erwartet , gab also meinem Ekel vor dem , was ich fand , nicht nach , sondern strengte alle meine Kräfte an , die auf mich eindringenden unangenehmen Empfindungen zu ertragen . Die Gesellschaft meiner Gefährten in ihren bedrängten Umständen , das Schwanken des Schiffs , das Geschrei der Seeleute , das Klappern des Tauwerks , das donnernde Anprallen der Wellen an die Schiffswände - und endlich , wie der Wind wirklich zum Sturm anwuchs , das Geschrei und Arbeiten an der Pumpe , die ein entstandenes Loch unaufhörlich in Bewegung zu halten erforderte - das alles waren Umstände , deren Zusammentreffen eine geübtere Reisende wie mich hätte angreifen können . Die Reisenden , mit der Seefahrt unbekannt , hielten das mäßige Unwetter für einen weltzertrümmernden Orkan und drückten ihre Todesfurcht mit mehr oder weniger Heftigkeit aus ; ich konnte unsere Gefahr nicht beurtheilen , empfand aber mein körperliches Leiden so schwer , hatte im Leben so wenig Vortheil zu hoffen , daß mir der Tod wahrscheinlich und willkommen schien . Ich suchte nur meinen Geist zu bekräftigen , damit der entscheidende Moment mich gerüstet finden möchte . Doch der Sturm legte sich , an Schiffsuntergang war nicht zu denken , aber unser Fahrzeug war so stark beschädigt , daß wir die holländische Küste , wohin uns der widrige Wind getrieben hatte , willkommen heißen mußten und , des Hafens froh , in Rotterdam ans Land gingen . Gänzlich unbekannt mit den Mitteln wie mit der Nothwendigkeit hauszuhalten , nahm ich ein Zimmer in einem anständigen Wirthshaus , wo ich sehr eingezogen und mit sehr ernsten Betrachtungen beschäftigt die acht Tage zubrachte , welche unser Fahrzeug zu seiner Ausbesserung bedurfte . Wie es zur Abreise kam , war ich höchlich betroffen , durch die Bezahlung meiner Rechnung die ganze mir übrige Baarschaft bis auf zehn Guineen vermindert zu sehen . Dennoch faßte ich Muth . Meine Reise bis Edinburg forderte wenig Kosten mehr , und dort konnte ich mich in Mistriß Murray ' s Haus bis zum Ablauf des ersten Quartals aller Ausgaben enthalten . Der erste Theil dieser Aussicht ging in Erfüllung . Unsre Ueberfahrt von der holländischen Küste nach Edinburg war angenehm und so schnell , daß ich schon nach vierzehn Tagen in dem Hafen einen Miethwagen bestieg , der mich nach Edinburg führte . Ich war über den nun zunächst mir bevorstehenden Augenblick in einer solchen Spannung , daß ich die romantische Lage der Stadt , die Schönheit ihrer Straßen gar nicht bemerkte , sondern zwischen dem innigsten Gebet zu Gott , den Antritt meines neuen Berufs zu segnen , und den Bildern , welche sich meine Einbildungskraft von meiner bevorstehenden Lage machte , getheilt war . Ich malte mir Mistriß Murray ' s Bild bis auf ihre Kleidung , ihre erste Verbeugung aus . O möchte sie nur in ferner Aehnlichkeit , nur im letzten Nachklang Miß Mortimer gleichen ! seufzte ich aus beklommner Brust . Aber Herr Maitland hatte mir oft seine Landsmänninnen als groß , kräftig , rasch gemalt - das Bild glich Miß Mortimer nicht , und mir schien es recht fürchterlich , eine solche hohe , strenge , knochenstarke Frau zu erblicken . Indeß rollte mein Wagen durch die bei später Tageszeit stillen , menschenleeren Straßen , mir ward immer bänger , bis er endlich an einem schönen , aber ganz unerleuchteten Hause stille hielt . Ich schellte , und athemlos wartete ich , bis die Thüre sich öffnete , so daß ich den Diener kaum verständlich fragte : ob Miß Murray zu Hause sey . - Nein , Ihre Gnaden , sie ist seit vierzehn Tagen verreist . - Großer Gott ! verreist ? wohin ? - Nach Portsmouth . Sobald die Nachricht kam , daß der Capitain verwundet dort ans Land gestiegen sey , reiste Mistriß Murray mit ihrer Tochter dahin ab . - Und ließ sie keine Briefe für mich zurück ? - Des Bedienten Antwort überzeugte mich , daß kein Mensch meine Ankunft erwartet hatte , ich übersah nun die Folgen meiner übereilten Abreise und sank halb ohnmächtig vor Schrecken in den Wagen zurück . - Steigen Sie hier aus , Ihre Gnaden ? fragte jetzt der Kutscher . Nein , rief ich , ohne zu wissen , was nun weiter zu thun möglich sey . - Wohin soll ich Sie denn führen ? fragte Jener wieder . - Ich antwortete mit einem Thränenstrom , denn ich wußte keine Thür , die sich mir öffnen , wo Jugend und Armuth Schutz finden könnte . Der Bediente schien von meiner Betrübniß gerührt ; vielleicht , sagte er , hat Mistriß Murray meinem jungen Herrn Aufträge an Sie zurückgelassen . - Ist der Sohn des Capitains zurückgeblieben ? - Ja , Ihre Gnaden , er blieb , um seine Collegien auszuhören . Er ist jetzt nicht zu Hause , muß aber sogleich heimkommen . Belieben Sie einzutreten und sich auszuruhen ! - Mir schien es am besten , diese Einladung anzunehmen , ich zahlte den Kutscher aus und folgte dem Diener ins Haus . Er führte mich in einen artigen Salon , wo ein erfreuliches Steinkohlenfeuer Helle genug gab , um den Aufputz des Zimmers zu erkennen . Zierliches Geräth , Bücher auf allen Tischen , eine schöne Harfe , Mappen mit Zeichnungen bewiesen mir das Streben nach Bildung in dessen Bewohnern . Mein zerschlagner Muth hob sich von neuem , ich untersuchte die Bücher - es waren meistens juristische Werke , daneben ein sehr zerlesenes Exemplar der neuen Heloise , ein Tibull - jetzt fiel mir ein großer Stricksack , der am Sopha hing , in die Augen , er mochte wohl ein halbes Dutzend paar Strümpfe enthalten , sie guckten obenheraus , und mit ihnen ein Gebetbuch . Die Mappen verriethen die beginnende Kunstfertigkeit der jungen Miß - ungeheure Blumensträuße in winzigen Körben , Landschaften mit Schweizerhütten - und überm Kamin ihr Gemälde , in der Stellung , den Horopipe zu tanzen . Ich betrachtete das alles mit sehr getheilter Aufmerksamkeit , weil ich von einem Augenblick zum andern den Eintritt Herrn Henry ' s erwartete . Endlich hörte ich einen raschen Schritt unter den Fenstern vorbeigehen ; ein Liedchen ward geträllert , und ein nachdrückliches Pochen verkündigte den Herrn vom Hause . Die Angst schärfte mein Gehör ; ich vernahm , oder glaubte zu vernehmen , daß der Bediente meine Ankunft meldete , einige schnell auf einander folgende Fragen schienen mir Neugier ohne Verlegenheit zu beweisen , und darauf eilte der Fragende auf den Salon zu . Bei seinem Eintritt ins Haus war ich aufgesprungen , dann war mirs eingefallen , daß ich linkisch aussehen müßte , ließ ich mich stehend finden , also setzte ich mich wieder , mein Herz schlug hörbar , und es bedurfte der mir erst so spät erworbenen Herrschaft über meine äußern Bewegungen , um bei Herrn Henry ' s Eintritt mit Fassung zu erscheinen . Wahrscheinlich hatte die Abenteuerlichkeit meiner Ankunft im Hause , welche der Bediente dem jungen Menschen berichtet haben mochte , ihm eine kurzweilige Bekanntschaft versprochen , sein Eintritt hatte wenigstens etwas Unachtsames , das bei meiner Annäherung einem Ausdruck von Erstaunen und ehrerbietiger Höflichkeit Platz machte . Er bestätigte die Aussage des Bedienten : Mistriß Murray hatte gar nicht daran gedacht , daß ich mich , bevor eine nähere Verabredung stattgefunden , auf den Weg machen könnte , und hatte deshalb nicht die geringsten Anstalten zu meinem Empfange getroffen . Der junge Mann , der bei ziemlich regelmäßigen Zügen schöne , große , schwärmerische Augen besaß und keineswegs , wie ich ihn mir vorgestellt , ein tölpischer Schulknabe , sondern ein schlanker , zierlicher Jüngling von achtzehn bis neunzehn Jahren war , suchte mich zu überzeugen , daß nichts natürlicher sey , als seiner Mutter Rückkehr in ihrem Hause ruhig abzuwarten . So ehrerbietig die Art war , mit welcher er mir diesen Vorschlag that , lehnte ich ihn dennoch bestimmt ab , bat um die Adresse seiner Mutter , um ihr meine Ankunft zu melden und um ihre Befehle zu bitten , und forderte einen Miethwagen , um noch heute Abend ein anständiges Unterkommen zu suchen . Rücksichtlich des Erstern sagte er mir , daß die Post in dieser halben Stunde noch abgehe ; einen langen Brief zu schreiben , sey daher unmöglich , er wolle dem seinen , der zum Siegeln bereit liege , die Nachricht von meiner Ankunft und meiner Verlegenheit noch hinzusetzen . Was aber meine Absicht , heute Abend noch ein Unterkommen zu suchen , beträfe , so wäre sie grausam gegen mich , gegen seine Mutter und gegen ihn selbst . » Wodurch « , sagte er mit dringend bittendem Ton , » hat meine Mutter verschuldet , daß Sie eine rücksichtslose Unfreundlichkeit in ihr voraussetzen ? Wodurch zog ich mir die Weigerung zu , einen Abend nur meine Gesellschaft zu dulden ? Und endlich - und vor allem : wie können Sie wagen in später Nacht ( es hatte wirklich zehn Uhr geschlagen ) in einer unbekannten großen Stadt auf Geradewohl ein Unterkommen zu suchen ? « - Wahrlich dieser Erinnerung bedurfte es nicht , um mir meine grausame Lage fühlbar zu machen ! Ich hatte mit äußerster Anstrengung bei dieser Erörterung einen gefaßten Ton zu erhalten gesucht ; bei Herrn Henry ' s letzter Frage wollten meine Thränen gewaltsam hervorbrechen , als der Ton seiner Stimme mir ein so bewegtes Gemüth von seiner Seite verrieth , daß ich , aufmerksam auf die Nothwendigkeit , hier meine Selbstherrschaft zu behalten , meinen Schmerz niederkämpfte und durch meine Einwilligung , diese Nacht die mir angebotne Gastfreundschaft anzunehmen , dem Streit ein Ende machte . Herr Henry befahl sogleich und mit einer Freude , die mir deutlich bewies , welchen Werth er auf meine Einwilligung legte , das Schlafcabinet seiner Mutter zu meinem Empfang zu bereiten , und der übrige Abend verging in lebhaftem Gespräch über allgemeine Interessen . Noch nie hatte ich Gott so herzlich für ein sanftes Lager gedankt , wie diesen Abend , an dem ich doch nicht wußte , wo ich am folgenden Morgen einen Schutzort finden würde . Gott hatte mir heute eine Ruhestätte gegeben , alle meine Verstandeskräfte konnten die morgende nicht aussinnen ; deshalb empfahl ich mich seiner Obhut und überließ mich der Erholung des Schlafs . Herrn Henry ' s Empfang beim Frühstück war voll Ehrerbietung , aber nicht so gleichgültig , wie meine Verhältnisse es nöthig machten . Wie ich seinen Morgengruß mit der Bitte beantwortete , mir sogleich durch seinen Diener eine Person anweisen zu lassen , die mir eine Wohnung verschaffen könnte , antwortete er mit Bekümmerniß : wenn ich hartnäckig die natürlichste Handlungsweise , die nahe Rückkehr seiner Mutter , oder ihre wahrscheinliche Bitte , sie in Portsmouth aufzusuchen , in ihrem Hause abzuwarten verweigerte , so schlüge er mir vor , eine ihrer in Edinburg verheiratheten Schwestern um Rath oder Beistand zu bitten . Das war ein Lichtstrahl in dem Dunkel , das sich vor meine Aussicht gelagert ; ich widerlegte alle seine wiederholten Bitten um Abänderung meines Beschlusses und trieb ihn an , gleich nach dem Frühstück diese Tante für mich um ihren Schutz zu ersuchen . Er blieb lange aus ; ich hatte Zeit , mich dem ängstlichsten Nachdenken zu überlassen , und wie er zurückkehrte , versicherte er mich , Mistriß St. Claire nicht zu Hause gefunden zu haben . Ich mußte mit seinem Versprechen , gegen den Abend noch einmal zu ihr zu gehen , mich begnügen und suchte meine Unruhe durch Gespräch und Harfenspiel zu zerstreuen . Mein Spiel entzückte den jungen Mann , er äußerte die bitterste Klage über seiner Mutter Vergeßlichkeit , für den möglichen Fall meiner Ankunft keine Befehle gegeben zu haben . » Dann dürften Sie unser Haus nicht verlassen , Miß Percy , dieselben grausamen Ursachen , die Sie jetzt von mir treiben , gäben dem Bruder Ihres Zöglings dann ein Recht , Sie zu schützen . « - Ich wußte nun aus Erfahrung , wie nachtheilig es für unser Geschlecht werden könnte , Dinge als Scherz aufzunehmen , die einer ernsthaften Deutung fähig sind : ohne auf diese durch die Art des Vortrags noch bedeutenderen Worte zu antworten , begab ich mich , um das Gespräch abzubrechen , in mein Zimmer . Wie ich nach einer Weile wieder in den Saal gehen wollte , hörte ich eine fremde Stimme , die nach Herrn Henry fragte ; dieser trat aber sogleich aus dem Sprechzimmer heraus und rief lebhaft dem Eintretenden zu : » So eben wollte ich zu Dir schicken . Du mußt mit mir zu Mittag essen , ich will Dir die Bekanntschaft eines Engels verschaffen . « - » Ein Engel ? hier im Hause ? « - » Hier im Hause , meiner Schwester Erzieherin . « - » Mit der hältst Du indeß Haus ? Das wird Deine Mutter ungemein erbaulich finden . Hat die ' s so bestellt ? « - » Gott , nein ! sie weiß nichts von ihr ... « Darauf sprach er leise , ihn von der Treppe hinwegführend . Ich wußte nun genug , um meine Unentschlossenheit zu beenden . Gedemüthigt , der Gegenstand der Bewunderung von ein paar Collegienschülern zu seyn , beschloß ich sogleich , ihre Aussicht auf das Mittagsmahl zu hintergehen . Auf meine Bitte und durch das Geschenk einer halben Guinee in mein Interesse gezogen , ging die Hausmagd sogleich , mir bei rechtlichen Leuten eine kleinen Wohnung zu suchen und einen Miethkutscher zu holen , der mich und mein Gepäck augenblicklich dahin abführe . Sobald beides erlangt war , begab ich mich in das Besuchzimmer von Herrn Henry , um Abschied zu nehmen . Er war äußerst bestürzt , aber sein junges Gemüth hatte noch die schätzbare Zartheit , die dem Betragen bei halb bewußter Schuld die Sicherheit raubt . Der Besuch seines Freundes , die Einladung an ihn hatte ihm die Zuversicht , mit der er noch heute früh mich in seiner Mutter Hause zurückhalten wollte , vermindert , er bat mich niedergeschlagen , nur so lange zu verziehen , bis er noch einmal Mistriß St. Claire aufgesucht habe . Ich versicherte ihm meine Absicht , ihr selbst meinen Besuch machen zu wollen , ließ mir ihre Adresse geben und fuhr nach meiner neuen Wohnung ab . Mir war wohl , wie ich von meinem kleinen Zimmer , das Wohn- und Schlafstätte zugleich war , Besitz genommen hatte . Ich fühlte neuen Muth gegen die Außenwelt , nun ich mir in meinem Innern das Zeugniß , recht gethan zu haben , ablegen konnte . Der einsame Abend ward angewendet , um beim Schein meiner einzigen dünnen Kerze an Mistriß Murray zu schreiben . Lange stritt ich mit mir selbst , was die Redlichkeit mir geböte , ihr zu sagen . Die Verlegenheit , in die mich ihre Abwesenheit gesetzt hatte , war meine Schuld , denn sie hatte mich nicht abzureisen eingeladen , ich hatte also gar keine Ansprüche an sie , mußte mich ihr gleichsam von neuem nur anbieten . Dieser Schritt war aber wegen ihres Sohnes schnell gefaßten Wohlgefallens an mir reiflich zu überlegen . Herrn Henry ' s Vergaffung war unzweifelhaft , daß aber diese bei einem zwanzigjährigen Rechtscandidaten nicht als eine dauernde Leidenschaft zu behandeln sey , sagte mir meine Vernunft , daß aber Vorsicht und Anstand verböten , durch meinen Eintritt in seiner Mutter Haus diese Vergaffung zu unterhalten , ihn von seinen Studien zu zerstreuen , seinen Eltern Unruhe zu bereiten , sagte mir mein Gewissen und mein Zartgefühl . - Was war da zu thun ? - Der Mutter selbst zu melden , daß ihr Sohn meine Schönheit bewundre , wäre eine Albernheit ; die Aussicht , in ihre Familie aufgenommen zu werden - die einzige , die mir in meiner verlassenen Lage vergönnt war - von mir zu weisen , wäre ein Verrath an mir selbst gewesen und hätte Herrn Henry ' s Gefühlen zu viel Wichtigkeit beigelegt . Ich half mir mit einem Mittel , das mir jetzt ein bischen jesuitisch scheint , damals aber Entschluß eines reinen Willens war und mir deshalb auch keine Reue gekostet hat . Ich beschloß , mich zu Mistriß St. Claire zu begeben und ihren Rath zu erbitten ; gewiß würde sie ihrer Schwester ein Wort über meine Gestalt schreiben , wenn ihr dieses keine Unruhe über die Sicherheit von ihres Sohnes Herzen einflößte . So glaubte ich bei der redlichen Absicht , jedes nähere Verhältniß mit ihm zu meiden , die Freistätte , welche mir Miß Murray ' s Haus versprechen könnte , annehmen zu dürfen . In diesen Gesinnungen verfaßte ich meinen Brief ; ich meldete auch meinem gütigen Pfarrer meine Ankunft in Edinburg und die Unannehmlichkeit , die mich daselbst betroffen ; und so war die Stunde herbeigekommen , die mich jetzt ein Bedürfniß trieb im Gebet zu Gott und mit Prüfung meines eignen Herzens zuzubringen . Sie gab mir den Seelenfrieden , in dem man vertrauensvoll sich der Erquickung des Schlafes überläßt . Früh am folgenden Morgen kam Herr Murray , und drei Stunden verflogen in lebhaftem Gespräch , wodurch mir aber das Unziemliche meiner Verhältnisse gegen diesen Jüngling nur auffallender wurde . Sobald er mich verlassen hatte , suchte ich Mistriß St. Claire auf . Ich fand eine hagere , lange , ältliche Dame in einem ziemlich engen , hochlehnigen Armstuhl mit dem Ausnähen eines großblumigten Musters in Linon beschäftigt . Sie ließ mich ziemlich weit im Zimmer vortreten , stand dann auf , wodurch sie sich nothwendig einen Schritt vorwärts bewegen mußte , und wie sie ihre ganze Höhe erreicht hatte , hörte ich den dicken , steifen Troguet ihres dunkelbraunen Kleides etwas rascheln , woraus ich schloß , daß sie eine Art von Verbeugung gemacht haben müßte - sichtbar war sie mir nicht . » Herr Murray hat , wenn ich recht verstanden habe , die Güte gehabt , mich zu melden « , sagte ich schüchtern . Die Dame blickte nach einem Stuhl , ich hielt das für eine Einladung , mich zu setzen , rückte ihn herbei und nahm Platz . » Es ist sehr unglücklich für mich , Mistriß Murray nicht zu Hause zu finden « , nahm ich , da keine Antwort erfolgte , von neuem das Wort . - » Hum ... « tönte es ganz dumpf , und die Stille blieb ununterbrochen . » Sie verließ Schottland sehr unerwartet . « - » Sehr unerwartet . « - Wieder eine Pause . » Ich hatte meine Herreise unglücklicherweise schon angetreten , ehe ich es erfuhr . « - » Das war schlimm . « - » Sie wird doch nicht lange abwesend bleiben ? « - » Davon weiß man nichts . « - » Vielleicht wünscht sie nicht , daß ich ihre Rückkehr erwarte ? « - » Das weiß ich nicht . « - Bis diesen Tag hatte ich kalte Abwehr jeder Theilnahme noch nicht kennen lernen . Ich hatte gewaltsame Unglücksfälle erlebt , war in höchst ängstlichen Verlegenheiten gewesen , aber die drückenden Verletzungen des Gemüths in gemein ruhigen Verhältnissen des Lebens waren mir noch unbekannt . Mein Gemüth hatte sich zu Gott gewendet , aber mein Verkehr mit ihm - daß dieser triviale Ausdruck mir vergönnt sey ! - war ein Feiertagsdienst ; ich hatte seine Hülfe in so wichtigen Momenten erfleht , daß es mir Entweihung seiner Größe schien , diese Hülfe bei den Dingen des gewöhnlichen Verkehrs zu verlangen . Das war Folge der noch mangelhaften Erkenntniß von dem wahren Werth des Lebens in mir , indem jeder Augenblick Fortschritt auf derselben Bahn zur Ewigkeit ist . Jetzt kämpfte in meiner Brust mein über so unerhörte Theilnahmelosigkeit empörtes Gefühl mit dem Urtheil meines Verstandes , ihr nur Gleichgültigkeit entgegensetzen zu sollen . Der Verstand siegte , ich athmete tief und fragte Mistriß St. Claire : ob sie mich nicht , im Fall Mistriß Murray meiner Dienste nicht bedürfe , in eine andere Familie als Erzieherin empfehlen würde . - » Das wird schwer seyn . Die Leute nehmen keine Fremde . « - » Die Empfehlung , welche Mistriß Murray ' s Wahl lenkte , würde auch hier gelten . « - - - Doch wozu dieses Gespräch wiederholen ? Ich schied von dieser Frau ohne die mindeste Hoffnung , durch sie Hülfe zu erlangen . Wie oft , indem ich meinen Weg einsam nach meiner Wohnung zurück nahm , glaubte ich in den Gesichtern , die an mir vorbeigingen , bekannte Züge zu entdecken ! Ein paar Mal stockte mein Herz vor Entzücken bei dem raschen Schritt , den eine bekanntere Gestalt auf mich zu zu nehmen schien . Könnte mir denn Gott nicht einen Retter senden wollen ? fragte ich mich , wenn meine Vernunft meine thörichte Hoffnung zurechtweisen wollte . - Aber fremd und ohne Theilnahme eilten die Menschen an mir vorüber , und ich kehrte einsam in mein einsames Zimmer zurück . O wer in dem verlassensten Winkel des Erdbodens nur ein Wesen hat , zu dem er sagen kann : die Einsamkeit ist süß ! der weiß es nicht , wie freudenlos eine Wohnung ist , in der wir nicht hoffen dürfen , daß auch nur eine einzige theilnehmende Seele anklopfen werde . - Ich wußte also nun , daß die Beantwortung meines Briefs an Mistriß Murray meine letzte Hoffnung entschied , aber auch daß jede Rücksicht erfordre , den Besuchen ihres Sohnes fortan zu entsagen . Man meine doch nicht , daß es bei dem rationellen Standpunct , wohin ich gelangt zu seyn wähnte , unmöglich ein so großes Opfer hätte seyn können , auf die Besuche eines vergafften Studentchens Verzicht zu thun . Nicht weil er das war , aber weil er das letzte gebildete Wesen war , durch das ich mit einer Welt , für die ich gebildet und erzogen wurde , zusammenhing , kostete es mir ein ernstes Opfer , seine Besuche nicht mehr zu gestatten . Von nun an brachte ich eine lange Woche in völliger Einsamkeit zu . Der Gang in die nahe Kirche war die einzige Gelegenheit , bei welcher ich die Gasse betrat . Meine Hauswirthin stellte mir den Nachtheil dieser Lebensweise für meine Gesundheit vor und bewog mich endlich , meiner Sehnsucht nach Bewegung und Luft nachgebend , sie eines Tags bei einem Ausgang zu begleiten . Es that mir unendlich wohl , die freie Luft zu athmen , in größerm Umfang , wie in den engen Gassen , den Himmel über mir , die erleuchteten Berge um die Stadt her zu erblicken . Wie wir nach Haus zurücklenkten , erblickte meine Hausfrau an der Thür eines Hauses ein scharlachrothes Fähnchen , auf dem mit großen Buchstaben die Worte standen : » Hier wird ausgepfändet . « Sie sagte mir , das verkündige einen Verkauf von Hausgeräth , da könne man oft wunderwohlfeile Sachen bekommen , ich möchte doch ein bischen mit ihr hineintreten . Mir graute vor dem dunkeln Eingang , allein meine Lage erlaubte mir , nicht sehr schwierig zu seyn , deshalb folgte ich ihr nach durch einen finstern , schmuzigen Gang eine hohe , steile Treppe hinauf , auf einen langen Gang , dessen kleine Fenster auf einer Seite schwarze spitze Giebel erblicken ließen , auf der andern Seite aber mehrere Thüren in Zimmer führten , die in eine Menge Wohnungen sehr armer Leute eingetheilt zu seyn schienen . Das erste Zimmer einer dieser Abtheilung war so von Leuten angepfropft , daß sie auch den Gang vor den Thüren besetzt hielten und es mir unmöglich machten , meiner Hausfrau zu folgen . Indem ich wartete , um durch den Haufen dringen zu können , gewahrte ich ein kleines Kind auf den Armen einer höchst ärmlich gekleideten Frau , das mit Wangen , auf denen die schönste Gesundheitsröthe prangte , aus seinen glänzenden Augen einen schüchternen Blick auf mich warf , dann sein Köpfchen von der Mutter Schultern aufhebend , lächelnd auf mich hinsah . Seine Mutter aber lehnte , wie es schien , in Kummer versunken , ihren Kopf an das Fenster . Ich hätte sie gern angeredet , aber ihr Schmerz gebot mir Zurückhaltung , denn ich war ja meiner Mittel , ihr zu helfen , nicht gewiß . Indem kam ein eben so ärmlich gekleidetes Weib , wie sie selbst , schlug sie gutmüthig plump auf die Schulter und sagte : » Seyd doch gefaßt ! es ist schon manch einer ausgepfändet worden . « - Meine arme Frau , die bei dem derben Gruß der Nachbarin ihre Thränen getrocknet und sich freundlich aufgerichtet hatte , verhüllte von neuem schluchzend das Gesicht in ihre Schürze . Ich wendete mich nun an die Nachbarin , um mehr von der Weinenden zu erfahren , und hörte , daß Cecile Graham , so hieß die Trauernde , die Frau eines Soldaten sey , der aus der von jeher den Bergschotten fest eingewurzelten Liebe für ihr Stammoberhaupt , sein Heimathsthal verlassen hatte , um der Fahne seines Häuptlings zu folgen . Ungern blieb seine Gattin zurück und nährte sich seitdem in der Hauptstadt hinreichend mit ihrem redlichen Fleiß . Endlich den Tag vor dem Miethsziel , wo sie alle ihre ersparten Pfennige schon zusammengelegt hatte , um sie den nächsten Morgen dem Hausherrn zu bringen , brach ein Dieb ihren Kasten auf und raubte ihr die mühselig gesammelte Summe . Unfähig , sich auf eine andre Weise bezahlt zu machen , gebrauchte der Hausherr sein Recht , ihre Habseligkeiten zu seiner Abzahlung zu verkaufen . » Und will er dieses arme junge Geschöpf freundlos in die Welt hinausstoßen ? « rief ich mit inniger Theilnahme . » Gott verzeihe ihm das ! « - » Mir mangelts nicht an Freunden , Ihre Gnaden « , sagte die Weinende in echt schottischer Mundart , aber viel weniger rohem Ton , wie ihre Nachbarin , » alles Gewässer des Brearde kann mein Blut nicht von des Lords Verwandtschaft waschen . « - » Welches Lords ? « fragte ich , über den emphatischen Ausdruck lächelnd . » Erdines selbst , Lady , sein Großvater und meine Urgroßmutter waren Geschwisterkinder . « - » Thut denn der Lord nichts für seine Verwandten ? « - » Das würde er , und er ist nicht der Mann , der den Bittenden ohne Hülfe läßt . « - » Warum wendet Ihr euch denn nicht an ihn ? « - » Wahrlich , Lady , ich will den Lord nicht belästigen ; er könnte denken , ich meine , er müsse mich füttern , weil Jemmy mit Herrn Kenneth fortgezogen ist - das begreifen Sie . « - » Was wollt Ihr aber thun ? wollt Ihr euch alles nehmen lassen ? « - » Könnte ich nach den Hochlanden zurück , so würde alles andre schon gehen . Ueberfluß sind wir nicht gewohnt - ich hätte auch alles hergeben wollen , nur nicht das Stückchen Tuch , das ich , uns hinein zu wickeln , mit eignen Händen gesponnen . « - » Wie Euch hinein wickeln ? was soll das bedeuten ? « fragte ich , weit entfernt , den Sinn ihrer Worte zu fassen . - » Nun ja ! Jemmy und mich einwickeln , mit Erlaub , wenn man uns zur Ruhe trägt . Und ein hübscher Stückchen Flächsen konnte man nicht sehen . Ihre Gnaden selbst hätten drin ruhen können , ja Miß Graham in eigner Person . « - Anfangs glaubte ich wirklich , die gute Frau rede irre , aber bald schämte ich mich meiner Unfähigkeit , in das Gefühl eines Armen einzugehen . Wie sich die menschlichen Wünsche auf ein gutes Bahrtuch beschränken könnten , begriff ich nicht gleich , aber das Ansehn der Frau sprach für ihren gesunden Verstand . Ihre klare breite Stirn und nahe über die Augen gezognen Braunen , von blitzend lebhaften Augen begleitet , verriethen kühle Klugheit , ihre festen scharfen Züge , ob sie gleich von der nationalen Backenbreite entstellt wurden , zeichneten sie unter den gemeinen Gesichtern der umstehenden Weiber aus . Ich fragte sie darauf , wie weit ihre Heimath entfernt sey . » Hörten Sie je von einem Ort , der Glen Enradine heißt ? Er mag etwa hundert Meilen und ein Eckchen weiter von hier nach Norden und Westen hin liegen . « - » Und so weit wolltet ihr in dieser Jahrszeit reisen ? « - » Wenn es Gottes Wille wäre . Hier und da müßte ich , mit Erlaub , wohl guter Menschen Beistand erbitten . Viel mitzunehmen habe ich nicht . Da das Kind an meiner Brust und ein Päckchen Tabak , den ich für meine Mutter gesammelt ; mein Knabe ist derb , Gott segne ihn ! der liefe denn auch manchmal ein Stückchen neben her . « - Ich ärgerte mich anfangs an dem Almosenbitten , späterhin habe ich ' s bei diesem Bergvolk ganz anders ansehn lernen . Unter wahrhaft einfachen Menschen ist das Hülfebitten des Reisenden ein letzter schöner Nachhall alter Väter-Sitte , der zufolge des Gastes Einkehr ein Segen des Herrn war . Cecile erkannte es nicht für das , aber sie trat unbedenklich in die einfachen Menschenrechte zurück , da wo einfache menschliche Bedürftigkeit sie überwältigte . » Warum wendet ihr euch nicht an ' s Kirchspiel ? « fragte ich weiter . - » An das Kirchspiel ? an die Armenbüchse ? Gott wird mich ja davor behüten ! Kirchspiel ! Nein , nein ! wie groß unsre Noth ist , dahin wird sie uns nicht treiben . « - Thränen drangen aus ihren Augen , sie herzte ihr Kind und rief : » Du gutes liebes Thierchen2 ! eher soll es dir und deiner Mutter an Dach und Fach fehlen , ehe sie dir diese Schmach bereite , indeß dein Vater so weit weg ist . « -