zählest . Wer weiß , ob du nicht wohl gar diesen philosophischen Hercules so weit hättest bringen können als weiland deine Zauberschwester Omphale den Thebanischen , wenn es nicht Grundsatz bei ihm wäre , in solchen Nothfällen sich eines schnellwirkenden Hausmittels zu bedienen106 . Ich wollte wetten , seine griesgrämische Xantippe hat ihn in zwanzig Jahren nicht so zärtlich gesehen , als während deines Aufenthalts in Athen . Schön war es von dir , liebe Laiska , daß du ihm noch in den letzten Augenblicken deinen wahren Namen entdecktest , und noch schöner das Spiel des Zufalls , daß du ihm nichts offenbartest als was er schon wußte . Vermuthlich muß er dem Eurybates das Geheimniß abgelockt haben ; denn er besitzt einen zu scharfen Spürsinn , als daß er nicht hätte merken sollen , daß es mit der Anaximandra von Cyrene , Aristipps Verwandtin , nicht ganz richtig sey . Uebrigens hoffe ich , durch deinen genialischen Einfall , dich in persönliches Verhältniß mit Sokrates zu setzen , ein Beträchtliches bei ihm gewonnen zu haben ; oder , wofern er mich nach meiner Zurückkunft nicht mit günstigern Augen ansieht , werde ich geradezu behaupten , daß es bloße Eifersucht darüber sey , daß meine Weisheit mir nicht verbietet - glücklicher zu seyn als er . Wirklich zieht mich die Neugier , zu sehen wie er mich aufnehmen wird , mächtig nach Athen zurück . Aber ich bin seit etlichen Tagen zu Lemnos , und dem Schauplatze der Homerischen Gesänge zu nahe , um es bei den Musen verantworten zu können , wenn ich nicht nach der Trojanischen Küste vollends hinüber setzen wollte . Indessen hoffe ich längstens in acht Wochen , mit Hülfe der nördlichen Winde , die um diese Zeit regieren , wieder in Athen zu seyn : und dort , schöne Lais , schmeichle ich mir einen Brief von dir zu finden , der mir sagt , ob dir indessen irgend ein günstiger Wind einen Liebhaber zugeweht hat , der dich des alten Sokrates vergessen machen kann . 27. Demokles an Aristipp . Dein Rath kam zu spät , Aristipp . Die Freunde der Freiheit , unter welchen eine beträchtliche Anzahl entschloss ' ner Männer war , sind auf einmal aus dem Nebel der Verborgenheit hervorgetreten . Evagoras , den du als einen ehrgeizigen und unternehmenden Mann kennen wirst , hat Mittel gefunden sich an ihre Spitze zu stellen . Sie haben sich versammelt , verschiedene kräftige Vorkehrungen für die öffentliche Sicherheit getroffen , und die Häupter der drei Factionen , jeden insbesondere , zu einer förmlichen Erklärung über die Absicht ihrer , schon lange nicht mehr geheimen , Zurüstungen aufgefordert . Man hat einander eine Zeit lang mündlich und schriftlich mit allerlei Ausflüchten , und als diese erschöpft waren , mit Vergleichungsvorschlägen aufgezogen . Wie aber die Demokratische Partei in vollem Ernst erklärte , daß sie sich selbst so lange als die rechtmäßigen Beschützer der Gesetze und der Freiheit ansehen und benehmen würden , bis die Oligarchen die Waffenvorräthe , womit sie ihre Häuser , gewiß zu keinem unschuldigen Gebrauch , angefüllt , ausgeliefert , alle ihre Aemter niedergelegt und der allgemeinen Bürgerversammlung Treue und Gehorsam geschworen haben würden , machten ( wie leicht vorherzusehen war , und doch nicht vorhergesehen wurde ) die Triumvirn , Alcimedon , Hippokles und Ariston , plötzlich Friede unter einander und gemeine Sache gegen den gemeinen Feind , mit der Uebereinkunft , wenn sie die Oberhand erhalten hätten , die Regierung des Staats gemeinschaftlich zu führen . Die Götter haben uns nicht begünstiget , Aristipp . Es kam in diesen Tagen zu einem wüthenden Gefecht auf dem großen Marktplatze . Die Triumvirn , welche außer einem Trupp schwerbewaffneter Reiterei , einige Hundert Kretische Söldner und den ganzen Cyrenischen Pöbel auf ihrer Seite hatten , überwältigten uns endlich nach einem langen verzweifelten Widerstand , durch ihre Ueberlegenheit an Waffen und Anzahl . Etliche Hundert der feurigsten Patrioten fielen , mit rühmlichen Wunden bedeckt ; der Ueberrest hielt es für Pflicht , sich dem Vaterlande auf einen glücklichern Tag aufzusparen , und rettete sich durch die Flucht . Du vermuthest ohne Zweifel voraus , daß die Sieger sich ihres Glücks , anstatt mit Mäßigung , mit aller Grausamkeit bedienen , die von übermüthigen und mißtrauischen Tyrannen zu erwarten ist . Die Gefängnisse sind mit Personen von allen Ständen , die man für verdächtig hält , angefüllt , und reich zu seyn , oder dafür zu gelten , ist schon allein mehr als hinlänglich , um den raubgierigen Herrschern und ihren Günstlingen verdächtig zu seyn . Die entflohenen Patrioten werden für vogelfrei erklärt , ihre Anverwandten aus der Stadt verbannt , und ihre Güter eingezogen . Alle unsre Hoffnung beruht nun - auf unserer Verzweiflung , und auf der alten Erfahrung , daß Räuber , wie eifrig sie auch , um Beute zu machen , zusammengehalten haben , gewöhnlich über der Theilung zerfallen . Wir haben uns indessen nach und nach wieder zusammengefunden , und uns im Gebirg , an der Gränze der Cesammonen , eines festen Postens bemächtiget , wo wir , täglich durch Verbannte oder Flüchtlinge verstärkt , uns so lange zu halten hoffen , bis uns etwa ein günstiger Stern eine Wahrscheinlichkeit zeigt , die Befreiung des Vaterlandes mit besserm Erfolg zu unternehmen . Vielleicht ist mir einer von den Deinigen ( deren leider ! keiner auf unsrer Seite stand ) mit Nachrichten von diesen Ereignissen bei dir zuvorgekommen ; denn die Nothwendigkeit , mich von einigen Wunden heilen zu lassen , verhinderte mich eher an dich zu schreiben . Beklage das traurige Schicksal der vor kurzem noch so blühenden und glücklichen Cyrene , und versuche alles was du kannst , da du es nicht abzuwenden vermochtest , es wenigstens zu erleichtern ! 28. Kleonidas an Aristipp . Du bist bereits benachrichtiget , lieber Aristipp , daß es bei uns endlich zu einem Ausbruch gekommen ist , wobei die Oligarchen den Sieg erhalten haben . Möchten sie , da es nun einmal unser Schicksal ist , sich dessen nur mit Mäßigung bedienen ! Aber noch stürmen die Leidenschaften von allen Seiten zu wild , um der Humanität , ja nur der Klugheit , die ihren eigenen Vortheil kaltblütig berechnet , Gehör zu geben . Die Eintracht unsers Triumvirats ist von kurzer Dauer gewesen . Ariston , der freigebigste und popularste unter ihnen , hat ( wie man sich ins Ohr sagt ) Mittel gefunden , seine beiden Collegen mit guter Art auf die Seite zu schaffen . Sie wurden bei einem öffentlichen Opfer von drei seltsam verkleideten Banditen angefallen , und mit einigen Dolchstichen ermordet . Beide waren ihrer Raubgier und Grausamkeit wegen so verhaßt , daß niemand ihr Schicksal bedauerte . Ariston selbst , sagt man , sollte das dritte Schlachtopfer seyn ; er wurde aber glücklicher Weise von deinem Bruder Aristagoras und etlichen andern gerettet , bevor der ihm zugedachte dritte Dolch seine Brust erreichen konnte . Die Mörder , die sich ( nach ihrem eignen freien Geständniß ) aus bloßem Patriotism zu dieser That verschworen hatten , wurden ohne Widerstand in Verhaft genommen , und in die engeste Verwahrung gebracht . Wie es aber auch zugegangen seyn mag , als sie am folgenden Morgen zum Verhör abgeholt werden sollten , fand man das Gefängniß leer , und die Vögel waren sammt dem Kerkermeister ausgeflogen . Du kannst leicht denken , daß verschiedlich über diese Geschichte glossirt wird . Indessen benutzte Ariston die Schwärmerei , womit das Volk an seiner Gefahr und Erhaltung Antheil nahm , und ließ sich unverzüglich , vermöge des Rechts seiner Großmutter , die von einer Seitenlinie der Battiaden abstammt , unter dem wildesten Zujauchzen und Frohlocken des herbeiströmenden Pöbels zum König von Cyrenaika ausrufen . Prächtige Feste und öffentliche Lustbarkeiten bezeichneten die ersten Tage seiner Regierung , und machten mit den Hinrichtungen und Proscriptionen des verhaßten Triumvirats einen sehr auffallenden Contrast . Ariston schien dadurch ( in der raschen Meinung des Volkes wenigstens ) von allem Antheil an jenen Gräueln losgesprochen zu werden , und seinen Mitbürgern unter einer milden Regierung goldne Zeiten zuzusichern . Vermuthlich zu diesem Ende hat er , wie es heißt , die Sorgen der Staatsverwaltung deinem Bruder und einigen andern , die sich damit beladen wollten , überlassen , und er scheint nichts Angelegneres zu haben , als sich mit allen Arten von Genüssen , die ihm die wirkliche Gewalt verschaffen kann , so schnell als möglich zu überfüllen . Wohl mög ' es ihm bekommen , sag ' ich , zweifle aber sehr daß ich wahr gesagt habe . Dein Vater , der an dieser raschen Umkehrung der Dinge kein sonderliches Wohlgefallen haben soll , hat sich , unter dem Schutze seines hohen Alters , auf sein Landgut zurückgezogen , und scheint alle Wünsche , wozu ihn die gegenwärtigen Verhältnisse berechtigen , auf die Freiheit und Ruhe , die in seinen Jahren so wohlthätig sind , oder ( wie er selbst sich ausdrückt ) auf die Erlaubniß im Frieden auszuleben , beschränkt zu haben . Ich besuche ihn öfters ; er scheint mich gern zu sehen , weil ich ihm immer etwas Angenehmes von dir zu erzählen weiß . Ich danke den Göttern , daß ich zu unbedeutend bin , um in diesen gefährlichen Zeitläuften eine Rolle spielen zu müssen , und nicht ehrgeizig oder unruhig genug , um etwas bedeuten zu wollen . Meine Familie ist durch die goldene nie genug gepriesene Mittelmäßigkeit vor Neid und Raubgier gleich gesichert ; und so lange wir uns , wie bisher , des Schutzes deines edeln Bruders erfreuen können , ist der Antheil den wir an der allgemeinen Ruhe des Vaterlandes nehmen , das einzige was die unsrige stören kann . Leider fehlt noch viel , daß wir uns der Hoffnung bess ' rer Zeiten frohen Muthes überlassen dürften . Die demokratische Partei ist noch nicht gedämpft , und unsre dermalige Regierung , zu sehr mit der innern Polizei beschäftigt , scheint den Bewegungen ihrer Feinde mit einer Gleichgültigkeit zuzusehen , die ich mir nicht wohl erklären kann . Gewiß ist , sie muß ihre Ursachen dazu haben ; ungewiß , ob der Ausgang sie rechtfertigen wird . 29. Aristipp an Ariston . Das Glück hat deine Wünsche begünstiget , Ariston ; du hast das höchste Ziel des menschlichen Ehrgeizes erreicht . Unglücklicher Weise sind die Stufen , auf denen du bis zum Thron hinauf gestiegen bist , mit Bürgerblut befleckt . Wenn du ihn nur durch Verbrechen ersteigen konntest , so glaube wenigstens den Schmeichlern nicht , die dich bereden wollen , unter dem Glanz des Thrones würden auch Verbrechen schön . - Doch , das Geschehene kann kein Gott ungeschehen machen : aber das Andenken desselben im Gedächtniß der Menschen auslöschen , kannst du selbst . Je größer die Opfer waren , die deine Erhebung dem Vaterlande kostete , desto größer und ausgebreiteter ist das Gute , das es jetzt aus deiner Hand zu erwarten berechtigt ist , da du alles vermagst . Den Weg haben dir Gelon , Hieron , Pisistratus und Perikles vorgezeichnet . Möge das Volk , das dich mit Jubel zu seinem König ausrief - und nicht wußte was es that - Ursache finden , noch in funfzig Jahren den Tag zu segnen , da es sein Wohl oder Weh in deine Hände legte ; und möge Ariston der König nie vergessen , daß er einst seines Volkes Mitbürger war ! 30. Aristipp an Lais . Nach einer Wanderung von mehr als fünf Monaten bin ich wieder wohlbehalten auf dem » öltriefenden Boden angelangt , den Pallas Athene beschützt ; « in dieser Stadt von welcher der Dichter Lysippus107 sagt : Hast du Athenä nicht gesehn , bist du ein Klotz , Sahst du sie und sie fing dich nicht , ein Stockfisch ; Trennst du dich wohlgemuth von ihr , ein Müllerthier . Ich hoffe dieß letztere werde nicht im strengsten Sinn der Worte zu nehmen seyn ; denn ich sehe wohl , daß ich Athen noch mehr als einmal wohlgemuth verlassen werde ; aber dafür bin ich auch gewiß , ich werde eben so oft wieder zurückkommen ; und ich müßte mich sehr irren , oder dieses wechselnde Kommen und Gehen ist das wahre Mittel , wie man der Vortheile und Annehmlichkeiten des Aufenthalts in dieser Hauptstadt der gesitteten Welt genießen kann ohne ihrer überdrüssig zu werden , oder sie von den übermüthigen , naseweisen und wetterlaunischen Einwohnern gar zu theuer zu erkaufen . Nimm es nicht übel , Laiska , daß ich von den edeln Theseiden , deinen erklärten Liebhabern , mit so wenig Ehrerbietung rede . Ich läugne es nicht , ein Fremder , der sich eine Zeit lang unter ihnen aufhält , und , es sey nun durch persönliche Eigenschaften oder durch Geburt , Stand und glänzenden Aufzug , ihre Aufmerksamkeit erregt , muß von ihrer Liebenswürdigkeit bezaubert werden ; aber lass ' ihn nur so lange bleiben , bis sie es nicht mehr der Mühe werth halten Umstände mit ihm zu machen : ich wette , er wird den Unterschied zwischen dem Athener im Feierkleide und dem Athener im Caputrocke sehr auffallend finden . Das ist allenthalben so , wirst du sagen . Ich gesteh ' es ; aber doch zweifle ich sehr , ob irgend ein anderes Volk dich die zuvorkommende Artigkeit und Gefälligkeit , womit es dich Anfangs überhäuft , so theuer bezahlen läßt , als der Athener , von dessen Charakter einer der wesentlichsten Züge ist , daß er Andere gerade so viel unter ihrem wahren Werth schätzt , als er sich selbst über den seinigen würdigt . Ich weiß nicht , ob du von einem Gemälde des berühmten Parrhasius gehört hast , worin er den schon vom Aristophanes so treffend personificirten Athenischen Demos108 in einer Art von allegorisch historischer Composition zu schildern unternahm . Seine Absicht , sagt man , war , die Athener von der schönen und häßlichen Seite , mit allen ihren Tugenden und Lastern , Ungleichheiten , Launen und Widersprüchen mit sich selbst , zugleich und auf einen Blick darzustellen . Es war keine leichte Aufgabe , eben dasselbe Volk rasch , jähzornig , unbeständig , ungerecht , leichtsinnig , hartnäckig , geitzig , verschwenderisch , stolz , grausam und unbändig auf der einen Seite , und mild , lenksam , gutherzig , mitleidig , gerecht , edel und großmüthig auf der andern , zu zeigen ; oder vielmehr , er unternahm etwas , das seiner Kunst unmöglich zu seyn scheint . Du bist vielleicht neugierig zu wissen , wie er es anfing ? Das Gemälde stellt eine Athenische Volksversammlung vor , welche , nachdem sie in möglichster Eile irgend eine Ruhm und Gewinn versprechende Unternehmung beschlossen , eine summarische Rechnung über Einkünfte und Ausgaben des Staats abgehört , und einen General etwas tumultuarisch zum Tode verurtheilt hat , eben im Begriff ist auseinander zu gehen . Man zählt mehr als hundert halbe und ganze Figuren , von welchen die bedeutendsten in drei große Hauptgruppen vertheilt sind . In der ersten ist der Demagog , der so eben irgend ein ausschweifendes Project ( etwa die Eroberung von Sicilien oder Aegypten ) durch seine rhetorische Taschenspielerkunst durchgesetzt hat , die Hauptfigur . Das hoffärtigste Selbstgefühl und der Vorgenuß des Triumphs über den glücklichen Erfolg seiner Vorschläge , den er als etwas Unfehlbares voraussetzt , ist in der ganzen Person , im Tragen des Kopfs , im Ausdruck des Gesichts , und in der ganzen Haltung und Gebärdung des stolz einherschreitenden Projectmachers auf die sprechendste Weise bezeichnet . In den Gesichtern und Stellungen seiner ihn umgebenden Anhänger zeigt sich , in verschiedenen Schattirungen , Leichtsinn , Selbstgefälligkeit , Kühnheit und herausfordernder Trotz . Es ist als ob sie sagen wollten : » Das kann nicht fehlen ! Arme Schelme ! wir wollen bald mit euch fertig seyn ! Wer kann den Athenern widerstehen ? Was wäre Männern wie wir unmöglich ? « Gleichwohl bemerkt man hinter jenen ein Paar Achselzucker , die dem Unternehmen einen unglücklichen Ausgang zu weissagen scheinen ; ein dritter hängt den Kopf so melancholisch als ob schon alles verloren sey ; ein vierter scheint mit einem schwärmerischen Beförderer des Projects in einem lebhaften Wortwechsel begriffen zu seyn . Die zweite Gruppe drängt sich um den Schatzmeister der Republik , der seine Freude über die Gefälligkeit , womit ihm das Volk seine Rechnungen passiren ließ , unter einer sorgenvollen Finanzministermiene zu verbergen sucht . Ein Schwarm lockerer Brüder , im vollständigen Costume ausgemachter Kinäden und Parasiten , schlendern neben und hinter ihm her , und scheinen , in fröhlichem Gefühl , daß es weder ihnen selbst noch der Republik jemals fehlen könne , einen großen Schmaus auf den Abend zu verabreden . Ein anderer , der sich durch die schlaueste Schelmenphysiognomie auszeichnet , und etliche hungrige zu allem bereitwillige Gesellen hinter sich her schleichen hat , nähert sich dem Ohr des Ministers , und scheint ihn durch Darbietung der halb offnen Hand der versprochnen Erkenntlichkeit für den geleisteten Dienst erinnern zu wollen . Aber auf der Seite sieht man ein paar ältliche heliastische Figuren , mit bedenklichen Gesichtern , deren einer dem andern die Fehler in der abgelegten Rechnung vorzuzählen scheint , während ein dritter allein stehender , den sein schäbiger Kittel und ein Gesicht , das einer mit Zahlen beschriebenen Rechentafel gleicht , für das was er ist ankündigt , auf einem Stückchen Schiefer nachrechnet , und durch die Miene , womit er seitwärts nach dem Schatzmeister schielt , den nahen Staatsbankrott weissagt . Die dritte Gruppe begleitet den verurtheilten Feldherrn nach dem Gefängniß . Einige , die ihn zunächst umgeben , drücken in verschiedenen Graden Theilnehmung , Schmerz und Mitleiden aus ; während er selbst seinem Schicksal mit großherziger Entschlossenheit entgegen geht . In einiger Entfernung sieht man einen Haufen Sykophanten und falsche Zeugen hinter etlichen Männern von Bedeutung , die sich durch ihre boshafte Freude über den gelungenen Streich als die Feinde des verurtheilten Feldherrn ankündigen . Ein einzelner junger Mann , an eine Herme angelehnt , scheint durch seine Gebärde und einen wehmüthig scheuen Seitenblick auf das schuldlose Opfer einer schändlichen Cabale seine Reue zu verrathen , daß er die Anzahl der schwarzen Steine durch den seinigen vermehrt hat . Außer diesen Hauptgruppen erblickt man hier und da einzelne oder in kleine Haufen verstreute Figuren , die , an dem Vorgegangenen keinen Antheil nehmend , nichts Angelegener ' s zu haben scheinen , als der Palästra , oder dem Bad , oder dem Prytaneon , wo eine wohlbesetzte Tafel ihrer wartet , zuzueilen . Alles das ist mit eben so viel Geist und Leben als Fleiß und Zierlichkeit ausgeführt , und gewiß ist dieses in seiner Art vielleicht einzige Meisterwerk die große Summe werth , für welche ein reicher Kunstliebhaber zu Mitylene es vor kurzem an sich gebracht hat . Indessen , wiewohl ich gestehen muß , daß Parrhasius wo nicht die einzige , doch die sinnreichste und verständigste Art , das , was er uns durch dieses Gemälde zu errathen geben wollte , anzudeuten , ausfindig gemacht habe , ist doch nicht zu läugnen , daß seine Absicht , - wenn es anders seine Absicht war , die Veränderlichkeit und Vielgestaltigkeit des alle mögliche Widersprüche in sich vereinigenden Charakters des Athenischen Demos allegorisch darzustellen - nur unvollkommen und zweideutig dadurch erreicht wird . Denn was er uns darstellt , ist nicht die personificirte Idee , die man mit dem Worte Volk verbindet , insofern ihm ein gewisser allgemeiner Charakter zukommt ; sondern eine Menge einzelner Glieder dieses Volks , in der besondern Handlung , Leidenschaft oder Gemüthsstimmung , worein sie sich in diesem Moment gesetzt befinden . Die Arbeit , sich selbst einen allgemeinen Volkscharakter aus allen diesen Ingredienzen zusammenzusetzen , bleibt dem Anschauer überlassen ; aber auch dieser kann doch , da alles das eben so gut zu Korinth oder Megalopolis oder Cyrene hätte begegnen können , weiter nichts als den Charakter des Volks in einer jeden Demokratie darin aufsuchen ; und der Maler hat diesen Einwurf dadurch , daß er die Scene auf den großen Markt zu Athen setzte , höchstens aus den Augen gerückt , aber keineswegs vernichtet . Doch , wie gesagt , die Schuld , daß er nicht mehr leisten konnte , liegt nicht an ihm , sondern an den Schranken der Kunst ; und , außerdem daß dieses Stück , bloß als historisches Gemälde betrachtet , alle Wünsche des strengsten Kenners befriediget , gesteh ' ich gern , daß man auf keine sinnreichere Art etwas Unmögliches versuchen kann . Ich bin durch diese zufällige Abschweifung ziemlich weit von dem , was ich dir schreiben wollte , weggekommen ; aber da ich dieß treffliche Stück noch so frisch im Gedächtniß habe , und du eine so warme Liebhaberin der Kunst bist , so konnte ich , oder wollte ich - doch , wozu bedarf es einer Entschuldigung ? Was ich geschrieben habe , steht nun einmal da , und ich komme noch immer früh genug dazu , dir ins Ohr zu sagen , daß du mir , wie es scheint , mit deinem Versuch , das Herz meines alten Chirons durch eine Kriegslist zu erobern , keinen sonderlichen Dienst bei ihm geleistet hast . Ich finde ihn seit meiner Zurückkunft noch merklich kälter als zuvor , und seine Vertrauten begegnen mir so fremd und vornehm , daß ich oft alle meine Urbanität zusammennehmen muß , um - ihnen nicht ins Gesicht zu lachen . Aber ich habe eine andere Manier sie zu ärgern ; ich thue als ob ich nichts merke , benehme mich gegen Meister und Gesellen wie vorher , und sehe den erstern fast täglich an öffentlichen Orten , wiewohl selten in seinem Hause . Um meine müßigen Stunden auszufüllen , übe ich mich mit einigen der besten Citharisten in der Musik , und lasse mir von dem berühmten Hippias Unterricht in der Redekunst geben . Er ist theuer ; aber er könnte doppelt so viel fordern , ohne daß ich es zu viel fände , so groß ist das Vergnügen , ihn reden zu hören . Seine gewöhnliche Methode ist , heute für , morgen gegen einen Satz zu sprechen . Die Sokratiker nehmen ihm das übel ; mit Unrecht , dünkt mich . Es gibt schwerlich ein besseres Mittel , die Urtheilskraft zu schärfen , und sich vor Einseitigkeit und Unbilligkeit gegen anders Denkende zu verwahren , als wenn man jede Sache von allen ihren Seiten und im verschiedensten Lichte betrachtet . Noch eine Ursache , warum ich den Umgang mit Hippias liebe , und ihn so oft als möglich sehe , ist seine große Menschenkenntniß ; versteht sich , der wirklichen Menschen , wie sie leiben und leben , und des Laufs der Welt , nicht wie wir ihn alle gern hätten , sondern wie er ist . Du kannst dir leicht vorstellen , Laiska , daß ich mich durch diese kleine Vorliebe für einen Sophisten , von welchem die Anhänger des Sokrates , besonders der junge Plato , mit der größten Verachtung sprechen , schlecht bei den letztern empfehle ; zumal , da ich seit meiner Zurückkunft meine Art zu leben abgeändert habe , mich besser kleide , etliche Bediente und einen Sicilischen Koch halte , und wöchentlich ein oder zweimal die artigsten Leute , die ich hier kenne , zum Abendessen einlade . » Auch Hetären ? « fragst du mit deiner eignen schelmischen Miene - Hetären ? Nein , bei allen Grazien des weisen Sokrates und der schönen Lais ! - Hoffentlich nimmst du das nicht so , als ob ich dir ein Compliment damit machen wolle . Ich würde mich selbst verachten , wenn mir eine solche Katachresis109 nur im Traum einfallen könnte . Nie , nie wird es mir möglich seyn , mir das liebenswürdigste aller weiblichen Wesen anders als einzig in ihrer Art , geschweige unter einer Rubrik zu denken , die ich auch dann , wenn sie mit lauter Korinnen , Melissen und Aspasien besetzt wäre , ihrer noch unwürdig finden würde . Ich kenne dermalen keine dieses Standes in Athen , die eine Gesellschaft , wie diejenige , die ich zuweilen bei mir versammle , zu verschönern liebenswürdig genug wäre . Aber schicke mir nur diejenige unter deinen Nymphen , die es am wenigsten ist , und sie soll durch einen einstimmigen Beschluß zur Königin unsrer kleinen Symposien ernennt werden . 31. Lais an Aristipp . Ich habe Uranien zwei schneeweiße Täubchen und dem Wogenbändiger Poseidon einen Stör von der ersten Größe für deine glückliche Wiederkunft geopfert . Ein schwarzer Stier mit vergoldeten Hörnern ist ihm auf den Tag gelobt , an dem wir uns in Aegina widersehen werden . Es ist doch eine schöne Sache , Freund , so in der Welt herumzustreichen , und alles was groß , selten und sehenswerth ist , mit seinen eignen Augen zu besehen . Die Beschreibung , die du mir von dem Gemälde des Parrhasius zu Mitylene gibst , könnte mich leicht dahin bringen , selbst nach Lesbos zu reisen , um mich gewiß zu machen , daß die Kunst binnen dreißig bis vierzig Jahren schon zu einer solchen Höhe hinaufgestiegen sey . Leontides sagte mir , sein Landsmann und Zeitgenoß Kleophant habe für einen großen Maler gegolten , weil man einige Verschiedenheit in den Gesichtern seiner Figuren wahrgenommen ; von Ausdruck der Leidenschaften , Gemüthsregungen und Sitten hatte man damals noch keinen Begriff , und an die feinern Bezeichnungen der Gradationen in allem diesem war vollends gar nicht zu denken . Aber die sinnreichen Anmerkungen , die du über die verfehlte Absicht des Künstlers und über die Unmöglichkeit , den Charakter eines ganzen Volkes in einer historiirten Allegorie zu personificiren , machst , hättest du dir , dünkt mich , ersparen können , mein lieber Philosoph . Wer sagt dir denn , daß Parrhasius eine solche Absicht hatte ? oder wie kannst du dir einbilden , ein Maler , der das alles , was du an seinem Werke rühmst , leisten konnte , habe etwas unternehmen wollen , das der Kunst unmöglich ist ? Ich bin gewiß , es fiel ihm so wenig ein , das Attische Volk , insofern es sich als eine moralische Person denken läßt , in diesem Gemälde darstellen zu wollen , als die Anwohner der Imaus , oder das Volk im Mond . Warum wollen wir ihm eine andere Absicht leihen , als die sich in seinem Werke selbst ankündigt ? Warum soll es noch etwas andres seyn als es augenscheinlich ist ? Parrhasius wollte eine auseinandergehende Athenische Volksversammlung malen , und zwar so , daß wir errathen könnten was in derselben verhandelt worden , und wie es überhaupt darin zuzugehen pflege . Es war ein sinnreicher Gedanke , und , ihn auszuführen , unläugbar eine Aufgabe , an die sich nur ein großer Meister wagen durfte . Deiner Beschreibung nach , hat er das , was er leisten wollte , wirklich in einem so hohen Grade geleistet , daß die Kunst in Andeutung dessen , was sie dem Scharfsinn des Anschauers überlassen muß , schwerlich weiter gehen kann . Was wollt ihr noch mehr ? Die Nachricht , die du mir von dem Benehmen der Sokratiker und des Meisters selbst gegen dich gibst , hat für mich nichts Unerwartetes . Alles , dünkt mich , ist wie es seyn kann : wenn jeder bleiben soll , wozu ihn Natur und Umstände gemacht haben , könnt ihr in keinem andern Verhältniß mit einander stehen , und ich bin mit deinem Betragen gegen sie völlig zufrieden . Dein neuer Freund Hippias ist mir nicht so neu als du zu glauben scheinst . Ich lernte ihn schon vor einigen Jahren bei meinem Alten kennen , und ich müßte mich sehr irren , wenn es ihn schwer ankommen sollte , bloß mir zu Gefallen nach Korinth zu reisen . Wenn er ' s thäte , so ist er bis jetzt vielleicht der einzige , der dir gefährlich werden könnte . Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein , daß ich dir eine vor kurzem gemachte Entdeckung mitzutheilen habe . Oder solltest du es vielleicht schon wissen , daß sich ein zärtliches Herzensverständniß zwischen meiner kleinen Musarion und deinem wundervollen Freunde Kleombrotus angesponnen hat , wovon wir beide ( ich weiß nicht recht warum ) während der ganzen acht Tage , die er , vor eurer Reise , in meinem Hause zu Aegina mit uns lebte , nichts gewahr wurden . Wie hätt ' es aber auch zugehen sollen ? Sie hielten die Sache so geheim , daß die Hauptpersonen selbst , wenn es nur irgend möglich wäre , nichts davon gewahr worden wären . So lange sie einander alle Tage sehen und sprechen konnten so viel sie wollten , war die Sprache der Augen die einzige , wodurch ihre liebenden Seelen sich einander mittheilten . Gäbe es , um einen jungen Hercules , der lauter Geist ist , mit einer niedlichen kleinen Hebe , die lauter Seele ist , in Verbindung zu setzen , noch ein geistigeres Mittel als Blicke , so würden ihnen sogar Blicke noch zu materiell geschienen haben , um sich ihrer zu Unterhaltung dieser heiligen Flamme zu bedienen , die sich im Augenblick der ersten Annäherung , wie durch einen aus heiterm Himmel plötzlich herabfallenden Blitz , in ihren congenialischen Seelen entzündete . Dieß ersehe ich aus einem Briefe des erhabnen Kleombrotus an meine kleine Muse , worin er unter andern sagt : » O Musarion ! Warum können Seelen wie die unsrigen einander nicht unmittelbar berühren , unmittelbar umschlingen , durchdringen und in einzige zusammenfließen ! Warum muß ich Armer ein so dürftiges , kaltes , kraftloses , kümmerliches Mittel , als Worte sind , zu Hülfe nehmen , um dir zu sagen , was keine menschliche Sprache , was die Sprache der Götter selbst nicht aussprechen kann , - wie ich dich liebe ! « - Du fragst mich ,