seinen Zorn noch mäßigen konnte , winkte Elsen zu gehen . Veit hielt den Knaben zurück , und wollte ihm einen Kuß auf die Wange drücken . Das wilde Gesicht und der hängende Schnauzbart des Ohms schreckte jedoch den Kleinen , und mit dem Ruf : » Lieb Väterlein ! hilf mir von dem Manne ! « entsprang er dem Leuenberger und eilte in Diether ' s Arme . Der Junker schlug ein helles Gelächter auf . » Lieb Väterlein ! « rief er : » Lieb Väterlein ! Sie haben Dir das Vaterunser gut gelernt , mein Söhnlein , wenn sie auch selbst nicht dran glauben . Ich wünsche Euch Glück zu dem Buben , Alter . Kein Zug von Euch in seinem Gesichte ; gewiß auch keine Ader von Euch im Herzen . Er wird einst Euern schlechten Namen zu Ehren bringen . Verlaßt Euch darauf , und lebt wohl . Ich möchte nicht gerne überlästig seyn , darum gehe ich jetzt schon . Zählt indessen immer Geld für mich ab ; und Du , lieb Schwesterlein , vergiß nicht für Deinen ehemaligen Freiersmann ein gut Wort bei Deinem treuen Freunde einzulegen . « - Nun war dem Ausbunde roher Bosheit das Niemand schonende Gift ausgegangen , und er ging davon über die Schwelle des Hauses , in welchem er den nagenden Keim des Unfriedens zurückließ . Diether verlor zwar kein Wort über die abscheulichen Andeutungen des feinen Buschritters , aber sein Schweigen war der Vorbote einer bösen Zeit , und Margarethe , von Schuld nicht rein , wenn auch vor des Bruders Anklage ohne Fehl , that , von Gewissensangst befangen , keinen Schritt , dies feindliche Schweigen zu brechen , das den frohen Neujahrstag in eine trübe Nacht stummen Zwistes verwandelte . - Von der andern Seite war es in des Lauenbergers Brust bei weitem nicht so ruhig geblieben , als vielleicht sein kalter Spott ahnen ließ . Er kochte verzehrenden Grimm , denn die Droh-und Schmachworte , die sein Schwager gegen ihn gebraucht , hatten den wunden Fleck seines Ehrgefühls unsanft berührt . Die Furcht vor den reichsstädtischen Zwang- und Halsgesetzen allein hatte ihn abgehalten , sich thätige Rache auf dem Fleck zu nehmen . Die unersättliche Habgier , die , aller Weigerung ungeachtet , demnach in der Zukunft neue Nahrung erwartete , hatte auch ein begütigend Wort dazu gesprochen ; aber die fürchterliche Sühne , die der Augenblick nicht gebären dürfte , sollte nichtsdestoweniger in der Folge die Verunglimpfung vergelten . Mit diesem Gedanken beschäftigt , stieg der Herr von Leuenberg in seiner Winkelherberge zu Pferde , nachdem er sein dürftig Mahl und Mittagsruhe gehalten hatte , und klepperte , sobald die Thore wieder nach der Vesperzeit geöffnet worden waren , von dannen ; denn die Sonne ging bereits zu Rüste , und die Stunde war im Schlagen , die den Stadtfeind seinen Gegnern erlaubte . Seine raschtrabende Mähre legte mit Windesschnelle den Weg bis über die nahe Warte zurück , und hier schöpfte der Behutsame neuen Athem . Theils um dem beginnenden Schneegestöber auszuweichen , theils auch um sich zu erfrischen ; wohl auch in der Hoffnung , auf Bekannte zu stoßen , lenkte er links von der Heerstraße ab , nach der Gegend zu , wo zwischen sanft anstrebenden Anhöhen ein wenig besuchter Hohlweg durchläuft und zu einer Wüstung führt , an deren Ende , von Erdauswürfen , wie von Vertiefungen und krüppelhaften Buschwerk gedeckt , eine elende Schenke stand ; die Herberge herren- und gesetzlosen Gesindels größtentheils , dann und wann der versteckte Schlupf- und Lauerwinkel hungriger Raubjunker ; am seltensten wohl das Nachtlager irgend eines verirrten , von Sturm und Regen hier zum Übernachten gezwungenen ehrlichen Wanderers . Weder dem Leuenberger , noch seinem Gaule war das räucherige Nest ein unbekannter Ort , denn in der einbrechenden Dämmerung , wie auf bösem , aufgewühlten und dann wieder hartgefrornem Pfade erreichten sie ihn blindlings . Der Reiter klopfte , zum Zeichen , daß ein guter Freund angekommen , mit der Gerte an die armseligen Schiebefenster , zog sein Pferd unter die elende Bedachung von Tannenästen , die einen Stall vorstellen sollte , band es an einen Sparren fest , und trat , nachdem er ihm Häckerling vorgeschüttet , und eine Last Stroh , von dem Hüttendach gerauft , untergeworfen , in das Innere der verrufnen Kneipe . Ein altes Weib kauerte am Herde , und mühte sich ab , das naßgewordene Reisig in Flammen zu blasen ; eine junge Dirne von unlieblichem Angesichte , schlief in der Ecke mit einigen daselbst aufgeflogenen Hühnern um die Wette . Sonst keine Seele in der Hütte , und ein Paar elende Tische aus Balken gezimmert , dergleichen Bänke , und ein Kandelbret mit unsaubern Krügen und hölzernen Bechern versehen , waren das ganze Geräthe der Stube , auf deren Estrich man mit der größten Vorsicht wandeln mußte , um nicht in einem der Löcher desselben ein Bein zu brechen . - » Ein Glas Funkelhans ! « 4 rief der Eintretende der Alten zu , die auch alsobald mit tiefem Reverenz das Verlangte herbei brachte und einen frischen Lichtspan aufsteckte . » Ich werde hier bis morgen verweilen , « fuhr Veit mit vornehmen Tone fort : » Die Nacht hat mich übereilt , und ist keines Menschen Freund . « - Das Weib nickte beifällig , versicherte , es werde ihr eine Ehre seyn , den Junker zu beherbergen , und machte sich wieder an ihr Geschäft . - » Was braust Du da Alte ? « fragte Veit , um das Gespräch nicht ersterben zu lassen . - » Habersuppe , edler Herr ; « erwiederte die Wirthin , indem sie einen derben Kessel an ' s Feuer rückte . - » Wer geht heute bei Dir zu Tafel , alte Hexe ? « fuhr der edle Herr fort : » Die Brühe ist zu lang für Deinen und Deines Töchterleins Hunger . « - » Hm ! « grinste das Weib : » Ihr wißt ja wohl , daß wir oft Gäste haben , und so auch heute . Mein Mann hat bei Bergen ein Geschäft , das ihn bis in den späten Abend vielleicht aufhält . Wenn er heim kommt , wird er hungrig seyn , und die Gesellen nicht weniger . « - » Was gibt ' s heut zu Bergen ? « erkundigte sich der Leuenberger . - » ' S ist dort Tanz und offne Lustbarkeit ; « klang der Bescheid : » Ein reicher Bürgersohn von Friedberg , der vor der Adventzeit die schöne Eva von Bergen geehlicht , hält heute ihren Mahlschatz , und gedenkt , ihn noch gen Friedberg zu schaffen . « - » Er gedenkt , ... « brummte Veit höhnisch ; » so , so ! Dein Alter denkt aber weiter , nicht wahr ? « - » Ach großer Gott ! « seufzte das Weib , die Augen verdrehend : » Man muß freilich sehen , wie man kümmerlich sein Leben durchbringe . « - » Kümmerlich ! « spottete der Gast : » Ihr Lügenvolk ! Nur das Schlechte laßt ihr liegen ; das Beste nehmt Ihr , und heuchelt obendrein Armuth gegen Leute , die Einiges von Euren Kniffen verstehen . « - » Lieber Herr , « erwiederte die Wirthin : » ' s ist lauter Wahrheit . Mit den Kumpanen muß man theilen ; das Kostbarste verscharren , darf das liebe Gut nicht sehen lassen . Oft sagte ich zu meinem Manne : Marten ! sagte ich zu ihm : Wär ' s nicht besser , wir fingen an ehrlich zu arbeiten , und könnten ruhig leben und uns wohl seyn lassen , als von ungerechtem Gut reich seyn , und es verbergen müssen , und zittern müssen vor Entdeckung ? Da lacht er mich aber jedesmal aus , und sagt : Wart nur , Weib , bis wir genug haben , dann wallfahrten wir nach Compostell , opfern dem heiligen Jakob eine silberne Krone , holen uns Ablaß , und kaufen uns alsdann am Rheine an . « - » Ein seines Vorhaben , « lachte Veit : » So habt ihr noch immer die Aussicht als Ehrenleute zu sterben , vielleicht noch selig gesprochen zu werden , wenn ihr auf dem Todbette irgend ein Kloster reichlich bedenkt . « - Die Alte wurde empfindlich . » Warum sollen wir denn etwa nicht des Paradieses theilhaftig werden ? Mein Marten hat noch keinen Pfarrherrn erschlagen . « - » Verfluchte Spötterin ! « fuhr Veit auf , und griff nach dem Dolche . Die Alte rannte schreiend nach der Ecke , in der die Tochter schlief , und weckte diese durch ihr Gejammer . » Was schreit Ihr denn also ? « fragte die Erwachende in schlaftrunknem Gleichmuthe : » Der Herr wird Euch nicht im Ernste erstechen wollen , und in Eurem lüderlichen Gewerbe sollt Ihr blanker Messer schon gewohnt geworden seyn . « - Veit mußte über die faule Predigt lachen , die das häßliche Mägdlein hielt , und steckte den Dolch wieder ein . - » Komm her , Alte , « rief er : » ' s war nur mein Scherz . Und Du , garstige Bußrednerin , lege wieder Dein Haupt zur Ruhe . Unser Gesprächsel würde Dein frommes Ohr ärgern . « » Das würde es auch ; « versetzte die Dirne , wie oben . - » Ich will mich daher lieber draußen im Stalle zur Ruhe legen , als in Eurer Nähe . « - Sie stand auf , und ging . - » Mädel , draußen pfeift der Schneewind ; « rief ihr die Mutter zu . - » Mein Roß steht im Stall , und kann nicht gut Gesellschaft leiden ! « fügte der Junker bei . - » Was thut das ? « fragte die Dirne entgegen : » Schneeluft ist kalt , aber kälter der Schooß einer gottlosen Mutter . Unter den Hufen eines schlagenden Rosses schläft der Gerechte besser , als unter ' m Schirmdache des Bösen . Gute Nacht ! « - Sie verschwand , und bei dem Ernste ihres Abschieds war dem Leuenberger unheimlich um ' s Herz geworden . Unheimlicher noch der Mutter , die trübsinnig beim Feuer sitzend , die Hände faltete , und in die Flamme starrend , die dicken Thränentropfen ungetrocknet ließ , die in ihren grauen Wimpern hingen . - » Die Maid bricht noch mein Herz , ... « seufzte sie endlich : » und ich darf sie nicht schelten , weil sie die einzige Unschuldige im Hause ist . « - » Eine Närrin ist sie ! « brummte Veit mürrisch . - Die Alte versetzte aber eifernd : » Nein , lieber Herr , sie ist verständiger , denn Eine ihres Alters . Die Klostermagd am uralten Stifte der Reuerinnen zu Frankfurt , war der Dirne Taufpathin , und brachte sie , da sie zehn Jahre alt geworden , und ich noch rüstig dem Haushalt vorzustehen vermochte , als ihre Helferin in dasselbe Stift . Daselbst wurde unsre Judith zwanzig Jahre alt , und überlebte ihre Pathin , und trat an deren Stelle , bis ich , vergeßlich werdend und an Kräften abnehmend , sie wieder zu uns forderte . Sie weigerte sich auch keineswegs , und kehrte heim , geschickt und gewandt , und ausgestattet mit Bibel- und Sittensprüchen , die sonst an uns gemeinen Leute nicht kommen . Ihr Verstand merkte bald , wo es leider in unserm Hause hinaus will , und ihre Frömmigkeit spricht oft Donnerworte gegen uns aus , vor denen nicht selten mein Mann selbst erzittert . Im Anfang wollte er die Judith schlagen , aber es war immer , als ob ein Engel seine Hand aufhielte , obgleich die Dirne gelassen Rücken und Wange bot . Und da wir nun sahen , daß sie unverdrossen ihre Arbeit verrichtet , und das vierte Gebot ehrt wie eine Heilige , so ließen wir sie reden , und haben uns an ihre harten Ermahnungen gewöhnt , beachten sie gar nicht , wenn sie nicht etwa dann und wann mein Mutterherz zu schonungslos angreift , wie just heute . Ich habe sie ja doch geboren ! « - » Eben darum ; « versetzte Veit gleichgültig : » die Bärin muß etwas von ihrer Brut vertragen können . Schlechtes Volk seyd ihr , das leidet einmal keinen Zweifel . Nehmt immerhin das Kreuz auf Euch , fügt Euch der Tollheit Eures Sprößlings , und dankt dem Satan , wenn die Verrückte Euch nicht einmal an die Gerichte verräth . « Die Alte schüttelte ungläubig den Kopf . » Das thut sie nimmermehr ! « sprach sie : » Ich habe einmal von ihr verlangt , sie sollte einen Eid darauf schwören . « Sie aber hat ' s nicht gethan , und gesagt : » So Ihr auf ein leeres Wort von mir vertraut , mehr als auf mein kindlich Herz , so verdientet Ihr , daß ich hinginge und Euch verriethe . Sorgt indessen nicht , für Eure Sünden will ich büßen , wenn ' s Noth thut , weil es geschrieben steht , daß die Unthaten der Eltern bis in ' s vierte Glied forterben , ... aber nimmer sie vergehen vor der Welt . « - » Desto besser ! « lachte der Leuenberger : » Da habt Ihr ein gutmüthig Schäflein , das , wenn einmal der Stab über Euch gebrochen wird , für Euch den Hals streckt , und bei dem lieben Gott Eure Fürbitterin wird . Stille aber jetzt mit dem thörichten Geplauder . Weißt Du schon , daß Euer alter Geselle , der Weber Paul von Bonames , gestorben ? « » Nein , werther Herr , « erwiederte die Alte : » Ihm sey das Freudenreich dort oben , wenn ' s also sich verhält . « » Den Teufel auch ! « schalt Veit : » Der Hölle Schwefelpfuhl sey dem niederträchtigen Buben , der auf dem Sterbelager zur Plaudertasche wurde , und mir übeln Leumund brachte . Ich kümmre mich freilich wenig um die Ellenreiter zu Frankfurt , aber verdrüßlich ist ' s doch immer , wenn solche Menschlichkeiten zur offnen Sprache kommen . « » Ja wohl , ja wohl ! « bekräftigte die Alte : » Paul war sonst einer der Besten unter meines Martens Leuten , bis er fromm wurde , und sich in Reue und trostlosem Nachgrübeln sein Ende herbeizog . Mein Mann erzählte oft , der Paul führe einen Stoß , trotz einem Wälschen , und Stich und Tod sey Eins bei ihm . « » Dem war auch so , « versetzte Veit : » bis der Kerl zum Schurken wurde . « » Daß solche kecke Leute auch dahinfahren müssen ! « fuhr das Weib fort : » Ich darf es wohl bekennen ; die besten Gehülfen Martens , den doch allgemach Augen und Kraft verläßt , kommen nach und nach von seiner Seite . Dreie sind ihm noch geblieben von der ganzen Schar , die er seit mehr denn zwanzig Jahren mühsam herangezogen . - Und von diesen Dreien wird nächstens der Beste , der Jude , sich trennen , wie mir mein Mann mit Verdruß geklagt . « » Wie ? « fuhr Veit überrascht auf : » Der Jude , der pfiffigste aller Galgenvögel , der unverzagteste aller Mörder hat Euch den Dienst aufgekündigt ? Blitz und Strahl ! Wegen seiner bin ich eigentlich hier . Seiner Geschicklichkeit bedarf ich ja gerade am allermeisten . « » Die wird Euch auch nicht entstehen ; « tröstete die Alte : » Kann die Arbeit bald gethan werden , so verrichtet sie der Rothe gern für Euch . Ihr kennt ihn und uns ja nicht von gestern . Aber im nächsten Sommer wird er eine Frau nehmen und gen Worms ziehen , und das Messer an den Nagel hängen , um ein ehrlicher Mann zu werden . Der Bursche hat gar leicht zu reden und zu thun . Den besten Theil jeder Beute hat er für sich genommen , und sein Gewissen ist vollkommen ruhig , denn ein Jude begeht keine Sünde , wenn er einen Christen plündert oder erschlägt , so wenig als es etwas zu sagen hat , wenn ein Christ einen Hebräer todt macht . « Schöne Weisheitslehren ! dachte Veit für sich , und wünschte sich weit hinweg von dem entmenschten Weibe in die Gesellschaft der rohesten Männer . Sein Wunsch wurde bald erhört , denn ein dumpfes Geräusch wurde , fern herkommend , vernommen . Die Alte spitzte das Ohr , öffnete behutsam den Schiebladen , horchte und flüsterte in die Stube herein : » Sie kommen , edler Herr ; sie sind ' s ! « - Auch Veit legte sich auf die Lauer . Das Gesumme kam näher - leichte Tritte , dann Gestolper auf dem holprigen Pfade , der von der Bergener Anhöhe herunter führte , ... mitunter leises Stöhnen , wie das eines Geknebelten - darauf folgende halblaut hervorgepreßte Flüche ; ... endlich verlor sich Alles hinter der Hütte , und schien plötzlich still zu werden . Mit einer Ungeheuern Seelenangst schlug die Alte aber das Fensterlein zu , packte den Junker wie eine Verzweifelnde am Arm , und murmelte mit klappernden Zähnen : » Betet , betet ein Paternoster , lieber Herr , ... ein Ave für die arme Seele : Sie sind zu den Weiden am Sumpfe gegangen ... Gott erbarme sich ! « - Veit , dessen Haare sich auf dem Wirbel sträubten , machte sich mit aller Gewalt von der Entsetzlichen los , und wollte zur Thüre , zu welcher eben Judith wie ein bleicher Schatten eintrat , umweht von schaurigem aus duftiger Nachtferne dringendem Geächze . » Wo wollt Ihr hin ? « fragte die Dirne hohl und bebend : » Bei den Weidenbäumen wird das Werk gethan , auch ohne Euch . Wahrlich ! besser wäre es , mit dieser Hütte umzukommen im feurigen Pfuhl , als den Mord zu sehen , an welchem wieder ein Gerechter verblutet . « Ein herzzerreißendes Stöhnen aus der Ferne war das Letzte , das gehört wurde . Lange blieb es nun stille ; endlich hörte man ein Rauschen im Moore , wie das Versenken schwerer Steine , und kurz darauf kamen hastige Schritte auf die Hütte zu , in welche drei stämmige Kerle traten . » Guten Abend ! « war ihr erstes Wort ; » Wer da ? « ihr zweites , da sie des Fremden gewahrten , der ihnen indessen bald kein Fremder mehr war , wie die rohe Freundlichkeit des alten Marten bewies , der ihn zuvorkommend aufnahm . - » Wasser ! « herrschte Einer von den andern hochgewachsenen Burschen der Dirne zu ; und gemessenen Schritts holte diese den Schwenkkessel vom Kandelbret , in dem sich der Wildblickende die Hände wusch . » Reinige Deine blutigen Hände , Zodick ; « redete das Mädchen zu ihm : » von Deiner Seele geht der rothe Flecken nicht ab , bis er sich vor dem Herrn in höllische Flammen verkehren wird . « - » Schweig , Aberwitz ! « polterte der Jude , die Faust gegen sie erhebend . » Daß ich schweige , « versetzte die Magd , » ist kein Wunder , da ich Deine Schläge fürchte , daß aber der dort oben schweigen kann bei solchem Mordgräul , ist ein unverständlich Mirakel ! « - » Wahnsinniges Thier ! « entgegnete Zodick verächtlich , und setzte sich zu den Übrigen . Die Alte trug Most auf , und die Habersuppe , die den Übrigen mundete . Zodick zog aber ein Stück Brod aus der Tasche , und einige Zwiebeln , um sie zu speisen , legte dann sein Messer in des Herdes Kohlen , und forderte seinen besondern Becher , seine besondre Flasche . Beides , mit eingeschnittnen Zeichen versehen , wurde gebracht ; in dem Most , der ihm vorgesetzt wurde , löschte der gewissenhafte Jude die glühend gewordne Klinge ab , murmelte : » Koscher ! koscher ! koscher ! « vor sich hin in den Bart , und trank und aß dann mit den Andern drauf los , die ihrerseits ebenfalls die größte Scheu zeigten , etwas zu berühren , dessen sich der Hebräer bedient hatte . » Wo ist Jost ? « fragte die Alte , einen der gewohnten Tafelgenossen vermissend . Der Wirth zuckte schweigend die Achseln , der Andre blies gleichmüthig über die flache Hand weg , Zodick aber antwortete frech . - » Was gibt ' s da zu verhehlen ? Gebeckert hat er . So wahr als wir sitzen hier am Tische , so wahr hat ihn der Goi , der nicht lassen wollte vom Gelde , darniedergestreckt mit einem Hieb . Darum hat er auch müssen an ' s Messer , und hätt ' ich ihn schleppen müssen sechs Stunden weiter , ich hätt ' ihm sein Blut nicht geschenkt . « - » Bärenwüthig hat sich der Bursche gewehrt , « fuhr Marten fort : » er meinte uns alle in die Flucht zu schlagen durch sein Schwertlein . Aber nichts da . Wolf hieb ihm die Sehne der rechten Faust mit dem Messer durch , ich rannte ihn zu Boden , und der Jud stieß ihm den Knebel in den vorlauten Schreihals . Fort mit ihm über Stock und Stein bis hieher , wo ihn Zodick abkehlte . Er schlafe wohl ; im Sumpfe ruht er , sanft gebettet , und kommt gewiß nicht wieder , sein Geschmeide und sein Geld zurückzufordern . « » Gott wird ' s an seiner Statt , und die Thräne seiner Witwe ! « sprach Judith feierlich : » Ich aber will am Rande des Moors für seine arme Seele beten . « - Sie ging hinweg , und die Alte folgte ihr bald nach , um durch abergläubische Formeln ihr zagendes Gemüth zu beschwichtigen . » Daß Du dem unnützen Ding das Gedibber nicht verbieten magst ! « schalt Zodick gegen Marten . » Verbiete der Gans das Schnattern , « antwortete dieser mit vieler Ruhe . - » Mag die Dirne doch reden , was sie will ; wir thun , was wir wollen . « - » Jetzt zum Beispiel , wollen wir theilen , « meinte Zodick mit seiner gewohnten Grobheit ; » heraus mit dem Fang ; ich muß heute noch zur Stadt , sonst merkt mein Herr Unrath . « - Marten winkte ihm mit den Augen zu , und deutete verstohlen auf den Leuenberger , der , ohne Antheil an dem Gespräche zu nehmen , ruhig in der Ecke sitzend , einen günstigen Augenblick erwartete , sein eigen Gesuch anzubringen . Zodick verstand Marten ' s Geberde wohl , aber , lachend die Kappe auf dem Wirbel drehend , antwortete er : » Immer zu ! immer zu ! ' s hat keine Noth . Der Herr ist nicht dabei zum Erstenmale . Ihr fürchtet wohl , er möchte versucht seyn , uns alles abzunehmen mit seinen Spießgesellen ? Weit gefehlt . Dazu ist er zu fein , und weiß , daß das Messer der Blutzopfer trifft , hinter ' m Schutzgatten , wie hinter ' m Altar . « » Macht Euch keine Sorgen ; « bestätigte Veit unbefangen ; » vor Euern Genickfängern habe ich alle Ehrfurcht . Weit entfernt , mich ihnen selbst zum Ziele zu geben , will ich diesem wackern Rothkopf vielmehr eine Arbeit auftragen , die ihm wenig Zeit kosten , aber Vortheil bringen wird . « » Desto besser ! « versetzte Zodick mit abscheulichem Grinsen . » Davon nachher . Vorab die Theilung . Frisch daran . Zahlt die Masumme , putzt die Scheinlinge . Steht die Wache vor der Thüre ! « » Meine Alte paßt auf ; « erwiederte Marten , und langte eine schwere Geldkatze hervor , die - auf den Tisch geleert - eine nicht unbedeutende Sammlung von Geld und Kleinodien , wie sie die Bürgersleute zu tragen pflegten , enthielt . Veit stand am glimmenden Herde , und schaute auf die drei Schurken herüber , die mit einer ekelhaft habsüchtigen Schnelligkeit den ganzen Raub in drei Theile zerrissen , von welchen der größte und beste dem Juden anheimfiel , der obendrein mit vieler Spitzbüberei den andern Bösewichtern , die auf deren Theil gefallnen Kostbarkeiten um einen Schelmenpreiß abschacherte , und abdrängte . Noch im letzten Augenblicke des saubern Geschäfts stahl er seinen Gesellen mit gewandten Fingern einige Silberstücke , und auf ihre Einsprache zuckte sogleich des Juden blutgewohnte Faust nach dem Dolche , den die Andern so sehr fürchteten , daß sie jeden Anspruch auf der Stelle fahren ließen . - » Laßt doch den Hader , « sprach Veit , sich einmengend ; » es ist schon spät geworden . Legt Euch zur Ruhe , ihr Leute . Ich muß mit dem Rothen noch ein Paar Worte reden . « - Marten und sein Kumpan fügten sich in die Rede des gestrengen Herrn , und lagerten sich auf den Boden am Herde . Zodick machte sich indessen fertig zum Gehen , zog die Mütze über ' s Ohr , band ein schmutziges Tuch darüber und unter das Kinn , und winkte dem Leuenberger , ihm vor die Thüre zu folgen . » Die Spitzbuben lauern wie die Füchse ! « flüsterte er seinem Kundmann warnend zu , und zog ihn aus der Hütte . » Was soll ' s ? « fragte er hier demüthig und geschmeidig . Aber kaum hatte Veit den Namen seines Schwagers genannt , als sich der Bube emporrichtete , mit Augen , die durch die Finsterniß roth funkelten . » Ho ! « rief er mit Zähnknirschen : » diesen Namen kenne ich wohl , und Hab ' ihm Rache geschworen ; so oft ich gebetet habe das Gebet Schephot , das verflucht alle , die uns hassen , so habe ich nur gedacht an den , den ich hasse , und der sich nennt nach seinem Vater . « - » Du redest irre ! « fiel Veit ihm in die Rede . Der Jude verneinte indessen lebhaft , und fragte : » Ist ' s der Alte , dem ich den Talles geben soll ? « - Veit bejahte . - » Schade , Schade ! « versetzte Zodick unmuthig den Kopf nach beiden Seiten bewegend : » den Jungen hätte ich lieber geschächtet . « - » Der ist fern ; « sprach Veit : » erwarte seine Rückkehr , und schaffe ihn dann hinweg , wenn ' s Dir beliebt . « » Hm ! warum nicht ? « meinte Zodick : » wenn es mir würde bezahlt ! Schon lange lebte er nicht mehr , hätte ich ' s nicht verschworen , keinen Stoß zu thun , als nur für baar Geld . So mag ' s denn bleiben bei dem Aette . Wie schwer wiegt er Euch ? « » Fünf Pfund Heller .... keinen Albus mehr ! « erwiederte Veit . » Ich zahle sie nach gethaner Arbeit . Du weißt aus Erfahrung , daß ich in ähnlichen Fällen Wort halte . « » Ja , ja , ganz recht ! « sprach der Jude zögernd : » aber ' s ist verdammt wenig , das Ihr bietet . « - » Für ein abgenutztes altes Leben , das ohnehin vielleicht in Kurzem von selber reißen wird ! « - » Der Tod dieses abgenutzten Körpers bringt Euch aber Glück ! « lachte Zodick hämisch : » Bietet mehr , und zahlt etwas voraus . « - » Ich biete nicht mehr , und zahle nichts voraus ; « sprach Veit . - » Weiß wohl ! « entgegnete Zodick . » Ihr Herren habt nie Vorrath an Münze . Müßt erst den Sold irgendwo krimpeln , ehe ihr ihn zahlen könnt . Mag ' s indessen seyn . Tof ! tof ! Sobald ich ihm ankomme an die Rippen , dem Alten , sollt Ihr von mir hören . « - Die Würdigen schüttelten sich die Hände , und schieden . Veit legte sich in der Mordhütte zur Ruhe , und Zodick lief über Zaun und Steg der Stadt zu . Er erreichte das Thor gegen Mitternacht und wurde gegen das Sperrgeld von dem schlaftrunknen Pförtner in die Stadt gelassen . Der aus dem Schlummer Gestörte fluchte dem Juden , der so spät vom Handel zurückzukommen vorgab , alle Pest und Plage an den Hals . Zodick nahm indessen alles gleichmüthig hin , und schlüpfte durch die finstern Straßen in die Judengasse . Nach Gewohnheit fand er das Haus verschlossen , öffnete die Thüre geschickt mit einem eisernen Haken , drückte sie wieder zu , und suchte mit leisen Katzentritten das elende Lager , auf welchem ihn , den im Verbrechen verhärteten Sünder bald ein Schlaf beschlich , der , fest und anhaltend , seine Sinne wieder neu stärkte zu neuen verabscheuungswürdigen Vorsätzen . Fußnoten 1 Haube . 2 Meister der Rechte , beim Rathe bedienstet , seit 1380 ; das Amt des Syndikus verwaltend . 3 Lombarden , gleich den Juden vom Wechsel ausgeschlossen , auf Mäkler- , Leih- und Wuchergeschäfte angewiesen . 4 Scharfer Wein oder Obstmost . Zehntes Kapitel . Herr ! vergib ihnen ; sie wissen nicht , was sie thun ! Ben David stand einige Tage nachher eines Morgens zum Ausgehen bereit , als Zodick in feiertäglichen Kleidern zu ihm in die Stube trat . Verwundert ob diesem Aufzuge , und dem gespreizten Wesen , das der Schachergehülfe an den Tag legte , befragte ihn der Herr nach deren Ursache . » Ich komme bei Dir zu freien um Deine Tochter , « erwiederte Zodick : » Du weißt , Herr , welch ein Vertrag Dich