für sich gewinnen werde . Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt . Denn , wie auch jener bei der Reise über die Alb seinem vornehmen Gefährten durch Erzählungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu verkürzen bemüht gewesen war , so wußte auch sie , sooft das Gespräch zu stocken begann , entweder auf einen schönen Punkt in den Tälern und Bergen umher , aufmerksam zu machen , oder sie teilte ihm unaufgefordert eine und die andere Sage mit , die sich an ein Schloß , an ein Tal oder einen Bach knüpften . Sie wählte meistens Nebenwege , und führte den Reiter höchstens zwei- bis dreimal durch Dörfer , von zwei zu zwei Stunden aber machten sie halt . Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer kleinen halben Stunde ein Städtchen liegen ; der Weg schied sich hier , und ein Fußpfad führte links ab in ein Dorf . An diesem Scheidepunkt blieb das Mädchen stehen und sagte : » Was Er dort sehet ist Pfullinga , von dort kann Ich jedes Kind da Weg nach Lichtastoi zeiga . « » Wie ? Du willst mich schon verlassen ? « fragte Georg , der sich an die munteren , sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewöhnt hatte , daß ihn der Abschied überraschte ; » warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis Pfullingen ? Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken ; du willst doch nicht geradezu nach Haus laufen ? « Das Mädchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen , doch konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht verbergen ; denn wohl mochte auch ihr die Nähe ihres schönen Gastes teurer geworden sein , als sie vielleicht selbst wußte . » Do mueß i von Ich geh , gnädiger Herr « , sagte sie , » so gerne au no weiters mitging ; aber d ' Muetter will ' s so ; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas , und bei der bleibe heut , und morga gange wieder noch Hardt . Jetzt b ' hüet Ich Gott der Herr und d ' heilig Jungfrau und älle seine Heilige nemmet Ich in Schutz . Grüeßet mer de Vater und au « , setzte sie lächelnd hinzu , indem sie schnell eine Träne abschüttelte , » grüeßet mer sell Frähla , die Er so gern hent . « A25 » Dank dir Bärbele « , entgegnete Georg , und reichte ihr die Hand zum Abschied vom Pferd hinab . » Ich kann dir deine treue Pflege nicht vergelten . Aber wenn du nach Haus kommst , so schau in den geschnitzten Schrank , dort wirst du etwas finden , das vielleicht zu einem neuen Mieder oder zu einem Röckchen für den Sonntag reicht . Nun , und wenn du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz dich darin küßt , so denke an Georg von Sturmfeder ! « Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen , und trabte über die grüne Ebene hin dem Städtchen zu . Zweihundert Schritte weit entfernt , schaute er sich noch einmal nach der Tochter des Spielmannes um . Sie stand noch dort , wo er sie verlassen hatte , im roten Mieder , im kurzen Röckchen , mit langen Zöpfen und weißen Strümpfen , sie war es und keine andere ; aber sie hielt die Hand vor die glänzenden Augen , und Georg war ungewiß , ob sie die Strahlen der Sonne dadurch abhalten wolle , indem sie ihm nachblickte , oder ob sie vielleicht jene Träne verwische , die er in ihren Wimpern blinken sah , als sie Abschied nahm . Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt . Er fühlte sich ermüdet und durstig , und fragte daher auf der Straße nach einer guten Herberge . Man wies ihn nach einem kleinen düsteren Haus , wo ein Spieß über der Türe und ein Schild mit einem springenden Hirsch geziert , zur Einkehr einluden . Ein kleiner barfußiger Junge führte sein Pferd in den Stall , ihn selbst aber empfing in der Türe eine junge , freundliche Frau und führte ihn zur Trinkstube . Es war dies ein weites , finsteres Zimmer , an dessen Wänden sich schwere eichene Tische und Bänke hinzogen . Die ungeheure Menge von Kannen und Bechern , die blank gescheuert von den Gestellen am Getäfer herabblinkte , bewies , daß die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein müsse . In der Tat saßen auch , obgleich es erst Mittag war , schon viele Gäste beim Wein . Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prüfend an , als er an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz , in ein sechseckiges , wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt wurde ; doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den vornehmen Gast nicht lange stören , sondern schwatzten weiter über Krieg und Frieden , über Schlachten und Belagerungen , wie ehrsame Spießbürger in so unruhigen Zeiten , wie etwa anno 1519 , zu tun pflegen . Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden . Sie schaute mit lächelnder Miene nach ihm herüber , wenn sie am Erkerlein vorbeiging , und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher vorsetzte , zog sich ihr etwas großer Mund zu holdseliger Freundlichkeit . Sie versprach ihm auch , ein junges Huhn zu braten und einen Tisch zu decken , wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle ; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen . Das laternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige Trinkstube , Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und trinkend die Gäste mustern . Obgleich er nicht viel in Herbergen und Weinstuben sich herumzutreiben pflegte , so hatte er doch , vielleicht dadurch , daß er weniger sprach als beobachtete , einen eigenen Takt in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen , der ihn auch bei seinen jetzigen Beobachtungen unterstützte . Die Gesellschaft , die um einen der großen eichenen Tische saß , bestand aus etwa zehn bis zwölf Männern . Sie unterschieden sich auf den ersten Anblick nicht sehr voneinander ; große Bärte , kurze Haare , runde Mützen , dunkle Wämser gehörten dem einen so gut wie dem anderen an . Doch sonderte ein schärferer Blick bald vorzüglich drei von den übrigen . Der eine , er saß Georg am nächsten , war ein kleiner , fetter freundlicher Mann . Sein Haar war im Nacken etwas länger als das der anderen , er hatte es sorgfältiger gekämmt , auch schien sein dunkler Bart besser gepflegt zu sein . Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch , und ein Filzhut mit spitzigem Kopf und breiter Krempe , die hinter ihm an einem Nagel hingen , bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht , vielleicht gar einen Ratsherrn . Er mochte auch eine bessere Sorte trinken als die übrigen , denn er schlürfte bedächtig , und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab , daß er leer sei , tat er dies mit einem gewissen Anstand , und vernehmlicher als die übrigen . Er sah bei allem , was gesprochen wurde , überaus fein und listig aus , als wisse er noch manches , ohne es gerade hier preisgeben zu wollen . Auch hatte er das Vorrecht , das Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden Arm zu » tätscheln « , wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte . Ein anderer Mann , der am entgegengesetzten Ende des Tisches saß , stach nicht minder gegen seine Umgebungen ab , als der Fette ; alles war an ihm länglich und hager . Sein Gesicht , von der Stirne bis zu dem langen , zugespitzten Kinn , maß wohl eine gute Mannesspanne ; seine Finger , mit welchen er auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte , das er leise vor sich hin pfiff , hatten etwas Spinnenartiges , und als sich Georg einmal zufällig bückte , gewahrte er zu seinem großen Erstaunen , daß der hagere Mann lange , dünne Beine , beinahe unter dem ganzen Tisch hin , ausgestreckt hatte . Er hatte um seine Nase etwas Hochfahrendes , das sich auch in der Art , wie er allem , was die Bürger vorbrachten , widersprach , ausdrückte ; er sah aus , wie einer der viel mit vornehmen Herren umgegangen ist , ihre Art und Weise angenommen hat , aber doch nicht recht bequem damit zurechtkommt . Er konnte nicht aus dem Städtchen sein , denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt . Nach Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt , wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen , um die Menschen künstlich umzubringen . Der dritte Mann , der dem Gast im Erker auffiel , sah etwas zerrissen und zerlumpt aus ; er hatte übrigens etwas Bewegliches , Listiges in seinem Wesen , das ihn von der gutmütigen , behaglichen Ruhe der Spießbürger merklich unterschied . Er hatte über dem einen Auge ein großes Pflaster , das andere aber blickte kühn und offen um sich . Ein großer Reisestock mit eiserner Spitze , der neben ihm lag , und sein lederbesetzter Rücken , worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen mochte , ließen schließen , daß er entweder ein Bote sei , oder wahrscheinlicher noch einer jener herumziehenden Krämer , die auf Märkte und Kirchweihen , nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen , für die Weiber wirksame Mittel gegen verhextes Vieh , und für die Mädchen schöne bunte Bänder und Tücher bringen . Diese drei waren es auch , die das Gespräch führten , das nur hin und wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen Bürgern unterbrochen wurde . Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab , die Georgs Interesse sehr in Anspruch nahm . Sie sprachen über die Unternehmungen des Bundes im württembergischen Unterland . Der Krämer mit dem ledernen Rücken hatte erzählt , daß Meckmühl , worin sich Götz von Berlichingen eingeschlossen , von den Bündischen erstürmt , und jener tapfere Mann gefangen worden sei.23 Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt , und einen guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken ; der Hagere ließ aber den Lederrücken nicht aussprechen , er schlug den Takt mit den langen Fingern etwas vernehmlicher , und sagte mit hohler Stimme : » Das ist erstunken und erlogen , Freund ! seht , das ist gar nit möglich , denn der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest , das muß ich wissen ; und überdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen , was wird er sich denn fangen lassen ? « » Mit Verlaub « , unterbrach ihn der fette Herr ; » dem ist nicht also , sondern Götz ist in der Tat gefangen , und sitzt in Heilbronn . Aber nicht weil er erlegen ist , denn sein Schloß in Meckmühl ist nicht erstürmt worden , sondern die Bündischen haben ihm und den Seinigen freien Abzug versprochen ; wie er aber aus dem Tor kam , wurde er überfallen , seine Knechte getötet und er gefangen . Seht , das ist nicht recht , und da hat der Bund schändlich gehandelt . « » Da muß ich doch bitten , Herr « , sprach der Lange , » daß man nicht also von den Bundesobersten spricht ; ich kenne viele Herren davon genau , wie z.B. Herr Truchseß von Waldburg mein geneigter Herr und Freund ist . « Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen , spülte aber das , was ihm auf der Zunge lag , mit einigem Wein hinunter . Jedoch die Bürger brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des Staunens aus , und lüfteten ehrerbietig ihre Mützen . » Nun , wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid « , sagte der Zerlumpte mit etwas trotziger Miene , » so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben können , wie es um Tübingen aussieht . « » Es pfeifet auf dem letzten Loch « , antwortete der Gefragte ; » ich war vor kurzer Zeit dort , und sah die fürtrefflichen und schrecklichen Anstalten zur Belagerung . « » Ei , - So , - Wie « , flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen , als erwarteten sie wichtige Kunde . Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück , steckte die langen Finger in die Degenkuppel , streckte die Beine um einige Zoll länger aus und sprach : » Ja , ja ihr Leute , dort sieht es arg aus ; alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in großem Schaden , denn die Obstbäume sind alle abgehauen , man schießt mit aller Macht auf Stadt und Schloß , und die Stadt hat sich schon ergeben ; im Schloß liegen vierzig Ritter , aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange halten ! « » Was ? ein paar Mäuerlein ? « rief der fette Herr und setzte seine Kanne klirrend auf den Tisch ; » wer je das Schloß von Tübingen gesehen hat , kann nicht von ein paar Mäuerlein reden . Hat es nicht auf den Seiten , wo es an den Berg stößt , zwei tiefe Graben , daß die Bündler mit keiner Leiter hinaufkönnen , und Mauern zwölf Schuh dick , und Türme , aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen . « » Umgeschossen , umgeschossen ! « rief der lange Mann mit so greulich hohler Stimme , daß die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen krachen zu hören glaubten ; » den neuen Turm , den der Ulerich neulich aufbaute , hat der Frondsberg umgeschossen , wie wenn er nie dagestanden wäre . « 24 » Aber damit ist noch nicht alles hin « , antwortete der Zerlumpte . » Und die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß , und haben schon manchen auf dem Wörth am Neckar schlafen gelegt . Und dem Frondsberg haben sie den Hut vom Kopf geschossen , daß er heute noch Ohrensumsen hat . « 25 » Da seid Ihr falsch berichtet « , sprach der Hagere nachlässig ; » Ausfälle ? dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel ; es sind Griechen , ich weiß nicht vom Ganges oder Epiros , man heißt sie Stratioten ; die haben einen Obersten , den Georg Samares , der läßt keinen Hund aus dem Loch ausfallen . « 26 » Der hat halt auch ins Gras beißen müssen « , entgegnete der zerlumpte Mann mit einem höhnischen Seitenblicke ; » die Hunde , wie Ihr sie nennt , sind dennoch ausgefallen , obgleich der Grieche vor dem Loch stand , und haben ihn gebissen und gefangen , und - « » Gefangen ? den Samares ? « rief der Lange aus seiner vornehmen Ruhe aufgeschreckt ; » Freund , das habt Ihr falsch gehört ! « » Nein « , antwortete jener sehr ruhig , » ich habe die Glocken läuten hören , als man ihn in Sankt-Jörgen-Kirche begraben hat . « Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden um zu erforschen , was für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache ? Er ließ seine buschigen Augenbrauen herab , daß von seinen Augen nichts mehr zu sehen war , zwirbelte seinen langen dünnen Knebelbart , schlug mit der knöchernen Hand auf den Tisch und sagte : » Und wenn sie ihn auch in zehn Stücke zerhauen hätten , den Griechen , es hilft doch nichts ! das Schloß muß über , da hilft nichts , und hat man Tübingen , dann gute Nacht Württemberg . Der Ulerich ist zum Land hinaus , und meine gnädige Herren und Gönner sind Meister . « » Wer steht Euch davor , daß er nicht wiederkommt ? und dann ? - - « sagte der kluge , fette Herr , und klappte den Deckel zu . » Was ? wiederkommen « , schrie jener ; » der Bettelmann ? wer sagt das , daß er wiederkommt ; wer wagt es ? He ? « » Was geht es uns an ? « murmelten die Gäste unmutig ; - » wir sind friedliche Bürger , uns ist ' s einerlei , wer Herr im Land ist , wenn nur die Steuern anders werden . - Wenn man in der Herberg ist , wird doch auch noch ein Wort erlaubt sein ? « So sprachen sie , und der Hagere schien zufrieden , daß ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete . Er sah einen um den andern mit stechendem Blicke an , zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten und sagte : » Es war nur zur Erinnerung , daß wir den Herzog fürder nicht mehr brauchen ; mein Seel , mir ist er wie Gift und Operment , darum gefällt mir auch das Paternoster so gut , das einer auf ihn gemacht hat ; ich will es einmal singen . « Die Bürger sahen finster vor sich hin , und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang , der ihrem unglücklichen Herzog galt . Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk , und sang mit heiserer , unangenehmer Stimme : » Vater unser Reutlingen ist unser . Der du bist Eßlingen hat nicht lange Frist . Geheiligt werde dein Nam ' ; Heilbronn und Weil wollen wir han , Zukomm uns dein Reich , Ulm sieht uns auch gleich . Dein Will geschehe Die Münz ' hat gereiht ein anderes Geprähe . Unser täglich Brot Wir haben Geschütz für alle Not . Gib uns heut und vergib uns unsere Schuld , Wir haben des Königs in Frankreich Huld , Als wir vergeben unseren Schuldigern , Wir wollen dem Bund das Maul zusperrn ! Laß uns nicht versucht werden Wir wöllen bald Kaiser werden . Sondern erlös uns vom Übel . Amen ! So behalten wir des Kaisers Namen . « 27 Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen , zitternden Schnörkel , der weiter keinen Effekt hervorbrachte , als daß die Bürger einander heimlich anstießen , und über die jämmerlichen Töne des Sängers , die Achsel zuckten . Er aber schaute stolz in dem Kreise umher , als wolle er in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen . » Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen « , sagte der Zerlumpte , » so fein kann ich ' s nicht , aber doch weiß ich auch ein neues Lied , und will es mit Eurem Verlaub singen . « Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an , die Bürger aber nickten ihm zu , und er begann mit einem angenehmen Tenor , indem er die Augen halb zuschloß , aber doch hin und wieder auf den langen Mann hinüberschielte , als beobachte er , welchen Eindruck sein Gesang mache : 28 » O weh , wo bleibet deine Kraft , Württemberg , du arme Landschaft ; Ich klag dich billig hart und sehr , Denn der Bader von Ulm , der ist dein Herr . Der zu Nürnberg die Wetschger macht , Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht , Der Salzsieder von Schwäbisch Hall , Von Ravenspurg die Krämer all . Von Rottweil die neuen Schweizerknaben Wollten der Gans auch ein Feder haben , Und der Schneider von Memming ist in der Sach Und auch der Kürschner von Biberach . « Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger ; sie langten über den Tisch herüber , schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein Lied . Der Hagere sprach kein Wort , sondern warf finstere Blicke auf die Gesellschaft ; man war ungewiß , ob er den Beifall des Zerlumpten beneidete , oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte . Der fette Herr aber sah ungemein klug aus , brummte die Weise des Liedes mit , und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt . Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort : » Den Saymer von Kempten ich euch meld Und Holzhauer von dem Herdtfeld Und andere , die ich nit nennen will Der Haufen ist groß und wird gar zu viel . Und auch der ist in dem Strauß , Der richt ' alles mit Ungeld aus , Ich mein ' Junker Ermlich und sein Gesind Des reichen Barchetwebers Kind . « » Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr ! Ihr Lumpenhund « , fuhr der lange Mann auf , als er die letzten Worte hörte ; » ich weiß wohl , wen Ihr mit dem Barchetweber meint ; meinen gnädigen Gönner den Herrn von Fugger . Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen ? « Er begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienespiel , und mit schrecklicher Gebärde . Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern ; er stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte : » Den Landläufer könnt Ihr für Euch behalten , Herr Calmus , man weiß wohl wer Ihr seid ; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet , so will ich Euch Eure Rührlöffelarme vom Leib schlagen . « Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst , daß er in so gemeine Gesellschaft geraten sei ; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen Schrittes aus der Trinkstube . IV Weh mir , ich habe die Natur verändert . Wie kommt der Argwohn in die freie Seele ? Vertrauen , Glaube , Hoffnung ist dahin . Denn alles log mir , was ich hochgeachtet . Schiller Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte , sahen die Gäste erstaunt einander an ; es war ihnen zumut , als hätten sie ein schweres Gewitter aufsteigen sehen , es hätte gekracht , als ob die Erde bersten wollen , ja , als wäre ein erschrecklicher , tötender Blitz auf sie herabgefahren , und siehe da , es war nur ein » kalter Schlag « . Dem Mann mit dem Lederrücken dankten sie , daß er den ungezogenen , übermütigen Gast so schnell entfernet habe , und fragten , was er wohl von dem hageren Fremden wisse ? » Den kenne ich wohl « , antwortete dieser , » das ist unseres Herrgotts Tagdieb , ein fahrender Arzt , der den Leuten Pillen verkauft gegen die Pest , den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt , die Mädchen von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt , daß sie blind werden . Er heißt eigentlich Kahlmäuser , aber weil er ein Gelehrter sein will , heißt er sich Doktor Calmus . Er nistet sich bei allen großen Herren ein , und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat , so meint er schon , er sei sein bester Freund . « » Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen « , bemerkte der schlaue Herr , » denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft . « » Ja , mit Herrn Ulerich steht er freilich nicht gut ; das ging aber so : der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdbund , der hatte sich im Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten . Den Herzog dauerte der Hund , er forschte nach einem geschickten Mann , der das Tier heilen könnte , und zufällig war der Kahlmäuser da , und bot sich mit wichtigem Gesicht dazu an . Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu essen und eine Maß Wein ; das schmeckte ihm nun so gut , daß er über ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte . Da ließ ihn eines Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte , was er ausgerichtet habe . Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben , doch der Herr hat nicht darauf geachtet , sondern die Pfote selbst untersucht , und da fand es sich , daß sie schon ganz schwarz und brandig war . Da nahm der Herzog den Kahlmäuser , so lang er war , trug ihn an die lange Treppe , auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann , und warf ihn hinunter , daß er halb tot unten ankam . Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen . Andere sagen auch , er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und Frau Sabina , und habe nur deswegen den Hund übernommen , weil er dadurch ins Schloß kam . « » So ? mit dem Hutten hat er es gehalten ? « sagte einer der Bürger . » Das hätten wir wissen sollen , so hätten wir ihm das Fell recht gegerbt , dem Lumpendoktor ! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld , mit seiner Liebelei , und der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen . « » De mortuis nil nisi bene ; man muß die Toten schonen , sagen die Lateiner « , entgegnete der fette Herr ; » der arme Teufel hat es mit dem Leben teuer genug bezahlt . « » Aber es ist ihm recht geschehen « , rief jener Bürger mit großer Hitze ; » an des Herzogs Stelle hätte ich ' s gerade auch so gemacht , ein jeder Mann muß sein Hausrecht wahren . « » Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd ? « fragte der fette Herr mit überaus schlauem Lächeln , » da habt Ihr die beste Gelegenheit ; ein Schwert habt Ihr ja , und eine Eiche wird sich auch finden , wohin Ihr seinen Leichnam hängen könnet . « Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen , belehrte den Gast im Erker , daß jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem eigenen Hause nicht so ganz strenge Justiz üben müsse . Er errötete und murmelte einige unverständliche Worte in seinen Becher hinein . Der Zerlumpte aber , der als Fremder nicht mitlachen wollte , nahm sich seiner an : » Ja wohl hat der Herzog ganz recht gehabt ; denn er hätte den Hutten auf der Stelle hängen können , ohne daß er erst mit ihm focht , er ist ja Freischöff vom westfälischen Stuhl , vom heimlichen Gericht , und darf einen solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun . Und er hatte die besten Beweise gleich bei der Hand ; kennt Ihr das schöne Liedlein ? Ich will einmal ein paar Verse daraus singen : Und im Wald er sich zum Hutten wandt : Was flimmert dort an deiner Hand ? Herr Herzog ' s ist ein Ringelein Das hab ich von meiner Liebsten fein . Ei Hanns , du bist ein stattlich Mann Hast auch ein gülden Kettlein an ! Das hat mir auch mein Schatz geschenkt , Zum Zeichen , daß sie mein gedenkt . Dann heißt es weiter : O Hutten , gib dei ' m Gaul die Sporn , Des Herzogs Auge rollt voll Zorn , O Hutten , fleuch , noch ist es Zeit , Er reißt das Schwert schon aus der Scheid - « » Laßt es lieber gut sein « , unterbrach ihn der fette Herr mit ernster Miene ; » es ist nicht gut , daß man in solchen Zeiten dies Lied in der Herberge singt ; dem Herzog kann es nicht mehr nützen , und die Bündischen sind rings um uns ; es könnte leicht einer etwas davon hören « , setzte er mit einem stechenden Blick auf Georg hinzu , » und dann hieße es gleich : Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr . « » Weiß Gott , Ihr habt recht « , sagte der Zerlumpte ; » es ist nicht mehr wie früher , wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim Wein in der Trinkstube ; da muß man immer umschauen ob nicht dort ein Herzoglicher , und auf der andern Seite ein Bündler sitzt ; aber den letzten Vers will ich noch singen , trotz Bayern und dem Schwabenbund : Es steht eine Eich ' im Schönbuchwald , Gar breit in den Ästen und hoch gestalt ' t ; Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn : Dort hing der Herzog den Hutten dran . « Er hatte ausgesungen , das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster herab , und Georg glaubte zu bemerken , daß sie über ihn ihre Glossen machen . Auch die freundliche Wirtin schien neugierig , zu wissen , wen sie in ihrem Erkerlein beherberge . Sie setzte die Speisen , die sie ihm bereitet hatte , vor ihn hin , nachdem sie ein schönes Tafeltuch über den runden Tisch ausgebreitet hatte ; dann nahm sie selbst an der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn , wiewohl sehr bescheiden , über das Woher ? und Wohin ? Der junge Mann war nicht gesonnen , ihr über den eigentlichen Zweck seiner Reise genaue Auskunft zu geben . Das Gespräch der Gäste an der langen Tafel hatte ihn belehrt , daß es hier nicht minder gefährlich sei , zu gar keiner Partei zu gehören , als sich für irgendeine bestimmt zu erklären , er sagte daher , er komme aus Franken und werde noch weiter hinauf ins Land , in die Gegend von Zollern reisen , und schnitt somit jede weitere Frage ab ; denn die Wirtin war zu bescheiden , als daß sie sich den Ort wohin er gehe , noch näher hätte bezeichnen lassen . Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit , sich nach Marien zu erkundigen , denn er war glücklich , wenn ihm die Wirtin zum Goldenen Hirsch , auch nur ihren Namen nennen , nur den Saum ihres Kleides beschreiben würde . Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den ritterlichen Familien , die in der Nachbarschaft wohnen .