meine . Das Fräulein hier mag dann den Streit entscheiden , in schwierigen Fällen vertraue ich immer gern dem reinen Sinn der Frauen , die ohne viel zu grübeln recht gut wissen , was Recht , was Unrecht sei , weil sie es fühlen . Es war einmal , fieng Lothario jezt an , da alle schwiegen um ihn anzuhören , es war einmal ein junger Mann , gesund an Leib und Seele , dabei gut , verständig unterrichtet , durch das Geräusch der großen Welt nicht verwöhnt , und doch bekannt genug damit , um sich nicht wieder darnach zu sehnen . Genug , ein Mann , wie er sein muß , um den durch lange Vernachläßigung tief gesunknen Zustand ziemlich weitläuftiger Familiengüter wieder zu heben , die ihm als dem ältesten Sohn seines Vaters , nach dessen unlängst erfolgtem Ableben zugefallen waren . Der junge Majorats-Herr ward zwar bisher von Familienverhältnissen und mancherlei andern Rücksichten , abgehalten sich viel um sein Eigenthum zu bekümmern , doch endlich langt er , nach vieljähriger Abwesenheit und mannichfachen Reisen , ganz unvermuthet auf seinem ziemlich verfallnen Stammschlosse an , mit dem Vorsatz von nun an der Verbesserung des Zustandes seiner armen verwilderten Bauern , und seiner eigenen nicht weniger vernachläßigten Besitzungen , sich ausschließend zu weihen . Sehr überrascht durch dessen Gegenwart , trifft er dort seinen einzigen um mehrere Jahre jüngern Bruder an , den er wunderlicher Weise noch gar nicht kannte , und mit dem er bis jezt auch fast in keiner Verbindung gestanden hatte . Dieser junge eben mündig gewordne Mann hatte einzig deshalb seinen bisherigen Aufenthalt verlassen , um sich in seines ältern Bruders Arme zu werfen . Er war der Sohn einer zweiten Gemalin , des Vaters der beiden Brüder , von der sich dieser nach einer sehr kurzen unzufriednen Ehe getrennt hatte , und lebte von seiner frühesten Kindheit an in Rom , dem Geburtsorte seiner Mutter , wo er in einem Kloster in ihrer Nähe zum geistlichen Stande erzogen ward . Durch die Bemühungen eines sehr mächtigen Oheims mütterlicher Seite , der als Prälat vom ersten Range , und Liebling des heiligen Vaters , fast alles erreichen konnte , was er wollte , erhielt er indessen schon in seiner Kindheit , ganz gegen Gesetz und Regel , die Anwartschaft auf eine Komthurei des Maltheserordens , und war jezt im Begriff diese anzutreten und zugleich das Ordensgelübde abzulegen . Die Lage des jungen Herrn war also nichts weniger als beklagenswerth , indem er statt der Tonsur das Maltheserkreuz erhalten sollte , und eigentlich hätte er sich glücklich preisen können , aber unglücklicherweise war er verliebt , zum Sterben verliebt ! oder bildete sich vielleicht nur ein es zu sein . Ein wunderschönes zum Reichsein erzognes und dabei blutarmes Fräulein war die Dame seines Herzens , deren Eltern ihrer Schönheit wegen gewaltig hoch mit ihr hinaus wollten , so wie sie selbst auch , und mit der folglich an ein glückliches Hüttenleben gar nicht zu denken war . Ueberhaupt sollten Verliebte an dergleichen nie denken , wenn sie nicht von Jugend auf daran gewöhnt sind . Doch dies nebenher . Daß der junge Herr also lieber heurathen als Maltheser werden wollte , war wohl natürlich , und daß er seinem Bruder Tag und Nacht seine Liebesklagen vorjammerte , war es auch . Was thut nun der ältere Bruder ? statt dem jungen angehenden Ritter vernünftig zuzureden , läßt er sich durch die Pinseleien desselben so weichherzig machen , daß er gar nicht einmal recht untersucht , ob diese Liebe ächt und vernünftig sei . Er spielt lieber den Großmüthigen ; er tritt alle Rechte seiner Erstgeburt und mit diesen alle seine Besitzungen dem jüngern Bruder ab , um ihm dadurch sein Liebchen zu erkaufen , und nimmt an dessen Stelle das Maltheserkreuz und die Komthurei , wozu ihm des Jüngern geistlicher Oheim in Rom mit tausend Freuden behülflich ist ; freilich fand dieser , aus tausend Gründen , seine Rechnung dabei , wenn er auf diese Weise dem Sohn seiner Schwester zu den reichen Besitzungen verhalf . Die Welt nun nennt diese Handlung großmüthig , ich nenne sie nicht nur verrückt , sondern auch höchst ungerecht gegen sich und die armen Unterthanen , die von der Natur an den ältern Bruder gewiesen waren , um aus ihrem jetzigen unglückseeligen Zustand zu kommen . In seinem großmüthigen Paroxismus überantwortete dieser sie nun einem verliebten Knaben , dessen mönchische Erziehung ihn unfähig gemacht hat , für die armen Leute zu sorgen , und der sich vermuthlich eben so wenig um das bekümmern wird , was hier Noth ist , als seine Vorfahren es seit den lezten hundert Jahren gethan haben . Entscheiden Sie nun , mein Fräulein , ob meine Ansicht die rechte sei , sezte Lothario jezt mit einer Verbeugung gegen mich hinzu . Uebrigens habe ich die Geschichte nicht etwa ersonnen ; vor einigen Monaten wohnte ich als Zeuge der feierlichen Uebergabe der Güter bei . Vielleicht kennen sogar einige in der Gesellschaft den Großmuths-Helden . Er heißt Bernhard von Leuen , und hat sich wie ich höre auch hier eine Zeitlang aufgehalten . Um das Maaß seiner Thorheit voll zu machen , gieng er , da ich ihn verließ , nach Venedig , um sich von da nach Valetta einzuschiffen ; dort muß er jezt längst angelangt sein ; er war Willens , wenigstens einige Jahre in jenem Hauptsitz seines Ordens zu verweilen . Alle Anwesenden beinahe hatten Bernhard von Leuen gekannt , und der Antheil , den Lothario ' s Erzählung erregte , war so groß und stürmisch , daß die Streitfrage , welche dieselbe herbeigeführt hatte , zum Glück darüber nicht weiter zur Sprache kam . Wie dankte ich Gott , als ich nach dieser Scene mit mir und meinem Schmerz mich endlich ohne Zeugen befand ! Alles , woran ich seit Bernhard mich verließ unablässig gearbeitet hatte , das ganze aus Sehnsucht und Hoffnung künstlich zusammengesetzte Gebäude meiner Ruhe war nun mit einem Schlage zerstört . Mir war , als bräche erst jezt der Schmerz mit allen seinen vernichtenden Folgen gewaltsam auf mich ein , und ich war von neuem unglücklicher , als ich es je zuvor gewesen . Deutlich sah ich ein , wie nun jede Hoffnung möglicher Versöhnung , möglicher Vergütung meines Unrechts , sogar die des Wiedersehens , mir auf immer verloren sei . Ich schauderte vor mir selbst , als hätte ich ein Verbrechen begangen , denn ich war es ja , die jene unseelige Reise veranlaßte , auf der er den Bruder kennen lernte . Der Schmerz um mich hatte die schöne Klarheit seines Geistes zerstört , und ihn zu jenem raschen , vielleicht für das Glück seines Bruders nicht einmal nothwendigen Schritte getrieben , der ihn nun aus seinem Vaterlande verbannte , der seine ganze Zukunft umgestaltete , ihn seines Eigenthums beraubte , und ihn ohne Frieden und ohne Freude hinaus in die Irre sandte . O laßt mich nicht weiter davon sprechen , damit nicht der Geist jener quaalvollen Zeit von neuem über mich komme ! Laßt mich euch nicht vorrechnen , wie viele endlose Tage , Wochen , Jahre , einander folgten , ohne daß ein einziger Tag mir tröstlichere Kunde von ihm gebracht hätte ! Die Zeit vergieng unter dem Bemühen ruhig und glücklich zu scheinen , um meines Vaters willen . Der ehrwürdige Greis neigte sich immer tiefer dem Grabe zu , während meine schöne blühende Schwester immer liebenswürdiger sich entwickelte . Sein Blick ruhte oft mit dem Ausdruck tiefer Sorge auf dem holden Wesen , das in jugendlicher Freudigkeit ihn umflatterte , und wandte sich dann gleichsam bittend mir zu . Es schmerzte mich tief , aber ich durfte diese bittenden Blicke nicht verstehen . Denn wie wäre es mir möglich gewesen , unter den zum Theil sehr achtungswerthen Männern , die sich damals um meine Hand bewarben , einen zu wählen , während die Erinnerung an Bernhard , die Sorge um ihn , die Reue über eine nie wiederkehrende Vergangenheit , noch immer meine ganze Seele erfüllten ! Mein gütiger Vater schonte mich deshalb nicht minder , weil wir nie über diesen Gegenstand ein Wort mit einander gewechselt hatten ; er las deshalb nicht minder deutlich in meinem Herzen und erlaubte sich auch nicht die kleinste Andeutung seines Wunsches , mich vor seinem Tode an der Seite eines edlen Gatten versorgt , und dadurch auch die Zukunft meiner Schwester gesichert zu sehen . Nie kam ein hierauf Bezug habendes Wort über seine Lippen , aber auch ich wußte , was in seinem Gemüthe vorgieng , und die Quaal meines Daseins ward dadurch noch erhöht , daß ich nicht gewähren konnte , was er so innig zum Besten seiner Kinder wünschte . Die ganz unerwartet sich erklärende Neigung Deines Vaters , Vicktorine , zu meiner damals kaum funfzehnjährigen Schwester , machte wider alles Verhoffen unserer Sorge um das liebe Kind ein plötzliches fröhliches Ende . Kleeborn war der einzige Sohn eines der angesehensten Handelsherren der Stadt , welcher von jeher der treueste geliebteste Freund meines Vaters gewesen war . Er hatte so eben die sogenannte große Tour durch beinahe ganz Europa zurückgelegt , welche man damals zur Vollendung der Erziehung eines jungen Mannes seiner Art für unentbehrlich hielt , und er kehrte jezt heim , um eine Gattin zu wählen und sich dann in seinem Geburtsorte häuslich niederzulassen . Meiner sehr schönen Schwester fröhliches einfaches Wesen zog auch ihn an , wie jeden , der sie sah , und bestimmte ihn vielleicht um so mehr in seiner Wahl , da seine Bekanntschaft mit den Damen des Auslandes wahrscheinlich von der Art gewesen war , daß er den Werth einer solchen Gefährtin des Lebens durch den Kontrast mit jenen um so höher zu schätzen gelernt hatte . Karolinens bis jezt ganz frei gebliebenes Herz war stets bereit , Liebe um Liebe zu geben . Sie war noch bei weitem zu jung , um das Wichtige des Schrittes , den sie zu thun aufgefordert ward , in seinem ganzen Umfange zu fühlen , und so gab sie ohne Widerstreben sogar fröhlich ihr Jawort zu dieser Verbindung , da sie sah , welche Freude sie dadurch ihrem Vater bereitete . Diesem sowohl als dem alten Kleeborn war die Aussicht , das Band der zwischen beiden so lange bestandenen Freundschaft durch die Verbindung ihrer Kinder noch enger knüpfen zu können , zu erwünscht , als daß irgend ein auf Geburt oder Vermögen Bezug habendes Vorurtheil bei einem von beiden hätten zur Sprache kommen können . Beide führten voll der freudigsten Aussichten auf eine glückliche Zukunft die Verlobten sobald als möglich am Altar einander zu . Die Augen meines Vaters strahlten während der feierlichen Handlung in ungewohntem Glanz ; seine ganze Gestalt glich der eines seeligen Verklärten ; ach nur zu bald sollte er wirklich zu ihnen gezählt werden und in das Land einziehen , wo die Sorgen verstummen und keine Thränen mehr sind ! Wir alle weinten drei Tage später an seinem Sarge . Schonend und freundlich hatte der milde Genius des Todes die Fackel umgekehrt , und den geliebten Greis schmerzlos im ruhigen Schlummer seiner Vollendung zugeführt . Ich eilte vom Grabe des Vaters in die mir im Schmerz so lieb gewordene Einsamkeit meines Stiftes zurück , wo das schwache Lebenslicht meiner edlen Freundin , noch immer kämpfend mit dem völligen Erlöschen , trübe und schwankend fortbrannte . Ich wollte nicht mit meinem Gram zwischen dem neuvermählten Paar und dem fröhlich leuchtenden Glücksstern ihrer jugendlichen Liebe verdüsternd eintreten , und war auch überdem der Ruhe höchst bedürftig . Ohne daß man mich im eigentlichsten Sinne krank nennen konnte , ward doch das leise Hinsinken meiner durch den Schmerz um meinen Vater noch mehr untergrabenen körperlichen Kräfte jezt so sichtbar , daß selbst unser Arzt eine einfachere Lebensweise in ländlicher Ruhe auf das Dringendste anempfehlen zu müssen glaubte . Aeußern Frieden fand ich in meiner stillen Wohnung , auch frommen wohlgemeinten Trost an der Seite meiner jezt fast ganz verklärten Freundin . Doch der Schmerz , dem ich nirgend entfliehen konnte , wohnte in meinem Herzen und nagte leise und heimlich an meinem Leben . Einige Wochen nach meiner Ankunft saß ich in früher Morgenstunde allein mit mir selbst , versunken in schmerzlichem Nachdenken , aus welchem Rebecke , meine alte Wärterin , durch die ihr ungewohnte Hast , mit welcher sie die Thüre aufriß , mich aufschreckte . Die treue Seele hieng mit mütterlicher Liebe an mir sowohl als an meiner Schwester , weil sie von unserer Geburt an uns gewartet und gepflegt hatte . Deshalb hatte sie auch , ungeachtet ihres weit vorgerückten Alters , es sich nicht nehmen lassen , mich in meine Einsamkeit zu begleiten , weil ich , wie sie behauptete , wieder gepflegt werden müsse , und niemand das besser verstünde als sie . Fräulein Annettchen , rief sie jezt ganz athemlos , denn so nannte sie mich noch immer von meiner Kindheit her , Fräulein Annettchen , wen denken Sie , daß ich eben gesprochen habe , er gieng im Klostergarten spazieren . Herr von Leuen ! Er kannte mich gleich wieder , und hatte eine Freude ! er hat mich recht über Sie und Ihr Befinden ausgefragt , ich mußte Ihre Fenster ihm zeigen . Die wilde Rebe mit den schönen rothen Blättern hat ihm recht gefallen , er hat sie in eins weg betrachtet und gelobt . Guter Gott ! wie vermöchte ich das Gefühl Euch zu schildern , mit dem ich gleich einer aus bangem Todesschlaf Erwachenden diese Botschaft vernahm ! Ich drückte die gute Alte an meine Brust , ich lachte und weinte in beinahe wahnsinniger Freude . Ich kniete hin und dankte Gott mit lauter Stimme , daß Bernhard noch mein gedenke . Dann versank ich aufs neue in tödtliche Sorge , und ermahnte die gute Rebecke , sich doch ja recht zu bedenken , ob sie sich nicht in der Person geirrt haben könne . Ich ließ aufs genaueste mir beschreiben wie er aussah ; ich fragte hundertmal , ob er auch gewiß kommen werde ; ich konnte es mir noch immer nicht denken , daß er da sei , meinetwegen da sei , daß ich ihn wiedersehen solle . Rebecke war unermüdlich in Wiederholung des mir schon tausendmal Gesagten . Nie , nie habe ich seitdem die treue wieder von mir gelassen ; dankbar habe ich kindlich sie Jahre lang gepflegt , bis sie lebensmüde in einem sehr hohen Alter in meinen Armen entschlief . Stets dachte ich daran , daß sie es war , die zuerst mir sagte , Bernhard von Leuen ist wieder da . Nach wenigen Stunden kam er selbst . Ich sah ihn wirklich wieder . Lieben Kinder , ich bin sehr alt und viele viele Jahre liegen zwischen dieser Stunde und jenem Augenblick ; doch wenn ich seiner gedenke , so ist mir noch als lege sich mein ergrautes Haar wieder in hellschimmernden Locken um meine Stirn , als berühre mich ein Lebensstrahl von dort oben , und gebe meine Jugend mir wieder . Wie schön stand ihm die Freude , mich so blühend wieder zu finden , denn in diesem seeligen Moment lieh das Entzücken meiner sonst verfallnen Gestalt aufs neue den Anschein der Gesundheit und färbte meine bleichen Wangen mit ihrem rosigen Schein . Bernhard sagte mir , er habe in meiner Vaterstadt vernommen , daß ich an einer wahrscheinlich unheilbaren Auszehrung leide ; er gestand mir , daß er die Sorge um mich nicht länger habe tragen können , daß er einzig gekommen sei , mich zu sehen , wäre es auch nur aus der Ferne . Alles dieses sagte er mir abgebrochen in möglichst kurzen Worten , seine Seele war in seinen Augen . Wir beide sprachen überhaupt nur wenig bei dieser ersten Zusammenkunft , wir konnten nicht reden , wir konnten nichts als uns freuen , uns beiden war in diesem Moment als sei nie eine betrübende Vergangenheit da gewesen . Am folgenden Morgen kam er wieder , doch neue Zweifel schienen in ihm erwacht , denn trübe und verschlossen stand er vor mir . Ich ertrug diese Veränderung in seinem Betragen mit Gelassenheit und stiller Ergebung , denn ich wußte , ich hatte dies verdient , ich hatte muthwillig sein Zutrauen verscherzt . Doch ich blieb mir gleich , ich dachte und wollte nichts , als offen und unverstellt , ohne List und ohne Hinterhalt mich ihm zeigen wie ich war , so viel ich dies konnte , ohne der Würde meines Geschlechts etwas zu vergeben , und dadurch seine Achtung aufs neue , wenn gleich auf andre Weise , zu verscherzen . Am dritten Tage kam er um Abschied zu nehmen . Ich führte ihn zur Pröbstin , die durch ungewöhnliches Leiden entkräftet nicht im Stande gewesen war , ihn früher zu sehen . Auch jezt fühlte sie sich noch sehr unwohl , und nur meine dringenden Bitten hatten sie vermocht , meinen Freund bei sich zu empfangen . Mir lag unendlich viel daran , mir auf diese Weise wenigstens den Trost zu erwerben , zuweilen , wenn er nun ganz von mir geschieden sein würde , seinen Namen nennen , von ihm reden zu hören , wäre es auch im gleichgültigsten Ton ; ach und ganz gleichgültig konnte niemand von ihm sprechen , der ihn kannte , das wußte ich wohl . Ein unerwartetes Geschäft , welches die Pröbstin , krank wie sie war , nicht selbst berichtigen konnte , und das sie mir deshalb auftrug , zwang mich fast in derselben Minute , ihr Zimmer wieder zu verlassen , in welcher ich Bernhard bei ihr einführte . Es hielt beinah eine Stunde lang mich fest , bei meiner Zurückkunft fand ich Bernhard wider mein Erwarten noch bei meiner Freundin , doch sein ganzes Wesen erschien mir auffallend anders als zuvor . Eine ihm sonst fremde Hastigkeit in seinen Bewegungen , das ungewohnte Feuer seiner Augen , der mir nur zu wohl bekannte Zug schmerzlicher Rührung um seine Lippen , alles sagte mir , daß etwas Ungewöhnliches in ihm vorgegangen sein müsse , seit ich das Zimmer verließ . Die Pröbstin lag zwar bleich und erschöpft auf ihrem Ruhebette , aber sie lächelte wie eine Seelige mir entgegen , indem sie mich zu sich winkte , mit leiser Stimme mich bat , den Herrn von Leuen fortzuführen , und sie deshalb mit ihrer krankhaften Schwäche bei ihm zu entschuldigen . Bernhard folgte mir mit auffallender Eile , da ich ihm zum Fortgehen winkte . Sein Arm zitterte , indem er mich die Treppe hinab führte , er war augenscheinlich in heftiger innerer Bewegung , doch ob in einer schmerzlichen oder freudigen , konnte ich noch immer nicht entscheiden . Kaum war ich mit ihm in meinem Zimmer allein , als der so lange in seiner Brust mühsam verhaltne Sturm losbrach . Anna , theure wiedergefundne Anna ! rief er , und betrachtete mich , wie man ein lange schmerzlich vermißtes Kleinod betrachtet , mit zusammengeschlagnen Händen und mit Augen , aus denen das reinste Entzücken leuchtete . Ja , Sie sind es , fuhr er mit tief bewegter Stimme fort , Sie sind , was sie immer waren , edel und rein und gut wie ein Engel des Himmels . Ohne zu wissen , was sie that , hat Ihre Freundin den Schleier zerrissen , der Sie so lange mir verhüllte , indem sie mit alle der dankbaren innigen Liebe von Ihnen sprach , die sie mit so hohem Rechte für Sie empfindet . Anna , ich kenne jezt Ihr ganzes engelreines Leben , von dem Augenblick an , da ich Unseeliger aus Ihrer Nähe entfloh . Ich kann fast sagen , ich weiß wie Sie jede Viertelstunde jener langen , langen Zeit zugebracht haben . Was Ihr erstes Wiedersehen in diesen Tagen mich ahnen ließ , wogegen ich Verblendeter so lange mich sträubte , alles das ist in dieser Stunde zur klarsten Gewißheit mir geworden und ich bin zugleich der Seeligste und Unseeligste auf Erden ! Lieben Kinder , was soll ich euch noch viel von dem Gespräch zweier in Wonne und Schmerz Verlorner erzählen . Bernhard bekannte mir wie er mit tief verwundetem Gemüth , ohne Plan , unfähig sogar einen zu ergreifen , auf seinem Schlosse angelangt sei , wo er seinen Bruder ringend mit wilder Verzweifelung antraf . Alles was Lothario grell und widerwärtig dargestellt hatte , sah ich jezt durch tausend Umstände gemildert , im schönen Licht der edelsten Aufopferung , durch die er einem liebenden Paar das Glück , das ihm selbst auf ewig hoffnungslos aus seinem Leben gerissen schien , erkaufen wollte . In Maltha konnte ich nicht länger weilen , sprach er zu mir , eine nicht zu bekämpfende Sehnsucht , ähnlich dem Heimweh der Schweitzer , hatte mich ergriffen . Ich mußte wieder fort , ich vermochte es nicht , dieses Dasein , in welchem kein Ton aus Ihrem Leben mein Ohr erreichte , länger zu ertragen . Ich nahm Urlaub und ging nach Deutschland zurück , um mir nur die Gewißheit zu verschaffen , daß Sie lebten , daß Sie glücklich wären . So meinte ich es wenigstens , doch als ich nun wieder mit Ihnen dieselbe Luft athmete , genügte mir dieses nicht mehr ; ich mußte Sie auch sehen . Anna , wie habe ich Sie wieder gefunden ! wie so ganz gleich dem , was Sie in meinen glücklichsten Träumen immer waren ! Leider war auch das Entzücken des gegenwärtigen Augenblicks nichts weiter , als ein flüchtiger Traum von Seeligkeit des Himmels , der nur zu früh der herben Wirklichkeit weichen mußte ; denn so wie der erste freudige Rausch nachlies , kam auch die Ahnung über uns , daß wir uns nur gefunden hätten um uns wieder zu verlieren , daß nichts uns bleiben könne , als der feste Glauben , einander stets werth gewesen zu sein und es von neuem ewig zu bleiben . Meine Liebe hatte mein Herz groß gemacht und meinen Muth erhöht , ich vermochte es über mich , dem Geliebten alles zu gestehen und jedes Unrecht ihm abzubitten . Mein ganzes Herz , alle Tiefen meines Gemüths enthüllte ich seinem liebenden Blick . Auch er klagte sich an , und ich genoß die Seeligkeit ihm ebenfalls vergeben zu können , wie er mir vergab . Als wir gelassner wurden , suchten wir unsre Zukunft und unsre jetzige Lage so klar als möglich zu überschauen , um zu entdecken ob nirgend Rettung für uns sei , ob denn auch gewiß jede Hoffnung verloren wäre das einmal verscherzte Glück uns wieder zu gewinnen ; doch ach ! wir mußten , wenn gleich mit tiefem Schmerz , einander gestehen daß wir beide , jeder auf seine Weise , alle Möglichkeit einer nähern Verbindung auf immer von uns gewiesen hatten . Bernhard war katholisch , ich hatte dies früher nicht gewußt , obgleich er nie ein Geheimniß daraus machte ; denn in meiner damaligen gränzenlosen Gleichgültigkeit gegen alles was auf Religion Bezug hatte , hielt ich es nie der Mühe werth , mich um dergleichen zu bekümmern . Als Katholik hatte sich Bernhard lebenslänglich dem ehelosen Stande geweiht , indem er das Maltheser Kreuz annahm . Zwar konnte der Pabst sein Ordensgelübde lösen , und es wäre vielleicht nicht schwer geworden diese Gunst von ihm zu erhalten , doch dann verlor Bernhard auch die Einkünfte seiner Komthurey und war , bis auf eine nicht sehr bedeutende Leibrente , die er sich vorbehalten hatte , ganz arm . Sein Bruder , dem er alles übrige was er einst besaß , abgetreten , war selbst beim besten Willen nicht fähig , ihm Beistand zu gewähren , denn bei der verschwenderischen Lebensweise zu der seine junge , an Pracht und Wohlleben gewöhnte Gemalin ihn verführte , war er selbst oft in Verlegenheit und genöthigt Schulden zu machen , indem er die Einkünfte seiner ohnehin sehr gesunknen Besitzungen auf Jahre hinaus verpfändete . Mich , die protestantische Stiftsdame , band zwar kein Gelübde , aber auch mir hatte mein Vater wenig hinterlassen , obgleich die Einkünfte meines kleinen Kapitals , verbunden mit denen meiner Präbende , für mich hinreichend waren um anständig davon leben zu können . Bernhard schauderte vor dem Gedanken , an seiner Hand mich , die Heißgeliebte , vielleicht in einen bodenlosen Abgrund von Sorgen und Mangel hinabzuziehen , und so blieb uns denn nichts übrig , als Entsagung . Mein Freund war darüber der Verzweiflung nahe , denn er betrachtete unser trauriges Loos als die Folge einer sonst ganz gegen seinen Karakter streitenden Uebereilung , zu der sein damals von allen Seiten schmerzlich bestürmtes Gefühl ihn hingerissen hatte , und die traurige Gewißheit , daß sein Bruder an der Seite der so theuer erkauften Gattin das gehoffte Glück bei weitem nicht gefunden habe , raubte ihm vollends jeden Trost . Doch ich , die ich einen weit herbern Schmerz gekannt , ich war beglückt , wenn gleich unter Thränen . Ich wandte alles an , um auch meinem Freunde die wehmüthige Ruhe mitzutheilen , die seit dieser unvergeßlichen Stunde mich nie wieder ganz verlassen hat ; doch leider widerstand sein Kummer lange Zeit allen meinen Bitten und Vorstellungen . Bernhard , sprach ich zu ihm , glauben Sie mir , von heute an trage ich nicht nur resignirt , sondern auch mit stiller Freude diese Strafe meines früheren Leichtsinns . Von nun an ist mein ganzes Leben einzig dem beseeligenden Bewustsein geweiht , Ihnen anzugehören , und wie auch unser Schicksal sich wenden mag , und wenn wir auch nie wieder wie heute neben einander stehen , wenn ich nach der schmerzlichen Trennung , die uns so nahe bevorsteht , auch nie wieder die geliebte Gestalt meines Freundes wiedersehen soll , so bin und bleibe ich doch in unwandelbarer Treue Ihnen zu eigen und werde nie eines andern sein . Denn wir sind eins auf ewig , und das Gelübde das Sie bindet , fesselt auch mich . Bernhard erschrack auf das Heftigste , da er diesen Entschluß von mir vernahm ; beinahe kniend flehte er mich an , davon abzustehen . Sie wissen nicht Anna , rief er , Sie wissen nicht zu welchem Opfer Ihr Edelmuth Sie verleiten will . Noch blüht Ihnen das Leben und die nie wiederkehrende Jugend , o verschleudern Sie nicht beide um eines Unglücklichen willen , der gestraft werden muß , weil er an Sie nicht glauben wollte und im blinden Wahn sich selbst Fesseln schmiedete , die er jezt nicht mehr zerreißen darf . Theure Anna , denken Sie von heute an ich sei gestorben , tragen Sie mein Andenken wie das eines einst geliebten Todten in Ihrem reinen treuen Gemüth , erinnern Sie sich meiner mit stiller Wehmuth wenn Sie glücklich sind , mehr darf und kann ich nicht wollen , aber versprechen Sie mir wenigstens , das Glück um meinetwillen nicht von sich zu stoßen , wenn es in einer Ihrer würdigen Gestalt sich Ihnen naht , und das wird es gewiß und bald . Ich bin ja der Welt und dem Glück schon abgestorben , ich bin ja eigentlich nichts weiter mehr als der Leichenstein dessen , was ich einst war . Sein inniges Flehen , die Thräne die sein schönes Auge umdunkelte , rührten mich tief in der Seele , weil er es war der so bat , nicht weil die Gründe die er anführte meinen Vorsatz erschüttert hätten . Ich weinte mit ihm , aber ich blieb fest auf meinem Sinn . Und so schieden wir wieder noch am nämlichen Abende von einander , auf lange , lange Zeit . Denn Bernhards Rückkehr nach Maltha stand unabänderlich fest . Ich blieb wieder einsam zurück , doch wie ganz anders war alles gegen ehedem . Bernhards Briefe , obgleich die weite Entfernung sie selten genug machte , wurden von nun an das eigentliche Element meines Lebens , meine ganze Existenz drehte sich einzig um ihren Empfang und um die Freude sie zu beantworten . Jeder neue Jahrestag , den wir so weit von einander entfernt erlebten , fand uns fester verbunden , denn unser ganzes Dasein verzweigte sich , durch die schriftliche Mittheilung aller unsrer innern und äußern Begebnisse auf das wunderbarste in einander , und wenn je zwei Menschen eins genannt zu werden verdienten , so waren wir es . Zuweilen trennte ich mich auf einige Monate von der mir so lieb gewordnen Einsamkeit , um meine im Gewühl der Welt lebende Schwester zu besuchen , doch immer kehrte ich voll heißer Sehnsucht zu ihr wieder zurück , sobald ich dies nur konnte ohne Karolinen wehe zu thun . Wenn ich dann bei meiner Heimkehr die alten Thürme meiner klösterlichen Wohnung wieder von Ferne erblickte , so klopfte mir das Herz in ungestümer Freude , beinahe als wäre ich gewiß , ihn dort wieder zu finden , für den und in dem ich einzig noch lebte ; denn ich kannte keine Freude als die Beschäftigung mit ihm , der ich mich nirgend so ungestört ergeben konnte . Die Welt vergaß mich allmählig wie sie alles bald vergißt , und so führte ich ein paar Jahre hindurch ein ernstes ruhiges , ich könnte sogar sagen , ein glückliches Leben , von wenigen gekannt , von keinem beneidet . In wilden Kämpfen wogte indessen die Welt . Die französische Revolution war ausgebrochen , und alles , alles , sowohl im Reich der Ideen als der Wirklichkeit , näherte sich einer furchtbar gewaltsamen Umwälzung , welcher nur wenige sich ganz zu entziehen vermochten . Auch mein Freund hielt es nicht länger aus , dem allen nur aus der Ferne zuzusehen , er konnte das ruhige stille Leben nicht weiter fortführen , das bei dem gewaltigen Treiben im übrigen Theil von Europa , ihm wie Unthätigkeit vorkam , und er wandte alles an , um sich wenigstens auf einige Zeit davon loszumachen . Er