Lande sich immer weiter verbreitenden Unruhen des Krieges , in eine ziemlich entfernte Residenz gezogen , man wußte nicht , ob und wenn sie wiederkehren würden . Nach wenigen , der nothwendigen Erholung vergönnten Stunden , saßen Adelbert und der General wieder im Wagen auf dem Wege zu ihr . Kein Zweifel an Herminiens Treue kam in ihnen auf . Adelbert dachte nur ihre Freude , ihn lebend wieder zu sehen . Daß der Arm , den er noch in der Binde trug , der gelähmte Fuß , das bleiche Gesicht , die nach der langen Krankheit nur spärlich es umwehenden Locken Herminien von ihm zurückscheuchen könnten , fiel ihm nicht ein . » Sie wird dich um so mehr lieben , jemehr du ihrer Hülfe bedarfst , « sprach der General , » denn die Weiber sind alle Engel des Trostes in Menschengestalt , sie sind am glücklichsten , wenn sie etwas zu pflegen und zu heilen haben . « Sie kamen an . Wie wenig glich dieses Wiedersehen dem vorigen ! Herminie erbebte , sichtbar erschrocken über Adelberts Anblick ; sie wollte sich überwinden , man sah deutlich , wie sie sich deshalb Gewalt anthat , aber sie vermochte es doch nicht , den Entstellten anders als mit heißen Thränen , mit bittern Klagen über dieses Geschick zu empfangen , und keine Sylbe verrieth ein frohes Gefühl über sein wunderbar gerettetes Leben . Auch Adelbert fand Herminien verändert . Zwar stand sie im sorgsam gewählten schimmernden Putz fast reizender noch vor ihm , als da er sie verließ , aber ihre Erscheinung hatte etwas fremdartiges , etwas theatralisches angenommen , wovon bei dem einfachen Landmädchen sonst keine Spur zu finden gewesen war , und Tanzmeister-Künste suchten die Stelle der natürlichen , alle Herzen gewinnenden Anmuth zu ersetzen , welche ehedem jede ihrer Bewegungen begleitet hatte . Adelbert ward tief betrübt über diese , in so kurzer Zeit aus dem Geräusch des Stadtlebens hervorgegangnen Verwandlung der Vielgeliebten , aber er blieb doch noch immer ihr eigen , und tröstete sich mit schönen Hoffnungen von der Zukunft . » Gewiß sie kehrt zurück , gewiß sie wird wieder , was sie war , wenn wir erst dem Gewühl glücklich entgangen sind , welches jetzt durch seine Neuheit sie betäubt . « Mit diesen Worten suchte er oft sich und seinen Oheim zufrieden zu sprechen . Plötzlich aber zerstörte Herminiens Mutter jede Hoffnung , indem sie mit der Erklärung hervortrat , daß ihre Pflicht ihr nicht erlaube , die junge schöne Herminie für ihre ganze Lebenszeit zur Krankenwärterin auf einem Dorfe zu verurtheilen , daß Herminie selbst ihre Kraft einem solchen Opfer nicht gewachsen fühle , und daß sie deshalb sich gezwungen sähe , das früher unter günstigern Aussichten gegebne Versprechen zurückzunehmen . Adelbert verlor bei dieser Erklärung alle Besinnung , aber der General bestand darauf , sie von Herminien selbst bekräftigen zu hören , und als dieß , obgleich unter Thränenströmen und mit vielen schönen Worten , dennoch wirklich geschah , da blieb dem edlen Greise nichts weiter übrig , als seinen unglücklichen Adelbert an seine väterliche Brust zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren in die Welt . Wenige Wochen darauf kam die Nachricht , daß Herminie einem der Angesehensten aus Napoleons Gefolge ihre Hand gegeben habe , und sich mit ihm auf dem Wege nach Paris befinde . Nicht in so zusammengedrängter Kürze , sondern in wechselndem Gespräch , belebt durch mehrere Nebenumstände , die hier wegbleiben mußten , hatte Adelbert die Geschichte seiner Leiden Gabrielen anvertraut . Vertieft in klagender und tröstender Rede und Gegenrede , mochten beide wohl lange neben einander gesessen haben , ohne den Blick ins Freie zu wenden , als ein heftiger Donnerschlag sie plötzlich aufschreckte . Ein schweres Gewitter war mit der in Gebirgen nicht ungewöhnlichen Schnelle , von ihnen unbemerkt , heraufgezogen , und entlud sich jetzt gerade über ihren Häuptern in schmetternden Donnerschlägen , in unzähligen , einander durchkreuzenden , gelben , zischenden Blitzen . Heulender Sturm durchtosete die Wipfel der Bäume , laut krachte der Fall einzelner Tannen durch den Wiederhall des Donners , bis endlich , gleich einem Wolkenbruch , mit wildem Brausen herabströmender Regen den allgemeinen lauten Aufruhr der Natur allmählig beschwichtigte . » Und unsre Freunde oben auf dem Gipfel des unwirthbaren Berges , ohne alles Obdach , dem Zorn der Elemente ausgesetzt ! « rief klagend Gabriele . » Gewiß sind sie längst im Schutz einer Bauerhütte am Fuße des Berges , « erwiederte tröstend Adelbert , » das Gewitter konnte sie auf der Höhe , auf welcher sie sich befanden , nicht so hinterrücks überschleichen als uns . In der That , « setzte er nach einem Blick auf seine Uhr etwas verlegen hinzu - » in der That , obgleich ich die Möglichkeit davon nicht begreife , aber ich muß glauben , daß alle längst zu Hause angelangt sind und nun um uns in der größten Sorge schweben , denn die Mittagsstunde ist eigentlich schon lange vorüber . Die engelgleiche Güte , mit der Sie , mein Fräulein ! einem Unglücklichen den Trost freundlicher Theilnahme gewährten , hat uns die Stunde vergessen lassen . Wir sind viel länger hier geblieben , als wir es dachten oder eigentlich sollten . « Gabriele blickte ängstlich hinaus ins Freie , der Regen strömte zwar minder heftig , aber um so eindringender , Wege und Fußpfade glichen rieselnden Bächen . Sie sprach kein Wort , aber Adelbert bemerkte nur zu deutlich , wie der Gedanke an Frau von Willnangen und Augusten sie mit banger Sorge erfüllte . » Was fangen wir nun an ? « seufzte sie endlich mit einem Blick auf ihre seidnen Schuhe . » Der Arzt hat mich besonders vor aller Erkältung gewarnt . « » Ach ! wie fröhlich , wie leicht , liebes Fräulein ! hätte ich Sie ehemals auf meinen Armen hinunter getragen ! « rief Adelbert , und blickte traurig und finster auf seine Krücke . » Jetzt , ich muß es Ihnen leider gestehen , jetzt könnte ich Sie auf diesen schlüpfrig gewordnen Pfaden , ohne eine festere Stütze als diese , nicht einmal hinunter begleiten , selbst wenn der Regen nachließe . Hätte ich es ahnen können , daß ich noch heute die erste Stunde des Trostes , seit ich alles verlor , so bitter bereuen würde ! Aber so will es das jammervolle Loos , das mir zu Theil ward , « setzte er im finstersten Unmuth hinzu . » Briccone maledetto ! Verwünschter Taschenspieler ! Damn ' d Juggler ! « erscholl es in diesem Augenblick dicht neben ihnen , und eine wunderliche ganz durchnäßte Gestalt schlüpfte in den Tempel hinein , ohne die schon Anwesenden sogleich zu bemerken , warf dann einen ungewöhnlich dicken keulenartigen Stock von sich und arbeitete darauf mit Zähnen und Nägeln an dem Knoten eines Bandes , welches ein kleines braunes Päckchen zusammen hielt . Dabei schimpfte der neue Ankömmling in einem weg und in verschiednen Sprachen , bald auf den Knoten , bald auf den Regen . Adelbert und Gabriele betrachteten , höchst verwundert , die sonderbare Gestalt . Nach seinem Aeußern zu urtheilen , hätte man den Fremden für einen Taschenspieler oder für den Pagliasso einer herumziehenden Seiltänzerbande halten können , und doch lag etwas in der Art , mit der er Adelbert und Gabrielen , ihrer gewahr werdend , begrüßte , das eine feinere Bildung verrieth . Seine vom Regen triefende Kleidung bestand aus einer kurzen Jacke und weiten wunderlichen Pantalons von weißem buntstreifigem Leinenzeuge , in Schuhen von gelbbraunem Leder , Kamaschen von Nanking und einem großen Strohhut mit breitem Rande und flachem Kopf . Eigentlich war er ziemlich treu nach Ebels Vorschrift für Reisende in der Schweiz gekleidet , was aber hier in Böhmen und zu seiner kurzen gedrängten Gestalt sich sehr lächerlich ausnahm , besonders da er wenigstens funfzig Jahre alt zu seyn schien . Eines der gewöhnlichen Gespräche , wie man sie in ähnlichen Fällen zu führen pflegt , entspann sich jetzt zwischen Adelbert und dem Fremden , der dabei unermüdet , aber mit allen Zeichen der höchsten Ungeduld , daran arbeitete , den Knoten zu lösen , welchen er dabei immerfort und in allen möglichen europäischen Sprachen halb laut vermaledeite . » Mercè di Dio ! « rief er endlich , denn der Knoten war plötzlich aufgegangen . » Mais voyez , monsieur ! sehen Sie nur , ob es nicht zum Verzweifeln war , « sprach er zu Adelberten , der verwundert auf den Inhalt des Päckchens blickte ; » Vraiement c ' étoit fait pour enrager . Gestern lasse ich mir von einem herumreisenden Physiker im Alexandersbad lehren einen Knoten zu schlingen , der fester als alle Schlösser ist , weil er nur der Hand des mit dem Geheimniß Bekannten weicht , ich knüpfe meinen Regenmantel , my Patent cloak , den ich immer mit mir trage , auf diese Weise zu , und jetzt , da mich der Platzregen überrascht , habe ich Unglückseliger die Lösung des Knotens vergessen . Ich habe einen Mantel in der Hand , mit dem ich unter dem Staubbach hingehen könnte , ohne daß mir ein Tropfen Wassers an die Haut käme , und muß mich durchregnen lassen . No it is too bad , too bad ; es ist zu toll . « Während der Zeit zog er den Regenmantel von dünnem durchsichtigem Wachstaffet an , setzte eine gleiche von allen Seiten herabhängende Kapuze auf den Kopf , und sah in dieser Vermummung noch viel abentheuerlicher aus als zuvor , fast wie ein in Bernstein inkrustirter Käfer . » Könnte ich mich nur auf das Geheimniß des heillosen Knotens wieder besinnen , « murmelte der Fremde vor sich hin , ich muß es doch zufällig getroffen haben , weil er aufsprang . « Dabei arbeitete er wieder aufs emsigste und mit großer Anstrengung an dem dicken Stock , den er beim Eintritt weggeworfen , hernach aber wieder hervorgesucht hatte , bis es ihm gelang , ihn auseinander zu schrauben und in mehrere Stücke zu zerlegen . » Oserois-je Madame , Ihnen diesen Patent Umbrello zum Heimgehen anzubieten ? « sprach er zu Gabrielen , indem er ihr einen sehr zerbrechlichen Regenschirm , ebenfalls mit Wachstaffet überzogen , darreichte , den er aus einem Theil seines Stocks zusammengesetzt hatte . » Avouez , que c ' est l ' invention la plus belle , la plus commode , enfin es giebt nichts bequemers , « sprach er weiter , indem er aus vier dünnen Messingstäbchen und einem Stückchen Leinen eine Art von kleinem Feldstuhl zusammenfügte und Gabrielen nöthigte , sich darauf zu setzen . » Sehen Sie , « sprach er mit sehr großer Selbstzufriedenheit , » so trage ich in diesem Stock gleichsam ein kleines Haus mit mir , das mir selbst auf den höchsten Bergen Schutz gegen die Witterung und einen bequemen Ruhesitz gewährt . Das Futteral , welches Schirm und Sessel beherbergt , dient mir obendrein nicht nur zum Wanderstab , sondern auch zum Fernrohr , wenn ich die dazu gehörigen Gläser hineinschraube , und ich denke nur noch auf eine Vorrichtung , um diesen Stuhl zu einem vollständigen Fauteuil zu vervollkommnen . « Der Regen hörte endlich auf und der wunderliche Fremde erbot sich auf die gutmüthigste Weise , Adelberten auf dem Wege nach Karlsbad zum Führer zu dienen . Dabei bedauerte er nur , daß diesem nicht das gelähmte Bein bis an das Knie abgenommen sey , ohnerachtet ihm Adelbert wiederholt versicherte , daß er hoffe , nicht zeitlebens lahm zu bleiben . » N ' importe , « sprach der Fremde , » ich könnte Ihnen ein ganz vortreffliches hölzernes Bein verschaffen , Sie sollten damit gehen , reiten , sogar tanzen können , il n ' y a rien de plus beau et de plus commode au monde , indessen kommen Sie nur , ich will Sie gewiß nicht fallen lassen . « Adelbert dankte ihm lächelnd , und äußerte zugleich die Besorgniß , daß seine Begleiterin in ihren seidnen Schuhen wohl schwerlich würde den Weg zu Fuß machen können . » Ah Cospetto di bacco ! « rief der Fremde , » warum habe ich nicht ein einzigs Paar der Pattens der Dutchess of Devonshire bei mir ! Auf diesen zierlichen Kothurnen könnte das Fräulein gerade durch einen Bach gehen , ohne naß zu werden ; sie sind die allervortrefflichste Erfindung « - » Ich erkenne höchst dankbar Ihre Güte , mit der Sie wünschen mir helfen zu können , « unterbrach ihn Gabriele . » Da es indessen auf diese Weise nicht möglich ist , so wage ich es , Sie zu bitten , die Meinigen bald möglichst zu beruhigen , die gewiß um mich in der größten Besorgniß sind . Haben Sie die Gefälligkeit , Frau von Willnangen im steinernen Hause auf der Wiese aufzusuchen , und ihr zu sagen , daß Gabriele von Aarheim « - » Aarheim ? Sie sind ein Fräulein von Aarheim ? Aarheim ? von Schloß Aarheim ? « rief im größten Entzücken der Fremde , » mais permettez que je vous embrasse , mon aimable petite Cousine , ich bin Ihr Vetter , Ihr nächster Verwandter , Moritz von Aarheim , Ihr Vater und ich sind Cousins à la mode de Bretagne . Ihr Aelter-Vater war der Bruder meines Großvaters . Haben Sie denn nie von mir sprechen gehört ? « » Mein Vater lebt so fern von der Welt , « stotterte Gabriele etwas erschrocken . » Es ist wahr , das thut er , « erwiederte Moritz von Aarheim , » ich habe ihm einmal vor vielen langen Jahren geschrieben , er hat mich aber keiner Antwort gewürdigt . Mais je ne lui porte pas rancune , seine Tochter ist die Krone unsers alten Geschlechts , and I forgive him . Ich will ihn besuchen , den alten Herrn , ich habe mich schon nach ihm erkundigt , ich höre , er beschäftigt sich mit alchymistischen Untersuchungen der Färbestoffe . Ich habe die göttlichsten Vorschriften zum Färben aus England mitgebracht , auch aus der Türkei habe ich deren mir zu verschaffen gewußt , er soll sie alle haben , er hat zwar auf meinen Brief nicht geantwortet , but I do not care for it , er soll sie doch haben . « So schwatzte Moritz von Aarheim noch lange fort , und legte dabei seine Freude über Gabrielen in fast allen lebendigen Sprachen an den Tag , bis ihm plötzlich der Nachtheil einfiel , der aus diesem langen Verweilen in der feuchten Luft für Gabrielens Gesundheit entstehen konnte . So schnell als möglich eilte er nun fort , auch währte es nicht lange , bis der General Lichtenfels und Ernesto mit einer Sänfte für Gabrielen im Tempel anlangten , um das dorthin vom Sturm verschlagne Paar heim zu geleiten . Gabriele fand bei ihrer Nachhausekunft den neuen Vetter so eingewohnt , als wäre er Zeit seines Lebens der vertrauteste Freund der Frau von Willnangen gewesen . Alle Tische und Stühle in ihrem Zimmer waren mit kleinen Modellen und Zeichnungen von neuen Erfindungen belastet , deren Erklärung und Nutzen er dem ältern Herrn von Wallburg auf das eifrigste zu demonstriren suchte . Die Damen und Leo hielten sich dabei in einiger Entfernung , um nicht an dem Streite Theil zu nehmen , der sich zwischen jenen beiden schon entsponnen hatte , denn Herr von Wallburg war der abgesagteste Feind aller Neuerungen . Gabrielens Erscheinung machte indessen dem Zwist ein Ende . Moritz von Aarheim ließ alles im Stich , um seiner neugefundenen Kusine unter einem halben Dutzend Fläschchen mit Präservativen gegen Erkältung die Auswahl anzubieten , und suchte auf alle Weise sie zu bewegen , wenigstens aus einem derselben ein paar Tropfen zu nehmen . Sein zudringliches Bitten hatte zwar etwas ungemein Lästiges , so wie im Grunde auch sein ganzes übriges Betragen , aber es lag auch wieder etwas so ausgezeichnet Gutmüthiges selbst in dieser Zudringlichkeit , daß es Gabrielen wirklich schwer ward , ihm seinen Wunsch nicht zu gewähren . Mehr aber als alles übrige war ihr der vertrauliche Ton unangenehm , zu welchem er als ein naher Verwandter gegen sie berechtigt zu seyn glaubte , und es ward ihr beinah unmöglich , sich daran zu gewöhnen , noch unmöglicher , ihn zu erwiedern . Nie zuvor war es ihr eingefallen , daß sie , außer der Gräfin Rosenberg und Aurelien , noch Blutsverwandte in der Welt haben könne , nie hatte sie solche nennen hören , und nun kam gerade eine der lächerlichsten Erscheinungen und wollte Familienverbindungen geltend machen , welche sie kaum im Stande war zu begreifen . Den durchnäßten Schweizeranzug hatte Herr von Aarheim zwar abgelegt , und alles , was er jetzt trug , war wirklich so neu und elegant als möglich , aber er sah deshalb nicht minder abenteuerlich aus . Seine Kleidung war wie seine Sprache , allen Nationen abgeborgt ; kein Stück seines Anzugs paßte zu den übrigen , alle aber verdankten der aller neuesten und dabei barocksten Erfindung ihren Ursprung . Auch seine Bewegungen hatten etwas unstätes , das mit seinen grauen Haaren und seiner ganzen Gestalt auf eine widerliche Weise kontrastirte . Uebrigens waren die Züge seines Gesichts nicht unangenehm und wurden zuweilen durch einen gewissen Ausdruck von treuherzigem Wohlwollen sogar recht leidlich . Da er im Gespräch immer von einem Gegenstand zu dem andern überging , ohne sich und andern zum gehörigen Auffassen eines einzigen Zeit zu lassen , so war sein Umgang höchst ermüdend , und der ganze Kreis wäre seiner gewiß sehr überdrüssig geworden , wenn er längere Zeit in Karlsbad verweilt hätte . Aber er eilte schon am dritten Tage zum kunstliebenden Scharfrichter nach Eger , den er durchaus sprechen zu müssen behauptete , obgleich er sich augenscheinlich höchst ungern so schnell von Gabrielen trennen mochte . Er verließ sie mit der Erklärung , daß er sie auf Schloß Aarheim wieder zu sehen gedenke , und wollte sich durchaus nicht daran kehren , daß ihr Vater keinen Besuch annähme . Er war auf jeden Fall überzeugt , daß er ihm mit den englischen und türkischen Farbengeheimnissen willkommen wäre , wenn jener auch ihre nahe Verwandtschaft bei der Annahme seines Besuchs nicht in Betracht ziehen wollte . Uebrigens hielt ihn ein innres Zartgefühl ab , Gabrielen zu gestehen , daß er des Freiherrn nächster Agnat und der künftige Besitzer von Schloß Aarheim sey , der als solcher doch einigermaaßen sich berechtigt glauben konnte , bei seinem Verwandten , den er nie beleidigt hatte , vorgelassen zu werden . Ganz nahe den die Gesellschafts-Säle von Karlsbad umgebenden Alleen steht eine der Madonna geweihte kleine Kapelle zwischen hohen Bäumen und dichtem Gebüsch . Die Mädchen und Frauen der Umgegend schmücken das in ihr wohnende freundliche Muttergottesbild mit dem Schönsten , was sie nur aufzubringen wissen . Nie mangelt es ihm an strahlenden Flittern , an schönen Bändern und Perlen . Frische Blumensträuße duften jeden Morgen auf dem kleinen Altar , so lange die Jahreszeit dieß vergönnt , und an jedem Abend werden helle Kerzen vor dem Bilde angezündet , von denen oft ein funkelnder Strahl durch das dichte Laub bis mitten in die fröhlichen Kreise der vornehmen Welt den Weg findet , und auch da manches stille fromme Herz mit heiliger Sehnsucht erfüllt . Sobald der Abend hereinbricht , bevölkert sich der kleine Betstuhl vor dem Bilde mit Andächtigen ; größtentheils sind es Weiber und Mädchen aus den umliegenden Dörfern , die von der Arbeit kommen und zuvor an dieser heiligen Stätte ihr Abendgebet verrichten , ehe sie heimkehren . Auch Gabriele weilte oft und gern bei der kleinen Kapelle . Wenn frühere Schmerzen sich wieder regten , wenn Ergebung , Hoffnung und die schwer errungne Ruhe des Gemüths im Geräusch ihr fremder werden wollten , dann flüchtete sie sich hierher und kehrte nach kurzem Verweilen immer mit einer Brust voll Frieden zu ihren Umgebungen zurück . Die unerwartete Ankunft ihres Vetters , die unruhige Bewegung , in welche alles um sie her während der Zeit seines Dableibens gerieth , und nun zuletzt noch sein sehr tumultuarischer Abschied und seine Abreise machten ihr am Abende nach letzterer eine einsame Stunde höchst wünschenswerth . Ohnehin waren dießmal die Stunden nach Sonnenuntergang zu der jüngsthin verabredeten allgemeinen Versammlung in einem der Säle bestimmt , und Gabriele wußte wohl , daß sie alle ihre Freunde beunruhigen und betrüben würde , wenn sie nicht dabei erschien . Daher flüchtete sie sich eben , als die Sonne hinter die Felsen zu sinken begann , zu dem Ort , an welchem sie schon oft Trost und Beruhigung fand , um sich für das Geräusch der nächsten Stunden in ruhiger Stille zu erholen , zu stärken und zu sammeln . Sie traf nur eine einzige , auf ihren Knien in tiefer Andacht hingesunkene Beterin in der Kapelle , und schlich sich leise an die andre äußre Ecke des Betstuhls , um durch ihre Gegenwart so wenig als möglich störend zu werden . Lange hatte sie sich nicht so durchaus beklommen , so recht innerlich betrübt gefühlt als heute . Durch Adelberts Erzählung seines unwürdigen trüben Geschicks war nicht nur ihr wärmstes Mitgefühl in Anspruch genommen worden , es hatte solche auch alle ihre eignen Schmerzen und Sorgen wieder angeregt . Ottokars Bild stand seitdem lebendiger als je wieder vor ihrem Geist , begleitet von einer düstern bangen Ahnung , die ihr weder Rast noch Ruhe ließ , und sie um so mehr beängstigte , je undeutlicher und verworrner die Vorstellungen waren , durch welche ihr aufgeregtes Gemüth sich mit Grausen erfüllte . In der Kapelle ward ihr indessen bald ruhiger zu Muthe . Die Stille des Orts , die Abendsonne , welche zwischen dem hohen Gezweige der ihn umgebenden Bäume hindurch ihre goldnen Lichter auf das Marienbild streute , stimmten sie zu süßer seliger Wehmuth . Bald erleichterten Thränen ihr gepreßtes Herz , sie weinte recht herzlich , ohne doch eigentlich zu wissen , wem ihre Thränen flossen ; aber sie fühlte , daß sie ihr unendlich wohl thaten . » Gelobt sey Jesus Christus ! « Mit dieser in Karlsbad gewöhnlichen Begrüßung hörte sie sich plötzlich von der Frau angeredet , die vorhin in der Kapelle gebetet hatte und jetzt dicht neben ihr stand . » In Ewigkeit ! « erwiederte Gabriele und stand auf , um sie an sich vorbei gehen zu lassen ; aber die Frau ging nicht , sondern begrüßte Gabrielen nochmals mit dem zweiten , in Karlsbad üblichen Gruß : » Gott schenk Euer Gnaden die Gesundheit ! « » Ich danke euch , gute Frau ! « sprach Gabriele , und blickte etwas verwundert auf . Ihr Auge traf in das fromme , stille , halb erloschne Auge eines uralten , ärmlich , aber höchst reinlich gekleideten Mütterchens mit schneeweißen , glatt gekämmten Haaren , das mit unaussprechlicher Freundlichkeit sie betrachtete . » Ihr habt recht andächtig gebetet , fromme alte Mutter ! euch muß Gott erhören ; gedenkt auch meiner künftig in eurem Gebete ! « mit diesen Worten reichte Gabriele der Alten eine Gabe . » Das will ich , « antwortete die Frau in einer diesen Gegenden fremden Mundart , » recht herzlich will ich für Sie beten , aber nicht um ihres Geschenks willen . Doch nehme ich es gern , Sie sind reich und gut , und ich will meinen Urenkelchen eine Freude damit machen . « » Für diese Urenkelchen habt ihr auch wohl hier gebetet ? « fragte Gabriele . » Alle Tage bete ich für sie und segne sie , « war die Antwort ; » aber nicht hier , hier bete ich weder für mich noch die Meinen , nur für Einen , den ich nicht einmal zu nennen weiß . Aber Gott kennt ihn und hat den Nahmen in sein Buch geschrieben ; Er weiß , wen ich in meiner Einfalt meine , und wird mich wohl erhören . Liebes gnädiges Fräulein ! « fuhr die Alte fort , indem sie sich neben Gabrielen setzte , » halten Sie mirs zu gut . Als ich Sie vorhin so jung , so schön , so vornehm und so reich und doch so herzlich betrübt weinen sah , da konnte ich nicht anders , ich mußte mich zu Ihnen stellen und mit Ihnen zu reden suchen . Glauben Sie mir nur , Gott wird seinen Engel senden , Sie zu trösten , wenn es Zeit ist , bleiben Sie nur in der Geduld und in der Hoffnung . Hat er ihn doch auch mir gesendet , als meine Margarethe gestorben war und ich deshalb zu meinem Sohn nach Böhmen wandern mußte . Da blieb ich in einem wild fremden Lande , von aller Welt verlassen , in Todesnöthen auf freiem Felde liegen , rings um war es Nacht und kalt , ich konnte die Lippen nicht mehr regen und betete nur noch innerlich : » Vater unser , der du bist im Himmel , « und er hörte mich doch und sandte den Retter . « Freudiges Schrecken durchrieselte Gabrielen bei diesen Worten ; sie fragte , die Frau antwortete , und bald fand es sich , daß es so sey , wie sie es geahnt hatte . Es war die nehmliche alte Mutter , welche Ottokar vor ungefähr Jahresfrist vom Verschmachten gerettet hatte . Mit heißen Freuden-Thränen fiel Gabriele ihr um den Hals . » Er ist Ihnen wohl nahe verwandt ? « fragte die Frau . » Ja wohl verwandt ! nahe verwandt ! « erwiederte Gabriele , « die nassen Augen gen Himmel gerichtet . » Das hätte ich gleich sehen können , daß Sie Schwester und Bruder sind , Sie sind beide so gut und so schön . Sagen Sie Ihrem Bruder doch , wenn Sie ihn sehen , wie seine Wohlthat mir Segen gebracht hat , ich denke , es muß ihn freuen , wenn er es hört . Ueberall fand ich weiterhin gute Seelen , die sich einer armen alten Mutter annahmen , und so habe ich von seinem Gelde so viel erübrigt , daß ich meinem Aloys eine Kuh kaufen konnte . Und nun lebe ich bei ihm und meinen Enkeln und Urenkeln dort unten im Dorfe . Aber alle Abende steige ich hier herauf , sobald es Vesperzeit wird , im Winter und Sommer , im Regen , im Schnee , im Sonnenschein , nichts hält mich ab , denn ich habe ein Gelübde gethan und das will ich halten , so lange Gott mir die Kräfte verleiht . Hier bete ich immer einen Rosenkranz für meinen Erretter und empfehle ihn dem Schutz aller lieben Heiligen , besonders der heiligen Jungfrau , denn so habe ich es gelobt . Lieber Gott , denke ich , er ist zwar ein Engel an Güte , aber doch ein junger , reicher , vornehmer Herr . Da kann es wohl geschehen , daß solch ein junges Blut mitten im Vergnügen einmal das Beten vergißt , und mein einfältiges Gebet kommt doch aus treuem Herzen , das muß ihm frommen , wo er auch seyn mag . « » Wo er auch seyn mag ! wo er auch seyn mag ! O gute Mutter , vergiß ja nie dein Gelübde und gedenke auch meiner , wenn du für ihn den Himmel anrufst ! « Mit diesen , in hoher Bewegung ausgesprochnen Worten drückte Gabriele der Alten ihr Taschenbuch mit Bankzetteln in die Hand und eilte mit verhülltem Gesicht ihrer Wohnung zu . Jetzt war es ihr unmöglich geworden , noch heute den Abendzirkel zu besuchen , und Frau von Willnangen , der sie mit wenigen Worten das Vorgefallne mittheilte , war auch sehr bereit , sie zu entschuldigen . Allein in ihrem Zimmer gab sie sich ganz den Erinnerungen hin , welche der Anblick jener Frau aufs neue belebt hatte . Jede in Ottokar ' s Nähe verlebte Stunde ging in ihrem Geiste vorüber , vor allen die erste , in der sie ihn sah , ohne ihn nennen zu können , und dann die letzte entscheidende . Die Sonne war untergegangen , tiefe Dämmerung , gemildert durch das Licht des eben aufsteigenden Mondes , erfüllte das Zimmer ; noch immer saß Gabriele sinnend und im Aeußern regungslos da , obgleich sie innerlich bei jedem auch noch so leisem Geräusch zusammenzuckte , denn ihr war als dürfe sie jetzt auch ihn erwarten , ja als müsse Ottokar in der nächsten Sekunde hereintreten , so sehr hatte die Erscheinung der Alten ihr die Vergangenheit zur Gegenwart gemacht . Annette , die schon lange aus dem Nebenzimmer jede Bewegung ihrer jungen Herrin beobachtet hatte , wagte es endlich , sich ihr zu nahen ; mit bittender Geberde legte sie ihr die Harfe in den Arm und kniete dann neben ihr hin . » Gutes Kind ! dein Herz sagt dir , was mir frommt , « sprach Gabriele , indem sie liebkosend ihre Locken berührte . Dann stimmte sie die Harfe und sang ein Lied , welches Allwill ihr einst auf ihre Veranlassung gedichtet hatte . Sie sieht mich nicht ! Ich sehe ewig Sie , Und wenn auch meine Augen einst erblinden , Mein Geist wird dieses theure Bild doch finden , Auch wenn ich dahin flieh , Wo ausglimmt alles Licht . Sie hört mich nicht ! Ich höre ewig Sie ! Von süßen Lippen flossen Geister-Worte , Die mich ergriffen , leise Mollakkorde ; Der Ton erstirbt mir nie , Wenn auch kein Laut mehr spricht . Beklagt mich nicht , Daß ferne , ferne Sie ; Bin ich nicht glücklich , ewig Sie zu lieben ? Mein war Sie , mein für immer ist geblieben , Was Leben mir verlieh Und auch der Tod nicht bricht . Da öffnete sich leise die Thüre , und eine im Dunkel kaum erkennbare weibliche Gestalt trat herein , ein paar Schritte brachten sie näher