man es haben wolle . Das hast du wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit und es war ein unschuldiges Spiel , denn dem Gliedermann war es gleichgültig , ob ihm die Beine über die Schulter herüberkamen oder nicht , ob er den Rücken herabschaute oder vorwärts , er lächelte so dumm wie zuvor , denn er hatte ja kein Gefühl , und es tat ihm nicht weh im Herzen , denn auch dieses war ja aus Holz geschnitzelt , und wahrscheinlich aus Lindenholz . Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu müssen in den täppischen Händen der Klein-Justheimer Kriminalen ! Sie renkten und drehten mir die Glieder , setzten mir den Kopf so oder so , wie es ihnen gefällig , oder auch nach Vorschrift des Justinian , drehten und wendeten mein Recht , bis das Kadaver vor ihnen lag auf dem grünen Sessionstisch , wie sie es haben wollten , mit verrenkten Gliedern , und sie nun anatomisch aufnotieren konnten , was für Fehler und Kuriosa an ihm zu bemerken , nämlich , daß er das Gesicht im Nacken , die Füße einwärts , die Arme verschränkt et cetera trage , ganz gegen alle Ordnung und Recht . Ware , Ware ! nannten sie deine Memoiren , o Satan , Ware ! als würde dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt , wie es jener Schwarzkünstler und Eskamoteur getan , der Bänder verschluckte und sie herauszog Elle um Elle aus dem Rachen . Warenfälschung , Einschwärzen , Defraudation , o welch herrliche Begriffe , um zu definieren was man will . Und rechtswidrige Täuschung des Publikums , wer hat denn darüber geklagt ? wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter geschrien , weil er gefunden , daß das Büchlein nicht von dem Schwarzen selbst herrühre , daß er den Missetäter bestraft wissen wolle für diese rechtswidrige Täuschung ? O Klein-Justheim , wie weit bist du noch zurück hinter England und Frankreich , daß du nicht einmal einsehen kannst , Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak , und gehören durchaus nicht vor deine Schranken . Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles , der nun für mich und das Publikum verloren war ; ich dachte nach über das Hohngelächter der Welt , wenn der erste nur ein Torso , ein schlechtes abgerissenes Stück , verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken sitze , trübselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen aller Art herabschaue , und ihnen ihre abgenützten Gewänder beneide , die den großen Furor , welchen sie in der Welt machen , beurkunden , wie er seine andere Hälfte , seinen Nebenmann , den zweiten herbeiwünsche , um verbunden mit ihm schöne Damen und Herren zu besuchen , was ihm jetzt als einem Invaliden beinahe unmöglich war . Da wurde mir eines Morgens ein Brief überbracht , dessen Aufschrift mir bekannte Züge verriet . Ich riß ihn auf , ich las : » Wohlgeborner , sehr verehrter Herr ! Durch den Oberjustizrat Hammel , der vor einigen Tagen das Zeitliche gesegnet , und an mein Hoflager kam , erfuhr ich zu meinem großen Ärger die miserabeln Machinationen , die gegen Euch gemacht werden . Bildet Euch nicht ein , daß sie von mir herrühren . Mit großem Vergnügen denke ich noch immer an unser Zusammentreffen in den Drei Reichskronen zu Mainz , und in meiner jetzigen Zurückgezogenheit und bei meinen vielen Geschäften im Norden komme ich selten dazu , eine deutsche Literaturzeitung zu lesen , aber einige Rezensenten , welche ich sprach , versichern mich , mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben habt , und daß das Publikum meine Bemühungen zu schätzen wisse . Der Prozeß , den man Euch an den Hals warf , kam mir daher um so unerwarteter . Glaubet mir , es ist nichts als ein schlechter Kunstgriff , um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen , weil ich ein wenig über ihre Universitäten schimpfte , und die ästhetischen Tees , und Euch wollen sie nebenbei auch drücken . Lasset Euch dies nicht kümmern , Wertester ; gebet immer den zweiten Teil heraus , im Notfall könnet Ihr gegenwärtiges Schreiben jedermann lesen lassen , namentlich den Wackerbart , saget ihm , wenn er meine Handschrift nicht kenne , so kenne ich um so besser die seinige . Ich kenne diese Leutchen , sie sind Raubritter und Korsaren , die jeden berühmten Prozeß , der ihnen in die Hände fällt , für gute Prise erklären , und wenn sie ihn fest haben in den Krallen , so lange deuteln und drehen , bis sie ihn dahin entscheiden können , wo er ihnen am meisten Ruhm nebst etzlichem Golde einträgt . Was war bei Euch von beiden zu erheben ? Ihr , ein armseliger Doktor der Philosophie und Magister der brotlosen Künste , was seid Ihr gegen einen persischen Geheimen Hofrat ? Denket also , die Sache sei ganz natürlich zugegangen , und grämet Euch nicht darüber . Was den persischen Geheimen Hofrat betrifft , der meine Rolle übernommen hat , so will ich bei Gelegenheit ein Wort mit ihm sprechen . Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei , ich habe es in den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben , es ist im ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten ; doch schaltet Ihr es im zweiten Teile ein , es gibt vielleicht doch Leute , die sich dabei freundschaftlich meiner erinnern . Gehabt Euch wohl ; in der Hoffnung Eure persönliche Bekanntschaft bald zu erneuern , bin ich Euer wohlaffektionierter Freund Der Satan . « Man kann sich leicht denken , wie sehr mich dieser Brief freute . Ich lief sogleich damit zu dem wackern Mann , der meine Sache geführt hatte , ich zeigte ihm den Brief , ich erklärte ihm , appellieren zu wollen , an ein höheres Gericht , und den Originalbrief beizulegen . Er zuckte die Achseln und sprach : » Lieber , sie wohnen zusammen in einer Hausmiete , die Kriminalen ; ob Ihr um eine Treppe höher steigen wollet , aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren , das ist einerlei , Ihr fallet nur um so tiefer , wenn sie Euch durchfallen lassen . Doch an mir soll es nicht fehlen . « So sprach er und focht für mich mit erneuerten Kräften ; doch - was half es ; sie stimmten ab , erklärten den persischen für den echten , alleinigen Teufel , der allein das Recht habe , Teufeleien zu schreiben , und - der Prozeß ging auch in der Beletage verloren . Da faßte mich ein glühender Grimm ; ich beschloß , und wenn es mich den Kopf kosten sollte , doch den zweiten Teil herauszugeben , ich nahm das Manuskript unter den Arm , raffte mich auf und - - erwachte . Freundlich strahlte die Frühlingssonne in mein enges Stübchen , die Lerchen sangen vor dem Fenster und die Blütenzweige winkten herein mich aufzumachen , und den Morgen zu begrüßen . Verschwunden war der böse Traum von Prozessen , Justizräten , Klein-Justheim und alles was mir Gram und Ärger bereitete , verschwunden , spurlos verschwunden . Ich sprang auf von meinem Lager , ich erinnerte mich , den Abend zuvor bei einigen Gläsern guten Weins über einen ähnlichen Prozeß mit Freunden gesprochen zu haben ; da war mir nun im Traume alles so erschienen , als hätte ich selbst den Prozeß gehabt , als wäre ich selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein-Justheimer Schöppen . Ich lächelte über mich selbst ! wie pries ich mich glücklich , in einem Lande zu wohnen , wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht vorkämen ; wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt , die ihr fremd sind , wo es keine Wackerbärte gibt , die einen solchen Fund für gute Prise erklären , das Recht zum Gliedermann machen und drauflos hantieren und drehen , ob es biege oder breche ; wo man Erzeugnisse des Geistes nicht als Ware handhabt , und Satire versteht und zu würdigen weiß , wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats noch auf irgend dergleichen Rücksicht nimmt . So dachte ich , pries mich glücklich und verlachte meinen komischen Prozeßtraum . Doch wie staunte ich , als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch ! Nein , es war keine Täuschung , da lag er ja , der Brief des Satans , wie ich ihn im Traum gelesen , da lag das Manuskript , das er mir im Briefe verheißen . Ich traute meinen Sinnen kaum , ich las , ich las wieder , und immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher . Doch ich konnte ja nicht anders , ich mußte seinen Wink befolgen , und seinen » Besuch in Frankfurt « dem zweiten Teile einverleiben . Ich gestehe , ich tat es ungern . Ich hatte schon zu diesem Teile alles geordnet , es fand sich darin eine Skizze , die nicht ohne Interesse zu lesen war , ich meine jene Szene , wie er mit Napoleon eine Nacht in einer Hütte von Malojaroslawez zubrachte , und wie von jenen Augenblicken an , so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im Leben jenes Mannes , dem selbst der Teufel Achtung zollen mußte , vielleicht - weil er ihm nicht beikommen konnte , doch - vielleicht ist es möglich , dieses merkwürdige Aktenstück dem Publikum an einem anderen Orte mitzuteilen . Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschäftigt , da wurde die Türe aufgerissen , und mein Freund Moritz stürzte ins Zimmer . » Weißt du schon ? « rief er . » Er hat ihn verloren . « » Wer ? was hat man verloren ? « » Nun , von was wir gestern sprachen , den Prozeß gegen Clauren meine ich , wegen des Mannes im Monde ! « » Wie ? ist es möglich ! « entgegnete ich , an meinen Traum denkend ; » unser Freund , der Kandidatus Bemperlein ? den Prozeß ? « » Du kannst dich drauf verlassen , soeben komme ich vom Museum , der Verleger sagte es mir , soeben wurde ihm das Urteil publiziert . « » Aber wie konnte dies doch geschehen ! Moritz ! war er etwa auch in Klein-Justheim anhängig ? « » Klein-Justheim ? Du fabelst , Freund ! « erwiderte der Freund , indem er besorgt meine Hand ergriff ; » was willst du nur mit Klein-Justheim , wo gibt es denn einen solchen Ort ? « » Ach « , sagte ich beschämt , » du hast recht ; ich dachte an - meinen Traum . « Der Fluch Novelle ( Fortsetzung ) Man kann sich denken , daß ich in Rom immer viele Geschäfte habe . Die heilige Stadt hatte immer einen Überfluß von Leuten , die in der ersten , zweiten oder dritten Abstufung mein waren . Man wird sich wundern , daß ich eine Klassifikation der guten Leute ( von anderen Sünder genannt ) mache ; aber , wer je mit der Erde zu tun hatte , hat den Menschen bald abgelernt , daß nur das Systematische mit Nutzen bei ihnen betrieben werden könne . Es ist dies besonders in Städten wie Rom , unumgänglich notwendig ; wo so vielerlei Nüanzen guter Leute vom roten Hut bis auf die Kapuze , vom Fürsten , der die Macht hat , Orden zu verleihen , bis auf den Armen , dem solche um dreißig Taler angeboten werden , sich vorfinden , da muß man Klassen haben . Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das negierende Prinzip vorgestellt , daher teilte ich meine guten Leute ein , in : I. Klasse , mit dem Prädikat » recht gut « , solche , die geradehin verneinen ; als da sind : Freigeister , Gottesleugner , etc. 2. Klasse , » gut « . Sie sagen mit einigem Umschweif nein ; gelten unter sich für Heiden , bei Vernünftigen für liberale Männer , bei der Menge für fromme Menschen . In dieser Klasse befinden sich viele Türken und Pfaffen . Die dritte Klasse mit dem Prädikat » mittelmäßig « , sind jene , die ihr » Nein « nur durch ein Kopfschütteln andeuten . Es sind jene , die sich selbst für eine Art von Gott halten , mögen sie nun Ablaß verkaufen , oder als evangelisch-mystisch-pietistische Seelen einen Seperatfrieden mit dem Himmel abschließen ; der letzteren gibt es übrigens in Rom wenige . Es läßt sich annehmen , daß das Innere dieses Systems , die verschiedenen Übergänge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich ändern . Geld , Sitten , der Zeitgeist üben hier einen großen Einfluß aus , und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle notwendig . Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom verweilte , war ich Zeuge folgender Szenen , die ich aufzuzeichnen nicht unterlassen will , weil sie vielleicht für manchen Leser meiner Memoiren von Interesse sein möchten . Ich ging eines Morgens unter den Säulengängen der Peterskirche spazieren , dachte nach über mein System und die Veränderungen , die ihm durch die Missionäre in Frankreich , und das Überhandnehmen der Jesuiten drohte , da stieß mir ein Gesicht auf , das schon in irgendeiner interessanten Beziehung zu mir gestanden sein mußte . Ich stand stille , ich betrachtete ihn von der Seite . Es war ein schlanker , schöner , junger Mann ; seine Züge trugen die Spuren von stillem Gram ; dem Auge , der Form des Gesichtes nach , war er kein Italiener - ein Deutscher , und jetzt fiel mir mit einem Male bei , daß ich ihn vor wenigen Monaten in Berlin , im Salon jener Dame gesehen hatte , die mir und dem Ewigen Juden einen ästhetischen Tee zu trinken gegeben hatte . Es war jener junge Mann , dessen anziehende Unterhaltung , dessen angenehme Persönlichkeit mir damals ein so großes Interesse eingeflößt hatten . Er war es , der uns damals eine Avantüre aus seinem Leben erzählt hatte , die ich für würdig fand , bei der Beschreibung jenes Abends mit aufzuzeichnen . Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige Stadt gezogen hatte ? Ob ihm , wie mir , der düstere Himmel seines Landes und die süße Langeweile der ästhetischen Tees im Hause seiner Tante so drückend wurde , daß er sich unter eine südlichere Zone flüchtete ? Ich beschloß seine Bekanntschaft zu erneuen , um über jenes interessante Begegnis , dessen Erzählung der Jude unterbrochen , um über ihn selbst , über seine Schicksale , etwas Näheres zu vernehmen . Er stand an einer Säule des Portals , den Blick fest auf die Türe gerichtet ; fromme Seelen , schöne Frauen , junge Mädchen strömten aus und ein , ich sah , er blieb gleichgültig , wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu interessieren . Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in der Türe ; war es die Form dieses Hutes , waren es die weißen wallenden Federn , war es die einfache Rose , aus welcher dieser Busch hervorwallte , was dem jungen Mann so reizend , so bekannt dünkte ? Noch konnte man weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen , aber seine Augen glänzten , ein Lächeln der erfüllten Hoffnung flog um seinen Mund , seine Wangen röteten sich , er richtete sich höher auf , und schaute unverwandt den Säulengang hin . Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die Nahende , jetzt bogen sie rechts ein , und ich sah ein holdes , süßes Wesen heranschweben . Wer , wie ich , erhaben über jede Leidenschaft , die den Sterblichen auf der Erde quält , die Dinge betrachtet wie sie sind , nicht wie sie euch Liebe oder Haß , oder eure tausend befangenen Vorurteile schildern , dem ist eine solche seltene Erscheinung ein Fest , denn es ist etwas Neues , Originelles . Ich gedachte unwillkürlich jener Worte des jungen Mannes , wie er uns den Eindruck beschrieb , den der Anblick jener Dame zum erstenmal auf ihn machte , mit welchem Entzücken er uns ihr Auge beschrieb ; - ich war keinen Augenblick im Zweifel , daß diese liebliche Erscheinung , die auf uns zukam , und jene rätselhafte Dame eine und dieselbe sei . Ein glühendes Rot hatte die Züge des Jünglings übergossen . Er hatte den Hut gezogen , es war , als schwebte ihm ein Morgengruß , oder eine freundliche Rede auf den Lippen , und überrascht von der stillen Größe des Mädchens sei er verstummt . Auch sie errötete , sie schlug die Augen auf , als er sich verbeugte , sie warf einen fragenden Blick auf ihn , hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an , als erwarte sie , von ihm angeredet zu werden ; er schwieg , sie eilte bewegt weiter . Der junge Mann sah ihr mit trüben Blicken nach , dann folgte er langsamen Schrittes ; oft blieb er , wie in Gedanken verloren , stehen . Ich ging ihm einige Straßen nach , er trat endlich in ein Kaffeehaus , wo sich die deutschen Künstler zu versammeln pflegen . Hatte schon früher dieser Mensch und seine Erzählung meine Teilnahme erregt , so war ich jetzt , da ich Zeuge eines flüchtigen , aber so bedeutungsvollen Zusammentreffens gewesen war , um so neugieriger , zu erfahren , in welchem Verhältnis der Berliner zu dieser Dame stehe ; daß es kein glückliches Verhältnis , kein gewöhnliches Liebesverständnis war , glaubte ich in ihren Mienen , in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu haben . Man wird sich erinnern , daß ich als hoffnungsvoller Zögling des Ewigen Juden , als Herr von Stobelberg die Bekanntschaft dieses Mannes machte . Daher trat ich in dieser Rolle in das Café . Der junge Herr saß in einem Fenster , und las in einem Brief . Ich wartete eine Weile , ob er wohl bald ausgelesen haben werde , um ihn dann anzureden , aber er las immer . Ich trat von der Seite hinter ihn , um nach dem Schluß dieses riesengroßen Briefes zu blicken - es waren wenige Zeilen von einer Frauenhand , die er , wie es schien , gedankenlos anstarrte . » Habe ich die Ehre , Herrn von S. vor mir zu sehen ? « fragte ich in deutscher Sprache , indem ich vor ihn trat . » Der bin ich « , antwortete er , indem er den düsteren Blick von dem Brief auf mich schlug , und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen des Hauptes erwiderte . » Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen ; und doch war ich so glücklich , einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu genießen , den vorzüglich Ihre Unterhaltung , Ihre interessanten Mitteilungen mir unvergeßlich machen . « » Im Hause meiner Tante ? « fragte er , aufmerksamer werdend . » Wie , war es nicht ein höchst ennuyanter Tee ? Waren nicht einige männliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen ? Ich erinnere mich , ich mußte etwas erzählen . Doch Ihr Name , mein Lieber , ist mir leider entfallen . « » Baron von Stobelberg ; ich reiste damals mit - « » Ah - mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister , jetzt erinnere ich mich ganz , er war so unglücklich , allen Damen , ohne es zu wollen , Sottisen zu sagen und überschnappte endlich , nämlich mit dem Stuhl ? « » So ist ' s ; wollten Sie erlauben , meinen Kaffee hier zu trinken ? Ich bin noch so fremd hier , ich kenne keine Seele . Sie sind wohl schon lange hier bekannt ? « Ein melancholisches Lächeln zog um seinen Mund . » O ja , bin schon lange hier bekannt « , antwortete er düster . » Ich war früher in Geschäften hier , jetzt zu - zu meiner Erholung . « » Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante , mein Hofmeister brachte mich damals um einen köstlichen Genuß . Sie erzählten uns ein kleines Abenteuer , das Sie mit einer Deutschen in Rom gehabt . Ihre Erzählung war auf dem Punkte , eine Wendung zu nehmen , die uns über vieles , namentlich über Ihre sonderbare Verwechslung mit einem Ebenbilde aufgeklärt hätte , da zerstörte mein Mentor durch seinen Fall meine schöne Hoffnung , ich war genötigt , mit ihm den Salon zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Möglichkeiten , Wahrscheinlichkeiten , wie es Ihnen möchte ergangen sein ? Ob Sie sich mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben ? Ob Sie auch ferner der schönen Luise sich nahen konnten , ob nicht endlich ein Liebesverhältnis zwischen Ihnen entstanden ? Kurz , ich kann Sie versichern , es peinigte mich tagelang , die tollsten Konjekturen erfand ich , aber nie wollten sie passen . « Der junge Mann war während meiner Reden nachdenklich geworden ; es schien etwas darin zu liegen , das ihm nicht ganz recht war ; vielleicht ahnete er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Avantüre , er blickte mich scharf an , aber er wich in seiner Antwort aus . » Ich erinnere mich « , sagte er , » daß wir damals alle bedauerten , Ihre Gesellschaft entbehren zu müssen . Sie waren uns allen wert geworden , und die Damen behaupteten , Sie haben etwas Eigenes , Anziehendes , das man nicht recht bezeichnen könne , Sie haben einen höchst pikanten Charakter . Nun , Sie werden in der Zeit diese Damen entschädigt haben ; wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante ? « Ich sah ihn staunend an ; » Ich hatte nie die Ehre , bei Ihrer Tante gesehen zu werden , als an jenem Abend . « Er entgegnete hierauf nichts , sprach vom Papst und dergleichen , kam aber immer wieder darauf zurück , mich durch eine Zwischenfrage nach Berlin , ins Haus seiner Tante zu verlocken . » Was wollen Sie nur immer wieder mit Berlin ? « fragte ich endlich , » ich war seit jenem Abend nicht mehr dort , und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England . Sehen Sie einmal in meinem Paß , welch ungeheure Tour ich in dieser Zeit gemacht habe ! « Er warf einen flüchtigen Blick hinein und errötete ; » Verzeihen Sie , Baron ! « rief er , indem er meine Hand ungestüm drückte ; » vergeben Sie , ich hielt Sie für einen Spion meiner Tante . - « » Ihrer Tante ? für einen Spion , den man Ihnen bis Rom nachschickt ? « » Ach , die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut . Ich halte mich etwa seit zwei Monaten wieder hier auf . Meine Verwandten toben , weil ich meinen Posten im Bureau des Ministers plötzlich und ohne Urlaub verlassen habe ; sie bestürmten mich mit Briefen , ich kam nicht ; sie wandten sich an die preußische Gesandtschaft hier ; sie fand aber nichts Verdächtiges an mir , und ließ mich ungestört meinen Weg gehen . Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund , ich solle auf meiner Hut sein , man werde einen Spion in meine Nähe senden , um alle meine Schritte zu bewachen . « » Ist ' s möglich ? und warum denn dies alles ? « » Ach , es ist eine dumme Geschichte , eine Anordnung meines verstorbenen Vaters legt mir Pflichten auf , die - ein andermal davon - die ich nicht erfüllen kann . Und Sie , lieber Stobelberg , hielt ich für den Spion . Vergeben Sie mir doch ? « » Unter zwei Bedingungen « , erwiderte ich ihm . » Einmal , daß Sie mir erlauben , Sie recht oft zu begleiten , um der Spion Ihres Spion zu sein . Halten Sie mich nicht für indiskret , es ist wahre Teilnahme für Sie , und der Wunsch , Ihnen nützlich zu werden . Sodann - teilen Sie mir , wenn es Ihnen anders möglich ist , den Schluß Ihres Abenteuers mit . « » Den Schluß ? « rief er und lachte bitter , » den Schluß ? ich wünschte , es schlösse sich , könnte es auch nur mit meinem Leben schließen . Doch kommen Sie , wir wollen unter jene Arkaden gehen . Die Künstler kommen um diese Zeit hieher , wir könnten nicht ungestört reden : wer weiß , ob man nicht einen von ihnen zu meinem Wächter ersehen hat . « Ich folgte Otto von S .... - so hieß der junge Mann - unter die Arkaden . Er legte seinen Arm in den meinigen , wir gingen eine Weile schweigend auf und ab ; er schien mehr nachdenklich als zerstreut . » Es ist etwas , was mir Vertrauen zu Ihnen einflößt « , hub er lächelnd an ; » ich habe über den Ausspruch jener Damen in Berlin nachgedacht und finde ihn , so komisch er mir damals vorkam , dennoch bestätigt . Es ist mir , in den paar Viertelstunden , die wir beisammen sind , als seien Sie ein Wesen , das ich längst kannte , als seien Sie schon jahrelang mein Freund . Und doch haben Sie nicht jenes Gutmütige , Ehrliche , was an den Deutschen sogleich auffällt , was bewirkt , daß man Ihnen gerne vertraut ; Sie haben für Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem Auge , und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug , der nicht immer das bestätigt , was Sie sagen wollten . Und dennoch fühle ich , daß mir der Zufall viel geschenkt hat , der Sie in jenes Haus führte , ich fühle auch , daß man Ihnen trauen kann , mein Lieber . « » Ich halte nichts auf Gesichter , und habe durch Erfahrung gelernt , daß sie nicht immer der Spiegel der Seele sind . Es freut mich übrigens , wenn etwas an mir ist , das Ihnen Vertrauen einflößt . Es ist vielleicht der rege Wunsch , Ihnen dienen zu können , was Ihnen einiges Vertrauen gibt ? « » Möglich ; doch ich bin Ihnen einige Aufschlüsse über mich und mein Abenteuer hier in Rom schuldig . Ich erzählte Ihnen wie ich mit Luise von Palden bekannt wurde - « » Erlauben Sie , nein ! diesen Namen höre ich zum erstenmal . Sie erzählten uns , daß Sie eine junge Dame in den Lamentationen der Sixtinischen Kapelle kennenlernten , die Ihre ganze Aufmerksamkeit erregte . Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt , Sie gefielen sich in diesem Quiproquo , und versetzten sich unwillkürlich so in die Stelle des Liebhabers , daß Sie das Mädchen sogar liebten - « » Und wie liebe ich sie ! « rief er bewegt . » Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom , der Zufall führte endlich das schöne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite . Es ist schon dunkel , sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden ; Sie , lieber Freund , benützen die Gelegenheit noch einmal , diesen Scherz , der Ihnen so angenehm ist , fortzuführen . Sie bringen die Dame auf eine Loge , um das Pferderennen anzusehen . Da erscheint auf einmal der rechte Liebhaber , und Sie - erblicken sich . Bis hieher hörte ich damals . Sie können sich denken , wie begierig ich bin , zu hören , wie es Ihnen erging . « » Ich gestehe « , fuhr Herr v. S. fort , » mir selbst fiel die Ähnlichkeit dieses Mannes mit meinen Zügen , meiner Gestalt , selbst meiner Kleidung überraschend auf . Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet , die damals alle junge Welt zwang , sich schwarz zu kleiden . Doch auch für die große Ähnlichkeit unserer Züge , so auffallend sie ist , hat man Beispiele . Sie erinnern sich vielleicht des Falles , der in Frankreich vorkam . Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen . Ihre Ähnlichkeit war so groß , daß man sie gewöhnlich miteinander verwechselte , der eine starb , der andere , ein armer Teufel , wußte sich seine Papiere zu verschaffen , reiste nach Frankreich zurück und lebte mit der Frau des Verstorbenen noch lange Jahre , bis der Betrug an den Tag kam.11 Der Herr und die Dame schienen nicht weniger überrascht als ich ; die letztere errötete , sie gedachte vielleicht jenes Kusses , und es wurde ihr wohl mit einemmal klar , daß es schon an jenem Abend nicht ihr Otto gewesen sei , gegen den sie sich so zärtlich bewiesen . Der Herr mit meinen Gesichtszügen fragte mich in etwas barschem Ton in schlechtem Französisch , wie ich dazu komme , diese Komödie zu spielen . Ich nahm , nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge , sondern im Gefühl , ein Unrecht , vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gut machen zu müssen , alle Artigkeit , die ich in der Welt gelernt hatte , zusammen , und bat die Dame , mir einen Scherz zu vergeben , zu dem sie mich selbst verleitet habe . Sie selbst ? rief bei diesen Worten jener Mann , und seine Züge verzogen sich immer mehr zum Zorn , sie selbst ? Es ist ein abgekartetes Spiel , ich sehe schon , ich bin der betrogene Teil . Doch ich will nicht stören- Er sagte dies vor Wut zitternd , indem er sich von seinem Platz entfernen wollte . Luise - o ich habe sie nie so süß , so wundervoll gesehen , wie in jenem Augenblicke ; sie schien mit aller Hingebung der Zärtlichkeit an diesem Manne zu hängen ; sie ergriff bebend seine Hand , sie rief ihn mit den liebevollsten Tönen ;