der Prinzipal noch immerfort aus der Ferne seine untertänigste Bitte an Leontin wiederholte , heute abend mit seiner höchst nötigen Protektion nicht auszubleiben , wackelte indes langsam fort , nebenher ging die ganze übrige Gesellschaft bunt zerstreut und lustig einher , der Student war zu Pferde , neben ihm ritt sein Mädchen auch auf einem Klepper und warf Leontin noch einige Blicke zu , die ziemlich vertraulich aussahen , und so zog die bunte Karawane wie ein Schattenspiel in die grüne Schlucht hinein . » Wie glücklich « , sagte Leontin , als alles verschwunden war , » könnte der Student sein , so frank und frei mit seiner Liebsten durch die Welt zu ziehn ! wenn er nur Talend fürs Glück hätte , aber er hat eine einförmige Niedergeschlagenheit in sich , die er nicht niederschlagen kann , und die ihn durchs Leben nur so hinschleppt . « Sie setzten sich nun auf dem schönen grünen Platze um einen Tisch zusammen , der Fluß flog lustig an ihnen vorüber , die Herbstsonne wärmte sehr angenehm . Leontin erzählte , wie er den Morgen nach seiner Flucht vom Schlosse des Herrn v. A. bei Anbruch des Tages auf den Gipfel eines hohen Berges gekommen sei , von dem er von der einen Seite die fernen Türme der Residenz , von der andern die friedlich reiche Gegend des Herrn v. A. übersah , über welcher soeben die Sonne aufging . Lange habe er vor dieser grenzenlosen Aussicht nicht gewußt , wohin er sich wenden solle , als er auf einmal unten im Tale Faber die Straße heraufwandern sah , den , wie er wohl wußte , wieder einmal die Albernheiten der Stadt auf einige Zeit in alle Welt getrieben hatten . Wie die Stimme in der Wüste habe er ihn daher , da er gerade eben in einem ziemlich ähnlichen Humor gewesen , mit einer langen Anrede über die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge empfangen , ohne von ihm gesehen werden zu können , und so zu sich hinaufgelockt . - Leontin versank dabei in Gedanken . » Wahrhaftig « , sagte er , » wenn ich mich in jenen Sonnenaufgang auf dem Berge recht hineindenke , ist mir zumute , als könnt es mir manchmal auch so gehn , wie dem Studenten . « - Faber war unterdes fortgegangen , um etwas zu essen und zu trinken zu bestellen , und Friedrich bemerkte dabei mit Verwunderung , daß die Leute , wenn er mit ihnen sprach oder etwas forderte , ihm ins Gesicht lachten oder einander heimlich zuwinkten und die neugierigen Kinder furchtsam zurückzogen , wenn er sich ihnen näherte . Leontin gestand , daß er manchmal , wenn sie in einem Dorfe einkehrten , vorauszueilen pflege und die Wirtsleute überrede , daß der gute Mann , den er bei sich habe , nicht recht bei Verstande sei , sie sollten nur recht auf seine Worte und Bewegungen achthaben , wenn er nachkäme . Dies gebe dann zu vielerlei Lust und Mißverständnis Anlaß , denn wenn sich Faber einige Zeit mit den Gesichtern abgebe , die ihn alle so heimlich , furchtsam und bedauernd ansähen , hielten sie sich am Ende wechselseitig alle für verrückt . - Leontin brach schnell ab , denn Faber kam eben zu ihnen zurück und schimpfte über die Dummheit des Landvolks . Friedrich mußte nun von seinem Abschiede auf dem Schlosse des Herrn v. A. und seinen Abenteuern in der Residenz erzählen . Er kam bald auch auf die ästhetische Teegesellschaft und versicherte , er habe sich dabei recht ohne alle Männlichkeit gefühlt , etwa wie bei einem Spaziergange durch die Lüneburger Ebne mit Aussicht auf Heidekraut . Leontin lachte hell-laut . » Du nimmst solche Sachen viel zu ernsthaft und wichtiger , als sie sind « , sagte er . » Alle Figuren dieses Schauspiels sind übrigens auch von meiner Bekanntschaft , ich möchte aber nur wissen , was sie seit der Zeit , daß ich sie nicht gesehen , angefangen haben , denn wie ich soeben höre , hat sich seitdem auch nicht das mindeste in ihnen verändert . Diese Leute schreiten fleißig von einem Meßkataloge zum andern mit der Zeit fort , aber man spürt nicht , daß die Zeit auch nur um einen Zoll durch sie weiter fortrückte . Ich kann dir jedoch im Gegenteil versichern , daß ich nicht bald so lustig war , als an jenem Abende , da ich zum ersten Male in diese Teetaufe oder Traufe geriet . Aller Augen waren prüfend und in erwartungsvoller Stille auf mich neuen Jünger gerichtet . Da ich die ganze heilige Synode , gleich den Freimaurern mit Schurz und Kelle , so feierlich mit poetischem Ornate angetan dasitzen sah , konnt ich mich nicht enthalten , despektierlich von der Poesie zu sprechen und mit unermüdlichem Eifer ein Gespräch von der Landwirtschaft , von den Runkelrüben usw. anzuspinnen , so daß die Damen wie über den Dampf von Kuhmist die Nasen rümpften und mich bald für verloren hielten . Mit dem Schmachtenden unterhielt ich mich besonders viel . Er ist ein guter Kerl , aber er hat keine Mannsmuskel im Leibe . Ich weiß nicht , was er gerade damals für eine fixe Idee von der Dichtkunst im Kopfe hatte , aber er las ein Gedicht vor , wovon ich trotz der größten Anstrengung nichts verstand , und wobei mir unaufhörlich des simplicianisch-teutschen Michels verstümmeltes Sprachgepränge im Sinne lag . Denn es waren deutsche Worte , spanische Konstruktionen , welsche Bilder , altdeutsche Redensarten , doch alles mit überaus feinem Firnis von Sanftmut verschmiert . Ich gab ihm ernsthaft den Rat , alle Morgen gepfefferten Schnaps zu nehmen , denn der ewige Nektar erschlaffe nur den Magen , worüber er sich entrüstet von mir wandte . - Mit dem vom Hochmutsteufel besessenen Dithyrambisten aber bestand ich den schönsten Strauß . Er hatte mit pfiffiger Miene alle Segel seines Witzes aufgespannt und kam mit vollem Winde der Eitelkeit auf mich losgefahren , um mich Unpoetischen vor den Augen der Damen in den Grund zu bugsieren . Um mich zu retten , fing ich zum Beweise meiner poetischen Belesenheit an , aus Shakespeares : Was ihr wollt , wo Junker Tobias den Malvolio peinigt , zu rezitieren : Und besäße ihn eine Legion selbst , so will ich ihn doch anreden . Er stutzte und fragte mich mit herablassender Genügsamkeit und kniffigem Gesichte , ob vielleicht gar Shakespeare mein Lieblingsautor sei ? - Ich ließ mich aber nicht stören , sondern fuhr mit Junker Tobias fort : Ei , Freund , leistet dem Teufel Widerstand , er ist der Erbfeind der Menschenkinder . Er fing nun an , sehr salbungsvolle , genialische Worte über Shakespeare ergehen zu lassen , ich aber , da ich ihn sich so aufblasen sah , sagte weiter : Sanftmütig , sanftmütig ! Ei , was machst du , mein Täubchen ? Wie geht ' s , mein Puthühnchen ? Ei , sieh doch , komm , tucktuck ! - Er schien nun mit Malvolio zu bemerken , daß er nicht in meine Sphäre gehöre , und kehrte sich mit einem unsäglich stolzen Blicke , wie von einem unerhört Tollen , von mir . O jemine ! fiel die Gräfin Romana hier mit ein . Sie sagte dies so richtig und schön , daß ich sie dafür hätte küssen mögen . Das schlimmste war aber nun , daß ich dadurch demaskiert war , ich konnte nicht länger für einen Ignoranten gelten ; und die Frauenzimmer merkten dies nicht so bald , als sie mit allerhand Phrasen , die sie hin und wieder ernascht , über mich herfielen . In der Angst fing ich daher nun an , wütend mit gelehrten Redensarten und poetischen Paradoxen nach allen Seiten um mich herumzuwerfen , bis sie mich , ich sie , und ich mich selber nicht mehr verstand und alles verwirrt wurde . Seit dieser Zeit haßt mich der ganze Zirkel und hat mich als eine Pest der Poesie förmlich exkommuniziert . « Friedrich , der Leontin ruhig und mit Vergnügen angehört hatte , sagte : » So habe ich dich am liebsten , so bist du in deinem eigentlichen Leben . Du siehst so frisch in die Welt hinein , daß alles unter deinen Augen bunt und lebendig wird . « » Jawohl « , antwortete Leontin , » so buntscheckig , daß ich manchmal selber zum Narren darüber werden könnte . « Die Sonne fing indes schon an , sich zu senken , und sowohl Friedrich als Leontin gedachten ihrer Weiterreise und versprachen einander , nächstens in der Residenz sich wieder zu treffen . Herr Faber bat Friedrich , ihn der Gräfin Romana bestens zu empfehlen . » Die Gräfin « , sagte er , » hat schöne Talente und sich durch mehrere Arbeiten , die ich kenne , als Dichterin erwiesen . Nur macht sie sich freilich alles etwas gar zu leicht . « Leontin , den immer sogleich ein seltsamer Humor befiel , wenn er die Gräfin nennen hörte , sang lustig : » Lustig auf den Kopf , mein Liebchen , Stell dich , in die Luft die Bein ! Heisa ! ich will sein dein Bübchen , Heute nacht soll Hochzeit sein ! Wenn du Shakespeare kannst vertragen , O du liebe Unschuld du ! Wirst du mich wohl auch ertragen Und noch jedermann dazu . - « Er sprach noch allerhand wild und unzüchtig von der Gräfin und trug Friedrich noch einen zügellosen Gruß an sie auf , als sie endlich von entgegengesetzten Seiten auseinanderritten . Friedrich wußte nicht , was er aus diesen wilden Reden machen sollte . Sie ärgerten ihn , denn er hielt die Gräfin hoch , und er konnte sich dabei der Besorgnis nicht enthalten , daß Leontins lebhafter Geist in solcher Art von Renommisterei am Ende sich selber aufreiben werde . In solchen Gedanken war er einige Zeit fortgeritten , als er bei einer Biegung um eine Feldecke plötzlich das Schloß der Gräfin vor sich sah . Es stand wie eine Zauberei hoch über einem weiten , unbeschreiblichen Chaos von Gärten , Weinbergen , Bäumen und Flüssen , der Schloßberg selber war ein großer Garten , wo unzählige Wasserkünste aus dem Grün hervorsprangen . Die Sonne ging eben hinter dem Berge unter und bedeckte das prächtige Bild mit Glanz und Schimmer , so daß man nichts deutlich unterscheiden konnte . Überrascht und geblendet gab Friedrich seinem Pferde die Sporen und ritt die Höhe hinan . Er erstaunte über die seltsame Bauart des Schlosses , das durch eine fast barocke Pracht auffiel . Es war niemand zu sehen . Er trat in die weite , mit buntem Marmor getäfelte Vorhalle , durch deren Säulenreihen man von der andern Seite in den Garten hinaussah . Dort standen die seltsamsten ausländischen Bäume und Pflanzen wie halbausgesprochene , verzauberte Gedanken , schimmernde Wasserstrahlen durchkreuzten sich in kristallenen Bogen hoch über ihnen , ausländische Vögel saßen sinnend und traumhaft zwischen den dunkelgrünen Schatten umher . Ein wunderschöner Knabe sprang indes soeben draußen im Hofe vom Pferde , stutzte , als er im Vorbeilaufen Friedrich erblickte , sah ihn einen Augenblick mit den großen , schönen Augen trotzig an und eilte sogleich wieder durch die Vorhalle weiter in den Garten hinaus . Friedrich sah , wie er dort mit bewunderungswürdiger Fertigkeit eine hohe , am Abhange des Gartens stehende Tanne bestieg und aus dem höchsten Gipfel sich in die Gegend hinauslegte , als suche er fern etwas mit den Augen . Da immer noch niemand kam , stellte sich Friedrich an ein hohes Bogenfenster , aus dem man die prächtigste Aussicht auf das Tal und die Gebirge hatte . Noch niemals hatte er eine so üppige Natur gesehen . Mehrere Ströme blickten wie Silber hin und her aus dem Grunde , freundliche Landstraßen , von hohen Nußbäumen reich beschattet , zogen sich bis in die weiteste Ferne nach allen Richtungen hin , der Abend lag warm und schallend über der Gegend , weit über die Gärten und Hügel hin hörte man ringsum das Jauchzen der Winzer . Friedrich wurde bei dieser Aussicht unsäglich bange in dem einsamen Schlosse , es war ihm , als wäre alles zu einem großen Feste hinausgezogen , und er konnte kaum mehr widerstehen , selber wieder hinunterzureiten , als er auf einmal die Gräfin erblickte , die in einem langen grünen Jagdkleide in dem erquickenden Hauche des Abends auf der glänzenden Landstraße aus dem Tale heraufgeritten kam . Sie war allein , er erkannte sie sogleich an ihrer hohen , schönen Gestalt . Als sie vor dem Schlosse vom Pferde stieg , kam der schöne Knabe , der vorhin auf der Tanne gelauert hatte , schnell herbeigesprungen , fiel ihr stürmisch um den Hals und küßte sie . » Kleiner Ungestüm ! « sagte sie halb böse und wischte sich den Mund . Sie schien einen Augenblick verlegen , als sie so unvermutet Friedrich erblickte und bemerkte , daß er diesen sonderbaren Empfang gesehen hatte . Sie schüttelte aber die flüchtige Scham bald wieder von sich und bewillkommte Friedrich mit einer Heftigkeit , die ihm auffiel . » Ich bedaure nur « , sagte sie , » daß ich Sie nicht so bewirten kann , wie ich wünschte , alle meine Leute schwärmen schon den ganzen Tag bei der Weinlese , ich selbst bin seit frühem Morgen in der Gegend herumgeritten . « Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn in das Innere des Schlosses . Friedrich verwunderte sich , denn fast in allen Zimmern standen Türen und Fenster offen . Die hochgewölbten Zimmer selbst waren ein seltsames Gemisch von alter und neuer Zeit , einige standen leer und wüste , wie ausgeplündert , in andern sah er alte Gemälde an der Wand herumhängen , die wie aus schändlichem Mutwillen mit Säbelhieben zerhauen schienen . Sie kamen in der Gräfin Schlafgemach . Das große Himmelbett war noch unzugerichtet , wie sie es frühmorgens verlassen , Strümpfe , Halstücher und allerlei Gerät lag bunt auf allen Stühlen umher . In dem einen Winkel hing ein Portrait , und er glaubte , soviel es die Dämmerung zuließ , zu seinem Erstaunen die Züge des Erbprinzen zu erkennen , dessen Schönheit in der Residenz einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte . Die Gräfin nahm den schönen Knaben , der ihnen immerfort gefolgt war , beiseite und trug ihm heimlich etwas auf . Der Knabe schien durchaus nicht gehorchen zu wollen , er wurde immer lauter und ungebärdiger , stampfte endlich zornig mit dem Fuße , rannte hinaus und warf die Tür hinter sich zu , daß es durch das weite Haus erschallte . » Er ist doch in einer Stunde wieder da « , sagte Romana , ihm nachsehend , nahm die Gitarre , die in einer Ecke auf der Erde lag , während sie Friedrich ein Körbchen mit Obst und Wein übergab , und führte ihn wieder weiter eine Stiege aufwärts . Wie einem Nachtwandler , der plötzlich auf ungewohntem Orte aus schweren , unglaublichen Träumen erwacht , war Friedrich zumute , als er mit ihr die letzten Stufen erreichte , und sich auf einmal unter der weiten , freien , gestirnten Wölbung des Himmels erblickte . Es war nämlich eine große Terrasse , die nach italienischer Art über das Dach des Schlosses ging . Ringsum an der Galerie standen Orangenbäume und hohe , ausländische Blumen , welche den himmlischen Platz mit Düften erfüllten . » Hier auf dem Dache « , sagte Romana , » ist mein liebster Aufenthalt . In den warmen Sommernächten schlafe ich oft hier oben . « Sie setzte sich zu ihm , reichte ihm die Früchte und trank ihm von dem mitgenommenen Weine selber zu . » Sie wohnen hier so schwindlig hoch « , sagte Friedrich , » daß Sie die ganze Welt mit Füßen treten . « - Romana , die sogleich begriff , was er meinte , antwortete stolz und keck : » Die Welt , der große Tölpel , der niemals gescheiter wird , wäre freilich der Mühe wert , daß man ihm höflich und voll Ehrfurcht das Gesicht streichelte , damit er einen wohlwollend und voll Applaus anlächle . Es ist ja doch nichts als Magen und Kopf , und noch dazu ein recht breiter , übermütiger , selbstgefälliger , eitler , unerträglicher , den es eine rechte Götterlust ist aufs Maul zu schlagen . « - Sie brach hierbei schnell ab und lenkte das Gespräch auf andere Gegenstände . Friedrich mußte dabei mehr als einmal die fast unweibliche Kühnheit ihrer Gedanken bewundern , ihr Geist schien heut von allen Banden los . Sie ergriff endlich die Gitarre und sang einige Lieder , die sie selbst gedichtet und komponiert hatte . Die Musik war durchaus wunderbar , unbegreiflich und oft beinahe wild , aber es war eine unwiderstehliche Gewalt in ihrem Zusammenklange . Der weite , stille Kreis von Strömen , Seen , Wäldern und Bergen , die in großen , halbkenntlichen Massen übereinander ruhten , rauschten dabei feenhaft zwischen die hinausschiffenden Töne hinein . Die Zauberei dieses Abends ergriff auch Friedrichs Herz , und in diesem sinnenverwirrenden Rausche fand er das schöne Weib an seiner Seite zum ersten Male verführerisch . » Wahrhaftig « , sagte sie endlich aus tiefster Seele , » wenn ich mich einmal recht verliebte , es würde mich gewiß das Leben kosten ! - Es reiste einmal « , fuhr sie fort , » ein Student hier in der Nacht beim Schlosse vorbei , als ich eben auf dem Dache eingeschlummert war , der sang : Wenn die Sonne lieblich schiene Wie in Welschland , lau und blau , Ging ' ich mit der Mandoline Durch die überglänzte Au . In der Nacht dann Liebchen lauschte An dem Fenster , süßverwacht , Wünschte mir und ihr - uns beiden Heimlich eine schöne Nacht . Wenn die Sonne lieblich schiene Wie in Welschland , lau und blau , Ging ' ich mit der Mandoline Durch die überglänzte Au . Aber die Sonne scheint nicht wie in Welschland und der Student zog weiter , und es ist eben alles nichts . - Gehn wir schlafen , gehn wir schlafen « , setzte sie langweilig gähnend hinzu , nahm Friedrich bei der Hand und führte ihn wieder die Stiege hinab . Er bemerkte , als sie wieder in den Zimmern angekommen waren , eine ungewöhnliche Unruhe an ihr , sie hing bewegt an seinem Arme . Sie schien ihm bei dem Mondenschimmer , der durch das offne Fenster auf ihr Gesicht fiel , totenblaß , eine Art von seltsamer Furcht befiel ihn da auf einmal vor ihr und dem ganzen Feenschlosse , er gab ihr schnell eine gute Nacht und eilte in das ihm angewiesene Zimmer , wo er sich angekleidet auf das Bett hinwarf . Das Gemach war nur um einige Zimmer von dem Schlafgemach der Gräfin entfernt . Die Türen dazwischen fehlten ganz und gar . Eine Lampe , die der Gräfin Zimmer matt erhellte , warf durch die offenen Türen ihren Schein gerade auf einen großen , altmodischen Spiegel , der vor Friedrichs Bett an der Wand hing , so daß er in demselben fast ihr ganzes Schlafzimmer übersehen konnte . Er sah , wie der schöne Knabe , der sich unterdes wieder eingeschlichen haben mußte , quer über einigen Stühlen vor ihrem Bette eingeschlafen lag . Die Gräfin entkleidete sich nach und nach und stieg so über den Knaben weg ins Bett . Alles im Schlosse wurde nun totenstill und er wendete das Gesicht auf die andere Seite , dem offenen Fenster zu . Die Bäume rauschten vor demselben , aus dem Tale kam von Zeit zu Zeit ein fröhliches Jauchzen , bald näher , bald wieder in weiter Ferne , dazwischen hörte er ausländische Vögel draußen im Garten in wunderlichen Tönen immerfort wie im Traume sprechen , das seltsame bleiche Gesicht der Gräfin , wie sie ihm zuletzt vorgekommen , stellte sich ihm dabei unaufhörlich vor die Augen , und so schlummerte er erst spät unter verworrenen Phantasien ein . Mitten in der Nacht wachte er plötzlich auf , es war ihm , als hätte er Gesang gehört . Der Mond schien hell draußen über der Gegend und durch das Fenster herein . Mit Erstaunen hörte er neben sich atmen . Er sah umher und erblickte Romana , unangekleidet wie sie war , an dem Fuße seines Betts eingeschlafen . Sie ruhte auf dem Boden , mit dem einen Arm und dem halben Leibe auf das Bett gelehnt . Die langen schwarzen Haare hingen aufgelöst über den weißen Nacken und Busen herab . Er betrachtete die wunderschöne Gestalt lange voll Verwunderung halbaufgerichtet . Da hörte er auf einmal die Töne wieder , die er schon im Schlummer vernommen hatte . Er horchte hinaus ; das Singen kam jenseits von den Bergen über die stille Gegend herüber , er konnte folgende Worte verstehen : » Vergangen ist der lichte Tag , Von ferne kommt der Glockenschlag , So reist die Zeit die ganze Nacht , Nimmt manchen mit , der ' s nicht gedacht . Wo ist nun hin die bunte Lust , Des Freundes Trost und treue Brust , Des Weibes süßer Augenschein ? Will keiner mit mir munter sein ? Da ' s nun so stille auf der Welt , Ziehn Wolken einsam übers Feld , Und Feld und Baum besprechen sich - O Menschenkind ! was schauert dich ? Wie weit die falsche Welt auch sei , Bleibt mir doch Einer nur getreu , Der mit mir weint , der mit mir wacht , Wenn ich nur recht an Ihn gedacht . Frisch auf denn , liebe Nachtigall , Du Wasserfall mit hellem Schall ! Gott loben wollen wir vereint , Bis daß der lichte Morgen scheint ! « Friedrich erkannte die Weise , es war Leontins Stimme . - » Ich komme , herrlicher Gesell ! « rief er bewegt in sich und raffte Sich schnell auf , ohne die Gräfin zu wecken . Nicht ohne Schauer ging er durch die totenstillen , weit öden Gemächer , zäumte sich im Hofe selber sein Pferd und sprengte den Schloßberg hinab . Er atmete tief auf , als er draußen in die herrliche Nacht hineinritt , seine Seele war wie von tausend Ketten frei . Es war ihm , als ob er aus fieberhaften Träumen oder aus einem langen , wüsten , liederlichen Lustleben zurückkehre . Das hohe Bild der Gräfin , das er mit hergebracht , war in seiner Seele durch diese sonderbare Nacht phantastisch verzerrt und zerrissen , und er verstand nun Leontins wilde Reden an dem Wirtshause . Leontins Gesang war indes verschollen , er hatte nichts mehr gehört und schlug voller Gedanken den Weg nach der Residenz ein . Das Feenschloß hinter ihm war lange versunken , die Bäume an der Straße fingen schon an lange Schatten über das glänzende Feld zu werfen , Vögel wirbelten schon hin und her hoch in der Luft , die Residenz lag mit ihren Feuersäulen wie ein brennender Wald im Morgenglanze vor ihm . Vierzehntes Kapitel Draußen über das Land jagten zerrissene Wolken , die Melusina sang an seufzenden Wäldern , Gärten und Zäunen ihr unergründlich einförmiges Lied , die Dörfer lagen selig verschneit . In der Residenz zog der Winter prächtig ein mit Schellengeklingel , frischen Mädchengesichtern , die vom Lande flüchteten , mit Bällen , Opern und Konzerten , wie eine lustige Hochzeit . Friedrich stand gegen Abend einsam an seinem Fenster , Leontin und Faber ließen noch immer nichts von sich hören , Rosa hatte ihn letzthin ausgelacht , als er voller Freuden zu ihr lief , um ihr eine politische Neuigkeit zu erzählen , die ihn ganz ergriffen hatte , an der Gräfin Romana hatte er seit jener Nacht keine Lust weiter , er hatte beide seitdem nicht wiedergesehen ; vor den Fenstern fiel der Schnee langsam und bedächtig in großen Flocken , als wollte der graue Himmel die Welt verschütten . Da sah er unten zwei Reiter in langen Mänteln die Straße ziehn . Der eine sah sich um , Friedrich rief : » Viktoria ! « es waren Leontin und Faber , die soeben einzogen . Friedrich sprang , ohne sich zu besinnen , zur Tür hinaus und die Stiege hinunter . Als er aber auf die Straße kam , waren sie schon verschwunden . Er schlenderte einige Gassen in dem Schneegestöber auf und ab . Da stieß der Marquis , den wir schon aus Rosas Briefe kennen , die hervorragenden Steine mit den Zehen zierlich suchend , auf ihn . Er hing sich ihm sogleich wie ein guter Bruder , in den Arm , und erzählte ihm in einem Redestrome tausend Späße zum Totlachen , wie er meinte , die sich heut und gestern in der Stadt zugetragen , welche Damen heut vom Lande angekommen , wer verliebt sei und nicht wiedergeliebt werde usw. Friedrich war die flache Lustigkeit des Wichts heut entsetzlich , und er ließ sich daher , da ihm dieser nur die Wahl ließ , ihn entweder zu sich nach Hause , oder in die Gesellschaft zum Minister zu begleiten , gern zu dem letztern mit fortschleppen . Denn besser mit einem Haufen Narren , dachte er übellaunisch , als mit einem allein . Er fand einen zahlreichen und glänzenden Zirkel . Die vielen Lichter , die prächtigen Kleider , der glatte Fußboden , die zierlichen Reden , die hin und wider flogen , alles glänzte . Er wäre fast wieder umgekehrt , so ganz ohne Schein kam er sich da auf einmal vor . Vor allen erblickte er seine Rosa . Sie hatte ein rosasamtnes Kleid , ihre schwarzen Locken ringelten sich auf den weißen Busen hinab . Der Erbprinz unterhielt sich lebhaft mit ihr . Sie sah inzwischen mehrere Male mit einer Art von triumphierenden Blicken seitwärts auf Friedrich ; sie wußte wohl , wie schön sie war . Friedrich unterhielt sich gedankenvoll zerstreut rechts und links . Jene Frau vom Hause , bei der er die Teegesellschaft verlebt , war auch da und schien wieder an ihren ästhetischen Krämpfen zu leiden . Sie unterhielt sich sehr lebendig mit mehreren hübschen jungen Männern über die Kunst , und Friedrich verstand nur , wie sie zuletzt ausrief : » Oh , ich möchte Millionen glücklich machen ! « - Da hörte man plötzlich ein lautes Lachen aus einem andern abgelegenen Winkel des Zimmers erschallen . Friedrich erkannte mit Erstaunen sogleich Leontins Stimme . Die Männer bissen sich heimlich in die Lippen über dieses Lachen zu rechter Zeit , obschon keiner vermutete , daß es wirklich jenem Ausruf gelten sollte , da der Lacher fern in eine ganz andere Unterhaltung vertieft schien . Friedrich aber wußte gar wohl , wie es Leontin meinte . Er eilte sogleich auf ihn los und fand ihn zwischen zwei alten Herren mit Perücken und altfränkischen Gesichtern , mit denen sich niemand abgeben mochte , mit denen er sich aber kindlich besprach und gut zu vertragen schien . Er erzählte ihnen von seiner Gebirgsreise die wunderbarsten Geschichten vor , und lachte herzlich mit den beiden guten Alten , wenn sie dabei ihn über offenbaren , gar zu tollen Lügen ertappten . Er freute sich sehr , Friedrich noch heut zu sehn , und sagte , wie es ihm eine gar wunderlich schauerliche Lust sei , so aus der Grabesstille der verschneiten Felder mitten in die glänzendsten Stadtzirkel hineinzureiten , und umgekehrt . Sie sprachen noch manches zusammen , als der Prinz hinzutrat und Friedrich in ein Fenster führte . » Der Minister « , sagte er zu ihm , als sie allein waren , » hat Sie mir sehr warm , ja ich kann wohl sagen , mit Leidenschaft empfohlen . Es ist etwas Außerordentliches , denn er empfiehlt sonst keinen Menschen auf diese Art. « Friedrich äußerte darüber seine große Verwunderung , da er von dem Minister gerade das Gegenteil erwartete . » Der Minister « , fuhr der Prinz fort , » läßt sein Urteil nicht fangen , und ich vertraue Ihnen daher . Unsere Zeit ist so gewaltig , daß die Tugend nichts gilt ohne Stärke . Die wenigen Mutigen aus aller Welt sollten sich daher treu zusammenhalten , als ein rechter Damm gegen das Böse . Es wäre nicht schön , lieber Graf , wenn Sie sich von der gemeinen Not absonderten . « » Gott behüte mich vor solcher Schande ! « erwiderte Friedrich halb betroffen , » mein Leben gehört Gott und meinem rechtmäßigen Herrn . « » Es ist groß , sich selber , von aller Welt losgesagt , fromm und fleißig auszubilden « , sagte darauf der Prinz begeistert , » aber es ist größer , alle Freuden , alle eigenen Wünsche und Bestrebungen wegzuwerfen für das Recht , alles - « hier strich soeben die Gräfin Romana an ihnen vorüber . Der Prinz ergriff ihre Hand und sagte : » So lange von uns wegzubleiben ! « - Sie zog langsam ihre Hand aus der seinigen und sah nur Friedrich groß an , als sähe sie ihn wieder zum ersten Male . Der Prinz lachte unerklärlich , drückte Friedrich flüchtig die Hand und wandte sich wieder in den Saal zurück . Friedrich folgte der Gräfin mit ihren herausfordernden Augen . Sie war schwarz angezogen und fast furchtbar schön anzusehen . Von der Nacht auf dem Schlosse erwähnte sie kein Wort . Leontin kam auf sie zu und erzählte ihr , wie er erst gestern bei ihrem Schlosse vorbeigezogen . » Es war schon Nacht « , sagte er , » ich war so frei , mit Faber und einer Flasche echten Rheinweins , die wir bei uns hatten , das oberste Dach des Schlosses zu besteigen . Der Garten , die Gegend und die Galerie oben waren tief verschneit , eine Tür im Hause mußte offenstehn ,