, Wie viel Schimpf mußt du ertragen , Heimlich wirst du ausgekiffen Von der bösen Herzoginne , Und du sehnst dich nach dem Stifte . Kinderlos bleibt so der Herzog , Doch genügte ihm am Ruhme , Daß ein Kind von ihm entsprossen ; Nur zum Schein hat er gescholten Die Äbtissin , daß sie frevelnd Sich mit Heiden abgegeben . Sie beschwört die eigne Unschuld , Will doch nicht den Vater nennen , Weil sie ihn nicht hat gesehen , Weil sein Leben ihr noch teuer , Hat er ' s Kind gleich angeschwärzet . Sie erzählt nur , wie im Garten Sich belebte jener Nußbaum , Meint , daß sie sich hab versehen An der Nacht , die gar zu dunkel , Oder daß , wie grüne Schale Von den Nüssen schwärzt die Finger , So auch dieses Kind des Nußbaums Sei in seiner Haut geschwärzet , Und man hätt ' es schwefeln sollen ; Doch das ist nun viel zu späte ; - Als sie ganz gesund zur Reise , Kehrt sie heim zum Fräuleinstifte , Alle Lieb ist ihr vergangen Seit sie Sternenkunst getrieben ; Und sie hält sich zu den andern , Schwätzend , spielend , zankend , putzend . Bei dem Landvolk aufgezogen , Unbewußt , woher er stamme , Wächst der kleine Mohrenjunge Und durch seine Wundergaben Alle Nachbarn fast erschrecket . Während noch die andern Kinder Mit ihm spielen ihres Gleichen , Wer gestohlen , konnt er wissen , Wer zu Nachte umgegangen , Wer vom Morgen abgepflüget , Welcher Schneider in die Hölle Hat gepeitschet große Lappen , Welche Kühe würden kalben , Welche Tauben sich verfliegen , Alles wußt er zu erraten , Und der Kuckuck war vor allen Ihm gewogen mit dem Rufen . Wie ein rechtes Meereswunder , Wurde dieser schwarze Flecken In der Ehre der Prinzessin Rings im Lande vorgezeiget ; Also kam er auch zum Stifte , Machte schamrot alle Fräuleins , Daß sie ihn ermorden wollten . Doch er bittet , eh ' er sterbe , Daß ihn höre die Äbtissin Ganz allein in ihrem Zimmer , Was sie endlich ihm gewähret , Ahndend , daß es sei ihr Knabe ; Und da zeigt er ihr sein Wappen , Das ihm eingebrannt so frühe Und zu löschen ist vergessen , Er begrüßet sie als Mutter . Und sie frägt ihn freundlich küssend Trotz der aufgeworfnen Lippen : » Da du alles kannst erraten , Sage mir , wer war dein Vater ? War es nicht der Herr Offzierer , Der so oft vorbei geritten Mit den Wangen rötlich weißlich ; « Und der Knabe spricht mit Lächeln : » Nimmer nein , es war ein Pauker , Cipripor , das war sein Name , Bei dem Regiment Dragoner , Wovon jener war der Oberst ; Sicher habt Ihr ihn gesehen , War ein Mohr , ein schwarzer Teufel , Und der Teufel war im Vater , Als er Euch in schönem Dunkel Überraschte und besiegte ; Also teuflisch sind die Kräfte , Die er mir damit verliehen : Doch weil Ihr in reiner Unschuld Seid gefallen von dem Guten , Nur von Einbildung befangen , Wohl so sind mir alle Kräfte Nun zum Guten hingewendet . « - Nun erzählt er ihr ausführlich , Wie der Vater , wenn es dunkel , In des Stiftes Garten kommen , Ziegenfleisch und gelbe Erbsen Von den Fräuleins einzuhandeln , Was zu reichlich war dotieret : Und so hab ihn da Frau Mutter , In dem Wahnsinn alter Liebe , Schmachtend ihn im Kuß umfangen , Hab geglaubt , es sei der Oberst . Das sei gar nicht zu verwundern , War doch seine Stimm nicht schwärzer , Als von allen andern Männern , Trug er doch so gut den Degen Und die Feder auf dem Hute , Schwere Stiefeln , Klapperspornen , Und die Binde und die Krause , Wie der schönste Stabsoffzierer . Die Moral ist nun gewesen : Dieser kleine Mohrenjunge , Der mit recht beredter Zunge , Jetzt geschützt von der Äbtissin , Trat zu ihren alten Fräulein , Und mit rechtem scharfen Besen Aus den Winkeln der Gemüter Hat gefeget weltlich Leben . Die Äbtissin schickt ihn heimlich Zu dem Herzog , der gealtert Jetzt nun gar nichts denken konnte , Sondern alles unterschriebe , Seine besten Freund ließ hängen , Wenn nur zu der rechten Stunde Ihm das Mittagsmahl bereitet . Und der Herzog läßt ihn kommen , Frägt ihn lächelnd , was er könne , Ob er auf dem Seile tanze Oder Kartenkünste mache , Ob er unverbrennlich wäre ? Alles dreies macht der Knabe , Und der Herzog wählt ihn gnädig Sich zum ersten Staatsminister , Und will gerne mit ihm reden Von der wahren Staatsverfassung . Wie ein Buch spricht da der Knabe , Doch der Herzog hat noch nimmer Acht gegeben , was gesprochen ; Und der Knabe kann auch singen Nun verstehet ihn der Herzog , Aber ich verschweig dies Liedchen , Denn es riechet gar zu mystisch . Es beweiset die Verwandlung In dem Kopf des alten Herzogs , Weil er sei der Stein der Weisen , Der Metalle kann verwandeln , Daß zum Chaos alles kehre . Als der Herzog dies vernommen , Wird ihm bange und beklommen , Sieht , wie schon in den Gedanken , Alles Runde sich verwandelt Und die Krone ihm als Mühlrad Und als Suppendeckel scheinet , Während viele list ' ge Feinde Nach der einen Krone trachten , Die auf seinem Haupte wackelt . Klüglich nimmt er an den Jungen , Sich zum Hof- und Staatspropheten , Daß er ihm die Krone halte : Der nun alles weiß , was künftig Bringt die Welt gar bald zum Ende . Und so endet mein Gedicht . Die ungemeine , fast männliche Lebhaftigkeit und Freimütigkeit der kleinen runden Dame hatte alle Zuhörer überrascht ; fast schien sie der kleine Mulatte selbst zu werden . Prediger Frank warf heimlich die Frage auf : Woher es komme , daß niemand einen Anstoß an der Erzählung genommen habe , während sie eine andre Frau in gemischter Gesellschaft schwerlich nacherzählen könne . - » Das kommt von der lauten metallenen Stimme unsrer Freundin ; was sich so laut sagen läßt , ist sicher sehr unschuldig gemeint « , sagte der Graf eben so laut , » was in der Welt geschehen , ist auch wieder zu erzählen , nur in der rechten Art , denn wenn sich Gott nicht geschämt hat , es zu dulden , warum wir ? « - Die kleine Runde , statt sich darauf einzulassen , machte allerlei Tierstimmen so geschickt nach , daß mehrere erschraken ; überhaupt wußte sie ihr Wesen mehr durch Unerschütterlichkeit als durch Witz zu behaupten , und die andern mußten sich drein finden . Fräulein Walpurgis , die sich schon während der Geschichte des Mohrenknaben wieder bei der Gesellschaft eingefunden hatte , suchte diese luxurierende Lustigkeit , in der sich ihre Freundin leicht übernehmen konnte , wie eine Parze abzuschneiden ; sie zog aus einer weißatlassenen , mit Zypressen und Urnen gestickten Brieftasche ein Paket Papiere heraus und sagte : Man sollte nicht allein die Übel protestantischer Stifter rügen , wo die Ehelosigkeit freilich kein Verdienst sei , auch die katholische Zeit ihres Klosters habe andre Nachteile gehabt , das allzu hohe Anrechnen dieses Zustandes habe zu leerem Stolz auf eine vorgebliche Heiligung geführt , wo sogar krankhafte Zustände für Heiligung gegolten . - Der katholische Geistliche gab ihr darin recht und machte die Nonnen aller Art lächerlich . Frank verteidigte sie . - Der Graf sagte : » Ich glaube , die Religionssysteme tauschen sich aus . « - Fräulein Walpurgis erzählte nun , daß sie alte Briefe in ihrem Kloster gefunden , welche eine Mohrin angingen , die von einem frommen Einsiedler bekehrt , eine Nonne geworden wäre , und einen recht grellen Gegensatz zu jener Mohrengeschichte darstellten . Der Graf nahm die Papiere und wollte sie vorlesen , aber der Prediger Frank fiel schon nach dem ersten Briefe der Sammlung sehr laut ein , indem er seine ganze Aufmerksamkeit auf die heilige Gewalt richtete , die ein Mann auf ein Mädchen ausüben könnte , das selbst noch keine Anlage zur Heiligkeit habe , und erzählte darüber viele Beispiele von Lavater , den er gekannt hatte ; er führte diese Wirkung auf eine allgemeine Regel zurück , möglichst viel und eigentümlich auf andre zu wirken , um ihnen alle Zeit zur Gegenwirkung abzuschneiden , wenigstens die Besonnenheit dazu ; nun sei aber nichts eigentümlicher im Menschen als die heil ' ge Äußerung , also beschäftige und verwirre diese andre Leute am meisten ; sie habe immer die Wirkung eines Einfalls und lasse am wenigsten einen Plan im Betragen durchscheinen , der jedem Mädchen besonders verhaßt wäre . - Der katholische Geistliche , der sich Xaver nannte , bewunderte den Scharfsinn Franks ; er versicherte ihm , daß er wohl einhundert Kunstgriffe aller Art wisse , um die Leute der Religion zu unterwerfen , und während er ihren innern Glauben schärfe , schaffe er allmählich , wenn auch nur alle fünf Jahre , etwas von den alten törichten Glaubenslehren weg . - » Aber « , fragte der Graf ernsthaft , » ist denn unsre Religion , die so viel auf Erden gewirkt , größtenteils nur eine Sammlung alter Torheiten ? « Die beiden Prediger entwickelten im Wettstreite ihrer Menschlichkeiten so viele Mysterien , daß die kleine runde Stiftsdame das Zeichen gab , zu einem allgemeinen Gelächter , das immer stärker anwuchs , trotz aller List des einen , trotz aller Menschen- und Weiberkenntnis des andern . Sechzehntes Kapitel Schluß von Lorenzos und Rosaliens Hochzeit Zum Glück für die beiden Priester begann der große Kranztanz , der die vornehmere Gesellschaft wieder mit in die Schranken des Tanzbodens rief ; der Graf behielt mit Erlaubnis der Fräulein die Briefe : wir werden ihrer nicht vergessen . Der Tanz begann mit aller seiner Fackelnpracht . Die Braut mußte mit allen Männern , der Bräutigam mit allen Frauen in der Runde tanzen , bis sie beide zusammentrafen und mit einander verschwanden . Der Graf hatte für diesen Augenblick einen neuen Gesang veranstaltet , in welchem die Gräfin die Braut spielte , die beiden andern Stimmen aber von den eingeübten Dorfknaben gesungen wurden . Die Braut Viel schwächer ich mich fühle , Da mir so nah die Freud , Als da ich fern dem Ziele In Leid und Bitterkeit ; Nacht der Nächte , süß und bittre Zeiten , Bald wird seinen Arm der Liebste um mich breiten . Die Jungfrau vergehet , Die Frau dann erstehet . Der Name des Herrn sei gelobt ! Der Myrtenkranz so lose Mir schon im Haare spielt , O Liebesbecher , Rose , Wie mich dein Duft hier kühlt ; Lieb ist stärker , als der Tod erfunden , Wie ein Lamm zum Opfer bin ich bunden . Mein Hemdlein spielt im Winde , Er ruft mir : Kind , geschwinde ; Der Name des Herrn sei gelobt ! Viel schwächer ich mich fühle , Da mir so nah die Lust , Als da ich fern dem Ziele Ans Sterben denken mußt : Nackt bin ich in diese Welt gekommen , Nackt werd ich auch wieder aufgenommen . Der Herr hat ' s gegeben , Der Herr hat ' s genommen , Der Name des Herrn sei gelobt ! Amen . Alle Gäste Ein Engel wird dir decken Die blauen Äugelein , Ein Engel überstrecken Sich um die Ohren dein , Niemand , keiner wird dich mehr erblicken , Löscht die Lichter ; Finden ist der Lieb Beglücken ! Der Geist ist gegeben , Er mehret das Leben , Der Wille des Herrn soll geschehn . Chor der Schlechten , die links fortgehen Ich kann sie nicht mehr stören , So wird es dennoch wahr , Dort gehn die Brunnenröhren Im hellen Mondschein klar ; Ich muß gehen von der reichen Quelle Trocknen Mundes , Wermut an der Stelle , Wie ist mir so wüste Vom wilden Gelüste , Sie denket wohl nicht , was in mir tobt . Enteilt ihr Flitterwochen , Ist erste Lieb vorbei , Will ich ans Türlein pochen , Dann bin ich frech und frei ; Liebeszauber ist dann schon verschwunden , Und sie fühlt vom Ehring sich gebunden ; Der Mann wird dann schelten , Da werd ich was gelten Im Namen des Teufels es geht . Die Frommen , die rechts fortgehen Ich liebte sie so stille , Wie Gott die Welt geliebt , Doch es war nicht sein Wille , Daß sie mich wieder liebt ; Ewig bleib ich dennoch ihr so eigen ; Gott , dir soll ' s mein einsam Leben zeigen ; Er muß es wohl wissen , Was besser wir missen , Er wußte allein , wie sie mir lieb . Wie Gold ins Meer versenket , Wird in Verschwiegenheit Die Liebe abgelenket Von ihrem trüben Leid ; Meine Liebe muß sie nimmer wissen , Daß sie nimmermehr mich kann vermissen , Ihr Los ist geworfen , Und ich bin verworfen . Sie liebt ihn ; mein Unglück trag ich fern . Bald bet ich in der Klause In der Waldeinsamkeit ; Herr schenke ihrem Hause , Ach all die Seligkeit , Die ich hoffend hatte mir ersonnen ; Sei mein Beten ganz für sie gewonnen . Die Menschen , sie denken , Und Gott wird sie lenken . Der Name des Herrn sei gelobt ! Der Gesang war kaum geendigt , so begannen die beiden Geistlichen einige Späße über einzelne Verse des Gesanges , den sie für einen Scherz des Grafen hielten und keinesweges für seinen besten Ernst , wie es doch wirklich war . Die Gräfin nahm das etwas übel , da sie selbst dabei tätig gewesen , sie sagte dem Grafen leise , so ungesittete Leute wären doch wert vom Hofe hinunter geworfen zu werden , da sie überdies gar nicht eingeladen wären . Der Graf hatte einen ähnlichen Entschluß in sich verbissen , und es bedurfte nur dieses Anstoßes zum Hervorbrechen seiner Hitze ; ohne weitere Erklärung nahm er die beiden Geistlichen beim Kragen , und schleppte sie mit großer Heftigkeit durch die Menschenmenge , die es für einen neuen Tanz hielt , in den Hof , und ließ die Verwunderten dort mit der Weisung stehen , nicht eher wieder seine Schwelle zu betreten , bis Geschäfte ihre Gegenwart notwendig machten . Nach dieser Anwendung seines Hausrechts war er plötzlich ganz abgekühlt ; die beiden Menschen taten ihm leid , sie hatten es nicht schlimm gemeint , und er war durch diesen unbesonnenen Entschluß vielleicht für immer ihrer nachbarlichen Gesellschaft beraubt . Als die Gesellschaft sich entfernt hatte , fand ihn Dolores , wie er in großem Ärger das Hochzeitgedicht zerriß und zertrat . » Um ein paar einfältige Verse « , rief er , » habe ich einen Zusammenhang mit der Geistlichkeit gestört , der mir zur Bildung meiner Leute so wesentlich ; sieh , liebe Frau , es ist das schönste Geschäft der Frauen , eine törichte Leidenschaft zu bändigen und zu beschränken , künftig gieße kein Öl ins Feuer ! « - Sie nahm diese Ermahnung mit einiger Empfindlichkeit auf , weil sie zum Sprechen allzu ermüdet war ; sie war schon eingeschlafen , als ihr der Graf eine gute Nacht bot , und der Tag endete ihm weniger heiter , als dessen Aufgang erwarten ließ . - Ist es nicht eben so im großen Leben der Natur , in der Witterung ; wie könnte unser kleineres Leben sich davon los opfern und frei beten ; doch wünschten wir , daß eine glückliche Ehe dies vermöchte , und wenn dies unmöglich , daß sie wenigstens in ihrer Dauer und Festigkeit und übrigen Glückseligkeit dadurch nicht gestört werden könnte . Wir sagen mit Waller , den wir bald näher kennen lernen , zum Schlusse dieses Hochzeittages : Eine glückliche Ehe vergleich ich dem Pendel der Uhren , Der aus verschiednem Metall schön im Verhältnis gefügt , Wenn es im Innern auch spannt im ewigen Wechsel der Wärme , Nimmer von außen es zeigt , nimmer verwirret die Uhr ; Blinkend erscheint er im Anfang und rostig gedunkelt im Alter , Doch sein Innres vereint gleiche Vertraulichkeit stets . Siebzehntes Kapitel Geschichte des Einsiedlers und der Mohrin . Nachrichten von Klelia Am anderen Morgen war die Gräfin recht betrübt , daß ihr Rosalie fehlte , die jede ihrer kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten kannte , jeden Wink verstand ; erst jetzt lernte sie die ausgezeichnete Fügsamkeit und Beflissenheit des Mädchens kennen , da ihr Ilse alle wesentlichsten Dienste ganz ungeschickt leistete . Sie flüchtete sich aus ihren ungeschickten Händen ganz verdrießlich zum Grafen , der bei der Durchsicht einer weitläuftigen Baurechnung der neuen Dorfkirche , die nun bald beendigt war , alle seine Aufmerksamkeit gefesselt hielt , legte sich auf seine Schulter , spielte in seinen Haaren , und erzählte ihm mit einem weinerlichen Tone , wie es doch so böse um das Heiraten der Mädchen wäre ; kaum wäre ein Mädchen brauchbar , so würde es in eine ganz fremde Beschäftigung dadurch gebracht ; wenn doch alle Dienste so könnten eingerichtet werden , daß die Leute sich dabei verheiraten könnten . - Der Graf sagte immer kein Wort und rechnete fort . - Die Gräfin sah ins Buch und las : » Drei Schock Lattnägel , Hohlsteine « , lachte und sagte : » Ich glaube , du wirst noch ein Baumeister ; hör , du tust dir noch Schaden in der glatten Stirne , die ich so gern küsse , und das leide ich nicht ! « - Dabei küßte sie ihm einen Kranz um die Stirn und dieses Entgegenkommen war bei ihr so selten , daß der Graf die ganze verwickelte Rechnung zur Seite schob , ungeachtet er sich fest vorgenommen hatte , sie noch denselben Tag zu beendigen , die Gräfin auf seinen Schoß setzte und sie herzlich küßte . - Die Gräfin aber sprang auf und rief : » Ich glaube , es ist das einzige Vergnügen , was du mir zu machen weißt , daß du mich küssest ; sonst , ehe wir verheiratet waren , brachtest du alle Tage etwas zum Vorlesen ; ja das war gute Zeit ; jetzt bist du entweder in Geschäften , oder du denkst an Geschäfte ; ich glaube , daß ich künftig dein Schreiber werden muß , wenn ich etwas von dir hören und sehen will . « - » Du hast recht , liebe Frau « , antwortete der Graf , » aber wahrhaftig ich kann oft nicht anders ; ich wollte , ich hätte mich nicht in so vielerlei Arbeit eingelassen ; was ich aber einmal unternommen , daran setze ich Ehre und Leben . « - DOLORES : » Und ich setze alle meine Liebkosungen , alle meine Bosheit heute daran , daß du nicht zum Schreiben kommst ; lies mir etwas vor . « - GRAF : » Ich habe nichts . « - DOLORES : » Da sind ja noch die Briefe , die dir Fräulein Walpurgis gegeben . « - GRAF : » Die werden dich nicht unterhalten , sie sind zu ernsthaft . « - DOLORES : » Immer zu ; ich bin heute auch sehr ernsthaft . « - Der Graf las ihr jene Briefe , wie folget , vor : Briefe eines wandernden Einsiedlers und einer Mohrin , welche Nonne wurde4 1. Der Einsiedler an die Mohrin Das edle Saitenspiel des heiligen Geistes , der Prophet David , war einstmals ertrunken in der Stille des göttlichen Schauens und sprach das edle Wörtlein : » Mir ist gut , daß ich Gott anhange . « O wohl mir , gutes Kind , was mein Mund Dir oft begreiflich gesagt hat , als ich bei Dir war , das rufet zu Dir mein Herz : Wer Gott anhängt , wird ein Geist mit Gott und verschwimmet in das Einige ein ; das ist das Allerbeste und dies begehrte der Widerglanz des ewigen Lichtes an dem letzten Nachtmahle , das er hielte mit den Jüngern : heiliger Vater , ich begehr , daß sie eins mit uns sind , als ich und du eins sind . Und welche also mit der Allheit in Einigkeit worden sind , alle ihre Sinne kommen dann in solche Eingezogenheit und ihr Verständnis ist ein Schauen der reinen Wahrheit in der Sonne des ewigen Geistes . Ach hebe auf Dein Auge , sehe , was freuet sich jetzund Berg und Tal , Laub und Gras , wie lachet jetzt die schöne Heide ! Alles wegen der klaren Sonne , zu der Laub und Gras und jedes Kindes Auge blickt und trachtet . Ach darum mein Kind , erschwinge Dich in die wilde , stille Wüste der Gottheit und Dir wird wohl sein ; wisse , daß ein starkes Gemüt mit Gott einen schwachen Leib überwinden kann . Wer aber der schönen Rosen Auge haben will , der muß ihre natürliche Art erwarten in Gemach und Ungemach , bis der fröhliche Tag kommen , da er sie in spielender Wonne fröhlich genießen wird nach aller Herzenslust . Darum sei geduldig meine Tochter , wenn die Heiligung Deines neuen Lebens im Kloster Dich noch nicht ganz erschließen kann , wenn Deine Stunden des Gebets noch leer an Freuden sind ; jetzt ist noch Wintertag in Deiner Seele , aber Du ahndest doch oft schon den Frühling . 2. Die Mohrin an den Einsiedler Ich danke Euch für Euer Schreiben , so weit ich es verstehe , doch auch , was ich nicht verstehe , tröstet mich , wie damals Euer Angesicht , als ich noch traurig es anblicken durfte . Heiliger Vater ! Ich bin erst vierzehn Tage von Euch entfernt und meine , es wäre eine Ewigkeit . - Ich werde Euch wohl nie wiedersehen , denn Ihr wandelt mit Trost über den ganzen Erdboden , ich aber bleibe einsam in meiner Zelle . - Wie war ich so hülflos , ob Ihr gleich mit einem Segen von mir geschieden ; die Schwestern sahen mich alle so neugierig an , und befühlten meine Hand , ob die schwarze Farbe darauf säße oder darunter ; meine Seele umzog dann Nachts ein so trübes Licht , daß ich nicht schlafen konnte , sondern an das Fenster ging und mich über den Mond verwunderte , wie er so helle durch die Linden schimmerte ; die Linden schienen ihm entgegen zu rauschen und ich fühlte mich umfaßt von der kranken Schwester Therese , die auch nicht schlafen konnte und immer Nachts durch alle Zellen schlich , und wußte alles , wo die Nachtfalter im Mondenlichte flatterten und wo die Nachtigall sänge . Sie ist so gut , beinahe so gut wie Ihr , und klagt nur immer , daß sie mich nicht genug lieben kann . Die andern Novizen denken alle noch weit hinaus in die Welt , und wissen alle , was da geschieht ; wir beide gedenken nur an Euch in unsern Gesprächen über das , was außer dem Kloster ist ; Ihr scheint uns da auf der Erde umherzuwandern , wie unser Herr Gott im Himmel . Oft denken wir , wie gerne wir mit Euch lehren möchten , und könnten wir nicht lehren die Heiden , so könnten wir doch Eure Füße salben , für Euch sorgen ; aber wofür braucht Ihr zu sorgen , da Ihr so wenig bedürft und Gott mit Euch ist ; Ihr sorgt für uns und alle Welt . Alle Heiligen denken wir uns wie Euch , und die jungen Heiligen , wie der heilige Sebastian , gefallen uns nicht , da Ihr alt seid . Euer weißer Bart ist das Ruhekissen aller Andacht ; wie war mir die Sandwüste so paradiesisch , als ich auf Eurem Barte ruhen durfte , als Ihr besorgtet für mein Leben ; kein Obdach wäre mir da etwas wert gewesen , so stark auch das Unwetter ; ich hörte Euer Herz schlagen , ich fühlte Euren Atem wie Tau an meiner Brust ; ich war Euch so nahe . Ach wie seid Ihr nun so gar entfernt ; ich denke mir rote und grüne Länder , wo Ihr durchgehet ; ich liebe Euch wie meinen Himmel und liebe den Himmel , wenn er so wie Ihr fortwandelt in aller Güte . O möge Euch für die Treue an mir , Maria , die Mutter Gottes , ihr Kindlein eine Stunde in die Arme geben , daß es Euch anlächle in der Wüste . Mich segnet Euer Andenken . 3. Der Einsiedler an die Mohrin Da der König David seine Jugend im Gottesdienste hatte verherrlicht , da begann er zu alten , da begann er zu kalten , und das sahen seine getreuen Diener , und die zogen durch alles Land und suchten ihm eine züchtige Jungfrau , und führten sie zu ihm , daß sie ihn wärmete mit ihrer Andacht , und also ward er wieder jung und ging wieder frisch zu dem Werke des Herrn . Siehe , so hast Du mir getan , und ich bin gestärkt durch Dich in die Welt gezogen ; siehe , so tue vielen und andern , die noch mehr Deiner bedürfen , als ich . Es sind jetzund viele Menschen , die tragen einen geistlichen Schein und haben Gott nie scheinbar erzürnet , aber sie sind laulicht , lieblos und gnadenleer geworden ; schließe Dich an sie , zu erwärmen die Kalten , und Reif wird herabfließen in Tränen und die Flur wird heller und grüner sein , denn jemals . Ein liebendes Herz spricht zu tausend andern , es tut als wilder Adler einen freien Schwung zur Sonne , daß die kalten Herzen inne werden der göttlichen Herrlichkeit . - Auch mir , Du geliebtes Kind , fehlet viel , da ich Dich nicht bei mir sehe ; der volle Mond ist gebrochen , die frohe Sonne erloschen , der liebe Ostertag zum stillen Freitag geworden , ach und die heiße Sommerwärme vom kalten Reife verdrängt ; doch manche Rose , die sich dem Himmelstau lange verschlossen , gehet im kalten Reife auf , also diente ich jetzt schon mancher andern frommen Seele . - Verzweifele nicht an Deiner Heiligung , höre nur treu die Stimme des geliebten Jesus , denn seine Stimme ist süß und sein Angesicht lieblich . Ich bitte die ewige Wahrheit , daß sie in Deinem Herzen haushalte , und alles Unreine kräftiglich darausstoße , das je darinnen sich gesetzet . Wie wäre es aber möglich , daß alles Getümmel , das zwanzig Jahre an einem Orte sich gesammelt , in wenigen Tagen ausgestoßen sei . Es muß noch manches wandelbare Wetter in Dir aufstehen , ehe die bleibende Heiterkeit sich darin setzet . Darum lässet Christus sein Antlitz leuchten über Dir , daß Du sehen mögest , wo es noch dunkel und unrein in Deinem Herzen . 4. Die Mohrin an den Einsiedler Heiliger Vater , Euer Brief hat mich gestärkt , daß ich zur großen Verlobung bin tüchtig geworden . Ich habe mein Gelübde getan ; ich konnte kein Haar mir abschneiden lassen wie die andern , denn mein Haar ist nie aufgegangen , das die heiße Sonne frühzeitig versengt hatte , und mein Herz ist trocken geblieben . Ich habe nicht getanzt wie die andern den Tag vorher , ich habe nicht geweinet wie die andern den Tag nachher , als die Tür zuschlug und ich in die dunkle Zelle eingeführt wurde . Ich fühlte mich nicht verändert , nicht heiliger , nicht frommer , und schreibe das der Trockenheit meines fremden Himmels zu . Ihr seid mein Führer , Ihr hörtet mich , als ich im Schandhaus ein frommes Lied sang , das ich nicht verstand , das ich bloß so nachsingen lernte meiner Mutter , ehe ich geraubt wurde . Da tratet Ihr herein und fürchtetet nicht das Gespötte , nicht die Drohungen der wilden Seeräuber ; Ihr riefet laut : » Hier ist noch eine arme Seele , die gerettet werden kann , denn sie wendet sich zu Gott . « - Und Gott gab Euren Worten die Kraft und erschreckte die Männer und ich folgte wie ein junges Kindlein der Mutter ; ich war einer großen Sünde recht nahe und wußte es nicht ; nun ich es weiß , habe ich Euch erst danken lernen ; Ihr habt mich an den Himmel abgegeben , aber ich wage nicht hinaufzusehen . Sehet hinauf und betet für mich . 5. Der Einsiedler an die Mohrin Die Weinstöcke haben Augen gewonnen und geben ihren Geruch ; die Turteltaube läßt sich hören in unserm Lande . Mit welchen Freuden meinst Du , daß sich der Herr in den schönen Weingärten ergeht ; ach ihr jungen schönen Weinstöcke des himmlischen Vaters , ihr schönen holdseligen Turteltäubelein des göttlichen Gemahls , gedenket wie lange Zeit ihr seid wüste gelegen , wie manchen schönen Tag müßig ! - O wehe des kalten Windes unnützer Worte ! Mein frommes Kind , was soll ich mehr schreiben . Es freuet sich mein Herz über Dein angefangenes heiliges Leben ; ehe Du aber erstarket bist , mußt Du Dich umzäunen , als ein junges Bäumelein gegen das grasende Vieh . So schaue in Dich , statt der andern Tun und Lassen zu vergleichen , warte der himmlischen Harfen , die im Gemüte , wie die Vögel der Luft , unsichtbar dem in sich Verlornen klingen . Auch sollst du gewarnet sein , so die schönen Weingärten aufblühen , daß auch dann die Bremen und leidigen Käfer beginnen zu stürmen , und wo der böse Geist mit sich selber nicht kann zukommen gegen einen frommen Menschen , da lässet er ihn reizen von seinem Gesinde mit bittern Worten und ihn selbst mit falschen Weissagungen in Lieb oder in Leide . Und darum mein