die gleichgültige Karte , die ich blindlings zog , in mir eine schmerzhafte , herzzerreißende Erinnerung weckte , ich von einer unbekannten Macht ergriffen wurde , die das Glück des Spiels , den losen Geldgewinn mir zuwarf , als entsprösse es aus meinem eignen Innern , als wenn ich selbst , jenes Wesen denkend , das aus der leblosen Karte mir mit glühenden Farben entgegenstrahlte , dem Zufall gebieten könne , seine geheimsten Verschlingungen erkennend . « - » Ich verstehe Sie , « unterbrach mich der Fürst , » Sie liebten unglücklich , die Karte rief das Bild der verlornen Geliebten in Ihre Seele zurück , obgleich mich das , mit Ihrer Erlaubnis , possierlich anspricht , wenn ich mir das breite , blasse komische Kartengesicht der Coeurdame , die Ihnen in die Hand fiel , lebhaft imaginiere . - Doch Sie dachten nun einmal an die Geliebte , und sie war Ihnen im Spiel treuer und wohltuender als vielleicht im Leben ; aber was darin Entsetzliches , Schreckbares liegen soll , kann ich durchaus nicht begreifen , vielmehr muß es ja erfreulich sein , daß Ihnen das Glück wohlwollte . Überhaupt ! - ist Ihnen denn nun einmal die ominöse Verknüpfung des Spielglücks mit Ihrer Geliebten so unheimlich , so trägt nicht das Spiel die Schuld , sondern nur Ihre individuelle Stimmung . « - » Mag das sein , gnädigster Herr , « erwiderte ich , » aber ich fühle nur zu lebhaft , daß es nicht sowohl die Gefahr ist , durch bedeutenden Verlust in die übelste Lage zu geraten , welche dieses Spiel so verderblich macht , sondern vielmehr die Kühnheit , geradezu wie in offener Fehde es mit der geheimen Macht aufzunehmen , die aus dem Dunkel glänzend hervortritt und uns wie ein verführerisches Trugbild in eine Region verlockt , in der sie uns höhnend ergreift und zermalmt . Eben dieser Kampf mit jener Macht scheint das anziehende Wagestück zu sein , das der Mensch , seiner Kraft kindisch vertrauend , so gern unternimmt und das er , einmal begonnen , beständig , ja noch im Todeskampfe den Sieg hoffend , nicht mehr lassen kann . Daher kommt meines Bedünkens die wahnsinnige Leidenschaft der Pharospieler und die innere Zerrüttung des Geistes , die der bloße Geldverlust nicht nach sich zu ziehen vermag und die sie zerstört . Aber auch schon in untergeordneter Hinsicht kann selbst dieser Verlust auch den leidenschaftlosen Spieler , in den noch nicht jenes feindselige Prinzip gedrungen , in tausend Unannehmlichkeiten , ja in offenbare Not stürzen , da er doch nur , durch die Umstände veranlaßt , spielte . Ich darf es gestehen , gnädigster Herr , daß ich selbst gestern im Begriff stand , meine ganze Reisekasse gesprengt zu sehen . « - » Das hätte ich erfahren « , fiel der Fürst rasch ein , » und Ihnen den Verlust dreidoppelt ersetzt , denn ich will nicht , daß sich jemand meines Vergnügens wegen ruiniere , überhaupt kann das bei mir nicht geschehen , da ich meine Spieler kenne und sie nicht aus den Augen lasse . « - » Aber eben diese Einschränkung , gnädigster Herr , « erwiderte ich , » hebt wieder die Freiheit des Spiels auf und setzt selbst jenen besonderen Verknüpfungen des Zufalls Schranken , deren Betrachtung Ihnen , gnädigster Herr , das Spiel so interessant macht . Aber wird nicht auch dieser oder jener , den die Leidenschaft des Spiels unwiderstehlich ergriffen , Mittel finden , zu seinem eignen Verderben der Aufsicht zu entgehen und so ein Mißverhältnis in sein Leben bringen , das ihn zerstört ? - Verzeihen Sie meine Freimütigkeit , gnädigster Herr ! - Ich glaube überdem , daß jede Einschränkung der Freiheit , sollte diese auch gemißbraucht werden , drückend , ja , als dem menschlichen Wesen schnurstracks entgegenstrebend , unausstehlich ist . « - » Sie sind nun einmal , wie es scheint , überall nicht meiner Meinung , Herr Leonard « , fuhr der Fürst auf und entfernte sich rasch , indem er mir ein leichtes » Adieu « zuwarf . Kaum wußte ich selbst , wie ich dazu gekommen , mich so offenherzig zu äußern , ja ich hatte niemals , unerachtet ich in der Handelsstadt oft an bedeutenden Banken als Zuschauer stand , genug über das Spiel nachgedacht , um meine Überzeugung im Innern so zu ordnen , wie sie mir jetzt unwillkürlich von den Lippen floß . Es tat mir leid , die Gnade des Fürsten verscherzt und das Recht verloren zu haben , im Zirkel des Hofes erscheinen und der Fürstin näher treten zu dürfen . Ich hatte mich indessen geirrt , denn noch denselben Abend erhielt ich eine Einladungskarte zum Hofkonzert , und der Fürst sagte im Vorbeistreifen mit freundlichem Humor zu mir : » Guten Abend , Herr Leonard , gebe der Himmel , daß meine Kapelle heute Ehre einlegt und meine Musik Ihnen besser gefällt als mein Park . « - Die Musik war in der Tat recht artig , es ging alles präzis , indessen schien mir die Wahl der Stücke nicht glücklich , indem eins die Wirkung des andern vernichtete , und vorzüglich erregte mir eine lange Szene , die mir wie nach einer aufgegebenen Formel komponiert zu sein schien , herzliche Langeweile . Ich hütete mich wohl , meine wahre innere Meinung zu äußern , und hatte um so klüger daran getan , als man mir in der Folge sagte , daß eben jene lange Szene eine Komposition des Fürsten gewesen . Ohne Bedenken fand ich mich in dem nächsten Zirkel des Hofes ein und wollte selbst am Pharospiel teilnehmen , um den Fürsten ganz mit mir auszusöhnen , aber nicht wenig erstaunte ich , als ich keine Bank erblickte , vielmehr sich einige gewöhnliche Spieltische formten und unter den übrigen Herren und Damen , die sich im Zirkel um den Fürsten setzten , eine lebhafte geistreiche Unterhaltung begann . Dieser oder jener wußte manches Ergötzliche zu erzählen , ja Anekdoten mit scharfer Spitze wurden nicht verschmäht ; meine Rednergabe kam mir zustatten , und es waren Andeutungen aus meinem eignen Leben , die ich unter der Hülle romantischer Dichtung auf anziehende Weise vorzutragen wußte . So erwarb ich mir die Aufmerksamkeit und den Beifall des Zirkels ; der Fürst liebte aber mehr das Heitre , Humoristische , und darin übertraf niemand den Leibarzt , der in tausend possierlichen Einfällen und Wendungen unerschöpflich war . Diese Art der Unterhaltung erweiterte sich dahin , daß oft dieser oder jener etwas aufgeschrieben hatte , das er in der Gesellschaft vorlas , und so kam es denn , daß das Ganze bald das Ansehen eines wohlorganisierten literarisch-ästhetischen Vereins erhielt , in dem der Fürst präsidierte und in welchem jeder das Fach ergriff , welches ihm am mehrsten zusagte . - Einmal hatte ein Gelehrter , der ein trefflicher tiefdenkender Physiker war , uns mit neuen interessanten Entdeckungen im Gebiet seiner Wissenschaft überrascht , und so sehr dies den Teil der Gesellschaft ansprach , der wissenschaftlich genug war , den Vortrag des Professors zu fassen , so sehr langweilte sich der Teil , dem das alles fremd und unbekannt blieb . Selbst der Fürst schien sich nicht sonderlich in die Ideen des Professors zu finden und auf den Schluß mit herzlicher Sehnsucht zu warten . Endlich hatte der Professor geendet , der Leibarzt war vorzüglich erfreut und brach aus in Lob und Bewunderung , indem er hinzufügte , daß dem tiefen Wissenschaftlichen wohl zur Erheiterung des Gemüts etwas folgen könne , das nun eben auf nichts weiter Anspruch mache als auf Erreichung dieses Zwecks . - Die Schwächlichen , die die Macht der ihnen fremden Wissenschaft gebeugt hatte , richteten sich auf , und selbst des Fürsten Gesicht überflog ein Lächeln , welches bewies , wie sehr ihm die Rückkehr ins Alltagsleben wohltat . » Sie wissen , gnädigster Herr , « hob der Leibarzt an , indem er sich zum Fürsten wandte , » daß ich auf meinen Reisen nicht unterließ , all die lustigen Vorfälle , wie sie das Leben durchkreuzen , vorzüglich aber die possierlichen Originale , die mir aufstießen , treu in meinem Reisejournal zu bewahren , und eben aus diesem Journal bin ich im Begriff etwas mitzuteilen , das , ohne sonderlich bedeutend zu sein , doch mir ergötzlich scheint . - Auf meiner vorjährigen Reise kam ich in später Nacht in das schöne große Dorf vier Stunden von B. ; ich entschloß mich , in den stattlichen Gasthof einzukehren , wo mich ein freundlicher aufgeweckter Wirt empfing . Ermüdet , ja zerschlagen von der weiten Reise , warf ich mich in meinem Zimmer gleich ins Bette , um recht auszuschlafen , aber es mochte eben eins geschlagen haben , als mich eine Flöte , die dicht neben mir geblasen wurde , weckte . In meinem Leben hatt ' ich solch ein Blasen nicht gehört . Der Mensch mußte ungeheure Lungen haben , denn mit einem schneidenden , durchdringenden Ton , der den Charakter des Instruments ganz vernichtete , blies er immer dieselbe Passage hintereinander fort , so daß man sich nichts Abscheulicheres , Unsinnigeres denken konnte . Ich schimpfte und fluchte auf den verdammten tollen Musikanten , der mir den Schlaf raubte und die Ohren zerriß , aber wie ein aufgezogenes Uhrwerk rollte die Passage fort , bis ich endlich einen dumpfen Schlag vernahm , als würde etwas gegen die Wand geschleudert , worauf es still blieb und ich ruhig fortschlafen konnte . Am Morgen hörte ich ein starkes Gezänk unten im Hause . Ich unterschied die Stimme des Wirts und eines Mannes , der unaufhörlich schrie : Verdammt sei Ihr Haus , wäre ich nie über die Schwelle getreten . - Der Teufel hat mich in Ihr Haus geführt , wo man nichts trinken , nichts genießen kann ! - alles ist infam schlecht und hundemäßig teuer . - Da haben Sie Ihr Geld , Adieu , Sie sehn mich nicht wieder in Ihrer vermaladeiten Kneipe . - Damit sprang ein kleiner , winddürrer Mann in einem kaffeebraunen Rocke und fuchsroter runder Perücke , auf die er einen grauen Hut ganz schief und martialisch gestülpt , schnell zum Hause heraus und lief nach dem Stalle , aus dem ich ihn bald auf einem ziemlich steifen Gaule in schwerfälligem Galopp zum Hofe hinausreiten sah . Natürlicherweise hielt ich ihn für einen Fremden , der sich mit dem Wirte entzweit habe und nun abgereiset sei ; eben deshalb nahm es mich nicht wenig wunder , als ich mittags , da ich mich in der Wirtsstube befand , dieselbe komische kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perücke , welche des Morgens hinausritt , eintreten und ohne Umstände an dem gedeckten Tisch Platz nehmen sah . Es war das häßlichste und dabei possierlichste Gesicht , das mir jemals aufstieß . In dem ganzen Wesen des Mannes lag so etwas drollig Ernstes , daß man , ihn betrachtend , sich kaum des Lachens enthalten konnte . Wir aßen miteinander , und ein wortkarges Gespräch schlich zwischen mir und dem Wirt hin , ohne daß der Fremde , der gewaltig aß , daran Anteil nehmen wollte . Offenbar war es , wie ich nachher einsah , Bosheit des Wirts , daß er das Gespräch geschickt auf nationelle Eigentümlichkeiten lenkte und mich geradezu frug , ob ich wohl schon Irländer kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse . Allerdings ! erwiderte ich , indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls durch den Kopf ging . Ich erzählte von jenem Irländer , der , als man ihn frug , warum er den Strumpf verkehrt angezogen , ganz treuherzig antwortete : Auf der rechten Seite ist ein Loch ! - Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irländers in den Sinn , der mit einem jähzornigen Schotten zusammen in einem Bette schlief und den bloßen Fuß unter der Decke hervorgestreckt hatte . Nun bemerkte dies ein Engländer , der im Zimmer befindlich , und schnallte flugs dem Irländer den Sporn an den Fuß , den er von seinem Stiefel heruntergenommen . Der Irländer zog schlafend den Fuß wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten , der darüber aufwachte und dem Irländer eine tüchtige Ohrfeige gab . Darauf entspann sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gespräch : Was Teufel ficht dich an , warum schlägst du mich ? - Weil du mich mit deinem Sporn geritzt hast ! - Wie ist das möglich , da ich mit bloßen Füßen bei dir im Bette liege ? - Und doch ist es so , sieh nur her . - Gott verdamm mich , du hast recht , hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen und den Sporn sitzen lassen . - Der Wirt brach in ein unmäßiges Gelächter aus , aber der Fremde , der eben mit dem Essen fertig worden und ein großes Glas Bier heruntergestürzt hatte , sah mich ernst an und sprach : Sie haben ganz recht , die Irländer machen oft dergleichen Bulls , aber es liegt keinesweges an dem Volke , das regsam und geistreich ist , vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft , die einen mit dergleichen Tollheiten wie mit einem Schnupfen befällt , denn , mein Herr , ich selbst bin zwar ein Engländer , aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb jener verdammten Krankheit der Bulls unterworfen . - Der Wirt lachte noch stärker , und ich mußte unwillkürlich einstimmen , denn sehr ergötzlich war es doch , daß der Irländer , nur von Bulls sprechend , gleich selbst einen ganz vortrefflichen zum besten gab . Der Fremde , weit entfernt , durch unser Gelächter beleidigt zu werden , riß die Augen weit auf , legte die Finger an die Nase und sprach : In England sind die Irländer das starke Gewürz , das der Gesellschaft hinzugefügt wird , um sie schmackhaft zu machen . Ich selbst bin in dem einzigen Stück dem Falstaff ähnlich , daß ich oft nicht allein selbst witzig bin , sondern auch den Witz anderer erwecke , was in dieser nüchternen Zeit kein geringes Verdienst ist . Sollten Sie denken , daß in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft dergleichen regt , bloß auf meinen Anlaß ? Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt , er greift sein dürftig Kapital von guten Einfällen durchaus nicht an , sondern leiht hie und da in Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen ; er zeigt , ist er dieser Zinsen nicht versichert , wie eben jetzt , höchstens den Einband seines Hauptbuchs , und der ist sein unmäßiges Lachen ; denn in dies Lachen hat er seinen Witz eingewickelt . Gott befohlen , meine Herrn ! - Damit schritt der originelle Mann zur Türe hinaus , und ich bat den Wirt sofort um Auskunft über ihn . Dieser Irländer , sagte der Wirt , der Ewson heißt und deswegen ein Engländer sein will , weil sein Stammbaum in England wurzelt , ist erst seit kurzer Zeit hier , es werden nun gerade zweiundzwanzig Jahre sein . - Ich hatte als ein junger Mensch den Gasthof gekauft und hielt Hochzeit , als Herr Ewson , der auch noch ein Jüngling war , aber schon damals eine fuchsrote Perücke , einen grauen Hut und einen kaffeebraunen Rock von demselben Schnitt wie heute trug , auf der Rückreise nach seinem Vaterlande begriffen , hier vorbeikam und durch die Tanzmusik , die lustig erschallte , hereingelockt wurde . Er schwur , daß man nur auf dem Schiffe zu tanzen verstehe , wo er es seit seiner Kindheit erlernt , und führte , um dies zu beweisen , indem er auf gräßliche Weise dazu zwischen den Zähnen pfiff , einen Hornpipe aus , wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuß dermaßen verrenkte , daß er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen mußte . - Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen . Mit seinen Eigenheiten habe ich meine liebe Not ; jeden Tag seit den vielen Jahren zankt er mit mir , er schmält auf die Lebensart , er wirft mir vor , daß ich ihn überteure , daß er ohne Roastbeef und Porter nicht länger leben könne , packt sein Felleisen , setzt seine drei Perücken auf , eine über die andere , nimmt von mir Abschied und reitet auf seinem alten Gaule davon . Das ist aber nur sein Spazierritt , denn mittags kommt er wieder zum andern Tore herein , setzt sich , wie Sie heute gesehen haben , ruhig an den Tisch und ißt von den ungenießbaren Speisen für drei Mann . Jedes Jahr erhält er einen starken Wechsel ; dann sagt er mir ganz wehmütig Lebewohl , er nennt mich seinen besten Freund und vergießt Tränen , wobei mir auch die Tränen über die Backen laufen , aber vor unterdrücktem Lachen . Nachdem er noch lebens- und sterbenshalber seinen letzten Willen aufgesetzt und , wie er sagt , meiner ältesten Tochter sein Vermögen vermacht hat , reitet er ganz langsam und betrübt nach der Stadt . Den dritten oder höchstens vierten Tag ist er aber wieder hier und bringt zwei kaffeebraune Röcke , drei fuchsrote Perücken , eine gleißender wie die andere , sechs Hemden , einen neuen grauen Hut und andere Bedürfnisse seines Anzuges , meiner ältesten Tochter , seiner Lieblingin , aber ein Tütchen Zuckerwerk mit wie einem Kinde , unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden . Er denkt dann weder an seinen Aufenthalt in der Stadt , noch an die Heimreise . Seine Zeche berichtigt er jeden Abend , und das Geld für das Frühstück wirft er mir jeden Morgen zornig hin , wenn er wegreitet , um nicht wiederzukommen . Sonst ist er der gutmütigste Mensch von der Welt , er beschenkt meine Kinder bei jeder Gelegenheit , er tut den Armen im Dorfe wohl , nur den Prediger kann er nicht leiden , weil er , wie Herr Ewson es von dem Schulmeister erfuhr , einmal ein Goldstück , das Ewson in die Armenbüchse geworfen , eingewechselt und lauter Kupferpfennige dafür gegeben hat . Seit der Zeit weicht er ihm überall aus und geht niemals in die Kirche , weshalb der Prediger ihn für einen Atheisten ausschreit . Wie gesagt , habe ich aber oft meine liebe Not mit ihm , weil er jähzornig ist und ganz tolle Einfälle hat . Erst gestern hörte ich , als ich nach Hause kam , schon von weitem ein heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme . Als ich ins Haus trat , fand ich ihn im stärksten Zank mit der Hausmagd begriffen . Er hatte , wie es im Zorn immer geschieht , bereits seine Perücke weggeschleudert und stand im kahlen Kopf , ohne Rock , in Hemdärmeln dicht vor der Magd , der er ein großes Buch unter die Nase hielt und , stark schreiend und fluchend , mit dem Finger hineinwies . Die Magd hatte die Hände in die Seiten gestemmt und schrie , er möge andere zu seinen Streichen brauchen , er sei ein schlechter Mensch , der an nichts glaube u.s.w. Mit Mühe gelang es mir , die Streitenden auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen . - Herr Ewson hatte verlangt , die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum Briefsiegeln ; die Magd verstand ihn anfangs gar nicht , zuletzt fiel ihr ein , daß das Oblate sei , was bei dem Abendmahl gebraucht werde , und meinte , Herr Ewson wolle mit der Hostie verruchtes Gespötte treiben , weil der Herr Pfarrer ohnedies gesagt , daß er ein Gottesleugner sei . Sie widersetzte sich daher , und Herr Ewson , der da glaubte , nur nicht richtig ausgesprochen zu haben und nicht verstanden zu sein , holte sofort sein englisch-deutsches Wörterbuch und demonstrierte daraus der Bauermagd , die kein Wort lesen konnte , was er haben wolle , wobei er zuletzt nichts als englisch sprach , welches die Magd für das sinnverwirrende Gewäsche des Teufels hielt . Nur mein Dazwischentreten verhinderte die Prügelei , in der Herr Ewson vielleicht den Kürzeren gezogen . Ich unterbrach den Wirt in der Erzählung von dem drolligen Manne , indem ich frug , ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen , der mich in der Nacht durch sein gräßliches Flötenblasen so gestört und geärgert habe . Ach , mein Herr ! fuhr der Wirt fort , das ist nun auch eine von Herr Ewsons Eigenheiten , womit er mir beinahe die Gäste verscheucht . Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hieher ; der Junge bläst eine herrliche Flöte und übte hier fleißig sein Instrument . Da fiel es Herrn Ewson ein , daß er ehemals auch Flöte geblasen , und ließ nicht nach , bis ihm Fritz seine Flöte und ein Konzert , das er mitgebracht hatte , für schweres Geld verkaufte . Nun fing Herr Ewson , der gar keinen Sinn für Musik , gar keinen Takt hat , mit dem größten Eifer an , das Konzert zu blasen . Er kam aber nur bis zum zweiten Solo des ersten Allegros , da stieß ihm eine Passage auf , die er nicht herausbringen konnte , und diese einzige Passage bläst er nun seit den drei Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander , bis er im höchsten Zorn erst die Flöte und dann die Perücke an die Wand schleudert . Da dies nun wenige Flöten lange aushalten , so braucht er gar oft neue und hat jetzt gewöhnlich drei bis vier im Gange . Ist nur ein Schräubchen zerbrochen oder eine Klappe schadhaft , so wirft er sie mit einem ' Gott verdamm mich , nur in England macht man Instrumente , die was taugen ! ' - durchs Fenster . Ganz erschrecklich ist es , daß ihn diese Passion der Flötenbläserei oft nachts überfällt und er dann meine Gäste aus dem tiefsten Schlafe dudelt . Sollten Sie aber glauben , daß hier im Amtshause sich beinahe ebenso lange , als Herr Ewson bei mir ist , ein englischer Doktor aufhält , der Green heißt und mit Herrn Ewson darin sympathisiert , daß er ebenso originell , ebenso voll sonderbaren Humors ist ? - Sie zanken sich unaufhörlich und können doch nicht ohne einander leben . Es fällt mir eben ein , daß Herr Ewson auf heute Abend einen Punsch bei mir bestellt hat , zu dem er den Amtmann und den Doktor Green eingeladen . Wollen Sie es sich , mein Herr , gefallen lassen , noch bis morgen früh hier zu verweilen , so können Sie heute abend bei mir das possierlichste Kleeblatt sehen , das sich nur zusammenfinden kann . - Sie stellen sich es vor , gnädigster Herr , daß ich mir den Aufschub der Reise gern gefallen ließ , weil ich hoffte , den Herrn Ewson in seiner Glorie zu sehen . Er trat , sowie es Abend worden , ins Zimmer und war artig genug , mich zu dem Punsch einzuladen , indem er hinzusetzte , wie es ihm nur leid täte , mich mit dem nichtswürdigen Getränk , das man hier Punsch nenne , bewirten zu müssen ; nur in England trinke man Punsch , und da er nächstens dahin zurückkehren werde , hoffe er , käme ich jemals nach England , mir es beweisen zu können , daß er es verstehe , das köstliche Getränk zu bereiten . - Ich wußte , was ich davon zu denken hatte . - Bald darauf traten auch die eingeladenen Gäste ein . Der Amtmann war ein kleines kugelrundes , höchst freundliches Männlein mit vergnügt blickenden Augen und einem roten Näschen ; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit einem auffallenden Nationalgesicht , modern , aber nachlässig gekleidet , Brill ' auf der Nase , Hut auf dem Kopfe . - Gebt mir Sekt , daß meine Augen rot werden ! rief er pathetisch , indem er auf den Wirt zuschritt und ihn , bei der Brust packend , heftig schüttelte : Halunkischer Cambyses , sprich ! wo sind die Prinzessinnen ? Nach Kaffee riecht ' s und nicht nach Trank der Götter ! - Laß ab von mir , o Held , weg mit der starken Faust , zermalmst im Zorne mir die Rippen ! - rief der Wirt keuchend . Nicht eher , feiger Schwächling , fuhr der Doktor fort , bis süßer Dampf des Punsches , Sinn umnebelnd , Nase kitzelt , nicht eher laß ich dich , du ganz unwerter Wirt ! - Aber nun schoß Ewson grimmig auf den Doktor los und schalt : Unwürd ' ger Green ! Grün soll ' s dir werden vor den Augen , ja greinen sollst du gramerfüllt , wenn du nicht abläßt von schmachvoller Tat ! - Nun , dacht ' ich , würde Zank und Tumult losbrechen , aber der Doktor sagte : So will ich , feiger Ohnmacht spottend , ruhig sein und harrn des Göttertranks , den du bereitet , würd ' ger Ewson . - Er ließ den Wirt los , der eiligst davonsprang , setzte sich mit einer Catos Miene an den Tisch , ergriff die gestopfte Pfeife und blies große Dampfwolken von sich . - Ist das nicht , als wäre man im Theater ? sagte der freundliche Amtmann zu mir , aber der Doktor , der sonst kein teutsches Buch in die Hand nimmt , fand zufällig Schlegels Shakespeare bei mir , und seit der Zeit spielt er , nach seinem Ausdruck , uralte bekannte Melodien auf einem fremden Instrumente . Sie werden bemerkt haben , daß sogar der Wirt rhythmisch spricht , der Doktor hat ihn sozusagen eingejambt . - Der Wirt brachte den dampfenden Punschnapf , und unerachtet Ewson und Green schwuren , er sei kaum trinkbar , so stürzten sie doch ein großes Glas nach dem andern hinab . Wir führten ein leidlich Gespräch . Green blieb wortkarg , nur dann und wann gab er auf komische Weise , die Opposition behauptend , etwas von sich . So sprach z.B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt , und ich versicherte , der erste Held spiele vortrefflich . - Das kann ich nicht finden , fiel sogleich der Doktor ein , Glauben Sie nicht , daß , hätte der Mann sechsmal besser gespielt , er des Beifalls viel würd ' ger sein würde ? Ich mußte das notgedrungen zugeben und meinte nur , daß dies sechsmal besser Spielen dem Schauspieler not tue , der die zärtlichen Väter ganz erbärmlich tragiere . - Das kann ich nicht finden , sagte Green wieder , der Mann gibt alles , was er in sich trägt ! Kann er dafür , daß seine Tendenz sich zum Schlechten hinneigt ? Er hat es aber im Schlechten zu rühmlicher Vollkommenheit gebracht , man muß ihn deshalb loben ! - Der Amtmann saß mit seinem Talent , die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfällen und Meinungen , in ihrer Mitte wie das exzitierende Prinzip , und so ging es fort , bis der starke Punsch zu wirken anfing . Da wurde Ewson ausgelassen lustig , er sang mit krächzender Stimme Nationallieder , er warf Perücke und Rock durchs Fenster in den Hof und fing an , mit den sonderbarsten Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen , daß man sich vor Lachen hätte ausschütten mögen . Der Doktor blieb ernsthaft , hatte aber die seltsamsten Visionen . Er sah den Punschnapf für eine Baßgeige an und wollte durchaus darauf herumstreichen , mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend , wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten . - Der Amtmann war immer stiller und stiller geworden , am Ende stolperte er in eine Ecke des Zimmers , wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing . Ich verstand den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache seines tiefen Schmerzes . - Ach , ach ! brach er schluchzend los , der Prinz Eugen war doch ein großer Feldherr , und dieser heldenmütige Fürst mußte sterben . Ach ! ach ! - und damit weinte er heftiger , daß ihm die hellen Tränen über die Backen liefen . Ich versuchte ihn über den Verlust dieses wackern Prinzen des längst vergangenen Jahrhunderts möglichst zu trösten , aber es war vergebens . Der Doktor Green hatte indessen eine große Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhörlich gegen das offene Fenster . - Er hatte nichts geringeres im Sinn , als den Mond zu putzen , der hell hineinschien . Ewson sprang und schrie , als wäre er besessen von tausend Teufeln , bis endlich der Hausknecht , des hellen Mondscheins unerachtet , mit einer großen Laterne in das Zimmer trat und laut rief : Da bin ich , meine Herren , nun kanns fortgehen . Der Doktor stellte sich dicht vor ihm hin und sprach , ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend : Willkommen , Freund ! Bist du der Squenz , der Mondschein trägt und Hund und Dornbusch ? Ich habe dich geputzt , Halunke , darum scheinst du hell ! Gut ' Nacht denn , viel des schnöden Safts hab ' ich getrunken , gut ' Nacht , mein werter Wirt , gut ' Nacht mein Pylades ! - Ewson schwur , daß kein Mensch zu Hause gehen solle , ohne den Hals zu brechen , aber niemand achtete darauf , vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen , den Amtmann , der noch immer über den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte , unter den andern Arm , und so wackelten sie über die Straße fort nach dem Amtshause . Mit Mühe brachten wir den närrischen Ewson in sein Zimmer , wo er noch die halbe Nacht auf der Flöte tobte , so daß ich kein Auge zutun und mich erst ,