, aber überwinden Sie , um völlig einheimisch in ihm zu werden , die Abneigung gegen Augusten , die - wenn sie auch einst in ihrer Strenge zu weit ging - doch nur die beste Absicht hatte , die ja so oft menschlichen Irrthümern zum Grunde liegt . Dann werden wir Alle Ihr Hinzutreten zu uns als einen Gewinn betrachten , der aus Ihrer Bekanntschaft sich entwickelte , und ohne Blick und Urtheil von außen , ohne den Vorwurf des inneren Richters zu scheuen , der auch das Verborgene prüft , dürfen wir Theil an einander nehmen , und uns freuen , daß wir einander fanden , um uns nie wieder zu verlieren . Und sollte der schöne Beruf , dem Sie Sich widmen , die Unabhängigkeit des Vaterlandes vertheidigen zu wollen , Sie früher als sich dieser freundlich von mir entworfene Plan realisiren läßt , auf die Bahn kriegerischer Thätigkeit rufen - sollte - denn dunkel ist die Zukunft - der blutige Lorbeer , den Sie zu brechen Sich sehnen , nur fallend Ihnen werden , mit Ihrem Tode erkauft - dann - o Alexander ! das Leben ist vergänglich , aber ewig bleibend das Höhere in der menschlichen Brust - dann wird Ihre Freundin , Ihre Schwester Ihnen für den Rest der eigenen Tage , und noch weiter hinaus , ein treues und inniges Andenken bewahren . XII In der tiefsten Bewegung las Alexander diese Zeilen . Dann , in seine Loge zurückkehrend , und versunken in das Meer der vielfach in ihm aufgeregten Gefühle sich in einem Winkel derselben niedersetzend , ging das Geräusch um ihn her ihm verloren ; denn es vermochte nicht seinen inneren Sinn zu berühren , da seine ganze Seele sich in den Gedanken an Erna und in ihren Anblick versenkt hatte . Da saß sie ihm gegenüber , ruhig , streng , mit Würde sich behauptend , und in dem so leise athmenden Busen nagte verheerend jede Lebenskraft , der Wurm der Hoffnungslosigkeit , der Reue , der umsonst bekämpften Liebe . So wenigstens erklärte er sich den Geist ihres Briefs , der zugleich ihr Gemüth ihm aufschloß . Schon hienieden durch tausend Schmerzensstunden zum fleckenlosen Engel verklärt , konnte er sie nicht ohne einen leisen , aber jedes Gefühl veredelnden Schauer betrachten , und doch sprach seine Sehnsucht glühender wie jemals , und die Welt schien ohne sie ihm ein weites Grab . In ihrem Anschauen vertieft , das selbst bei dem Erbleichen ihrer sonst so strahlenden Schönheit durch den magischen Geist so anziehend war , der tief , doch still aus dem Innersten ins Innerste drang , überraschte es ihn , plötzlich mitten in der Vorstellung die Thüre ihrer Loge öffnen und ihr ein Billet überreichen zu sehen , das offenbar eine große Sensation bewirkte . Erna hatte es nämlich kaum gelesen , als sie aufstand , einige Worte zu ihren Nachbarinnen sprach und dann in ihren Shawl sich hüllend verschwand . Welche Ungeduld brannte in Alexander ' s Seele , ehe er erfuhr , ob eine Sendung trauriger oder gleichgültiger Art sie abgerufen . Waren ihre Kinder vielleicht plötzlich erkrankt ? - Aber nein - dann würde die Ruhe , mit der sie schied , ihr nicht treu geblieben seyn ; denn in der Mutterliebe verrieth ihr fest beherrschtes Wesen ja einzig , daß sie auch durch leidenschaftliche Hingebung an das Leben geknüpft sei . Sobald es mit einiger Schicklichkeit geschehen konnte , ohne sich allzusehr das Ansehen einer unberufenen Neugierde zu geben , trat Alexander in den Kreis , der mit ihrer Entfernung allen seinen Zauber verloren hatte , und indem er , den vor Augen gehabten Vorgang ignorirend , sich an die Gräfin wandte , fragte er , ob Frau von Linovsky vielleicht nicht wohl geworden sei , da er sie nicht mehr an ihrer Seite erblicke . Ach nein , versetzte diese lächelnd , ihr ist ganz wohl , und ich kann mich unmöglich überwinden , das , was ihr begegnet ist , zu den Unannehmlichkeiten zu zählen , die uns zuweilen die üble Laune des Schicksals bietet . Ihr Herr und Gemahl benachrichtigte sie in einem Billet von der Ankunft eines Courriers , der ihn von Seiten seines Souverains nach * * * * zum Congreß bescheidet , und schon diese Nacht auf unbestimmte Zeit abzureisen zwingt . Um daher noch der Ehegenossin die gehörigen Verhaltungsregeln vorzuschreiben , vielleicht ihren Kerker noch enger zu umgränzen , als da , wo sein Despotenauge seine Schranken bewacht , berief er sie schnurstracks nach Hause . Ich wünsche ihm im Geiste eine glückliche Reise , und hoffe , man werde die gleichsam bisher von einem Drachen bewachte Dulderin nun endlich einmal in seiner Abwesenheit genießen dürfen . Diese Nachricht that Alexandern wohl ; denn nicht ohne bitteren Neid und Groll vermochte er auf Erna ' s reinem Hausaltare Linovsky ' n als den Götzen zu erblicken , der jedes Opfer der Aufmerksamkeit und Unterwürfigkeit als ein Recht foderte , oder als eine Pflicht in Anspruch nahm . Er verließ das Schauspielhaus ; denn dunkle Entwürfe , Pläne und Träume drängten sich in ihm , und winkten ihn aus den Disharmonieen , die jetzt selbst der Wohllaut für ihn bildete , hinaus in die Einsamkeit des nächtlichen Dunkels . Er rannte , ohne sich selbst klar bewußt zu seyn , was eigentlich in ihm vorging , durch einige Straßen , und blieb vor dem Hause stehen , in welchem Linovsky ' s diplomatisches Büreau sich befand . Alles war hell erleuchtet , und drinnen in der größten Thätigkeit begriffen . Ob diese Mauern auch sie umschlossen - er wußte es nicht - aber eine ganz eigene Gewalt hielt ihn fest , und er blieb gegenüber in einer Vertiefung stehen , um die Dinge , die da kommen sollten , abzuwarten . Da wurde der Reisewagen herausgeschoben . Daß du ihn nimmer zurückbringen möchtest ! war der christliche Wunsch , mit welchem Alexander ihn begrüßte , und mit einer unbeschreiblichen inneren Genugthuung sah er die schweren Koffer hinaufheben , die dem Anschein nach die Bürgschaft einer langen Entfernung übernahmen . Jetzt fuhr auch Erna ' s Wagen vor . Kutscher und Bediente , ihre Herrschaft erwartend , unterhielten sich von den neuesten Begebenheiten , und flüsterten einander unverhohlen die Freude zu , nun eine Zeitlang des strengen Regiments ihres Haustyrannen entrückt , und der milden Obhut der gnädigen Frau übergeben zu werden . Es machte ihm Vergnügen , Linovsky ' n auch hier nicht geliebt zu sehen ; denn gern hätte er die an Haß gränzende Abneigung , die er selbst gegen ihn empfand , in jeder anderen menschlichen Brust als ein Echo seiner eigenen Gesinnung angetroffen . Endlich , nach langem Zögern , öffnete sich die Hausthür . Erna , von ihrem Gemahl begleitet , trat heraus . Die letzten Worte des Abschieds , die er zu ihr sprach , klangen fast wie Verweise oder Befehle . Sie erwiederte wenig . Nur unmerklich neigte sie sich dem Kuß entgegen , mit dem er sein Lebewohl begleitete . Das Geräusch der kommenden Postpferde verschlang den Rest der Unterhaltung - sie stieg ein - und es war Alexandern , als falle ein Centner von seiner Brust , als er durch die sternenhelle Nacht sie dahinfahren sah . XIII Es war am anderen Tag Alexander ' s Absicht keineswegs , sogleich , ohne alle dem Zartgefühl wohl anstehende Zurückhaltung , sich zu Erna ' s Einsamkeit hindrängen zu wollen . Ein Spiel des Zufalls und der Zerstreuung lenkte jedoch seinen Spazierritt unwillkührlich in die Gegend hin , wo sie wohnte , und ehe er es noch ahnete , fand er sich in ihrer Nähe , und von ihr , die mit ihren Kindern in der offenen Hausthür saß , bereits gesehen . Es war daher jetzt unvermeidlich , sie zu begrüßen . Sie nahm ihn mit der ruhigen Haltung auf , die ein reines Bewußtseyn , verbunden mit festen Grundsätzen , gewähren , und gleich weit entfernt , ihn mit ausgezeichneter Zuvorkommenheit wie mit Zurücksetzung zu behandeln , war in der zwar interessanten , aber keineswegs sie individuell berührenden Unterhaltung , die sie einzuleiten wußte , auch nicht im mindesten die Rede von der Vergangenheit . Alexander hatte von der Natur in seiner offenen , anmuthigen , Zutrauen erweckenden Bildung jenen glücklichen Empfehlungsbrief empfangen , der unwillkührlich die Herzen gewinnt , und der besonders durch den Zauber einer geheimen unerklärlichen Sympathie auf die Knospe zarter Kinderliebe wirkt , die sich so gern im Schimmer ächten Wohlwollens erschließt . Gleich im ersten Moment der Bekanntschaft hatte sich Otto schon mit der innigsten Neigung an ihn angeschmiegt . Jetzt lächelte auch der kleine , noch nicht jährige Wunibald ihm mit besonderer Freundlichkeit zu , und ließ sich selbst aus dem Arm der Mutter willig in den seinigen nehmen . Mit Rührung betrachtete er den süßen , in gesunder Lebensfülle aufquellenden Knaben , der - wie Otto mit den schönen Augen seiner Mutter ausgestattet - Wehmuth und vergebliche Wünsche in seine Seele blickte , und unter Liebkosungen ihn schaukelnd und mit ihm spielend stahl sich mitten unter dem Anschein ungetrübter Heiterkeit eine Thräne über seine Wange , die - nicht ungesehen von Erna - zur Erde fiel . Mit dem Theetisch erschien auch Auguste . Das Gespräch lenkte sich auf Litteratur . Alexander erwähnte einiger neuen Erzeugnisse derselben , die gerade Aufsehen machten . Erna kannte sie noch nicht , und sein Vorschlag , sie ihr zu bringen und vorzulesen , wurde ohne Weigern von ihr angenommen . Beim Abschied bestimmte man den folgenden Tag schon zur Ausführung dieses Vorsatzes , und so wurde sein tägliches Kommen sehr bald eine ganz natürlich scheinende und im Hause nicht befremdende Erscheinung . Diese Stunden des Beisammenseyns , die bei dem glühendsten Interesse der Herzen für einander doch niemals sich gestatteten , dieses Interesse durch Worte zu berühren , waren die glücklichsten , welche Erna sowohl als Alexander jemals erlebt hatten . Jener himmlische Zustand schlummernder Leidenschaften und schweigender Begierden , der das Wesen der Unschuld ist , wiegte an Erna ' s Seite Alexander ' s stürmisches Gemüth in die wohlthuende Stille des Friedens , und schuf ihm einen Traum von Glück , der wenigstens stets so lange dauerte , wie seine Anwesenheit bei ihr . In der göttlichen Offenbarung ihres hohen inneren Gehalts öffnete sich ihm eine Welt , wie sie sonst wohl nur dem Seligen sich erschließt , wo die marternde Sehnsucht schwieg , und das brennende Verlangen sich befriedigt fühlte , und wo es ihm klar ward , daß auch ihre Freundschaft ein Gut sei , groß genug , die Liebe aller anderen Frauen der Erde aufzuwiegen . Das entzauberte Saitenspiel seiner Heiterkeit , bisher nur in grellen Mistönen erklingend , stimmte sich allmählig wieder rein . - Ruhe , jene unerläßliche Basis alles Guten und Schönen , kehrte in seine Seele zurück , und versöhnte ihn mit dem Leben , das vorher aller seiner Kränze beraubt , jetzt wieder seine strahlende Lichtseite in der reinen Vertraulichkeit ihm zukehrte , welcher Erna ihn würdigte . Auch Erna gab sich ganz und innig den tadellosen Freuden dieses Umgangs hin , wenn gleich der geheime Kampf mit sich selbst , und das unnatürliche Ertödten ihrer lebhaftesten Gefühle leise und unvermerkt ihre Lebenskraft aufrieb . Früher hätte sie wohl der grundlosen Eifersucht ihres Gatten das Opfer gebracht , Alexandern aus ihrer Gegenwart zu verbannen - aber jetzt - die Welt lag so tief und nichtig unter ihr , und ihr Scheideblick auf das ihr im Nebel hinschwindende Leben war zu erhaben , um mit irrdischer Sorge noch auf den kleinlichen Regungen gehässiger Leidenschaften zu verweilen - jetzt fand sie sich stark und selbstständig genug , sich über die Vorurtheile hinwegzusetzen , die wie ein giftiger Mehlthau auf ihre Freudenblüthen zu fallen drohten . Es war ihr unbezweifelt gewiß , daß ihr Einwirken auf Alexander ihn zu einem höheren Standpunkt erhoben , daß ihre Achtung und ihr Vertrauen den wilden Schmerz seiner Brust gestillt , ihn geadelt , gleichsam geheiligt hatte . Wie hätte sie diese Früchte ihres sanften Strebens aufgeben können , um einer Grille genug zu thun , die ihr reines Gewissen tief verachten mußte ? Sie glaubte nicht , das Linovsky , sie kennend - es begehren werde - aber wäre es auch , so fühlte sie doch bestimmt , dies sei der Punkt , wo weibliche Schwäche und Nachgiebigkeit sich zu weiblicher Kraft ermannen , und jedem vom leeren Schein hergenommenen Grund der Misbilligung kühn und unerschüttert begegnen müsse . Nicht leichtsinnig und gedankenlos , sondern ernst erwägend schaute sie in die Zukunft , und läugnete sich die Wahrheit nicht ab , daß eine Neigung , wie die ihrige zu Alexandern , streng bekämpft werden müsse , um sich nicht selbst Gesetz zu werden . Daher versagte sie ihr jede Aeußerung , die sie hätte verrathen und seine freundlich eingelullten Hoffnungen wieder aufwecken können . Aber da die Stunden , die sie neben ihm verlebte , rein waren , und - schon längst vergangen , noch die himmlische Glorie einer Erinnerung trugen , die sie an keine verletzte Pflicht , an keine Entweihung ihrer Würde als Gattin und Mutter mahnte , so hätte es ihr Verrath an der Freundschaft geschienen , den einmal ihres Zutrauens werth Gefundenen einer einseitigen Laune Preis zu geben , die nur aus ungegründetem Argwohn hervorging . XIV So waren mehrere Wochen still und friedlich in harmlosen Mittheilungen vergangen , in denen beide Ersatz für höheres , ihnen versagtes Glück fanden , da erschien plötzlich das Gespenst , das den unschuldsvollen Genuß verscheuchte , der bisher die Würze ihrer Einsamkeit gewesen war . Linovsky nämlich kehrte zurück an den heimischen Heerd , dessen reine Flamme er zwar nicht entweiht , aber doch für eine höhere Gottheit glühend fand . Ihn empfing die Gattin mit der Achtung , die sie ihrem Gemahl , dem Vater ihrer Kinder , schuldig war , aber auch mit dem ganzen Stolz des durch keine Schuld befleckten Bewußtseyns und mit der Kälte des den irrdischen Verhältnissen nicht mehr angehörenden Gefühls . Mit alle der Eigensucht , die sich stets allein strebte in Erna ' s Kreise geltend zu machen , geschärft durch Mistrauen und Eifersucht , und vielleicht durch Ohrenbläsereien bereits gereizt , forschte er nach allen kleinen unbedeutenden Vorgängen während seiner Abwesenheit . Erna , zu lauter zur Lüge , verhehlte Alexander ' s öftere Besuche nicht . Sie hatte es zu lebhaft empfunden , daß es ihrer Nähe , ihrer vertraulichen Hinneigung beschieden war , ihn aus der Tiefe muthloser Verzweiflung zu erheben , und auf eine Stufe zu sich heraufzuziehen , auf der sie ihn frei und ohne Erröthen vor aller Welt bekennen durfte . Auch hatte sie schon längst in ihrem Innern , ohne Grausen , den ernsten Flügelschlag des nahenden Engels vernommen , der ihr die Pforte eines besseren Lebens zu öffnen versprach . Tief lagen daher unter ihr alle feindseligen Urtheile der Verläumdung und der alles Gute abläugnenden Zweifelsucht , und fest entschlossen , ihrer Pflicht getreu zu bleiben , war sie eben so entschieden , sich nicht zu versagen , was mit ihr bestehen konnte . Sie übersah daher mit ruhigem Gleichmuth die nicht laut ausgesprochene Misbilligung Linovsky ' s , die aber doch in mancher bitteren Anspielung und in mancher höhnischen Seitenbemerkung sich darüber äußerte , daß sie Alexandern einen näheren Zutritt gestattet hatte , als dem gleichgültigen Bekannten geziemt . Als er nun aber selbst erschien , ahnungslos , welche plötzliche Dazwischenkunft ihn jetzt auf einmal aus seinem Himmel stürzte - als sie in den Zügen ihres Mannes die feindselige Bitterkeit des im Verborgenen glimmenden Grolles wahrnahm , der nur einer geringen Veranlassung von Außen bedurfte , um unheilbringend und zerstörend hervorzubrechen , als sie den an Verachtung gränzenden Trotz bemerkte , den Alexander seinem kühlen , kaum höflichen Benehmen entgegensetzte , da fand sie , von bangen Ahnungen ergriffen , sich zur Verhüthung ärgerlicher Auftritte verpflichtet , lieber Verzicht auf die höchste , letzte Freude ihres Lebens zu leisten , als die Furie der Zwietracht entflammen zu helfen , und Gefahren herbeizuführen , vor deren bloßen Möglichkeit sie schon erzitterte . Sie beschloß daher unwiderruflich bei sich selbst , durch eine offene und ruhige Vorstellung Alexandern zu veranlassen , daß er seine Besuche einstelle , da sie Linovsky ' n offenbar so misfällig waren . Doch ehe sie noch den unbeobachteten Augenblick fand , den sie sich zu einer kurzen Unterredung wünschte , brach der Ungestüm des Eifersüchtigen die Gelegenheit vom Zaun , seinem Unmuth Luft zu verschaffen , und den unwillkommenen Gast für immer zu entfernen . Der kleine Otto nämlich hatte nur mit Schüchternheit dem finstern Vater sich genaht , und blöde und frostig die Liebkosungen erwiedert , mit denen er beim Wiedersehen seinen Erstgeborenen ans Herz drückte . Wie ganz anders war der Empfang , den Alexander fand . Freudig hereinstürmend , auf seine Kniee kletternd und ihn mit beiden Armen umklammernd , als wolle er ihn nimmer wieder loslassen , schien es wirklich , als sei Linovsky dem Knaben ein Fremder , und als ruhe jetzt erst das liebende Kind am Busen seines Vaters . Düster rief Linovsky den Kleinen von Alexander ' s Schooße zu sich . Er gehorchte , aber nicht aus Neigung , sondern sichtbar nur aus Furcht vor dem Zorn , den er bereits in des Vaters Augen funkeln sah , und obgleich losgerissen von dem lieben , freundlichen Freund , blieben seine Blicke doch unverwandt mit dem seelenvollsten Ausdruck der zärtlichsten Anhänglichkeit an ihm hängen , wenn auch Linovsky ' s Arme , gleich einem beängstigenden Gefängnis , ihn umschlossen , und jede seiner Bewegungen hemmten . Hast du mich lieb , mein Kind ? flüsterte Linovsky zu dem goldenen Lockenkopf sich herabbeugend . Ja , ach ja ! antwortete der Kleine ängstlich . Erst die Mutter , hernach Norbeck , und dann Dich . Linovsky erbleichte bei diesem naiven Geständnis . Zürnend setzte er den Knaben nieder , der sogleich wieder zu Alexandern zurückstrebte . Aber ihn heftig beim Arm fassend und seitwärts schleudernd , sprang jetzt der Vater , seiner Wuth nicht mehr gebietend , auf . Ich hätte gehofft , Du würdest mein Andenken lebendiger in des Kindes Herzen erhalten haben , sprach er nach einer Pause mit Bitterkeit zu Erna . Aber , was in Dir selbst augenscheinlich nur allzuschnell unterging , um neuen Gegenständen Platz zu machen - wie könnte es eine festere Dauer in einem so zarten Gemüthe finden , das von Pflicht und Recht noch keinen Begriff hat . Erna ' s blasses Gesicht überzog sich mit einer flammenden Röthe , aber sie schwieg , weil sie fühlte , jede Erklärung in diesem Augenblick , sei sie auch noch so rechtfertigend , könne den Zwist , den sie zu vermeiden suchte , nur um so schleuniger entzünden . Sie rief den weinenden Otto zu sich , der durch die rauhe Begegnung seines Vaters aufs Gesicht gefallen war und blutete , und indem sie ihn , ohne Parthei gegen Linovsky zu nehmen , tröstete , und die Schuld seines Fallens auf seine eigene Ungeschicklichkeit schob , band sie ein Tuch um seine verletzte Stirn , und schickte ihn fort zu Augusten . Auch Alexander war aufgestanden . Sein Blut kochte - alle bösen Geister des Zorns , der Rache und der Vertilgungssucht wachten blutdürstig in seinem Herzen auf , und sehnten sich , nicht blos zu knirschen , sondern zu handeln . - Doch Erna ' s Anblick , die still in ihren Leiden den rührenden , Ruhe gebietenden Blick auf seine herausfodernden Augen heftete , entwaffnete ihn wieder , aber er empfand , daß die schnellste Entfernung nöthig sei , um sich in einer wenigstens dem Anschein nach friedlichen Stimmung zu erhalten . Er griff daher nach seinem Hute . Mit beleidigender Hast zog Linovsky bei diesem Zeichen des nahen Gehens an der Klingel , und befahl dem hereintretenden Bedienten , Herrn von Norbeck ' s Pferd vorzuführen . Hierauf ging er ohne Abschied in ein Nebenzimmer , wo er , die Thür hinter sich werfend , sich verschloß . XV Stumm stand Erna jetzt Alexandern gegenüber . Sein Gesicht brannte , von der Gluth innerer Empörung geröthet , ein convulsivisches Zittern flog durch seinen ganzen Körper , und krampfhaft hatte er , ohne es selbst zu wissen , beide Fäuste geballt . Da nahte ihm die Geliebte , dem Engel des Friedens gleichend , dessen Blick Vergebung , dessen Lächeln Versöhnung ist , und seine starre Hand fassend und sie innig drückend rief sie ihn , durch dies noch nie vorher von ihr empfangene Zeichen ihrer Gunst , aus dem Schwefelpfuhl ohnmächtiger Wuth wieder zur Besinnung und zur Besänftigung empor . Sie konnte nicht sprechen , denn zu beklemmt war ihre Brust von dem Schmerz über die Kränkung , die er erlitten , vom Vorgefühl der nahen , unvermeidlichen , und - wie die Weissagung ihres Herzens ihr zuflüsterte - ewigen Trennung , und von der dunkeln Perspective in die freudenlose Zukunft an der Seite eines rauhen , ungerechten Mannes , der nach dieser Scene das höchste Gut , das er bisher in ihr besessen , ihre Achtung nämlich , verloren hatte . Nach Fassung ringend , sah sie ihm lange unverwandt in die Augen - da wurde ihr plötzlich leichter - ihre Blicke schimmerten , wie himmlische , trostverheißende Sterne , ehe sie in milden Thränen hinthauten , und in diesen Thränen fand sie Linderung , fand sie sich selbst und ihre Kraft wieder . Wir müssen uns trennen , mein theuerer Freund , sprach sie ; denn kein Opfer darf mir zu schwer seyn , wenn es die Beschwichtigung des Mannes gilt , dem ich mit allen seinen Fehlern nun einmal zugesellt und ihn zu ehren und zu schonen verpflichtet bin . Möchte das Vereinsamte meines künftigen Lebens durch die Ueberzeugung erheitert werden , daß Sie auch mit Nachsicht auf diese Stunde zurückblicken , und ohne Groll aus einem Kreise scheiden wollen , in dem ich Ihnen ewig ein treues Andenken bewahre . Leben Sie wohl ! Sie ward immer bleicher - mit halb geschlossenen Augen senkte sich ihr Blick vorwärts - Alexander fürchtete , daß eine Ohnmacht sie anwandle , und fing sie in seinen Armen auf . Da ruhte ihre kalte Wange einen flüchtigen Moment an seinem flammenden Antlitz , und seiner selbst nicht mehr mächtig , bis zur Verwegenheit berauscht von einem nie als möglich geträumten Glück , das so unmittelbar auf die tiefste Erschütterung der gehässigsten Gemüthsbewegungen folgte , wagte er es , seine glühenden Lippen auf ihren Mund zu drücken . Du liebst mich , Himmlische ! rief er aus ; o ich hab es immer geahnet , geglaubt , und mit allen Kräften meiner Seele gewünscht . Wie kann ich je verzagen , nun ich den Trost dieser Gewisheit mit mir nehme - wie kann ich jemals murren , wenn die Erinnerung dieser Stunde mein früh verblichenes Leben mit ihrem Wiederschein verklärt ? Da ermannte sich Erna , und wand sich los aus seinen Armen . In stiller Hoheit stand sie vor ihm da , selbst in der Milde der Wehmuth , die sie umfloß , ihn in die Schranken der strengsten Ehrfurcht zurückweisend , die seine Kühnheit überschritten hatte . Leben Sie wohl ! sagte sie noch einmal , leise und tief gefühlt , ihm mit der Hand den letzten Abschied zuwinkend - leben Sie wohl ! sagte auch er , und stürzte hinaus . - Da trat sie ans Fenster , ihn wegreiten zu sehen , und als der Hufschlag seines Rosses nun verhallte , und seine Gestalt wie auf Sturmwindsflügeln ihren Augen entrückt war , da wehrte sie den häufiger hervorquellenden Thränen nicht . Denn es war ihr klar geworden , diese Liebe , die sie nur ungern sich selbst gestand , sei die Wurzel , wie die Blüthe ihres Lebens - das Prisma ihrer Jugend nun zerbrochen - und hinter drohenden Gewitterwolken der letzte Glanz verschwunden , der ihr Loos vergoldete . XVI So im Innersten erregt , dem Schmerze Preis gegeben , ohne Kraft , selbst ohne Willen , ihn zu verbergen , fand sie Linovsky , als er , von Alexander ' s Entfernung überzeugt , die Thür wieder öffnete , um zu ihr zurückzukehren . Sein heißes Blut hatte sich in der Einsamkeit abgekühlt , er war wieder zu sich gekommen , und hatte eingesehen , daß es Unrecht sei , Erna zu verdammen , da doch nur der kurze Maasstab vorgefaßter Meinung und die übereilten Irrthümer seines Mistrauens ihn gegen sie erbittert hatten . Ob er gleich den , Alexandern so freundlich gewährten Zutritt , durch nichts entschuldigen zu können glaubte , so sehnte sich doch sein Herz , die zu tief Gekränkte , durch den Ausbruch seines Unmuths bereits bitter Bestrafte wieder zu versöhnen , und er nahte ihr jetzt wirklich in dieser friedlichen Absicht , als der Anblick ihres stummen , unverschleierten Grams und ihrer Thränen ihn von Neuem zu einem Verdacht aufreizte , der ihn bis zur Wuth empörte . Gilt diese Fluth , die Deinen Augen entströmt , Deinem Hausfreunde ? fragte er still ergrimmt , oder meinst Du vielleicht durch das Bitterkleesalz der Thränen die Flecken hinwegwaschen zu können , die Dein Ruf , so wie wahrscheinlich Dein Bewußtseyn durch diesen Umgang erhalten hat ? Erna , durch den Ton , so wie durch den Sinn seiner Worte schmerzlich verwundet , fühlte ihre Stimmung schnell aus der weichsten Wehmuth in Erbitterung übergehen . Sie fand es indeß unter ihrer Würde , etwas auf den schneidenden Hohn zu erwiedern , der ihr Herz zerriß , und nur als er , da sie ihr Angesicht von ihm abwandte , von Neuem vor sie trat , sie wiederholt um Antwort auf seine Fragen zu mahnen , versetzte sie , daß sie für solche Fragen keine habe , und daß er eher an seinen Zweifeln als an ihr habe zweifeln sollen . Als sie dies mit dumpf erloschener , beinahe lautloser Stimme gesagt hatte , sank sie ohnmächtig zu seinen Füßen nieder . Indessen war Alexander zur Stadt zurückgekehrt . Bilder der hohen himmlischen Lust , die die Erinnerung in ihm erweckte , Erna in seinen Armen gehalten und sie an seine Brust gedrückt zu haben , wechselten mit der schrecklichen Vorstellung , sie nun nicht mehr zu sehen , ja , sie nicht einmal glücklich zu wissen , da der Hausaltar , den sie als Opferlamm schmückte , durch Härte und rohen Argwohn entwürdigt war . Für einen Augenblick wollte eine selige Hoffnung in ihm aufdämmern . War es doch nicht unmöglich , und in dem Staate , wo er lebte , sogar leicht , Bande wieder aufzulösen , die durch unglückliche Verhältnisse das Glück der Ehe strangulirten , statt es zu befestigen . Aber auch nur einen Augenblick dauerte die glückliche Verblendung des Wahns , der eine solche Möglichkeit ihm vorspiegelte . Denn ach , er kannte Erna , und wußte , sie würde eher den Tod der Märtyrerin an Linovsky ' s Seite , als getrennt von ihm , die Schmach der Bundbrüchigkeit und des befleckten Bewußtseyns wählen . Mehrere Tage sperrte er sich - allem unzugänglich - in seine Wohnung ein , und seine treuen Diener , die einzigen Wesen , welche Gelegenheit hatten , ihn zu beobachten , glaubten ihn oft an der Schwelle , die in das verworrene Gebiet des Wahnsinns hinüberführt , so ungleich war sein Betragen , bald eine excentrische Fröhlichkeit , bald die tiefste Schwermuth ausdrückend , wie eben die Gedanken und Gefühle in seinem Innern sich durchkreuzten . Endlich beschloß er wieder auszugehen . Er sann auf Thätigkeit , die ihn zerstreuen , auf irgend einen Zweck , der ihn von dem Schauplatz des einst besessenen , nun so grausam gestörten Glückes entfernen könne . Denn er sah wohl ein , daß bei einem leicht möglichen Zusammentreffen mit Linovsky , trotz der Festigkeit , mit welcher er sich selbst gelobt hatte , Erna ' s Ruhe und ihren Willen zu ehren , eine Reibung zwischen ihnen entstehen müsse , die alsdann nur ein blutiger Kampf zu stillen im Stande seyn werde . Aber noch hatte die dumpfe Gährung in der politischen Welt , welche Krieg drohte , kein entscheidendes Resultat hervorgebracht . In langsamen Zurüstungen und weit aussehenden Vorbereitungen zersplitterte sich der thatenlustige Geist der Zeit , und ungeduldig sah das Heer , so wie das Volk , dem endlichen Ausbruch baldiger Feindseligkeiten entgegen . Diese Erwartungen mit ganzer Seele theilend , und unstät bemüht , die Zeit bis zu ihrer Erfüllung so gut wie möglich zu tödten und zu kürzen , nahm sich Alexander eines Tages vor , zur Gräfin zu gehen . Zwar hatte ihr Umgang eben keinen sonderlichen Reiz für ihn , da ihre Heiterkeit nicht kindlich spielend , wie er es an Frauen liebte , sondern oft stechend und durch Ironie verwundend war ; aber die Hoffnung zog ihn mit magnetischer Kraft zu ihr hin , vielleicht bei ihr ein Wort von Erna zu hören . Denn es schien ihm , als sei er jetzt auf einem Punkt gekommen , wo er nun nicht länger Nachricht von ihr entbehren könne . Er begegnete , als er sich zu ihr begeben wollte , unter dem Portal des Hauses Frau von Lahnberg mit ihrer Tochter , die eben von ihr kamen , und ihn mit vielen freundlich seyn sollenden Verzerrungen ihrer ohnehin nicht lieblichen Gesichtszüge becomplimentirten . Durch Combinationen und Nachforschungen war er nach und nach dahinter gekommen , daß der bittere Verdrus , den ihm einst Mariane , seinen Erna geschenkten Rhododendron und die Daphne an der Brust , bereitete , nur durch ein Gewebe boshafter Lügen entstanden sei , wodurch ihre Misgunst den reichen und blühenden Bewerber von Erna ab , und wo möglich auf sich zu lenken