Zweige und was nur irgend keimte , herbeiholen und zur täglichen Zierde der Zimmer und des Tisches verschwenden , daß Ottilie und der Gärtner nicht wenig gekränkt waren , ihre Hoffnungen für das nächste Jahr und vielleicht auf längere Zeit zerstört zu sehen . Ebensowenig gönnte sie Ottilien die Ruhe des häuslichen Ganges , worin sie sich mit Bequemlichkeit fortbewegte . Ottilie sollte mit auf die Lust- und Schlittenfahrten , sie sollte mit auf die Bälle , die in der Nachbarschaft veranstaltet wurden ; sie sollte weder Schnee noch Kälte noch gewaltsame Nachtstürme scheuen , da ja soviel andre nicht davon stürben . Das zarte Kind litt nicht wenig darunter , aber Luciane gewann nichts dabei ; denn obgleich Ottilie sehr einfach gekleidet ging , so war sie doch , oder so schien sie wenigstens immer den Männern die Schönste . Ein sanftes Anziehen versammelte alle Männer um sie her , sie mochte sich in den großen Räumen am ersten oder am letzten Platze befinden ; ja der Bräutigam Lucianens selbst unterhielt sich oft mit ihr , und zwar um so mehr , als er in einer Angelegenheit , die ihn beschäftigte , ihren Rat , ihre Mitwirkung verlangte . Er hatte den Architekten näher kennen lernen , bei Gelegenheit seiner Kunstsammlung viel über das Geschichtliche mit ihm gesprochen , in andern Fällen auch , besonders bei Betrachtung der Kapelle , sein Talent schätzen gelernt . Der Baron war jung , reich ; er sammelte , er wollte bauen ; seine Liebhaberei war lebhaft , seine Kenntnisse schwach ; er glaubte in dem Architekten seinen Mann zu finden , mit dem er mehr als Einen Zweck zugleich erreichen könnte . Er hatte seiner Braut von dieser Absicht gesprochen ; sie lobte ihn darum und war höchlich mit dem Vorschlag zufrieden , doch vielleicht mehr , um diesen jungen Mann Ottilien zu entziehen - denn sie glaubte so etwas von Neigung bei ihm zu bemerken - , als daß sie gedacht hätte , sein Talent zu ihren Absichten zu benutzen . Denn ob er gleich bei ihren extemporierten Festen sich sehr tätig erwiesen und manche Ressourcen bei dieser und jener Anstalt dargeboten , so glaubte sie es doch immer selbst besser zu verstehen ; und da ihre Erfindungen gewöhnlich gemein waren , so reichte , um sie auszuführen , die Geschicklichkeit eines gewandten Kammerdieners ebensogut hin als die des vorzüglichsten Künstlers . Weiter als zu einem Altar , worauf geopfert ward , und zu einer Bekränzung , es mochte nun ein gipsernes oder ein lebendes Haupt sein , konnte ihre Einbildungskraft sich nicht versteigen , wenn sie irgend jemand zum Geburts- und Ehrentage ein festliches Kompliment zu machen gedachte . Ottilie konnte dem Bräutigam , der sich nach dem Verhältnis des Architekten zum Hause erkundigte , die beste Auskunft geben . Sie wußte , daß Charlotte sich schon früher nach einer Stelle für ihn umgetan hatte ; denn wäre die Gesellschaft nicht gekommen , so hätte sich der junge Mann gleich nach Vollendung der Kapelle entfernt , weil alle Bauten den Winter über stillstehn sollten und mußten ; und es war daher sehr erwünscht , wenn der geschickte Künstler durch einen neuen Gönner wieder genutzt und befördert wurde . Das persönliche Verhältnis Ottiliens zum Architekten war ganz rein und unbefangen . Seine angenehme und tätige Gegenwart hatte sie wie die Nähe eines ältern Bruders unterhalten und erfreut . Ihre Empfindungen für ihn blieben auf der ruhigen , leidenschaftslosen Oberfläche der Blutsverwandtschaft ; denn in ihrem Herzen war kein Raum mehr ; es war von der Liebe zu Eduard ganz gedrängt ausgefüllt , und nur die Gottheit , die alles durchdringt , konnte dieses Herz zugleich mit ihm besitzen . Indessen je tiefer der Winter sich senkte , je wilderes Wetter , je unzugänglicher die Wege , desto anziehender schien es , in so guter Gesellschaft die abnehmenden Tage zuzubringen . Nach kurzen Ebben überflutete die Menge von Zeit zu Zeit das Haus . Offiziere von entfernteren Garnisonen , die gebildeten zu ihrem großen Vorteil , die roheren zur Unbequemlichkeit der Gesellschaft , zogen sich herbei ; am Zivilstande fehlte es auch nicht , und ganz unerwartet kamen eines Tages der Graf und die Baronesse zusammen angefahren . Ihre Gegenwart schien erst einen wahren Hof zu bilden . Die Männer von Stand und Sitten umgaben den Grafen , und die Frauen ließen der Baronesse Gerechtigkeit wider fahren . Man verwunderte sich nicht lange , sie beide zusammen und so heiter zu sehen ; denn man vernahm , des Grafen Gemahlin sei gestorben , und eine neue Verbindung werde geschlossen sein , sobald es die Schicklichkeit nur erlaube . Ottilie erinnerte sich jenes ersten Besuchs , jedes Worts , was über Ehestand und Scheidung , über Verbindung und Trennung , über Hoffnung , Erwartung , Entbehren und Entsagen gesprochen ward . Beide Personen , damals noch ganz ohne Aussichten , standen nun vor ihr , dem gehofften Glück so nahe , und ein unwillkürlicher Seufzer drang aus ihrem Herzen . Luciane hörte kaum , daß der Graf ein Liebhaber von Musik sei , so wußte sie ein Konzert zu veranstalten ; sie wollte sich dabei mit Gesang zur Gitarre hören lassen . Es geschah . Das Instrument spielte sie nicht ungeschickt , ihre Stimme war angenehm ; was aber die Worte betraf , so verstand man sie so wenig , als wenn sonst eine deutsche Schöne zur Gitarre singt . Indes versicherte jedermann , sie habe mit viel Ausdruck gesungen , und sie konnte mit dem lauten Beifall zufrieden sein . Nur ein wunderliches Unglück begegnete bei dieser Gelegenheit . In der Gesellschaft befand sich ein Dichter , den sie auch besonders zu verbinden hoffte , weil sie einige Lieder von ihm an sie gerichtet wünschte , und deshalb diesen Abend meist nur von seinen Liedern vortrug . Er war überhaupt , wie alle , höflich gegen sie , aber sie hatte mehr erwartet . Sie legte es ihm einigemal nahe , konnte aber weiter nichts von ihm vernehmen , bis sie endlich aus Ungeduld einen ihrer Hofleute an ihn schickte und sondieren ließ , ob er denn nicht entzückt gewesen sei , seine vortrefflichen Gedichte so vortrefflich vortragen zu hören . » Meine Gedichte ? « versetzte dieser mit Erstaunen . » Verzeihen Sie , mein Herr , « fügte er hinzu ; » ich habe nichts als Vokale gehört und die nicht einmal alle . Unterdessen ist es meine Schuldigkeit , mich für eine so liebenswürdige Intention dankbar zu erweisen . « Der Hofmann schwieg und verschwieg . Der andre suchte sich durch einige wohltönende Komplimente aus der Sache zu ziehen . Sie ließ ihre Absicht nicht undeutlich merken , auch etwas eigens für sie Gedichtetes zu besitzen . Wenn es nicht allzu unfreundlich gewesen wäre , so hätte er ihr das Alphabet überreichen können , um sich daraus ein beliebiges Lobgedicht zu irgendeiner vorkommenden Melodie selbst einzubilden . Doch sollte sie nicht ohne Kränkung aus dieser Begebenheit scheiden . Kurze Zeit darauf erfuhr sie , er habe noch selbigen Abend einer von Ottiliens Lieblingsmelodien ein allerliebstes Gedicht untergelegt , das noch mehr als verbindlich sei . Luciane , wie alle Menschen ihrer Art , die immer durcheinander mischen , was ihnen vorteilhaft und was ihnen nachteilig ist , wollte nun ihr Glück im Rezitieren versuchen . Ihr Gedächtnis war gut , aber , wenn man aufrichtig reden sollte , ihr Vortrag geistlos und heftig , ohne leidenschaftlich zu sein . Sie rezitierte Balladen , Erzählungen und was sonst in Deklamatorien vorzukommen pflegt . Dabei hatte sie die unglückliche Gewohnheit angenommen , das , was sie vortrug , mit Gesten zu begleiten , wodurch man das , was eigentlich episch und lyrisch ist , auf eine unangenehme Weise mit dem Dramatischen mehr verwirrt als verbindet . Der Graf , ein einsichtsvoller Mann , der gar bald die Gesellschaft , ihre Neigungen , Leidenschaften und Unterhaltungen übersah , brachte Lucianen glücklicher - oder unglücklicherweise auf eine neue Art von Darstellung , die ihrer Persönlichkeit sehr gemäß war . » Ich finde « , sagte er , » hier so manche wohlgestaltete Personen , denen es gewiß nicht fehlt , malerische Bewegungen und Stellungen nachzuahmen . Sollten sie es noch nicht versucht haben , wirkliche , bekannte Gemälde vorzustellen ? Eine solche Nachbildung , wenn sie auch manche mühsame Anordnung er fordert , bringt dagegen auch einen unglaublichen Reiz hervor . « Schnell ward Luciane gewahr , daß sie hier ganz in ihrem Fach sein würde . Ihr schöner Wuchs , ihre volle Gestalt , ihr regelmäßiges und doch bedeutendes Gesicht , ihre lichtbraunen Haarflechten , ihr schlanker Hals , alles war schon wie aufs Gemälde berechnet ; und hätte sie nun gar gewußt , daß sie schöner aussah , wenn sie still stand , als wenn sie sich bewegte , indem ihr im letzten Falle manchmal etwas störendes Ungraziöses entschlüpfte , so hätte sie sich mit noch mehrerem Eifer dieser natürlichen Bildnerei ergeben . Man suchte nun Kupferstiche nach berühmten Gemälden , man wählte zuerst den Belisar nach van Dyck . Ein großer und wohlgebauter Mann von gewissen Jahren sollte den sitzenden blinden General , der Architekt den vor ihm teilnehmend traurig stehenden Krieger nachbilden , dem er wirklich etwas ähnlich sah . Luciane hatte sich , halb bescheiden , das junge Weibchen im Hintergrunde gewählt , das reichliche Almosen aus einem Beutel in die flache Hand zählt , indes eine Alte sie abzumahnen und ihr vorzustellen scheint , daß sie zuviel tue . Eine andre , ihm wirklich Almosen reichende Frauensperson war nicht vergessen . Mit diesen und andern Bildern beschäftigte man sich sehr ernstlich . Der Graf gab dem Architekten über die Art der Einrichtung einige Winke , der sogleich ein Theater dazu aufstellte und wegen der Beleuchtung die nötige Sorge trug . Man war schon tief in die Anstalten verwickelt , als man erst bemerkte , daß ein solches Unternehmen einen ansehnlichen Aufwand verlangte und daß auf dem Lande mitten im Winter gar manches Erfordernis abging . Deshalb ließ , damit ja nichts stocken möge , Luciane beinah ihre sämtliche Garderobe zerschneiden , um die verschiedenen Kostüme zu liefern , die jene Künstler willkürlich genug angegeben hatten . Der Abend kam herbei , und die Darstellung wurde vor einer großen Gesellschaft und zu allgemeinem Beifall ausgeführt . Eine bedeutende Musik spannte die Erwartung . Jener Belisar eröffnete die Bühne . Die Gestalten waren so passend , die Farben so glücklich ausgeteilt , die Beleuchtung so kunstreich , daß man fürwahr in einer andern Welt zu sein glaubte , nur daß die Gegenwart des Wirklichen statt des Scheins eine Art von ängstlicher Empfindung hervorbrachte . Der Vorhang fiel und ward auf Verlangen mehr als einmal wieder aufgezogen . Ein musikalisches Zwischenspiel unterhielt die Gesellschaft , die man durch ein Bild höherer Art überraschen wollte . Es war die bekannte Vorstellung von Poussin : Ahasverus und Esther . Diesmal hatte sich Luciane besser bedacht . Sie entwickelte in der ohnmächtig hingesunkenen Königin alle ihre Reize und hatte sich klugerweise zu den umgebenden , unterstützenden Mädchen lauter hübsche , wohlgebildete Figuren ausgesucht , worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im mindesten messen konnte . Ottilie blieb von diesem Bilde wie von den übrigen ausgeschlossen . Auf den goldnen Thron hatten sie , um den Zeus gleichen König vorzustellen , den rüstigsten und schönsten Mann der Gesellschaft gewählt , so daß dieses Bild wirklich eine unvergleichliche Vollkommenheit gewann . Als drittes hatte man die sogenannte » Väterliche Ermahnung « von Terburg gewählt , und wer kennt nicht den herrlichen Kupferstich unseres Wille von diesem Gemälde ! Einen Fuß über den andern geschlagen , sitzt ein edler , ritterlicher Vater und scheint seiner vor ihm stehenden Tochter ins Gewissen zu reden . Diese , eine herrliche Gestalt im faltenreichen , weißen Atlaskleide , wird zwar nur von hinten gesehen , aber ihr ganzes Wesen scheint anzudeuten , daß sie sich zusammennimmt . Daß jedoch die Ermahnung nicht heftig und beschämend sei , sieht man aus der Miene und Gebärde des Vaters ; und was die Mutter betrifft , so scheint diese eine kleine Verlegenheit zu verbergen , indem sie in ein Glas Wein blickt , das sie eben auszuschlürfen im Begriff ist . Bei dieser Gelegenheit nun sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze erscheinen . Ihre Zöpfe , die Form ihres Kopfes , Hals und Nacken waren über alle Begriffe schön , und die Taille , von der bei den modernen antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird , höchst zierlich , schlank und leicht , zeigte sich an ihr in dem älteren Kostüm äußerst vorteilhaft ; und der Architekt hatte gesorgt , die reichen Falten des weißen Atlasses mit der künstlichsten Natur zu legen , so daß ganz ohne Frage diese lebendige Nachbildung weit über jenes Originalbildnis hinausreichte und ein allgemeines Entzücken erregte . Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen , und der ganz natürliche Wunsch , einem so schönen Wesen , das man genugsam von der Rückseite gesehen , auch ins Angesicht zu schauen , nahm dergestalt überhand , daß ein lustiger , ungeduldiger Vogel die Worte , die man manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt : » Tournez s ' il vous plaît « , laut ausrief und eine allgemeine Beistimmung erregte . Die Darstellenden aber kannten ihren Vorteil zu gut und hatten den Sinn dieser Kunststücke zu wohl gefaßt , als daß sie dem allgemeinen Ruf hätten nachgeben sollen . Die beschämt scheinende Tochter blieb ruhig stehen , ohne den Zuschauern den Ausdruck ihres Angesichts zu gönnen ; der Vater blieb in seiner ermahnenden Stellung sitzen , und die Mutter brachte Nase und Augen nicht aus dem durchsichtigen Glase , worin sich , ob sie gleich zu trinken schien , der Wein nicht verminderte . - Was sollen wir noch viel von kleinen Nachstücken sagen , wozu man niederländische Wirtshaus- und Jahrmarktsszenen gewählt hatte ! Der Graf und die Baronesse reisten ab und versprachen , in den ersten glücklichen Wochen ihrer nahen Verbindung wiederzukehren , und Charlotte hoffte nunmehr , nach zwei mühsam überstandenen Monaten , die übrige Gesellschaft gleichfalls loszuwerden . Sie war des Glücks ihrer Tochter gewiß , wenn bei dieser der erste Braut- und Jugendtaumel sich würde gelegt haben ; denn der Bräutigam hielt sich für den glücklichsten Menschen von der Welt . Bei großem Vermögen und gemäßigter Sinnesart schien er auf eine wunderbare Weise von dem Vorzuge geschmeichelt , ein Frauenzimmer zu besitzen , das der ganzen Welt gefallen mußte . Er hatte einen so ganz eigenen Sinn , alles auf sie und erst durch sie auf sich zu beziehen , daß es ihm eine unangenehme Empfindung machte , wenn sich nicht gleich ein Neuankommender mit aller Aufmerksamkeit auf sie richtete und mit ihm , wie es wegen seiner guten Eigenschaften besonders von älteren Personen oft geschah , eine nähere Verbindung suchte , ohne sich sonderlich um sie zu kümmern . Wegen des Architekten kam es bald zur Richtigkeit . Aufs Neujahr sollte ihm dieser folgen und das Karneval mit ihm in der Stadt zubringen , wo Luciane sich von der Wiederholung der so schön eingerichteten Gemälde sowie von hundert andern Dingen die größte Glückseligkeitversprach , um so mehr , als Tante und Bräutigam jeden Aufwand für gering zu achten schienen , der zu ihrem Vergnügen erfordert wurde . Nun sollte man scheiden , aber das konnte nicht auf eine gewöhnliche Weise geschehen . Man scherzte einmal ziemlich laut , daß Charlottens Wintervorräte nun bald aufgezehrt seien , als der Ehrenmann , der den Belisar vorgestellt hatte und freilich reich genug war , von Lucianens Vorzügen hingerissen , denen er nun schon so lange huldigte , unbedachtsam ausrief : » So lassen Sie es uns auf polnische Art halten ! Kommen Sie nun und zehren mich auch auf ! und so geht es dann weiter in der Runde herum . « Gesagt , getan : Luciane schlug ein . Den andern Tag war gepackt , und der Schwarm warf sich auf ein anderes Besitztum . Dort hatte man auch Raum genug , aber weniger Bequemlichkeit und Einrichtung . Daraus entstand manches Unschickliche , das erst Lucianen recht glücklich machte . Das Leben wurde immer wüster und wilder . Treibjagen im tiefsten Schnee , und was man sonst nur Unbequemes auffinden konnte , wurde veranstaltet . Frauen so wenig als Männer durften sich ausschließen , und so zog man jagend und reitend , schlittenfahrend und lärmend von einem Gute zum andern , bis man sich endlich der Residenz näherte ; da denn die Nachrichten und Erzählungen , wie man sich bei Hofe und in der Stadt vergnüge , der Einbildungskraft eine andere Wendung gaben und Lucianen mit ihrer sämtlichen Begleitung , indem die Tante schon vorausgegangen war , unaufhaltsam in einen andern Lebenskreis hineinzogen . Aus Ottiliens Tagebuche Man nimmt in der Welt jeden , wofür er sich gibt ; aber er muß sich auch für etwas geben . Man erträgt die Unbequemen lieber , als man die Unbedeutenden duldet . Man kann der Gesellschaft alles aufdringen , nur nicht , was eine Folge hat . Wir lernen die Menschen nicht kennen , wenn sie zu uns kommen ; wir müssen zu ihnen gehen , um zu erfahren , wie es mit ihnen steht . Ich finde es beinahe natürlich , daß wir an Besuchenden mancherlei auszusetzen haben , daß wir sogleich , wenn sie weg sind , über sie nicht zum liebevollsten urteilen ; denn wir haben sozusagen ein Recht , sie nach unserm Maßstabe zu messen . Selbst verständige und billige Menschen enthalten sich in solchen Fällen kaum einer scharfen Zensur . Wenn man dagegen bei andern gewesen ist und hat sie mit ihren Umgebungen , Gewohnheiten , in ihren notwendigen , unausweichlichen Zuständen gesehen , wie sie um sich wirken oder wie sie sich fügen , so gehört schon Unverstand und böser Wille dazu , um das lächerlich zu finden , was uns in mehr als einem Sinne ehrwürdig scheinen müßte . Durch das , was wir Betragen und gute Sitten nennen , soll das erreicht werden , was außerdem nur durch Gewalt oder auch nicht einmal durch Gewalt zu erreichen ist . Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten . Wie kann der Charakter , die Eigentümlichkeit des Menschen , mit der Lebensart bestehen ? Das Eigentümliche müßte durch die Lebensart erst recht hervorgehoben werden . Das Bedeutende will jedermann , nur soll es nicht unbequem sein . Die größten Vorteile im Leben überhaupt wie in der Gesellschaft hat ein gebildeter Soldat . Rohe Kriegsleute gehen wenigstens nicht aus ihrem Charakter , und weil doch meist hinter der Stärke eine Gutmütigkeit verborgen liegt , so ist im Notfall auch mit ihnen auszukommen . Niemand ist lästiger als ein täppischer Mensch vom Zivilstande . Von ihm könnte man die Feinheit fordern , da er sich mit nichts Rohem zu beschäftigen hat . Wenn wir mit Menschen leben , die ein zartes Gefühl für das Schickliche haben , so wird es uns angst um ihretwillen , wenn etwas Ungeschicktes begegnet . So fühle ich immer für und mit Charlotten , wenn jemand mit dem Stuhle schaukelt , weil sie das in den Tod nicht leiden kann . Es käme niemand mit der Brille auf der Nase in ein vertrauliches Gemach , wenn er wüßte , daß uns Frauen sogleich die Lust vergeht , ihn anzusehen und uns mit ihm zu unterhalten . Zutraulichkeit an der Stelle der Ehrfurcht ist immer lächerlich . Es würde niemand den Hut ablegen , nachdem er kaum das Kompliment gemacht hat , wenn er wüßte , wie komisch das aussieht . Es gibt kein äußeres Zeichen der Höflichkeit , das nicht einen tiefen sittlichen Grund hätte . Die rechte Erziehung wäre , welche dieses Zeichen und den Grund zugleich überlieferte . Das Betragen ist ein Spiegel , in welchem jeder sein Bild zeigt . Es gibt eine Höflichkeit des Herzens ; sie ist der Liebe verwandt . Aus ihr entspringt die bequemste Höflichkeit des äußern Betragens . Freiwillige Abhängigkeit ist der schönste Zustand , und wie wäre der möglich ohne Liebe . Wir sind nie entfernter von unsern Wünschen , als wenn wir uns einbilden , das Gewünschte zu besitzen . Niemand ist mehr Sklave , als der sich für frei hält , ohne es zu sein . Es darf sich einer nur für frei erklären , so fühlt er sich den Augenblick als bedingt . Wagt er es , sich für bedingt zu erklären , so fühlt er sich frei . Gegen große Vorzüge eines andern gibt es kein Rettungsmittel als die Liebe . Es ist was Schreckliches um einen vorzüglichen Mann , auf den sich die Dummen was zugute tun . Es gibt , sagt man , für den Kammerdiener keinen Helden . Das kommt aber bloß daher , weil der Held nur vom Helden anerkannt werden kann . Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schätzen wissen . Es gibt keinen größern Trost für die Mittelmäßigkeit , als daß das Genie nicht unsterblich sei . Die größten Menschen hängen immer mit ihrem Jahrhundert durch eine Schwachheit zusammen . Man hält die Menschen gewöhnlich für gefährlicher , als sie sind . Toren und gescheite Leute sind gleich unschädlich . Nur die Halbnarren und Halbweisen , das sind die Gefährlichsten . Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Kunst , und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst . Selbst im Augenblick des höchsten Glücks und der höchsten Not bedürfen wir des Künstlers . Die Kunst beschäftigt sich mit dem Schweren und Guten . Das Schwierige leicht behandelt zu sehen , gibt uns das Anschauen des Unmöglichen . Die Schwierigkeiten wachsen , je näher man dem Ziele kommt . Säen ist nicht so beschwerlich als ernten . Sechstes Kapitel Die große Unruhe , welche Charlotten durch diesen Besuch erwuchs , ward ihr dadurch vergütet , daß sie ihre Tochter völlig begreifen lernte , worin ihr die Bekanntschaft mit der Welt sehr zu Hülfe kam . Es war nicht zum erstenmal , daß ihr ein so seltsamer Charakter begegnete , ob er ihr gleich noch niemals auf dieser Höhe erschien . Und doch hatte sie aus der Erfahrung , daß solche Personen , durchs Leben , durch mancherlei Ereignisse , durch elterliche Verhältnisse gebildet , eine sehr angenehme und liebenswürdige Reife erlangen können , indem die Selbstigkeit gemildert wird und die schwärmende Tätigkeit eine entschiedene Richtung erhält . Charlotte ließ als Mutter sich um desto eher eine für andere vielleicht unangenehme Erscheinung gefallen , als es Eltern wohl geziemt , da zu hoffen , wo Fremde nur zu genießen wünschen oder wenigstens nicht belästigt sein wollen . Auf eine eigne und unerwartete Weise jedoch sollte Charlotte nach ihrer Tochter Abreise getroffen werden , indem diese nicht sowohl durch das Tadelnswerte in ihrem Betragen als durch das , was man daran lobenswürdig hätte finden können , eine üble Nachrede hinter sich gelassen hatte . Luciane schien sichs zum Gesetz gemacht zu haben , nicht allein mit den Fröhlichen fröhlich , sondern auch mit den Traurigen traurig zu sein und , um den Geist des Widerspruchs recht zu üben , manchmal die Fröhlichen verdrießlich und die Traurigen heiter zu machen . In allen Familien , wo sie hinkam , erkundigte sie sich nach den Kranken und Schwachen , die nicht in Gesellschaft erscheinen konnten . Sie besuchte sie auf ihren Zimmern , machte den Arzt und drang einem jeden aus ihrer Reiseapotheke , die sie beständig im Wagen mit sich führte , energische Mittel auf ; da denn eine solche Kur , wie sich vermuten läßt , gelang oder mißlang , wie es der Zufall herbeiführte . In dieser Art von Wohltätigkeit war sie ganz grausam und ließ sich gar nicht einreden , weil sie fest überzeugt war , daß sie vortrefflich handle . Allein es mißriet ihr auch ein Versuch von der sittlichen Seite , und dieser war es , der Charlotten viel zu schaffen machte , weil er Folgen hatte und jedermann darüber sprach . Erst nach Lucianens Abreise hörte sie davon ; Ottilie , die gerade jene Partie mitgemacht hatte , mußte ihr umständlich davon Rechenschaft geben . Eine der Töchter eines angesehenen Hauses hatte das Unglück gehabt , an dem Tode eines ihrer jüngeren Geschwister schuld zu sein , und sich darüber nicht beruhigen noch wiederfinden können . Sie lebte auf ihrem Zimmer beschäftigt und still und ertrug selbst den Anblick der Ihrigen nur , wenn sie einzeln kamen ; denn sie argwohnte sogleich , wenn mehrere beisammen waren , daß man untereinander über sie und ihren Zustand reflektiere . Gegen jedes allein äußerte sie sich vernünftig und unterhielt sich stundenlang mit ihm . Luciane hatte davon gehört und sich sogleich im stillen vorgenommen , wenn sie in das Haus käme , gleichsam ein Wunder zu tun und das Frauenzimmer der Gesellschaft wiederzugeben . Sie betrug sich dabei vorsichtiger als sonst , wußte sich allein bei der Seelenkranken einzuführen und , soviel man merken konnte , durch Musik ihr Vertrauen zu gewinnen . Nur zuletzt versah sie es ; denn eben weil sie Aufsehn erregen wollte , so brachte sie das schöne , blasse Kind , das sie genug vorbereitet wähnte , eines Abends plötzlich in die bunte , glänzende Gesellschaft ; und vielleicht wäre auch das noch gelungen , wenn nicht die Sozietät selbst aus Neugierde und Apprehension sich ungeschickt benommen , sich um die Kranke versammelt , sie wieder gemieden , sie durch Flüstern , Köpfezusammenstecken irregemacht und aufgeregt hätte . Die zart Empfindende ertrug das nicht . Sie entwich unter fürchterlichem Schreien , das gleichsam ein Entsetzen vor einem eindringenden Ungeheuren auszudrücken schien . Erschreckt fuhr die Gesellschaft nach allen Seiten auseinander , und Ottilie war unter denen , welche die völlig Ohnmächtige wieder auf ihr Zimmer begleiteten . Indessen hatte Luciane eine starke Strafrede nach ihrer Weise an die Gesellschaft gehalten , ohne im mindesten daran zu denken , daß sie allein alle Schuld habe , und ohne sich durch dieses und andres Mißlingen von ihrem Tun und Treiben abhalten zu lassen . Der Zustand der Kranken war seit jener Zeit bedenklicher geworden , ja das Übel hatte sich so gesteigert , daß die Eltern das arme Kind nicht im Hause behalten konnten , sondern einer öffentlichen Anstalt überantworten mußten . Charlotten blieb nichts übrig , als durch ein besonder zartes Benehmen gegen jene Familie den von ihrer Tochter verursachten Schmerz einigermaßen zu lindern . Auf Ottilien hatte die Sache einen tiefen Eindruck gemacht ; sie bedauerte das arme Mädchen um so mehr , als sie überzeugt war , wie sie auch gegen Charlotten nicht leugnete , daß bei einer konsequenten Behandlung die Kranke gewiß herzustellen gewesen wäre . So kam auch , weil man sich gewöhnlich vom vergangenen Unangenehmen mehr als vom Angenehmen unterhält , ein kleines Mißverständnis zur Sprache , das Ottilien an dem Architekten irregemacht hatte , als er jenen Abend seine Sammlung nicht vorzeigen wollte , ob sie ihn gleich so freundlich darum ersuchte . Es war ihr dieses abschlägige Betragen immer in der Seele geblieben , und sie wußte selbst nicht warum . Ihre Empfindungen waren sehr richtig ; denn was ein Mädchen wie Ottilie verlangen kann , sollte ein Jüngling wie der Architekt nicht versagen . Dieser brachte jedoch auf ihre gelegentlichen leisen Vorwürfe ziemlich gültige Entschuldigungen zur Sprache . » Wenn Sie wüßten , « sagte er , » wie roh selbst gebildete Menschen sich gegen die schätzbarsten Kunstwerke verhalten , Sie würden mir verzeihen , wenn ich die meinigen nicht unter die Menge bringen mag . Niemand weiß eine Medaille am Rand anzufassen ; sie betasten das schönste Gepräge , den reinsten Grund , lassen die köstlichsten Stücke zwischen dem Daumen und Zeigefinger hin und her gehen , als wenn man Kunstformen auf diese Weise prüfte . Ohne daran zu denken , daß man ein großes Blatt mit zwei Händen anfassen müsse , greifen sie mit einer Hand nach einem unschätzbaren Kupferstich , einer unersetzlichen Zeichnung , wie ein anmaßlicher Politiker eine Zeitung faßt und durch das Zerknittern des Papiers schon im voraus sein Urteil über die Weltbegebenheiten zu erkennen gibt . Niemand denkt daran , daß , wenn nur zwanzig Menschen mit einem Kunstwerke hintereinander ebenso verführen , der einundzwanzigste nicht mehr viel daran zu sehen hätte . « » Habe ich Sie nicht auch manchmal « , fragte Ottilie , » in solche Verlegenheit gesetzt ? Habe ich nicht etwan Ihre Schätze , ohne es zu ahnen , gelegentlich einmal beschädigt ? « » Niemals , « versetzte der Architekt , » niemals ! Ihnen wäre es unmöglich ; das Schickliche ist mit Ihnen geboren . « » Auf alle Fälle « , versetzte Ottilie , » wäre es nicht übel , wenn man künftig in das Büchlein von guten Sitten nach den Kapiteln , wie man sich in Gesellschaft beim Essen und Trinken benehmen soll , ein recht umständliches einschöbe , wie man sich in Kunstsammlungen und Museen zu betragen habe . « » Gewiß « , versetzte der Architekt , » würden alsdann Kustoden und Liebhaber ihre Seltenheiten fröhlicher mitteilen . « Ottilie hatte ihm schon lange verziehen ; als er sich aber den Vorwurf sehr zu Herzen zu nehmen schien und immer aufs neue beteuerte , daß er gewiß gerne mitteile , gern für Freunde tätig sei , so empfand sie , daß sie sein zartes Gemüt verletzt habe , und fühlte sich als seine Schuldnerin . Nicht wohl konnte sie ihm daher eine Bitte rund abschlagen , die er in Gefolg dieses Gesprächs an sie tat , ob sie gleich , indem sie schnell ihr Gefühl zu Rate zog , nicht einsah , wie sie ihm seine Wünsche gewähren könne . Die Sache verhielt sich also . Daß Ottilie durch Lucianens Eifersucht von den Gemäldedarstellungen