der Phantasie und des Geschmacks , leicht , wie die Blätter und Blüthen in höhern Regionen säuseln und leben dürfen ! Ich kam nach Hause , und mein freundliches Stübchen umfieng mich . Mir war sehr wohl ! Es war in mir das Gefühl des freudigsten Wiedersehens . Ich hatte meine liebsten Wünsche , meine glücklichsten Träume , meine schönsten Bilder , ich hatte mich selbst wieder gefunden . - » Wieder mich wähnend , droben in Jugend , in der vertaumelten lieblichen Zeit , in den umduftenden himmlischen Blüthen , in den Gerüchen , seeliger Wonne die der Entzückten , der Schmachtenden ward ! « Diese Worte kamen mir so lebhaft und unwillkührlich in den Sinn , daß ich sie laut sagen mußte . Sie begeisterten mich ; es war , als flögen die Wände des Stübchens auf , und es ward zum Tempel . Zauberische Irrgänge , Myrthenhaine und ein griechischer Himmel umgaben mich von allen Seiten ; in der Mitte des Tempels erschien der Genius der Liebe mit flammen der Fackel ; schön bekränzte Jünglinge und Mädchen tanzten im frohen Gewühl durch einander . - Und sieh ' ! das ist die Gewalt des Dichters , daß er durch Eine wahre Empfindung , die er in das Zauberkleid der Dichtung hüllt , und an ein fremdes Schicksal knüpft , in dem ähnlich empfindenden Gemüthe , eine schöne Kette von Bildern , ein magisches Gemisch von Wahn und Wirklichkeit hervorrufen kann ! - Ich dachte nun mit Ernst an die Anordnung der Feierlichkeiten . Die Erfindung einiger Inschriften , die Vertheilung einzelner Gruppen , die Wahl der Plätze und der Vergnügungen kostete mir wirklich des Nachdenkens genug , denn ich wollte nicht allein Nanettens Geschmack huldigen , sondern sie sollte auch meinen eigenen , in diesen Anstalten finden ; und beides war nicht eben leicht zu vereinigen . Indessen hoff ' ich doch , daß es mir ziemlich geglückt ist . Die reizende Gegend hat mir herrliche Dienste gethan ; manche Stellen scheinen ganz eigen für meine Ideen geschaffen zu sein , und auf der andern Seite lebt hier so ein muntres , lustiges Volk , das sich mit ganzem Herzen , einem frohen Tage hingeben kann , so daß Nanette ohne Zweifel nach Wunsch an die Wirklichkeit erinnert werden soll . - Bis sie kommen , will ich mich noch ganz an den Reizen dieser Gegend sättigen ; denn nach meinem Sinn , kann ich eine schöne Natur weniger genießen , wenn ich sie in geliebter Begleitung sehe . Der reine Genuß der Natur , ist für Einsamkeit , für Erinnerung und Hoffnung , und da wird selbst die Sehnsucht zur Wollust . Sie sind nun da , und uns vergehen die schönsten Tage . Ich genoß die Genugthuung , Nanetten sogar einige Augenblicke lang gerührt zu sehen . Aber bald erlangte sie ihre alte Dreistigkeit wieder , mit der sie über Alles scherzen kann . Ihre Ansichten sind , wie ihr Ansehen , unverändert geblieben , alles Lebendige , Geschmackvolle , Scherzhafte reizt sie , gefällt ihr , ja sie behauptet sich in ihren Ideen fast mit größerer Heftigkeit , aber mit noch eben so viel Anmuth , wie vor dem . - Sie liebt Umgang , und kann nicht ohne ihn leben ; doch treibt sie ihre Laune oft an , über Andre zu spotten ; aber sie thut dies mit so viel Witz und Gutmüthigkeit , daß diese Neigung an ihr ein neuer Reiz wird , so sehr auch andre oft durch sie verunstaltet werden . - Denn öfters habe ich Menschen , die stets von fremden Fehlern sprachen , geistreich nennen hören , die mir immer äußerst geistarm vorkamen . Denn wie viel leichter ist es , die Unterhaltung mit dem Tadel andrer , zu würzen , da dadurch der geheimen Schadenfreude andrer , und dem süßen Wahn der Ueberlegenheit geschmeichelt wird - als Gespräche zu führen wissen , die ohne diesen Kunstgriff reizen und unterhalten . Nein , nur wer mit so viel Laune , Geist und Virtuosität wie Nanette zu spotten weiß , nur der sollte es sich erlauben ! Recht sehr überrascht fand ich mich , als ich in Nanettens mir noch unbekannten Gatten , eine wohlbekannte Gestalt wiederfand . Barton war es , er , den ich von allen Männern am wenigsten an Nanettens Seite zu sehen erwartet hätte ! Wie sehr sich Nanette an meiner Befremdung ergötzte , kannst Du Dir denken . Sie scheinen sehr glücklich zu sein ; Barton ist ein feiner Mann , der mir jetzt weit besser gefällt , sei ' s , weil unsre Verhältnisse oder meine Forderungen an die Menschen sich geändert haben . Es ist nun alles zwischen uns zur Sprache gekommen . Und Eduard ! - O Julie ! wie wahr , wie innig hat er mich geliebt ! - Auch alles , wie er sich nachher benommen hat , da er von meiner Unzuverläßigkeit überzeugt war , ist ganz so wie es mir gefällt . - Er ist ganz , das geworden , wie ich mir ihn stets gewünscht , stets gedacht habe . - O ! beschützt ihn , gute Geister der Ferne ! beschützt meinen Freund ! daß ich ihn nur einmal sehen , einmal noch in seiner Nähe athmen kann ! - Und nun Julie ! siehst Du , wie alles aus jener Zeit der Verwirrung so licht , so geordnet geworden ist ? O ! laß immer das Gefühl walten , es erwählt stets das Wahre , das Sichre ! - Laß uns diese Sphäre lieben , und lächeln , wenn ein Theil der Männer mit stolzem Mitleid , uns darauf beschränkt glauben . - Mann und Weib erscheint mir oft , wie Musik und Mahlerei . Der Mann muß alles aufzuhellen streben , und sein Wesen deutlich und schön darstellen , indeß das Weib ihr Gefühl in heiliges Dunkel hüllt , und mit kindlichem Vertrauen , ihrem Schicksal entgegen geht ! Heute erhielt ich diesen sonderbaren Brief von Wilhelm , der , wie ich Dir vielleicht schon geschrieben habe , seit einiger Zeit mich verlassen hat , um sich in einer andern Stadt auf eine zweckmäßigere Weise , auszubilden : Liebe Mutter ! » Ich bin nun von Dir getrennt , weil Du es wolltest , und wenn dies nicht wäre , und ich mir nicht so oft sagte , daß es Dein Wille ist , so wäre ich schon längst zurückgekehrt . - Ich fühle es täglich , daß ich in der Welt keinen Menschen , als Dich habe , für den ich lebe , daß ich nichts , gar nichts in der Welt habe , als meine Liebe zu Dir , in der ich aber so reich bin . - O ! ich hoffe , ich darf Dir alles schreiben , was ich fühle , denn ich habe ja Niemanden , dem ich mich mittheilen möchte ; nicht aus Demuth , sondern aus Stolz . Es ist mir oft , wenn ich Andern meine Empfindungen sagen will , als wollt ' ich Bettlern oder Unwissenden , Banknoten hingeben , und sie müßten mich auslachen , weil sie glaubten , ich wollte ihrer , mit dem Papier , wofür sie sich kein Brod kaufen können , spotten . - Sieh ' so steh ' t es mit mir ; Du , liebe Mutter , bist das einzige Wesen , dem ich angehören kann . Laß mich Dir ewig dienen in dem schönen Gewande , das Du mir um die Schultern gelegt hast , und das mit vollen malerischen Falten über ein Herz herunter wallt , worein Dein Bild so lieblich und treu gezeichnet ist , und das so gut ist , als Du Dir nur denken magst . -Ja mein Herz , ist mein einziger Stolz , mein einziger Trost , es müßte dann Deine Liebe verlieren , dann - ja , dann wäre ohnedies alles verloren . Aber Du wirst Dein Geschöpf nie aufgeben , und ich darf also sagen , daß mein Herz , in welchem Du lebst , mein einziger Trost , so wie mein Kopf , meine einzige Stütze werden soll . - Mutter ! ich werde Dir dann ähnlicher sein - welch ' eine Wollust ist mir der Gedanke , Dir ähnlicher ! - Auch Dir ist Dein Herz , einziger Trost gewesen , und Dein Kopf mit der freundlichen Stirn , mit der hohen , feinen Miene , und der Schwermuth in den schwarzen Augen , und der Liebe , der süßen und ernsten Liebe auf den Lippen . - Zwar habe ich Deine Leiden nie einsehen können , denn Du wurdest ja immer von allen geliebt , was Dich umgab , und durftest wählen , und konntest doch alle entbehren , weil Du in Dir selbst so reich warst , aber doch habe ich gefühlt , daß Du littest , und wie groß muß Dein Herz sein , daß Du bei Deinen eignen , vielleicht sehr verwickelten Verhältnissen , allen Deinen Freunden mit Deinem Rath und Deiner Liebe dienen konntest , als wär ' st Du selbst von allen Sorgen gänzlich frei ! - Auch ich hatte an dieser Vorsorge Antheil , und o ! ich bitte Dich nochmals dringend ! laß sie nie enden , laß mich nie frei sein ! Diese Freiheit ist mir schrecklich , frei wie ein Einsiedler ! - O ! Mutter ! Es wird Dir gewiß einst wohlthun , einen Menschen , dem Du so viel gegeben hast , durch Dich und um Dich groß und gut werden zu sehen ! - O könnte ich die Seeligkeit des Gefühls mit Dir theilen , das sich jetzt in meinem Herzen voll und wohlthätig ausbreitet ! In diesem Moment fühl ' ich innig , wie viel besser , wie sehr gut ich schon durch Dich geworden bin . Dank , ewigen Dank ! - Das Band , welches mich an Dich bindet , kann nicht mehr zertrümmern , denn Du hast so unendlich viel in mir erschaffen , was nicht aufhören , sondern immer wachsen muß . Du hast durch Deine Vortrefflichkeit , jede Art von Liebe in mir erregt . Ich ehre und liebe die Natur , die ein Geschöpf , wie Dich hervorbringen , die eine solche Schöpferin schaffen konnte . - O ! daß Du einst mit Freuden auf mich , als Dein Werk sehen mögtest ! Schreibe mir nur wenige Worte , ob es Dir wohlgeht , denn sonst muß ich gleich zu Dir hin , weil mich die Angst der Ungewißheit tödten würde ! - Und , dann schreib mir auch , ob Dir mein Brief gefällt , und was Du nicht gerne von mir hörst , damit ich Dir mit freiem und un gedrücktem Herzen wieder schreiben kann , denn ich würde gewiß ewig jede Zeile beweinen , mit der ich Dir Verdruß gemacht hätte ! « Wilhelm . Ich gestehe Dir Julie , daß ich diesen Brief nicht ohne Thränen habe lesen können . - Es ist eine Innigkeit darinnen , die unverkennbar aus dem Herzen kömmt , aber , was mich so unendlich schmerzt , - aus einem beklommenen Herzen . - So werth mir Wilhelm immer war ; so wenig hab ' ich doch , wie mir nun klar wird , auf das , was in ihm vorgieng , geachtet . - Seine innige Anhänglichkeit , nahm ich für die natürliche Ergebenheit eines dankbaren Kindes , sein Schweigen , seine stille Trauer in der spätern Zeit , für Ruhe oder Ge fühllosigkeit . - So enthüllt doch meist erst die Entfernung , was in der Gegenwart verborgen blieb , und der Buchstabe kann oft leichter verkünden , was der Mund sich zu bekennen weigert ! Indessen seh ' ich keine nachtheiligen Folgen für den Jüngling voraus - Ich stand ja vor ihm in allen den Beziehungen da , die nur die schönsten Gefühle des Herzens erwecken können , so daß das seinige wohl natürlich sich so an mich gebunden fühlen mußte ; und diese frühe Neigung , glücklich geleitet , vermag über sein ganzes Leben den schönsten zauberischen Duft zu hauchen , der alle Blüthen desselben mit höhern Reizen beleben , und vieles Schädliche von ihm entfernt halten wird . Und zuletzt - wird irgend ein äußrer oder innrer Umstand diese Ewigkeit zertrümmern , wohl ihm , wenn ihm dann die Innigkeit der Empfindung bleibt , ob gleich er mit dem Gegenstand wechselt ! Ich scheide mit heiterm Herzen von Dir ! - alle unangenehmen Eindrücke sind weit von mir entrückt , die Natur umfaßt mich , enthüllt , und verhüllt die Welt vor meinem Blick ! Ich fühle es innig , das ist die süße , reine Gegenwart , das wahre Leben , das nichts will , und alles in sich faßt , und das ich nicht beschreiben mag , denn wer es je besaß , der kennt es , und würde es vielleicht nicht wieder erkennen , wenn er es beschrieben fände . Neunzehnter Brief Amanda an Julien Ich bin , seit ich Dir nicht geschrieben habe , sehr ernstlich krank gewesen , und der Arzt hat mir als Mittel zur Wiederherstellung meiner Gesundheit , eine Reise verordnet , die ich in wenig Tagen , anzutreten gedenke . Es war wohl kein Wunder , daß die Erschütterungen meines Gemüths , auch auf den Körper Einfluß hatten , aber was man mir auch von dem Bedenklichen meines Zustandes sagen mag , so fühle ich doch meinen Geist unbeschreiblich heiter und frei , und meine ganze Stimmung ungewöhnlich erhöht und freudig . - Ich werde nach Lausanne reisen , weil ich mir von den Reizen des dortigen Klimas und der Gegend den angenehmsten Genuß versprechen darf , und eine geheime Sehnsucht mich wieder nach diesem Ort , den ich schon kenne , hinzieht . Ich endige diesen angefangenen Brief an Dich , erst auf der Reise . Ich bin in * * * und habe heute gewiß einen der merkwürdigsten Tage meines Lebens verlebt . Meine Reise bis hieher war glücklich , zwar hatte die Trennung von jener Gegend und meinen Freunden mich tief gerührt ; auch die andern überließen sich der heftigsten Trauer , und Nanette war in einer Bewegung , wie ich sie nie gesehen habe . Doch hat mir der wohlthätige Einfluß der Reise , meine vorige Heiterkeit zurückgegeben , und ich hoffe , daß auch meine Freunde nun wieder freudig an mich denken werden . Doch nun zur Schilderung des heutigen Tages , dessen Eindrücke noch meine ganze Seele beschäftigen . Ich wollte diesen Ort nicht verlassen , ohne die Einsiedelei besucht zu haben , die vor mehr als hundert Jahren von einem Eremiten in einer kleinen Entfernung von der Stadt angelegt worden ist , und noch jetzt von einem Kapuciner bewohnt und unterhalten wird . Romantischer als die Gegend , worin diese Einsiedelei liegt , vermag die fruchtbarste Einbildungskraft sich nichts zu denken . Hohe , steile Felsenwände , die von der Allmacht eines Gottes aus einander zerrissen zu sein scheinen , umschließen ein enges , tiefes Thal , das aber nichts Furchtbares , nichts Beängstigendes hat , weil es , nach beiden Seiten hin , freundlich geöffnet , sich in einem fernen , lachenden Grund zu endigen scheint . Ueber das tiefe Bett eines reissenden Bachs , führte von einem Felsen zum andern , eine Brücke zu der Wohnung des frommen Einsiedlers . In der kleinen niedlichen Hütte athmete alles Ruhe , Andacht und Genügsamkeit ; nutzbare Pflanzen und Kräuter blühten in dem Gärtchen vor der Wohnung , und einige sorgfältig gepflanzte Blumen , besonders Rosen , gaben dieser Wildniß einen unbeschreiblich rührenden Reiz . Ich fühlte meine Seele von dem heiligen Einfluß dieser Stelle durchdrungen , der noch mächtiger wurde , als ich die ehrwürdige Gestalt des Einsiedlers erblickte , der mich mit stiller Freundlichkeit begrüßte . Die Ruhe in seinen Zügen , die hohe Freudigkeit in seinem reinen , himmelblauen Auge , war nicht Stumpfheit oder Zerstöhrung aller menschlichen Gefühle und Wünsche , nicht wesenlose , kranke Schwärmerei - nein ! es war die glückliche Auflösung aller Zweifel des Lebens , die Sicherheit vor jedem innern Kampf , die freudige Entscheidung der den Menschen wichtigsten Fragen , die Ahndung einer schönen Zukunft . - Meine Begleiter waren am Fuß des Felsens zurückgeblieben , und ich setzte mich mit dem Einsiedler auf die Rasenbank vor der kleinen Hütte , wo unschuldige Blumen uns umrankten , und die heiterste Bergluft uns umsäuselte . - Hier fanden wir uns bald in Gesprächen vertieft , wie sie nur von Menschen geführt werden können , deren Inneres ohne Falsch ist , und die sich durchaus in keinen Verhältnissen des Lebens berühren , als in solchen , welche den Menschen allgemein und heilig sind . - Ich konnte ihm alle meine Ideen , meine Zweifel und Hoffnungen über Leben und Tod , alle meine Wünsche und Neigungen frei entdecken , und fand in seinen einfachen Gegenreden , Beruhigung , Sicherheit und Freude . Dir alle unsre Gespräche , der Folge nach , mitzutheilen , ist mir unmöglich , obgleich meine ganze Seele , noch mit ihnen erfüllt ist , aber ich will hier einige Fragmente seiner Gespräche hinschreiben , in welchen Du seinen Sinn aufs getreueste übergetragen findest , wenn es auch seine Worte nicht immer sein sollten . Es giebt Eine Religion , sagte der fromme Einsiedler , welche allen andern Religionen vorhergieng und zum Grunde liegt , und wer sie erkennt , dem geht eine Klarheit auf , in welcher er den Zusammenhang Aller einsieht , und welche Licht über alle Verhältnisse sterblicher Wesen verbreitet . - Die Gottheit hat ihren Dienst selbst geoffenbaret ; es war eine Zeit , wo Götter mit den Menschen umgiengen , wo wirkliche Göttergestalten lebten . Daher die Heiligkeit des fernen Alterthums ; je höher hinauf , je mehr Größe , Einfachheit , Göttlichkeit ; alles deutet darauf hin . Das , was wir Mythe nennen , ist nur der ferne vielmal gebrochne Widerhall einer ehemaligen Wahrheit , nicht die Menschen erfanden es , sondern es war , und ich hoffe , dies wird einst bewiesen werden ; diese Wahrheit , welche die fromme Vorwelt glaubte , und die Mitwelt vergißt , wird einst das sichre , klare Resultat der Nachforschung , der Wissenschaft , der Weisheit sein ! - Erstaunt werden die Menschen dann mit Ueberzeugung anerkennen müssen , daß das Morgenland die Wiege der Menschen , der Aufenthalt der Götter war , welche die Menschen einst ihre unmittelbaren Offenbarungen würdigten , und daß alle Religionen dieses Ursprungs des einzig Wahren , sind ! Und warum sollten Offenbarungen nicht möglich , nicht wirklich sein ? - Ich selbst habe die Stimme Gottes , öfters laut in meiner Seele vernommen , ein unwiderstehlicher , seeliger Drang , hat mich hinaufgezogen in den blauen , endlosen Aether , wo eine Stimme mir zurief : » Hier bin ich ! hier ist Wahrheit ! « - Ich weiß es gewiß , daß ich ein Theil seines Wesens bin . So wie der Aether durch die Feinheit seiner Theile überall eindringt , ohne verletzt zu werden ; so bleibt der allenthalben gegenwärtige Geist in Allen , ohne verändert zu werden ; und wie eine einzige Sonne die ganze Welt erleuchtet , so erhellt der Weltgeist alle Körper . Diejenigen , welche mit den Augen ruhiger Weisheit wahrnehmen , daß Körper und Geist also unterschieden sind , und daß es für den Menschen eine endliche Trennung von der animalischen Natur giebt , die gehen in das höchste Wesen über . Auch die werden mit ihm vereinigt , deren Werke nur ihn zum Gegenstand haben , die ihn als das höchste Wesen betrachten , ihm einzig dienen , allem persönlichen Vor-theil entsagen , und ohne Haß unter den Menschen leben . Doch soll der Mensch nicht unthätig , ohne Antheil , und als wäre er ohne Sinne , seine Tage auf der Erde verleben . Der Mensch soll handeln ; er darf seinen natürlichen Neigungen folgen , seine Wünsche zu erfüllen streben , und die Freuden der Erde unschuldig genießen . Und nur dann wird er schuldig , wann er sein Gemüth ganz dem Irrdischen und Vergänglichen hingiebt , das ihn immer mehr mit Unruhe und niedrigen , dunkeln Leidenschaften erfüllt , und ihn , des in ihm wohnenden Gottes , und seiner eigentlichen Heimath ganz vergessen läßt . Der Mensch hingegen , welcher bei Erfüllung seiner Lebenspflichten , fern von eigennützigen Bewegungsgründen , ohne ängstliche Unruhe wegen des Erfolgs seiner Handlungen , nur das höchste Wesen vor Augen hat , der bleibt , mitten im Geräusch der Welt , rein , wie die Alpenrose von Klippen und Verheerung umgeben , unberührt ihre reinen und süßen Düfte aushauchet . Ein solcher praktischer Mensch , welcher die Pflichten seines Lebens , blos durch seinen Verstand , sein Gemüth und seine Sinne vollzieht , ohne daß dadurch die Ruhe seiner Seele gestöhrt wird , der , um seiner innern Reinheit willen , allen persönlichen Vortheil entsagt , und den Erfolg der Handlung nicht achtet , der gelangt zu einer unendlichen Glückseeligkeit , während der Unbeschäftigte , welcher dabei irdische Wünsche in seinem Herzen trägt , in den Banden der Sklaverei bleibt . O ! es wird eine Zeit kommen , wo alle Menschen wiederum niederfallen , vor dem ewigen Wesen , das alle Religionen versteht ! und ich ahnde , hoffend , daß sie nicht fern ist ! Genieße die kurze Zeit , die dir noch vergönnt ist , sagte er , - indem er mir mit einem wunderbaren Ausdruck von Rührung und Mitleid ins Auge sah , - der Erde und der Gegenwart . Folge deinen Neigungen , wenn sie wahr und natürlich sind , aber verehre in deiner Seele , unermüdet , das Göttliche , was du in dir fühlst , und laß dein Gemüth , nicht von den irrdischen Sorgen und Freuden mit Unruh erfüllt , und herniedergezogen werden . Es war spät geworden , als ich den heiligen Bewohner der Einsiedelei verließ . Die Sonne gieng mit namenloser Herrlichkeit unter , und strahlte einen überirdischen , goldnen Schimmer an die Häupter der fernen Schneegebürge ! » Sonne ! - sagte der fromme Bruder , mit sanft erhöhter Stimme , aber immer gleicher , ruhiger Miene , - Du bist mir das Bild der Gottheit ! und du reiner Aether , der , allgegenwärtig Alles durchdringt ! und wie der Liebende das Bild seiner Geliebten verehrt , also ich euch ! « Ich bat meine Begleiter unter dem Vorwand einer kleinen Unpäßlichkeit - und wirklich fühlte ich mich körperlich nicht ganz wohl - mir meinen Beitrag zur Unterhaltung für heute zu erlassen , und kam schweigend , aber voll ernster , wunderbarer Eindrücke nach Hause . Zwanzigster Brief Amanda an Julien Ich bin nun in Lausanne am Ziel meiner Reise angelangt , wo ich mehrere Monate zubringen werde . Der Himmel ist mir so freundlich , daß er die schönsten Herbsttage herabsendet , die nur je die Erde mit ihren blühenden Kindern , für den nahen Abschied der geliebten Sonnenwärme , schadlos gehalten haben . - Ich fühle mich unbeschreiblich wohl , ob gleich ich es , der Behauptung meiner Begleiterin nach , nicht sein soll . - Gestern fuhr ich auf dem Spiegel des Sees , und genoß eines wunderbar schönen Abends . Das leuchtende Auge des Tages blickte , nach einem , für diese Jahrszeit ganz ungewöhnlich heißen Tage , noch einmal durch dunkle Wolken über die glühende Erde , und verbarg sich hinter die Gebirge ; nur an den hohen Berghäuptern schimmerte der feurige Schein . Drohende Gewitterwolken zogen wie ein furchtbares Kriegsheer vorüber , und schauten übermüthig herab , auf die reifen , schwellenden Früchte , und die bunten , lächelnden Blumen , die sie in einem Augenblick zertrümmern konnten . Schwer athmeten die Geister der Lüfte , die Vögel waren verstummt . Da nahte der freundliche Abend , und schlang um die glühende Erde seine leichten Schattenarme . Die Natur schöpfte wieder Athem und verhüllte sich in den zarten Schleier der Dämmerung . Der See schien zu verweilen ; Phöbe blickte im Glanz ihrer Gottheit in die Wellen und nur leise Schatten und ein dreimal süßeres Düften der Pflanzen und Bäume , bezeichneten den ambrosischen Hauch der Nacht . Ganz den Eindrücken der Natur hingegeben , erfüllte sich mein Herz mit heiliger Sehnsucht . Ihr goldnen Stralen , dachte ich , ihr Stimmen der Lüfte , ihr aus den Wäldern hervorquellenden Ahndungen , ihr seid Bilder einer andern Welt ! ihr lockt das Gemüth von der Erde hinweg - und du , schöne Liebe ! was bist du anders , als ein Wiederschein aus jener schönern Welt ! - O ! zu sterben im seeligen Gefühl der glücklichen Liebe , welcher Tod könnte schöner sein ? - Dann schwänge sich die Seele auf feurigen Wolken gen Himmel , wie einst Auserwählte , Lieblinge der Gottheit , und empfände den Tod nicht ! Ich habe seit Kurzem mehrere Briefe von Antonio erhalten , die so schön sind , daß ich sie Dir gern mittheilen würde , wenn ich mich von ihnen trennen könnte , und zum Abschreiben jetzt nicht zu träge wäre . Alles , was er mir schreibt , athmet die innigste Liebe , hohe Geistesfreiheit , reine natürliche Ansicht unsers Verhältnisses . Ich fühle , daß ich diesen Mann anbeten und lieben muß , und warum sollte ich nicht ? - Die Behauptung , daß wir nur Einmal , nur Einen einzigen Gegenstand lieben können , ist ein phantastischer , ja schädlicher Irrthum . Wir begegnen im Leben mehrern Wesen , zu denen uns die Neigung hinzieht , und die wir lieben könnten , wenn die Mächte des Schicksals die zarte Blume zur Reife brächten , denn diese Neigung allein ist nicht Liebe zu nennen . Freilich wird derjenige seltner gerührt , dessen eignes Wesen seltner ist , freilich rührt uns ein Gegenstand schneller , ein andrer langsamer , und wir werden desto stärker angezogen , je mehr wir in dem fremden Wesen , Eigenschaften finden , die uns die liebsten sind , und dann ist die Liebe am schönsten und vollkommensten , wo das Schönste , Edelste im Menschen bewegt und befriedigt wird . Aber Fehler selbst können Liebe erregen , und fester verbinden . O Julie ! wie soll ich Dir sagen , was geschehen ist ! - Er ist hier , Eduard ist hier ! Er athmet wieder in meiner Nähe ! - Er war auf der Reise nach * * * ; unterweges erfährt er , daß ich hier in Lausanne bin ; er eilt hierher ; unvermuthet treffen wir uns - o ! wie sollte ich es wagen , Dir diesen Augenblick schildern zu wollen ? - Alles , Alles ist vergessen , und ich sehe ihn liebenswürdiger , liebender und geliebter als je ! Wir leben wieder , und glücklicher , in jener glücklichen Zeit ; die Jahre , die dazwischen liegen , sind eingesunken , über ihre Trümmer drängen sich die Blumenranken jener Zeit frisch und unversehrt hervor , und alle Knospen entfalten sich , zu den vollsten , herrlichsten Blumen . - Welch eine Gegenwart ! - Laß mich schweigen ; denn die Sprache kann zwar das Glück der Vergangenheit und Zukunft schildern , aber die Seeligkeit des Augenblicks entzieht sich ihrem Ausdruck , gleich einem heiligen Geheimniß , das nicht ausgesprochen werden darf . Ich muß Dir schreiben , Julie , - die Tage entfliehen - aber erwarte nur Fragmente von mir . Ich bin verwirrt , seelig berauscht ! - Oft fühl ' ich mich den Himmlischen nahe , und vernehme die Sprache freundlicher , unsichtbarer Mächte , leise , aber zuversichtlich in meiner Seele ! Ganz in Liebe und Harmonie aufgelös ' t , tönet die erhabene Musik der Sterne und Welten , in mein Gemüth , die leichte Scheidewand verweht , und entkörpert tauche ich mich in das unendliche Meer der Liebe , worinnen die Wesen unsterblich sind ! - Gestern - Dir das zu erzählen ist heute der Zweck meines Schreibens - gestern fuhren wir nach Hindelbank , um das berühmte Grabmal von Nahl zu sehen . - Auf der Reise machte Eduard unsre Verbindung zum Gegenstand aller unsrer Gespräche . Stolz , feurig und leidenschaftlich , wie er ist , war ich schon die ganze vorhergehende Zeit mit Bitten , bald , ohne Verzug darein zu willigen , von ihm bestürmt worden ; aber , immer stellte sich Antonios Bild , seinen Wünschen entgegen ; ich mußte diesem schreiben ; wollte einen Brief von ihm erwarten , und so hatte ich muthig widerstanden . - Wir kamen an das Grabmal , und da man die Vorsicht gebraucht hatte , schon vorher die nöthigen Läden zu öffnen - was sonst oft den vollen Eindruck stöhrt - so sahen wir es gleich bei ' m Eintritt gehörig beleuchtet , und empfanden den ganzen Eindruck dieses Kunstwerks . - Ich hatte es vorher noch nie gesehen , und würde Dir es zu schildern versuchen , wenn es nicht schon so oft beschrieben worden wäre . Wehmüthig gerührt stand ich vor dieser himmlischen Gestalt , die im Leben für eine der schönsten ihres Landes galt . Die Nähe des geliebten Mannes , der im blühenden Leben vor mir stand , erfüllte mich in diesen Augenblicken , mit schmerzlicher Freude ; ich fühlte mich glühender , als je zu ihm hingezogen , und wunderbare Bilder und Ahndungen von Leben , Tod und Unsterblichkeit , zogen mich in eine tiefe , namenlose Betäubung hin , in der ich lange schweigend dastand . Die geliebte Stimme weckte mich endlich wie der Ruf der Engel die Todten . » Theure Amanda , « sagte diese Stimme , die mir in ' s Herz drang , sieh ' das Leben ist flüchtig , und das Schönste