wie auf der Flucht in einiger Entfernung ... Bonaventura hatte noch die Selbstbeherrschung , am Gitter das Schiebfenster zuzuziehen und Treudchen von dieser unwürdigen Scene zu trennen ... Herr Domkapitular ! ... sprach Rother mit hämicher Betonung der ihm vorgesetztem Würde und tastete dabei zitternd nach dem Eingang in den kleinen Ausbau ... Es war eine Scene , die Bonaventura an sein Erlebniß mit dem Habicht erinnerte , dessen Fänge sich , wie ihn Pater Sebastus in der kleinen dunkeln Kapelle beim Kreuzgang der Kathedrale ergreifen wollte , ebenso an die Altarsäulen festgeklammert hatten , während der Raubvogel mit umgewandtem Kopf dämonisch seinen Angreifer anstarrte ... Sich sammelnd , hauchte er jetzt leise : Sie erinnern mich zur rechten Zeit an meine Würde ! ... Ich befehle Ihnen - mir die Functionen zu lassen , die mir die Curie übertrug ... Nun aber lachte Rother hellauf und zog unter seinem Scapulier einen Brief hervor , rief seinem Meßner , hielt den Brief in die Höhe und krächzte mit heiserer Stimme : Da , Fangohr ! ... Tragen Sie - den Brief sofort in - die Curie ... Die Kirche muß neu geweiht werden - das heilige Holz - exorcisirt - ! ... Diese reinen Seelen meiner Himmelsbräute - verführt mir ein - Magnetiseur - ! ... Dies Wort wurde von dem sich Kraftgebenden wie eine Waffe geschleudert . Ein Wurfspieß konnte nicht drohender fallen . Der Brief war ein Protest des Pfarrers , den er schriftlich aufgesetzt hatte , und Fangohr , sein Meßner , ergriff ihn , um ihn zum Generalvicar zu tragen ... Bonaventura stand starr ... Nichts mehr hörte er von alledem , was in fieberhafter Hast , mit frostklappernden Zähnen der selbst in Todeskrankheit noch unbändige Mensch an Verwünschungen und Anklagen gegen ihn schleuderte ... Ein dumpfes Brausen benahm ihm die Besinnung ... Alles um ihn her schwankte ... Seine edelsten Empfindungen waren entweiht , seine heiligsten Gefühle auf die Straße geworfen ... Einen Augenblick zuckte seine Hand , dem Meßner die Schrift zu entreißen ... Dann beherrschte er sich , ordnete seine in Verwirrung gerathenen Gewänder und verließ , ohne ein Wort der Erwiderung , vom tiefsten Entsetzen durchrieselt , eine Stätte , auf die das Wort des Heilands gepaßt haben würde : » Ihr macht mein Haus zur Mördergrube ! « ... 3. Schon nach einigen Tagen zeigte sich die Wirkung der nunmehr offen ausgesprochenen Anklage ... Die geheimen Mächte , die alles Edle und Bedeutende in dieser Welt umwühlen , hatten endlich die Achillesferse des bisher so Unverwundbaren gefunden ... Wer die Anklage zuerst formulirt , sie verbreitet hatte , war nicht zu sagen ... War es Frau von Sicking ? ... In solchen Dingen macht sich alles von selbst und namenlos , bis dann einer hervortritt und für alle redet ... Die Nachricht über den Vorfall im Kloster verbreitete sich blitzesschnell ... Die Mehrzahl sprach über den allgeliebten Priester ihr Bedauern aus und doch - das Mitleid ist ein Zoll , der , wenn auch mit noch so voller Hand gereicht , keine Zinsen trägt ... Ein Gefühl des Beistandes muß fruchtbar , muß die Liebe mehrend sein ... Hier stockte alles und im negativen Bedauern - verlor der junge Priester ... Bonaventura , dessen ganzes Leben unter Roms Magie litt , war nun selbst ein Magier geworden ... Man theilte ihm die Anklage des Pfarrers vom Berge Karmel im Original mit ... Wie im Geist des Mittelalters stellte eine zitternde Handschrift Beschwerde über die Wahl dieses Stellvertreters , der ihm » seine Beichtseelen beschädige « ... Der Domkapitular von Asselyn hätte in Witoborn die Gräfin Paula von Dorste-Camphausen magnetisirt , hätte dadurch Visionen veranlaßt und da man den Geist , aus dem diese Thätigkeit der menschlichen Hand sich offenbare , noch nicht zu erkennen vermöge , da die Kirche trotz einzelner Beispiele der Anerkennung und Heiligsprechung der Prophetengabe doch über alles , was an Zauberei erinnere , den Stab breche und mit Moses Zeichendeuterei und Aberglauben verwerfe , so müsse er das Heil seiner Beichtkinder wahren und wünschen , daß die Seelen der Nonnen am Römerweg vor der Berührung mit einer so gefährlichen Natur , wie die des Domkapitulars , behütet würden ... Diese Warnung vor Aberglauben kam aus dem Mund eines Mannes , der ein Scapulier trug , das den Sterbenden den Tod erleichtern soll ! ... Aus dem Mund eines Mannes , den Bonaventura vernichten konnte , wenn die Gesetze Roms die Mittheilung dessen gestatteten , was ein Priester aus der Beichte weiß ! ... Selbst die Frevel jener Verbindung der Schnuphases mit dem Kloster durften von ihm nicht angezeigt werden ... Und hätte Trendchen Ley gestanden , was sie , sie vollends drückte - mußte er nicht auch da schweigen ? ... Das sah Bonaventura deutlich , was ihm diese Aermste hatte gestehen wollen ... Unter dem Schein der Religiosität hatte der Seelenmörder das zur Schwärmerei geneigte Kind mit geistlich-sinnlichen Vorstellungen erfüllen wollen ... Er hatte ihr Beten , Fasten , Kasteien in Formen vorgeschrieben , die unsicher auf der Grenzlinie zwischen Demuth und Schamlosigkeit hingingen ... Die furchtbarsten Strafen des Himmels hatte er ihr ohne Zweifel angedroht , wenn sie verriethe , was er sie lehrte , um dem Erlöser mit seinen blutenden Wunden auch körperlich ähnlich zu werden ... Angst um ihre Geschwister im Waisenhause , Verehrung vor Priesterhoheit und Priesterunfehlbarkeit überhaupt hatte das ungebildete Kind mit widerstrebenden Gefühlen zur Sklavin seiner Autorität gemacht ... Das alles , Bonaventura wußte es , war bei einem Cajetan Rother möglich und Treudchen Ley litt unter nichts anderm ... Der alte Pater Sylvester , von dem Serlo ' s Denkwürdigkeiten erzählten , hatte in seiner Weise im Seminar alle diese alten Methoden , Heilige zu machen , mit kindisch raffinirter Naivetät erzählt ... Nück , der geistige Bundesgenosse solcher Frevel , und Lucinde umflatterten ihn wie mit schwarzen unheimlichen Schwingen ... Wieder erhielt er anonym folgende Zeilen : » Sie werden von der Beichte suspendirt werden ... Um dies zu vermeiden , räth man Ihnen , selbst Vacanz zu begehren , um eine Reise zu machen ... Nur gehen Sie nicht nach Witoborn , wodurch Sie das Uebel vermehren würden , gehen Sie nach Kocher am Fall ... Uebernehmen Sie die Aufträge nach Wien , so gilt dies für einen Bruch mit der Regierung ... Doch wie Sie wollen ; nur folgen Sie mit Vorsicht den Rathschlägen Nück ' s ... « Der Athem stockte dem Priester beim Lesen ... Nück begegnete ihm auf der Straße und rieth ihm , für immer mit diesem Staat zu brechen ... Wir müssen alle an Oesterreich halten ! sagte er ... Fort ! fort ! ... Was sollte Bonaventura thun ! ... Der Rath Lucindens war klug , beachtenswerth ... Aber ein Rath aus diesem Munde ! ... Nück ' s Absicht , ihn für immer zu entfernen , war unverkennbar ... Man kam ihm wieder mit dem Auftrag , nach Wien zu gehen ... Er sollte dem erwarteten Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler die Vermittelung mit Rom und dem Landesfürsten , die Befreiung des gefangenen Erzbischofs , dem die Kirche zum irdischen Ersatz für seine Märtyrerkrone den Cardinalshut schicken wollte , aufs dringendste ans Herz legen ... Bonaventura war wie Benno ein Gegner der Waffengewalt , die die Regierung angewandt hatte ... Dennoch gingen sie beide so wenig mit dem Geiste , aus dem Nück alles leitete und einfädelte ... In dieser zagenden Ungewißheit theilte ihm Kanonikus Taube , der Hausfreund der Kattendyks , im Ton des Bedauerns die Nachricht mit , daß man ihn bis zur Entscheidung der Frage über den Magnetismus durch die Pönitentiarie in Rom ohne Zweifel vom Beichtstuhl entbinden würde ... Er möchte sich , setzte der Weltkluge hinzu , rasch zur wiener Mission entschließen ... So entginge er allen seinen Neidern und Feinden ... Der Regierung bliebe er ja doch unter allen Umständen anstößig , wie jetzt sämmtliche Priester , die adelige Namen trügen ... Bleiben Sie so lange in einem Donauklöster , bis eine Pfründe offen wird ! Ja , es sind die Tage des Exils ! sagte er und ging zur Whistpartie bei der Commerzienräthin ... Auf einzelne hervorragende Häupter legt sich in großen Krisen die Verantwortung . Es sind oft nur Loose des Zufalls . Irgendein Misverständniß , irgendeine unbegründete Annahme vertheilt die Rollen . Vollends kann ein katholischer Priester seine wahren Meinungen und Gesinnungen nicht kund geben . Bonaventura war gegen den damaligen so nüchternen und freiheitsfeindlichen Geist der Bureaukratie tief eingenommen , er war adelig , galt von früherher noch für gespannt mit seinem Stiefvater , dem Präsidenten , war intim mit dem hervorragenden Adel um Witoborn - wegen alles dessen galt er für einen Römling ... Wie konnte er dagegen protestiren ! ... Der alte Weihbischof übersah seine ganze Lage und rieth ihm gleichfalls , eine Vacanz zu begehren , um vorläufig in Kocher am Fall den kränkelnden Dechanten zu besuchen ... Benno rieth ebenso ... Niemand wußte besser , als Benno , wie Bonaventura dazu gekommen war , seine Hand auf Paula zu legen ... Er wurde dazu gezwungen , um Schmerzen zu stillen ... Armgart hatte mit Gewalt seine widerstrebende Hand ergriffen und geführt ... Dann war dafür der Oberst an seine Stelle getreten - schon bei dem Mittagsmahle , wo Paula eine Vision von ihrer Heirath hatte - auch bei seinem Abschied , wo er sie schlafend fand und sie ihn Bischof nannte ... Alles das - er hätte es so gern vergessen - rief man gewaltsam wieder in seinem Gedächtniß wach ... » Nach Witoborn ? « Das war unmöglich ... Aber als Benno dann sagte : » Vielleicht übernehme ich selbst es , dem Cardinal Ceccone und dem Staatskanzler offen unsere ganze hiesige Lage zu schildern , Nück drängt in mich , daß ich seine Proceßacten befördere « - als Bennos fortfuhr und sagte , daß es ihn ewig südwärts zöge und er sich vorkäme wie ein Zugvogel , der wider Willen auch den Winter im Norden zubringen müsse , weil ihm die Flügel gebrochen wären ; als er sagte , es wäre ihm , als hätte er sonst die Sprache Aegyptens verstanden , nun aber kämen die andern Störche im Frühjahr von der Reise zurück und plauderten Dinge von den Pyramiden , die er nur noch halb verstünde - da entschloß er sich , einige Wochen in der Dechanei des Onkels zuzubringen ; denn zu mächtig schlug sein Herz , Benno endlich sagen zu dürfen , wo sein wahrer Dachgiebel zum Nestbauen im Norden und im Süden wäre - auf Schloß Neuhof und in Rom ... Vielleicht gab die Pfingstzeit , wo Benno nach Kocher nachzukommen versprach , die Stunde der Enthüllung ... So reiste denn Bonaventura nach Kocher am Fall ... Er fand den Onkel erregter denn je ... Was sich auch seit den Enthüllungen über Benno ' s Ursprung in des Neffen Gemüth gegen den leichtsinnigen » Abbé « aus der Napoleonischen Zeit festgesetzt hatte , bald wich es dem edeln und versöhnenden Eindruck , den des Onkels liebevolle persönliche Erscheinung machte ... Und nun fand er den Milden , Gütigen in einer fast krankhaften Aufregung und von allen seinen alten Principien der Gleichgültigkeit besorgniserregend verlassen ... Um zehn Jahre war er älter geworden , muthloser , verdrießlicher , die Fliege an der Wand konnte ihn ängstigen ... Leicht drohte auch eine Untersuchung für den alten leichtsinnigen Betrug ... Frau von Gülpen war eine Mehrung dieser Unzufriedenheit des Greises mit sich selbst und keine Linderung ... Seit dem grauenvollen Erlebniß mit ihrer Schwester , seit der Hinrichtung des Mörders derselben war eine Schreckhaftigkeit über sie gekommen , die in allem Gefahren sah , selbst in dem Alleinwohnen auf der Dechanei ... Wäre nicht Windhack ' s gute Laune die alte geblieben , das Leben seiner jetzigen Vereinsamung wäre dem Onkel ganz die Qual geworden , die der römische Priester für seine alten Tage fürchtet ... Die Frage nach einer neuen Nichte war keineswegs unerörtert geblieben ... Bonaventura erstaunte , auf wen der Onkel , angstvoll , sein Auge gerichtet hatte ... Nach den ersten Begrüßungen , nach den ersten Auslassungen des Scherzes , sogar über die Ursache dieser Reise des Neffen , über den magnetischen Rapport desselben mit der schönen Seherin von Westerhof , folgte die Mittheilung , daß der Briefwechsel zwischen ihm und dem Präsidenten von Wittekind aufs lebhafteste andauere . Der Renegat Terschka hatte zwar Schweigen gelobt , aber man müsse alles höchst vorsichtig » applaniren « , auch mit der Schwester Benno ' s - Angiolina Pötzl in Wien ... Auf diese hatte er für seine letzten Lebensstunden und zur Vorbereitung der Erkennungen sein Auge gerichtet und darüber nach Wien geschrieben ... Freilich war schlimme Antwort gekommen ... Graf Hugo lebte wie durch die Ehe mit ihr verbunden ... Wäre auch , hieß es , ein Bruch infolge der Heirath des Grafen mit Paula vorauszusehen , so eigne sich doch weder der Ruf noch das Naturell jenes vom Glück verwöhnten , in Erfüllung aller ihrer Wünsche auferzogenen Mädchens für die Rücksichtsnahmen einer geistlichen Wohnung ... Der Präsident , Bonaventura ' s Stiefvater , überrascht und fast erschreckt durch Terschka ' s Flucht nach England und sein dortiges Auftreten unter Protestanten und Mitgliedern der italienischen Emigration , ließ jetzt in seiner Reizbarkeit gegen die Anerkennung seiner ihm bekannt gewordenen Geschwister nach , correspondirte mit Lehrern des Kanonischen Rechts und wurde vorzugsweise von seiner Gattin bestimmt , sich mit dem Gedanken vertraut zu machen , daß die heimliche und trügerisch geschlossene zweite Ehe seines Vaters vor der Kirche zu Recht bestünde ... Schon ergab er sich jeder Wendung der Zukunft und erklärte , auf weitere Nachforschungen seinerseits verzichten , auf Ausgleichungsvorschläge gefaßt sein zu wollen ... Bonaventura staunte , daß sowol vom Kloster Himmelpfort wie von Wien und Rom aus über diese Angelegenheit ein plötzliches Schweigen eingetreten war ... Hatte sich Ceccone den Jesuiten unterworfen ? ... Zuletzt war es seine Mutter , die in ihrer steten Gewissensbedrängniß und dem den Frauen eignen System der Vertuschung von selbst darauf kam , ihr Gatte sollte sich den Blick in die Zukunft dadurch erleichtern , daß er dem Schlimmen aus eignem Antrieb entgegenkäme ... Ihr mit wühlerischem Verstand um sich blickender Sinn erkannte zuerst , daß die ihr jetzt erst ganz offenbar gewordenen Beziehungen des Kronsyndikus zum Dechanten mit dem Dasein Benno ' s zusammenhingen ... Der Präsident hatte in einem eben beim Onkel angekommenen Briefe seine Ueberraschung über die ihm von seiner Gattin mitgetheilte Möglichkeit ausgesprochen und den Dechanten ersucht , den vortrefflichen jungen Mann , den er schon schätzte , den Freund seines Sohnes , des Domkapitulars , klug und besonnen seinem brüderlichen Herzen näher zu führen ... Diese Enthüllung erfolgte dann in den Tagen , als Benno , nichts von dem ahnend , was ihm bevorstand , gleichfalls in Kocher erschien ... Auch Benno wohnte in der Dechanei ... Er kam heitrer und sorgloser , als man ihn seit lange gesehen hatte ... Er brachte Briefe von Thiebold , der sich soeben in Geschäftssachen in England befand und Wunderdinge berichtete über das Ansehen und die Geltung , die sich Terschka in London durch seinen wirklich erfolgten Uebertritt und den Anschluß an die Sache Italiens erworben hatte ... Benno war besonders auch für Frau von Gülpen ein trostreiches Element . Ihr Herz hing an ihrem Zögling mit der ganzen Innigkeit , die bei Frauen zwischen polternden Vorwürfen , wie schlecht man seine Wäsche behandeln lasse , und der Angst , man könnte sich bei geringster Erkältung , z.B. auf Windhack ' s Sternwarte den Schnupfen holen , die hin- und hergehende Mitte hält ... Dann war es an jenen Abenden , wo die Cassiopeja ihren funkelnden Schein zur Vorleuchte am Baldachin des Himmels macht , wo der » Schwan « aus Nordost sein mildes , wie ein flockenreines Gefieder strahlendes Licht erzittern läßt , unter dem Schmettern der Nachtigallen , die im Park der Dechanei nisteten , beim Duft der Hollunderblüten - als Benno im stillen Wandeln unter den einsamen Alleen aus Bonaventura ' s Mund das Geheimniß seines Lebens , seinen wahren Namen - Julius Cäsar von Wittekind erfuhr ... Er erfuhr ihn allmälig ... Beim feierlichen Nachzittern des Stundenschlags der Kathedrale von Sanct-Zeno , nach einem feierlichen Gelübde , das ihm Bonaventura abnahm , nichts zu unternehmen ; was nicht mit den Interessen seiner nächsten Freunde und jetzigen Verwandten im Einklang stand ... Er erfuhr zuerst den Namen und die Lebensstellung seiner Mutter ... So steigt die Sonne mit purpurrothen Gluten aus der Erde ... So kommt eine Friedensbotschaft an die Menschheit , verkündet von dem Klang unzähliger in den Lüften schwebender Harfen ... Eine Römerin ! ... Aber noch fehlte der schrille Accord : Der Name des Vaters ... Die Schwere des Erlebnisses war zu niederdrückend ... Noch wurden nur die Namen Kassel , Altenkirchen , Rom , auch Wien , letzteres um der Schwester willen , genannt , noch erst die Auffassungen der Kirche und des Dogmas erörtert ... Fast sprachlos starrte Benno , der wie ein Träumender stand , allem , was Bonaventura sagte ... Die Freunde mußten sich unter Hollunderbüschen auf eine Bank niederlassen ... Die Schilderung der Scene in der Waldkapelle , wo seine Mutter von einem verbündeten Complott so ruchlos betrogen wurde , raubte Benno die Sprache ... Stumm blickte er auf die Lippen seines Freundes , der in seiner milden , innig zum Herzen sprechenden Weise entschuldigend erzählte und alles nannte bis auf den Namen - des Vaters ... Nenn ' ihn nicht ! rief Benno , als müßte er die Mutter rächen , wie Orest den Vater rächte ... Bonaventura sagte : Er ist todt ... Endlich nannte er auch diesen Namen ... Da brach Benno zusammen an des Freundes Brust ... Ein Gefühl der Scham überflog ihn und wie ein Gifthauch südlicher Luft nahm ihm den Athem ... Auf die so plötzlich aufgesprungene Blüte seines wunderbaren Daseins das störende Wälzen eines großen giftigen Skorpions ... Tiefgeheimnißvoll ist das Blut , das durch die Geschlechter rollt ... Der gespaltene Funke wird da zur Flamme ; die gespaltene Flamme mehrt sich an Kraft ... Ein Geschlecht kann auf Jahrhunderte die Signatur des Körpers und Geistes bewahren , wenn die Mischungen bedacht sind , immer wieder auch das Fremdartige liebend sich anzueignen ... Benno aber mußte mit erstickter Stimme sprechen : Ich ein Wittekind ! ... Ist das , wie wenn Wettersturm aus den Schluchten des Teutoburger Waldes braust ! Meine Ahnenreihe bis in die Sagenzeit ... Doch - Friedrich und Jérôme von Wittekind meine Brüder ! ... Der Geist abgewelkt im Vater schon ! ... Oder war das nur das Loos der Ichsucht ? ... Ja , so gehen Despoten hinüber , die keinen Gegner finden , der sich mit ihnen mißt ! ... Alle die Beziehungen des Vaters , die Benno so gut kannte , wurden dem von Entsetzen Ergriffenen wie der Eingang in eine dunkle Höhle voll unheimlicher Gestalten , die er in Waffen betreten sollte ... Klingsohr , der Sohn des ermordeten Deichgrafen , der geistige Sohn des Kronsyndikus , stand plötzlich mit wirren Locken vor ihm und reichte ihm mit dem Brudernamen die blutige Rechte ... Ein Fieber ergriff ihn ... Wie eine Mutter nach der Geburt ... Wie das Hemd des Nessus brannten alle diese Namen und Beziehungen ... Angiolina - und - Pötzl - ein höhnischer Satyrkopf dieser Name hinter Rosenbüschen ... Wie kam der alte Schauspieler Pötzl bei den Kattendyks zu dieser Verlornen ? ... Auch die Mutter , Herzogin von Amarillas - die » Freundin « eines Cardinals Ceccone - ... Leiden unter etwas Angeborenem ist nicht zu schwer ... Der Krüppel , der Blinde , der Taube nimmt das Leben , wie es ihm die Geburt beschert ... Aber die Schönheit erst verlieren , das Häßliche erst gewinnen , plötzlich ein Blinder , plötzlich ein Tauber werden , das ist ein furchtbares Menschenloos ... Benno riß sich an jenem Abend aus Bonaventura ' s Armen und rief : Ich könnte in die Wälder rennen wie ein Wolfsmensch ! ... Ruhe ! Ruhe ! sprach Bonaventura und beschwichtigte ihn durch seine Umarmung ... Am Morgen nach diesem verhängnißvollen Abend war die Begegnung mit dem Onkel und mir Frau von Gülpen erschütternd ... Der Onkel grüßte mit Wehmuth und die Augen tief niederschlagend ... Er hätte die ewig dunkle Binde über Benno ' s Augen vorgezogen ... Das sagte er auch und lobte , als ihm Benno krampfhaft um den Hals stürzte , die Blindgeborenen , weil die alle so heiter blieben ... Benno preßte nur stumm seine Hand ... Es lag die Verzeihung der Liebe und der Dank für ein ganzes , doch nur vom Dechanten ihm gerettetes Leben darin ... Reden konnte er nicht ... Das Blut rollte ihm wie ein ihm fremd gewordenes und ungebändigt durch die Adern ... Als er zu scherzen versuchte , sagte der Onkel : Das hat er ganz von seinem tollen Alten ! Der konnte auch , wenn er wollte , ganz verteufelt liebenswürdig sein ! ... Dies Wort kam noch zur Unzeit ... Aber , als Benno düster die Augenbrauen zusammenzog , sagte der Dechant auch da : Wie sein Vater , der grimme Jäger ! ... Der Onkel hatte das Bedürfniß , das Ueberseltsame wieder in das Altgewohnte zurückzulenken ... Da sprach denn , als auch Frau von Gülpen , Benno ' s zweite Mutter , sich ausgeweint hatte , Benno : Nun bitt ' ich nur um eines ! Gebt mir meine fünf Julius Cäsar-Jahre heraus , die ich schon länger auf der Erde weile , als ich Erinnerungen habe - und die Taufscheine es wußten . Um wie viel früher hätt ' ich jetzt Hoffnung , meinen Militärmantel abzulegen ! ... Alle nähern Umstände dieser Verheimlichungen wurden erzählt ... Mit dem ihm eignen scharfen , aller Lebensverhältnisse kundigen Ueberblick durchschaute Benno alle neuen und nicht offen kund zu gebenden Bedingungen seines Lebens ... Er beruhigte den Präsidenten in einem Schreiben , in dem er ihn als Bruder begrüßte ... Mit edler Selbstbeherrschung bot er jede Bürgschaft , daß seine langgeprüfte Geduld , die Ergebung in sein räthselhaftes Dasein ihn an Entbehrung äußerer Anerkennungen gewöhnt hätte ... Ja , der Adoptivname , den er einstweilen trage , » von Asselyn « , wäre ihm ja durch seine theuersten Freunde geheiligt , auch von der Krone genehmigt ... Er mache nur dann Ansprüche auf die Wiederherstellung seiner Stellung zum Leben , wenn niemand damit eine Kränkung widerführe , am wenigsten seiner noch lebenden Mutter ... Diese freilich in ihrer Ansicht über das Vergangene zu erforschen , ihr sich , wenn es irgend ohne Verletzung äußerer Rücksichten möglich wäre , zu nähern - dafür ergriffe ihn ein unwiderstehliches Verlangen ... Ebenso zöge es ihn zur Annäherung an Angiolinen ... Eine Reise nach dem Süden läge nun fest beschlossen in seiner Seele ... Der Präsident antwortete voll Güte und gerührt dankend ... Er bot ihm reichere Mittel , als Benno annehmen konnte , da eine zu schnelle Veränderung seiner Lage leicht hätte Vermuthungen wecken können , die von allen Betheiligten nicht gewünscht werden konnten ... Auch Thiebold durfte nichts erfahren ... Der tolle Mensch , sagte Benno zu Bonaventura , thut in der Regel alles , was ich zu thun mich schäme , aber gern im Stillen manchmal thun möchte ... Er verhindert mich an Thorheiten , weil er sie selbst übernimmt ... Ich glaube , er übernähme dies Drohen mit meinem Geheimniß , dies Zupfen an Schleiern , die man allenfalls lüften könnte ... Besser , wir schweigen auch gegen ihn ... Je lichter somit von der Dechanei aus der Blick auf das sonnige , waldumkränzte , solange geheimnißvoll verschleiert gewesene Schloß Neuhof wurde , desto düsterer blieb der auf Witoborn und Westerhof ... Bonaventura hatte seit einem Vierteljahr sich nur im Entsagen geübt , auch nichts mehr von dorther vernommen , was ihn besonders wieder hätte aufregen können ... Der Oberst , das erfuhr er erst hier , leitete die Vorbereitungen zu seinem Papierbetrieb ... Der muthige Mann fand die größten Schwierigkeiten ... Sie gingen bis zu muthwilligen nächtlichen Zerstörungen seiner Bauten ... Armgart und Monika mußten sich in ihrer ganzen Kraft zeigen ... Sie hatten ein kleines Hans in Witoborn gemiethet und es geschmackvoll , wenn auch einfach eingerichtet ... Hedemann schrieb an den Dechanten von einer Heirath mit Porzia Biancchi , der Tochter des Gipsfigurenhändlers ... Seine Aeltern waren schnell hintereinander gestorben ... Ein so schönes Familienverhältniß hätte sich jetzt begründen können , aber die Beunruhigung durch die lichtscheue Bevölkerung der Gegend war zu groß ... Armgart verlöre , hieß es , allen Halt in ihren Anschauungen ... Wo sie hinginge , müßte sie - » sie « ! - Reden halten zur Vertheidigung - des Papiers und der Aufklärung ! ... Ulrich von Hülleshoven überflügelte bald die Herrschaft seines Bruders Levinus auf Schloß Westerhof ... Mußte ihm das gelingen schon durch seinen männlich festen Sinn , seine Lebenserfahrung , so kam der wohlthuende Eindruck hinzu , den er auf die Frauen machte ... Er war in der Lage , Monika ' s schroffe Entschiedenheit , die indessen den Dechanten noch immer in ihrer Correspondenz entzückte , zu mildern ... Während Monika bald das Stift Heiligenkreuz zum Feinde hatte , während sie die Frau von Sicking zur Aenderung ihres Aufenthalts bewog und in diesen Kämpfen von Armgart ' s wie aus einem Traumleben erwachendem gesunden und frischen Sinn unterstützt wurde , schlösse man sich , erzählte der Onkel aus Monika ' s Briefen , dem Obersten an , der zu begütigen und auszugleichen wisse ... Paula gewann ihn , das wußte Bonaventura , besonders lieb und erlag seiner magnetischen Einwirkung ... Der Oberst durfte sie nur berühren und sie versank in jenen Schlummer , der ihr einziges Labsal war im Schmerz des Nerven- und Seelenlebens ... Bonaventura beobachtete dies gleich an dem letzten Mittag vor Terschka ' s Flucht , wo Paula bei Tisch mit der abwesenden Armgart zu sprechen angefangen ... Der Oberst führte sie damals in ihr Zimmer und sie antwortete auf jede seiner Fragen ... Bonaventura erzählte davon dem Onkel ... Paula , berichtete er , ohne Zweifel übermannt von der seit dem Fund der Urkunde sie folternden Angst um den Grafen Hugo , hatte die bei Tisch fehlende Armgart gefragt , was sie am Schranke suche ? ... » Am Schranke ? « ... fragte man ... » Ein Kleid ? « ... Nimm ein weißes , sprach sie , es steht dir besser ! Auch die Myrte nimm ! setzte sie hinzu ... Die Myrte ? fragte der Oberst . Macht denn Armgart Hochzeit ? ... Darauf stockte Paula und erwiderte : Armgart sucht ein Kleid für sie aus ... Sie meinte : für sich selbst ... Niemand hatte den Muth , zu fragen : Heirathest du denn ? ... Ihr Kleid ist aber noch nicht fertig ! sagte sie dann wie aus sich selbst und zeigte hinauf in die Luft mit den Worten : Sieh , sieh , die vielen Körbe ! ... Fast so heiter sprach sie das , daß die Umstehenden an die Zahl der zunehmenden Bewerber denken mochten ... Aber Paula setzte hinzu : Korb an Korb ! ... Am Altar der » besten Maria « stehen sie ! ... Jetzt hätte leise die Tante erklärt : Terschka erzählte vom Schloß Castellungo , daß die nächstliegende Kapelle der » besten Maria « gewidmet wäre und die malerisch schönen Seidencocons oft in hunderten von Körben unter Blumen dort niedergestellt würden zur Segnung durch Priesterhand ... Paula entschlummerte dann ... Jeder sagte : Sie hat in den Körben die Anfänge ihres Brautgewandes gesehen ... Der Onkel schüttelte den Kopf , versank aber über die Nennung des Namens Castellungo in ein staunendes Nachdenken ... Bonaventura führte sich selbst noch oft seine letzten westerhofer Tage vor ... Er riß sich an jenem Mittag voll Verzweiflung los ... Er glaubte überhaupt keinen Abschied von Paula nehmen zu können und griff zur Feder , um seine Empfindungen niederzuschreiben ... ... Zwei Briefe entwarf er ... Einen in der stürmischsten Liebesbetheuerung mit dem Bekenntniß aller Gefühle , die auf dem geheimsten Grund seines Herzens lebten ... Es war ein trunkener Rausch der Herausforderung an sein Geschick und doch - er warf ihn in die Flammen ... Einen zweiten schrieb er milder , ersichtlich zum ewigen Abschied ... Auch diesen vernichtete er ... So stand er rathlos ... Da hörte er neben seinem Zimmer das Aechzen seines Wirths Norbert Müllenhoff , der im ersten Stockwerk schlief ... Das an der Pfarrhausthüre ausgesetzte Kind gehörte ohne Zweifel nur dem wunderlichen Zeloten ... Die Zukunft des Unglücklichen war zerstört , wenn die Rache der Hebamme , im Bund mit dem buckeligen Geiger , die finkenhofer Lene zum Geständniß vor Gericht brachte ... Einmal hörte er den Pfarrer in seiner Kammer laut ausrufen : Allmächtiger Schöpfer Himmels und der Erden ! ... Es war ein Ruf wie aus der tiefsten Seele ... Die Hände wurden dabei zusammen geschlagen wie von einem Verzweifelnden - Dann war wieder alles still ... Bonaventura erbebte ... Es durchschüttelte sein Gebein , diesen Ausruf zu hören , der aus der Tiefe des Jammers kam ... Müllenhoff sah voraus , daß ihm eine zeitweilige Verweisung in das Strafkloster Altenbüren gewiß war ... Ein ewiger Makel haftete damit an seinem Leben , ein Hinderniß an jeder . Beförderung ... Hätte nicht auch Bonaventura in diese Anrufung des Schöpfers der Natur einstimmen und alle Elemente entbieten mögen , ihm beizustehen , die Zwingburg unnatürlicher Gesetze zu brechen ? ... Er klopfte an die Kammer und trat ein mit der Frage an den Stöhnenden und jetzt mit zusammengefaltenen Händen wie bewußtlos Daliegenden , ob er ihm in irgend etwas vor seiner an demselben Abend bevorstehenden Abreise behülflich sein könnte ... Anfangs fuhr Müllenhoff in gewohnter Grobheit auf ... Dann besann er sich , bat