ist dir , Tilie , sag , warum so stille ? Tilie : Daß ich nicht spreche , ist dein eigner Wille , Wie konntest du das alles so erzählen , Nur diesen hohlen bangen Ton erwählen , Der wie durch einen dunkeln , tiefen Gang In deiner seltsamen Erzählung klang . Im Anfang folgt ich dir , verließ die helle , Die sterngezierte Nacht , die ernste Schwelle Neugierig überschreitend , drang ich vor , Bis ich mich ganz in Dunkelheit verlor . Du warst so weit , so tief hinein gegangen , Und Tilie konnte dich nicht mehr erlangen . Ich eilte rückwärts , hörte dich nicht mehr , Nur deine Stimme klang noch zu mir her . Ich setzte mich still an der Höhle nieder Und liebte dich nicht , denn du kamst nicht wieder . Ich schaute einsam durch die dunklen Räume , Aus Waldestiefen kamen zarte Träume Und spielten mit des Mondes Geisterbildern , Um meines Freundes Abschied mir zu mildern . Nur eins von allen blieb bei mir zurücke , Die weiße Marmorfrau , und meine Blicke Ließ ich durch Schatten und durch Lichter spähen , Und hoffte fest , die Arme zu ersehen ; Aus den Gebüschen , glaubt ich , muß sie schauen Und könne mir allein ihr Leid vertrauen . Mich ergriffen ihre Worte heftig , wohl war ich Armer in einem langen düstern Gang , und konnte nicht wieder heraus . Ich konnte Tilien nicht antworten ; ich wußte nichts , gar nichts , und hätte fast vom Wetter gesprochen , hätten mir die Hüttenfenster nicht eine freundliche Unterhaltung angeboten . Tilie : Hier oben - Hüttenfenster , sag , wie ist dir ? Hier oben sind ja keine Hütten - Die Auflösung meines Irrtums , der sich nun schon eine ganze halbe Stunde lang in meine Gedankenreihe verflochten hatte , vollendete meine Zerstörung . Mit einem sehr häßlichen Unwillen fuhr ich fort : Was denn sonst Solls sein , was dorten leuchtet ? Sie : Nun , es wird wohl Ein stilles Licht sein , kennst du diese nicht ? Ich : Ein stilles Licht ? - Das ist ein Aberglaube . Tilie : Ein Aberglaube ? - Sag , was nennst du so ? Ich : Ein Aberglaube ? Nun , ein falscher Glaube . Tilie : Wie sprichst du Mann , wie hast du dich verändert ; Die Worte , falsch und schief , versteh ich nicht . Woher sind sie gekommen , hast du sie Aus deiner falschen Welt heraufgebracht ? Ich : Ich meine , liebe Tilie , daß die Lichter Aus der Natur entspringen , und daß jeder Verschiedne Glaube ihres Ursprungs falsch sei . Tilie : Von allem diesem weiß ich nichts . Natürlich Ist alles . Von den stillen Lichtern schweige , Ich ehre sie , sie sind mir lieb . Sehr selten Ists , daß sich eines zeigt ; es gehet dann In meinem Leben sicher etwas Seltnes Und Wunderbares vor , sie schimmern Wie Winke meines Schutzgeists in der Nacht , Und wandeln ferne in der Gegenwart Wie kühnere Minuten meiner Zukunft vor mir . Eusebion lieben sie , er sprach schon oft Mit ihnen , und sie tanzen freundlich um ihn . Willst du mir meine zarten Freunde stören , So gieb mir erst , was sie mir still gewähren . So weit für heut , ich bin so müde . Godwi Godwi an Römer Ich bin schon wieder genesen . Ich gehe schon wieder durch Wald und Flur , und ohne Mühe , ohne Kampf mit dem vorigen . Auch mein Körper ist sanfter gestimmt . Alles ist einfacher in mir . Ich kann lange an einer Stelle stehen , ohne jene innere Angst , die mich immer weitertreibt . O wie ist die Natur so groß , und wie ist der Mensch größer ! Wie kann er sie bändigen in sich ; wie kann er weit hinaus sehen , und so unendlich viel in sein Auge fassen , und es mit seinem Geiste ruhig anfühlen und betrachten . Es ist mir nun alles erklärbar , alles verstehe ich ; es hängen mir nicht mehr um jede Aussicht alle Erinnerungen , und reißen mich von der Gegenwart gewaltsam zurück . Sonst mußte ich immer durch eine düstere Wolke von Reflexionen durchbrechen , um zu genießen . Es ist , als sei nach dieser Krankheit mein Bedürfnis kleiner und mein Begehren heftiger geworden . Der Alte ist nun immer freundlicher mit mir , und ich bringe heilige Stunden mit ihm und Tilien zu . Eins nur kann ich noch nicht lösen ; wer war sie , die mit dem Knaben auf dem Arm am Ende der Wiese stand ? - Godwi Fortsetzung des Tagebuchs Die Worte Tiliens beschämten mich . Ich schwieg . Ich wollte Tilien ihre Götter rauben , und sie blieb mir freundlich . Ich sah in mich zurück und um mich her , da blieb es kalt und leer . Kein Bild sprach mit mir von einem heiligen Zusammenhange mit einem höhern Leben . O , wer giebt mir diese Religion ? Wenn ich Tilien und mit ihr den schönen Zusammenhang mit ihren stillen Lichtern erhalten könnte ! Wie ehre ich nun diese stillen Lichter - Sind sie Tilien , was sie mir ist ? - Sollte mich nicht eine schöne Eifersucht bewegen , an ihre Stelle zu treten , meine Stelle mit ihnen zu vertauschen ? - Wie - wie kann die wilde verzehrende Flamme in mir zum stillen Lichte werden ? - So war es in mir . Tilie ging ruhig an meiner Seite und sang : Sprich aus der Ferne Heimliche Welt , Die sich so gerne Zu mir gesellt . Wenn das Abendrot niedergesunken , Keine freudige Farbe mehr spricht Und die Kränze stilleuchtender Funken Die Nacht um die schattigte Stirne flicht : Wehet der Sterne Heiliger Sinn Leis durch die Ferne Bis zu mir hin . Wenn des Mondes still lindernde Tränen Lösen der Nächte verborgenes Weh , Dann wehet Friede . In goldenen Kähnen Schiffen die Geister im himmlischen See . Glänzender Lieder Klingender Lauf Ringelt sich nieder , Wallet hinauf . Wenn der Mitternacht heiliges Grauen Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht Und die Büsche gar wundersam schauen , Alles sich finster tiefsinnig bezeugt : Wandelt im Dunkeln Freundliches Spiel , Still Lichter funkeln Schimmerndes Ziel . Alles ist freundlich wohlwollend verbunden , Bietet sich tröstend und traurend die Hand , Sind durch die Nächte die Lichter gewunden , Alles ist ewig im Innern verwandt . Sprich aus der Ferne Heimliche Welt , Die sich so gerne Zu mir gesellt . So sang Tilie durch die Büsche , als bete sie . Der ganze Tempel der Nacht feierte über ihr , und ihre Töne , die in die dunkeln Büsche klangen , schienen sie mit goldnen , singenden Blüten zu überziehen . Ich selbst war wunderbar gerührt und weinte fast , daß ich an der Seite dieses hellen freundlichen Bildes so trüb und verschoben dastehe . Hier wendete sich Tilie zu mir und sprach : Dir ist nicht wohl , du magst den Wald nicht leiden , Weil Dunkelheit schon in dir selbst regiert ; So will ich dich den andern Weg geleiten , Der über eine helle Wiese führt , Wo Licht und Schatten nicht so bange streiten Und sich der Pfad in hellen Glanz verliert . Durch jene Flur , in sanften grünen Wogen , Wird sie von leisem Wehen hingezogen . Tilie trat mit mir aus dem Walde auf die glänzende Wiese heraus , und ich erschrak fast vor ihrer Schönheit . Ist des Lebens Band mit Schmerz gelöset , Liegt der Körper ohne Blick , ohn Leben , Fremde Liebe weint , und er geneset . Seine Liebe muß zum Himmel schweben , Von dem trägen Leibe keusch entblößet , Kann zu Gott der Engel sie erheben . Und er hält sie mit dem Arm umfasset , Schwebet höher , bis das Grab erblasset . Ist er durchs Vergängliche gedrungen , Kehrt die Seele in die Ewigkeit , O , so ist dem Tod genug gelungen , Und er stürzet rückwärts in die Zeit . Um die Seele bleibet Wonn geschlungen , Alles giebt sich ihr , die alles beut , Wird zum ewgen Geben und Empfangen , Kann des Wechsels Ende nie erlangen . So war mir , als ich auf die Wiese trat und Tilie neben mir ; es war , als stürze alles Licht auf sie herab , sie zu verschlingen , oder zu erschaffen , oder sie erschaffe alles Licht ; es war , als entstehe sie aus den Wellen der Grashalmen und Blumen , über die sie schwebend hinging , wie Venus aus dem Schaume des Meeres . Ich : Wie diese stille Fläche sah der See In meines Vaters Garten aus ; Otilie , Dort , wo die Büsche sich verengen , stand Das weiße Bild , o Gott - Tilie : Was ist dir ? Ich : Dort steht die Frau . Tilie : Wo ? Laß uns zu ihr hin ; Da steht sie , ja ich sehe sie , die Arme ! Ich war in die Erde gewurzelt , die weiße Marmorfrau stand am andern Ende der Wiese , und hatte den Knaben im Arm . Tilie saß neben mir , rief mich dann und wann und rüttelte mich leise , ich war sinnlos niedergesunken . Tilie : Wie ist dir , sprich , du machst mir bange , Liebst du das weiße Frauenbild nicht mehr ? Hast du ihm wehgetan , daß du es fürchtest ? Mir war es lieb , daß sie sich vor uns stellte . Ich : Sahst du sie denn ? Tilie : Gewiß , bis sie verschwand . Doch komme , wunderbarer Mann , komm schnell , Laß uns nach Haus zu meinem Vater eilen , Mit dir ist es nicht gut allein zu weilen . Das stille Licht sahen wir schnell durch den Wald hinfliehen , und trennten uns an der Türe . Ich bin krank - Godwi Joduno von Eichenwehen an Sophie Butler Du hast mich mit dem freundlichen Briefe recht in Versuchung geführt , und ich war nie so reich in meiner Einsamkeit . Unter zwei Freuden soll ich wählen - ich armes Mädchen bin an Freuden gar nicht gewöhnt . Wenn du wüßtest , was auf der andern Waagschale liegt , und das ist etwas , was dich schier aufwiegen könnte . Ich soll auf einige Tage nach Reinhardstein zu meiner Otilie , ihrem Vater und dem kleinen Eusebio . Auch Godwi ist dort , und ich hätte ihn immer zuerst nennen dürfen . Auf deiner Seite liegt eine große Stadt mit Spazierfahrten , Schauspielen , Bällen , neuen Moden , und du , liebes Mädchen , dich hätte ich wohl auch zuerst nennen können . Der Vater und mein Bruder sind nach B. auf den Landtag gereist , und ich warte nur auf seine Antwort , ob ich zu dir kommen darf . Es ist mir sehr lieb , daß mein Bruder mit nach B. ist , er würde sonst mich sicher nach Reinhardstein oder zu dir begleitet haben . Nach Reinhardstein bringe ich ihn nicht gerne , weil er meine Otilie mit seiner Liebe quält , und bei dir , sieh , da möchte ich doch ein wenig brillieren ; mein Herr Bruder aber hat gar keine Anlage zum Chevalier d ' honneur . Nun weiß ich noch nicht , wer mich begleiten wird . Könntest du mir nicht einen deiner Brüder schicken ? Ich will sehen , ob es der Vater erlaubt . Ich freue mich recht sehr auf dich ; wir wollen dann die kindische Zeit wieder aufwecken , die wir zusammen im Kloster verlebten . Ob diese Erinnerungen für dich noch reizend sein können , weiß ich nicht , denn du hast mit einem glänzenden , bunten Leben das alles vertauscht ; aber ich , ich kann nimmer das zarte Leben vergessen , in dem wir so verschwistert nebeneinander einhergingen ; die große , stille Laube , am steilen Abhange des Klostergartens , ist nirgends mehr in der Welt . Wie die Mühlen klappten , die Bäume rauschten , und sich unten alles in den dunklen Wellen eines lebenden grünen Meeres bewegte . Immer steht mir noch ein Abend im Sinn : der Bruder der Priorin und ein freundlicher geistlicher Herr waren angekommen , und es war ein großes Fest im Kloster . Nach Tische mußten wir beide das Ave singen , um den Fremden eine Freude zu machen , und es war uns so gut gelungen , daß uns erlaubt wurde , eine Bitte zu tun ; wir besannen uns lange , damit wir die rechte tun möchten , und standen beide am Fenster , miteinander zu überlegen . Es war Abend und ganz dunkel draus , da ging auf einmal der Mond auf , und der Garten war so schön , die kleinen Springbrunnen rauschten so freundlich , daß du um die Erlaubnis batst , eine Stunde in den Garten gehen zu dürfen . Als wir unten durch die dunklen Gänge gingen , da wurde uns sehr wohl ; wir setzten uns in die Laube und sahen in das glänzende Tal hinab . Nachher merkten wir , daß der alte Gärtner noch wachte , wir klopften an sein Fensterchen , da kam er dann heraus , setzte sich zu uns in die Laube und erzählte uns , wie er sich als kleiner Knabe bei seinem seligen Vater erinnere , daß hier in der Laube sich einmal ein wunderschöner junger Prinz in eine Nonne verliebt und sie nachher entführt habe . Wie der Gärtner fort war , sprachen wir noch lange von der Liebe , und wählten uns jede einen Ritter , und schufen an ihnen allerlei kleine Liebenswürdigkeiten , die wir teils an den Freunden unsrer Eltern , teils an unsern Gespielen bemerkt hatten , zum Heldencharakter um . Ich wollte einen lustigen , offenherzigen Ritter mit braunen Locken ; er brauchte gar nicht alle zu besiegen , nur meine Lieblingsfarbe Himmelblau mußte er tragen , auch tanzen , singen , und nun , auch sehr zärtlich sein konnte er . Dein Auserwählter war schon viel preziöser und zusammengesetzter . Er hatte schon den Zug ins heilige Land vollbracht , du wolltest ihn zum Lohne seiner Arbeiten mit deinem großen schwarzen Auge freundlich anblicken , und ihn die Rätsel und Charaden deines Witzes auflösen lassen . Er war ein ernster , erfahrner Mann , voll Wahrheit und milder Majestät . Sein Auge mußte schwarz sein , und nicht einen süßen Blick wolltest du ihm verzeihen . Treue und Achtung war das eigentliche Band . Sein Gewand war grau , braun oder schwarz . Perlen durfte er tragen , und die feinsten Kanten zur Halskrause , aber alles echt und einfach ; auch sollte er die Zither spielen , und du wolltest ihm verzeihen , wenn er Lieder der Liebe sänge . Aber die Erinnerung , die Zeit , die Zukunft müßte sein Vorspiel sein , er sollte sie zur Ehre der Damen singen , mit denen er in Frankreich getanzt , die er in Italien geküßt , unter deren Fenstern er in Spanien die süßeste Langeweile empfunden hatte , und am Ende sollte er dich küssen , einen ernsten Kuß der Überzeugung ; dann griff er wieder in die Saiten und sang ein Lied von dir , in dem sich alles , seine bunte Welt und sein wilder , strebender Sinn , ruhig gelöst hatte . - Wenn das Glöckchen zur Mette läutete , und wir traulich wie zwei verwünschte Prinzessinnen die langen Gänge an den vielen alten Bildern hinab ins Chor schlichen , machten wir bei einem von den Bildern immer die Augen zu , es war eine Martergeschichte , und mußten deswegen Gesichterschneidens halber stehend essen . Wir waren damals die Ältesten , und freuten uns , wenn es in das Chor ging , immer über die vielen fröhlichen kleinen Mädchen , die um uns her wallten , über die neugierigen Nonnen , die die Köpfe zu ihren Türen herausstreckten , oder wie Gespenster um die Ecken herumschwebten . Wir konnten den eintönigen Gesang von den vielen Mädchen-Stimmen gar nicht mehr leiden , drehten an dem Rosenkranze und steckten die Köpfe zusammen , und ich sagte einmal recht offenherzig : » Ach ! wenn doch unsre Ritter mitsängen . « Wir waren immer einig , nur ein einzigesmal haben wir ein paar Stunden geschmollt ; es war , als dein Bruder deine jüngere Schwester gebracht hatte . Ich vergesse den Abend nie , die Nonnen huschten wie Geister um ihn her , und keine wollte ihn vor der andern angesehen oder gesprochen haben , und er scherzte mit allen . Du wurdest aufgebracht und weintest , weil ich in meiner Einfalt die Schwester Rosalie gegen dich auslachte . Sie wanderte so sonderbar bewegt mit deinem Bruder im Garten herum , und konnte gar nicht von ihm loskommen . Die Arme war deiner Tränen wohl wert , sie ist nun tot . - Wenn ich spröde , dummzierige Mädchen sehe , so wünsche ich sie immer ein paar Jahre ins Kloster , damit sie fühlen lernen , was die arme Rosalie fühlte . - Seitdem ich Godwi kenne , fühle ich , daß ich die Männer liebe , und daß nur sehr elende Weiber sie nicht lieben können . Ich freue mich auch sehr , viele gescheite und schöne Männer bei dir zu sehen . Es ist so totenstill hier im Schlosse , seit der Vater , Jost und Godwi fort sind , daß ich mich nicht getraue , aus meinem Winkelchen herauszugehen ; das Fleckchen von unserm Garten , das ich aus meiner Stube übersehe , habe ich fast auswendig gelernt . Der Himmel allein ist es , der mich unterhält , die Wolken mit ihren tausendfaltigen Gestalten sind meine einzige Lektüre ; bald suche ich Umrisse von Gesichtern , bald Schlösser , bald kämpfende Drachen und Schlangen in ihnen , und indem sie selbst immer leise zerrinnen , wird aus meinen einzelnen Arten ein allgemeines Dichten , ohne eigentlichen Stoff ; doch lange dauert es nie , so steht Godwi mitten drinne . Oft sehe ich ihn in allen Ecken . Stundenlang sitze ich in dem Armstuhl auf seiner ehemaligen Stube ; alles , was von ihm übrig ist , habe ich durchsucht , und ein Stückchen Papier , worauf er , indem er die Feder probierte , meinen Namen und seinen schrieb , liegt unter den heiligsten Blättchen meiner Brieftasche . Der Morgen , an dem er wegging , ist sehr traurig für mich gewesen , ich wußte gar nicht , wo ich bleiben sollte ; ich ging in meiner Stube an die Kommode , in der meiner verstorbenen lieben Mutter ihre Kleider liegen , nahm sie heraus und betrachtete die schönen Kanten und schwarzen Paladine , las in dem Kalender , in den sie geschrieben hatte , wann ich geboren war , und setzte mich dann an ihr künstliches Spinnrad , das mein Vater ihr zur Hochzeit schenkte , und spann , indem ich heftig weinte , um Godwi und die Mutter . Es ist so allein , es hallte alles wieder , ich klettere an jedem Schranke in die Höhe , um zu sehen , ob nicht etwas Vergessenes oben liege , das mich zerstreuen könnte . Die alte Margarethe hat alle ihre Gespenstergeschichtchen wiederholt , die Legende und hundert königlichen Jagdgeschichten habe ich durchgelesen und möchte fast , daß mir ein kleiner Schloßzwerg erschiene , und mir irgend einen geheimen Schrein voll der seltsamsten Sachen entdeckte . Aber ich glaube , fast alle meine Groß- und Urgroßherrn waren viel zu trockene Leute , als daß so ein poetisches Männlein bei ihnen hätte seßhaft werden können . Es ist mir wie einem Indianer , an dem eine herrliche Musik mit allen ihren blitzenden Tönen vorüberrauschte , die göttlichen Flammen schlingen sich um seinen unschuldigen Sinn , und er kann nimmermehr ruhen , weil er die glänzenden Töne vermißt , die in einem Augenblicke einen Himmel aufschlossen , den er nimmer wiedersieht . Godwi ist nun fort , ich finde ihn nirgends , aber er hat eine Begierde in mir entzündet , die er selbst nicht ausfüllen kann , eine Begierde nach Dingen , die ich nie kannte . Ich liebe Godwi nicht , denn er ist viel weiter als ich in allem Leben . Vieles , was ihn ganze Stunden beschäftigt , fällt mir gar nicht auf . Seine ganze Stimmung kann durch einen kleinen Mißton , durch eine auf andre gar nicht wirkende Wendung der Unterhaltung zerstört werden , und oft ergreift ihn wieder die größte Heiterkeit bei Dingen , die mich gar nicht rühren . Ich scheine mir viel zu arm für ihn . Er selbst liebt sich wenig , und oft hat er mir geklagt , er sei sich viel zu wenig gegen andre Menschen , die er kenne . Und nun sieh das Verhältnis : für mich waren die Empfindungen , die er in mir hervorbrachte , die unbegreiflichsten , höchsten , die ich je gehabt habe ; er selbst , um den er sich so wenig bekümmert , war mein einziges Dichten und Trachten . Wenn er scherzend sprach , mußte er mir oft vieles erklären , und wenn er ernst sprach , war er mir oft unverständlich , und doch hörte ich ihm dann gerne zu , ich hatte die Empfindung der italienischen Musik dabei , wo ich den Text nicht verstehe , oder sah ihm in die Augen , die ihm oft abtrünnig mit vielen Dingen umher ein ganz eignes Gespräch führten . Er verband immer die größte Delikatesse mit einer hohen Vertraulichkeit , und nie hat er mir von Liebe gesprochen . Wenn ich an ihn denke , wie er hier war , so zerfällt mir diese Zeit in eine Menge von Zusammenstellungen und Gruppen , unter denen einzelne mir besonders hervorspringen . Ich saß einstens in einer kleinen Gitterlaube mit ihm abends im Garten , ich sah ins Tal hinab , und er saß auf der Erde zu meinen Füßen , der Mond schien herein , und der Schatten der Gitterlaube fiel über seine Gestalt ; wenn ich ihn ansah , so war mir es , als wäre er gefangen , aber nicht von mir , als wäre er gefangen von einer andern Welt . Da legte er seine Hände auf meine Knie , und bald auch seinen Kopf , und wir sprachen nur wenig mehr . Daß ich sagte : » Ich will schlafen « , und den Kopf auf den Arm legte , und daß er sagte : » Wir fangen an ganz stumm zu werden « , ist wahr , aber von beiden Teilen eine kindische Entschuldigung gewesen . Wir gingen sehr still zurück , er nur sagte etwas schüchtern : » Fräulein ! würden Sie auch einem andern erlaubt haben , seine Arme und seinen Kopf auf Ihre Knie zu stützen , oder wollen Sie mir besonders wohl , und warum tat ich es ? « Hier ging er auf seine Stube , und diese Fragen stehen beide ganz verlassen und nackt in unserm Leben ; diese Fragen , an die sich eine Folge von schönen Rätseln und Auflösungen hätte knüpfen lassen . Den Abend vor seiner Abreise schnitt er meinen Namen in die Eiche , er ging dann auf seine Stube , um einiges in Ordnung zu bringen ; ich blieb allein zurück und mußte seinen Namen unter den meinigen setzen , es kostete mir viele Mühe , und ich habe mir zweimal die Hand dabei verletzt . Als ich gestern hinkam , um mich nach den Stunden umzusehen , die hier so schön gewesen waren , als er noch da war , sah ich das Wort Freunde unter die Namen geschnitten . Eine schmerzhafte Empfindung durchdrang mich , als ich diese Hinzusetzung las . Hatte ich mehr erwartet als Freundschaft , und bin ich wert , daß er mir mehr gebe ? Ach ! ich törichtes Mädchen weinte , als habe er mir unrecht getan , und itzt sehe ich das Wort schon so gerne , daß ich es unterstrichen habe . Diesen Mann nun soll ich sehen , ungestört , in der schönsten Gegend , bei der Einsamkeit und Einfachheit . Fühlst du wohl , wie schwer dies Gegengewicht ist ? Und doch ist es besser , wenn ich ihn nicht sehe , da er mir nie mehr als Freundschaft geben kann , und die Forderungen meines Herzens noch so vorlaut sind . O , wenn du doch da wärst , liebes Mädchen , und mich zu dir fortreißen könntest ; ich glaube doch , wenn du vor mir ständest , ich könnte Godwi vergessen . Welche Veränderung in mir , wenn ich lese , was ich sonst schrieb - das war alles so leicht und so deutlich , wie ich es dachte , und itzt kann ich nicht einmal alles schreiben , was ich denke , die Worte fehlen , und doch finde ich viele Worte in diesem Briefe , die mir fremd vorkommen , die ich nie gehört habe als von Godwi . Auch denke ich vieles , was ich sonst nicht dachte und wieder von ihm ist . - Doch , was nützt das alles . Hier ist auch von ihm , und vielzuviel . Wenn du mir schreibst , so sage mir , welcher von deinen Brüdern mich abholen soll , ob es der sonderbare undeutliche , ungezwungene , der sonderbare ernsthafte , zierliche oder der sonderbare trockne , spaßhafte ist . Jeder dieser sonderbaren drei Herren erfordert ein eignes Benehmen , bei jedem müßte ich anders in den Wagen steigen . Dem ersten muß man Zutrauen ohne Vertrauen geben , seine Schwäche nicht zeigen und ihm nicht sagen , daß er nicht gut sei . Der zweite duldet keine Schachtel im Wagen , er erfordert lauter Eleganz , und man weiß gar nicht , wie man ihn eigentlich ansehen soll , weil man noch keine englischen Patentblicke hat . Der dritte endlich fordert Duldung für Tabak , Widerspruch , Bisarrerie und Spaß . Darum zeige mir meinen Schutzgeist vorher an , damit ich in der Überraschung meine Rolle nicht fallen lasse . Lebe wohl ! Joduno Antonio Firmenti an Godwis Vater Segen über Sie und das Ihrige ! Sie haben mir die fröhlichste Nachricht erteilt , die ich seit zwölf Jahren erwartete . Mein Bruder , mein geliebter Franzesco lebt und ist in den Armen eines Freundes . Meine Nachfragen sind ganz Europa durchlaufen , fünf Jahre lang habe ich selbst alle große Städte durchreist , ohne eine Spur von ihm zu finden . Schon wollte ich auf die Freude Verzicht tun , ihn je wieder zu umarmen , schon löschte die Zeit sein Bild aus meinen Augen , als er mir plötzlich und unerwartet wiedergefunden ist . Die wenigen Blicke , die er Sie in sein Schicksal tun ließ , will ich Ihnen , soviel als möglich , erläutern . Seine Geisteszerrüttung , die mich so sehr schmerzt , würde es ihm ohnedies zu gefährlich machen , in der Darstellung in seine Leiden zurückzukehren . Wenden Sie alles an , ihn so viel als möglich zu zerstreuen und wieder herzustellen . Ich sende Ihnen hierbei einen Wechsel auf dreihundert Pfund Sterling ; geben Sie mir von Zeit zu Zeit Nachricht von ihm , und wenn Sie mir endlich den glücklichen Punkt melden , wenn er fähig ist , die Erschütterung des Wiedersehens zu ertragen , so komme ich selbst , umarme ihn und führe ihn dem sanften Himmel seines Vaterlandes zu . Doch itzt zur Erzählung seiner Geschichte , die die Geschichte meiner ganzen Familie werden wird , die Sie ganz kennen müssen , da der Himmel Sie zu ihrem größten Wohltäter gemacht hat . Ich werde ganz aufrichtig sein , und Ihnen meine innersten Meinungen über diese Familie aufschließen . Unser Vater war ein redlicher , kluger und reicher Mann , doch alles dieses aus kaufmännischen Gesichtspunkten betrachtet . Redlich , ohne doch die sogenannten Handlungsvorteile zu verwerfen , klug in Spekulationen und bürgerlichen Verhältnissen ; auch seine Religion war Spekulation auf den Himmel , Verhältnisse mit der Menschheit hatte er wenige , und hier waren Mönchsköpfe seine Maschinen , reich an Gütern des Lebens - Gott segne seine Asche ! Wir beide waren seine einzigen Kinder ; das Taufbuch bezeugte es , sonst hätten wir es wenig erfahren , denn er war rauh und hart . Ein Glück für uns war es , daß er auch stolz war , so daß er wenig mit uns sprach , und nur seine Mienen uns weh taten . Wir standen in keinem Umgange mit ihm , und sahen ihn oft wochenlang nicht , bis der Tod unsrer vortrefflichen Mutter uns plötzlich in eine engere Verbindung mit ihm brachte , die um so drückender war , da die freundliche Mittlerin nun fehlte . Sie war die Tochter eines vornehmen Römers , der wegen einiger gewagter Ausfälle auf den Nepotismus Rom verlassen und seine Güter bezogen hatte . Ihr Vater hatte sie zum geistvollen , vorurteillosen Weibe gebildet , und ihre Mutter ihr Herz und ihre Sitte zu einer Zartheit der Empfindung und einer Bescheidenheit geleitet , die sie fähig machten , den Flug ihres Geistes und die Freiheit ihres Denkens auf dem Punkte in der Erscheinung zu begrenzen , auf dem Weiber , um die Forderungen der sogenannten Weiblichkeit nicht zu übersteigen , verweilen müssen , und der in sie jenen unergründlich reizenden Hintergrund legt , der uns wie ein verborgener Schatz aus den tiefen Augen der wenigen entgegen sieht , die ihn besitzen . Mein Vater , der bei Bergwerken mehr Sinn für den Inhalt der Tiefe als bei Menschen besaß ,