anerkennen müssen , so habe ich Steins Hand angenommen , der grade seine Bewerbung bei meiner Mutter erneuerte . Stein ! rief Luise ganz entrüstet ; Emilie , wo denken Sie hin , dies edle Gemüth wollen Sie hintergehn ! Gott bewahre mich , erwiederte jene , ich will ihn gewiß recht glücklich machen . Mit diesem getheilten Herzen ? fragte Luise . O das wird schon ruhiger schlagen lernen , entgegnete Emilie ; und dann sagt Mutter , Pflicht und Gewohnheit ersetzten jede heftigere Neigung , und wenn ich sie selbst betrachte , so bin ich sehr geneigt , es zu glauben ; sie lebte immer zufrieden an meines Vaters Seite , und ich bin gewiß , sie hat ihn nie geliebt . Aber Ihre Mutter selbst , unterbrach sie Luise , war früher so entschieden gegen eine Verbindung mit Stein . So lange nur , erwiederte Emilie , als sie fürchtete , seine Leidenschaft könne mich unnatürlich entzünden , und , wie sie sagt , unversehens in eine Welt zaubern , in der ich höchst unbehaglich zu mir selbst kommen würde . Jetzt aber , da ich ihn mit ruhigem Gemüth allein aus Vernunft heiraten will , sieht sie weiter keine Gefahr für mich , und ist sehr gewiß , daß ich immer die Verschiedenheit unsrer Wege anerkennen , und durch Nothwendigkeit gehalten , den meinen recht still fortgehn werde . Luise ward lebhaft von der Herabwürdigung der allerheiligsten Verbindung ergriffen , die man hier , wie so oft im Leben , augenblicklichen Zwecken unterordnete , und rief daher , ganz rücksichtslos auf die Baronin : liebe Emilie , man täuscht Sie ! man täuscht Sie absichtlich ! Sie wissen nicht , was es beißt , eine verfehlte Wahl ; Sie ahnden den Kampf gutgearteter Naturen nicht , die vielleicht ein langes Leben hindurch mit Theilnahme und Mitleid und den eignen qualvollen Wünschen ringen müssen . Noch viel weniger fühlen Sie , was dadurch in Ihnen verloren geht . Das Unschuldigste wird Ihnen unter den Händen zur Schuld ; Frevel und Sünde treten Ihnen unversehens immer näher und näher , und fassen und halten Sie , bis die Ruhe und das Glück Ihres Lebens auf ewig vergiftet sind . Freilich , freilich ! sagte Emilie , einigermaßen erschüttert ; aber Mutter behauptet , einer Frau , die das Pflichtmäßige ihrer Verhältnisse nicht von selbst vor jeder Gefahr sichre , sei überhaupt nicht zu helfen . Kleine Abweichungen von der gewohnten Ordnung gehören der ungebundnen Jugend an . Wie wir aber in die wirkliche Welt treten , fasse uns der Ernst unsrer Bestimmung unwillkührlich an , und dränge uns unbewußt in den gemeßnen Gang häuslicher Thätigkeit ; die Gewohnheit fände sich von selbst ein , und das ganze geträumte Wesen der Jugend liege plötzlich weit , weit hinter uns . O mein Gott ! sagte Luise , so ist denn die Ehe nichts als ein bürgerlicher Verein , so wie noch tausend Andre , in denen Absichtlichkeit und Gesetz die Menschen zusammenhalten . Ihr reines Element wird ein trüber Sumpf , und die freieste Gabe des Herzens ein knechtisches Naturgebot ! Aber wenn Sie sich auch finden lernen , fuhr sie gemäßigter fort , was soll aus dem Unglücklichen werden , dem sie so zuversichtlich die schwere Kette über den Nacken werfen ? Wagen Sie es , auch für ihn gut zu sagen ? Liebe Emilie , hoffen Sie nicht , ihn in den breiten Weg der Alltäglichkeit hineinzuziehn ! In Steins Seele ist ein heller Tag aufgegangen ; er macht andre Anforderungen an das Leben , als Sie es wünschen ; ein volles , inniges Dasein will er mit Ihnen theilen . O Emilie , wenn diese höchst einfachen Anforderungen Sie drücken , und Sie das treue , begehrliche Herz durch Unvermögen , es zu begreifen , zerreißen werden , hoffen Sie dann noch , Ihren Weg still und ungestört fortzugehn ? Wahrhaftig , sagte die Kleine halb weinend , Sie machen mich ganz bange ! Ich habe das immer dunkel gefühlt . Aber es ist ja auch noch nicht alles verloren . Verlassen Sie mich nur nicht , beste Luise , ich bitte Sie , versagen Sie uns Ihre Begleitung nicht . Auguste kam hier auch herzu , und sagte noch vieles und manches über das unsichre Schwanken unsers Willens , und wie unersprieslich es sei , einen Entschluß zu verschieben , zu dem uns die innre Neigung vielleicht längst aufgefordert habe , so daß sich Luise entschied , und der folgende Tag zu ihrer Aller Abreise bestimmt ward . Das ganze Haus gerieth bei dieser Nachricht in freudige Bewegung . Mariane sah nach monatlicher Trauer mit Entzücken einer willkommnen Veränderung entgegen , und auch für Luisen hatte die kleine Reise und die Aussicht in ein beweglicheres Leben , etwas Erfreuliches , ohnerachtet eine innre Bangigkeit sie wohl zuweilen die Neuheit ungewohnter Verhältnisse vorempfinden ließ . Als sie am folgenden Morgen früh im halben Dämmerlicht an des Predigers Wohnung vorüberfuhren , öffnete Minchen schnell die Vorhänge und winkte Luisen noch ein herzliches Lebewohl zu . Diese ward innig dadurch gerührt . Der zitternde Tagesschein , der die Gegenstände mehr in einander schmolz , als bezeichnete , gab der Gestalt etwas schattenartiges , das Luisen unwillkührlich ergriff . Nur den tiefen Schmerz , den sie Minchen kannte , glaubte sie in ihren bleichen Zügen gesehen zu haben . Ihr war , als haben die weißen Arme , die sie grüßend bald hob und neigte , gestrebt , sie zurückzuhalten . Ihre Bewegung entging ihren Begleiterinnen nicht . Sie drangen in sie , und Luise sprach mit Wärme von Minchens Leiden und der stillen Ergebung , mit der sie sie trage , was Emilien häufige Thränen entlockte , Augusten aber in ein augenblickliches Nachdenken versenkte , aus welchem sehr bald folgende Worte hervorgingen . Mich dünkt doch , hub sie an , es sei keine rechte Einheit in diesem Gemüth ! Entweder sie erwartet noch etwas vom Leben , oder sie begiebt sich aller Ansprüche daran . Ist das Erstere der Fall , warum dehnt sie die fruchtlose Trauer über das Grab des Geliebten hinaus ? Warum ? fragte Luise ; lieber Himmel , kann sie denn anders ? Darüber kann sie freilich nur selbst entscheiden , entgegnete Auguste , aber dann sollte sie auch nur konsequent sein , und sich gleich mit in das kühle Grab legen , das nun einmal das Ziel ihrer Wünsche umfaßt . Was will sie in der Welt ? Sie zerreißt sich muthwillig . Beschränkte Naturen thun am Besten , sich gleich zu ergeben , da es ihnen an Kraft gebricht , die Nothwendigkeit zur Freiheit zu erheben . Beschränkte Naturen ! rief Luise verletzt . O fühlen Sie denn nicht wie eine Schranke nach der andern vor diesen Augen fiel , die , ein höheres Ziel erfassend , muthig den dornigen Weg überschauen , der ausgebreitet daliegt ? Kann sie den zarten Gliedern gebieten , nicht zu bluten , wenn die Dornen sie wund ritzen ? Und sehen Sie nicht , wie der Schmerz , als ihr irrdisch Erbtheil , immer mehr hinter ihr zusammensinkt , und sie sich auf mächtigen Schwingen über sich selbst erhebt ? Ich halte von solchen Kämpfen nicht viel , sagte Auguste kalt . Stehn ihr die Schwingen wirklich zu Gebot , wie Sie glauben , was überfliegt sie nicht gleich den mühseligen Weg , und erreicht so früher das Ziel ? Weil sie , erwiederte Luise , ihre Kraft erst im Schmerze prüfte ; weil ein wahrhaftes Leid den Menschen erschüttert und ihm alle Tiefen der Seele eröffnet , in denen er sich und die Welt und seine Bestimmung verstehen lernt . Glauben Sie das nicht , fiel Auguste ein , wer das Rechte von Anfang will , der findet es auch , der will denn auch nur das Eine in jeder wechselnden Gestaltung der Dinge , das ist seines Daseins ewiges unwandelbares Gebot . Unter diesen und ähnlichen Gesprächen setzten sie ihre Reise fort . Luise fühlte sich sehr unbehaglich auf ihrem Platze . Emilie schlief , oder verlor sich doch mit geschloßnen Augen in lustige Träume ; Auguste redete freilich , verletzte sie indeß unaufhörlich durch ihre dürre Sentenzen . Tausendmal ihren raschen Entschluß bereuend , sich der fremdartigen Gesellschaft angeschlossen zu haben , beugte sie den Kopf aus dem Wagenfenster , um , wo möglich , in den äußren Gegenständen eine erfreulichere Unterhaltung zu finden . Nicht lange , so bemerkte sie eine Chaise , die ihnen bald in geringer , bald in weiter Entfernung folgte , je nachdem der träge Gang der abgetriebnen Postpferde es gestattete . Unwillkührlich wendete sich Luise noch mehr zurück , um wo möglich zu entdecken , wer in dem Wagen sitze ; allein er war dicht verschlossen , und sie mußte unbefriedigt von ihren wiederholten Versuchen abstehn . Zufällig traf es sich , daß jener Wagen , beim erneueten Wechseln der Pferde , jedesmal vor dem Posthause still hielt , wenn sie wieder abfuhren , wodurch auch die Neugier der beiden andren Damen erregt ward . Da sie nun unterwegs übernachten mußten , und der Ort , den sie dazu bestimmten , wenig Ausbeute zur geselligen Unterhaltung gewähren konnte , so scherzten sie gegenseitig über die Möglichkeit , in ihrer unbekannten Begleitung irgend eine interessante Bekanntschaft zu machen . Wirklich waren sie kaum in den Gasthof eingezogen , als ein Wagen vor die Thür rollte , den Luise , ohnerachtet der fast hereingebrochnen Dunkelheit , für den besagten erkannte . Ein junger Mann , in einen weiten Pelz gewickelt , sprang heraus , und die dienstfertig entgegenkommende Wirthin bei der Hand fassend , sagte er : es ist verteufelt kalt , schöne Frau ! Mein Zimmer , geschwind mein Zimmer ! In drei Sätzen war er die Treppe herauf ; eine Thür neben ihnen ward aufgeschlossen und er trat singend und lachend in das anstoßende Gemach . Die Stimme klang weich und fremd , die Leichtigkeit , das Benehmen ließ auf äußre Gewandheit und Lebenserfahrung schließen . Ohnerachtet der hohen Ruhe , mit welcher Auguste das bunte Spiel der Oberfläche betrachtete , fühlte sie doch keine geringe Begier , die neue Erscheinung näher in Augenschein zu nehmen . Sie empfahl indeß ihren Gefährtinnen die höchste Aufmerksamkeit , um durch kein Geräusch dem neuen Ankömmling ihre Anwesenheit zu verrathen , wodurch sie sich einigermaßen vor sich selbst rechtfertigen wollte , und zugleich auch den Fremden besser zu beobachten hoffte . Nicht lange darauf hörten sie die Wirthin auf ' s neue hineingehn . Tassen klapperten , ein wohlunterhaltenes Feuer knisterte im Kamin ; der Fremde ward sichtlich mit Aufmerksamkeit bedient , während sie noch an allem Mangel litten , worüber Auguste fast alle Haltung verlor . Ein lautes , wiederholtes Kichern zeigte , wie wohl sich die Wirthin in ihren Geschäften befand , und daß sie vor der Hand noch nicht an sie denken werde . So wohl versehen und schon ganz behaglich eingewohnt , hörten sie ihren Nachbar nach einer Weile eine Kiste öffnen , einige Griffe auf einer Guitarre thun , und sich zu folgenden Worten auf dem Instrument begleiten : Zierliche Blondine Ging heut früh ' zu Walde , Wollt ' beimkehren balde , Pflückte Blümchen hier . Sonnenhelle Miene , Mund voll frischer Rosen , Süß des Auges Kosen , Freud ' ges Liederspiel ! Traurige Blondine Kam heut ' Abend wieder Ohne lust ' ge Lieder , Seufzte tief und schwer . » Was so trübe Miene ? Fandst Du keine Blumen ? Ach ! ich brauch ' nicht Blumen , Brauch ' kein Kränzlein mehr . « Mein Gott , was ist Ihnen ! rief hier Emilie , auf Luise zueilend , Sie sind bleich wie mein Tuch ! Lassen Sie nur , sagte jene leise , es ist nichts , sicher nichts , eine vorübergehende Erschütterung . Die Worte , die dort herüberklangen ; sie lehnte den Kopf an Emiliens Brust ; ich hörte sie nur von Fernando , er selbst hat sie aus seiner Muttersprache in ' s Deutsche übertragen , aber das beweist nichts , gar nichts . Die beiden Andren wurden hierdurch ebenfalls überrascht . Wenn er ' s wäre , sagte Emilie , grade hier , mit uns auf einem Wege , es wäre doch fatal ! Es ist unmöglich , unterbrach sie Luise schnell , ich sagte Ihnen ja , er sei in französische Kriegsdienste gegangen , was soll er hier wollen ? Was sichert Sie denn , fiel Auguste ein , daß dies Vorhaben ausgeführt , ja daß es im Ernst gefaßt ward . Ich dächte , Sie wüßten , was von Aeußerungen aus diesem Munde zu halten sei . Hier trat endlich die Wirthin , von Marianen begleitet , und mit allem zu ihrer Bequemlichkeit Erforderlichen versehen , hinein . Kennen Sie den Fremden schon länger ? fragte sie Auguste spöttisch , daß Sie ihm so viel Vorzüge vor Ihren übrigen Gästen einräumen ? Gott nein ! erwiederte jene betreten , es ist ja ein Ausländer , aber der Herr sind so ungestüm , daß man nur eilen muß , ihn zu befriedigen . Ein Ausländer ? wiederholte Emilie ; wissen Sie nicht , von welcher Nation ? Ein Franzose , glaube ich , erwiederte sie . I , mein Gott , daß ich recht sage , ein Italiener ; ja , ja , ein Italiener , man kunfundirt sich so leicht , und denn die Uniform ! Eine Uniform ? fragten alle Drei . Ja , ich weiß selbst nicht , ob es eine ist , sagte sie , aber es sieht so aus . Wenn es Ihnen gefällig wäre , fuhr sie fort , so könnten Sie miteinander speisen , die gnädigen Damen würden gewiß Unterhaltung finden . Gott bewahre uns ! scholl es aus einem Munde ; wir bitten Sie sogar , setzte Auguste hinzu , unsrer auf keine Weise gegen den Herrn zu erwähnen . Nun , wie Sie befehlen , sagte die Wirthin , durch ihre Heftigkeit aufmerksam gemacht , und wenig geneigt , der letzten Aeußerung zu achten . Je mehr ich nachdenke , sagte Luise , als sie allein waren , je unwahrscheinlicher ist ' s mir , daß Fernando ohne alles Gefolge , ohne allen äußren Glanz , in der Residenz erscheinen würde . Er fordert so viel vom Leben , er selbst thut so viel dafür ; wie sollte er sich in dieser unbedeutenden Außenseite unter das bunte Gewühl einer Hauptstadt mengen ! Sie vergessen , sagte Auguste , daß er mehrere Rollen hat ; kennen Sie seine jetzigen Zwecke ? Luise fuhr indeß fort , Gründe aufzusuchen , sich und die Andren vom Gegentheil zu überführen und die bange Wahrscheinlichkeit wo möglich durch einige Zweifel anzugreifen . Der Abend verging auf diese Weise schnell genug . Bei ihren Nachbar war es indeß ganz still geworden . Er schlafe , so schien es den Damen , welche auch früher als gewohnlich Ruhe suchten . Luise warf sich indeß noch lange im Bette hin und her , als die leisen , gemeßnen Athemzüge ihrer Gefährtinnen von ihrem glücklichen Schlafe zeugten . Jetzt , da ihr Niemand widersprach , da sie keine neuen Gründe mehr aufzufinden wußte , jetzt kam es ihr ganz glaublich vor , daß Fernando nur durch eine dünne Wand von ihr geschieden , nahe bei ihr lebe und athme ; ja es ward ihr mit jedem Augenblick gewisser . Von dieser Vorstellung geschreckt , von tausend quälenden Erinnrungen gemartert , warf sie die lästige Decke von sich , und schlich zum Fenster , um reine Luft zu schöpfen . Ohne innres , festes Denken , starrte sie zerstreut in die dunkle Nacht hinein , als ein leises Schluchzen , dicht neben ihr , sie erschreckte . Das Haus war für den Nutzen erbaut , kein Raum verloren , die Fenster daher nur durch sehr schmale Pfeiler getrennt . Luise erkannte leicht , daß jener Ton aus dem ebenfalls geöffneten Fenster des Nebenzimmers komme . Aufs höchste gespannt , unterschied sie bald einzelne Worte in italienischer Sprache , die flüsternd durch die Dunkelheit hinschwirrten ; plötzlich hörte sie deutlich wie in Unmuth sagen : Fernando , Fernando ! wohin verirrst Du Dich ! Was suchst Du ? was kannst Du hoffen ? bist Du denn auf ewig verloren ! Kalter Nachtwind fuhr hier schneidend an den Häusern vorüber . Die Stimme schwieg ; bald ward auch das Fenster geschlossen . Luise hörte nichts mehr ; unbeweglich auf ihrem Platze , wiederholte sie sich jene Worte , die sie mit der peinlichsten Unruhe erfüllten . Unglücklich also , dachte sie . Sie erkannte ihn ganz in dieser schmerzlichen Heftigkeit , in diesem Unmuth über sich selbst . Was drückt ihn aber so sehr ? Was suchte er jetzt ? Wüßte er vielleicht - ? Dies seltsame Zusammentreffen ! Die gleiche Richtung ihres Weges ! Wenn er unerkannt in ihrer Nähe lebte ! Wenn er sie immer beobachtete ! Wenn er dennoch treu ergeben - - Eine Bewegung der schlafenden Auguste zog sie unwillkührlich zu ihrem Bette zurück . Halb träumend sank sie in die Kissen . Bald darauf war ihr , als sei von dem allen nichts geschehen . Sie mußte sich besinnen , ob sie wirklich am Fenster gestanden habe . Dann fiel es ihr plötzlich ein , daß es gar nicht Fernandos Stimme war , die sie hörte , daß wohl wohl alles ein Blendwerk sein könne ; und dennoch drang Fernandos Name , den sie doch bestimmt vernommen , immer wieder in ihr herauf und neckte und quälte sie , bis sie verzweifelnd die Augen schloß und die bange Seele dem dumpfen Schlafe hingab . Nach wenigen Stunden ward es wieder lebendig um sie . Auguste trieb zum frühen Aufbruch an , da sie gern vor Abends das Ziel ihrer Reise erreichen wollte . Sie reisten ab , ohne das mindeste von dem Fremden gehört zu haben , der , nach der Wirthin Aussage , wohl noch tief schlafe . Erst in dem Thore der Residenz trafen sie mit dem Wagen des Unbekannten wieder zusammen , der an ihnen vorüber , in eine Seitengasse hineinfuhr . Luisens Herz klopfte gewaltsam . Die neue Welt schloß sich ihr in einem Augenblick auf , wo alle alte , mühsam niedergekämpfte , Anforderungen an Fernando wieder in ihr erwachten . Jede ungewohnte Erscheinung fiel so gewichtiger in ihr aufgeregtes Innre . Die bunte Menschenmasse wogte in vielfachem Treiben durch die Straßen hin , und zog sie mit in ihr verworrenes Gewühl hinein . Hohe Häuser , geschmückte Läden , weite Plätze , erhabne Kunstwerke , aller Prunk , wie jeder erhöhete Wille des Lebens , redete zu ihr , und überglänzte die bleiche Dürftigkeit und den frostigen Hunger , der langsam neben ihr hinschlich . Auguste wohnte in der gesuchtesten Gegend der Stadt . Alles athmete hier verfeinerten Lebensgenuß . Die elegante Welt zog in tausendfachen Gestaltungen vor Luisens stets angeregten Blicken hin , und ließ sie zu keiner eigentlichen Anschauung oder innren Betrachtung kommen . Nach wenigen Stunden erschien die Baronin , von Emiliens Ankunft benachrichtet , diese abzuholen . Luisens Unglück hatte sie versöhnt . Alles , was sie deshalb gesagt und nicht gesagt hatte , war eingetroffen ; ihr tiefer Blick in die verworrnen Welthändel gerechtfertigt , und sie selbst als weise Menschenkennerin anerkannt . Ihres hohen Ansehns bei Luisen gewiß , empfing sie diese mit leutseliger Herablassung , und lud sie sogar zu einer Abendversammlung des kommenden Tages bei sich ein , welche sie , wie sie hinzusetzte , sogleich in die rechte Bahn bringen und mit dem Besten , was es in der Stadt gebe , bekannt machen würde . Nur Eins , Liebe , fuhr sie belehrend fort , muß ich Ihnen zuvor noch sagen , weil es einen entschiednen Einfluß auf Ihren Succeß in der Gesellschaft haben wird ; versäumen Sie es ja nicht , den ältren Frauen mit der gesuchtesten Aufmerksamkeit entgegenzutreten , weil sie es sind , die den Ruf der Jüngern gründen und ihn allein bei den schwankenden , durch augenblickliche Eindrücke bedingten , Meinungen erhalten . Die Männer werden unbewußt von diesen Orakelsprüchen beherrscht , die erst als vielfach bearbeitete allgemeine Stimme der Welt zu ihnen dringen und den die hellsehendern , jüngern Frauen nicht zu widersprechen wagen . Luise wußte nicht recht , ob sich ihre Beschützerin zu der Classe der Matronen zähle , und vermied daher , anders als durch eine dankende Verbeugung , zu antworten , da sie doch in sich sehr entschlossen war , die Achtung keines Menschen zu erschleichen , und alles dem günstigen oder ungünstigen Eindruck überlassen wollte , den ihr Erscheinen auf die Herzen machen werde . Nicht ohne Verlegenheit trat sie indeß des andern Tages an der Baronin Hand in den glänzenden Kreis . Eine Menge unbekannter Namen überhörend , welche ihr die gastliche Wirthin nannte , bemerkte Luise nichts als dasselbe höfliche Lächeln , das von Mund zu Mund nach jedem Bewillkommungsgruße flog , und wie ein gebrochner Stral über alle Gesichter zuckte , ohne eine bleibende Spur zurückzulassen . Vergebens suchte Luise ein Auge , auf welchem das ihre ruhen könne . Dieselbe theilnahmlose Hingebung an die oft genoßnen , wiederkehrenden Freuden trieb die Blicke gleichsam hin und her , und goß einen Schein des Gleichartigen über alle Gestalten . Um sie bekümmerte man sich nach der ersten Begrüßung weiter nicht . Sie war weder Ausländerin , noch unter der schützenden Aegide dieser Gesellschaft erzogen ; ein deutscher , unbefreundeter Name verhallte wie er genannt war . Auguste und Emilie mußten alte Bekannte aufsuchen ; die Baronin war vielfach beschäftigt . Zum erstenmal im Leben empfand Luise eine demüthigende Zurücksetzung . Im Kampf mit dem Streben , eine würdige Haltung zu behaupten , und dem Gefühl , daß diese in der wachsenden Verlegenheit immer mehr schwinde , trat Stein zu ihr . Ein herzliches Wort , das unmittelbar aus dieser offnen , reinen Seele in die ihre überging , rückte sie schnell über den Druck des Augenblicks hinaus . Sie sprach innig und frei , indeß das tonlose Rauschen der Menge sie umschwirrte . Die Baronin hatte dennoch , ihrer Menschenkenntniß vertrauend , einiges über Luisens Schicksal fallen lassen , wodurch sie diese den Gemüthern ganz unvermerkt näher rückte , und ihre Aufmerksamkeit gewann ! Die alten Damen sahen in ihr ein unglückliches Opfer heutiger Verderbniß , die jüngern fanden sie sehr interessant , den Zug stiller Schwermuth um den schön geschweiften Mund unwiderstehlich , und die Männer bemerkten , ein frühzerstörtes häusliches Glück sei eine Brücke , die über das weite Meer conventioneller Formen und lästiger Versuche , unmittelbar in die Gunst der Frauen führe . Desto besser , sagte ein junger Offizier , dem eine Dame Luisens Geschichte schon ziemlich verstellt erzählte , desto besser , La vertu est une isle escarpée et sans bord On n ' y peut plus rentrer , dès qu ' on en est dehors . Abscheulich ! rief die Dame , konnte sich aber doch nicht enthalten , dem liebenswürdigen Freigeist einen schmeichelnden Blick zuzuwerfen . Unvermerkt hatte sich indeß um Luisen ein kleiner Kreis von Frauen und Männer versammelt , die , im Gespräch mit Emilien , sich an sie und Stein anschlossen . Mit Bewundrung bemerkte Luise unter ihnen eine schöne weibliche Gestalt , deren edle Haltung und Züge ihr bekannt schienen , und sie dunkel in die Vergangenheit zurückführten . Eine große innere Bewegung arbeitete unverkennbar auf dem feinen Gesichtchen , und trieb ihre Blicke unwillkührlich zu einen zartgebildeten , schlanken Mann , dessen weiches abgespanntes Wesen seltsam gegen die Uniform abstach , die er auch nur des herkömmlichen Gebrauches wegen zu tragen schien . An einen Pfeiler geschmiegt , gleichsam um sich selbst tragen zu helfen , sagte er mit vorgebeugtem Kopfe und leiser Stimme zu Emilien : Sie sind so glücklich gewesen , einige Zeit in der Einsamkeit auf dem Lande zuzubringen , während mich das Leben hier fast erdrückte . Noch immer die alte Unzufriedenheit ! rief Emilie lachend . Wie kann es anders sein , erwiederte jener , dies abgenutzte Treiben hier , das mich wie ein Ball hin und her wirft und alle Ruhe und allen Genuß raubt , preßt mir oft die Brust so zusammen , daß ich mein ganzes Verhältniß zerbrechen und in irgend einen Winkel der Erde fliehen möchte , wo ich wenigstens allein sein könnte , wenn ich will ! Aber mein Gott , Sie ungalanter Mensch , was quält Sie denn bei uns ? fragte Emilie . Alles ! rief er ; mein Stand , die ganze Welt , alles was Ansprüche an mich zu haben glaubt und mir meine Ruhe mißgönnt . Seine Blicke gleiteten während dem nachlässig an Luisen hin , und fielen wie von ohngefähr auf die schöne Frau , die , eine Thräne zerdrückend , angelegentlich mit Stein zu sprechen schien . Auf Ehre ! Horst , rief jener freigesinnte , Offizier , schon mehreremal von Emilien als der hübsche Baron Roll erwähnt , der seiner höhern Taktik zu Folge Luisen näher gerückt war , auf Ehre , Sie werden ein Menschenfeind ! Was haben Sie nun gegen unsere Stadt ? Mich dünkt , Sie und ich hätten nicht über sie zu klagen ; oder rechnen Sie den reichen Schatz von Erfahrungen , den wir gegen ein paar mißmüthige Stunden eintauschten , für nichts ? Auf Ehre , ich gebe ihn um meinen ganzen Credit nicht weg , der denn doch der eigentliche Point unsrer Existenz ist . Und , Luisen fixirend , ohne sich ihr gleichwohl vorstellen zu lassen , fuhr er , wie unter bekannter Voraussetzung fort : Sie , Frau Gräfin , werden mir gewiß in Kurzem Recht geben , wenn Sie unsre Welt mehr kennen lernen . Sie waren noch nicht im hiesigen Theater ? - Sie sahen noch nicht Richter und die schöne Antonie spielen ? Luise hatte kaum Zeit es zu verneinen , als er , sich zu Stein wendend , aufs neue anhub : A propos , man will uns ja den Shakespear nun auch goutiren lehren ; ich denke man spricht von einer Vorstellung Heinrich des Vierten . Da werden wir Offiziere nur gleich Urlaub nehmen müssen , um den Schluß zu hören , denn solch Stück spielt seine 24 Stunden in einer Angst weg . Er lachte laut über den glücklichen Einfall , der den Andern schon bekannt war , und als vielfach bewundert , das Patent des Witzes erhalten hatte . Ich glaube selbst , entgegnete Stein , daß sich der Shakespear weder für unsre Bühne , noch unser Publikum paßt . Des Komischen wegen ? fiel Auguste ein . Sein Sie versichert , wir verstehn die privilegirten wie die anderweitigen Spaßmacher zu würdigen . Roll verschmerzte den Stich , und wandte sich ausschließend an Luise , die er mit einem Heer unbedeutender Fragen bestürmte . Horst schwankte indeß mit unsichren , schleichenden Schritten zu der Dame , welche Luisens Aufmerksamkeit früher erregte . So in Gedanken , Frau von Seckingen ? fragte er lächelnd , was beschäftigt Sie so ausschließend ? Der Wechsel der Dinge , entgegnete sie , nicht ohne Heftigkeit . Unbesonnene , flüsterte er , und wandte sich unwillig ab . Eine kleine Bewegung in der Gesellschaft ließ hier auf die Ankunft eines neuen Mitgliedes derselben schließen . Luisens Herz klopfte unwillkührlich ; sie dachte dunkel an den Unbekannten , an Fernando , als Frau von Seckingen ausrief : ach , mein Bruder ! und die Baronin in dem Augenblick , von dem russischen Obristen begleitet , vor Luise trat , erfreut , ihr einen alten Bekannten zuzuführen . Ohne irgend eine schmerzliche Erinnrung zu berühren , begnügte sich der gewandte Mann , den gegenwärtigen Augenblick allein herauszuheben und eine Reihe froher Bilder einer glücklichen Zukunft daran anzuschließen , welche ihm Luisens Anwesenheit in der Residenz versprach ; dann das Gespräch immer leichter und freier verschlingend , zog er bald die anmuthige Schwester mit hinein , deren Herz sich willig so freundlicher Berührung öffnete , seit sie nichts mehr unmittelbar störte , da Horst gleich nach des Obristen Ankunft verschwand . Luise fühlte sich in der kunstlosen , wie von selbst fortlaufenden , Unterhaltung immer behaglicher , und trat zwischen den beiden edlen Gestalten fest und sicher auf die glatte Fläche der neuen Welt hin , die sie vor wenig Augenblicken noch erschreckte . Allein je mehr ihre Theilnahme für beide Geschwister wuchs , je mehr beunruhigte sie das Schicksal der bekümmerten Frau , welches ihr noch drückender schien , seit der Obrist sagte : Liebe Sophie , Dich erwarten Briefe von Deinem Mann . Er hat mir auch geschrieben , und sagt , daß seine Geschäfte ihn noch lange in Paris aufhalten könnten . Der Mann lebt noch ? dachte Luise ; also wieder eine mißrathene Ehe ! und sicher ein edles Herz , das sich selbst täuscht ! - Dieser Gedanke fiel störend in ihre Freude , und hätte fast die alte Wehmuth wieder angeregt , da sie in demselben Augenblick Stein an Emiliens Seite , mit allen Zeichen unbefriedigter Sehnsucht , wahrnahm , und hier auf beiden Gesichtern auf ' s neue das Aushängeschild einer verfehlten Wahl sehen mußte ; allein des Obristen freundliches Bemühen hob sie bald über jene beunruhigende Betrachtungen hinaus . Diese hohe , klare Erscheinung , auf der ein vielfachgestaltetes Leben keine Spur zerreißender Leidenschaften oder verfehlten Strebens zurückgelassen hatte , schien , in ihrem milden Ernst , recht dazu geeignet , Luisens Achtung zu erzwingen , die sich auch bald eines kindischen , durch zufällige Verirrungen angeregten , Unglaubens schämte , und sich voll Heiterkeit den beseligenden Einflüssen einer entstehenden Freundschaft hingab , ein Wechsel , der Augusten nicht entging , und ihr für diesen und viele folgende Tage Anlaß zu Neckereien und nicht immer ganz schmeichelhaften