für sein ungeberdiges Wesen um Verzeihung und wagte es , überwältigt schon von der unendlichen Milde in Bonaventura ' s Ton , unter dem Siegel der Beichte , seinen Vorgesetzten zu bitten , zur Frau Schmeling und zu jener Lene zu gehen und - den Versuch zu machen , die ihm drohende Gefahr abzuwenden ... Bonaventura fand sich bereit dazu ... Er betrat das Häuschen der Hebamme , redete ihr , ihrer Magd und der noch anwesenden Lene , jeder erst unter vier Augen , dann allen zugleich zu , die Verfolgung des Pfarrers von Sanct-Libori zu unterlassen ... Die nicht kleinen Summen , die es zu bieten gab , um ein Schweigen nach allen Seiten hin zu erwirken , legte er aus ... Ach , wie unrein schienen ihm seine Hände , als er sich aus diesem Hause entfernte ! ... Die Küsse , die man ihm darauf gedrückt hatte , mehrten nur das brennende Gefühl , sich in unwürdiger Berührung befunden zu haben ... Diese Verrichtung des Mitleids brachte Bonaventura um die Gelegenheit , den Düsternbrook und die beiden Eremiten zu besuchen ... Er hörte nur , daß sie vom Zustrom der Umgegend heimgesucht und Gegenstand der lebhaftesten Verhandlungen zwischen ihrem Kloster , seinem Stiefvater und den Behörden waren ... Jetzt waren sie auf dem Wege nach Rom ... Auf Westerhof erschien er dann wirklich noch persönlich zur ernsten Abschiedsfeier ... Aber als Priester - als schwankes Rohr , als » Begriff , den zwei Jahrtausende mit bunten Kleidern behängen « ... Vor allem , was er dann doch vielleicht blindlings aus einer Todesurne hätte ziehen können , bewahrte ihn Paula selbst ... Sie war , erzählte er wieder dem Onkel , gerade entschlummert ... Der Oberst ließ seine Hand auf ihr ruhen und sprach mit ihr wie mit dem willenlosen Werkzeug seiner eigenen Kraft ... Verwandtschaftlicher Rechte sich bedienend , fragte sie der Oberst mit Vertraulichkeit : » Siehst du den , der eben ins Zimmer tritt ? « ... » Sie sieht ihn ! « lautete die Antwort ... » Willst du mit ihm sprechen ? « ... » Sie stört ihn ! « ... » Warum stört sie ihn ? « ... » Er opfert . « ... » Siehst du einen Priester ? « ... » Einen Bischof ! « ... » Ist er allein ? « ... ... » Kinder stehen um ihn ! « ... » Sie tragen leinene Streifen am Arm ? « ... » Du sagst es ! « ... » So firmelt dein Freund die Knaben und die Mädchen ... Redet er ? ... Sprich ihm nach , was er redet ! « ... » Ich glaube an Gott , den Schöpfer Himmels und der Erden , an die Liebe , die Erhalterin der Welt , gelehrt durch Jesus Christus , an den Geist der Wahrheit , der uns zur ewigen Hoffnung führt ! « ... Wieder traten die zahlreich Umstehenden befangen zurück ... Wieder war es eine jener » incorrecten « Visionen wie Frau von Sicking zu sagen pflegte ... Paula sprach , nach des Onkels Ansicht , einen Glauben aus , den sie in Bonaventura ' s und des Obersten Innerstem zu lesen glaubte ... Das erzählte aber Bonaventura nicht , daß er sich damals , noch ehe sie erwachte , losriß mit Thränen im Auge und abreiste , begleitet von den Dank- und Segenswünschen aller derer , die ihm nahe gekommen waren - von denen seiner Mutter an , die ihn in Witoborn noch an der Post überraschte , bis auf den Händedruck Müllenhoff ' s , der ihm flüsternd - » in monatlichen Raten « zurückzuzahlen versprach , was seine Güte unter dem Dach der Verschwörer für den neuen Concordatsstifter und exemplarischen Bußheiligen verauslagt hatte ... Paula hatte Bonaventura als Bischof gesehen ... Der Onkel verlangte , daß Bonaventura auch in seinen Wirkungskreis nicht ohne eine höhere Würde zurückkehrte ... Begib dich , wenn sie dir nicht zu Willen sind , solange in ein Kloster ! ... Ein Mensch wie du darf nur fallen , um desto größer wieder aufzustehen ... Und die Leiden des Gemüths seines Neffen wol überblickend , sprach er : Armer Thor , was senkst du das Haupt und kannst dich in dein priesterlich Erbtheil nicht finden ! ... Zwei weibliche Schatten umkreisen dich ! Ein dunkler und ein lichter ! ... Jenen fliehst du und diesen wagst du nicht festzuhalten ! ... Ich bin dir kein Muster , aber ich könnte dir bessere Naturen , als die meinige nennen , die auch eines Tages zwischen dem Gott in der Natur und dem Deus in pyxide wählten und für ersteren entschieden ... Und ein andermal sprach er : Sagst du für Franz von Sales gut ? ... Ich theile alle Heiligen in drei Klassen ... Solche , die die verbotene Frucht bereits brachen und denen es dann , als sie satt waren , leicht wurde , in die Wüste zu gehen - in diesem Sinne haben wir noch jetzt Millionen Heilige und seit zwanzig Jahren bin ich der Allerheiligste unter ihnen - Dann in solche , die entweder geborene Narren waren oder es wurden , weil sie gerade auf den Naturtrieb hin , um diesen und nur diesen zu unterdrücken , das Tollste erfanden - wahre Casanovas der Frömmigkeit nenn ' ich sie ... Ihre innerste Sinnenqual versetzte sich ihnen , wie bei einer jungen Mutter die Milch in den Kopf steigen kann , so in religiöse Narrheit ... Endlich die dritte Gattung sind jene ganz geschlechtslosen Constitutionen , bei denen die Tugend eine fehlerhafte Organisation ihres Körpers ist ... Diese Halblinge findest du meistens unter äußerlich imponirenden Gestalten ... Darauf hin konnte auch mein Leo Perl in Paris ruhigen Bluts zusehen , wenn sich die andern im Palais-Royal ergingen ... Sei überzeugt , alle die Heiligen , die nicht auf die Klasse I und II paßten , gehörten zur Klasse III ! Wasserpflanzen , wo auch die ganze Kraft - wie da drüben auf meinem Weiher ! - in den breiten , trägen , schönen Blättern liegt ... Solche Gespräche gab es häufig , selbst in Gegenwart Benno ' s beim Wandeln durch den Park , unter den eben sich erst mit dem jungen Laub ganz schließenden Alleedächern , beim Zwitschern der Vögel , beim Duft der Blütenpyramiden der Kastanienbäume , der Maiblumen und Narcissen auf den Buchsbaumbeeten , beim Schimmern der Dotterblumen von den Wiesen her ... Einmal an einem Strauch von Weißdorn still stehend , sagte Bonaventura : Onkel , ich bin so weit gekommen , daß ich an einem solchen einzigen Blatt , wie du hier siehst , stundenlang beobachten kann ! ... Sieh , es hat sich eben aus seiner Knospe entrollt ! Wie zart dies Grün ! Wie sanft aufgekräuselt die Windungen des kleinen Sprosses ! Die kleinen Härchen , die auf dem jungen Keime sitzen , möchte man zählen ! Es gibt nichts , was uns gegen alles das retten kann , was du schilderst , als die Betrachtung des Kleinsten ! ... Ich heuchle dir nicht Frömmigkeit , nicht mehr Begeisterung für meinen Beruf , den ich schmerzlich erkannt habe - ich habe aber ein Vergessen des Allgemeinen und meiner selbst in einem kleinen stillen Glück wie dem hier - vor einem solchen Frühlingsblatt ... Das sind bei mir die Radirungen und Kupferstiche ... sagte der Onkel , der für seine vorjährigen Warnungen gegen Rom eine frühzeitige Genugthuung erhielt ... Benno mußte zeitiger nach der Stadt zurück ... Er reiste an seiner Seele wie mit Adlerschwingen ... Er hoffte sich zunächst von einem Staatsleben freimachen zu können , das damals für den Menschen in seiner angeborenen Freiheit keine Bürgschaft bot ... Er wollte im Herbst über Wien nach dem Süden ... Er widersprach dem Onkel nicht , als dieser , ohne daß es Bonaventura hörte , sagte : Vielleicht kannst du die Angelegenheiten Paula ' s zu einem guten Ende führen ! Vielleicht deiner verwilderten Schwester die Nachfolgerin geben , die dem Hause Salem-Camphausen unerläßlich ist ! Schon hör ' ich , daß die Gräfin Erdmuthe nach Schloß Westerhof reisen und versuchen wird , alle Bedenklichkeiten persönlich zu beseitigen ... Bonaventura war bei diesen Worten wol zugegen , hörte sie aber nicht ... Er sah zu den Bäumen auf , unter denen sie dahinwandelten , und sprach , als beide näher kamen : Wie doch seit Jahren der Fink immer nur wieder zwischen denselben Resten sich ansiedelt , die Nachtigall denselben dunklen Busch sich sucht , die Schwalbe in demselben Gesims an deinem Portale haust ... Ein solches Heimatsgefühl ! ... Jeder findet sein rechtes Nest ... sprach nach einigen weitern Schritten ruhigen Wanderns der Dechant ... Auch - Paula wird wissen , daß die Liebe zu einem römischen Priester nicht zu den Möglichkeiten dieser Erde gehört und - wird nach Wien gehen ... Ich will sie selber trauen ! fiel Bonaventura mit einem zuckenden Schmerzensausdruck ein ... Es war ein Wort von solcher Schwere , daß der Dechant und Benno erschüttert schweigen mußten ... Letzterer gedachte auch des immer mehr ihm und Andern verklingenden Namens : - Armgart ... Als Benno dann abgereist war , kam in der Dechanei ein neuer Brief von Monika ... Das war ein Erguß frischer und gesunder Lebensanschauungen ... Sie berichtete dem Dechanten von einer nothwendigen Reise des Obersten nach England - von einem vielleicht gelegentlichen Abholen der Gräfin Erdmuthe - von Armgart ' s Begleitung des Vaters nach England - von Paula ' s leider schon bedenklich eingerissener Gewöhnung an die magnetische Behandlung durch ihren Gatten - von der Angst und Sorge , die man nun ohne ihn über ihren Zustand haben müsse ... Bei Erwähnung der gegen Bonaventura gerichteten Anklagen , deren Kunde schon bis Witoborn gedrungen war , sprach sie von dem einstimmigen Urtheil aller Betheiligten , daß die Ehe mit dem Grafen Hugo geschlossen werden müßte ... Monika bekannte sich als entschiedenste Beförderin dieser Verbindung ... Graf Hugo wäre eine Natur mit Eigenschaften , die nur entwickelt zu werden brauchten , um vor ihm mehr , als Achtung , sogar für ihn Neigung zu empfinden ... Bequemen Temperaments , wollte er beherrscht sein und jeder müsse ihm eine würdigere Leitung wünschen , als er sie bisjetzt gefunden ... Was an Terschka noch allenfalls Gutes wäre , verdanke dieser dem Grafen ... Der jesuitische Intriguant hätte die Macht einer guten und harmlosen Natur so auf sich einwirken gefühlt , daß er an seinen Aufträgen irre geworden wäre ... Wenn Paula in ein Kloster ginge , würde sie nach wenig Jahren eine Beute des Todes sein ... Sie müsse die Gräfin von Salem-Camphausen werden ... Der Domkapitular von Asselyn müßte sogar die Kraft über sich gewinnen , selbst die Hand zu bieten zu dieser nach allen Richtungen hin bedeutungsvollen gemischten Ehe ... In dem lieblichen Salem , in dem , wie sie gehört hätte , noch glückseligeren Thale von Castellungo würde die junge Gräfin , als Gattin , als Mutter blühender Kinder , als Theilnehmerin an den vielen gemeinnützigen Unternehmungen der Gräfin Erdmuthe , Lebenslust und Lebenskraft gewinnen ... Alle , alle , ihre Schwester Benigna , Onkel Levinus , die Bewohner von Neuhof wären der gleichen Meinung ... Die einzige Armgart , die noch immer widerspräche , hätte sie auch deshalb mit dem Vater nach England geschickt , wo sie überhaupt bei Lady Elliot eine Zeit lang bleiben und neue gesunde , praktische Anschauungen gewinnen müsse ... Armgart hätte sich indessen bei einigen Conflicten in der That mit großem Muth benommen und wäre seit den drei Tagen Correctionsgefängniß im Mühlenthurm mehrfach anders geworden ... Die Begegnung mit Terschka fürchte sie nicht mehr ; London wäre wie ein Ameisenhaufen ; Armgart hätte Kraft und Charakter aus Instinct schon immer gehabt - jetzt fange sie auch an , zu wissen , was sie wolle ... Das war eine Sprache , als sah man die kleine junge Frau ihre grauen Locken schütteln und mit blitzendem Auge , frischer Wange , ihren weißen Zähnen aller Bedenklichkeiten geringschätzig lächeln , die nach ihrem Sinn nur krankhafte Empfindsamkeit geltend machen konnte ... Der Dechant war ganz gleicher Ansicht ... In dem kleinen grünen Studierzimmer , wo die Worte nicht so ungehindert gewechselt werden konnten , wie unten im Garten und im Park , den zu besuchen nicht jedem Bewohner der Stadt erlaubt war , lasen Beide diesen Brief ... Gestört von dem Rollen der Thüren und dem Horchen und Bangen Petronellens , erhob sich Bonaventura , riß sich von der Hand des Greises , die ihn halten wollte , los und eilte erst in den Park , den er eine halbe Stunde lang wie ein Geistesabwesender durchschritt , dann flog er auf sein Zimmer , um an Levinus von Hülleshoven zu schreiben ... Er hätte mit Bedauern gehört , schrieb er , daß sich die Leidenszustände Paula ' s vermehrten , daß ihr Leben schon ganz abhängig zu werden drohte von einer Einwirkung , die beiden Theilen zuletzt die drückendsten Verpflichtungen auferlegte ... Auch von den fortgesetzten Bildern und dem Sinn der Träume des edeln Mädchens hatte er gehört und beklage schmerzlich , daß sie übel gedeutet würden ... O könnte man doch , klagte er , ganz den Vorhang schließen , der sie in ein Land blicken ließe , für dessen Beurtheilung der Welt alle Bedingungen fehlen ... Sie sollte dem Zug der Demuth folgen , der stets in ihrer reinen Seele der vorwaltende gewesen ... Nimmermehr aber sollte sie ihre Wünsche auf ein Kloster richten ... Er gestünde es offen , seine Einblicke in die Klosterwelt wären die enttäuschendsten ... Wie im Kloster Himmelpfort wär ' es überall , nur vielleicht da ausgenommen , wo man Kranke heilte ... Paula wäre selbst des Arztes bedürftig ... So müsse sie denn hinaus auf die hohe Flut des Lebens ... Sie müsse Gott vertrauen und wie eine treue Magd sich jenem Dienste widmen , der dem Weib schon im Paradiese angewiesen worden , eine Gehülfin zu sein dem Manne ... Wenn sie den Grafen Hugo in sanfterer Weise , als durch die Intrigue der Gesellschaft Jesu versucht worden , in den Schoos einer Kirche führte , die ein Zusammensein im Schoose der Seligen auch von dem gleichen Bekenntniß auf Erden abhängig mache , so löste sie , wenn sie das wolle oder könne , eine sie vielleicht erhebende Aufgabe ... Ein Mann sei ja jedem Weibe , das von ihm zur Ehe genommen würde , vorher ein unbeschriebenes Blatt ... Selbst ein längeres Ergründen und Kennen des Verlobten schlösse ein Räthselhaftes nicht aus , das sich ganz erst in der Ehe selbst lüften könne ... Wie aber auch der Erfolg dieser Ehe sich ergäbe und wenn die Glaubensbekenntnisse sich auch nicht vereinigten , so sollte sie dem fremden Mann vertrauensvoll die Hand nicht weigern ... Ja , wenn ihm die Gräfin seinen eigenen Priesterberuf , den Beruf der Entsagung auf eigenes Glück und der Fürsorge nur für fremdes , zu einer besondern Weihe erheben wolle , so sollte sie ihm die Ehre und die in Gott empfundene Seligkeit gönnen , daß Er es wäre , der - entweder zu St.-Libori oder in Wien , wohin zu reisen er deshalb zu jeder Stunde bereit wäre - ihre Hand in die des Grafen Hugo legte ... So schrieb er und als der Brief geendet und zur Post gegeben war , umarmte er den Onkel mit den Worten : Laß mich so ! ... Jeder Mensch schafft sich seine eigene Religion und ist sich sein eigener Priester ! 4. Mit gehobener Kraft verblieb Bonaventura noch einige Tage auf der Dechanei ... Sein Ringen nach einer idealen Lebenshöhe hatte einen neuen Anhalt , einen neuen Rundblick gewonnen ... Schmerzlich genug war er erkauft ... Aber er hielt ihn fest mit dem leuchtenden Aufblick der innern Verklärung und des Gefühls , sich eins zu wissen mit dem unerforschlichen Verhängniß ... An die Wirkung seines Briefes in Westerhof mochte er nicht denken ... Er stürzte sich in das Allleben der Natur , umfaßte nicht mehr zagend und bangend blos das Einzelne ... Beim Besteigen der grauen Berglehnen , die durch die noch wenig belaubten Weinstöcke noch kahler erschienen , umzog sich vor seinem Blick aus der eigenen Brust heraus alles wie schon mit den Früchten des Herbstes ... Mit Gewalt wollte er sich helfen ; er grüßte freundlicher , er stand denen Rede , die ihm im Felde begegneten , auch denen , die ihm nachschlichen , wie - Löb Seligmann , der seit einigen Wochen in seine Heimat zurückgekehrt war und sich hoffnungsvolle Ernten auf Reps und Taback suchte , auf die er Vorschüsse gab ... Das war die sicherste Anlage seiner um Witoborn verdienten Gelder ... Und wäre nun Bonaventura bei all seiner Menschenliebe doch darin weniger » Egoist « gewesen , daß er mehr aus andern heraus die Menschen und Dinge beurtheilt hätte , hätte er ein wenig mehr neugierige Vertiefung in das irrende Flimmern der kohlschwarzen Augen Löb ' s , ein wenig mehr Lesekunst geübt in den so eigentümlich fragwürdig stehen bleibenden Lachmienen desselben - er hätte ja selbst zu ihm sprechen müssen : Nicht wahr , Herr Seligmann , seitdem Sie zur Hälfte unser Viergespräch auf Schloß Neuhof belauschten , sagen Sie auch : » Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden , als unsere Schulweisheit sich träumen läßt « ? ... In der That , so kann kein Beichtvater ( in verbotener Weise ) lächelnd an denen vorübergehen , die ihm gestanden , daß sie keineswegs das sind , was sie vor der Welt erscheinen , als Löb Seligmann im wogenden Kornfeld , unter blauen Cyanen , im Wiederklang der von seinem innersten Herzen gesungenen Rossini ' schen Tyrolienne : » Blütenkränze , Lust und Tänze « den hochgestellten jungen Geistlichen nicht blos grüßte , sondern endlich einmal auch wie mit dem Wort : Ich weiß alles ! anredete ... Er näherte sich ihm auf Fußzehenweite ... Sein ganzes Herz war übervoll von dem Frevel des Dechanten , den man noch » leicht auf die Festung bringen « konnte , von den leider nur halb erfahrenen criminalistischen Thatsachen aus dem Leben Leo Perl ' s , übervoll um so mehr , als er nur einer einzigen Seele auf Erden , Veilchen Igelsheimer , vollständige , der Hasen-Jette , seiner Schwester , und David Lippschütz nur leise Andeutungen über seine Geheimnisse gegeben hatte ... Dennoch brachte sein Mund zum tiefgezogenen Hute , als Bonaventura stehen blieb und fragte : Wünschen Sie etwas , Herr Seligmann ? in äußerster Verlegenheit nichts hervor von dem geheimen Betrug einer italienischen Primadonna , nichts von der Herzogin von Amarillas , nichts von Leo Perl ' s erster geistlichen Handlung auf Veranlassung des » Alcibiades « drüben in der Dechanei , als das Wort : Ich wollte - um Vergebung - Herr Domkapipitular - wollte nur fragen - Erlauben Sie - ist wol noch Bröder ' s lateinische Grammatik gut genug - zu gebrauchen zum Unterricht für einen hoffnungsvollen Knaben ? ... Zu Gunsten des immer kräftiger auf die Beine gekommenen David Lippschütz , des kleinen Voltaire von Kocher , ließ Bonaventura sich auf alle Vorzüge eines wahrscheinlich durch Löb vom Antiquar erstandenen alten » Bröder « ein und nannte berühmte Gelehrte , die auch ohne den » Zumpt « ein classisches Latein geschrieben hätten ... Nach diesen lehrreichen Auseinandersetzungen , denen Löb nur zu zerstreut zuhörte , war ein Rückblick auf Witoborn und Umgegend nicht zu vermeiden ... Löb erzählte , was er » nach dem Herrn Domkapipitular « noch erlebt hätte ... Zart und discret deutete er alles nur in leisen Contouren an ... Selbst die Gerüchte über Terschka , dessen plötzliche Abreise ihm manches schöne , bereits angeknüpfte Geschäft zerriß , tauchten in seinem Munde wie nicht mehr sicher zu verbürgende Sagen der Vorzeit auf ... Es gab auch dunkle Vermuthungen über einen gewissen Jesuitenorden und ein Uebergetretensein zur protestantischen Religion , die aber auch wie Verhältnisse aus der Zeit der Makkabäer aus Löb ' s discretem Munde hervorkamen ... Löb genoß zunächst nur das stille Wandeln mit dem vornehmen Priester , das Grüßen der Vorübergehenden , die gleichsam auch ihn setzt grüßen mußten ... Es war die Begebenheit an sich , die ihn erfüllte , ganz wie jenes schmeichelhafte Begossenwerden damals mit der westerhofer Spritze nach dem Schloßbrande ... Dies wie jenes ein Zustand feinerer Beziehungen ... Nur erst als von den beiden Flüchtlingen nach Rom , von den Eremiten , dem Düsternbrook die Rede kam , deutete er verschämt lächelnd seine Mitverdienste um die Rettung des verunglückten Dieners an ... Bonaventura wünschte mehr zu hören ; der Diener war so auffallend verschwunden ; ja er fragte , ob es wahr wäre , daß der Bruder Hubertus , der ihn davongetragen und im Kloster Himmelpfort eine Zeit lang verborgen gehalten haben sollte , eine Beziehung zu dem Fräulein Schwarz gehabt hätte , das bei Frau von Sicking wohnte - man spräche davon - Löb , Zeugenaussagen vor Gericht und etwaiges Schwörenmüssen wie den Tod fürchtend , ging nur gerade bis an die äußerste Grenze seines Wissens , erzählte die Fahrt des Kranken bis an das Kloster und würde vielleicht allmählich ein wenig den Schrei in der Kirche , das furchtbare Krachen und das Licht im Todtengewölbe in Aphorismen leise angedeutet haben , wäre die fortgesetzte Wanderung nicht durch die eben erreichte Stadt unterbrochen worden ... So zur Seite eines Priesters durch Kocher zu gehen , würde sich für die beiderseitige Stellung nicht geziemt haben ... Das gemüthliche Selbander wurde vom rauschenden Fall , von den Gerberwäschen und Metzgerklötzen unterbrochen ... Auch mit Beda Hunnius , mit Major Schulzendorf und Grützmacher knüpfte Bonaventura wieder in flüchtiger Begegnung an ... Jenem hatten die Zeitläufe bittere Erfahrungen bereitet ... Ein seraphischer Briefwechsel mit Lucinden und Joseph Niggl war zu den Acten der über ihn verhängten Untersuchung gekommen ... Der » Kirchenbote « erschien nicht mehr ; um so größer war seine Ermuthigung durch die mächtige , mit brausendem Wogenschlag zurückgekehrte Flut der hierarchischen Bewegung nach kurzer Ebbe ... Er rühmte das kirchliche Leben jener östlichen Gegenden , wo Bonaventura im Winter gewesen und ihm besonders die reformatorischen Bestrebungen eines Norbert Müllenhoff wie Bonifaciusthaten erschienen ... Bonaventura lächelte ... Doch auch Beda lächelte ... Ueber den gegenwärtigen Urlaub des so schnell Gestiegenen ... Um seine Schadenfreude zu verbergen sagte er : Procul a Jove , procul a fulmine ... Er lobte seine Stadtpfarre ... Aber grade über Paula ' s Visionen mußte Bonaventura ihm bis an die Pforte der Dechanei erzählen ... Schulzendorf war gekniffen und süßsäuerlich ... Die Zeitverhältnisse verhinderten den zu häufigen Besuch der Soupers in der Dechanei ... Seine Nase hatte einen Charakter von Pfiffigkeit bekommen , die jetzt weniger zu verrathen schien , wo Trüffeln , als wo - Verschwörungen lagen ... Grützmacher gratulirte zu einem Avancement , das schneller gekommen wäre , » wie ' s bei ' s Militär « möglich gewesen ... Er klagte über den Dechanten , der alt würde ... Von seiner leider ohne » Prämie « gebliebenen großen Satisfaction » von wegen det ausgebuddelte olle Männeken « , sagte Grützmacher : Darüber sind wir » in ' s Reine « - Es war ein ehemaliger Galeerensträfling , der ein paar Jahre in Paris gelebt hat , dann hierher kam , Pferdehandel treiben wollte , gleich da schon die Leute anschmierte , dann auf ein paar Wochen Knecht im Weißen Roß war , hierauf den Coup auf Ihrem Kirchhof machte , der nichts einbrachte , nachher bei alten Kunden und Hehlern von Gaunern sich verkrochen hatte , vielleicht gar mit dem Hammaker , den Sie ja absolvirt haben , Herr Kapitular , bekannt war , und zuletzt soll er denn auch noch unter falschem Namen nach Witoborn gegangen » sind « ... Da das Feuer , sagen sie , hätt ' er angelegt auf Schloß Westerhof ... Darüber hört man denn - hm ! - freilich allerlei ... Aber jetzt , wie gesagt , ist er chappirt und wird wol in Amerika » sind « ... Und wenn Grützmacher hierauf , während Bonaventura aufmerksam zuhörte , zu seiner Frau sagte : » Ne , diese kathol ' schen Pfaffen , doch nichts Aufrichtiges ! Jetzt auch schon Der ! Und ein ehemaliger Porteépéefähnrich das ! « - so hatte er Recht . Jüterbogk und Rom reden allerdings seit drei Jahrhunderten verschiedene Sprachen und Bonaventura hörte ihm über die angeregten Punkte , gebunden durch Furcht , Beichtgeheimnisse und äußerste Spannung , zu ... Dem Oheim gegenüber legte Bonaventura vor seiner Abreise eine übertriebene Scheu ab und theilte ihm nach kurzem Kampf mit , was er seither über den Inhalt des Sarges des alten Mevissen und über dessen Räuber erfahren hatte ... Gab der Onkel auch nicht zu , daß sein Bruder Friedrich noch lebte , so mußte der alte Diener desselben doch ein Geheimniß bewahrt und in seinen Sarg Dinge gelegt haben , die mit einem Verlangen in Verbindung standen , daß sie einst vom Tode auferstehen sollten - zu irgendwelchem noch verschleierten Zwecke ... Bonaventura erzählte dem Onkel , daß der Fund in Lucindens Händen wäre ... Dem darüber Hocherstaunenden nannte Bonaventura auch die Drohung , die Lucinde ausgestoßen , und hielt nur zurück , als er die außerordentliche Aufregung sah , in die er damit den Onkel versetzte ... Das ist ja erschreckend , sagte dieser ... Und du hast von ihr noch immer nicht diese Papiere verlangt ? ... Mit Gewalt verlangt ? ... So fliehst und verachtest du sie ? ... Bona ! So alt ich bin , durch meine Adern rollt Feuerstrom , so oft ich an die wenigen Tage denke , die dies Wesen bei uns zubrachte ... Ich nehme sie morgen wieder , wenn sie will ... Meine Macht im Hause hat zugenommen ... Hm ! Hm ! ... Was kann nur jene Schrift enthalten ? ... Und von wem ist sie ausgestellt ? ... Auf die von Bonaventura zusammengefaßten nähern Angaben , auf die Mittheilung , jene Schrift , deren Urheber er nicht kannte , sollte ebensowol mit seiner persönlichen Ehre wie mit dem ganzen Bau der Kirche zusammenhängen , und Lucinde könnte alle seine Handlungen , selbst wenn er die dreifache Krone trüge , damit entwerthen , ja ungeschehen machen - lachte endlich der Onkel und hielt die Meinung fest : Da hör ' ich die verschmähte Liebe ! ... Das sind jene Erfindungen , die die Frauen zu machen pflegen , wenn man mit ihnen » bricht « ... Regelmäßig gibt es dann Papiere , von denen es heißt , ihre Veröffentlichung würde uns » vernichten « ... Oder der Briefwechsel würde zwar ausgeliefert werden , aber » Abschriften würde man auf alle Fälle davon zurückbehalten « u.s.w. ... Der Onkel rieth ernstlich mit Lucinden Frieden zu schließen ... Das Leben ist so arm an Liebe , sagte er , daß man nie eine dargereichte Hand ablehnen soll ... Als Bonaventura eine Liebe bezweifelte , die fortwährend in Haß und Rache überzuschlagen drohte , entgegnete der Onkel : So sind sie ja alle ! ... Meine eigene Petronella würde mich mit kaltem Blut an einer Pastete sterben sehen , wenn ich » mit ihr bräche « ! ... Selbst die Buschbeck , deren grausamem Charakter ich den Besitz ihrer Schwester verdanke - letztere war jünger ; Benno ' s Vater trat sie mir ab - aus Geiz - ab , um nicht » zwei von dieser Bande « ernähren zu müssen - selbst Brigitte von Gülpen , die älteste Tochter der Bischofsköchin und fürstabtlichen Blutes nicht unverdächtig , wäre besser geworden durch gewährte Liebe ... Die Idee , für einen treulosen Geliebten , der ins Kloster ging , die Menschheit zu tyrannisiren , Kindern und Mägden das Leben zu vergiften , sich selbst das Brot abzuhungern , vergegenwärtigt dir jene tiefe Bedürftigkeit des Weibes , unter allen Umständen ein Wesen sein zu nennen und wär ' s zuletzt nichts als ein alter , mit einer Flanelljacke bekleideter Mops , der am Asthma in den Armen seiner weinenden Gebieterin stirbt ... Deine Renate - wie alt ist sie ? ... Nahe den Siebzigen ... Du wirst an einen Ersatz denken müssen ... Und wehe dir auch da , wenn sie deine Absicht merkt ... Schlage die Concilien nach ... Sie ließen lange zweifelhaft , ob die Frauen überhaupt Menschen sind ... Bonaventura ließ , wenn auch zögernd , diese Auffassung der Drohungen Lucindens gelten ... In fernern Gesprächen zeigte sich auch noch zuletzt , warum der Onkel regelmäßig bei Erwähnung des Schlosses von Castellungo in Nachdenken verfiel ... Das zufällige Aussprechen der Worte : Fiat lux in perpetuis ! brachte zwischen beiden das Geheimniß des empfangenen lateinischen Briefes zur Sprache ... Der Onkel öffnete kopfschüttelnd sein Schreibbureau und reichte dem Neffen die ihm gewordene anonyme Aufforderung ... Sie war gleichlautend mit der , die auch Bonaventura empfangen hatte ... Ich werde die bedenklichen Ehren eines Huß und Savonarola nicht mehr gewinnen , sagte der Onkel , und hüte auch du dich vor ihnen ... Welche Mystificationen das ! ... Bonaventura versicherte , daß sein Glaube feststünde , der Eremit von Castellungo wäre sein Vater ... Er wäre in Italien Waldenser geworden und hätte , ein Opfer der römischen Scheidungsgesetze , den Gedanken einer Kirchenverbesserung gefaßt ... Würde er auch an jenem 20. August der Versammlung , zu der er einlud , achtzig Jahre sein oder nicht mehr leben , so würde man doch seine Gemeinde finden ... Nach allem , was ich höre , schloß er , ist dort eine Simultankirche auf den Grund der Bibel errichtet worden , die bis dahin an Macht und Ausdehnung gewonnen haben kann ... Wenn sie nicht die Jesuiten zerstören ! unterbrach der Dechant ... Lieber Sohn ! Welche Träume ! Sehen sie meinem Bruder Friedrich ähnlich ? ... Nein , nein - Mystifikationen ! ... Doch die Eichen von