, » zuerst die Arme über die Brust und ernsthaft-froh nach oben gesehen , ohne den Blick zu verwenden . « Er gehorchte , doch rief er bald : » Dies gefällt mir nicht sonderlich , ich sehe ja nichts da droben ; dauert es lange ? Doch ja ! « rief er freudig , » ein paar Habichte fliegen von Westen nach Osten ; das ist wohl ein gutes Zeichen ? « - » Wienach du ' s aufnimmst , je nachdem du dich beträgst « , versetzte jener ; » jetzt mische dich unter sie , wie sie sich mischen . « Er gab ein Zeichen , die Kinder verließen ihre Stellung , ergriffen ihre Beschäftigung oder spielten wie vorher . » Mögen und können Sie mir « , sagte Wilhelm darauf , » das , was mich hier in Verwunderung setzt , erklären ? Ich sehe wohl , daß diese Gebärden , diese Stellungen Grüße sind , womit man Sie empfängt . « - » Ganz richtig « , versetzte jener , » Grüße , die mir sogleich andeuten , auf welcher Stufe der Bildung ein jeder dieser Knaben steht . « » Dürfen Sie mir aber « , versetzte Wilhelm , » die Bedeutung des Stufengangs wohl erklären ? denn daß es einer sei , läßt sich wohl einsehen . « - » Dies gebührt Höheren , als ich bin « , antwortete jener ; » so viel aber kann ich versichern , daß es nicht leere Grimassen sind , daß vielmehr den Kindern zwar nicht die höchste , aber doch eine leitende , faßliche Bedeutung überliefert wird ; zugleich aber ist jedem geboten , für sich zu behalten und zu hegen , was man ihm als Bescheid zu erteilen für gut findet ; sie dürfen weder mit Fremden noch unter einander selbst darüber schwatzen , und so modifiziert sich die Lehre hundertfältig . Außerdem hat das Geheimnis sehr große Vorteile : denn wenn man dem Menschen gleich und immer sagt , worauf alles ankommt , so denkt er , es sei nichts dahinter . Gewissen Geheimnissen , und wenn sie offenbar wären , muß man durch Verhüllen und Schweigen Achtung erweisen , denn dieses wirkt auf Scham und gute Sitten . « - » Ich verstehe Sie « , versetzte Wilhelm , » warum sollten wir das , was in körperlichen Dingen so nötig ist , nicht auch geistig anwenden ? Vielleicht aber können Sie in einem andern Bezug meine Neugierde befriedigen . Die große Mannigfaltigkeit in Schnitt und Farbe der Kleider fällt mir auf , und doch seh ' ich nicht alle Farben , aber einige in allen ihren Abstufungen , vom Hellsten bis zum Dunkelsten . Doch bemerke ich , daß hier keine Bezeichnung der Stufen irgendeines Alters oder Verdienstes gemeint sein kann , indem die kleinsten und größten Knaben untermischt so an Schnitt als Farbe gleich sein können , aber die von gleichen Gebärden im Gewand nicht miteinander übereinstimmen . « - » Auch was dies betrifft « , versetzte der Begleitende , » darf ich mich nicht weiter auslassen ; doch müßte ich mich sehr irren , oder Sie werden über alles , wie Sie nur wünschen mögen , aufgeklärt von uns scheiden . « Man verfolgte nunmehr die Spur des Obern , welche man gefunden zu haben glaubte ; nun aber mußte dem Fremdling notwendig auffallen , daß , je weiter sie ins Land kamen , ein wohllautender Gesang ihnen immer mehr entgegentönte . Was die Knaben auch begannen , bei welcher Arbeit man sie auch fand , immer sangen sie , und zwar schienen es Lieder jedem Geschäft besonders angemessen und in gleichen Fällen überall dieselben . Traten mehrere Kinder zusammen , so begleiteten sie sich wechselsweise ; gegen Abend fanden sich auch Tanzende , deren Schritte durch Chöre belebt und geregelt wurden . Felix stimmte vom Pferde herab mit ein , und zwar nicht ganz unglücklich , Wilhelm vergnügte sich so an dieser die Gegend belebenden Unterhaltung . » Wahrscheinlich « , so sprach er zu seinem Gefährten , » wendet man viele Sorgfalt auf solchen Unterricht , denn sonst könnte diese Geschicklichkeit nicht so weit ausgebreitet und so vollkommen ausgebildet sein . « - » Allerdings « , versetzte jener , » bei uns ist der Gesang die erste Stufe der Bildung , alles andere schließt sich daran und wird dadurch vermittelt . Der einfachste Genuß sowie die einfachste Lehre werden bei uns durch Gesang belebt und eingeprägt , ja selbst was wir überliefern von Glaubens- und Sittenbekenntnis , wird auf dem Wege des Gesanges mitgeteilt ; andere Vorteile zu selbsttätigen Zwecken verschwistern sich sogleich : denn indem wir die Kinder üben , Töne , welche sie hervorbringen , mit Zeichen auf die Tafel schreiben zu lernen und nach Anlaß dieser Zeichen sodann in ihrer Kehle wiederzufinden , ferner den Text darunterzufügen , so üben sie zugleich Hand , Ohr und Auge und gelangen schneller zum Recht- und Schönschreiben , als man denkt , und da dieses alles zuletzt nach reinen Maßen , nach genau bestimmten Zahlen ausgeübt und nachgebildet werden muß , so fassen sie den hohen Wert der Meß- und Rechenkunst viel geschwinder als auf jede andere Weise . Deshalb haben wir denn unter allem Denkbaren die Musik zum Element unserer Erziehung gewählt , denn von ihr laufen gleichgebahnte Wege nach allen Seiten . « Wilhelm suchte sich noch weiter zu unterrichten und verbarg seine Verwunderung nicht , daß er gar keine Instrumentalmusik vernehme . » Diese wird bei uns nicht vernachlässigt « , versetzte jener , » aber in einen besondern Bezirk , in das anmutigste Bergtal , eingeschlossen geübt ; und da ist denn wieder dafür gesorgt , daß die verschiedenen Instrumente in auseinanderliegenden Ortschaften gelehrt werden . Besonders die Mißtöne der Anfänger sind in gewisse Einsiedeleien verwiesen , wo sie niemand zur Verzweiflung bringen : denn Ihr werdet selbst gestehen , daß in der wohleingerichteten bürgerlichen Gesellschaft kaum ein trauriger Leiden zu dulden sei , als das uns die Nachbarschaft eines angehenden Flöten- oder Violinspielers aufdringt . Unsere Anfänger gehen , aus eigener löblicher Gesinnung , niemand lästig sein zu wollen , freiwillig länger oder kürzer in die Wüste und beeifern sich , abgesondert , um das Verdienst , der bewohnten Welt nähertreten zu dürfen , weshalb jedem von Zeit zu Zeit ein Versuch , heranzutreten , erlaubt wird , der selten mißlingt , weil wir Scham und Scheu bei dieser wie bei unsern übrigen Einrichtungen gar wohl hegen und pflegen dürfen . Daß Eurem Sohn eine glückliche Stimme geworden , freut mich innigst , für das übrige sorgt sich um desto leichter . « Nun waren sie zu einem Ort gelangt , wo Felix verweilen und sich an der Umgebung prüfen sollte , bis man zur förmlichen Aufnahme geneigt wäre ; schon von weitem hörten sie einen freudigen Gesang ; es war ein Spiel , woran sich die Knaben in der Feierstunde diesmal ergötzten . Ein allgemeiner Chorgesang erscholl , wozu jedes Glied eines weiten Kreises freudig , klar und tüchtig an seinem Teile zustimmte , den Winken des Regelnden gehorchend . Dieser überraschte jedoch öfters die Singenden , indem er durch ein Zeichen den Chorgesang aufhob und irgendeinen einzelnen Teilnehmenden , ihn mit dem Stäbchen berührend , aufforderte , sogleich allein ein schickliches Lied dem verhallenden Ton , dem vorschwebenden Sinne anzupassen . Schon zeigten die meisten viel Gewandtheit , einige , denen das Kunststück mißlang , gaben ihr Pfand willig hin , ohne gerade ausgelacht zu werden . Felix war Kind genug , sich gleich unter sie zu mischen , und zog sich noch so leidlich aus der Sache . Sodann ward ihm jener erste Gruß zugeeignet ; er legte sogleich die Hände auf die Brust , blickte aufwärts , und zwar mit so schnackischer Miene , daß man wohl bemerken konnte , ein geheimer Sinn dabei sei ihm noch nicht aufgegangen . Der angenehme Ort , die gute Aufnahme , die muntern Gespielen , alles gefiel dem Knaben so wohl , daß es ihm nicht sonderlich wehe tat , seinen Vater abreisen zu sehen ; fast blickte er dem weggeführten Pferde schmerzlicher nach ; doch ließ er sich bedeuten , da er vernahm , daß er es im gegenwärtigen Bezirk nicht behalten könne ; man versprach ihm dagegen , er solle , wo nicht dasselbe , doch ein gleiches , munter und wohlgezogen , unerwartet wiederfinden . Da sich der Obere nicht erreichen ließ , sagte der Aufseher : » Ich muß Euch nun verlassen , meine Geschäfte zu verfolgen ; doch will ich Euch zu den Dreien bringen , die unsern Heiligtümern vorstehen , Euer Brief ist auch an sie gerichtet , und sie zusammen stellen den Obern vor . « Wilhelm hätte gewünscht , von den Heiligtümern im voraus zu vernehmen , jener aber versetzte : » Die Dreie werden Euch , zu Erwiderung des Vertrauens , daß Ihr uns Euren Sohn überlaßt , nach Weisheit und Billigkeit gewiß das Nötigste eröffnen . Die sichtbaren Gegenstände der Verehrung , die ich Heiligtümer nannte , sind in einen besondern Bezirk eingeschlossen , werden mit nichts gemischt , durch nichts gestört ; nur zu gewissen Zeiten des Jahrs läßt man die Zöglinge , den Stufen ihrer Bildung gemäß , dort eintreten , um sie historisch und sinnlich zu belehren , da sie denn genugsamen Eindruck mit wegnehmen , um , bei Ausübung ihrer Pflicht , eine Zeitlang daran zu zehren . « Nun stand Wilhelm am Tor eines mit hohen Mauern umgebenen Talwaldes ; auf ein gewisses Zeichen eröffnete sich die kleine Pforte , und ein ernster , ansehnlicher Mann empfing unsern Freund . Dieser fand sich in einem großen , herrlich grünenden Raum , von Bäumen und Büschen vielerlei Art beschattet , kaum daß er stattliche Mauern und ansehnliche Gebäude durch diese dichte und hohe Naturpflanzung hindurch bemerken konnte ; ein freundlicher Empfang von den Dreien , die sich nach und nach herbeifanden , löste sich endlich in ein Gespräch auf , wozu jeder das Seinige beitrug , dessen Inhalt wir jedoch in der Kürze zusammenfassen . » Da Ihr uns Euren Sohn vertraut « , sagten sie , » sind wir schuldig , Euch tiefer in unser Verfahren hineinblicken zu lassen . Ihr habt manches Äußerliche gesehen , welches nicht sogleich sein Verständnis mit sich führt ; was davon wünscht Ihr vor allem aufgeschlossen ? « » Anständige , doch seltsame Gebärden und Grüße hab ' ich bemerkt , deren Bedeutung ich zu erfahren wünschte ; bei euch bezieht sich gewiß das Äußere auf das Innere , und umgekehrt ; laßt mich diesen Bezug erfahren . « » Wohlgeborne , gesunde Kinder « , versetzten jene , » bringen viel mit ; die Natur hat jedem alles gegeben , was er für Zeit und Dauer nötig hätte ; dieses zu entwickeln , ist unsere Pflicht , öfters entwickelt sich ' s besser von selbst . Aber eins bringt niemand mit auf die Welt , und doch ist es das , worauf alles ankommt , damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei . Könnt Ihr es selbst finden , so sprecht es aus . « Wilhelm bedachte sich eine kurze Zeit und schüttelte sodann den Kopf . Jene , nach einem anständigen Zaudern , riefen : » Ehrfurcht ! « Wilhelm stutzte . » Ehrfurcht ! « hieß es wiederholt . » Allen fehlt sie , vielleicht Euch selbst . Dreierlei Gebärde habt Ihr gesehen , und wir überliefern eine dreifache Ehrfurcht , die , wenn sie zusammenfließt und ein Ganzes bildet , erst ihre höchste Kraft und Wirkung erreicht . Das erste ist Ehrfurcht vor dem , was über uns ist . Jene Gebärde , die Arme kreuzweis über die Brust , einen freudigen Blick gen Himmel , das ist , was wir unmündigen Kindern auflegen und zugleich das Zeugnis von ihnen verlangen , daß ein Gott da droben sei , der sich in Eltern , Lehrern , Vorgesetzten abbildet und offenbart . Das zweite : Ehrfurcht vor dem , was unter uns ist . Die auf den Rücken gefalteten , gleichsam gebundenen Hände , der gesenkte , lächelnde Blick sagen , daß man die Erde wohl und heiter zu betrachten habe ; sie gibt Gelegenheit zur Nahrung ; sie gewährt unsägliche Freuden ; aber unverhältnismäßige Leiden bringt sie . Wenn einer sich körperlich beschädigte , verschuldend oder unschuldig , wenn ihn andere vorsätzlich oder zufällig verletzten , wenn das irdische Willenlose ihm ein Leid zufügte , das bedenk ' er wohl : denn solche Gefahr begleitet ihn sein Leben lang . Aber aus dieser Stellung befreien wir unsern Zögling baldmöglichst , sogleich wenn wir überzeugt sind , daß die Lehre dieses Grads genugsam auf ihn gewirkt habe ; dann aber heißen wir ihn sich ermannen , gegen Kameraden gewendet nach ihnen sich richten . Nun steht er strack und kühn , nicht etwa selbstisch vereinzelt ; nur in Verbindung mit seinesgleichen macht er Fronte gegen die Welt . Weiter wüßten wir nichts hinzuzufügen . « » Es leuchtet mir ein ! « versetzte Wilhelm ; » deswegen liegt die Menge wohl so im argen , weil sie sich nur im Element des Mißwollens und Mißredens behagt ; wer sich diesem überliefert , verhält sich gar bald gegen Gott gleichgültig , verachtend gegen die Welt , gegen seinesgleichen gehässig ; das wahre , echte , unentbehrliche Selbstgefühl aber zerstört sich in Dünkel und Anmaßung . Erlauben Sie mir dessenungeachtet « , fuhr Wilhelm fort , » ein einziges einzuwenden : Hat man nicht von jeher die Furcht roher Völker vor mächtigen Naturerscheinungen und sonst unerklärlichen , ahnungsvollen Ereignissen für den Keim gehalten , woraus ein höheres Gefühl , eine reinere Gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte ? « Hierauf erwiderten jene : » Der Natur ist Furcht wohl gemäß , Ehrfurcht aber nicht ; man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges Wesen , der Starke sucht es zu bekämpfen , der Schwache zu vermeiden , beide wünschen es loszuwerden und fühlen sich glücklich , wenn sie es auf kurze Zeit beseitigt haben , wenn ihre Natur sich zur Freiheit und Unabhängigkeit einigermaßen wieder herstellte . Der natürliche Mensch wiederholt diese Operation millionenmal in seinem Leben , von der Furcht strebt er zur Freiheit , aus der Freiheit wird er in die Furcht getrieben und kommt um nichts weiter . Sich zu fürchten ist leicht , aber beschwerlich ; Ehrfurcht zu hegen ist schwer , aber bequem . Ungern entschließt sich der Mensch zur Ehrfurcht , oder vielmehr entschließt sich nie dazu ; es ist ein höherer Sinn , der seiner Natur gegeben werden muß und der sich nur bei besonders Begünstigten aus sich selbst entwickelt , die man auch deswegen von jeher für Heilige , für Götter gehalten . Hier liegt die Würde , hier das Geschäft aller echten Religionen , deren es auch nur dreie gibt , nach den Objekten , gegen welche sie ihre Andacht wenden . « Die Männer hielten inne , Wilhelm schwieg eine Weile nachdenkend ; da er in sich aber die Anmaßung nicht fühlte , den Sinn jener sonderbaren Worte zu deuten , so bat er die Würdigen , in ihrem Vortrage fortzufahren , worin sie ihm denn auch sogleich willfahrten . » Keine Religion « , sagten sie , » die sich auf Furcht gründet , wird unter uns geachtet . Bei der Ehrfurcht , die der Mensch in sich walten läßt , kann er , indem er Ehre gibt , seine Ehre behalten , er ist nicht mit sich selbst veruneint wie in jenem Falle . Die Religion , welche auf Ehrfurcht vor dem , was über uns ist , beruht , nennen wir die ethnische , es ist die Religion der Völker und die erste glückliche Ablösung von einer niedern Furcht ; alle sogenannten heidnischen Religionen sind von dieser Art , sie mögen übrigens Namen haben , wie sie wollen . Die zweite Religion , die sich auf jene Ehrfurcht gründet , die wir vor dem haben , was uns gleich ist , nennen wir die philosophische : denn der Philosoph , der sich in die Mitte stellt , muß alles Höhere zu sich herab , alles Niedere zu sich herauf ziehen , und nur in diesem Mittelzustand verdient er den Namen des Weisen . Indem er nun das Verhältnis zu seinesgleichen und also zur ganzen Menschheit , das Verhältnis zu allen übrigen irdischen Umgebungen , notwendigen und zufälligen , durchschaut , lebt er im kosmischen Sinne allein in der Wahrheit . Nun ist aber von der dritten Religion zu sprechen , gegründet auf die Ehrfurcht vor dem , was unter uns ist ; wir nennen sie die christliche , weil sich in ihr eine solche Sinnesart am meisten offenbart ; es ist ein Letztes , wozu die Menschheit gelangen konnte und mußte . Aber was gehörte dazu , die Erde nicht allein unter sich liegen zu lassen und sich auf einen höhern Geburtsort zu berufen , sondern auch Niedrigkeit und Armut , Spott und Verachtung , Schmach und Elend , Leiden und Tod als göttlich anzuerkennen , ja Sünde selbst und Verbrechen nicht als Hindernisse , sondern als Fördernisse des Heiligen zu verehren und liebzugewinnen . Hievon finden sich freilich Spuren durch alle Zeiten , aber Spur ist nicht Ziel , und da dieses einmal erreicht ist , so kann die Menschheit nicht wieder zurück , und man darf sagen , daß die christliche Religion , da sie einmal erschienen ist , nicht wieder verschwinden kann , da sie sich einmal göttlich verkörpert hat , nicht wieder aufgelöst werden mag . « » Zu welcher von diesen Religionen bekennt ihr euch denn insbesondere ? « sagte Wilhelm . » Zu allen dreien « , erwiderten jene ; » denn sie zusammen bringen eigentlich die wahre Religion hervor ; aus diesen drei Ehrfurchten entspringt die oberste Ehrfurcht , die Ehrfurcht vor sich selbst , und jene entwickeln sich abermals aus dieser , so daß der Mensch zum Höchsten gelangt , was er zu erreichen fähig ist , daß er sich selbst für das Beste halten darf , was Gott und Natur hervorgebracht haben , ja , daß er auf dieser Höhe verweilen kann , ohne durch Dünkel und Selbstheit wieder ins Gemeine gezogen zu werden . « » Ein solches Bekenntnis , auf diese Weise entwickelt , befremdet mich nicht « , versetzte Wilhelm , » es kommt mit allem überein , was man im Leben hie und da vernimmt , nur daß euch dasjenige vereinigt , was andere trennt . « Hierauf versetzten jene : » Schon wird dieses Bekenntnis von einem großen Teil der Welt ausgesprochen , doch unbewußt . « » Wie denn und wo ? « fragte Wilhelm . » Im Credo ! « riefen jene laut ; » denn der erste Artikel ist ethnisch und gehört allen Völkern ; der zweite christlich , für die mit Leiden Kämpfenden und in Leiden Verherrlichten ; der dritte zuletzt lehrt eine begeisterte Gemeinschaft der Heiligen , welches heißt : der im höchsten Grad Guten und Weisen . Sollten daher die drei göttlichen Personen , unter deren Gleichnis und Namen solche Überzeugungen und Verheißungen ausgesprochen sind , nicht billigermaßen für die höchste Einheit gelten ? « » Ich danke « , versetzte jener , » daß ihr mir dieses , als einem Erwachsenen , dem die drei Sinnesarten nicht fremd sind , so klar und zusammenhängend aussprechen wollen , und wenn ich nun zurückdenke , daß ihr den Kindern diese hohe Lehre erst als sinnliches Zeichen , dann mit einigem symbolischen Anklang überliefert und zuletzt die oberste Deutung ihnen entwickelt , so muß ich es höchlich billigen . « » Ganz richtig « , erwiderten jene ; » nun aber müßt Ihr noch mehr erfahren , damit Ihr Euch überzeugt , daß Euer Sohn in den besten Händen sei . Doch dies Geschäft bleibe für die Morgenstunden ; ruht aus und erquickt Euch , damit Ihr uns , vergnügt und vollkommen menschlich , morgen früh in das Innere folgen könnt . « Zweites Kapitel An der Hand des Ältesten trat nun unser Freund durch ein ansehnliches Portal in eine runde oder vielmehr achteckige Halle , die mit Gemälden so reichlich ausgeziert war , daß sie den Ankömmling in Erstaunen setzte . Er begriff leicht , daß alles , was er erblickte , einen bedeutenden Sinn haben müßte , ob er sich gleich denselben nicht so geschwind entziffern konnte . Er war eben im Begriff , seinen Begleiter deshalb zu befragen , als dieser ihn einlud , seitwärts in eine Galerie zu treten , die , an der einen Seite offen , einen geräumigen , blumenreichen Garten umgab . Die Wand zog jedoch mehr als dieser heitre , natürliche Schmuck die Augen an sich : denn sie war durchaus gemalt , und der Ankömmling konnte nicht lange daran hergehen , ohne zu bemerken , daß die heiligen Bücher der Israeliten den Stoff zu diesen Bildern geliefert hatten . » Es ist hier « , sagte der Älteste , » wo wir diejenige Religion überliefern , die ich Euch der Kürze wegen die ethnische genannt habe . Der Gehalt derselben findet sich in der Weltgeschichte , so wie die Hülle derselben in den Begebenheiten . An der Wiederkehr der Schicksale ganzer Völker wird sie eigentlich begriffen . « » Ihr habt « , sagte Wilhelm , » wie ich sehe , dem israelitischen Volke die Ehre erzeigt und seine Geschichte zum Grunde dieser Darstellung gelegt , oder vielmehr ihr habt sie zum Hauptgegenstande derselben gemacht . « - » Wie Ihr seht « , versetzte der Alte ; » denn Ihr werdet bemerken , daß in den Sockeln und Friesen nicht sowohl synchronistische als symphronistische Handlungen und Begebenheiten aufgeführt sind , indem unter allen Völkern gleichbedeutende und Gleiches deutende Nachrichten vorkommen . So erblickt Ihr hier , wenn in dem Hauptfelde Abraham von seinen Göttern in der Gestalt schöner Jünglinge besucht wird , den Apoll unter den Hirten Admets oben in der Friese ; woraus wir lernen können , daß , wenn die Götter den Menschen erscheinen , sie gewöhnlich unerkannt unter ihnen wandeln . « Die Betrachtenden schritten weiter . Wilhelm fand meistens bekannte Gegenstände , jedoch lebhafter und bedeutender vorgetragen , als er sie sonst zu sehen gewohnt war . Über weniges bat er sich einige Erklärung aus ; wobei er sich nicht enthalten konnte , nochmals zu fragen , warum man die israelitische Geschichte vor allen andern gewählt . Hierauf antwortete der Älteste : » Unter allen heidnischen Religionen , denn eine solche ist die israelitische gleichfalls , hat diese große Vorzüge wovon ich nur einiger erwähnen will . Vor dem ethnischen Richterstuhle , vor dem Richterstuhl des Gottes der Völker , wird nicht gefragt , ob es die beste , die vortrefflichste Nation sei , sondern nur , ob sie daure , ob sie sich erhalten habe . Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt , wie es ihm seine Anführer , Richter , Vorsteher , Propheten tausendmal vorgeworfen haben ; es besitzt wenig Tugenden und die meisten Fehler anderer Völker ; aber an Selbstständigkeit , Festigkeit , Tapferkeit und , wenn alles das nicht mehr gilt , an Zäheit sucht es seinesgleichen . Es ist das beharrlichste Volk der Erde , es ist , es war , es wird sein , um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen . Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt , als Hauptbild , dem die andern nur zum Rahmen dienen . « » Es ziemt sich nicht , mit Euch zu rechten « , versetzte Wilhelm , » da Ihr mich zu belehren imstande seid . Eröffnet mir daher noch die übrigen Vorteile dieses Volks , oder vielmehr seiner Geschichte , seiner Religion . « - » Ein Hauptvorteil « , versetzte jener , » ist die treffliche Sammlung ihrer heiligen Bücher . Sie stehen so glücklich beisammen , daß aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganze entgegentritt . Sie sind vollständig genug , um zu befriedigen , fragmentarisch genug , um anzureizen ; hinlänglich barbarisch , um aufzufordern , hinlänglich zart , um zu besänftigen ; und wie manche andere entgegengesetzte Eigenschaften sind an diesen Büchern , an diesem Buche zu rühmen ! « Die Folge der Hauptbilder sowohl als die Beziehung der kleinern , die sie oben und unten begleiteten , gab dem Gast so viel zu denken , daß er kaum auf die bedeutenden Bemerkungen hörte , wodurch der Begleiter mehr seine Aufmerksamkeit abzulenken als an die Gegenstände zu fesseln schien . Indessen sagte jener bei Gelegenheit : » Noch einen Vorteil der israelitischen Religion muß ich hier erwähnen : daß sie ihren Gott in keine Gestalt verkörpert und uns also die Freiheit läßt , ihm eine würdige Menschengestalt zu geben , auch im Gegensatz die schlechte Abgötterei durch Tier- und Untiergestalten zu bezeichnen . « Unser Freund hatte sich nunmehr auf einer kurzen Wanderung durch diese Hallen die Weltgeschichte wieder vergegenwärtigt ; es war ihm einiges neu in Absicht auf die Begebenheit . So waren ihm durch Zusammenstellung der Bilder , durch die Reflexionen seines Begleiters manche neue Ansichten entsprungen , und er freute sich , daß Felix durch eine so würdige sinnliche Darstellung sich jene großen , bedeutenden , musterhaften Ereignisse für sein ganzes Leben als wirklich , und als wenn sie neben ihm lebendig gewesen wären , zueignen sollte . Er betrachtete diese Bilder zuletzt nur aus den Augen des Kindes , und in diesem Sinne war er vollkommen damit zufrieden ; und so waren die Wandelnden zu den traurigen , verworrenen Zeiten und endlich zu dem Untergang der Stadt und des Tempels , zum Morde , zur Verbannung , zur Sklaverei ganzer Massen dieser beharrlichen Nation gelangt . Ihre nachherigen Schicksale waren auf eine kluge Weise allegorisch vorgestellt , da eine historische , eine reale Darstellung derselben außer den Grenzen der edlen Kunst liegt . Hier war die bisher durchwanderte Galerie auf einmal abgeschlossen , und Wilhelm war verwundert , sich schon am Ende zu sehen . » Ich finde « , sagte er zu seinem Führer , » in diesem Geschichtsgang eine Lücke . Ihr habt den Tempel Jerusalems zerstört und das Volk zerstreut , ohne den göttlichen Mann aufzuführen , der kurz vorher daselbst noch lehrte , dem sie noch kurz vorher kein Gehör geben wollten . « » Dies zu tun , wie Ihr es verlangt , wäre ein Fehler gewesen . Das Leben dieses göttlichen Mannes , den Ihr bezeichnet , steht mit der Weltgeschichte seiner Zeit in keiner Verbindung . Es war ein Privatleben , seine Lehre eine Lehre für die Einzelnen . Was Völkermassen und ihren Gliedern öffentlich begegnet , gehört der Weltgeschichte , der Weltreligion , welche wir für die erste halten . Was dem Einzelnen innerlich begegnet , gehört zur zweiten Religion , zur Religion der Weisen : eine solche war die , welche Christus lehrte und übte , solange er auf der Erde umherging . Deswegen ist hier das Äußere abgeschlossen , und ich eröffne Euch nun das Innere . « Eine Pforte tat sich auf , und sie traten in eine ähnliche Galerie , wo Wilhelm sogleich die Bilder der zweiten heiligen Schriften erkannte . Sie schienen von einer andern Hand zu sein als die ersten : alles war sanfter , Gestalten , Bewegungen , Umgebung , Licht und Färbung . » Ihr seht « , sagte der Begleiter , nachdem sie an einem Teil der Bilder vorübergegangen waren , » hier weder Taten noch Begebenheiten , sondern Wunder und Gleichnisse . Es ist hier eine neue Welt , ein neues Äußere , anders als das vorige , und ein Inneres , das dort ganz fehlt . Durch Wunder und Gleichnisse wird eine neue Welt aufgetan . Jene machen das Gemeine außerordentlich , diese das Außerordentliche gemein . « - » Ihr werdet die Gefälligkeit haben « , versetzte Wilhelm , » mir diese wenigen Worte umständlicher auszulegen : denn ich fühle mich nicht geschickt , es selbst zu tun . « - » Sie haben einen natürlichen Sinn « , versetzte jener , » obgleich einen tiefen . Beispiele werden ihn am geschwindesten aufschließen . Es ist nichts gemeiner und gewöhnlicher als Essen und Trinken ; außerordentlich dagegen , einen Trank zu veredeln , eine Speise zu vervielfältigen , daß sie für eine Unzahl hinreiche . Es ist nichts gewöhnlicher als Krankheit und körperliche Gebrechen ; aber diese durch geistige oder geistigen ähnliche Mittel aufheben , lindern ist außerordentlich , und eben daher entsteht das Wunderbare des Wunders , daß das Gewöhnliche und das Außerordentliche , das Mögliche und das Unmögliche eins werden . Bei dem Gleichnisse , bei der Parabel ist das Umgekehrte : hier ist der Sinn , die Einsicht , der Begriff das Hohe , das Außerordentliche , das Unerreichbare . Wenn dieser sich in einem gemeinen , gewöhnlichen , faßlichen Bilde verkörpert , so daß er uns als lebendig , gegenwärtig , wirklich entgegentritt , daß wir ihn uns zueignen , ergreifen , festhalten , mit ihm wie mit unsersgleichen umgehen können , das ist denn auch eine zweite Art von Wunder und wird billig zu jenen ersten gesellt , ja vielleicht ihnen noch vorgezogen . Hier ist die lebendige Lehre ausgesprochen , die Lehre , die keinen Streit erregt ; es ist keine Meinung über das , was Recht oder Unrecht ist ; es ist das Rechte oder Unrechte unwidersprechlich selbst . « Dieser Teil der Galerie war kürzer , oder vielmehr es war nur der vierte Teil der Umgebung des innern Hofes . Wenn man jedoch an dem ersten nur vorbeiging , so verweilte man hier gern ; man ging gern hier auf und ab . Die Gegenstände waren nicht so auffallend , nicht so mannigfaltig ; aber desto einladender , den tiefen , stillen Sinn derselben zu