Stirne , sah dann wieder in das Glas , und brummte : » Es ist ohnedies vorbei . Alles fließt wieder zusammen . Ich kann nichts mehr unterscheiden . Aber , was gewiß ist , bleibt doch gewiß , die Zwietracht sitzt an Ihrem Heerde , und wenn Sie die Glocke wieder neun schlagen hören , wie jetzt , hat sie Ihnen schon manches Lied gesungen . « Der Baron hatte seit einer ganzen Weile über die Schultern der Alten weg , in das flockige Gebräue hinein gesehen . Sie bemerkte es erst jetzt . » Was machen Sie hier ? « rief sie scheltend . » Sie haben auch wohl Ihre Hände mit im Spiele ? « Ich lachte unwillkührlich über seine Verlegenheit . » Lachen Sie nicht ! « schrie sie widrig , mit einem verwünscht pfiffigen Gesicht . In dem Augenblick ward eine fremde Stimme im Nebenzimmer laut . Der Geistliche schloß das Fenster , und sagte , indem er mit freundlicher Verbeugung an uns vorüber ging : » Verzeihen Sie , es erwartet mich hier Jemand . « Marthe hatte im Nu ihre Habseligkeiten zusammengepackt , meinen Thaler genommen , und sich aus dem Staube gemacht . So blieben Leontin und ich allein . Wir waren beide unbequem mit einander . Er ist niemals von vielen Worten , und jetzt , sichtlich durch meine Gegenwart gedrückt , fehlte es ihm auch an dem Unbedeutendsten . Mich hatte sein Antheil an dem ganzen Vorgange frappirt . Ich war begierig , den Grund davon herauszubringen , und deshalb auf dem Punkt , ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen , als ich den Präsidenten , Elisens Gatten , dicht nebenan sagen hörte : » Hier also ? Nun , lassen Sie mich ihm meinen Dank abstatten . « Somit öffnete er die Thüre , und stand , in Begleitung des Geistlichen , vor mir . Meine Anwesenheit mochte ihn überraschen , er grüßte flüchtig , fast obenhin , wandte sich dann zum Baron , gegen den er mit Wärme eines Dienstes erwähnte , welchen ihm dieser so eben geleistet haben mußte . Aus dem Verfolg des Gesprächs erfuhr ich sodann , daß der Geistliche ein längst erwarteter Aufseher und Führer von Elisens schönem Knaben , Georg , war ; daß Leontin diesen empfohlen , hierher begleitet , und dem Präsidenten zugeführt hatte . Des Barons Mitwirken in einer Angelegenheit , die Elisen Kummer machte , fiel mir gerade in diesem Augenblick um so mehr auf , als bis jetzt hiervon nichts verlautete , folglich geheim getrieben ward , und ziemlich nach einer Vertraulichkeit mit dem Manne , auf Kosten der Frau schmeckte . Mich kümmert dergleichen sonst sehr wenig . Häusliche Angelegenheiten , so oder so gestellt , gehören immer zu den Plackereien , die getragen sein wollen , es verschlägt daher eben nichts , ob die Last um ein Gran schwerer oder leichter wiegt . Es war auch nicht das , es waren , ich wette , die letzten Worte des Weibes , die etwas Fremdes in meine Seele geworfen hatte . Ich fühlte dies wie einen Stachel darin stecken . Es brannte mir heiß im Herzen , als ich den Vater , mit aller Umständlichkeit eines weitschweifigen Pedanten , von dem Knaben sprechen , und sein Dasein von dem der Mutter ablösen hörte . Ich sage Dir , Heinrich , es wurden hier Grundsätze der Erziehung entwickelt , die einen Menschen rasend machen können . Meine arme Freundin wird darüber untergehen ! Ihr zartes Innere , durch die materiellen Handhaben abstrakter Pädagogik verletzt , kann dem Gedanken nicht Raum lassen , daß , je ärger das Joch preßt , je schneller rüstige Schultern es abwerfen . Sie selbst bewegt sich so leicht und frei in der hellen Sphäre schuldloser Gefühle , ihre Gedanken schwingen sich zu seltener Höhe , nirgends beengt eine der tausend künstlichen Gränzen den Flug ihres schönen , reichen Gemüthes ; und wie sie unbewußt die angewiesene Bahn verfolgt , so läßt sie auch , auf die natürlichste Weise von der Welt , das kleine Seelchen ihres Lieblings die heitern Räume mit durchfliegen . Der Knabe ist ein Seraph , und so zu ihr gehörig , wie das Morgenlüftchen , das die goldene Aurora umspielt . Denke Dir nun diese beiden Menschen von den eisernen Klammern harter Regeln umspannt . Denke Dir das abgeschlossene Muß und Soll , gegen den freien Flügelschlag harmloser Willkühr . Athme nur einen Augenblick in der Region der Güte und Liebe , und siehe dann das Chaos auf einander gethürmter Gebote unter Dir , betrachte den finstern Führer , der am harten Strick das müde Lämmchen durch all die Windungen sich nachzieht , höre die tonlosen , leiernden Worte von brechen des Eigenwillens , von Demuth , blindem Gehorsam ; laß den Geistlichen noch über das Thema zerknirschter Herzen und Abtödtungen des Fleisches sein Pensum hersagen , und dann begreife , wie mich das Alles zur Thüre hinaus , unter Gottes freien Himmel jagen , die Brust mit Wehmuth , den Kopf mit unruhigen Bildern füllen mußte . In dieser Stimmung stoße ich auf die Tannenhäuserin , die mir vor dem Hause begegnete . Sie grüßte , fragte nach dem Befinden des Comthurs , und setzte hinzu , wie ihr der Baron über dasselbe gute Nachricht gegeben . » Der Baron war also heute drüben auf der Burg ? « unterbrach ich sie . » Allerdings ! « war die Antwort . » Und , wie ich höre , sind der geistliche Herr von dort in des gnädigen Herrn Begleitung hierher gekommen . Die Frau Gräfin haben denselben empfohlen , verschrieben , wie ich nicht anders weiß . « Heinrich , mir stieg das Blut nach dem Kopfe . Emma , dachte ich . Hat sie ihre reinen Hände in dem heimlichen Spiele ? Wie kommt sie dazu , mit Leontin gemeinschaftlich gegen den Wunsch der armen Elise zu wirken . Es sah alles so abgekartet , so versteckt aus . Dazu kam das verabredete Zusammentreffen gerade in dem entlegenen Winkel hier , man wollte das Ansehen der Theilnahme vermeiden . Der Präsident mußte bei Nacht und Nebel den Aufseher über Frau und Kind auf geheimnißvolle Weise in Empfang nehmen . Ich war dabei ein sehr unberufener , ja unbequemer Zeuge . Ging Leontins überraschter Blick etwa hierauf , als Marthe ihm vorwarf , die Hand in dem verderblichen Spiele zu haben ? » Hexe ! « rief ich in mir , indem ich mich verdrüßlich aufs Pferd schwang , und nach der Burg ritt . Ich weiß nicht , was mir Alles während meines Rittes durch den Wald im Kopf spukte ? Genug , ich sah zum erstenmale um mich , als ich etwa tausend Schritte vom Schlosse , am Fuße des Berges , anhielt . Der breite Weg , welcher in Schlangenwindungen auswärts führt , ward scharf vom Mondlichte bezeichnet , bis ihn zuletzt eine dunkle Tannengruppe verdeckt , und man seiner erst dicht an der Terrasse des Gebäudes wieder ansichtig wird . Sehr natürlich fiel mein Blick , als auf den hellsten Punkt der Landschaft , dahin , doch mit seltsamem Schreck fuhr ich zusammen , da gerade in demselben Moment ein Wagen hinter der schwarzen Decke der Bäume hervorrollte , und vor der Burg hielt . Ich wußte sogleich , wer darin saß , eben deshalb schallten mir Marthens Worte : » Die Zwietracht sitzt an ihrem eigenen Heerde , « wie ein Echo aus dem Walde zurück . Ich raffte mich zusammen , eilte nach Hause , fand meine Schwiegermutter , und mit ihr ein Heer ängstlicher Rücksichten , kalten Formen und lauernden Anspielungen . Ich bin wie gelähmt , das Dach des Schlosses drückt mit Centnerlast auf mich . Es ist eine Schwüle in den Mauern , als müsse die Flamme jeden Augenblick aufschlagen . So war es heute und gestern ! Wer weiß , wie es morgen sein wird ? Heinrich ! Heinrich ! die Fäden , die unser Geschick lenken , laufen wahrhaftig nicht so einzeln durch das Leben . Lebe wohl ! ich sehe einem Unwetter entgegen . Elise an Hugo Sagen Sie , was Sie wollen . Sie waren gestern nicht natürlich ! Wenn ich vor so manchem Gesicht eine Maske dulden mag , so ist sie mir bei Ihnen unerträglich . Was wollten Sie mit der erzwungenen Redseligkeit , mit der ironischen , frostigen Laune sagen , die Niemand , am wenigsten die Klugen der Welt täuscht ? Für wen spielten Sie Comödie ? Hugo ! Es hat mich verdrossen . Ich wollte mit Ihnen reden . Deshalb trat ich zu Ihnen ins Fenster . Sie wichen mir aus . Ihr Gehirn war in jener hüpfenden Bewegung , die den Witz überall Seitensprünge machen läßt , und das Gespräch in Brocken zerstückelt . Eine Stimmung , die zu der meinigen durchaus nicht paßte . Fühlten Sie nicht , oder wollten Sie es nicht fühlen , daß mir etwas auf dem Herzen lag , was herunter mußte ? Was ist ein Freund , wenn er den Klang der beengten Seele in einem stummen Luftzuge , ohne Echohall , zu uns zurückschickt ? Ich habe Kummer . Sie sollten es wissen . Der dünne , blasse , stumme Caplan , der mir wie ein Gespenst nachschleicht , und auf den Fersen sitzt , sobald sich Georg zu mir flüchtet . Eduards blindes Vertrauen zu ihm , die peinlichen Tischgespräche , der Zwang , mit dem Menschen meinen Tag zuzubringen , seine Begleitung auf Spatziergängen und Fahrten dulden zu müssen , wenn ich das geängstete Kind nicht martern lassen will ; dies und noch unendlich Vieles , was damit zusammenhängt , was auf die Zukunft hindeutet , was mir nur zu gegründete Sorge giebt , sollten Sie von mir hören . Ich kann nicht mit Ihnen lachen . Sie , hoffte ich , würden mit mir denken , wie dem frostigen , pressenden Einflusse auf das frohsinnige Kind , so wie auf mich , entgegen zu wirken sei ? Aber mit nichts konnte ich Sie fassen , Hugo ! nicht meine Bitten , nicht mein Unwille . Wo waren Sie mit Ihrem Selbst , daß ich Sie nicht zu finden wußte ? Es giebt einmal nichts Unbequemeres für mich , als Besorgnisse hegen zu müssen . Mit dem Schmerz nehme ich es eine Weile auf . Entweder ich besiege ihn , oder ich ergebe mich darin , und will nichts mehr , als die Dinge so gehen lassen , wie sie wollen . Ehe es aber so weit kommt , giebt es viele Mittelzustände , in denen dem Menschen allerlei zugemuthet wird , was er sich nicht gefallen lassen darf ; Widersprüche aus Unsinn und Vorurtheil erzeugt , an denen sich unser Scharfsinn , wie die Kraft des Stärkern prüfen soll . Aus diesem Grunde biete ich auch deshalb alles auf , dem Steine auszuweichen , den mir das Geschick entgegen rollt , und stoße ich doch darauf , so überspringe ich ihn . Stehen bleiben und müßig klagen , kann ich nicht . Die Ueberzeugung , daß gegen jedwedes Uebel ein Mittel zu finden sein müsse , hat es mir noch niemals an einer passenden Auskunft fehlen lassen . Warum bin ich aber jetzt so ganz ohne Zuversicht und Klarheit ? Den Caplan entfernen , hieß gegen den Strom im Moment der Brandung schwimmen wollen . Ihn dulden und unschädlich machen , dazu gehört ein anderer Charakter , als der meinige . Wen ich nicht von selbst gewinne , der bleibt für mich verloren . Berechnen kann ich weder mich noch Andere . Das Leben gehen lassen , ist in vielen Stücken gut , allein hier kann zu Vieles untergehen , ehe die Natur ihr stilles Recht behauptet . Was ist also zu thun ? Schaffen Sie Rath , Hugo ! Auf Sie zähle ich in meiner Angst . Wissen Sie auch , von woher mir der Schlag kam ? Aus Ihrem Hause ! Dem Oheim und der Nichte verdanke ich diese Zugabe meines Hauskreuzes . Tadeln Sie indeß Niemand . Beide handelten nach bester Ueberzeugung . Ihnen fiel es nicht ein , meiner Ueberzeugung zu nahe treten zu wollen . Emma schrieb mir zugleich das hübscheste Briefchen von der Welt über die Schritte , welche in der Sache geschehen waren . Ich lege es Ihnen hier bei , hinzusetzend , daß es mir übrigens so spät überkam , daß für mich nichts mehr zu thun blieb . Sehen Sie ! so sündigt Emma gegen mich , ohne eine Ahndung davon zu haben . Wie Vieles wäre noch darüber , wie Vieles über das Nichtverstehen der Menschen zu sagen . Allein , ich muß Ihnen ja dies schon schreiben . Sie sind nicht zu erreichen , seit Sie den Weltmann in der Stadt und den vornehmen Schloßherrn auf der Burg spielen . Wie Ihnen das schlecht steht , und wie fremd Sie mir erscheinen ! Könnten Sie einen Augenblick finden , der Sie , in Ihren grauen Mantel gehüllt , unscheinbar und bescheiden zu meiner Thüre brächte , ich würde glauben , Sie seien wieder Sie selbst , um mit Ihnen reden , denken , überlegen und ruhig sein zu können , wie sonst . Gute Nacht ! Ich bin müde , ich habe geweint , und doch weiß ich , ich werde nicht schlafen . Mir liegt Vieles im Sinn . Emma an Elise ( Im vorigen Briefe eingeschlossen . ) Ich ward verhindert , diesen Morgen zu Ihnen zu kommen und Ihnen mitzutheilen , was Sie vor allem Andern wissen sollen . Liebe Elise , es war gestern in den Zimmern des Comthur die Rede von Eduard ' s Wunsche , einen Erzieher für ihren lieben Knaben zu finden . Er hatte dem Baron Wildenau den Auftrag gegeben , ihm einen solchen suchen zu helfen . Die Wahl dünkte diesem schwer . Der Oheim wandte sich an mich , und rief mir einen Mann ins Gedächtniß , der mir von dem Lehrer und Freunde meiner Jugend empfohlen worden . Einen bessern Fürsprecher konnte sich so leicht Niemand rühmen . Ich erwog einen Augenblick , in wie fern ihre Anforderungen mit den Leistungen jenes jungen Geistlichen zusammen treffen möchten ? fand gleichwohl , daß eine edle Geburt , feine Erziehung , frühere günstige Stellung zur Welt , Bekanntschaft mit dieser , wie mit den Wissenschaften , der junge Mann zu Georgs Begleiter sich eigene , und schwerlich ein passenderer in diesem Augenblicke zu finden sei . Deshalb nur , und weil der Baron selbst der Ueberbringer meines Schreibens sein wollte , entschloß ich mich , ohne erst Ihre Einwilligung abzuwarten , der des Präsidenten war ich gewiß , den Schüler meines alten Lehrers hierher zu bescheiden , und es dann Ihrer Bestimmung zu überlassen , auf welche Weise er bei Ihnen eingeführt werden soll ? Bin ich voreilig gewesen , so verzeihen Sie es dem Eifer , Ihnen und dem lieben Georg , von den wenigen wahrhaften Diensten , die in der Gewalt wohlmeinender Freunde stehen , den Wesentlichsten leisten zu wollen . N. S. Eduard war bei mir . Er wußte schon Alles durch Leontin , und übernimmt es , Ihnen dies Briefchen zuzustellen . Hugo an Elise Sie schelten mich . Sie sind unzufrieden mit mir . Hier lobt man mich . Emma ' s Auge strahlt vor Freude , sie sieht mit einer Art Triumph von mir zu ihrer Mutter hin . Wer von Beiden kennt mich nun am besten ? O lassen Sie diese Frage unbeantwortet ! Es hängen an der einen , unzählige andere , die , einmal ausgesprochen , Herz und Seele mit herausreißen , dem Leben ein Ende machen , oder es anders gestalten müßten ! Ich komme nicht zu Ihnen , Elise . Auch nicht auf Ihr dringendes Gebot . Urtheilen Sie darnach , wie unmöglich es mir sein muß . Unmöglich ! ja ja ! Belachen Sie den Ausdruck nicht . Ich spreche nicht in Räthseln . Noch ein einziger , kurzer Schritt , und die Fluth treibt mich , wohin ich nicht will , wohin kein Auge reicht , was kein Maaß , keine Gränze kennt . Elise , hörten Sie nie - Gott nein ! - Der bodenlose Abgrund verworrener Begriffe liegt tief , tief unter der Region , in der Sie athmen . Genug , ich komme nicht . Ich schreibe Ihnen . Endlich ist Ruhe um mich . Sie schlafen , die mich müde hetzten , und mir nicht einmal den Schlaf lassen können . Sie haben ihn mir schon lange , lange geraubt ! Es ist tiefe Nacht . Sind wir endlich allein , Ganz allein , Elise ? dunkle Schatten liegen , wie Wächter , um die Freistatt der Gedanken . Sind wir auch hier der Welt und ihren Gesetzen verfallen ? Giebt es keine Ewigkeit in der Zeit , und kann die Sehnsucht niemals , niemals den Kerker sprengen , der Geister von Geistern trennt ? Wie ertragen wir denn den Tod unserer Lieben ? was schleichen wir zu ihren Gräbern und rufen Bilder der Vergangenheit in die Gegenwart zurück ? Ist das stille Hinübergleiten von einer Welt in die andere nichts , als ein suptileres Phantom der Einbildungskraft ? Stoßen wir überall , auch in uns nur auf Täuschungen , die den Drang des Innern mit Phantasmen hinhalten , wie Kinder in einer gespielten , die erwartete Welt vorausleben ? Sei es , ich träume denn also , und sehe Sie , und rede mit Ihnen im Traum . Was aber darf ich Ihnen sagen ? Die Nacht verwirrt mich . Ich will den Morgen abwarten , der Brief soll unvollendet bleiben . Er wird kein Ende finden ! Wo soll ich aufhören ? Vielleicht hätte ich besser gethan , niemals anzufangen . Jetzt ! - Ja so , Sie wollten wissen , was ich von dem Caplan halte ? Mein Gott ! lassen Sie den guten Mann nur immer machen . Weder dieser noch ein anderer , ich versichere Sie , erzieht den Menschen . Das sind alles handwerksmäßige Uebungen . Lehrjahre hat ein Jeder . Das muß sein . Der Künstler wird geboren . Das Genie giebt und nimmt sich nicht . Und was das Wecken und Ersticken desselben betrifft , so halte ich von dem nicht viel , das nicht stärker wäre , als ein mechanisches Band . - Der Widerspruch lehrt zuerst sprechen , und zugleich denken . Gleichviel , was augenblicklich für Resultate daraus entstehen ! Man muß dabei nicht allzupeinlich verweilen . Ein wenig Trotz hebt Kopf und Nacken in die Höhe . Der Blick lernt dieselbe Richtung finden . Zuletzt fällt dann das eigene Maaß kurz genug aus , wenn man es vergleichend an Ideale legt . Man lernt Andere dulden , weil man sich Vieles verzeihen muß . Sie kennen ja meine Theorie über die einzigen Ausgleichungsmittel im Leben . Güte und wohlwollende Achtung für die Freiheit Anderer . Ich büße lieber von der meinigen ein , als jene zu beschränken . Machen Sie es auch so . In der Regel kann man , bis zu einem gewissen Punkt , über Vieles lachen und es gut sein lassen . Ich lache jetzt oft , und deshalb auch letzthin bei unsrer lauernden Nachbarin . Danken Sie mir das , Elise . Hätte ich dem Ernst sein Recht eingeräumt , jener gewisse Punkt wäre vielleicht nicht unberührt geblieben , und dann wäre mehr , als die losen Schlingen des Scherzes zerrissen worden . Hüten Sie sich , schöne , arglose Seele , aus der Region heiterer Unbewußtheit herauszutreten . Noch bewache ich die Gränzen . Drängen Sie mich nicht von meiner Stelle . Ich bitte Sie , fragen Sie nicht zuviel . Ich habe schon mehr erfahren , als gut ist ; die Binde ist mir von den Augen genommen , und kein Gott kann den Traum seliger Blindheit wieder herstellen . So weit hatte ich geschrieben . Ich wollte Ihnen das Blatt mit dem Frühesten schicken . Die Gelegenheit mit dem Marktschiffe dünkte mir zu langsam . Einen Augenblick hatte ich den Gedanken , selbst nach der Stadt zu reiten und den Brief in Ihrem Hause abzugeben . Ich ließ auch wirklich mein Pferd vorführen , warf mich darauf und sprengte davon . Doch war ich noch nicht weit gekommen , als ein mir nacheilender Reitknecht ein Billet von Emma überbrachte , in welchem sie mir anzeigt , daß , gleich nachdem ich die Burg verlassen , ein fürstlicher Jäger mit der Meldung dort eingetroffen sei , der Fürst hege den Wunsch , in den umliegenden Forsten zu jagen , und sage sich zu dem Ende , zu einem Frühstücke auf dem Schlosse an . Mir blieb natürlich nichts anders übrig , als umzukehren und die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen . Sehen Sie , Elise ! Fesseln , die den Menschen zum Sclaven gemacht haben , ehe er es noch einmal recht weiß , werden immer durch unabwendbare Verhältnisse geschmiedet . Was diese entstehen läßt ? was sie durch einander bedingt ? das liegt außerhalb menschlicher Berechnung . Es hat sich eins auf ungefähre Weise gebildet , und der Ring ist sogleich geschlossen , der unsere Freiheit umspannt ! Die Jagd ist nichts als ein Vorwand . Der Fürst sucht die Oberhofmeisterin hier auf , weil es nicht das Ansehen persönlicher Beziehung zu ihm haben soll . Und doch existirt diese Beziehung . Sie hat etwas vor . Sie nimmt den Einfluß des längst gekannten Freundes in Anspruch . Mit mir will sie etwas . Ich sehe sie von Weitem kommen ! Schon lange dreht sie das Seil . Jetzt hofft sie , die Schlinge zu schürzen ! Von hier fort , in Thätigkeit will sie mich wissen ? deshalb die vertrauliche Annäherung des Fürsten , das zwanglose ländliche Beisammensein ! Der Weg soll gefunden werden , der geradezu auf meine Eitelkeit losgeht . In das eigene Netz will man mich verwickeln . Sie hat sich verrechnet . Der Springer im Schachspiel durchkreuzt wohl auch einmal den Gang der Königin . Ich weiß das ! ich fühle mich ! und dennoch , wenn es zu einer offnen Erklärung käme - wenn ich reden müßte - was würde da Alles laut werden ? wohin kann ein Wort das andere führen ! Und Sie werfen mir vor , den Weltmann in der Stadt , den Schloßherrn auf der Burg zu spielen . Ahnden Sie denn gar nicht , was mein Spiel verdeckt und abwehrt ? - - - - Ein Tag voll unruhigen Umhertreibens , voll lästiger Geschäftigkeit ist nun vorüber ! Es ist wieder Nacht , die Stunden laufen ab , die Zeit wechselt , das Leben rückt nicht vor , ich stehe auf dem alten Fleck . Entsetzliches Bewußtsein ! Es jagt mir das Blut mit Höllenangst durch die Adern ! Wie das noch werden soll ! Der Fürst maß mich heute ein Paarmal mit seinem seitwärts fallenden Blick , der , bei aller Flüchtigkeit doch auf Kundschaft ausging . Welche Spur hat man ihm nur gegeben , daß er so zuversichtlich darauf fortgeht ? Im Uebrigen that er ganz unbefangen , war gesprächig , und ganz auf der Jagd . Er ist ein gewandter Schütze . Ich äußerte das mit bescheidenem Lobe . Er lächelte . » Ja , « sagte er darauf , » es war immer mein Lieblingsvergnügen , deshalb erlaube ich mir es nur selten . Es kann leicht zur Leidenschaft werden ; und vor nichts hege ich mehr Furcht , als vor einer solchen Haustyrannin , die man am eignen Heerde groß zieht ! « Er schwieg , allein hier eben war es , wo sein Blick mich suchte . Ich that , als bemerke ich es nicht , indem ich den Gegenstand fallen ließ , und nur neue Veranlassung suchte , der eingestandenen Neigung Vorschub zu leihen . Er ging einen Augenblick in meinen erweiterten Jagdplan ein , doch bald nachher bemerkte er , das führe zu weit . Man dürfe nicht so allein an sich denken . Oben auf der Burg erwarteten uns die Damen und der würdige Comthur , wir seien ihnen Rücksichten schuldig , er wolle nicht das Ansehen haben , solche gering zu achten . Elise , ich biß mir in die Lippen , so lächerlich war mir der fürstliche Sittenprediger , den man bis unter Gottes freien Himmel an mich abgeschickt hatte . Es mochte indeß hingehen . Wir fuhren nach Hause . Unterwegs lobte er den Wald , die Gegend , fragte nach dem neuen Bau drüben auf Wehrheim , drang deshalb in mich , wollte Alles wissen , und schloß dann unter lautem Lachen mit der Bemerkung , daß ich schlecht bei mir selbst zu Hause sei . Ich fühlte den Stich , verschmerzte ihn aber , da er nichts Wesentliches in mir verletzte . So lachte ich mit ihm , vielleicht mehr von Herzen , als er . Nach und nach rückte er denn heran , sprach von umfassender Thätigkeit , öffentlichem Leben , dem Interesse an Staatsverhältnissen , nannte das große Lügennetz : die Politik , das eigentliche Gewebe des Scharfsinns , und meinte , der schlaue Jäger finde hier erst ein geräumiges Feld , sein Wild aufs Korn zu nehmen . Jetzt wußte ich , wo man hinaus wollte . Zum Glück hielten wir bereits an der Schloßtreppe . Meine Antwort blieb ich ihm schuldig . Er wird sie mir schon noch abfordern . Doch sei es wann und wo es wolle , die Wahrheit soll er gewiß hören . Gott behüte mich vor neuen Ketten ! Als wenn ich nicht schon an den jetzigen schwer genug zu tragen hätte . Meine Schwiegermutter ist seitdem von der besten Laune . Sie geht in Jedes ein , was ich sage , giebt mir Recht , theilt ganz meine Ansichten . Was hat das anders zu bedeuten , als daß mein Urtheil gesprochen ist , und sie dem harten Ausspruch einen milden , bestechlichen Klang einhauchen möchte . Elise ! geben Sie Acht , das ist der Stein , an dem Vieles zerschellen wird ! Ich breche kurz ab . Es hat sich ein Bote gezeigt , der das Schreiben noch vor Ihrem Erwachen zur Stadt trägt . Ich lag im Fenster . Es dämmerte kaum . Da hörte ich schon von ferne die weit ausgreifenden , taktmäßigen Tritte eines geübten Fußgängers . Nicht lange , so ging Jemand dicht an dem Hause entlang . Ich beugte mich vor . » Walter ! « rief ich halblaut . Die große , gebückte Gestalt für diesen haltend . » Ja ! « antwortete der Wandrer , » was giebts ? « » Seid Ihr ' s , Walter ? « fragte ich noch einmal . Dieser nickte mit dem Kopfe , ohne etwas zu erwiedern . » Was habt Ihr denn Eiliges hier zu thun ? « lachte ich , ohne mir etwas dabei zu denken . » Hier schläft noch Alles , Handel und Wandel wird um diese Stunde nicht getrieben . « » Ist auch nicht meine Absicht , « entgegnete der Hausirer . » Ich gebe nur gelegentlich einen Brief an die Frau Gräfin ab . Ich komme drüben von der Tannenhäuserin , und gehe hinunter nach Wehrheim , um von dort mit dem Marktschiffe nach der Stadt zu gelangen . Das Schreiben ist von dem Herrn Caplan , er hat es , ich weiß nicht wie , unsrer Wirthin zur weitern Beförderung zustellen lassen . « Walter hatte sich während dem auf einen Stein gesetzt . Ich hieß ihn da warten , bis ich hinunter kommen würde . Ich habe nun diese Zeilen niedergeschrieben , ich füge nichts hinzu ; aber - wie ein Zug dunkler Nachtvögel , schwirren widerwärtige , verworrene Vermuthungen an mir vorüber . Emma ! - der Caplan ! - Der geheimnißvolle Weg ihrer Mittheilung ! - O die Geistlichen sind so verschlagen , und die Tauben so zahm ! so zum Abrichten gemacht ! Ich verlasse Sie in einer sonderbaren Stimmung . Nein , Elise ! nein , ich verlasse Sie nicht , niemals , ich bin Ihr Freund , mehr als jemals ! Ich begleite Sie wie Ihr Schatten . Sein Sie ruhig , ich bitte Sie ! Es ist nichts ! Ich bin bei Ihnen , verlassen Sie sich darauf . Ich eile zu Walter hinunter . Ich werde ihm den Brief vom Caplan abnehmen , ich will ihn Emma selbst geben ! Sie ist wahr , sie kann - doch leben Sie wohl ! Leben Sie wohl , Elise ! Die Oberhofmeisterin an Sophie ! Wundern Sie sich nicht , daß ich mir so viel Zeit ließ , ehe ich an Sie schrieb ? Nur wenn Sie hier wären , würden Sie es verstehen , wie ich zu dieser Enthaltsamkeit kommen konnte . Es ist nicht leicht , Worte zu finden , wenn man nicht weiß , was man denkt oder fühlt ? Sehen Sie , jede andere wie ich , würde hier ruhig , und leidlich zufrieden sein . Ich bin es nicht , ich kann es nicht sein , ob ich gleich gestehen muß , daß ich Niemand einen Vorwurf zu machen habe , noch etwas Bestimmtes tadeln kann . In den ersten Augenblicken nach meiner Ankunft war ich völlig geblendet . Hätte ich Ihnen da geschrieben , Sie würden triumphiren . Es war Nacht , als ich den Fels hinan , zu dem erleuchteten Burghofe einfuhr . Die große Ampel über dem Steinbrunnen , die hohen Tannen , zwischen denen sie schwebt , das Licht selbst so magisch über die besondere Architektur ausgegossen , und Emma endlich , schöner als je , unter den gothischen Bogen , auf der gewundenen Treppe stehend , hinter ihr der Comthur , imposant wie immer , durch Gestalt und Haltung , ich