig beschlossen ; denn ich danke Gott , wenn ich glücklich gelandet bin . Ohne Wahl belaufe ich dann einen der vielen Strahlenwege , die sich hier nach allen Seiten auftun . Jedesmal lauscht die Erwartung im Herzen , jedesmal wird sie gelöst , bald durch die allumfassende Weite auf der Höh , durch die Sonne , die so plötzlich alles aus dem Schlaf weckt ; ich klimme herab an Felswänden , reinliches Moos , zierliches Flechtwerk bekleiden den Stein , kleine Höhlen zum Lager wie gegossen , in denen verschnauf ich , dort zwischen dunklen Felsen leuchtet ein helleres Grün : kräftig blühend , untadelig , mitten in der Wüste find ich die Blume auf reinlichem Herd , einfache Haushaltung Gottes ; inmitten von Blütenwänden die Opferstätte feierlich umstellt von schwanken priesterlichen Nymphen , die Libationen aus ihren Kelchkrüglein ergießen und Weihrauch streuen und wie die indischen Mädchen goldnen Staub in die Lüfte werfen . - Dann seh ich ' s blitzen im Sand ; ich muß hinab und wieder hinauf , ob ' s vielleicht ein Diamant ist , den der Zufall ans Licht gebracht hat . Wenn ' s einer wär , ich schenkte ihn Dir , und denk mir Deine Verwunderung über das Kleinod unserer rheinischen Felsen . Da lieg ich am unbeschatteten Ort mit brennenden Wangen und sammle Mut , wieder hinüberzuklettern zur duftenden Linde . Am Kreuzweg , beim Opferstock des heiligen Petrus , der mit großem Himmelsschlüssel ins vergitterte Kapellchen eingesperrt ist , ruh ich aus auf weichem Gras und such vergebens , o Himmel ! an deinem gewölbten Blau das Loch , in das der Schlüssel passen könnte , da ich heraus möchte aus dem Gefängnis der Unwissenheit und Unbewußtheit ; wo ist die Tür , die dem Licht und der Freiheit sich öffnet ? - Da ruschelt ' s , da zwitschert ' s im Laub , dicht neben mir unter niederem Ast sitzt das Finkenweibchen im Nest und sieht mich kläglich an . Das sind die kleinen allerliebsten Abenteuer und Mühseligkeiten des heutigen Tags . Heimwärts machte ich die Bekanntschaft der kleinen Gänsehirtin , sie strahlte mich von weitem an mit ihren zollangen schwarzen Augenwimpern , die andern Kinder lachten es aus und sagten , alle Menschen hielten sich drüber auf , daß es so lange Wimpern habe . Es stand beschämt da und fing endlich an zu weinen . Ich tröstete es und sagte ; » Weil dich Gott zur Hüterin über die schönen weißen Gänse bestellt hat und du immer auf freier Wiese gehest , wo die Sonne so sehr blendet , so hat er dir diese langen Augenschatten wachsen lassen . « Die Gänse drängten sich an ihre weinende Hüterin und zischten mich und die lachenden Kinder an , könnt ich malen , - das gäb ein Bild ! Gut ist ' s , daß ich nicht viel von dem weiß , was in der Welt vorgeht , von Künsten und Wissenschaften nichts versteh , ich könnte leicht in Versuchung geraten , Dir darüber zu sprechen , und meine Phantasie würde alles besser wissen wollen , jetzt nährt sich mein Geist von Inspirationen . - Manches hör ich nennen , anwenden , vergleichen , was ich nicht begreife , was hindert mich , danach zu fragen ? - Was macht mich so gleichgültig dagegen ? Oder warum weiche ich wohl gar aus , etwas Neues zu erfahren ? - Am frühen Morgen Ein Heer von Wolken macht mir heute meine frühe Wanderung zu Wasser , dort drüben die Ufer sind heute wie Schatten der Unterwelt schwankend und schwindend ; die Turmspitzen der nebelbegrabenen Städte und Ortschaften dringen kaum durch , die schöne grüne Au ist verschwunden . - Es ist noch ganz früh - ich merk ' s ! Kaum kann es vier Uhr sein , da schlagen die Hähne an , von Ort zu Ort in die Runde bis Mittelheim , von Nachbar zu Nachbar ; keiner verkümmert dem andern die Ehre des langen Nachhalls , und so geht ' s in die Ferne wie weit ! Die Morgenstille dazwischen wie die Wächter der Moscheen , die das Morgengebet ausrufen . Morgenstund hat Gold im Mund , schon seh ich ' s glänzen und flimmern auf dem Wasser , die Strahlen brechen durch und säen Sterne in den eilenden Strom , der seit zwei Tagen , wo es unaufhörlich gießt , angeschwollen ist . Da hat der Himmel seine Schleier zerrissen ! - Nun ist ' s gewiß , daß wir heute schön Wetter haben , ich bleibe zu Hause und will alle Segel zählen , die vorüberziehen , und allen Betrachtungen Raum geben , die mir die ferne , allmählich erhellende Aussicht zuführt . Du kennst den Fluß des Lebens wohl genau und weißt , wo die Sandbänke und Klippen sind , und die Strudel , die uns in die Tiefe ziehen , und wie weit der jauchzende Schiffer mit gespanntem Segel , mit frischem Wind wohl kommen wird , und was ihn am Ufer erwartet . Wenn Dir ' s gefällt , einen Augenblick nachzudenken über den Eigensinn meiner Neigung und über die Erregbarkeit meines Geistes , so mag Dir ' s wohl anschaulich sein , was mir unmündig Schiffenden noch begegnen wird . O sag mir ' s , daß ich nichts erwarten soll von jenen Luftschlössern , die die Wolken eben im Saffran- und Purpurfeld der aufgehenden Sonne auftürmen , sag mir : dies Lieben und Aufflammen , und dies trotzige Schweigen zwischen mir und der Welt sei nichtig und nichts ! Ach der Regenbogen , der eben auf der Ingelheimer Au seinen diamantnen Fuß aufsetzt und sich übers Haus hinüberschwingt auf den Johannisberg , der ist wohl grad wie der selige Wahn , den ich habe von Dir und mir . Der Rhein , der sein Netz ausspannt , um das Bild seiner paradiesischen Ufer darin aufzufangen , der ist wie diese Lebensflamme , die von Spiegelungen des Unerreichbaren sich nährt . Mag sie denn der Wirklichkeit auch nicht mehr abgewinnen als den Wahn ; - es wird mir eben auch den eigentümlichen Geist geben und den Charakter , der mein Selbst ausspricht wie dem Fluß das Bild , das sich in ihm spiegelt . Am Abend Heute morgen schiffte ich noch mit dem launigen Rheinbegeisterten Niklas Vogt nach der Ingelheimer Au , seine enthusiastischen Erzählungen waren ganz von dem O und Ach vergangner schöner Zeiten durchwebt . Er holte weit aus und fing von da an , ob Adam hier nicht im Paradiese gelebt habe , und dann erzählte er vom Ursprung des Rheins und seinen Windungen durch wilde Schluchten und einengende Felstale , und wie er da nach Norden sich wende und wieder zurückgewiesen werde , links nach Westen , wo er den Bodensee bilde und dann so kräftig sich über die entgegenstellenden Felsen stürze ; ja , sagte der gute Vogt ganz listig und lustig , man kann den Fluß ganz und gar mit Goethe vergleichen . Jetzt geben Sie acht : die drei Bächlein , die von der Höhe des ungeheuren Urfelsen , der so mannigfaltige abwechselnde Bestandteile hat , niederfließen und den Rhein bilden , der als Jünglingskind erst sprudelt , das sind seine Musen , nämlich Wissenschaft , Kunst und Poesie , und wie da noch mehr herrliche Flüsse sind : der Tessin , der Adda und Inn , worunter der Rhein der schönste und berühmteste , so ist Goethe auch der berühmteste und schönste vor Herder , Schiller und Wieland ; und da , wo der Rhein den Bodensee bildet , das ist die liebenswürdige Allgemeinheit Goethes , wo sein Geist von den drei Quellen noch gleichmäßig durchdrungen ist , da , wo er sich über die entgegenstauenden Felsen stürzt : das ist sein trotzig Überwinden der Vorurteile , sein heidnisch Wesen , das braust tüchtig auf und ist tumultarisch begeistert ; da kommen seine Xenien und Epigramme , seine Naturansichten , die den alten Philistern ins Gesicht schlagen , und seine philosophischen und religiösen Richtungen , die sprudeln und toben zwischen dem engen Felsverhack des Widerspruchs und der Vorurteile so fort , und mildern sich dann allmählich ; nun aber kommt noch der beste Vergleich : die Flüsse , die er aufnimmt : die Limmat , die Thur , die Reuß , die Ill , die Lauter , die Queich , lauter weibliche Flüsse , das sind die Liebschaften , so geht ' s immer fort bis zur letzten Station . Die Selz , die Nah , die Saar , die Mosel , die Nette , die Ahr ; - nun kommen sie ihm vom Schwarzwald zugelaufen und von der rauhen Alp , - lauter Flußjungfern : die Elz , die Treisam , die Kinzig , die Murg , die Kraich , dann die Reus , die Jaxt ; aus dem Odenwald und Melibokus herab haben sich ein paar allerliebste Flüßchen auf die Beine gemacht : die Wesnitz und die Schwarzbach ; die sind so eilig : was giltst du , was hast du ? - Dann führt ihm der Main ganz verschwiegen die Nid und die Krüftel zu ; das verdaut er alles ganz ruhig und bleibt doch immer er selber ; und so macht ' s unser großer deutscher Dichter auch , wie unser großer deutscher Fluß ; wo er geht und steht , wo er gewesen ist und wo er hinkommt , da ist immer was Liebes , was den Strom seiner Begeistrung anschwellt . Ich war überrascht von der großen Gesellschaft ; Vogt meinte , das wären noch lange nicht alle ; der Vergleiche waren noch kein Ende : Geschichte und Fabel , Feuer und Wasser , was über und unter der Erde gedeiht , wußte er passend anzuwenden ; ein Rhinozerosgerippe und versteinerte Palmen , die man am Rhein gefunden , nahm er als Deine interessantesten Studien bezeichnend . So belehrte er mich und prophezeite , daß Du auch bis ans Ende , wie der Rhein , aushalten werdest , und nachdem Du wie er , alle gesättigt und genossen , sanft und gemachsam dem Meer der Ewigkeit zuwallen werdest ; er schrieb mir das Verzeichnis aller Flüsse auf und verglich mich mit der Nidda ; ach wie leid tut mir ' s , daß nach dieser noch die Lahn , die Sayn , die Sieg , die Roer , die Lippe und die Ruhr kommen sollen ! Adieu ! Ich nenne diesen Brief die Epistel der Spaziergänge ; wenn sie Dir nicht gefallen , so denk , daß die Nidda keine Goldkörner in ihrem Bett führt wie der Rhein , nur ein bißchen Quecksilber . Sei mir gegrüßt bei den drei Mohren . Bettine An Bettine Am 15. Juli Zwei Briefe von Dir , liebe Bettine , so reich an Erlebtem , sind mir kurz nacheinander zugekommen ; der erste , indem ich im Begriff war , das Freie zu suchen . Wir nahmen ihn mit und bemächtigten uns seines Inhalts auf einem wohlgeeigneten bequemen Ruhepunkt , wo Natur und Stimmung , im Einklang mit Deinen sinnig heiteren Erzählungen und Bemerkungen , einen höchst erfreulichen Eindruck nicht verfehlten , der sich fortan durch den gordischen Knoten signalisieren soll . Mögen die Götter diesen magischen Verschlingungen geneigt sein und kein tückischer Dämon daran zerren ! An mir soll ' s nicht fehlen , Deine Schutz- und Trutzgerechtsame zu bewahren gegen Nymphen und Waldteufel . Deine Beschreibung der Rheinprozession und der flüchtigen Reitergestalt haben mir viel Vergnügen gemacht , sie bezeichnen wie Du empfindest und empfunden sein willst ; lasse Dir dergleichen Visionen nicht entgehen und versäume ja nicht , solche vorüberstreifende Aufregungen bei den drei Haaren zu erfassen , dann bleibt es in Deiner Gewalt , das Verschwundene in idealischer Form wieder herbeizuzaubern . Auch für Deine Naturbegeisterungen , in die Du mein Bild so anmutig verstrickst , sei Dir Dank , solchen allerliebsten Schmeicheleien ist nicht zu wehren . Heute morgen ist denn abermals Deine zweite Epistel zu mir gelangt , die mir das schöne Wetter ersetzte . Ich habe sie mit Muße durchlesen und dabei den Zug der Wolken studiert . Ich bekenne Dir gern , daß mir Deine reichen Blätter die größte Freude machen ; Deinen launigen Freund , der mir schon rühmlichst bekannt ist , grüße in meinem Namen und danke ihm für den großmütigen Vergleich ; obschon ich hierdurch mit ausgezeichneten Prärogativen belehnt bin , so werd ich diese doch nicht zum Nachteil Deiner guten Gesinnung mißbrauchen ; liebe mich so fort , ich will gern die Lahn und die Sayn ihrer Wege schicken . Der Mutter schreibe , und lasse Dir von ihr schreiben ; liebet Euch untereinander , man gewinnt gar viel , wenn man sich durch Liebe einer des andern bemächtigt ; und wenn Du wieder schreibst , so könntest Du mir nebenher einen Gefallen tun , wenn Du mir immer am Schluß ein offnes , unverhohlnes Bekenntnis des Datums machen möchtest ; außer manchen Vorteilen , die sich erst durch die Zeit bewähren , ist es auch noch besonders erfreulich , gleich zu wissen , in wie kurzer Zeit dies alles von Herzen zu Herzen gelangt . Das Gefühl der Frische hat eine wohltuende , raumverkürzende Wirkung , von welcher wir beide ja auch Vorteil ziehen können . G. An Goethe Am 18. Juli Warst Du schon auf dem Rochusberg ? - Er hat in der Ferne was sehr Anlockendes , wie soll ich es Dir beschreiben ? - So , als wenn man ihn gern befühlen , streicheln möchte , so glatt und samtartig . Wenn die Kapelle auf der Höhe von der Abendsonne beleuchtet ist und man sieht in die reichen grünen , runden Täler , die sich wieder so fest aneinander schließen , so scheint er sehnsüchtig an das Ufer des Rheins gelagert mit seinem sanften Anschmiegen an die Gegend und mit den geglätteten Furchen die ganze Natur zur Lust erwecken zu wollen . Er ist mir der liebste Platz im Rheingau ; er liegt eine Stunde von unserer Wohnung ; ich habe ihn schon morgens und abends , im Nebel , Regen und Sonnenschein besucht . Die Kapelle ist erst seit ein paar Jahren zerstört , das halbe Dach ist herunter , nur die Rippen eines Schiffgewölbes stehen noch , in welches Weihen ein großes Nest gebaut haben , die mit ihren Jungen ewig aus und ein fliegen , ein wildes Geschrei halten , das sehr an die Wassergegend gemahnt . - Der Hauptaltar steht noch zur Hälfte , auf demselben ein hohes Kreuz , an welches unten der heruntergestürzte Christusleib festgebunden ist . Ich kletterte an dem Altar hinauf ; um den Trümmern noch eine letzte Ehre anzutun , wollte ich einen großen Blumenstrauß , den ich unterwegs gesammelt hatte , zwischen eine Spalte des Kopfes stecken ; zu meinem größten Schrecken fiel mir der Kopf vor die Füße , die Weihen und Spatzen und alles was da genistet hatte , flog durch das Gepolter auf , und die stille Einsamkeit des Orts war Minuten lang gestört . Durch die Öffnungen der Türen schauen die entferntesten Gebirge : auf der einen Seite der Altkönig , auf der andern der ganze Hunsrück bis Kreuznach , vom Donnersberg begrenzt ; rückwärts kannst Du so viel Land übersehen als Du Lust hast . Wie ein breites Feiergewand zieht es der Rhein schleppend hinter sich her , den Du vor der Kapelle mit allen grünen Inseln wie mit Smaragden geschmückt liegen siehst ; der Rüdesheimer Berg , der Scharlach- und Johannisberg , und wie all das edle Gefels heißt , wo der beste Wein wächst , liegen von verschiedenen Seiten und fangen die heißen Sonnenstrahlen wie blitzende Juwelen auf ; man kann da alle Wirkung der Natur in die Kraft des Weines deutlich erkennen , wie sich die Nebel zu Ballen wälzen und sich an den Bergwänden herabsenken , wie das Erdreich sie gierig schluckt , und wie die heißen Winde drüber herstreifen . Es ist nichts schöner , als wenn das Abendrot über einen solchen benebelten Weinberg fällt ; da ist ' s , als ob der Herr selbst die alte Schöpfung wieder angefrischt habe , ja als ob der Weinberg vom eignen Geist benebelt sei . - Und wenn dann endlich die helle Nacht heraufsteigt und allem Ruh gibt , - und mir auch , die vorher wohl die Arme ausstreckte und nichts erreichen konnte ; die an Dich gedacht hat ; - Deinen Namen wohl hundertmal auf den Lippen hatte , ohne ihn auszusprechen - müßten nicht Schmerzen in mir erregt werden , wenn ich es einmal wagte ? - Und keine Antwort ? Alles still ? - Ja Natur ! wer so innig mit ihr vertraut wär , daß er an ihrer Seligkeit genug hätte ! - Aber ich nicht ! - Lieber , lieber Freund , erlaub ' s doch , daß ich Dir jetzt beide Hände küsse ; zieh sie nicht zurück , wie Du sonst getan hast . Wo war ich heut nacht ? - Wenn sie ' s wüßten , daß ich die ganze Nacht nicht zu Hause geschlafen habe und doch so sanft geruht habe ! - Dir will ich ' s sagen ; Du bist weit entfernt , wenn Du auch schmälst , - bis hierher verhallt der Donner Deiner Worte . Gestern abend ging ich noch allein auf den Rochusberg und schrieb Dir bis hierher , dann träumte ich ein wenig und wie ich mich wieder besann und glaubte , die Sonne wolle untergehen , da war ' s der aufgehende Mond ; ich war überrascht , ich hätte mich gefürchtet , - die Sterne litten ' s nicht ; diese Hunderttausende und ich beisammen in dieser Nacht ! - Ja , wer bin ich , daß ich mich fürchten sollte , zähl ich denn mit ? - Hinunter traute ich mich nicht , ich hätte keinen Nachen gefunden zum Überfahren ; die Nacht ist auch gar nicht lang jetzt , da legt ich mich auf die andere Seite und sagte den Sternen gute Nacht ; bald war ich eingeschlafen , - dann und wann weckten mich irrende Lüftchen , dann dacht ich an Dich ; so oft ich erwachte , rief ich Dich zu mir , ich sagte immer im Herzen : Goethe sei bei mir , damit ich mich nicht fürchte ; dann träumte ich , daß ich längs den schilfigen Ufern des Rheins schiffe , und da , wo es am tiefsten war , zwischen schwarzen Felsspalten , da entfiel mir Dein Ring ; ich sah ihn sinken , tiefer und tiefer , bis auf den Grund ! Ich wollte nach Hilfe rufen , - da erwachte ich im Morgenrot , neubeglückt , daß der Ring noch am Finger war . Ach Prophet ! - deute mir diesen Traum ; komm dem Schicksal zuvor , laß unserer Liebe nicht zu nahe geschehen , nach dieser schönen Nacht , wo ich zwischen Furcht und Freude im Rat der Sterne Deiner Zukunft gedachte5 . Ich hatte schon längst Sehnsucht nach diesem süßen Abenteuer ; nun hat es mich so leise beschlichen , und alles steht noch auf dem alten Fleck . Keiner weiß , wo ich war , und wenn sie ' s auch wüßten , - könnten sie ahnen , warum ? - Dort kamst Du her , durch den flüsternden Wald , von milder Dämmerung umflossen , und wie Du ganz nahe warst , das konnten die müden Sinne nicht ertragen , der Thymian duftete so stark ; - da schlief ich ein , - es war so schön , alles Blüte und Wohlgeruch . Und das weite grenzenlose Heer der Sterne , und das flatternde Mondsilber , das von Ferne zu Ferne auf dem Fluß tanzte , die ungeheure Stille der Natur , in der man alles hört , was sich regt ; ach , hier fühle ich meine Seele eingepflanzt in diese Nachtschauer ; hier keimen zukünftige Gedanken ; diese kalten Tauperlen , die Gras und Kräuter beschweren , von denen wächst der Geist ; er eilt , er will Dir blühen , Goethe ; er will seine bunten Farben vor Dir ausbreiten ; Liebe zu Dir ist es , daß ich denken will , daß ich ringe nach noch Unausgesprochenem . Du siehst mich an im Geist , und Dein Blick zieht Gedanken aus mir ; da muß ich oft sagen , was ich nicht verstehe , was ich nur sehe . Der Geist hat auch Sinne ; so wie wir manches nur hören , oder nur sehen , oder nur fühlen : so gibt ' s Gedanken , die der Geist auch nur mit einem dieser Sinne wahrnimmt ; oft seh ich nur , was ich denke , oft fühle ich ' s ; und wenn ich ' s höre , da erschüttert mich ' s. Ich weiß nicht , wie ich zu diesen Erfahrungen komme , die sich nicht aus eigner Überlegung erzeugen ; - ich sehe mich um nach dem Herrn dieser Stimme ; - und dann meine ich , daß sich alles aus dem Feuer der Liebe erzeuge . Es ist Wärme im Geist , wir fühlen es ; die Wangen glühen vom Denken , und Frostschauer überlaufen uns , die die Begeistrung zu neuer Glut anfachen . Ja , lieber Freund , heute morgen , da ich erwachte , war mir ' s , als hätte ich Großes erlebt , als hätten die Gelübde meines Herzens Flügel und schwängen sich über Berg und Tal ins reine , heitre , lichterfüllte Blau . - Keinen Schwur , keine Bedingungen , alles nur angemeßne Bewegung , reines Streben nach dem Himmlischen . Das ist mein Gelübde : Freiheit von allen Banden , und daß ich nur dem Geist glauben will , der Schönes offenbart , der Seligkeit prophezeit . Der Nachttau hat mich gewaschen ; der scharfe Morgenwind trocknete mich wieder ; ich fühlte ein leises Frösteln , aber ich erwärmte mich beim Herabsteigen von meinem lieben samtnen Rochus ; die Schmetterlinge flogen schon um die Blumen ; ich trieb sie alle vor mir her , und wo ich unterwegs einen sah , da jagte ich ihn zu meiner Herde ; unten hatte ich wohl an dreißig beisammen , - ich hätte sie gar zu gerne mit über den Rhein getrieben , aber da haspelten sie alle auseinander . Eben kommt eine Ladung Frankfurter Gäste ; - Christian Schlosser bringt mir einen Brief von der Mutter und Dir , ich schließe um zu lesen . Dein Kind Lieber Goethe ! Du bist zufrieden mit mir und freust Dich über alles , was ich schreibe , und willst meine goldne Halsnadel tragen ; - ja tu es , und lasse sie ein Talisman sein für diese glückerfüllte Zeit . Heute haben wir den 21. An Goethe Caub Ich schreibe Dir in der kristallnen Mitternacht ; schwarze Basaltgegend , ins Mondlicht eingetaucht ! Die Stadt macht einen rechten Katzenbuckel mit ihren geduckten Häusern , und ganz bepelzt mit himmelsträubenden Felszacken und Burgtrümmern ; und da gegenüber schauert ' s und flimmert ' s im Dunkel , wie wenn man der Katze das Fell streicht . Ich lag schon im Bett unter einer wunderlichen Damastdecke , die mit Wappen und verschlungenen Namenszügen und verblichnen Rosen und Jasminranken ganz starr gestickt ist ; ich hatte mich aber drunter in das Dir bekannte Fell des Silberbären eingehüllt . Ich lag recht bequem und angenehm und überlegte mir , was der Christian Schlosser mir unterwegs hierher alles vorgefaselt hat ; er sagt , Du verstehst nichts von Musik und hörst nicht gern vom Tod reden . Ich fragte , woher er das wisse ; - er meint , er habe sich Mühe gegeben . Dich über Musik zu belehren ; es sei ihm nicht gelungen ; - vom Tod aber habe er gar nicht angefangen , aus Furcht , Dir zu mißfallen . Und wie ich eben in dem alleinigen , mit großen Federbüschen verzierten Ehebett darüber nachdenke , hör ich draußen ein Liedchen singen in fremder Sprache ; so viel Gesang - - so viel Pause ! - Ich springe im Silberbär ans Fenster und gucke hinaus , - da sitzt mein spanischer Schiffsmann in der frischen Mondnacht und singt . Ich erkannte ihn gleich an der goldnen Quaste auf seiner Mütze ; ich sagte : » Guten Abend , Herr Kapitän , ich dachte , Ihr wärt schon vor acht Tagen den Rhein hinab ins Meer geschwommen . « Er erkannte mich gleich und meinte , er habe drauf gewartet , ob ich nicht mit wolle . Ich ließ mir das Lied noch einmal singen ; es klang sehr feierlich , - in den Pausen hörte man den Widerhall an der kleinen scharfkantigen Pfalz , die inmitten umdrängender schwarzer Felsgruppen mit ihren elfenbeinernen Festen und silbernen Zinnen ganz ins Mondlicht eingeschmolzen war . - Lieber Goethe , ich weiß nicht , was Dir der Schlosser über Musik demonstriert hat mit seiner verpelzten Stimme , - aber hättest Du heute nacht mit mir dem fremden Schiffer zugehört , wie da die Töne unter sich einen feierlichen Reigen tanzten ; wie sie hinüberwallten an die Ufer , die Felsen anhauchten und der leise Widerhall in tiefer Nacht so süß geweckt , träumerisch nachtönte ; der Schiffer , wie er aus verschmachteter Pause wehmütig aufseufzt , in hohen Tönen klagt und aufgeregt in Verzweiflung hallend ruft nach Unerreichbarem und dann mit erneuter Leidenschaft der Erinnerung seinen Gesang weiht , in Perlenreihen weicher Töne den ganzen Schatz seines Glückes hinrollt ; - - O und Ach ! haucht , - lauscht , - schmetternd ruft ; - wieder lauscht - und ohne Antwort endlich die Herde sammelt , in Vergessenheit die kleinen Lämmer zählt : eins , zwei , drei , und wegzieht vom verödeten Strand seines Lebens , der arme Schäfer . - Ach , wunderbare Vermittlung des Unausprechlichen , was die Brust bedrängt ; ach Musik ! - Ja , hättest Du ' s mit angehört , mit eingestimmt hättest Du in die Geschicke ; mitgeseufzt , - mitgeweint , - und Begeistrung hätte Dich durchzückt , und mich , lieber Goethe , - die ich auch dabei war , - tiefbewegt , - mich hätte der Trost in Deinen Armen ereilt . Mir sagte der Schiffer gute Nacht , ich sprang in mein großes Bett unter die damastene Decke , sie knarrte mir