; denn durch das wunderbare Labyrinth seiner Jugend haben Sie ihn treu geführt . Lehnen Sie dies Lob nicht ab ! Egon ist eine merkwürdige Erscheinung . Ja , ja ! So jung ! So reif ! So weltklar ! Ich sah es gleich an seinen Augen , daß in denen ein Geheimniß schlummert . Wenn Sie ihn von mir grüßen und ihm Versicherungen geben wollen über Das , was ich Ihnen Alles noch von der Praxis meiner Pläne zeigen werde , so sagen Sie nur , in der Politik verirre er sich ! Ihm , das säh ' ich schon , wären Kammerauflösungen , Verfolgungen , Einkerkerungen ein Leichtes ! Er wird bald alle Mittel verschossen haben , um auf friedliche Art zur Herrschaft seiner Theorieen zu kommen ! Er soll sich , sagen Sie es ihm , er solle sich vor den gewaltsamen Mitteln in Acht nehmen ; die sind zweischneidig , treffen ihn selbst . Und unsre Zeit will keine Lehre , keine Doctrin , wenigstens sieht die seine so aschgrau aus , wie da die ganze Flur draußen . Sehen Sie hinaus , wie der Regen tröpfelt ! Der ganze Himmel ein großes Sackleinen ! Langweilige Raben fliegen mit matten Flügeln träge über die entlaubten Bäume hin ! Sagen Sie doch Egon , ob er vergessen hätte , daß das Alles grün werden muß und daß es im Walde , wo er mit Selma einst wandelte , viel fröhlicher aussieht ! Es ist gar nicht möglich , in unsrer Zeit das Evangelium der Pflichten zu predigen . Es ist grausam sogar , den Menschen allein auf die Arbeit zu verweisen . Wer arbeitete denn nicht gern ? Nur die Belohnung fehlt , nur der Genuß fehlt . Und von dem soll er nur machen , daß er sich in den Grenzen hält ! Ich sage , man schlage der Menschheit das Capitel von der ächten Freude auf , das doch irgendwo in unsern Herzen geschrieben stehen wird . Egon wäre sehr gut , eine Quäkerkolonie zu gründen . Da mag er sein Evangelium der Pflichten , seine Theorie der Arbeit lehren . Der Adel und die Beamten werden so viel , als sie von seiner Lehre brauchen können , auspressen und ihn dann als einen politischen närrischen Ascetiker bei Seite werfen . Er bläst zu rauh , dieser Boreas ! Er soll sich den Sonnenschein zu Hülfe nehmen ! Er soll Freude verbreiten , erlaubte , unschuldige Freude . Besäß ' ich seine Gabe der Rede , durch Scherz entwaffnete ich meine Gegner und machte alle möglichen Gesichter , nur nicht die eines Schulmeisters . Louis lächelte über die gute Laune des Generalpächters , den er ersichtlich durch seinen Besuch erfreut hatte . Er begriff wohl , wie man hier in so einsamer Welt aus den innersten Geistes- und Gemüthsquellen schöpfen müsse , um sich wach und froh zu erhalten . Er fühlte auch bald heraus , daß Ackermann eine sehr feine , gebildete Intelligenz war und auf einem höhern Standpunkte , als dem eines exclusiven Landwirthes stand . Dabei erwärmte ihn seine Hingebung an Egon , von dem er so menschlich , so treu und theilnehmend sprach , ganz so , wie es Egon einst liebte - einst ! sagte er sich und verfiel in trübes Sinnen , warum das Alles im Grunde doch so viel anders war , als es Ackermann bekannt sein konnte . Ackermann sagte nun noch : Es versteht sich von selbst , lieber Herr Armand , daß Sie über Mittag unser Gast sind . Wir essen schon um zwölf Uhr . Bis dahin zeig ' ich Ihnen meine kleinen Vorbereitungen , die erst in Gang kommen werden , wenn zu Weihnachten und Neujahr meine Maschinen eintreffen ... Ich soll Ihnen , unterbrach ihn Louis , von Herrn Leidenfrost viel Grüße sagen ... Dem wackren Techniker ! Ihre Maschinen sind in Arbeit und werden zur bestimmten Zeit fertig werden . Für diese Nachricht dank ' ich Ihnen ! Hoffentlich wird man nicht erst die Dreschmaschinen und dann die Säemaschinen machen , wie es einem Bekannten von mir in Amerika ging , der zum Frühjahr Alles bekam , was er im Herbste brauchte und im Herbst , was er im Frühjahr hätte haben müssen . Louis lachte über eine Bemerkung , die Ackermann mit den Worten ergänzte : Glücklicherweise traf diese Nachlässigkeit einen Mann , der gewohnt ist , die Pferde manchmal hinter den Wagen zu spannen , den Baron Otto von Dystra , von dem ich gestern mit der angenehmsten Überraschung gelesen habe , daß er seinen Plan , einmal Europa wieder zu besuchen , bald nach mir ausgeführt hat . Louis hatte vom Baron Otto von Dystra noch nichts gehört und nahm keine Veranlassung , länger bei Erwähnung dieses Namens zu verweilen . Er kehrte auf Leidenfrost zurück und sprach voll Theilnahme über das umfangreiche Streben dieses vielseitigen jungen Mannes . O , sagte Ackermann , Das ist eine der Naturen , die mir am verwandtesten sind . Reger Geist , fern von jeder Grübelei , fern von jedem sentimentalen Despotismus . Denn Das sag ' ich Ihnen , lieber Freund , Niemand ist despotischer als die blos Gefühlvollen und kein Mensch ist meist herzlicher als der , der für einen Verstandesmenschen gilt . Der Verstandesmensch ist gleich bei der Hand , wo Hülfe noththut . Der Gefühlvolle betet , wünscht uns das Beste hienieden und im Jenseits und geht , abscheulicher als der Pharisäer , an dem von Mörderhand getroffenen Wandrer vorüber , über den er nachher eine Elegie schreibt . Das rechte Herz , glauben Sie mir , ist nur da , wo der Verstand klar ist . So ein Gefühlvoller der sinkt gleich in Ohnmacht und ruft um Hülfe . Hat er sich einmal aufrecht erhalten , ist er einmal rasch herbeigesprungen und hat Jemanden aufgehoben , o welch ' ein Aufhebens weiß er dann auch zu machen ! Wie spiegelt er sich in der Glorie seiner That ! Wie bescheiden lächelt er auf seine stillen und nun doch plötzlich ans Tageslicht gekommenen Verdienste herab ! Ich halte es mit den Verständigen , die auch darin Verstand zeigen , daß sie weit weniger sprechen , als ich heute thue . Kommen Sie ! Kommen Sie ! Sie sollen jetzt etwas von meiner Niederlassung sehen . Mit dieser lakonischen Wendung hatte Ackermann ein leichtes Käppchen ergriffen und forderte Louis auf , ihm in den Hof zu folgen . Die Magd brachte draußen einen Schirm und erhielt im Vorübergehen die Weisung , daß sie sich doch wol schon auf ein Couvert mehr eingerichtet hätte ? Die Magd nickte resolut , als wollte sie sagen : Was denken Sie , Herr Ackermann ! Alles besorgt ! Sie sagte aber : So politisch werd ' ich doch sein ! Diese Äußerung muß uns auffallen ; denn sie war gerade jene unpolitische Liese , dieselbe Magd , die beim Heidekrüger Justus unter den Weltstudien ihres Herrn so viel gelitten hatte und jetzt in diesen neuen Dienst getreten war , während Justus in der Residenz eine große politische Rolle spielte und den Chef einer » Fraction « machte . Rasch eilten die Männer über den Kieselboden und das nasse Hofpflaster hin . Louis überzeugte sich jetzt erst , wie jugendlich das Aussehen des Generalpächters war , wie hoch und schlank sein Wuchs , wie fein sein ganzes Wesen ! Er mußte sich sagen , daß Ackermann sicher einst eine der schönsten männlichen Erscheinungen war . Sein Auge hatte etwas Durchdringendes , seine Stirn glänzte edel und hell , die Nase und der Mund waren von großer Feinheit . Sein ganzes Wesen hatte etwas unendlich Harmonisches . Oft erinnerte er ihn an Personen , die ihm im Leben schon werth geworden waren . Rudhard kannte er zu wenig , aber doch fühlte er heraus , daß Ackermann ihm zwar an Verstand gleich kam , aber mehr Poesie um sich verbreitete . Auch an Murray , dessen Name ihm oft auf die Zunge kam , ohne daß er wagen konnte , ihn auszusprechen , erinnerte er ihn . Ihre Ansichten hatten zuweilen etwas sehr Ähnliches . Doch war Murray von Melancholie umdüstert und erweckte nicht die klare , erwärmende Behaglichkeit , die Ackermann ausströmte . Man sah diesem Manne an , daß er viel erlebt , viel gerungen hatte . Trotz seiner Freundlichkeit gegen Louis , die fast eine herablassende war , thronte ein hoher Ernst auf seiner Stirn . Nur milderte er ihn durch seine Gefälligkeit und den biedern Ton . Wie unermüdet zeigte er sich , seinen Besuch von Allem zu unterrichten , was , wenn nicht diesen , doch den Fürsten interessiren konnte ! Er knüpfte an jeden Raum , den er ihm in den Wirthschaftsgebäuden öffnete , lehrreiche Auseinandersetzungen . Schon erblickte Louis im Geiste die rührigen Hände , die einst hier wirken und arbeiten sollten . Die Maschinen sah er schon in voller Thätigkeit . Auch in die Mühle führte ihn Ackermann . Hier wurde von Zimmerleuten rege gearbeitet , auch den Schlag des Hammers auf Eisen hörte er und nicht wenig war er erstaunt , als er den blinden Zeck erblickte , der mit seinem Sohne gemeinschaftlich auf einem kleinen in den Boden eingerammten glühenden Heerde die Klammern und Haken noch nachträglich erweichte , die in diesen oder jenen Balken getrieben werden sollten . Ackermann zeigte auf das arbeitende Paar und sagte : Es ist eine merkwürdige Sicherheit , mit der der Blinde bei den schwersten Aufgaben verfährt . Wie ich hierherkam , hatt ' ich ihm von einem in Amerika verstorbenen Verwandten , über den ich eigentlich nach seinem Wunsche schweigen sollte , eine kleine Erbschaft zu bringen . Diese Leute macht ein kleiner Besitz gleich wunderlich ! Wie ich mich hier niederließ , bot er mir das Geld an , um sich an meinen Unternehmungen zu betheiligen . Er verhieß mir sogar noch das , was ich einer in der Nähe wohnenden Schwester ausgezahlt hatte ... Ursula Marzahn - sagte Louis . Sie kennen die Frau ? Sie wohnt im Forsthause ... Ganz recht . Ich habe sie einmal in meinem Leben gesehen und muß leider gestehen , daß sie zu den Menschen gehört , von denen man sagt , sie hätten den bösen Blick . Aus der Art , wie sie das Geld in Empfang nahm , erkannt ' ich , daß sie geisteskrank ist und bewunderte die Geduld des Jägers , der eine beschränkte gutmüthige Natur zu sein scheint und eine solche Person nun schon so viele Jahre um sich duldet - Seine Nichte ist jetzt aus der Stadt zu ihm gezogen - Viel Aufopferung Das ! Ich gestehe , daß es mir unheimlich wurde in dem baufälligen , einsamen Hause . Sehen Sie nur , wie sicher der Alte arbeitet ! Ich begreife diese Augen nicht ! Sie sind klar wie sehende und doch umhüllt sie undurchdringliche Nacht . Er hat etwas von der Geschicklichkeit seines Verwandten , der ein großer Künstler war - Louis wagte nicht zu forschen . Er sah , daß Ackermann im Begriff war , über Murray zu sprechen . Um seine Unruhe nicht zu verrathen , wandte er sich zu einigen Zimmerleuten , die eine gewaltige Holzschraube von der Höhe eines ganzen Stockwerkes probirten . Ackermann ging zu den beiden Zeck ' s hinüber , die ihn ehrerbietig grüßten . Es drängte Louis näher zu treten und zu hören , wie sich Murray ' s Bruder , den er nur zu Bestellung der Stimmschraube ganz flüchtig gesprochen , äußern würde . Ich sehe , sagte Ackermann , Ihr seid Beide hier . Habt Ihr denn Leute gefunden , die in der Schmiede arbeiten ? Zwei , Herr , sagte Zeck und hielt ein glühendes Eisen seinem Sohne hin , das dieser mit der Zange nahm und an dem Balken , wohin es gehörte , behutsam einsetzte , während der Blinde folgte und mit dem Hammer zuschlug , richtig die Stelle treffend , wo die Kraft seines Armes nöthig war ... Zwei , Herr ! wiederholte er . Im Frühjahr haben wir ihrer noch mehr . Nur gewandte Arbeiter , sagte Ackermann , mit denen Ihr Ehre einlegt ! Wir haben viel zu schaffen . Unsre Wägen machen wir uns selbst . Es soll schon rüstig bei uns hergehen . Der Alte verzog die Miene zu einem sonderbaren Lachen , das aber ein offenbares Wohlgefallen an der Arbeit und sicher auch die Hoffnung auf Gewinn ausdrückte . Zugleich lag Neugier in dieser Miene . Denn Zeck hatte wohl gehört , daß Ackermann nicht allein kam . Dies ist der Besuch vom Schlosse , sagte Ackermann , nach dem herangetretenen Louis hinsprechend , er freut sich , wie wacker es Euch von der Hand geht . Zeck riß die Augen auf und nickte nach der Seite hin , wo er sich Louis dachte , dem der Anblick dieses Blinden in einem für sein Gefühl erschütternden Zusammenhang mit den ihm bekannten Thatsachen stand . Wir kennen uns , sagte Louis und um nur über die mögliche Erwähnung seines im Schlosse gebliebenen Begleiters rasch hinwegzukommen , bemerkte er : Drum fand ich es in Eurer Schmiede nicht zu lebhaft ... So , Herr ? sagte Zeck ; ja , es sind zwei Arbeiter eingetreten . Der Eine versteht sich auf feine Sachen und kann als Klempner arbeiten . Aber sie sind faul . Die Schraube an dem Klavier können Sie uns schon anvertrauen . Sind Sie musikalisch ? fragte Ackermann . Louis war es im Gesang , aber nicht auf dem Klavier . Er konnte die Wahrheit nicht umgehen und mußte einräumen , daß ihn noch ein Freund begleitet hätte , der kränklich wäre , zurückgezogen auf seinem Zimmer lebe und sich mit Musik unterhalte . Zeck horchte gespannt und bemerkte zu Louis ' Erstaunen , daß der Blinde in seiner neugierigen , dreinlachenden Weise sagte : Die Brigitte sagt , daß der Herr ja auch etwas vom Fach ist : Er hat ' s mit Kupfer , wie wir mit Eisen . Mit Kupfer ? fragte Ackermann sorglos . Louis , der Murray ' s Einfall , ihm eine Visitenkarte zu stechen , ebenso sehr verwünschte , wie die Plauderhaftigkeit ihrer Bedienung , bemerkte , daß sein Begleiter chemische Experimente mache und zuweilen auf Kupferplatten ätze . Als Ackermann sich zum Gehen wandte , bemerkte er : Ein Verwandter dieses Blinden nannte sich schon in England Morton und war ein Kupferstecher . Wie er dazu kam , hat mir Keiner von ihnen klar machen wollen . Es sind versteckte unheimliche Menschen . Auch Morton ? frug Louis , ohne an dem Namen Morton statt Murray Anstoß zu nehmen . Morton war ein Sonderling , sagte Ackermann . Ich lernte ihn auf eigene Art kennen . Er reiste einmal mit einem nicht minder eigenthümlichen Manne , dem Diplomaten Otto von Dystra , durch die Vereinigten Staaten , fast immer zu Fuß , viel rüstiger , als ich ihn in nicht gar langer Zeit darauf in Newyork wieder antraf . Die beiden Wanderer kamen an den Missouri , wo ich meine Niederlassung unter Engländern hatte . Sie hörten meine verstorbene Frau in der Farm ein deutsches Lied singen . Sie hatte eine helle zum Herzen dringende Stimme . So klopften sie an mein Thor und blieben lange genug , um die Sängerin schätzen zu lernen . Otto von Dystra wohnte als russischer Consul in Newyork . Er war ein Tourist von Profession , hatte die halbe Welt gesehen und war der eigenthümlichste Bequemlichkeitsphilosoph , der mir jemals vorgekommen . Bequemlichkeitsphilosoph ? unterbrach Louis die freundliche Mittheilung . Verstehen Sie darunter einen Epikuräer ? Ja ! Einen Epikuräer des Geistes , sagte Ackermann . Es gibt Epikuräer der Sinne . Ein solcher soll z.B. der Justizrath Schlurck sein , der früher hier schaltete . Es gibt aber auch Epikuräer des Geistes . Unter ihnen versteh ' ich Menschen , die auf Alles nach Wohlgefallen dilettiren , die jede Wahrheit zu schätzen wissen , ohne sich für eine zu erklären , Männer des Studiums und eines unermüdlichen Wissenstriebes , Reisende , denen es nirgends Ruhe läßt , Verschönerer der Natur , mit einem Worte Menschen , die glücklicherweise so reich sein müssen wie Otto von Dystra , um sich so durch die Welt tummeln zu können , wie er es liebt . Und ein solcher Komet paßt in die russischen Bahnen ? fragte Louis erstaunt . Für Petersburg schwerlich , sagte Ackermann . Aber Rußland hat die weise Art , seine Diplomatie nach den Ländern einzurichten , in denen sie wirken soll . Die deutschen Gesandten des Zaren sind oft halbe Gelehrte , seine italiänischen Gesandten sind Kunstliebhaber , die französischen sind Liebhaber der Intrigue , die englischen sind Wettrenner und Dandies . In Nordamerika läßt sich der Zar durch halbe Republikaner vertreten , die in den Ton und die Denkweise jener Länder wenigstens einzugehen verstehen . Dem reichen Kurländer Otto von Dystra hat man vergebens große Summen geboten , die eigentliche Botschafterstelle in Washington anzunehmen . Er begnügte sich mit dem Consulat in Newyork , weil es ihm Gelegenheit zu Menschenstudien bot , die ihm die liebsten sind . Daß er jetzt in Europa , in unsrer Nähe ist , überrascht mich . Ich versäumte von ihm Abschied zu nehmen . In Europa kann der Zar diese Persönlichkeit zu keinem seiner Zwecke mehr brauchen , umsoweniger , als er abschreckend häßlich ist . Wie wurde wol Murray mit diesem Manne bekannt ? fragte Louis . Murray ? sagte Ackermann und verbesserte : Morton ! Morton ! wiederholte Louis . Morton war ein Kupferstecher und hatte für Otto von Dystra Karten gestochen . Dies wurde die Veranlassung gemeinschaftlicher Reisen . Zwei wunderliche Gegensätze ! Otto von Dystra , klein , verwachsen , ganz Epikuräer , Morton ganz Stoiker . Von seinem frühern Leben hab ' ich aus diesem alten Zeck nicht viel herausbringen können . Er war tiefsinnig , religiös , hypochondrisch . Ich glaube , daß ihn die Sekte der Shakers , deren Religionsübungen er zuweilen beiwohnte , verwirrt gemacht hat . Dystra nahm Morton so wie er sich gab und ließ ihn als eine Curiosität gelten . Einige Male , daß ich in Neuyork war , entdeckt ' ich sogar , daß Morton wohlhabend genannt werden konnte . Er hatte ein ausgebreitetes Geschäft auch mit Metallbuchstaben , die er neu bei uns einführte . Ich erinnere mich noch der schönen Überraschung , die er mir durch eine Kiste Metallbuchstaben machte , als meine Frau starb . Da haben Sie , schrieb er , in vierfacher Anzahl das deutsche Alphabet ! Setzen Sie daraus ein Wort der Erinnerung an Ihr gutes Weib zusammen ! Die Buchstaben , die in dem Worte : » Dulderin « vorkommen , schick ' ich Ihnen doppelt . Sie werden sie brauchen können in Ihrer Inschrift , die Sie an dem metallenen Kreuze mit kleinen Schrauben , die ich gleichfalls beilege , befestigen müssen . Ackermann schwieg eine Weile . Auch Louis war durch einen Zug , der seinem neuen Freunde und Vertrauten so ähnlich sah , gerührt ... Morton , schloß Ackermann , schrieb mir , als ich ihm auf diese Sendung dankte und anzeigte , ich würde nun nach Europa , wenn nicht für immer , doch für einige Zeit zurückkehren , ich möchte mich einigen Aufträgen für Deutschland unterziehen . Er wies mir die kleinen Summen an , die ich seinen Verwandten bringen sollte und empfahl sich , mit einem sonderbaren Ausdruck , meinem Andenken und meiner Gerechtigkeit . Als ich in Newyork nach ihm suchte , hieß es , er wäre spurlos verschwunden . Sein Besitzthum hatte er verkauft und wahrscheinlich einer milden Stiftung übermacht . Ihn selbst suchte man überall vergebens . Die Entdeckung von Kleidern , die ihm gehörten , an einer Uferstelle des Hudson läßt fast vermuthen , daß er in einem Anfalle von Hypochondrie sich das Leben genommen hat . Ackermann und Louis waren während dieser Mittheilungen wieder zu dem Wohnhause zurückgekehrt . Louis , vertieft in die Möglichkeit , daß sich Ackermann und Morton begegneten . Er merkte kaum , daß ihnen ein Kind entgegengesprungen war und gerufen hatte : Selma ' s Stunde ist aus ! Zum Essen , Onkel ! Ackermann bemerkte , daß diese Kleine dem Pfarrer von Plessen Herrn Guido Stromer gehörte und von ihm und Selma auf längere Zeit in den Ullagrund genommen wurde . Wäre sie lange genug da , so käme ein andres von den Kindern an die Reihe und Alle müßten ihn Onkel nennen , damit die armen Kleinen , die einen Vater hätten und doch auch wieder keinen , an Menschenliebe nicht irre würden . Von Oleander bemerkte Ackermann , daß er seiner Tochter täglich Stunden gäbe und ihn als einen sinnigen , vielleicht zu bescheidenen und träumerischen Menschen schätzen müsse . Die kleine Hedwig , so hieß Stromer ' s zweite Tochter , die gerade jetzt an der Reihe war , im Ullagrunde weilen zu dürfen , zog den Onkel in das Haus und in die Thür , die neben der zu Ackermann ' s Zimmer führenden lag . Geöffnet bot sie den Anblick eines zwar niedrigen , aber traulichen Wohnzimmers . Alle Möbel , von Kirschbaumholz , waren neu und stachen mit ihrem blassen Glanze gegen die dunkle Färbung der Wände angenehm ab . Ein großer Flügel stand aufgeschlagen . In der Mitte des Zimmers war ein runder Tisch gefällig gedeckt . Im Ofen prasselte ein belebendes Feuer . Am Fenster stand ein Nähtischchen für Selma . Über ihm hing ein Bücherbord mit zwei Reihen englischer und deutschen Classiker . Im Eck stand ein Fachwerk mit bronzenen und gläsernen Nippsachen . Es schienen langgesammelte Andenken . Manches war ohne Zweifel vom Transport zerbrochen , stand aber doch wie eine heilige Reliquie , wohlgeordnet , unter allerhand kleinen scherzhaften Spielereien . Oleander , der am Bücherborde in einem Goldschnittbändchen blätterte , grüßte die Ankommenden . Da steht ja schon die Suppe ! sagte Ackermann . Wo ist Selma ? Sie zieht ein schön ' res Kleid an ! verrieth Hedwig Stromer . In dem Augenblick öffnete sich das Nebenzimmer und Selma , hocherröthet , sich gegen Louis leicht verneigend und um Entschuldigung bittend ob der Verzögerung , trat herein und gab , sogleich einen Stuhl ergreifend , das Zeichen , daß man sich zu Tische setzte . Fünftes Capitel Deutsche Liebe , deutsches Leben Selma ' s Erröthen hatte ohne Zweifel seinen Grund darin , daß sie sich des Besuchers sehr wohl von jenem Tage erinnerte , wo ihr Vater mit dem Justizrathe Schlurck so heftig aneinander gerieth und Louis mit der vom Vater so sehnlich erwarteten Botschaft eintrat , der todtkranke junge Fürst genehmige die Anträge des Amerikaners . Damals war sie Selmar , der Knabe . Heute sah sie Louis als Mädchen und so wohlbekannt ihr auch der geringe Stand dieses Besuches war , so wußte sie doch , wieviel der Fürst auf Louis hielt . Vor aller Welt war sie mit leichter Mühe in die neuen , ihr eigentlich gebührenden Kleider geschlüpft . Bei Louis ahnte sie zuerst , was sie wol fühlen würde , wenn sie einmal , wie sie doch hoffte , dem ihr so theuer gewordenen Fürsten Egon selbst begegnen sollte . Da Louis aus Bescheidenheit , Oleander aus Gewohnheit schwieg , so mußte sich wol Selma zusammenraffen , um das Gespräch zu führen . Sie legte mit großer Geschicklichkeit vor . Louis beobachtete ihr Wesen , ihre innere und äußere Erscheinung , mit großem Gefallen . Sie war zierlich gewachsen , schlank und behend . Das kastanienbraune Haar trug sie noch kurzgeschnitten . Es war noch von der Knabentracht her nicht länger gewachsen . Die lockige Biegung , in der es auf den weißen Nacken fiel , machte einen sehr einnehmenden Eindruck . Das Kleid , das sie rasch angezogen hatte , war blau . Über den obern Theil desselben fiel ein reicher gestickter Kragen . Ein blaues geripptes Band umschloß die Taille und kreuzte sich unter einer emaillirten Schnalle . Von Fischbein und engem Geschnür war keine Spur . Man hatte in dem weiten und vollkommenen Kleide den reinen Ausdruck ihrer natürlichen Formen . Das dunkelblaue Auge , die weißen Zähne , ein schöngeschnittener Mund waren die Zierde des lieblichen Antlitzes . Besonders anmuthig machte sie ihr Lächeln . Um den Mund spielte dann eine Schalkhaftigkeit , die Jeden bestricken mußte . O , sagte Selma , als die Suppe von einer zweiten Magd abgetragen wurde , es ist nur gut , daß ich dem Fürsten einmal durch Sie , Herr Armand , ein ernstes Wort sagen lassen darf . Ich bin ihm nicht mehr gut . Warum , mein Fräulein ? Als er in Hohenberg war , sagte Selma , und ich mit ihm zum Forsthause durch den Wald ging , wie sprach er da so warm und theilnehmend von Amerika ! Ich albernes Kind tappte recht wie die Fliege in die Milch , so süßen Zucker streute er auf Amerika ! Aber was hab ' ich nun erst vor kurzem lesen müssen ! In der Kammer , wo sie sich im Zank und dem Allesbesserwissen üben , hat er so abscheulich über Amerika gesprochen , so abscheulich ! In der That ? sagte Louis erstaunt . Haben Sie ' s denn nicht in der Zeitung gelesen ? sagte Selma und schob dem Vater das inzwischen hereingebrachte Rindfleisch zum Tranchiren hin und machte es ihm dazu mit Messer , Gabel und dem Wegräumen aller hindernden Gegenstände bequem ; haben Sie ' s denn nicht in der Zeitung gelesen , wie schlimm er es nun mit uns meint ? Ich bin seit acht Tagen von der Residenz entfernt . Ich weiß es auswendig , ob es gleich so klingt , daß ich es lieber gleich hätte vergessen sollen . » Ihr beruft Euch auf Amerika « , sagte er , » einen Staat , den ich verehre , wie ich etwa eine solide Handelsfirma verehre . Ich habe die größte Achtung vor der Geschäftskenntniß und der Zahlungsfähigkeit eines Londoner oder Hamburger Hauses , allein werd ' ich das Haus Rothschild fragen , was es von dem Schienenbau der Eisenbahnen hält , zu denen es das Geld vorstreckt ? Werd ' ich Hope in Amsterdam fragen , ob Schelling oder Hegel der philosophischen Welt näher stehen ? Lassen Sie Amerika über Alles entscheiden , was in sein Bereich gehört ; aber über Europa , über dies nun einmal so und nicht anders geformte Gewächs der Geschichte , laßt Europa zu Gericht sitzen ! « Fräulein , ich bewundre Ihr Gedächtniß ! sagte Oleander erstaunt . So gründlich haben Sie bis jetzt noch keine historische Thatsache behalten . Und doch ist auch dieser Satz eine Thatsache , fiel Ackermann ein . Der Fürst hat Recht . Nur sollt ' er vorsichtiger sein mit den Dingen , die er von den Kaufleuten nicht voraussetzt . Die Kaufleute sind sehr empfindlich und für einen Staatsmann scheinen mir Scherze über das Haus Rothschild gewagt . Nein ! Nein ! fiel Selma ein . Den Fürsten hab ' ich aus diesen kalten Worten nicht wieder erkannt . So bitter sprach er im Walde nicht ! Und du , Väterchen , gesteh ' es nur ein , daß du selber sagtest : Wie inconsequent ! Er verspottet die Banquiers und borgt doch von ihnen ! Ackermann warf Selma einen verweisenden Blick zu . Louis sprach offen seine Vermuthung aus , daß Ackermann wol von des Fürsten Anleihe bei dem Hause Reichmeyer gehört hätte ... Leider ! sagte Ackermann . Ich hätte nicht gewünscht , daß sich der Fürst die Schwierigkeiten seiner Lage vermehrte . Er setzte dabei offen die ganze Mislichkeit der Lage Egon ' s auseinander . Er erzählte , wie entmuthigend die Resultate wären , die er aus den Büchern bei dem Justizdirektor entnommen . Er hätte Verwirrung über Verwirrung angetroffen und könnte für nichts gutsagen , wenn der Fürst immer wieder auf ' s neue die Schuldenlast vermehrte . Sonst hätt ' er geglaubt , in zehn Jahren Einnahme und Ausgabe , Soll und Haben , auszugleichen ... Ei , sagte Selma spottend , als Louis schwieg , Das seh ' ich nicht ein ! Der Fürst will leben wie ein Fürst . Seit er bei Hofe geliebt und verehrt wird , seit ihn die vornehmen Damen verziehen , hat er sich glänzende Livreen , neue Wagen und Pferde anschaffen müssen . Ist es denn wahr , daß er so eitel ist und auf jeden Teller sein E. mit der Krone malen läßt ? Alles Das sprach Selma mit der kindlichsten Unbefangenheit . Man sah , sie glaubte mit dem Fürsten sich etwas erlauben zu dürfen . Er hatte ihr in ihrem Glauben so nahe gestanden , sich ihr so zutraulich angeschmiegt . Warum sollte sie nicht so weit gehen , sogar zu sagen : Hätt ' ich ihn nur hier ! Wie würd ' ich ihn auslachen mit seinen bunten Tellern , die mir für die kleine Hedwig da zum Buchstabirenlernen am passendsten scheinen ! Oleander betrachtete die Eifernde mit Wohlgefallen , Louis nicht ohne Verlegenheit , denn er fühlte sich selbst in Egon beschämt . Herr Oleander kam nun ein wenig mehr aus seiner Einsilbigkeit heraus . Da wir wissen , daß dieser junge Gottesgelehrte es verschmähte , auf den Grund einer Heirath mit dem ältesten Fräulein Gelbsattel befördert zu werden und es vorzog , dies stille und wenig einträgliche Vikariat auf dem Lande zu übernehmen , so empfinden wir schon eine gewisse Hochachtung vor ihm . Louis bemerkte bald , daß der junge Gelehrte , den er seines Namens wegen noch immer nicht zu befragen wagte , die liebliche Selma in sein Herz eingeschlossen hatte . Die Art , wie der Herr Candidat Selma bei Tische kleine Aufmerksamkeiten erwies , verrieth Dies . Er