Er grüßte Alle mit erschöpfender Anstrengung , und wurde dann eilig von herzueilenden Ärzten auf ein bequemes Lager gebracht . Rodrich harrte am Eingange des Zeltes in dumpfer Erstarrung auf den entscheidenden Ausspruch des Arztes . Er kannte sein Unglück , er hatte die tiefe Wunde in der Brust gesehen , er durfte nicht hoffen , und dennoch zitterte er heftig , als Stephano herausstürzte , und die zurückgehaltenen Thränen an seinem Busen ausweinte . Er wagte es nicht , ihn zu fragen , die Gewißheit war ihm schrecklicher , als jene betäubende , hinhaltende Furcht . Beide schwiegen , der Arzt ging wehmüthig an ihnen vorüber . Niemand sagte ihm ein Wort , so traten sie wieder an das Bett des Kranken , der nach dem schmerzlichen Verbande einen Augenblick schlief . Die Nacht war indeß herauf gezogen . Eine laue , heitre Luft säuselte durch die halb geöffneten Zelt-Vorhänge . Auf der weiten Ebne brannten Wacht- und Lagerfeuer , still und erschöpft ruheten die müden Krieger , über ihnen glänzte der Himmel im heiligen , verklärten Lichte ewigen Friedens . Rodrich und Stephano lauschten auf die stockenden ungleichen Athemzüge des Grafen , der sich öfter regte , und im Schlafe unzusammenhängende Worte und einzelne Nahmen laut werden ließ . Rodrich ward sehr erschüttert , als er ihn mehreremale mit vieler Anstrengung , Eusebio , Eusebio , rufen hörte . Die Vorstellungen verwirrten sich , er glaubte wieder ein Kind , an des sterbenden Freundes Lager zu sitzen , dunkle Ahnungen durchflogen ihn , er beugte sich über das bleiche Angesicht und ihm war , als lägen zwei Gestalten in dem engen Bette . In dem Augenblick erwachte der Graf . Er schien gestärkt , blickte klar und sicher um sich her , verlangte , daß man das Zelt noch mehr öffnen solle , und freuete sich der Ruhe und Ordnung im Lager . Sein heiteres Gespräch goß einen Strahl von Hoffnung in die Herzen beider Freunde , doch bald ward er ganz still , seufzte mehreremale tief , und schien auf ' s neue zu schlafen . Rodrich hatte seine Hand gefaßt , und als er sah , daß er unverwandt nach dem Lager blickte , wagte er es , ihm einige leise Fragen zu thun . Mein Sohn , erwiederte er , der Tod ist viel mehr , als man glaubt , es sollten sich die Fäden langsam lösen , die uns an die Welt fesseln , oft reißen sie aber gewaltsam , und die Sehnsucht und der Schmerz halten uns hier noch lange gefangen . Vieles bleibt so unvollendet und zerstückt hinter uns liegen , und scheint uns mit tausend Stimmen zurück zu rufen , wenn gleich eine höhere Hand es anders und besser beendigen kann . Auch du liegst mir schwer auf dem Herzen . Ich kann nun wenig mehr für dich thun . Nimm die Schreibtafel , die dort in dem Kästchen liegt . Sie enthält Papiere , die du meinem Freunde , dem General überbringen sollst , er wird weiter für dich sorgen . Rodrich , sagte er nach einer Weile , als Alle um ihn her weinten , den Krieger müssen heitre Blicke zum Grabe geleiten , laß dich nicht so gewaltsam beugen , dir bleibt viel zu thun übrig . Dein Schicksal wird dich noch wunderbar führen . Ich erkannte dich früher . Eusebio war mein Bruder . Zerreiße das bunte Gewebe nicht , laß die Zeiten an dir vorüber gehen , es waltet und wechselt die ewige Gottheit in wunderbarer Gestalt , neige dich vor ihrem unerforschlichen Willen , und trachte nicht vermessen , das Dunkel aufzuhellen . Ich habe in dieser Nacht viel erfahren . Es ist wenig mit diesem Leben , und doch wieder so viel , so unendlich viel ! Er schwieg , Rodrich glaubte nichts Neues zu erfahren , ihm war , als habe er immer Eusebio ' s Bruder in dem geliebten Wohlthäter geehrt , es kam ihm auch alles ganz gewohnt und natürlich vor . Er forschte nicht weiter nach , alle Neugier ward durch den heiligen , verklärten Blick des Sterbenden zurück gedrängt . Er wußte selbst nicht deutlich , was er fühlte und dachte , er sah nichts , als das Eine , was diesen bangen , ängstigenden Augenblick ausfüllte . So hatten sie mehrere Stunden schweigend neben einander verweilt . Da drang die Trompete , die im Lager zum Satteln rief , schneidend durch die heilige tiefe Stille . Der Graf fuhr gewaltsam empor , er winkte mit der Hand , und blieb einen Augenblick aufgerichtet in einer angestrengten Stellung , als wolle er dem Rufe folgen ; wie der schmetternde Ton verhallte , sank er zurück , und lag starr und todt an Rodrichs blutendem Herzen . Zweites Buch Viele Tage waren seit dem Tode des Grafen verflossen . Der alte Held ruhete längst in starrer , winterlicher Erde . Alle Klagen und Thränen waren in die stille Gruft versenkt . Wie ausgestorben lag die verödete Gegend . Kein lebendiger Hauch drang hindurch . Stumm ging der Tod und das Elend hinter dem verscheuchten Bewohner , der unsichern Trittes die Trümmer seiner Heimath aufsuchte . Weit hin vor trotzigen Festen lag das siegreiche Heer , und erkrankte im ermüdenden Belagerungskriege . Rodrich sah mit erschöpftem Geiste auf die unerschütterliche Ausdauer seines neuen Gönners . In und um ihn war alles verwandelt . Die geträumte Lust reichte nicht über einzelne Momente der Erwartung hinaus . Der Gedanke hatte ihn erschüttert , gehoben , die That verblich in den schaalen Gebilden des Lebens ! Wie er etwas anfaßte , so schwand der Zauber , und das nackte Gerüst trat schauerlich vor seine begehrlichen Sinne . Spottend blickte er auf sich und die Menschen , die immer auf ' s neue die abgerissenen Fäden wieder anknüpfen , um das trügerische Labyrinth zu durchirren , und dennoch war nirgend ein Stillstand , und alle Ruhe , Ohnmacht überreizter Begier . Er suchte das ewig Bleibende , und entsetzte sich vor dem abgeschlossenen Einerlei erfüllter Wünsche . Unwiderstehlich zog ihn der Wechsel an sich , um ihn dann unsanft zurück zu stoßen , weil er niemals fand , was überall ist , oder nirgend . Dieselbe wiederkehrende Unzufriedenheit sagte ihm , daß dies die eigentlich bleibende Stimmung seines Geistes und eine Folge erkannter Täuschungen sey . Er glaubte tiefere Blicke als jemals über die Nichtigkeit menschlicher Strebungen gethan zu haben , da nichts die innre Sehnsucht stille , sondern den gläubigen Muth zerreiße und erdrücke . Was haben nun , fragte er sich oft im bittern Unmuth , die unzähligen Opfer , der große Aufwand von Kräften , alle die äußern und innern Erschütterungen bewirkt ? In kurzem ist es vergessen , die neue Gestaltung wird eben so spurlos von einer neuern verdrängt , und während das kreisende Rad sich unaufhaltsam dreht , glauben wir thöricht den Augenblick zu fesseln . Tausende haben dasselbe vor mir gewußt und empfunden , und doch arbeitet sich jeder auf seine Weise ab , und wenn er die mühselige Bahn durchlaufen ist , so wundert er sich , auf demselben Punkte zu stehen , von wo er ausging . Rodrich konnte aus den Widersprüchen nicht heraus , in denen er sich und die Welt gefangen sah . Das innere Drängen und Treiben und jene Verachtung menschlicher Thätigkeit , zerrissen ihn auf eine Weise , daß er in jedem Augenblick in Ungewißheit über sich selbst gerieth . Seraphinens Worte : er sey weder unbefangen genug , um heiter , noch fest genug , um ruhig in der Welt zu leben , fielen ihm wohl zuweilen ein , indeß glaubte er auch in der Gräfin etwas Gezwungenes , Systemartiges zu erkennen . Es kam ihm vor , als wolle sie mit Gewalt die anraisonnirte Heiterkeit , auf Kosten eigner , unangenehmer Gefühle oben auf spielen lassen , während Mißmuth und Widerwille sie im Innern folterten . Die kleinen Spielereien , die ihrem Leben den frischen Glanz liehen , schienen ihm künstliche Behelfe , eine Unbefangenheit geltend zu machen , die längst dem Lichte reflektirender Betrachtungen weichen mußte . Überhaupt kam es ihm vor , als habe der Verstand alle eigentliche Originalität verwischt , und jedem nur ein Kleidchen aufgehängt , wie es sich gerade für Lage und Verhältnisse passen wolle . Die Menschen , meinte er , dächten im Grunde ziemlich einerlei , das heißt , an sich selbst . Über diese Sphäre gehe selten etwas hinaus , wie sich die Eitelkeit auch hinter bescheidner Selbstverläugnung verstecke . Er mußte lachen , wenn er seines frühern Enthusiasmus , der glühenden Bewundrung einzelner , großer Erscheinungen , und all ' der tausend Irrlichter gedachte , die den kindlich gläubigen Sinn blenden . Am wenigsten begriff er , wie Stephano , dessen Ansehen längst bei ihm gesunken war , diesen entscheidenden Eindruck auf ihn machen konnte . Er glaubte ihn jetzt ganz zu verstehen , um so mehr , da ihre gegenseitigen Neigungen , Ansichten und Gefühle , unaufhörlich einander begegneten , und Stephano nur da zu seyn schien , um durch stäte Reibung , alle Saiten in Rodrichs Seele zu berühren , und die verstecktesten Töne hervor zu rufen . Dies unwillkührliche Ergreisen , diese Ähnlichkeit , die keinesweges Gleichheit war , und dennoch jenes schauerliche Erkennen in fremder Gestalt , drängte beide Freunde aus einander . Rodrich wandte sich ohne Schmerz von ihm ab . Er hatte etwas Außerordentliches erwartet , lange die auffallenden Widersprüche wie geheimnißvolle Räthsel , mystische Anklänge einer unbegreiflich hohen Natur angestaunt , jetzt entdeckte er kleinliche Regungen , die auch seine Brust anfüllten , und verzieh es ihm um so weniger , sich vor einer Überlegenheit gedemüthigt zu haben , die nur die Beschränktheit eines kleinen Kreises dafür erkannte . Stephano ließ es geschehen , ohne sonderliche Empfindlichkeit zu äußern . Rodrichs Freundschaft war ihm nie Zweck gewesen . Er empfand leicht ein bestechliches Wohlwollen für Menschen , die sich ihm anneigten , und versuchte dann ungesäumt , sie in seine Pläne hinüber zu ziehen . Wenige verstanden ihn , und auch diese Wenigen ließ er durch inkonsequente Maaßregeln erkalten . Rodrichs Abfall kam ihm nicht unerwartet . Er beschwichtigte das verletzte Gefühl mit einer Verstandesformel , und hing dem großen Hauptgedanken seines Lebens mit gereizter Leidenschaftlichkeit nach . Es galt nichts weniger , als dem launenhaften Schicksal zum Trotz , sein abgerissenes , zweideutiges Daseyn zu begründen , und die dunkle Hälfte desselben , durch einen gewichtigen Schlag zu überstrahlen . Es war nie klar in ihm geworden , was er eigentlich wollte und vermochte . Einzelne große Begebenheiten fuhren wie Blitze durch sein Inneres , und drängten ihn verworren nach allen Richtungen . Mit einer unglaublichen Leichtigkeit jede äußere Anregung aufzufassen , arbeitete er sich innerlich bis zur Erschöpfung ab , ohne etwas Großes zu leisten . Muth und Wille zerbrachen leicht an den gewöhnlichen Widersprüchen des Lebens , indeß erschien er in solchen Krisen originell , kräftig , und oft sogar mit einer gewissen Verstandes-Konsequenz , die leicht imponirt , und der Welt die demüthigende Klage auspreßte : daß es eine Schmach sei , diesen gewaltigen Geist in den gemeinen Umgebungen verschmachten zu lassen . Stephano sagte dasselbe , freilich etwas bescheidner , allein die einmal gefaßte Verachtung aller hergebrachten , gesetzlichen Verhältnisse , die unwillkührlich ein Fußschemel eigner Erhöhung wird , rechtfertigte genugsam das Mißlingen seiner häufig geänderten Pläne . Was in Rodrich wie ein ungestümes Meer brauste , und ihn mit zerschmetternder Gewalt an die Brandung empörter Wünsche trieb , das hatte in ihm eine dürftige Phantasie und ein überlegner Verstand zu einem systemartigen Bau aufgethürmt , über den die ältere Erfahrung einen Schein von Weisheit ausgoß . Dieser Schein indeß war es , der Rodrich mehr als alles verletzte . Er vermengte ganz natürliche Folgen mit absichtlicher Heuchelei , und während er das Unrecht zu bestrafen meinte , wandte er sich von einer Ruhe , die ihm seine eigne Heftigkeit vorwarf . So war ihm ein Theil des Winters unter feindseligen Kämpfen verflossen , die das Langweilige und Freudenlose seiner Lage nur noch mehr erhöheten . Vergebens hatte er , so wie die Armee , auf eine Entscheidung gehofft . Unbedeutende Plätze waren in ihrer Gewalt , während die Hauptfestung , der eigentliche Schlüssel des Landes , den kühnsten Widerstand leistete , und alles weitere Vordringen unmöglich machte . Rodrich konnte die ruhigen Maaßregeln des Generals nicht begreifen , und tadelte sie um so strenger , je weniger Berührungspunkte zwischen ihrer beider Ansichten statt fanden , und je sorgsamer der erfahrne Krieger sich in sich selbst zurück zog . In dieser finstern Stimmung erhielt er einen Brief von Florio , der ihn , wie ein milder Frühlingshauch anwehend , einen Augenblick mit der Welt versöhnte . Sein Herz öffnete sich recht eigentlich , während er folgende Worte las . » Mein Rodrich , warum kann ich nicht bei dir seyn ? warum halten mich Bande , die ich gern anerkennen und selbst um den Preis deiner Umarmung nicht lösen möchte ? Sage mir , wie kann der Mensch so widersprechend und doch wieder so einig und beruhigend fühlen ? In manchen Augenblicken überfällt mich eine Sehnsucht nach dir , die oft zur peinlichsten Unruhe anschwillt , allein ich möchte dich eher in unserer Mitte wissen , als dort in dem verworrenen Getümmel aufsuchen . Es ist viel anders in mir geworden . Die Welt lockt und reizt mich nicht mehr wie sonst . Ich habe es nie geglaubt , daß man den Schmerz so lieben , und sich mit den schauerlichsten Erscheinungen befreunden könnte . Es soll nicht gut seyn , sich der Wehmuth und allen süßern Regungen des Herzens so ohne Widerstand hinzugeben , als wolle man sich in dem wonnigen Meere auflösen . Es ist wohl möglich , und ich glaube sogar , daß man aus diesen Träumen mit matten Widerstreben zu den kreisenden Bewegungen des Lebens erwacht , aber ich kann dir nicht beschreiben , wie heilig und still alles in dieser Einsamkeit athmet , und mit welcher seltsamen Bangigkeit ich jeden Ruf naher Weltereignisse vernehme ! Wie ein feiges Kind möchte ich mir die Ohren verstopfen , um nichts von allem , was draußen vorgeht , zu hören . Ja , ich kann sagen , mir schlägt das Herz vor Angst , wenn ich denke , daß man deinen Nahmen außerhalb dieses abgeschlossenen Kreises nennt . Wärst du nur hier ! Ich kann meine kindischen Sorgen durch nichts rechtfertigen , und doch , könnte ich dich mit mir in diese Dunkelheit vergraben , uns wäre wohl allen besser . Wüßtest du indeß , wie wir hier leben , wie Schmerz und Wahnsinn mit allen winterlichen Schauern , unsre öden Tage erfüllen , wie nur taube Blüthen kranker Phantasie unsre einförmigen Gespräche dann und wann anregen , und selten ein Sonnenblick über uns hinzieht , du würdest nicht begreifen , wie man solche Umgebungen lieben , wie man in ihnen frei athmen könne . Und doch ist es so . Seit dem Tode des Grafen sind wir zu Rosalien gegangen , die uns ungern und mit sichtbarer Scheu aufnahm . Ihr Anblick überraschte mich schmerzlich . Die hagre , erloschne Gestalt umhüllte ein langer schwarzer Schleier , der ihr Stirn und Augen bedeckte , unter demselben sah ein frischer Myrtenkranz wie zum Spott auf ihr bleiches Gesicht herab . So lag sie unter einem großen Bilde ihrer Mutter , zu deren Füßen sie und Fernando als Kinder spielen . Der Knabe steht in einer nachdenklichen Stellung , über einen sprudelnden Quell gebeugt , in welchem er , wie im Anschauen verloren , einzelne Rosen fallen läßt ; Rosalie hat sich halb gewandt , und indem sie das volle Lockenköpfchen zu ihm neigt , deutet sie auf die verstreuten Rosen . Die Mutter sieht mit unendlicher Liebe auf beide herab , und als könnte ihr Blick nicht ohne den ihrigen leben , so spiegelt sich das himmlische Gesicht auf den Fluthen , und dringt aus der Tiefe zu ihnen herauf . Dies volle , beginnende Daseyn im Bilde , alle die frohen Hoffnungen , die dazu berechtigten , und vor mir die welken Blüthen ! Mein Herz zerriß in dem schneidenden Widerspruch . Ich fühlte mich beklommen , und konnte kein Wort hervorbringen , um mein Erscheinen mit der Gräfin zu rechtfertigen . Sie sah uns lange mit unsichern Blicken an , dann winkte sie , und sagte : man solle ihre stille Freuden nicht auf ' s neue trüben . Seraphine , deren Wunden heftiger als je bluteten , warf sich vor ihr nieder , und beschwor sie , ihrem heiligen Schmerz hier eine Freistatt zu gönnen . Sie schien gerührt , und ließ es geschehen , daß wir blieben . Doch sprach sie weiter nicht , und wir sahen sie nachdem nur selten . Mich ängstete diese Abgeschlossenheit , allein die Gräfin schien wenig empfindlich dagegen , und die Tage verflossen , ohne daß einer den andern erfreuete , oder störte . Eines Abends , als ich in einem Cabinet , das Seraphine bewohnte , mit ihr vor dem Kamine saß , der das kleine Gemach halb dämmernd erhellte , öffnete sich die Thür , und ehe wir noch Zeit hatten , uns zu besinnen , trat Rosalie mit zurück geworfnem Schleier , im bräutlichen Schmuck vor uns hin . Ihre Augen rollten wild umher ; das Haar von Regen und Sturm aufgelöst , ringelte sich um Hals und Brust , sie deutete auf die Stirn , und sagte mit furchtbarer Stimme : seht ihr die Flamme , die nun hell brennt ? Sie schlug die Hände heftig zusammen , und fiel unter wiederholten Zuckungen ohnmächtig in meine Arme . Seraphine rief mit ihrem gewohnten Muth ohne Weiteres um Hülfe . Auf ihr wiederholtes Nachfragen erfuhren wir , daß die Kranke jeden Abend , um dieselbe Stunde , in dem nämlichen Aufzuge , nach dem Grabe ihrer Mutter gehe , und jedesmal still und betrübt wiederkehre . Der Arzt , den man davon benachrichtigte , befahl , ihr kein Hinderniß in den Weg zu legen , und man sey auch so sehr an diese nächtliche Wallfahrt gewöhnt , daß niemand weiter darauf geachtet habe . Nur heute müsse etwas Außerordentliches vorgefallen seyn , was sie so heftig bewege . Sie lag noch immer starr und bewußtlos vor uns da , der Ausdruck gewaltsamer innerer Erschütterung in den gespannten Zügen , die Todtenblässe , das feuchte anschmiegende Gewand , der reiche Schmuck , alles gab ihr ein so ängstlich widersprechendes Ansehen , daß ich nur mit heimlichem Grausen meine Blicke auf sie richtete . Seraphine glaubte indeß , der rauhen Witterung diesen Unfall allein zuschreiben zu müssen , und hoffte getrost von den angewandten Mitteln die sicherste Wirkung . Ihr Muth belebte uns alle , wir waren noch um sie beschäftigt , als ein Fremder die Gräfin allein zu sprechen verlangte . - Wie eine dunkle Ahnung flog es hier über Seraphinens Gesicht , sie wandte sich verlegen zu mir , und bat mich , sie zu begleiten . Wir gingen schweigend in ein abgelegenes Zimmer . Ich setzte das Licht , das diese unerwartete Erscheinung beleuchten sollte , mit einem Gemisch von Angst und Neugier in den Hintergrund , und sah unverwandt nach der gegenüber stehenden Thür . Die Gräfin warf sich unruhig in einen Sessel , und schien neuen Schrecken mit erschöpfter Kraft entgegen zu sehen . So blieben wir mehrere Augenblicke , als sich endlich die Thür öffnete , und ein schlanker , schöner Mann zu Seraphinens Füßen stürzte . Ludowiko ! schrie diese , und verhüllte mit Entsetzen das Gesicht . Haben Sie mir auch geflucht ? fragte er mit einer überaus einschmeichelnden biegsamen Stimme . Können Sie ein Herz verdammen , fuhr er fort , das so unwillkührlich erkaltete , als es einst entbrannte ? und fühlen Sie nicht , daß dieser einzige Mißgriff mein ganzes Leben verwirrt ? Was führt Sie hieher ? unterbrach ihn Seraphine unwillig . Sind Sie Bösewicht genug , hier einen Triumph zu suchen ? Wollten Sie noch mit den abgerissenen Blüthen spielen ? oder gelüstete es Sie , zu sehen , wie ein treues Herz unter Ihren weltklugen Künsteleien zerbrach ? Ich bin kein Bösewicht , sagte Ludowiko sanft . Sie zerreißen mein Herz in einem Augenblick , wo ich Trost bei Ihnen suche . Trost ? - wiederholte die Gräfin . - O mein Gott , fiel er schnell ein , es ist jetzt nicht Zeit zu untersuchen , ob ich ein Recht darauf habe , sagen Sie mir nur , ob sie lebt ? und ob ihr Zustand immer so ist , wie ich sie heute fand ? Sie haben sie also gesehn ? fragte Seraphine , der nun alles klar ward . Ewiger Gott , erwiederte Ludowiko , der Tod hat mich in ihren Armen gefaßt , und alle gespenstische Schauer rissen mich aus meinem Träumen ihrem Wahnsinne nach ! Seraphinens Blicke lagen noch immer forschend auf den seinigen , und er fuhr fort : ich kam auf Rosaliens dringenden Ruf hieher . Ein Brief , den ich auf eine seltsam geheime Weise in meinem Zimmer fand , zog mich unwiderstehlich zu ihr hin . Ich war so weit entfernt , ihre Zerrüttung zu ahnen , daß ich in dem Unzusammenhängenden und Phantastischen ihrer Einladung , nur die Stimme lange bekämpfter Leidenschaft erkannte . Ich trotzte den Gefahren der Verbannung und kam unerkannt zu dem stillen Grabe , das sie zum Ort unseres Wiedersehens festgesetzt hatte . - Sie trat mir entgegen , ihr Anblick griff wie glühende Zangen in mein Inneres . Unwillkührlich schloß ich sie in meine Arme . Sie ließ es still geschehen , plötzlich wand sie sich los , und mit einem Schrei des Entsetzens rief sie : Fernando , dein Kuß brennt wie eine dreizackige Flamme auf der Stirn der Sünderin . Ich bemühete mich vergebens , sie zu beruhigen , sie stieß mich von sich , ihr wilder Blick flog unstät umher , und als jagten sie alle Furien der Hölle , so lief sie plötzlich vor mir her . Ich hatte sie bald aus dem Gesichte verloren , und irrte in tödtlicher Angst um das Haus , ohne mich gleichwohl hinein zu wagen , als ich endlich Ihre Stimme , liebste Seraphine , vernahm , und nun beschwöre ich Sie , wenn noch eine menschliche Regung für einen Unglücklichen sprechen kann , sagen Sie mir , was ist aus ihr geworden ? Die Gräfin war tief erschüttert . Lieber Himmel , sagte sie , wer darf mit dem Andern rechten ! Ich beklage Sie von ganzer Seele . Wenn Sie noch irgend eine Anhänglichkeit für die Unglückliche erhielten , so werden Sie viel leiden . Rosaliens Wahnsinn hat durch Ihre Erscheinung nur eine andre Richtung genommen , sie gehörte sich längst nicht mehr an . Die Drohung ihres Bruders , und die unbezwingliche Leidenschaft für Sie , wogten ringend in ihr auf und ab , und entzündeten allmählig ihr Gehirn . Sie kann nur der Tod retten . Ludowiko weinte still , seine Liebe schien gewaltsam erweckt zu seyn . Die Gräfin versprach ihm Nachricht zu bringen , und ließ uns allein . Ich hatte nicht den Muth , seinen stummen Schmerz durch eine unzeitige Anrede zu unterbrechen . Diese schwachen , beweglichen Gemüther haben bei allen dem einen eignen Reiz . Ihr willenloses Hingeben ist selten ohne Liebenswürdigkeit , und wie viel Unheil sie auch anrichten , man kann ihnen nicht feind seyn . Ich empfand wirklich eine zärtliche Theilnahme für den schönen bekümmerten Mann , und schloß ihn ohne ein Wort zu sagen an mein Herz . Er verstand mein Gefühl , und schmiegte sich so vertrauend an mich , als wolle er sein ganzes Innres in meinen Busen ausschütten . - Ach Gott , sagte er nach einer Weile , ich erscheine wohl als ein großer Sünder , und doch bin ich gewiß nicht ganz schlimm . Das kommt und geht so mit unsern Gefühlen , ohne daß man es wehren kann , und die Folgen ziehen uns dann unvermeidlich mit sich fort . Ich drückte ihm schweigend die Hand . Seine Philosophie war freilich ziemlich leicht , indeß mochte sie ihm für den Augenblick wohlthun , und ich konnte ihm das gönnen . Die Gräfin war indeß zurück gekommen ; sie versicherte , Rosalie sey besonnen und ruhig erwacht , spreche zusammenhängend und scheine gerührt bei jeder ihr bezeigten Aufmerksamkeit , nur leide sie nicht , daß man sie zu Bett bringe , aus Furcht etwas anzuzünden , so sitze sie auch ganz frei , mitten im Zimmer , mit unbedecktem Haupt und offner Stirn . Seraphine drang jetzt auf Ludowikos Abreise , da der Zustand der Kranken mehr bleibend als gefährlich zu seyn schiene ; allein er war durch nichts dahin zu bringen . Allen unsern Gründen setzte er die schmeichelndsten Bitten entgegen , und wirklich hat er es durchgesetzt , bis zu dieser Stunde verborgen im Schlosse zu bleiben . So leben wir denn alle Vier , ein ganz eignes von der übrigen Welt losgerissenes Leben , indem sich jeder mehr oder weniger in die schwankenden Vorstellungen des Andern verliert , oder die Bilder eignen Wahnsinns außer sich zu sehen glaubt . Rosalie spricht mit vieler Ruhe von dem letzten Ereigniß . Sie sagt , nun ängste sie nichts mehr , da alles eingetroffen sey , wie sie es unter tausend Quaalen geahnet habe . Dies sey der letzte Schlag des Schicksals , den sie hätte herbei führen müssen . Nun sey es wahr geworden , und sie büße gern und willig . Diese Flamme reinige auch die Seele ihres Bruders von Haß und Rache , und Ludowiko sey in dem Augenblick ein Engel geworden , der immer um sie bleiben und sie trösten dürfe . Es ist unbeschreiblich , welche Gewalt ihre Worte über uns ausüben . Ludowiko , der die meiste Zeit von ihr ungesehen , verborgen im Zimmer weilt , lebt und athmet nur in dem Zauber ihrer Stimme . Oft sitzen wir die dunkeln Abende so neben einander , und begleiten ihr Lieblingslied mit tiefer Rührung . Es klingt recht wehmüthig , wenn sie mit der matten , kranken Stimme singt : Die bangen Stunden winden Sich langsam auf und ab . Tod , soll ich nie dich finden ? Bleibst mir verschlossen , Grab ? Ich seh ' des Tages Neigen , Ich seh ' der Nächte Lauf , Verworrne Bilder steigen Aus mattem Streit herauf . Der Kindheit fromme Spiele , Der Jugend banges Fleh ' n , Ach ! und der Leiden viele Muß ich nun kommen seh ' n. Zieh still an mir vorüber , Du süße Kinderwelt ! Mein Blick reicht nicht hinüber , In jenes bunte Feld . Verhüll ' in dunkle Schleier Dein Hoffen , armes Herz , Der Jugend Liebesfeuer Erblich in dumpfem Schmerz . Doch ihr nahmt mich gefangen Ihr droh ' nde Schatten dort , Nach euch trag ' ich Verlangen , Reißt mich umschlingend fort . Nun steht das Grab mir offen , Nun winkt der Tod herbei , Und all mein süßes Hoffen , Giebst du mir sterbend frei . Neulich unterbrach sie sich selbst , und meinte , Ludowikos Stimme deutlich gehört zu haben . Es ist mir oft schauerlich , wie Wahrheit und Täuschung hier so in einander spielen , daß wir selbst nicht wissen , was das Rechte sey . Übrigens ist ihr Lied prophetisch , denn sie neigt sichtlich dem Grabe entgegen , und erblickte sie Ludowiko ein zweites mal , so würde das sicher ihr letzter Augenblick seyn . Er fühlt das auch , und giebt sich mit einer Art phantastischem Wohlbehagen ihren Träumen hin , in denen er sich selbst gereinigt und verklärt erscheint . Ich kann nicht sagen , mit welcher Sehnsucht mich diese geheimnißvolle , dunkle Liebe erfüllt ! Ich beneide Ludowikos Loos , und muß oft stundenlang zu Seraphinens Füßen weinen . Zuweilen ist mir , als wären wir Alle Schatten einer andern Welt , und ich betrachte mich und die Andern mit Bangigkeit . Wollte Gott , es wäre so ! allein Elwire , die jetzt öfter zu uns herüber schweift , reißt unsre ideale , kleine Welt mit Gewalt in die wirkliche hinein . Es ist sichtlich , daß die Begier , etwas Näheres über die letzten Vorfälle zu erfahren , sie hieher lockt ; indeß kehrt sie jedesmal unbefriedigt zurück . Sie ist wie ein Kind , und neckt und schwatzt und quält uns oft bis zur Ermüdung . Besonders drängt sie mich , sie nach der Hauptstadt zu begleiten , von der sie , nach Kinder Art , alles in einander vermengend , erzählt . Miranda schweigt ganz . Elwire lacht zweideutig , so oft man nach ihr fragt , und meint , es würden bald große Dinge geschehen . Niemand wird aus ihr klug . Ach , mein Rodrich , könntest du hier seyn ! Ich darf das vielleicht deinetwegen nicht wünschen , du bist wohl auf deine Weise glücklich . O sage mir bald , wie dir ' s ergeht , und ob du meiner noch mit Liebe gedenkst . Ewig der Deine . Florio . « Rodrich ward , wie mit einem Zauberschlage , zu jenen verworrnen Auftritten hingezogen . Die frühesten Regungen seines erwachenden Daseys , sein dunkler Eintritt in die Welt , der trotzige Unmuth , das wechselnde Glück , der Graf , Seraphine , Rosalie , all jene Lichtblicke , die in sein Inneres fielen , flossen jetzt in dem Schmerz über die früh getrübte Herrlichkeit zusammen . Er konnte es sich nicht ableugnen , er dankte jenen beiden weiblichen Wesen die süßesten Ahnungen . Was er jetzt für Miranda fühlte , war anders , in manchen Augenblicken heiliger , und doch wieder mit einer