Wechselbrief auf Lust gewesen wäre - nämlich morgen , Sonntags , mittags zu Neupeters Geburtstags-Diner auf einen Löffel Suppe zu erscheinen . Auf den Diner-Löffel und das Souperbutterbrot , auf diese Eß-Pole laden die Deutschen ein , nie auf die Mitte , auf Hechte , Hasen , Säue und dergleichen . Flora sagte , des Grafen Klothars wegen feiere man die Geburt schon um 2 Uhr . Walt beteuerte , er komme gewiß . Ihn wiegte darauf ein zweiter warmer Glückswind , das Wochenblatt mit Vults Nachricht ans Publikum , er flöte lieber Sonntags abends um 7 Uhr öffentlich , so stockblind er jetzt sei , als daß er länger ein verehrtes Publikum forttäusche und herumzerre in großen Erwartungen . Dem Zeitungs-Blatte lag ein Billett an Walten bei , worin ihn Vult um einen Vorschuß von 2 Louis für die Konzert-Dienerschaft ersuchte und um das Protokoll des Stimm-Tags und um ein Paar Ohren für morgen und um das Ohren-Gehenk , das Herz . Es hat nicht den Anschein , daß einen so schönen und schweren Terzentriller der Lust jene Göttin , die immer plötzlich ins arme , von rauhen Wirklichkeiten zerrissene Menschen-Ohr mit linden Melodien herabfährt , je vor dem Notar geschlagen als eben den mitgeteilten . Er war selig und alles und redselig und schrieb erstlich : » Hier das begehrte Darlehn doppelt , was gestern von Kabel für das Stimmen eingelaufen « - dann schrieb er die köstlichen Hoffnungen auf Klothar - zugleich die Streckverse auf den Grafen - die bisherigen Preßgänge und Kesseljagden nach diesem - die Träume vom morgenden Flötengedackt und von der Zukunft eines freiern Bruder-Lebens ohne Blindheit - und den Verlust von 32 Beeten . Es fürchte doch immer der Mensch die innerste Entzückung , er glaube nur nie ganz toll , es werde jemals ein so leiser sanfter Himmels-Tau , wie sie ist , auf der stürmischen Erde und in ihren Windklüften die seltenen Windstillen finden , worin allein er sich in feste offne Blumenkelche einsenkt , gleichsam die helle gediegne Perle aus dem grauen Wolken-Meer . Sondern der Mensch erwarte , daß er den zweiten Brief sogleich erhalten werde , den Vult an Walt in folgender Stimmung schrieb : Vult hatte sich nämlich seit dem gestrigen Anblicke des Bruders mit ganz frischer Liebe für denselben versorgt und sich besonders heimlich mit ihm befreunden wollen durch die Bitte , ihm vorzuschießen - er hatte sich gute Plane voll jauchzender Hoffnungen auf die Zeit nach dem Sonn- und Konzert-Tag entworfen und sich gesagt : » Sobald ich nur sehe , was ich gleich nach dem Konzerte tue , so fallen lauter Bundes-Feste des Zusammenlebens und - schreibens vor , und mein versiegelter Brief an ihn wird täglich dümmer « - er war , wie oft , aus seinem eignen Himmels-sein eigner Höllenstürmer geworden - er hatt ' es recht tapfer gefühlt , daß einige fliegende Winter des Herzens , den fliegenden Sommern so ähnlich , dessen freudige Wärme nicht mehr wegnehmen als Eisstücke an den Ufern den Lenz . So bekam er Walts obiges Freudengeschrei und Schreiben an einen Bruder , der solange als blinder Mann zu Hause gesessen - gegen dessen Unsichtbarkeit der andere sich noch so wenig gesträubt - auf welchen dieser noch kein einziges Streck-Gedicht gemacht , obwohl auf den fremden Narren zwei oder drei - kurz an einen Mann , der den alliebenden Notar dreitausendmal mehr liebe und allein .... Folgendes setzte der Mann an Walten auf : » Anbei folgen 2 Plus-Louis retour ; mehr war ich nicht benötigt , obgleich kein Mensch soviel Geld bedarf als einer , ders verachtet . - Das hole der Teufel , daß 32 Beete jetzt vom Feinde mit Unkraut angesäet werden . Solche Tonleitern sind mehr Höllen- als Himmelsleitern für mich . Bei Gott , ein anderer als der eine von uns hätte vorher zu sich gesagt : paß auf ! Kato schrieb ein Kochbuch ; ein Streckdichter könnte wahrlich stimmen , wenn er wollte ; nur umgekehrt gehts nicht , daß ein Koch einen Kato schreibt , sondern höchstens ein Cicero , dieser Cicerone alter Römer . Böse Träume , die echten Seelen-Wanzen des armen Schlafs , gegen welche mein Kopf nicht so viel verfangen will als ein Pferde-Kopf gegen Leibes-Wanzen , hatten mir manches vorgepredigt , was ich jetzt nachpredige vor Denenselben , mein Herr ! Noch zeigen Sie mir fast verwundert an , daß Ihnen , nach der Marsch-Ordre vom und zum General Zablocki dahier um 11 Uhr , gerade um dieselbe Stunde Kontreordre zum Kontre-Marsch zugekommen , ohne daß Sie zu erwägen scheinen , daß er sich einen ganzen Tag Zeit genommen , um sich zu ändern . Herr , sind denn die Großen nicht eben das einzige echte Quecksilber der Geisterwelt ? - Die erste Ähnlichkeit damit bleibt stets ihre Verschiebbarkeit - ihr Rinnen - Rollen - Durchseigern - Einsickern - Verdammt ! die rechten Gleichheiten dringen nach und sind nicht zu zählen . Wie besagtes Quecksilber so kalt und doch nicht zu festem stoischem Eis zu bringen - - glänzend ohne Licht - weiß ohne Reinheit - in leichter Kugelform und doch schwer drückend - rein und zugleich zu ätzendem Gift sublimiert - zusammenfließend , ohne den geringsten Zusammenhang - recht zu Folien und Spiegeln unterzulegen - sich mit nichts so eng verquickend als mit edlen Metallen - und noch , aus wahrer Wahl-Anziehung , etwan mit Quecksilber selber - Männer , die sich mit ihnen befassen , sehr zum Ausspucken reizend - - Herr , das wollt ' ich die große Welt nennen , deren goldnes Alter immer das quecksilberne ist . Aber auf solchen glatten , blanken Weltkügelchen siedle sich nur niemand an ! - Übrigens folgen auch Einlaßbilletts für das Flötenkonzert ; à revoir , Monsieur ! v. d. H. « * Walten taten indes nur die Retour-Louis so weh , als wären sie von Louis XVIII. geprägt ; sonst nahm er Vults Stampfen aus Zorn für Tanzen aus Lust und für Takt-Treten . Hätt ' er ahnen können , mit welchen Peinigungen der Liebe er den Schmollgeist Vults wechselnd weg- und herbannte : er hätte in seiner ganzen Gegenwart wenige Hoffnungen gefunden . Jetzt schlief er mit der schönsten auf morgen ein . Nr. 22. Sassafras Peter Neupeters Wiegenfest Der Notarius konnte den ganzen Morgen nichts Gescheutes machen als Plane , an einem solchen Ehrentage ein neuerer Petrarca zu sein , oder ein in einem Dorfe gebrochner Juwel , der sich auf der Edelsteinmühle der Stadt schon sehr ausgeschliffen . Er hielt sich vor , das sei das erstemal , daß er in den schimmernden Tier-Kreis des feinsten Cercle oder Kränzchens rücke . » Gott , wie fein werden sie alles drehen « , sagte er sich , » und vor Turnüre kaum reden ! Madame - kann der Graf sagen - , ich bin zu glücklich , um es zu sein . Hr . Graf , kann sie versetzen , Ihr Verdienst und Ihre Schuld - Darf man das Erraten erraten ? fragt er - Sollte Fragen mehr erlaubt sein als Antworten ? fragt sie - Das eine erspart das andere , versetzt er - Oh Graf , sagt sie - Aber Madame , sagt er ; denn nun können sie vor Feinheit nichts mehr vorbringen , und wenn sie toll würden . Ich für meine Person setze vieles in den Hoppelpoppel oder das Herz . « Walt goß sich beizeiten seinen Sonntags-Beschlag , den Nanking , als sein eigner Gelbgießer Über und setzte statt des braunflammigen Hutes - den wollt ' er in der Hand tragen - mehr Puder als gewöhnlich auf . Er ging geputzt ein paar Stunden leicht auf und ab . Er hörte vergnügt einen Wagen nach dem andern vordonnern ; » nur abgeladen ! « sprach er , » lauter Fracht und . Meßgut für den Roman , in dem ich Leute von Stande so nötig habe als Dinte . Und wie wird sich uns allen mein Klothar von so mannigfachen Seiten zeigen müssen ; der alte treue Freund ! Gott wird mir schon dazu verhelfen , daß ich auch etwas sagen kann zu ihm . « Da er endlich bei einem neuen Rollen es für Zeit hielt , sich hinabzumachen und den Cercle zu schließen und zu runden mit seinem eignen Bogen und Bückling : so stellt ' er sich oben , mit seinem Hute in der Hand , ans Treppengeländer und schauete so lange hiedurch hinab , bis er dem neuen Nachschuß sich zuschießen konnte , um so unbemerkt und ohne sonderliche Kurvaturen im Saale einzutreffen . Er glänzte sehr , der Saal , die vergoldeten Schlösser waren aus den Papier-Wickeln herausgelassen , dem Lüster der Staub-und Bußsack ausgezogen , die Seiden-Stühle hatten höflich vor jedem Steiß die Kappen abgenommen , und auf dem getäfelten Fußboden war die Leinwand ganz von den Papiertapeten weggezogen , welche die ostindische Decke so zudeckten , daß diese sowohl sich als den getäfelten Fußboden an einigen Winkeln leicht zeigte . Den Salon selber hatte der Kaufmann , weil lebendige Sachen zuletzt jeden krönen , mit Gästen-Gefüllsel ordentlich wie ein hohes Pasteten-Gewölb saturiert , namentlich mit Aigretten - Chemisen - Schmink-Backen - Rotnasen - feinsten Tuchröcken - spanischen Röhren - Patentwaren und französischen Uhren , so daß vom Kirchenrat Glanz an bis zu netten Reisedienern und ernsten Buchhaltern sich alles mischen mußte . Der große Kaufmann sucht weiter in keine höchste Klasse zu kommen als in die der Gläubiger , wenn seine hohen Schuldner fallieren . Er , als kalter stiller Justierer des Verdienstes , schätzt gleich sehr den niedrigsten Bürger , wenn er Geld hat , und den höchsten Adel , wenn dessen altes Blut in silbernen und goldnen Adern läuft und dessen Stammbaum Nahrungs- und Handelszweige treibt . Freilich - so wie dem Pater Hardouin die Münzen der Alten mehr historische Glaubwürdigkeit hatten als alles Schriftliche derselben - so kann der abwägende Kaufmann Adels-Pergament und sonstige Ehren-Punktierkunst nie so hoch stellen als dessen Münzen , insofern er von fremder Zuverlässigkeit sprechen soll . Schon die Anfurt des Ehrentages fand der Notar viel lustiger und leichter , als er nur hoffen wollen ; denn er bemerkte bald , daß er nicht bemerkt wurde , sondern sich auf jeden Seidenstuhl setzen konnte und ihn zum Weberstuhl seiner Träume machen . Noch hatte er nichts vom Grafen noch vom Wiegenfest und den beiden Töchtern gesehen - als endlich Klothar , der Eßkönig , zu seiner Freude blühend hereintrat , obwohl in Stiefeln und Überrock , als hab ' er sich mehr auf parlamentarische Wollen-Säcke zu setzen als auf seidne Agenten-Stühle . » Hr . Hofagent « , sagt ' er , ohne die Versammlung zu prüfen , » wenn Sie wollen , mich hungert verdammt . « Der Hofagent befahl Suppe und Töchter ; denn er schätzte den Grafen längst und innigst , weil er als der Agioteur von dessen Renten am besten wußte , wieviel er war , besonders ihm selber ; und er behauptete oft , einem Manne von so vielen jährlichen Einkünften solle doch jede vernünftige Seele es zugute halten , wenn er seine eignen Meinungen habe oder lese , was er wolle . Plötzlich kam Musik - mit ihr die Suppenterrine mit gedruckten Geburtsfestliedern - dann die beiden Töchter mit einer langen Blumen-Girlande , die sie Neupeter so geschickt über den Körper wanden , daß er in einem blühenden Ordenshand dastand - die Kontoristen liefen und teilten die Gedichte aus - und zuerst ihrem Prinzipal ein vergoldetes - Nun fing andere Instrumentalmusik an , um das Karmen oder vielmehr den Gesang desselben zu begleiten - die Gesellschaft mit ihren Papieren in den Händen stimmte ihn an als ein längeres Tischgebet - und selber Neupeter sah singend in sein Blatt . Vult hätte nicht unter die gehört , die dabei am ernsthaftesten geblieben wären , zumal als der blumige Ordens-Mann sich selber ansang ; aber wohl Gottwalt war dazu gemacht . Ein Mensch , sobald er an seine Geburt denkt , ist so wenig lächerlich , als es ein Toter sein kann ; da wir , wie sinesische Bilder , zwischen zwei langen Schatten oder langen Schlummern laufen , so ist der Unterschied nicht groß , an welchen Schatten man denke . Walt quälte sich mit leisem Singen bei schlechter Stimme ; und als es vorbei und der Alte sehr gerührt war über das fremde Gedächtnis für sein Wiegenfest bei eigner Vergeßlichkeit und die Seinigen ihm früher gratulierten als die Fremden : so war kein Glückwunsch so aufrichtig in irgendeinem Herzen als Gottwalts ferner und stiller ; aber es beklemmte ihn , daß der Mensch - » besonders , seh ' ich , an Höfen « , dacht ' er gerade den heiligen Tag , wo er sein erneuertes Leben überrechnen und ebnen sollte , im Rauschen fremder Wellen verhört daß er das neue Dasein mit der lärmenden Wiederholung des alten feiert , anstatt mit neuen Entschlüssen - daß er statt der einsamen Rührung mit den Seinigen , deren Wiegen oder Gräber seinen ja am nächsten stehen , den undankbaren Prunk und trockne Augen sucht . Der Notar setzte sich vor , seinen ersten Geburtstag , an den ihn ein guter Mensch erinnere - denn noch hatt ' er in seiner harten Armut keinen einzigen erlebt- , ganz anders zu begehen , nämlich sehr weich , still und fromm . - - Man setzte sich zu Tisch . Walt wurde neben den zweiten armen Teufel - Flitten - als der erste postiert und rechts neben den jüngsten Buchhalter . Ihm verschlugs wenig ; ihm gegenüber saß der Graf . Rund wie Geld , das wie der Tod alles gleich macht war die Tafel , gleichsam ein größerer Kompanie-Teller . Der Notar , ganz geblendet von der Neuheit des Geschirres und dessen Inhalts , streckte statt seiner sonstigen zwei linken Hände zwei rechte aus und suchte mit wahrem Anstand zu essen und den Ehren-Säbel des Messers zu führen ; belesen genug , um mit der Breite des Löffels zu essen , nicht mit der Spitze , erhielt er sich bloß bei bedenklichen Vorfällen durch die alte Vorsicht im Sattel , nicht eher anzuspießen , bis ihm andere das Speisen vorgemacht ; wiewohl er sie bei den Artischocken so wenig für nötig erachtete , daß er , Beweisen nach , deren bittern Stuhl und die Spitzblätter aufkäuete , die er hätte in die holländische Sauce getunkt ablecken können und sollen . Was ihm indes weit besser schmeckte als alles , was darin lag , waren die Senfdosen , Dessertlöffel , Eierbecher , Eistassen , goldne Obstmesser , weil er das neue Geschirr in seinen Doppelroman als in einen Küchenschrank abliefern konnte : » Esset ihr in Gottesnamen « , dacht ' er , » die Kibitzen-Eier , die Mainzer Schinken und Rauch-Lächse ; sobald ich nur die Namen richtig überkomme durch meinen guten Nachbar Flitte , so hab ' ich alles , was ich für meinen Roman brauche , und kann auftischen . « In die höchste Schule der Lebensart gingen seine Augen bei dem Grafen , der keine Umstände machte - geradezu weißen Portwein forderte - und einen Kapaunenflügel mit nichts abschälte als mit dem Gebiß - des Gebacknen nicht zu gedenken , das er mit den Fingern annahm . Diese schöne Freiheit - eingekleidet noch in Stiefeln und Überrock - spornte Walten an , daß er , als mehrere Herrn Konfekt einsteckten für ihre Kinder , sich es zur Pflicht und Welt rechnete , auch einige süße Papierchen oder Süßbriefchen , die ihm ganz gleichgültig waren , in die Tasche zu schaffen . Auch sein Nachbar Flitte , der ungemein fraß und foderte , zeigte deutlich , wie man zu leben habe - besonders wovon . Indes war sein ewiger Wunsch der , etwas zu sagen und von Klothar vernommen , wenn nicht gar angeredet zu werden . Aber es ging gar nicht . Dem Grafen war aus Achtung ein philosophischer Nachbar , der Kirchenrat Glanz , an die linke Seite gebeten an die rechte die Agentin gesetzt ; - aber er aß bloß . Walt sann scharf nach , inwieweit die vorsitzende Vorschrift feinster Sitten zu kopieren sei , kein Wort zu sagen zur Hausfrau . Er behalf sich , wie ein Verliebter , mit optischer Gegenwart auf Kosten der Zukunft . Es war ihm doch einige Erquickung , wenn der schöne gräfliche Jüngling etwas vom Teller nahm - oder die Flasche - oder froh umhersah - oder träumend in den Himmel hinter dem Fenster - oder in den auf einem lieblichen Gesicht . Aber bitterböse wurd ' er auf den Kirchenrat , der einer so fruchttragenden Nachbarschaft ansitzen konnte ohne den geringsten schönsten Gebrauch von derselben , da er doch so leicht , dachte Walt , über Klothars Hand zufällig mit seiner hinstreichen könnte und vollends ihn ins Reden locken . Allein Glanz glänzte lieber - er war vergötterter Kanzelredner und Kanzelschreiber - auf seinem Gesicht stand wie auf den Bologneser-Münzen geprägt : Bononia docet14- wie andere Redner die Augen , so schloß er die Ohren unter dem Flusse der Zunge - - Mit einer solchen Autors-Eitelkeit schloß er Klothars stolzen Mund . Darüber aber machte auch Walt seinen nicht auf . Er hielt es für Tisch-Pflicht , jedem Gesicht eine Freuden-Blume über die Tafel hinüberzuwerfen - die Artigkeit in Person zu sein - und immer ein wenig zu sprechen . Wie gern hätt ' er sich öffentlich ausgedrückt und ausgesprochen ! Leider wie Moses saß er mit leuchtendem Antlitz und mit schwerer Zunge da , weil er schon zu lange mit dem Vorsatze gepasset , in das aufgetischte Zungen- und Lippen-Gehäcke , das er fast roh und unbedeutend fand , etwas Bedeutendes seinerseits zu werfen , da es ihm unmöglich war , etwas Rohes wie der Kaufmann zu sagen : ein Westfale , der einen feinen Faden spinnt , ist gar nicht vermögend , einen groben zu ziehen . Je länger ein Mensch seinen sonnigen Aufgang verschob , desto glänzender , glaubt er , müßt ' er aufgehen , und sinnet auf eine Sonne dazu ; könnt ' er endlich mit einer Sonne einfallen , so fehlt ihm wieder der schickliche Osten zum Aufgang , und in Westen will er nicht gern zuerst empor . Auf diese Weise sagen nun die Menschen hienieden nichts . Walt legte sich indes auf Taten . Die beiden Töchter Neupeters hatten unter allen schönen Gesichtern , die er je gesehen , die häßlichsten . Nicht einmal der Notarius , der wie alle Dichter zu den weiblichen Schönheits-Mitteln gehörte und nur wenige Wochen und Empfindungen brauchte , um ein Wüsten-Gesicht mit Reizen anzusäen , hätte sich darauf einlassen können , eine und die andere Phantasie-Blume in Jahren auf beide Stengel fertig zu sticken . Es war zu schwer . Da er nun gegen nichts so viel Mitleiden trug als gegen eine weibliche Häßlichkeit , die er für einen lebenslangen Schmerz hielt : so sah er die Blonde ( Raphaela hieß sie ) , die ihm zum Glücke blickschuß-recht saß , in einem fort mit unbeschreiblicher Liebe an , um ihr dadurch zu verraten , hofft ' er , wie wenig er sich von ihren Gesichts-Ecken abstoßen lasse . Auch auf die Brünette , namens Engelberta , ließ er von Zeit zu Zeit einen sanften ruhenden Seitenblick anfallen , wiewohl er sie wegen ihrer Lustigkeit nur eines mattern Mitleids würdigte . Es stärkte und erquickte ihn ordentlich bei seinem Mitleiden , daß beide Mädchen mit Putz und Pracht jeden weiblichen Neid auf sich zogen ; - als vergoldete Wirtschaftsbirnen , geschminkte Blatternarben , in herrlichen Franz gebundene Leberreime mußte man sie anerkennen . Hoch mußt ' er bei dieser Denkungsart den sympathetischen Nachbar Flitte stellen , der mit ihm in Aufmerksamkeit und Achtung für dieselbe häßliche Raphaela wetteiferte ! Er drückte Flitten - der als armer Teufel nichts weiter von der verhaßten Schönheit wollte als die Hand mit dem Heiratsgut - unter der Serviette die seinige ; und sagte nach dem dritten Glas Wein : » Auch ich würde mit einer Häßlichen zuerst sprechen und tanzen unter vielen Schönen . « - » Sehr galant ! « sagte der Elsasser . » Sahen Sie aber je eine superbere Taille ? « - Diese nahm jetzt erst der Notar an beiden Töchtern auf Erinnern wahr ; wer sie köpfte , machte jede zur Venus , ja mit dem Kopfe sogar konnte jede sich für eine Grazie halten , aber in doppelten Spiegeln . Gelehrte kennen keine Schönheiten als physiognomische ; Walt war majorenn geworden , ohne zu wissen , daß er zwei Backenbärte habe , oder andere Leute Taillen , schöne Finger , häßliche Finger usw. - » Wahrhaftig « , antwortete der Notar dem Elsasser , » ich wollte wohl einer Häßlichen ohne allen Gewissensbiß die schöne Taille ins Gesicht sagen und loben , um die Arme damit bekannt und darauf stolz zu machen . « Wenn Flitte etwas gar nicht begriff , so fragte er nichts darnach , sondern sagte schnell ja . Walt heftete jetzt in einem fort recht sichtbar die Augen auf Raphaelens Taille , um sie damit bekannt zu machen . Die Blonde schielte von seinen Blicken zurück und suchte sich tugendhaft zu beunruhigen über die Frechheit des jungen Harnisch . » Wer mir lieber , Herr ? die Blonde oder Braune ? « sagte der Hofagent , vom Weine lustig . » Auf jeden Fall die Blonde , sag ' ich ; denn sie kostet vierteljährlich der Kassa 12 Groschen weniger . Für 3 Taler 12 Groschen gutes Geld verkauft der Mundkoch Goullon in Weimar seine Flasche roten Schminkessig ( vinaigre de rouge ) nota bene für Blonde ; für Braune hingegen jede um nette 4 Tlr . ; hat sie vollends schwarzes Haar , so muß ich gar die Flasche zu 4 Tlr 12 Gr . verschreiben . Raphel ! du sollst leben ! « - » Cher père « , versetzte sie , » nennen Sie mich doch nur Raphaela . « - » Er verdients ( dachte Walt , betroffen über Neupeters Ungeschicklichkeit ) , daß sie sagte : Scher-Bär ! « Denn so hatt ' er verstanden . » Heute gibt der arme blinde Baron sein Flöten-Konzert « , sagte schnell Raphaela ; » ach , ich weiß noch , wie ich über Dulon geweint . « - » Ich weiß des Menschen Namen nicht « , sagte die brillantierte Mutter , namens Pulcheria , aus Leipzig , wohin sie beide Töchter mehrmals abgeführt , als in eine hohe Schule bester Sitten , » der Habenichts ist aber ein grober Knoll und dabei ein Flausenmacher . « - Walt arbeitete in sich , weinglühend , an der schnellsten Verteidigung . - » Sobald ein poweres Edelmännchen « , sagte Engelberta spöttisch , » nur etwas lernt und versteht , so nehm ' ichs nicht so genau . « - » Wer weiß es denn « , sagte die Mutter , » was er auf der Flöte kann für Leute , die schon was gehört haben ? « - » Er ist « , fuhr Walt in größter Kürze los , » nicht grob , nicht dürftig , nicht ungeschickt , nicht manches andere , sondern wahrlich ein königlicher Mensch . « Hinterher merkt ' er selber die unabsichtliche Hitze in seiner Stimme und Kürze ; aber seinen sanften Geist hatte die absprechende Kauffrau überrumpelt , die zwar in den Zeiten hübsch gewesen , wo sie Gellerten reiten sehen , die aber jetzt - aus ihren eignen Relikten bestehend - als ihr eignes Gebeinhaus - als ihre eigne bunte Toilettenschachtel - ihren kostbaren Anzug zum bemalten metallischen , mit Samt ausgeschlagenen , mit vergoldeten Handheben beschlagenen Prunksarg ihrer gepuderten Leiche machte . Walt hatte gar nicht wild sein wollen , nur gerecht . Man hörte seine vorlaute Phrasis mit kurzem Erstaunen und Verachten an . Neupeter aber nahm sofort den Faden auf : » Bulchen « , sagte er zur Frau in angetrunkener Barmherzigkeit , » ich will , weils doch eine arme Haut sein soll und noch dazu blind , drei Billette für euch Weibsen holen lassen vom powern Wicht . « » Die ganze Stadt geht hin « , sagte Raphaela , » auch meine teuerste Wina . O ! Dank , cher père ! Wenn ich den Unglücklichen höre , zumal im Adagio , ich freue mich darauf , ich weiß , da sammlen sich alle gefangnen Tränen um mein Herz15 ; ich denke an den blinden Julius im Hesperus , und Tränen begießen die Freuden-Blumen . « Darauf sah sie nicht nur der Vater entzückt über ihren Sprechstil an - ob er gleich als ein alter Mann den seinigen fortackerte - desgleichen Flitte begeistert , sondern auch der Notar begab sich mit innigstem Beifall wieder in ihr Gesicht herauf , voll kurzer Wünsche , letzteres wäre auszustehen oder doch zu heben durch Liebe , da er unter einem Dache mit ihr lebte . Aber ihm wurde durch Winas Ankündigung ein Sturm in die Seele geschickt sein beseeltes Auge hing sich an ihren Bräutigam - als plötzlich wieder Raphaela die größten Revolutionen an dem Tische anstiftete durch die Frage an Glanz : » Wie kommts , Hr . Kirchenrat , um auf Sehende zu kommen , daß alle Bilder im Auge verkehrt sind , und wir doch nichts verkehrt erblicken ? « Dann als der Kirchenrat langsam und langweilig die Sache aus seiner Lektüre so gut auseinandersetzte , daß die Tafel bewundern mußte : so fing der Graf Feuer . Es sei , daß er satt war des Essens - oder satt des Hörens - oder übersatt der Glanzischen theologischen Halbwisserei und lingua franca , jener schalen Kanzel-Philosophie , wovon 1 / 4 moralisch , 1 / 4 unmoralisch , 1 / 4 verständig , 1 / 4 schief ist und das Ganze gestohlen - genug , der Graf begann und unterhielt ein so langes heftiges Feuern gegen den Kirchenrat - wozu die nahe Nummer Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen aus- und eingeräumt wird - daß er ordentlich nicht mehr Haß gegen das Mattgold der theologischen Moralisten und Autoren hätte zeigen können , wenn er auch der Flötenspieler Quod deus vult selber gewesen wäre , der sich allerdings so aussprach : » Von alten Schimmelwäldchen der Philosophen klauben sich die Theologen die abgefallnen Lese-Früchte auf und säen damit an . - Diese größten engsten Egoisten machen Gott zum frère servant der Pönitenzpfarren , wohin sie voziert worden , und auf dem Wege nach dem Filial glauben sie , die Sonnenfinsternis sei gekommen , damit sie weniger schwitzen und schattiger reiten - und so fegen sie die Herzen und Köpfe , wie in Irland die Bedienten die Treppen , mit ihren Perücken . « Nr. 23. Congeries von mäusefahlen Katzenschwänzen Tischreden Klothars und Glanzens Nachdem also Glanz geäußert hatte : daß eben , da sich im Auge alle Gegenstände umwenden , also wir uns auch mit , wir mithin nichts von einem Umkehren spüren könnten - So entgegnete der Graf : » Warum wird denn das einzige Bild im Auge nicht mit umgekehrt ? - Warum greifen operierte Blinde nichts verkehrt ? - Was hat denn das Hautbildchen mit dem innern Bilde zu tun ? Warum fragt man nicht auch , warum uns nicht alles ebenso klein als jenes Bildchen erscheine ? « - Glanz äußerte nach Garve : unsere Vorzüge seien am Ende keine und daher Demut unsere Pflicht . Der Graf entgegnete : » So seh ' ich wenigstens nicht , warum ich Bettler demütig gegen den zweiten Bettler sein soll ; - und ist er gar stolz , so hab ' ich ja einen zweiten Vorzug vor ihm , die Demut . « Es wurde ein schöner Satz aus Glanzens gedruckten Reden angeführt : daß die Kinder für Geringschätzung des Alters die vergeltende Strafe gewiß von ihren eigenen Kindern empfangen würden . Klothar entgegnete : » Folglich hat das geringgeschätzte Alter auch einmal geringgeschätzt ; und es geht ins Unendliche , oder man kann die Strafe erhalten ohne die Sünde . « Glanz äußerte , wie leicht das Gedächtnis zu überladen sei . Klothar entgegnete : » Das ist bloß unmöglich . Ist denn , etwas zu behalten , eine Beschwerde für Gehirn oder Geist ? Verspürt ein Mann den Schatz , den zwanzig Jahre Leben in ihm niederlegten , wohl an seinem Gedächtnis , als wäre dieses belasteter als in der Jugend ? - Aber ferner : der Bauer trägt ebenso viele Ideen in seinem Gedächtnis als der Gelehrte , nur andere , Sachen , Bäume , Äcker , Menschen . Überladung des Gedächtnisses kann also nichts heißen als versäumte Kultur anderer Kräfte . « Glanz äußerte , man könne bei den Endabsichten leicht sich Voltairens Spotte aussetzen , daß die Nase für die Brille geschaffen sei . Klothar versetzte : » Und das ist die Nase auch : sobald alle Kräfte einer Welt berechnet wurden , mußte auch die Kraft in Anschlag kommen , Gläser zu schleifen . « Glanz äußerte : er sei ja dafür und finde in allen seinen gedruckten Reden in der künstlichen Weltordnung einen unendlichen Verstand . Klothar fragte : » Was soll gedachter Verstand dabei sein ? « Glanz äußerte : » Die Ursache . « Jener entgegnete : » Jede künstliche Ordnung , z.B. im Körperbau , erklären Sie doch jetzt aus blinden Kräften , nicht aus einer fremden Schöpfung , diese Kräfte wieder aus blinden , und wo wollen Sie denn in der durchaus mechanischen Endlichkeit mit dem Blitze der Geistigkeit einschlagen ? « - Glanz äußerte spät darauf , eine hübsche , eingeschränkte Monarchie wie in England sei wohl am besten für jeden . Klothar versetzte : » Nur nicht für die Freiheit . Warum hatten nur meine Voreltern die Freiheit , sich Gesetze zu wählen , und ich nicht ? Wohin ich fliehe , find ' ich