der letzten Zeit gar zu lässig von ihm gepflegt , so gut wie eingeschlafen war ; um so schlimmer für Noltens Recht , wenn ich ohnehin Ursache hatte , ihm böse zu sein . Bei Ihnen , Beste , spricht ein reines menschliches Gefühl zugunsten des übrigens so braven Künstlerpaares , und ich gestehe Ihnen , auch mich will in Ihrer Nähe die alte Vorliebe für diesen Maler wieder einnehmen , ohne daß Sie noch ein Wort zu seiner Verteidigung vorgebracht - aber vielleicht gerade darum könnt ich ihm verzeihen , weil Sie ihn nicht verteidigen . Könnte ich bei dem Lärm , bei der Erbitterung , die der tolle Vorfall schon bei Hofe veranlaßt hat , ganz ruhig sein , mich vor dem Verdachte der Parteilichkeit bei meinem Bruder sichern , ich möchte die Herren wohl freisprechen und alles zu vertuschen suchen ; so aber bin ich der Sorge doch nicht los , und meiner Stellung zu dem guten Maler erwächst aus der dummen Geschichte auf alle Fälle eine bleibende Schwierigkeit . Doch , was beschwere ich Sie mit diesen Unbilden - Lassen Sie uns davon schweigen . Am artigsten wär ' s « , setzte er scherzend hinzu , » man setzte ein Gericht nieder , bestehend aus einem Archäologen , einem Professor der Ästhetik und einem Advokaten , die sich über das Manuskript und die Bilder hermachen sollten . Nicht wahr , meine Schönste ? « Die wahre Gesinnung des Herzogs und seine schwierige Lage läßt sich übrigens leicht aus folgenden Bemerkungen erkennen . Weit entfernt von der Torheit , in der fabelhaften Figur jenes tausendjährigen Königs eine ehrenrührige Beziehung zu entdecken , fand er diese Beziehung eher schön und wohlgemeint ; dagegen ihm die Ähnlichkeit jener Feenfürstin mit Viktorien um so bedenklicher vorkam . Denn wenn gleich das wahre Verhältnis dieser Person zum verstorbenen Regenten nicht ganz getroffen sein mochte , so war die scheinbarste Seite davon doch so charakteristisch herausgehoben , daß man nicht leugnen konnte , ein sehr frappantes Bild von Viktoriens Erscheinung vor sich zu haben . Die Zeichnung des selbstsüchtigen schalkhaften und doch wieder so innigen Wesens ahmte wirklich die leisesten Nuancen nach . Das alles hätte noch hingehen mögen . Aber diese Dame glänzte noch am Hofe , das Vertrauen , das Nikolaus ihr geschenkt hatte , ward noch vom Sohne geehrt . Insoferne müssen wir jenes Spiel höchst unbedachtsam nennen . Dennoch hätte es vielleicht dem Herzog nicht schwer sein müssen , den möglichen Schaden abzulenken , wäre nicht der König selbst in einer müßigen Stunde auf das verschrieene Manuskript neugierig gewesen . Hier entging ihm denn so manche Verwandtschaft keineswegs , er äußerte sich mit großer Unzufriedenheit über eine so unschickliche Anspielung , namentlich die leichtfertige oder ernste Einführung der bewußten wertgeschätzten Frau empörte ihn als eine unverzeihliche Vermessenheit . Der Herzog besänftigte ihn vorläufig , indem er dieses und jenes noch problematisch darstellte , versprach , das Ganze nochmals genau zu durchgehen , sowie auch nähere Erkundigungen einzuziehen ; weil er aber doch ein gerechtes Gefühl des Bruders nicht schlechterdings umgehen und das Zutrauen nicht mißbrauchen wollte , womit dieser ihm die Entscheidung des keineswegs gleichgültigen Gegenstandes überließ , so kam er wirklich mit einer doppelten Pflicht ins Gedränge , er hätte ebensogerne den Maler geschont als dem Bruder Genüge getan ; daher denn auch jene Anfrage bei Constanze nichts weniger als bloße Pantomime war , er dachte sie bei dieser Gelegenheit ein wenig zu schrauben , fand aber ein solches Frauenorakel wirklich bequem für seine Unschlüssigkeit , nur glaubte er auf den Fall , daß die Geschichte Rumor machen könnte , aus Diskretion gegen Viktorie den eigentlichen Grund des Ärgernisses verstecken und mehr das Allgemeine vorkehren zu müssen . Constanze blickte noch immer ernst vor sich nieder , ohne eine Miene zu ändern . Den Herzog rührte ihr Anblick , worin er von jetzt an wirklich nur die edelste Teilnahme an dem Schicksale zweier Hausfreunde zu lesen glaubte ; ihr ganzes Wesen von diesem Kummer leicht beschattet , deuchte ihm nie so reizend , so weich gewesen zu sein . Er setzte sich an ihre Seite und gab dem Gespräch eine andere Richtung , sie ging soviel möglich darauf ein , und der Zwang , den sie sich mitunter dabei antat , machte sie nur immer liebenswürdiger , kindlicher , unwiderstehlicher . Dazu kam die einladende Ruhe dieser Stunde , von zweien auf dem Tische brennenden Kerzen traulich verklärt . Der Herzog ergriff in der Unterhaltung die Hand seiner schweigsamen Nebensitzerin , er ließ die schmeichelhaftesten Vorwürfe gegen sie spielen über die karge Art , womit sie seiner Zärtlichkeit immer entgegne , auch jetzt erfuhr diese noch einigen Widerstand , doch - so schien es dem schlauen Manne - mehr einen anständigen als strenge zurückweisenden Widerstand . Aber als ihr gepreßter Schmerz , ihre Unruhe , ihr Mißbehagen sich immer weniger verbarg , als der wärmer gewordene Liebhaber aufs neue mißtrauisch werden wollte , bald mit dringenden Worten , bald mit den lebhaftesten Liebkosungen zu einer Erklärung nötigte , da war es seltsam , jammervoll anzusehen , wie die arme Frau ganz außer sich geriet , in dem Augenblick , wo sie von ihrem unseligen Geheimnis aufs höchste bewegt , an die verlorene Liebe doppelt schmerzlich erinnert werden mußte , indem eine andere , bisher verhafte , sich hülfreich stürmisch aufdrang . Jetzt stößt sie den Herzog heftig weg , jetzt gibt sie sich seiner Kühnheit unerhört willig hin , dem bängsten Seufzer , dem heißesten Gusse von Tränen folgt plötzlich ein Lachen , dessen kindische Lieblichkeit , dessen herzlicher Klang unter jeden andern Umständen hätte bezaubernd sein müssen . Der Herzog sah in alle diesem nur den unbeschreiblich rührenden Ausdruck einer bis jetzt verhüllten Leidenschaft für ihn , welche sich endlich verraten und noch im entzückten Momente der ersten Umarmung mit holder Scham und süßer Reue kämpfe , ihn selber jedoch zum seligsten der Menschen mache . Wie ganz anders sah es im Busen Constanzens aus ! Oft war es ihr , als säße sie , von einem Dämon , von einem höllischen Wesen umschlungen , in entsetzlicher Unmacht festgebannt ; Lust und Unlust empörten sich wechselseitig in ihrem Innern , sie überließ sich seinem Kusse mit einem schneidenden Gefühle von Widerwillen , ja von Ekel , sie empfand es unerträglich , wie elend sie sich verirrt , wie töricht rasend ihre Einbildung sei , als ob sie auf diese Art an jenem Verräter heimlich Rache üben könnte ! Er - ( so rief , so wimmerte es in ihrer Seele ) ja er allein hat es verschuldet , daß Constanze so sich verleugnet , daß ich tue , was ich sonst verabscheut hätte , und doch - wie wird alles werden ? wie soll das enden ? wohl , wohl - mag es , wie es kann ! - Sie rang sich los , drückte den Kopf in die Purpurkissen des Sofa , ihr Schluchzen zerriß dem Herzog das Herz , er berührte sie schüchtern , er bat , er beschwor sie um Fassung ; sie möge sich doch besinnen , warum sie denn eigentlich verzweifle , ob das unfreiwillige Bekenntnis einer Neigung , die ihn auf ewig zu einem guten , mit Welt und Himmel glücklich ausgesöhnten Menschen zu machen bestimmt sei , ob die Furcht , daß dieses schöne Verständnis jemals dem rohen Urteil der Menschen bloßgestellt werden könne , ob ein Zweifel an seiner Verschwiegenheit , an seiner Treue , ein Zweifel an seiner Ehrfurcht vor ihrer Tugend sie quäle ? » Constanze ! Teure ! Geliebte ! blicken Sie auf ! sagen Sie , daß ich für heute , für jetzt , mich entfernen soll , fordern Sie , daß ich Sie mein Leben lang durch nichts , durch kein halbes Wort , mit keiner Miene , keinem leisen Wunsche mehr an diesen Abend mahne ! Mir aber darf er unvergeßlich bleiben , so wie jetzt wird auf ewig dieses Zimmer , wird das Licht dieser Kerze und wovon es Zeuge gewesen , vor meiner Erinnerung stehen - o Gott ! und so , in dieser traurig abgewendeten Lage muß die Gestalt der edelsten Frau vor mir erscheinen , um allen himmlischen Reiz des vorigen Augenblicks wieder auszulöschen ! ich werde vergehen , verzweifeln , wenn Sie sich nicht aufrichten , wenn ich Sie so verlassen muß . « Er faßte sie schonend an beiden Schultern , und sanft rückwärts gebeugt lehnte sie den Kopf an ihn , so daß die offenen schwimmenden Augen unter seinem Kinne aufblickten . Freundlich gedankenlos schaut sie hinan , freundlich senkt er die Lippen auf die klare Stirne nieder . Lang unterbrach die atmende Stille nichts . Endlich sagt er heiter : » Ist ' s nicht ein artig Sprichwort , wenn man bei der eingetretenen Pause eines lange gemütlich fortgesetzten Gesprächs zu sagen pflegt : es geht ein Engel durch die Stube ? « Constanze schüttelte , als wollte sie sagen : der vorige , der gegenwärtige Auftritt habe doch wohl einen so friedsamen Geist nicht herbeilocken können . Abermals versagt ihm ein weiteres Wort ; er sinnt über den Zustand der Gräfin nach , der ihm aufs neue verschiedenes zu bedenken gibt . Nicht ohne Absicht kommt er daher spielend wieder auf Nolten und Larkens zurück . » Nein « , sagt er zuletzt , » es würde mir sehr angenehm sein , wenn Sie , meine Liebe , mir über den bösen Punkt Ihre Ansicht offenbaren wollten . Ganz gewiß sind Sie längst darüber im reinen , zum wenigsten haben Sie eine Meinung . Reden Sie mir , ich bitte recht ernstlich - Halten Sie die beiden für schuldig ? « Die Befragte bedenkt sich eine Weile und sagt mit einer sonderbar zuckenden Bewegung : » Schuldig ? - er ist ' s ! « » Wer doch ? « » Nun , der Nolten - « » Ich erstaune ! - und Larkens ? « » Wohl ebensogut . Ja , mein Herr , darauf verlassen Sie sich . « » Und sind strafbar ? « » So denk ich . « » Nun , auf mein Wort ! so sollen sie ' s bereuen . « Der Herzog stand auf ; Constanze blieb wie angefesselt . Er hatte dies strenge Urteil aus Constanzens Munde am wenigsten erwartet , um so gegründeter mußte es sein . Er fragte einiges , was ihre Ansicht näher bestimmen sollte , sie versicherte , nichts weiter zu wissen : er möge sich damit begnügen und auf keinen Fall sie verraten . Nun erst , da er Gewißheit zu haben glaubte , da selbst diese billig denkende Frau von solcher Ungebühr bewegt , entrüstet schien , erwachte Ärger und Verdruß in ihm , er enthielt sich der empfindlichsten Ausdrücke nicht , wiederholt dankte er der Geliebten ihre Aufrichtigkeit , die er als natürliche Folge einer zärtlich aufgeschlossenen Stimmung auslegte . Ihm ahnte nicht , von welchem Aufruhr widersprechender Gefühle die Gräfin innerlich zerrissen war , seitdem sie das Entscheidende ausgesprochen . Wie versteinert vor sich hinstarrend , blieb sie auf einer Stelle sitzen , war mehr als einmal versucht zu Milderung , zu völliger Widerrufung des Gesagten , aber ein unbegreiflich Etwas band ihr die Zunge . Plötzlich hört man den Wagen des Grafen vor dem Haus anrollen , ein eiliger Kuß , ein schmeichelhaft Wort versiegelt von seiten des Herzogs das Geheimnis dieser Stunde . Ehe wir noch auf die Folgen zu reden kommen , welche diese Vorgänge rasch genug nach sich gezogen , enthalten wir uns nicht , einen allgemeinen Blick auf die Gemüter zu werfen , zwischen denen sich durch die fatalste Verschränkung der Umstände , durch ein doppeltes und dreifaches Mißverständnis eine so ungeheure Kluft gebildet hatte . Indem unser Maler sich den Aussichten eines unbegrenzten Glückes überläßt , mit jedem Tage der völligen Entscheidung desselben entgegenblickt und soeben beschäftigt ist , der Gräfin seine Wünsche , seine Anerbietungen in einem ruhig besonnenen Briefe frei und edel hinzulegen , spinnt ihm die Liebe selbst durch Constanze ein verräterisches Netz . Der redliche Wille eines Freundes , der im dunkeln seinen Zweck hartnäckig verfolgte ward zum Spiel eines schlimmer oder besser gesinnten Schicksals : die sorgsam aber grillenhaft angelegte Mine , womit Larkens einen gefährlichen Standpunkt der Personen nur leicht auseinanderzusprengen dachte , hat sich tückisch entladen und ist im Begriff , ihrer viere , und darunter ihn selber , mit bitterm Unheil zu treffen , so daß man kaum wüßte , wer von allen am meisten zu bedauern sei , wenn es nicht jenes unschuldige Mädchen ist , um dessen gerechtes Wohl es sich von Anfang an handelte . Aber , scheint Constanze unser Mitleid verscherzt zu haben , seitdem sie sich zu einer heftigen Rache hinreißen ließ und derselben einen falschen Grund unterzuschieben wußte , ja seitdem es den Anschein hat , als wolle sie sich an einen zweideutigen Verehrer wegwerfen , so werden wir doch billig genug sein , uns den Zustand eines weiblichen Herzens zu vergegenwärtigen , das aufs grausamste getäuscht , von der Höhe eines herrlichen Gefühls herabgestürzt , an sich selber , wie an der Menschheit , auf einen Augenblick irrewerden mußte . Was Theobalden selbst betrifft , so sehen wir schon jetzt , wie sich ein zwar sehr verzeihliches , aber dennoch übereiltes Mißtrauen in der Liebe durch ein ganz ähnliches an ihm bestraft , und wir wollen erwarten , ob diese harte Züchtigung mehr zu seinem Unglück oder zu seinem Heile ausschlagen soll . Die auf Befehl des Herzogs geschehene Konfiskation des verdächtigen Spielkästchens war den Freunden schon kein gutes Zeichen . Larkens geriet in Wut über diesen abgeschmackten Gewaltstreich , wie er ' s nannte . » Mögen sie sich doch « , rief er dem Maler zu , » die Zähne ausbeißen an diesen armseligen verklecksten Gläsern ! und dem ersten Schöpsen , der die Nase in mein argloses Machwerk stecken wird , schlage der Geist des alten Nikolaus nur tüchtig hinters Ohr , zur Erleichterung des kritischen Verständnisses ! « Theobald wollte den Herzog selbst belehren , der Schauspieler gab es nicht zu , indem er behauptete , man müsse dem Pack den Gefallen nicht tun , man müsse abwarten , bis die Maus selbst aus dem unheilschwangeren Berg hervorspringe und die Dummheit sich prostituiere . Da demungeachtet der Maler in seiner gütlichen Absicht den fürstlichen Gönner aufsuchte , ward er zu seiner größten Bestürzung und Verdruß nicht vorgelassen . Ganz trostlos aber machte es ihn , als er sich seine letzte Zuflucht zu Zarlins auf gleiche unerhörte Weise abgeschnitten sah . Er wußte sich nicht zu helfen , nicht zu raten , er hätte mit Freuden den Haß des ganzen Hofes auf sich geladen , wenn er nur über Constanze hätte ruhig sein können . Inzwischen ward jene mißliche Sache durch einen hinzugetretenen Umstand gar sehr verschlimmert , ja sie bekam eine völlig veränderte Gestalt . Wie immer ein Übel das andere erzeugt und in solchen Fällen des Unheils kein Ende ist , so hatten einige Stimmen nicht ermangelt , bei dieser Gelegenheit an gewisse vor längerer Zeit anhängig gemachte und zum Teil wirklich erhobene Kriminalfälle , geheime Umtriebe betreffend , zu erinnern , und obgleich diese Dinge bereits für abgetan galten , so glaubte man doch keinen unbedeutenden Nachtrag hinter dem Schauspieler suchen zu müssen . Der unruhige Geist , welcher , von gewissen politischen Freiheitsideen ausgehend , eine Zeitlang die Jugend Deutschlands , der Universitäten besonders , ergriffen hatte , ist bekannt . Die Regierung , von welcher hier die Rede ist , behandelte dergleichen Gegenstände mit um so größerer Aufmerksamkeit , als sich entdeckte , daß immer auch einige durch reiferes Alter , Geist und übrigens unbescholtenen Charakter ausgezeichnete Männer nicht verschmäht hatten , an solchen Geheimverbindungen , im weiteren oder engeren Sinne , teilzunehmen . So hegten denn namentlich zwei genaue Bekannte unseres Schauspielers diese gefährliche Tendenz mit vieler Vorliebe , und der letztere , weit entfernt von jedem ernstlichen Interesse an der Sache , verbarg diesen Leuten gegenüber seine Gleichgültigkeit und Geringschätzung hinter der Maske des feurigsten Enthusiasten , indem er sich das Vergnügen nicht versagen konnte , seine Genossen auf eine jedenfalls unverantwortliche Weise zum besten zu haben . Er schrieb ihnen Briefe voll schwärmerischen Schwungs , machte die absurdesten Vorschläge und wußte den Verdacht einer bloßen Äfferei durch eine kunstvolle ironische Einkleidung , durch abwechselnd vernünftige Gedanken , sowie durch die höchste Konsequenz in der persönlichen und mündlichen Darstellung zu entfernen , so daß ihn die Gesellschaft zwar für ein seltsam überspanntes , doch aber höchst talentvolles Mitglied ansprach , wenn es gleich an einzelnen klugen Köpfen nicht fehlte , die ihm heimlich mißtrauten und scharf auf die Finger sahen ; er bemerkte dies , spielte den Gekränkten , zog sich noch eben zu rechter Zeit zurück und erhielt gegen das Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit seine schriftlichen Aufsätze sämtlich zurück Als es zwei Jahre nachher von Staats wegen zur Untersuchung und Aufhebung der Verbrüderten kam , und entfernterweise auch seiner erwähnt ward , konnte es ihm bei der Diskretion der Bundesgenossenschaft wirklich gelingen , sich wie ein Aal aus der Klemme zu winden , während andre , zum Teil schon in öffentlichen Ämtern stehende , Männer zu nachdrücklicher Bestrafung gezogen wurden . So erfreute er sich geraume Zeit einer guten Sicherheit , aber sein frevelhafter Mutwille sollte nicht ungerächt bleiben . Das berüchtigte Schauspiel rief die alten Erinnerungen wieder hervor , übelwollende , wichtigtuende Aufklauber übten sogleich ihre ganze Geschäftigkeit , und der König sah sich bewogen , einen so verhaften Gegenstand abermals in öffentliche Anregung zu bringen . Der Herzog , seinerseits an die Erheblichkeit dieses neuen Verdachtes keineswegs glaubend , bedauerte diese höchst verdrießliche Wendung der ohnehin so schief gedrehten Geschichte um so aufrichtiger , je weniger Freund Nolten ungefährdet dabei bleiben konnte , und je weniger er selbst sich verhehlte , daß vielleicht einige glücklich angebrachte Winke von ihm hingereicht haben würden , den ersten schwierigen Eindruck des bewußten Gedichtes zu vernichten , und so jedem weiteren Nachhalle vorzubeugen . Er sah nur zu deutlich ein , wie es am Ende doch jenes einzige Wort aus Constanzens Munde gewesen , was seine Schritte geirrt und seine versöhnliche Gesinnung mit einem geheimen Aber angesteckt habe . Jetzt konnte an eine Vertuschung nicht mehr gedacht werden , und alles nahm seinen strengen , gesetzlichen Gang . Wie ein Donnerschlag traf es die Freunde , als ihre Verhaftung nun wirklich erfolgte . Eine Kommission ward beauftragt , ihre Papiere zu durchsuchen , und zum Unglück kam dies alles so rasch , so unvermutet , beide hatten so gar keine Ahnung von den neuesten Gerüchten , daß Larkens nicht von weitem daran dachte , jene verfänglichen Briefe auf die Seite zu schaffen ; denn leider waren sie noch vorhanden , er hatte die Vertilgung so merkwürdiger Aktenstücke nicht über sich vermocht , vielmehr lagen sie über die Zeit der ersten Untersuchung als geheimes Depositum in dem Hause eines unverdächtigen Bekannten , später nahm sie der Verfasser wieder zu sich und ein versiegeltes Portefeuille in seinem Pult verwahrte den verräterischen Schatz . Wie sehr der Umstand unsern Schauspieler beunruhigen mußte in dem Augenblick , als ihm die Festnehmung seiner eigenen Person das Ernstliche der Absicht genugsam bewies , läßt sich denken ; denn daß man die Briefe finden würde , daß der Inhalt , obwohl höchst komischer Natur , gar sehr gegen ihn zeugen müsse , war zu erwarten . Die beiden wußten kaum , wie ihnen geschah , als sie sich eines Morgens in zwei abgesonderte Zimmer des sogenannten alten Schlosses zu trauriger Einsamkeit verwiesen sahen . Leopold und Ferdinand waren teilnehmende Begleiter auf dem verhaßten Gange . Beim Abschied konnte Nolten kein Wort vorbringen , kaum fand er Gelegenheit , dem Bildhauer ein kurzes Billett an den Grafen nochmals zu empfehlen . Larkens ' Benehmen drückte einen knirschenden Schmerz aus , er kehrte das Gesicht ab , während er Noltens Hand zum letztenmal faßte . Wenn der Mensch von einem unerwarteten Streiche des ungerechtesten Geschickes betäubt stille steht und sich allein betrachtet , abgeschlossen von allen äußeren mitwirkenden Ursachen , wenn das verworrene Geschrei so vieler Stimmen immer leiser und matter im Ohre summt , so geschieht es wohl , daß plötzlich ein zuversichtliches , fröhliches Licht in unserm Innern aufsteigt , und mit Heiterkeit sagen wir uns , es ist ja nicht möglich , daß dies alles wirklich mit mir geschieht , ungeheurer Schein und Lüge ist es ! Wir fühlen uns mit Händen an , wir erwarten , daß jeden Augenblick der Nebel zerreiße , der uns umwickelt . Aber diese Mauern , diese sorgsam verriegelte Tür wiesen dem armen Maler mit frecher Miene ihr festes unbezwingliches Dasein . Erschüttert , mit lautem Seufzen ließ er sich auf den nächsten Stuhl nieder , ohne einmal an das Fenster zu treten , das ihm eine weite Aussicht ins Freie und seitwärts einen kleinen Teil der Stadt freundlich und tröstlich hätte zeigen können . In der Tat hatte das Zimmer eine angenehme Lage , in dem obersten Teil des ohnehin hochgelegenen , altertümlichen , hie und da noch befestigten Gebäudes . Dieser eine Flügel war , die Wohnung des Kommandanten und des Wärters ausgenommen , ganz unbewohnt , von einer andern Seite , wo Garnison lag , tönte zuweilen ein munterer militärischer Klang , Trommel und Musik nicht allzu geräuschvoll . Auch die nächsten Umgebungen Theobalds nahmen sich eben nicht sehr düster aus , die Wände rein geweißt und trocken , die Eisenstäbe vor den Fenstern weit genug , um nichts zu verdunkeln , die Heizung regelmäßig , soweit die herankommende Frühlingszeit sie nicht gar entbehrlich machte . Aber an der notdürftigsten Unterhaltung mit Büchern , Schreibzeug und dergleichen fehlte es , und jede Art von Material für den Künstler insbesondere schien ausdrücklich verwehrt . Auch dachte unser Gefangener für jetzt noch an alle das keineswegs ; vielmehr liefen seine Gedanken mit der Geliebten , mit dem ganzen zerrissenen und verhüllten Bilde seiner Zukunft beschäftigt , immer in demselben Schwindelkreise , wie an einem unübersteiglichen , von keiner Seite zugänglichen Walle , verzweifelnd hin und her . Und wenn er sich das Ärgste , das Äußerste vorgehalten , so kam ihm doch stets wieder der Glaube an Constanzens richtiges Gefühl , an ihre Klarheit , ihre treue Gesinnung mutig entgegen . Sie mochte ihn damals abgewiesen haben , weil ihre Stellung zum Hofe ihr diesen Zwang auflegte , sie mochte selbst , auf kurze Zeit vom allgemeinen Irrtum angesteckt , einigen Unwillen hegen , aber ihr Herz werde ihn freisprechen , werde mit ihm leiden , sie selbst werde eine Milderung des gegenwärtigen Übels zu befördern wissen . Diese seine Hoffnung gewann nach und nach so viel Stärke , daß ihm die Gestalt der schönen Frau nicht anders als mit dem Ausdruck mitleidiger Liebe wie ein Friedensbote vorschwebte , ja zuletzt mit dem reizenden Ungestüm einer angstvollen Braut , welche die Befreiung des Verlobten fordert . Aber furchtbar lastete die Zeit der Ungewißheit auf ihm , bis er den ersten gütigen Laut von ihr vernehmen könnte ! Jenes Billett an den Grafen - kaum erinnerte er sich der hastig hingeworfenen Worte - drückte eigentlich nur eine lebhafte Beteurung seiner Unschuld , einen schmerzlichen Klageton aus , der hauptsächlich auf das Gemüt Constanzens berechnet sein mochte . Ein früher entworfenes Schreiben an die letztere , wovon wir oben etwas gesagt , hatte er mit sich hiehergebracht ; er las jetzt diese gemäßigten , freudig hoffenden , kühn versprechenden Linien aufs neue ; er glaubte die Teure vor Augen zu haben , ihre zarte Hand zu ergreifen , ihre Zusage zu hören , den Hauch ihres Mundes zu fühlen , und ach ! wie stumpfte dann wieder der Anblick dieser Zelle gegen den lebendigsten Traum ! Larkens an seinem Orte quälte sich nicht weniger mit Zweifeln und Sorgen auf und nieder . Es entbehrte seine Phantasie der immer noch lieblichen Hintergründe , womit jener Leidensbruder sich seinen Zustand aufschmeichelte . Überdies mußte er nach einer Äußerung , die ihm privatim zugekommen war , und die er schonungsvoll für sich allein behalten , die Aussicht auf baldige Lossprechung viel weiter hinaus denken , als man sonst geneigt war ; und er empfand dies um so peinlicher , je mehr er alle Schuld dieses doppelten Mißgeschicks auf sich zurückführte . Für die auswärtigen Angelegenheiten seines Freundes glaubte er indessen vorläufig dadurch gesorgt zu haben , daß er , auf den Fall eines längeren Stillstandes im schriftlichen Verkehr mit Agnes , diese unter Vorschützung einer Geschäftsreise beruhigte . Einigen Vorteil für seinen geheimen Plan fand er in der Entfernung Noltens von der Person Constanzens . Aber dieser kleine Gewinn , wie teuer erkauft ! Und bedachte er vollends , was er selbst entbehre durch die Trennung von Theobald , was in solcher Widerwärtigkeit der Trost eines gemeinsamen Gespräches wäre , erwog er die Unmöglichkeit , sich auch nur durch einen Buchstaben von Zeit zu Zeit wechselsweise mitzuteilen und anzufrischen , so hätte er laut toben , er hätte aufschreien mögen über die Einförmigkeit eines Daseins , wovon er , der ungebundene , keck verwöhnte und reizbare Mensch nie einen Begriff gehabt . Die einzige Hoffnung setzte er auf ein Verhör . Schon waren einige Tage verstrichen , als die Lage der beiden durch die zugestandene Erholung mit Lektüre bereits erträglicher zu werden versprach , doch Larkens wies dergleichen starrsinnig von sich , und während Nolten bei allem erdenklichen Leidwesen doch den Vorzug genoß , daß ihm teils die Liebe , teils ein zu Hülfe gerufener Künstlersinn immer neuen Stoff zu innerlicher Belebung zuführte , so versank der Schauspieler gar bald in die Finsternis seines eigenen Selbst , er wurde die freiwillige Beute eines feindseligen Geistes , den wir bisher nur wenig an ihm kennengelernt , weil er ihn selber bis auf einen gewissen Grad glücklich genug bekämpft hatte . Um uns übrigens hierin ganz verständlich zu machen , wird folgender Aufschluß hinreichen . Von vermögenden Eltern herkommend , ohne sorgfältige Erziehung von Hause aus , bezog er sehr jung die Akademie , wo er , keinen festen Plan im Auge , neben einem lustigen kameradschaflichen Treiben dennoch schöne philosophische und ästhetische Studien machte . Eine Reise nach England und die Höhe des dortigen Schauspielwesens bekräftigte den Entschluß , sich mit höchstem Ernste dieser Kunst zu weihen . Seine erste theatralische Schule begleiteten bereits öffentliche Proben auf einem der angesehensten Schauplätze , und die Aufmerksamkeit des Publikums wurde zur Bewunderung , als er , obwohl ungerne , dem Rate eines erfahrenen Mannes folgend , sich eine Zeitlang in durchaus komischen Repräsentationen erging . In dem Maße , wie er , einem sonderbaren Naturzwang zufolge , wieder zum Ernsthaften einlenkte , nahm der allgemeine Beifall ab , und so schwankte er unbefriedigt , mißlaunisch ein volles Jahr hin und her , ohne einsehen zu wollen , welchem von beiden Fächern er sein Talent zuwenden müsse . Dazu kam der Übelstand , daß dem praktischen Künstler seine poetische Produktivität viel mehr hinderlich als förderlich war ; er wollte im Reiche seiner eigenen Dichtung leben und empfand es übel , wenn ihn mitten in der schaffenden Lust das Handwerk störte , was um so unvermeidlicher war , da seine Arbeiten ganz außer der allgemeinen Bühnensphäre lagen und nur von einem engen Freundeskreise gefaßt und geschätzt werden konnten . Dieser widrige Konflikt des Dichters und des Brotmenschen brachte die ersten Stockungen und Unordnungen in seinem Leben hervor ; aus Verdruß über die Unausführbarkeit seiner höhern Geisteswelt warf er sich in den Strudel der gemeinen , und die Leidenschaften , welche er durch kunstmäßige Darstellung im schönen Gleichgewichte mit seinem bessern Selbst zu erhalten gedacht hatte , ließ er jetzt in zügelloser Wirklichkeit rasen . Um jene Zeit hatte sich unter seinen Freunden die eigene Sucht hervorgetan , sich durch Erfindung und Durchführung fein angelegter Intrigen zu zeigen . Larkens spielte in einem gutartigen Sinne hierin gerne den Meister , aber leider verwickelte ihn dies Unwesen bald mit einer , als schön und witzig gleichbekannten , Schauspielerin , ein Umgang , der ihn bald in einen Wirbel der verderblichsten Genüsse niederzog . Sein Beruf ward ihm leidige Nebensache , und , mehr als einmal im Begriffe , verabschiedet zu werden , erhielt er sich nur dadurch , daß er von Zeit zu Zeit durch eine Vorstellung , worin er allem Genie aufbot , die Gunst seiner Leute gewaltsam an sich riß . Mit Schmerzen blickte man ihm nach , als er freiwillig den Ort verließ , welcher Zeuge seiner traurigen Versunkenheit gewesen . Er entsagte dem unwürdigen Leben , raffte sich zu neuer Tätigkeit auf , und ward ein erfreulicher Gewinn für die Stadt , worin wir ihn später als Noltens Freund kennenlernten Aber jene fleckenvolle Zeit seines Lebens hinterließ auch dann noch eine unüberwindliche Unruhe , eine Leere bei ihm , als er seine sittliche und physische Natur längst mit den besten Hoffnungen aus dem Schiffbruch gerettet hatte . Des heiteren geistreichen Mannes bemächtigte sich eine tiefe Hypochondrie , er glaubte seinen Körper zerrüttet , er glaubte die ursprüngliche Stärke seines Geistes für immer eingebüßt zu haben , obgleich er den zwiefachen Irrtum durch tägliche Proben widerlegte . Wie oft hielt er Theobalden , wenn dieser bemüht war , seine Grillen zu verjagen , mit wehmütigem Lachen das traurige Argument entgegen : » Das bißchen , was noch aus mir glänzt und flimmt , ist nur ein desparates Vexierlichtchen , durch optischen Betrug in euren Augen vergrößert und verschönert , weil sich ' s im trüben Hexendunste meiner Katzenmelancholien bricht . « Mit solchen Ausdrücken konnte er sich ganze Stunden gegen Theobald erhitzen , und erst nachdem er sich gleichsam völlig zerfetzt und vernichtet hatte , gewann er einige Ruhe , eine natürliche Heiterkeit wieder , wobei er , nach dem Zeugnis aller , die ihn umgaben , unglaublich sanft und liebenswürdig gewesen sein