nicht eben so leicht , wie ich , aus der Hauptstadt entfernte ; indessen brachte mir seine Liebe auch dieses Opfer , und ich lebe hier ganz nach meinem Herzen . Die Villa liegt einsam und verborgen zwischen waldigen Hügeln , die der Anfang des Gebirges sind , das weiterhin sich zum Berg Olymp aufthürmt . Obgleich die Landstraße nicht weit vor dem Garten vorbeigeht , so fällt doch das Haus , das halb zwischen Pinien versteckt und nicht groß ist , nicht sogleich in die Augen . Die Gärten sind weitläufig , und zeigen in manchen Anlagen Spuren eines düstern Geistes , der hier in der Einsamkeit seinen Gefühlen nachhing . Dieser Ausdruck des Ganzen gefällt mir ungemein , und ich belausche in ungestörter Einsamkeit hier das Erwachen des Frühlings , von dessen Einfluß ich viel für meine Gesundheit hoffe . Tiridates hat mich den Kaiserinnen Prisca und Valeria1 vorgestellt , auch mit dem Cäsar Galerius habe ich gesprochen , und alle haben mich mit Anstand und Guts empfangen . Bei Diocletian allein war es mir noch nicht möglich , Zutritt zu erhalten ; er umgibt sich mit so viel persischem Pomp und Ceremoniel , daß der Zugang zu ihm überaus schwer ist . Der Cäsar hat mir seinen Schutz versprochen , und Wort gehalten , wie du weißt ; und so ist meine Zukunft freundlich erheitert , und jede Sorge verschwunden . Ich habe dir gesagt , daß ich Agathokles sehr verändert gefunden habe . Der Verlust , den er erlitten , und die Art desselben werden dir bekannt seyn , so wie sie es mir waren , noch ehe ich in Nikomedien ankam . Ich war folglich vorbereitet , die Spuren dieser Begebenheit in seinem Aussehen zu finden ; dennoch fand ich mit Trauer weit mehr , als ich erwartet hatte . Seine Züge , die nie den Ausdruck der Jugendblüthe trugen , sind jetzt tief verfallen , sein Blick ist erloschen , und Alles kündigt ein ganz niedergebeugtes Gemüth an . Ich vermeide von seinem Unglücke zu sprechen , und er hat Larissens Namen noch nicht genannt , seit ich hier bin ; doch sehe ich vor , daß der Zufall vielleicht einst ein solches Gespräch herbeiführen wird , und zittere dafür . Auch in dieser Rücksicht wäre mir die Beschleunigung deiner Ankunft , nachdem nun einmal die Bestimmung deines Vaters als Proconsul entschieden ist , sehr erwünscht , nicht als ob ich eine so geringe Meinung von Agathokles Festigkeit hätte , um zu glauben , daß dein bloßer Anblick hinreichen würde , diese tiefen Wunden schnell zu heilen , aber ich hoffe viel , und mit der Zeit Alles von deinem heitern Sinn , von deiner freundlichen Güte , von deinem Verstände , und - von deiner Schönheit . Wie empfindlich das starke Geschlecht gegen äußerliche Reize ist , lerne ich immer mehr und mehr einsehen ; es wirkt nichts so schnell , so stark , so bleibend auf sie , und auch die Besten sind hierin bis zum Erstaunen schwach . Nikomedien wird dir gefallen . Es herrscht hier ein geselliger Ton , man liebt Pracht und Zerstreuung , aber man liebt es mit Geschmack und ziemlichen Anstand . Dies scheint eine Wirkung des ceremoniösen Hofes und der Denkart der beiden Kaiserinnen zu seyn , die in ihren Grundsätzen sehr streng , und , wie Manche glauben , heimliche Christinnen seyn sollen . Genug , der Schein wird gerettet , aber im Innern der Häuser hat eine übermäßige Ueppigkeit nicht allein auf den Genuß des Lebens , sondern auch auf die Sitten unsers Geschlechts einen nachtheiligen Einfluß . Die Weiber des Hofes und der Stadt sind fast alle locker in ihren Grundsätzen und von zweideutigem Rufe ; aber sie sind schön ! - Ich habe bei einem Feste eine Versammlung von Gestalten gesehen , über deren Reize , durch den sinnreichsten Putz , und die geschmackvollste Pracht erhöht , ich wirklich erstaunte , deren Anblick mir - nicht Neid , dessen hält dein Herz mich nicht fähig - aber ein Gefühl von Trauer über meine so schnell verwelkte Jugend einflößte . Ich bin nicht mehr , was ich war , und hier ist Alles so bezaubernd , so verführerisch , so zudringlich ! Schreibe mir doch noch , meine Geliebte ! ehe du Rom verlässest , und suche deine Reise zu beschleunigen ! Mein Herz schlägt dir mit Sehnsucht und Ungeduld entgegen . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Die Häuser der Alten , sowohl in Italien , als vorzüglich im Morgenlande , hatten selten Fenster auf die Straße . Man trat durch den Thorweg in den Hof , um welchen herum die Zimmer gebaut waren , deren Fenster und Thüren gleichfalls auf den Hof gingen . 37. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im Februar 302 . Es ist lange , mein Freund ! daß du meinen letzten Brief1 erhieltest , worin ich dir meinen unersetzlichen Verlust gemeldet habe . Ich erinnere mich jetzt nicht mehr bestimmt , was ich dir geschrieben habe . In jener Zeit war es dumpf und düster in meiner Seele . Indessen weißt du , was ich verlor und wie ? Dies genügt , um dir eine Vorstellung meiner jetzigen Lage zu machen . Keine Betäubung währt ewig , und so hat sich mein Geist auch aus der emporgerissen , die einige Zeit nach jenem Ereignisse schwer und entnervend auf mir lag . In Trachene unter Gefahren und fremden Sorgen blieb mein Geist und Körper aufrecht ; erst in Nikomedien , in der Stille des gewöhnlichen Lebens , im väterlichen Hause , erlagen beide , und ich ward im eigentlichen Sinne an beiden krank . Wie ich gewesen bin , und wozu ? warum ? weiß ich nicht . Aber ich kann wieder schlafen , ich kann Speise zu mir nehmen , und so kann und wird mein Daseyn wohl noch lange währen . So zwecklos , so klein , so nichtsbedeutend , wie dies Daseyn mir damals erschien , und noch jetzt zuweilen in seiner ganzen Schaalheit unabsehlich vor mir liegt , hätte ich es vielleicht von mir geworfen , oder in der nächsten Schlacht verschleudert ; aber das sollen , das dürfen wir nicht . - Ein Strahl überirdischen Lichtes senkt sich in meine Nacht , und das Leben bekömmt wieder Gehalt , obwohl nicht für meine Hoffnungen , und nicht für diese Welt . Ein Pfad öffnet sich mir , um zur Wahrheit zu gelangen . Es ist des Forschers Pflicht , darauf fortzuschreiten , und wenigstens zu sehen , wohin er führt , selbst dann , wenn sicherer Verlust die Folge seiner Forschungen wäre . Könnte er auch anders ? Würde sich nicht die schreckliche Wahrheit selbst Bahn zu ihm machen , wenn er auch seine Augen vor ihr verschließen wollte ? O es hat schon so manche traurige Gewißheit den Weg gefunden , um dies Herz unfehlbar zu zerreißen ! Jetzt erscheint sie in mildem Lichte , und ich folge dem leitenden Strahl , der mich in eine tröstende Helle zu führen verspricht . Ein Christ , jener Apelles , den du als den Lehrer und Freund der vorausgegangenen Jugendgespielin aus ihren Briefen kennst , war das erste Wesen , das mir in schrecklichen Augenblicken theilnehmend erschien . Menschenfreundlich und weise behandelte er den Kranken , ihm danke ich zuerst die wiederkehrende Besinnung , ihm später die Kraft , da nicht zu erliegen , wo menschliche Stärke allein bei einem sehr reizbaren Gefühl , wie meines , vielleicht nicht zu stehen vermocht hatte . Seine Tröstungen waren von mehr als gewöhnlicher Art. Er nahm sie aus den innersten Tiefen des verarmten zerrissenen Herzens , er eröffnete ihm den Himmel , ließ überirdische Strahlen in dasselbe fallen , füllte es mit Hoffnungen auf Jenseits , und richtete alle Kräfte und Neigungen , denen hier kein würdiger Gegenstand mehr entsprechen konnte , auf große Aussichten und Wirkungen in die Zukunft . Meine Seelenkräfte kamen nach und nach zurück , und an ihnen richtete sich der irdische Gefährte auf . Ich genas , und bin wieder fähig zu denken , zu wirken , wenn auch nicht für mich , doch für Andre . Phocion ! Ein weiser Christ ist ein erhabenes Wesen , ist vielleicht das Höchste , was die menschliche Natur erreichen kann , die höchste Vollendung , deren sie fähig ist . Sie ganz zu erstreben , ist nicht das Loos des Sterblichen , aber das erhabenste Ziel hat ihnen ihr mehr als menschlich weiser Lehrer gesteckt : Seyd vollkommen , wie euer Vater im Himmel vollkommen ist ! Kein geringeres Urbild , als die Gottheit , gab er ihnen nachzuahmen , und welcher Gott ist der Gott der Christen ! Kein leidenschaftliches , sinnliches , allen menschlichen Schwächen unterworfenes Phantom , wie die Bewohner des alten Olymp , kein müßiger Zuseher , der in vollkommener Apathie die Welt gehen läßt , wie sie kann , wie die Götter Epikurs . Es ist ein allmächtiger , durch sich selbst von Ewigkeit bestehender , allwissender , allgegenwärtiger Geist , der Alles , was da ist , aus dem Nichts hervorgebracht , und nur darum geschaffte hat , um seine Macht und Liebe zu verklären . Die Geogonie der Christen ist einfach erhaben , und wenigstens eben so faßlich und wahrscheinlich , als die Systeme unsrer Philosophen , ja ich getraue mir zu behaupten , daß , in dem gehörigen Lichte betrachtet , und von dem poetischen Schmucke entkleidet , der diese Erzählung aus der Kindheit des Menschengeschlechts umgeben muß , du keine den Naturgesetzen gemäßer und vernünftiger finden wirst . Unbeschreiblich schön ist die Geschichte des sittlichen Verfalls der Menschheit unter einem bald idyllisch-lieblichen , bald furchtbar-ernsten Bilde dargestellt . Ja , die Erkenntniß des Guten und Bösen war es , das erwachende Gewissen , das Gefühl des Rechts und Unrechts , das den schönen Traum ewiger Unschuld und Jugend zerstörte ! Du siehst hier ein goldenes Zeitalter , und die Ursache seines Verschwindens tief und weise in den innersten Trieben des Menschen aufgesucht und dargestellt . Was in der Fabel von Amor und Psyche mehr bildliche Darstellung eines platonischen Traumes ist , ist hier die Geschichte des Menschen , der Menschheit , ihrer individuellen und allgemeinen Entwickelung zur Cultur . Diesen Gott nun , aus dessen Hand die Sonne , die Sterne , alle uns bekannten Wesen hervorgingen , der ihr Schicksal nach ewigen Gesetzen lenkt , diesen Gott nennen die Christen ihren Vater . In diesem Kindes-Verhältniß denken sie sich zu ihm , und nichts ist , womit sie sich ihm gefällig machen können , kein Opfer , keine Büßung , nichts als ein reiner Sinn , und ein menschlichgutes Herz . Alle Sterbliche sind ihnen Brüder ; sie zu lieben , wie sich selbst , Keinem zu thun , was man nicht sebst leiden möchte , ist ihr Hauptgesetz . Je mehr man diesem einfachen Gedanken nachforscht , je mehr muß man den Lehrer bewundern , der in wenig Worten alle Gesetze der Moral zusammenzufassen wußte , daß in allen Schulen und Sekten unsrer Philosophen nicht mehr , und nichts Besseres gelehrt wurde . Liebe Gott über Alles und deinen Nächsten wie dich selbst ! Wer kann mehr fordern als dies ? Und was würde die Welt seyn , wenn alle Menschen diese einfache Vorschrift beobachteten ? Aber die Christen gehen noch weiter , sie dringen nicht blos auf Liebe gegen diejenigen , die wir zu hassen keine Ursache haben , sie fordern Ueberwindung unsrer Selbst , und Bezähmung der heftigsten Leidenschaften , Zorn und Rachgier . Segnet , die euch verfolgen , betet für die , die euch hassen . In welcher Schule , Phocion ! ward je reinere Tugend gelehrt ? Noch einmal , die christliche Moral ist mehr als menschlich ! Aber indem sie eine Höhe fordert , die wir nicht zu erreichen fähig sind , spornt sie uns wenigstens an , das Aeußerste zu thun . Und was kann nicht der Mensch , wenn er alle seine Kräfte braucht ? Das Höchste muß der Mensch sich vorsetzen , wenn er das Hohe erreichen , und nicht im Gemeinen versinken will ; nach dem Unendlichen muß er streben : dann bewährt er sich als einen unsterblichen Geist , dem diese Hülle zu eng , dem diese Erde nur eine Herberge ist . Das haben unsre Philosophen schon gesagt ; auch der Christ sagt es , nur unendlich einfacher . Aber bei der Schwäche unseres halb sinnlich halb geistigen Wesens , das , zwei Welten angehörig , ewig zwischen beiden schwankt , was bliebe uns für Hoffnung übrig , den hohen Befehlen gehorchen , und das Ideal erreichen zu können , das jene Lehren von uns fordern ? Müßten wir nicht daran verzweifeln , den strengen Gesetzen genug zu thun ? Hier könnte das Gewissen uns nicht beruhigen , dort würde ein unendlich heiliges Wesen den schwachen Sohn der Sinnlichkeit strafend von sich weisen . Aber liebend und erbarmend tritt die geheimnißvolle Lehre von der Versöhnung , von einem unbefleckten , heiligen , der ganzen Strenge jener Forderungen genugthuenden Opfer dazwischen , von einem Opfer , das , die Schuld des ganzen Menschengeschlechts auf sich nehmend , freiwillig sich der göttlichen Gerechtigkeit darbot , und für Alle litt , blutete , starb . In seinen Verdiensten findet der schwache Mensch vollendenden Ersatz für seine unvollkommenen Bestrebungen , sie eignet er sich zu , und durch ihre Vermittelung darf er dem Throne des allerreinsten Wesens mit minderer Schüchternheit nahen . Du siehst aus diesen leichten Umrissen , die ich dir mitzutheilen im Stande bin , wie erhaben und den Bedürfnissen des Herzens angemessen diese Lehre ist . Noch kenne ich sie nicht vollständig ; was ich aber kenne , überzeugt meinen Verstand , und befriedigt mein Gefühl . Und wenn diese Ueberzeugung einst vollendet seyn wird , wer kann mich tadeln , ja , wer kann mich der entgegengesetzten Handlungsweise fähig halten , wenn ich sie annehme , und ganz werde , was ich ohnehin schon zum Theile bin ? - Uebereilen aber will ich nichts . Der Schritt ist wichtig , er fordert vollkommene Geistesfreiheit , und gewissenhafte Prüfung . Die erste fehlt mir noch ganz , mein Gemüth ist nicht ruhig . Die Erschütterungen der vergangenen Schrecken haben noch nicht aufgehört , in mir nachzubeben , noch drückt ein zu lastendes Gewicht meinen Geist . O mein Freund ! Was habe ich verloren ? Larissa ! Gespielin meiner Kindheit ! Geliebte meiner Jugend ! Holdes , sanftes , liebevolles Wesen ! Wo bist du jetzt ? Wo schwebt dein reiner Geist ? Hast du noch Erinnerung vom Vergangenen ? Weißt du , daß dein unglücklicher Freund hier verlassen trauert ? Oder hört mit dem Leben oder mit der Persönlichkeit , wenn auch der Geist nicht vernichtet wird , alle Erinnerung , alle Liebe auf ? Trostloses System , das das menschliche Herz verabscheuen , über dem der Unglückliche verzweifeln müßte , wenn es seinen Anhängern gelingen könnte , es zu beweisen ! Was wäre die Unsterblichkeit dann für ein Vorrecht für das denkende Wesen ? Würde sie es nicht mit dem Thiere , der Pflanze theilen , deren aufgelöseter Körper auch nicht vernichtet , sondern nach dem Gange der Natur in ursprüngliche Elemente zersetzt werden , bis sie endlich nach längerer oder kürzerer Zeit wieder in organische Theile einer Pflanze oder eines Thieres übergehen ? Es ist unmöglich ! so kann der Kreislauf des göttlichen Funkens in uns nicht seyn . Auch hierüber hat das Christenthum einen erhebenden schönen Glauben , der alle Spitzfindigkeiten und Sophismen beschämt ! Doch hierüber sollst du ein andermal wehr hören . Genug , sie liebt , sie weiß um mich , sie liebt mich , wenn gleich hienieden ihre sanfte Stimme verklungen ist , und nie wieder in den kalten leeren Räumen mir die holde Gestalt begegnet , nie wieder ihr seelenvolles Auge mir freundlich strahlen , und kein Herz auf dieser Erde mir das ihrige ersetzen wird . O Phocion ! Ich werde sie niemals , niemals hier wiedersehen ! In diesem Gedanken liegt ein unendlicher Schmerz - aber bevor er wieder die innerste Tiefe meines Wesens aufregt , laß mich abbrechen . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Er kommt nicht vor , so wie alle , die nichts zum Gang der Geschichte beitragen , und deren dennoch wegen des Zusammenhangs erwähnt werden muß . 38. Calpurnia an Sulpicien . Nikomedien , im März 302 . Hier bin ich , in der großen , geräuschvollen Stadt , unter dem schönsten Himmel von Kleinasien , und , was noch besser ist , in deiner Nähe , meine theure , geliebte Freundin ! Ich wäre wahrlich gern , statt meines Briefes , selbst zu dir in deine Einsamkeit geeilt ; aber mein Vater bedarf meiner zu seiner häuslichen Einrichtung , die hier an einem fremden Ort , unter ganz neuen Verhältnissen , nicht ohne große Beschwerlichkeit vollendet werden kann . Es ist mir daher unmöglich , dich fur ' s erste zu besuchen . Könntest denn du nicht auf ein paar Tage in die Stadt kommen ? Du bist doch hoffentlich so wohl , daß die kleine Reise von einigen Meilen keinen üblen Einfluß auf deine Gesundheit haben wird . O wie freue ich mich , dich nach so langer Trennung wieder zu sehen , und mit dir über tausend Dinge der Vergangenheit und Zukunft zu sprechen , die trotz aller Ueberlegung mir nie ganz gleichgültig waren , und unter diesen Umgebungen hier erst wieder recht lebendig werden ! Am zweiten Tage nach unsrer Ankunft besuchte uns Agathokles . Dir darf ich es ja gestehen , daß mir sonderbar zu Muthe ward , als ich im Nebenzimmer seine Stimme hörte , die mir gedämpfter , als sonst vorkam . Er begrüßte meinen Vater mit herzlicher Ehrfurcht , und erkundigte sich nach mir und meinen Brüdern . Ich benutzte meine Verborgenheit , um mich in die gehörige Fassung zu setzen , und trat dann , als mein Vater mich rief , ganz gelassen hinein . Ach , es war wieder nichts mit dieser Künstelei ! Dieses düstere trübe Auge , aus dem die tiefste Schwermuth sprach , die wehmüthige Herzlichkeit , mit der er auf mich zuging , und meine Hand faßte , die weiche Stimme , mit der er mich in seinem Vaterlande willkommen hieß , und dann der Gedanke , um wessentwillen diese traurige Veränderung mit ihm vorgegangen war , das Alles bewegte mich so seltsam , daß ich wohl fühlte , wie meine Fassung mich verließ . Er hatte so viel gelitten ; wie hätte ich ihn durch abgemessene Kälte kränken können ! Und doch war mein Stolz durch eben diese Schwermuth , die ich zu zerstreuen wünschte , beleidigt . Die Feinheit seines Betragens brachte indeß bald wieder einige Ruhe in unsere Haltung . Mein Vater bemächtigte sich seiner mit einem politischen Gespräche , in das Agathokles sogleich mit voller Seele einging ; und jetzt im Feuer der Unterhaltung , als er auf Augenblicke seiner Lage vergaß , schien er wieder derselbe zu seyn , der er in Rom war . Dies Bild trat vor meine Seele ; ich rief , während die Männer angelegentlich sprachen , die frohen Stunden zurück , die ich damals genossen hatte , und auf einmal war es mir , als müßten zwei Agathokles seyn ; als könnte jener anziehende Schwärmer , dessen Ernst vor meinem Lächeln so oft gewichen war , dessen Blick hundertmal mit Entzücken an mir hing - und dies finstere Bild des Kummers , das mir so fremd geworden war , der eine Andre so heiß geliebt hatte , daß ihr Tod ihn an den Rand des Grabes brachte , unmöglich Eine und dieselbe Person seyn . Ich schauderte , die Vorstellung war mir höchst peinlich , ich strebte aus allen Kräften , die wunderbare Täuschung zu zernichten . Es gelang nicht . Auf einmal fühlte ich , daß meine Thränen im Begriff waren , hervorzubrechen . Ich stand schnell auf und verließ das Zimmer . Sie strömten heftig , warum ? wußte ich selbst nicht , aber ich fand eine Erleichterung darin , sie fließen zu lassen . Es kam mir vor , jener Agathokles sey todt , und der , den ich jetzt gesehen hatte , nur ein Bild , ein Schatten von ihm . Mir ward so weich um ' s Herz , wie wenn man nach dem Verlust einer geliebten Person an einem Orte , wo man sie sonst oft gesehen hatte , nun ihre kalte Bildsäule fände . Diese Aehnlichkeit im Aeussern , und diese Verschiedenheit von Innen , jener warme Antheil und diese Kälte ! Es ergriff mich schmerzlich . Ich fühlte , daß ich mich in dieser Stimmung nicht vor ihm sehen lassen konnte . Als ich nach einer Weile wieder hinein ging , war er bereits fort , und hatte versprochen , bald wieder zu kommen . So hatte ihn also mein Weggehen nicht gekränkt , wie ich im ersten Augenblick fürchtete , als ich meinen Vater allein fand ! So hatte er gar nichts an mir bemerkt , nichts zu deuten gefunden ? Natürlich , ich bin ihm nichts mehr , als eine alte Bekannte , und einer solchen nimmt man es ja nicht übel , wenn sie sich entfernt , und den guten Freund in einer Gesellschaft zurückläßt , die ihm wenigstens eben so lieb ist , als die ihrige ! Seit dem Augenblick ist ein wunderbarer , aber wahrlich nicht angenehmer Kampf in meinem Innern . Mitleid mit Agathokles Unglück , Wunsch , seinen Kummer zu erleichtern , und ein bitteres Gefühl des gewaltigen Abstandes zwischen jener Zeit in Rom , und diesem kalten Wiedersehen wechselt unaufhörlich in mir . Was wird hieraus entstehen ? Welche Haltung wird mir das gegen ihn geben ? Du , meine theure Freundin ! könntest hierin mir den wesentlichsten Dienst leisten . Du siehst Agathokles so oft , er vertraut dir , das weiß ich , du wirst ungefähr wissen , wie er von mir denkt . Schreibe mir doch , was er von mir spricht , und besonders in welchem Ton . Daraus läßt sich viel schließen , und ein sein fühlendes Weib ist im Stande , aus der Art , wie ein Mann von einer Andern spricht , zu errathen , was er für diese empfindet . Hierauf verlasse ich mich vollkommen , und erwarte deine Nachricht mit Ungeduld . Leb ' wohl ! 39. Sulpicia an Calpurnien . Synthium , im März 302 . Warum kann ich nicht zu dir fliegen , an deine Brust sinken , und dich mit Thränen der Freude willkommen heißen ? Ach Entbehren und Entsagen war von jeher der Wahlspruch meines Lebens , und seine Macht bewährt sich fort und fort . Ich bin krank , meine Geliebte ! nicht so krank , daß ich nicht allenfalls im Hause , und an einem warmen Frühlingstage in dem reizenden Garten unseres Freundes herumschleichen , und ohne zu große Anstrengung meines Kopfes , dir , meine Theure ! schreiben könnte ; aber viel , viel zu schwach , um eine Reise von sechs Stunden zu dir in die Stadt zu unternehmen . Ich habe viel von der Ruhe meiner gegenwärtigen Lage , von Asiens mildem Himmel und am allermeisten von der Erfüllung meines höchsten Wunsches gehofft . Es will sich nicht ändern , ich kränkle immerfort , und so soll ich denn vielleicht im Hafen Schiffbruch leiden , und die Welt zu einer Zeit verlassen , wo mein Leben erst eigentlich beginnen , und ich nach so vielen Stürmen an ' s Ziel gelangen soll . Es war eine Zeit , wo ich den Tod wünschte , wo er mir als das Ende meiner Qualen erschienen wäre - aber jetzt ? - Jetzt ist der Gedanke , aus Tiridates Armen , aus dem Sonnenschimmer seiner beglückenden Liebe hinabzusteigen in das Reich wesenloser Schatten - oder des wesenloseren Nichts - schauderhaft , entsetzlich ! Unerfreulich und düster steht die dunkle Welt jenseits vor dem forschenden Blicke , und nach tausend Zweifeln , eiteln Spekulationen und nichtigen Erwartungen bleibt dem grübelnden Verstande höchstens - der Trost der Ungewißheit . Weiter kann er es nicht bringen , weiter hat es nie ein Weiser gebracht . Was sich wider diese Ueberzeugung in uns empört , ist der Trieb der Selbsterhaltung , dem der Gedanke der Vernichtung unmöglich zu fassen ist . Ich sollte von Tiridates scheiden , ihn der düstern Verzweiflung , oder - schreckliche Wahl - den Tröstungen einer neuen Liebe überlassen , und hingehen , woher nie Jemand zurückkommt , wo keine Hoffnung des Wiedersehens ist ! O nein , nein ! nur jetzt nicht sterben ! Die Aerzte geben mir Hoffnung , und ich ergreife sie begierig ; sie sagen , und es ist auch mehr als wahrscheinlich , daß jene traurigen Erschütterungen , die Beschwerden der Reise , die Veränderung des Clima ' s auf meinen geschwächten Körper nachtheilig wirken mußten ; sie versprechen mir viel von der Wirkung der Zeit , und der inneren Zufriedenheit ; und so will ich denn geduldig seyn , und alle Gedanken und Zweifel verbannen , die noch zuweilen in mir aufsteigen wollen ; ich will recht gelassen , recht ergeben seyn , sogar blind und gefühllos , wenn es die Erhaltung meiner Gesundheit fordert . Du fragst mich , was und wie Agathokles von dir spricht ? Du willst dein Betragen nach meinen Beobachtungen einrichten ? So muß ich ja wohl ganz aufrichtig seyn , und nichts als strenge Wahrheit sprechen . Er achtet dich ohne Zweifel , er will dir herzlich wohl , und wenn ich seinen Kummer zu zerstreuen wünsche , kann ich es am besten dadurch , daß ich einige Bilder und Scenen aus seinem römischen Aufenthalte vor seine Seele führe . Er erheitert sich dann und spricht mit Vergnügen von jener Zeit - aber das Alles sehr ruhig , und ohne daß die geringste Verlegenheit oder höhere Wärme auf eine lebhaftere Empfindung schließen ließe . Vergiß aber nicht für meine und deine Erwartungen , und für das künftige Glück unsers Freundes , daß die Wunde seines Herzens noch frisch und durch die Art des Verlusts seiner Geliebten wirklich schrecklich ist . Zudem ist er einer von jenen beneidenswerthen Schwärmern , die sich mit einem seligen Wiedersehen nach dem Tode schmeicheln können . Für ihn ist seine Larissa nicht todt , sie ist nur vorangegangen , und so muß er ihr wohl die Treue bewahren . Doch ungeachtet dieser und mancher andern Schwärmereien , die er mir aus den Lehrsätzen der Christen genommen zu haben scheint : - laß nur einige Zeit verfließen , bis die Neuheit des Eindrucks sich verliert ; laß die Reize deines angenehmen Umganges seinen Verstand beschäftigen , sein Gemüth erheitern , laß ihn den Zauber deiner Schönheit empfinden - und die Liebe zu einem leeren Schattenbilde wird der Gewalt der Gegenwart weichen . Tiridates bringt dir diesen Brief . Er freut sich sehr , dich wieder zu sehen , so sehr , daß , wärest du weniger , was du bist , ich beinahe besorgt seyn müßte . Er hat mir versprochen , dich und deinen Vater zu bereden , daß ihr mit ihm zu mir herauskommen sollt , und so erwarte ich denn in wenigen Tagen das allein ungetrübte Glück der Freundschaft in deinen Armen zu genießen . Leb ' wohl ! 40. Agathokles an Phocion . Nikomedien , im März 302 . Die Friedenshoffnungen haben sich zerstreut , und der Kampf beginnt auf ' s Neue . Das Heer hat Befehl aufzubrechen , und ich gehe mit Tiridates , unter Galerius Fahnen zu dienen . Die Zurüstungen sind mit eben so viel Klugheit als Anstrengung gemacht . Galerius hat unumschränkte Macht , und es ist zu hoffen , daß dieses Jahr etwas Entscheidenderes vorgehen werde . Immer ist es Gewinn für den Gang her Angelegenheiten , wenn der höchste Wille , die Macht und die Ausübung sich in Einem Punkte vereinigen . Wir ziehen an das Ufer des Euphrats , dort wird wahrscheinlich der erste Schlag geschehen . Ich folge diesmal dem Heere nicht blos aus Pflicht , sondern auch in der Hoffnung , strenge Beschäftigung , und in derselben Aufheiterung zu finden . Einsamkeit und Muße sind nicht für ein Gemüth , das in dieser Stille nur an Trauer und Verlust zu denken hat . Eine viel versprechende , sehr anziehende Bekanntschaft habe ich noch in diesen Tagen gemacht . Apelles , den ein Befehl seiner Vorgesetzten nach Apamäa zurückrief , führte mich vorher zu dem Bischofe von Nikomedien , Eutychius . Ich fand an ihm einen Mann , der seine Lebensart , Menschenkenntniß und priesterliche Würde wohl zu vereinigen weiß . Ich errieth Apelles Wunsch , Eutychius sollte vollenden , was er begonnen hatte . Noch kann ich nicht urtheilen , ob diese Wahl gut getroffen ist ; aber das öffentliche Zeugniß und Apelles Meinung sprechen für Eutychius . Als ich zum zweitenmal bei ihm war , trat ein junger Mann , ungefähr von meinem Alter , ein . Eine hohe männlich schöne Gestalt , Kraft , fester Wille , beinahe Härte , sprach aus den bedeutenden Zügen , den schmalen festgeschlossenen Lippen ; nur in manchem Blick , in manchem Aufschlag der großen blauen Augen lag ein zarter edler Ausdruck , der höchst anziehend den festen Ernst des Ganzen milderte . Der Sohn des abendländischen Cäsars - Constantin - sagte der Bischof , als er mich ihm vorstellte , und auch ihm meinen Namen , nebst einigen Umständen von mir , sagte . Ein forschender Blick , doch nicht ohne freundliche Güte , schien mein Innerstes durchschauen zu wollen , übrigens nahm er mich sehr anständig auf . Der Bischof wurde abgerufen , Constantin blieb mit mir allein . Er sprach wenig , aber gut . Du weißt