deutlich und klar , Herr General ! « » Es haben in Folge dieses Schimpfes heute Morgen bereits drei Duelle stattgefunden und ein Sergeant der Grenadiere ist dabei erstochen worden , « sprach der Ankläger . » Die Soldaten der ganzen Division sind wüthend , außer sich , - und ich kann Euer Excellenz nicht für ausgedehnte Excesse einstehen , wenn die Thäter nicht sofort bestraft werden . « Die Falte zwischen des Ober-Generals Brauen hatte sich vertieft , in den Krähenfüßen um die Augenwinkel lag Hohn mit aufsteigendem Zorn gemischt , als er fragte : » Das sind Alles allgemeine Anschuldigungen , General Mellinet , aber wer ist der Thäter ? « » Es sind Zuaven vom dritten Regiment , « sagte Pontèves barsch . - Der Oberst des dritten Zuaven-Regiments , de Bonnet-Maurelhan-Polkes , drängte im Augenblick sein Pferd aus den hintern Reihen . - » Erlauben Sie , Herr General , das ist - - « » Still ! « sagte der Ober-Befehlshaber mit gebietender Stimme und Handbewegung . » Ueberlassen Sie das mir , Oberst . Wo sind die Beweise für Ihre Behauptungen , Herr General ? « » Die Schildwachen haben Zuaven in der Nähe unserer Zelte bald nach Mitternacht umherschleichen gesehen , ein Corporal der Grenadiere behauptet , zwei von ihnen erkannt zu haben . Den Einen bezeichnet der Name dieser Brieftafel , die man an einer Stelle fand , an welcher jene Nichtswürdigkeit angeheftet war , der Andere hat sich durch das Duell verrathen , indem er heute den Corporal des ersten Grenadier-Regiments , der ihn beschuldigte , tödtlich verwundete . « General Pelissier hatte das Notizbuch geöffnet , seine Stirn war finster wie eine Gewitterwolke , weniger aus Aerger über den Unfug , als aus Groll über die directen Beweise . - » François Bourdon « las er , - » wie heißt der andere Bursche , den man gesehen haben will ? « » Lebrigaud ! « » Lebrigaud ? - der Name ist mir nicht unbekannt - ein toller Taugenichts , wenn ich mich recht erinnere . In welcher Compagnie stehen dir Beiden ? « - Sein Blick heftete sich auf den Kreis von Offizieren und Soldaten , der sich in einiger Entfernung um die Generale gebildet hatte und in gespanntem Schweigen der Entwickelung harrte . Der Kommandant des ersten Bataillons , Vicomte de Méricourt , trat salutirend aus der Reihe . » Euer Excellenz zu Befehl , die beiden Leute stehen beim ersten Bataillon , das ich zu kommandiren die Ehre habe , aber ich glaube , für Corporal Bourdon bürgen zu können , der einer der bravsten und ordentlichsten Soldaten ist . « » Ich habe Sie um Ihr Zeugniß noch nicht gefragt , Herr , « sagte grämlich der General . » Lassen Sie die beiden Männer hierher kommen . « Der Befehl lief schnell durch die Menge , die sich näher herandrängte , und einige Augenblicke darauf trat der Corporal Bourdon in den Kreis und blieb in dienstlicher Haltung vor den Generälen stehen . Ihm folgte Lebrigaud , in den Talar und die Mütze eines polnischen Juden gekleidet , die als das Costüm eines russischen Popen gelten sollten , an der Hand nicht ohne einiges Sträuben die noch scandalöser ausgeputzte Figur seines Collegen Bernaudin hinter sich herzerrend . Ein unterdrücktes Lachen lief durch die ganze Cavalkade des Stabes bei der Erscheinung dieses seltsamen Kleeblatts , während die Offiziere der Garden ihre Lippen wund bissen . » Was soll die Mummerei heißen , - wer sind die Kerls ? « fragte der Ober-Kommandant , bemüht , eine strenge Miene anzunehmen . » Excellenz halten zu Gnaden , « nahm der verkleidete Pope mit einer tiefen Verbeugung das Wort , » ich bin für heute Nachmittag der ehrwürdige Vater Basilius Papodorowitsch und das da ist Ihre Durchlaucht die Fürstin Mulaschpulaschkin , die Besitzerin verschiedener Goldbergwerke im Uralischen Gebirge oder am Kasperschen See , die sterblich in einen Offizier von Euer Excellenz getreuen Zuaven verliebt ist und mit des Himmels Hilfe und meinem Beistand seine eheliche Gallin werden soll . « Das Gesicht des Generals wurde jetzt im Ernst finster . » Nimm Dich in Acht , Bursche , und bedenke , vor wem Du stehst ! Wie heißt Du ? « » Lebrigaud , Excellenz , und das ist mein Kamerad Bernaudin , « sagte der Lüderjahn unbesorgt , » wir haben heute , mit Erlaubniß des Obersten , eine kleine Theatervorstellung , zu der wir Euer Excellenz und die Herren Generäle gern einladen möchten , wenn es der Respect erlaubte ; - Euer Excellenz wollen das Costüm entschuldigen , - wir durften es nicht wagen , Sie warten zu lassen . « » Es ist gut ! - Dein Name kommt mir bekannt vor ? « » Möglich , General . Wir haben Beide einen großen Theil unserer Zeit in Afrika zugebracht . « » Du warst unter den Zephyren beim Angriff auf die Verschauzung der Veni-Passan ? « » Ja , General - es sind fünfzehn Jahr her und ich bin seitdem nicht schöner geworden . Ich half Sie damals über die Schanze werfen - Sie waren da noch nicht so dick und schwer wie heute7 - ich erinnere mich genau . « » Richtig , Du warst einer von den Dreien , aber ich habe ein eben so gutes Gedächtnis und erinnere mich auch , daß Du der Erste bei mir warst . Ich kenne jetzt auch Dein Gesicht , trotz des Bartes . « » O , « sagte der Zuave höflich , indem er den falschen Bart entfernte , » da kann ich dienen , General ! « Jedermann sah jetzt , wie die Untersuchung enden würde , denn Pelissier nahm bei jeder Gelegenheit seine alten Zephyre in Schutz , obschon sie die berüchtigsten Taugenichtse der afrikanischen Armee waren . Trotzdem konnte sich der General Pontèves nicht enthalten , noch einen Versuch zu machen , indem er auf die breite Schmarre des Zuaven wies : » Da steht der Beweis auf seinem Gesicht , daß er Derjenige ist , welcher sich heute Morgen geschlagen hat . « » Fichtre ! ich denke , ich habe es noch nicht geleugnet ! - Es kam wegen einer Beleidigung , die nur die Garden angethan haben . « » Dir , Kerl ? « » Ja , General , sie haben mir eine Brieftafel , die mir mein Freund und Corporal Bourdon hier zu meinem Namenstag als Andenken geschenkt hatte , gestohlen ! Der Henker weiß zu welchem Zweck ! « Unaufhaltsam , trotz der Gegenwart des Ober-Befehlshabers , war das Gelächter , das nach dieser frechen Anschuldigung hervorbrach . Der Spitzbube hatte offenbar die vorhergegangene Anklage und Verhandlung hinter der Bühne versteckt angehört und parirte auf diese Art den Beweis , da er seinem jüngern und ehrlicheren Kameraden nicht recht trauen mochte . » Und Euer Excellenz gestatten diesem Schuft eine solche Infamie ? « schrie wüthend General Mellinet . » Ich begreife nicht , « fuhr der Zuave mit derselben stoischen Ruhe fort , » wie man sich darüber ärgern kann . Wir müssen uns doch auch gefallen lassen , daß die Herren von der Garde uns nicht anders , als Hühnerdiebe nennen , während sie die ganze Zeit doch ihre Eier in unsere Nester zu legen bemüht sind . « Er wies mit der Hand nach dem Eingang der Cantine , wo man einen Adjutanten des General Pontèves , heimlich vom Pferde gestiegen , die Gelegenheit benutzen sah , sich so eifrig mit Mademoiselle Celeste zu unterhalten , daß das Pärchen nicht einmal die Aufmerksamkeit bemerkte , die der Zuave schlau darauf gewandt . » Sie werden dem Grafen Bretanne drei Tage Arrest dafür geben , Herr General , « sagte der Ober-Kommandant - kein besonderer Freund des schönen Geschlechts - barsch , » daß er seiner Liebeleien wegen die Achtung vor seinen Vorgesetzten aus den Augen setzt . - Was die Beleidigung anbetrifft , so stehen Anschuldigungen aus beiden Seiten . Hast Du dies geschrieben , Bursche ? - Sprich die Wahrheit ! « - Er zeigte dem Zuaven das Plakat . Der Halunke spielte wie die Katze mit der Maus mit seinen Gegnern . Er besah das Blatt hinten und vorn , zeigte es kopfschüttelnd seinem Gefährten und sagte dann , die Augen listig zusammenkneisend : » Aber General , die ganze Compagnie weiß , daß ich kein Gelernter bin und nicht einmal meinen Namen schreiben kann , sonst müßte ich ja längst mindestens Oberst sein , abgesehen von den paar kleinen Verurtheilungen . Außerdem kann hier Bernaudin , mein Kamerad , der die Fürstin Mulaschpulaschkin darstellt , bezeugen , daß ich die ganze Nacht nicht von seiner Seite gekommen bin ! « » So wahr alle neunhundertundneunundneunzig Heiligen meiner Seele gnädig sein mögen , ich will mein Leben lang Nichts als saure arabische Milch fressen , « schwor die Fürstin geläufig , » wenn das nicht Alles die reine Wahrheit ist , Euer Excellenz , Herr General-Ober-Kommandant ! Ich will verdammt - - « Eine Handbewegung und ein einziger Blick des Generals unterbrach und scheuchte ihn einige Schritte zurück . - » Kannst Du einen ähnlichen glaubwürdigen Zelgen für Dein Alibi stellen , Corporal ? « fragte er , zu Bourdon gewendet . Der junge Mann war blutroth und scheute sich offenbar , eine Lüge vorzubringen , obschon er Zuave war . Lebrigaud sprang ihm jedoch eilig zu Hilfe und sagte : » Der Sergeant-Major Fabrice war bei ihm . « » Fabrice Tonton ? - Das ist ein Braver - ich kenne ihn . Laßt ihn vortreten . « Papa Fabrice wurde sehr gegen seinen Willen in den Kreis gedrängt und schien sich ziemlich unbehaglich und verlegen zu fühlen . » Nun , mein Alter , « sprach freundlich der General , » die Sache hier muß ein Ende nehmen . Sprich also frisch heraus , ob Dir bekannt , wo dieser Mann hier die Nacht zugebracht ! « Der Sergeant-Major drehte sich noch immer verlegen den langen Schnurrbart oder rückte den Feß von einer Seite auf die andere und kraute sich hinter dem Ohr . » Nun wirds ? « » Peste ! - Es ist freilich nicht ganz recht , General , « murmelte der Angeredete endlich , » daß so ein alter Esel , wie ich , sich verführen läßt - aber die Wahrheit muß heraus ! - Wir haben zusammen getrunken , mein General - es war so , wie ein Namenstag , ich weiß nur nicht genau welcher ! - aber wir saßen die Nacht beisammen , das ist wahr , nur ... « » Das ist genug , « sagte der Ober-Kommandant . » Tretet zurück , Bursche . Sie sehen , General Mellinet , daß sich Nichts hat ermitteln lassen . Was Ihr Verlangen betrifft , so bewillige ich dasselbe und die zweite Garde-Brigade soll bei der heutigen Ablösung bereits den Dienst in den Trancheen beziehen . Treffen Sie die nöthige Aenderung in den Bestimmungen , Rivet . « » Aber das Duell - der erstochene Sergeant ? « » General Wimpffen möge ein Kriegsgericht anordnen - Sie hörten ja , daß der Bursche behauptet , der beleidigte Theil zu sein . « Der Kommandant der Garden wandte sich zu dem Kommandeur des Regiments . » Da mir hier jede Genugthuung verweigert wird , « sagte er , bleich vor unterdrücktem Aerger , » so habe ich Sie , Oberst Maurelhan , nur noch darauf aufmerksam zu machen , daß , läßt sich Einer von Ihren Schuften noch ein Mal im Bereich des Lagers der Garden blicken , die Wachen Ordre haben werden , ihn wie einen Hund nieder zu schießen ! « » Wenn Sie hierher gekommen sind , General , « schrie der alte Polkes heftig , » um mich zu beleidigen , so ... « » Halt da , meine Herren , « unterbrach die strenge Stimme des Ober-Befehlshabers , » keinen Streit ! Meine Entscheidung ist gefällt und Sie mögen bedenken , General Mellinet , daß ich wegen eines Witzwortes doch unmöglich brave Soldaten erschießen lassen kann . Begleiten Sie uns weiter , Mellinet , wenn es Ihnen genehm . « » Euer Excellenz werden mir erlauben , nach meinem Quartier zurückzukehren , « sagte der Garde-Divisionair , kurz und kalt salutirend , und wandte , ohne Antwort abzuwarten , sein Pferd . » Oberst Maurelhan-Polkes , « fuhr der Ober-General fort , das Regiment scheint mir allerdings etwas außer Zucht und ich muß Sie bitten eine größere Strenge eintreten zu lassen . Um den Uebermuth etwas zu dämpfen und zu bestrafen , soll das Regiment morgen die Spitze nehmen beim Sturm auf den Mamelon . Lassen Sie daher die Brigade Vergé die Stellung im Dokowaja-Grund einnehmen und die erste Brigade den Angriff machen , Camou ! Ein donnerndes » Vive l ' Empereur ! « » Vive le général Pelissier ! « erschütterte bei dieser Strafbestimmung rings umher die Luft . Die Zuaven geberdeten sich wie wahnsinnig ; sie umringten , vorstürzend , den General , sie umarmten und küßten die Füße seines Pferdes , sie schwenkten die grünen Shawls ihrer Kopfbedeckung durch die Lust und trieben tausend tolle Possen . » Das ist unbillig , General Pelissier , « sagte ernst Pontèves , der von der Garde-Suite allein noch zurückgeblieben war . » Diese Genugthuung hätte zum Mindesten den Garden gebührt und ich hatte Ihr Versprechen für meine Brigade bei der ersten Gelegenheit und mahne Sie jetzt daran . « Der Ober-General klopfte ihn freundlich auf die Schulter . » Sei vernünftig , Pontèves , wenn es Ernst gilt auf den Malachof , sollst Du mit Deinen Grenadieren nicht fehlen , auf mein Wort . Der Mamelon ist ein Vorposten und den zu nehmen das Gesindel da gerade gut , das tolle Blut wird dabei genug decimirt werden , und nach dem Gefecht die Freundschaft wieder hergestellt sein . Ich kenne das und schicke deshalb Deine Brigade in die Trancheen , damit heute Ruhe bleibt . - Ist es gefällig , meine Herren , wir haben viel Zeit verloren ! - Adieu , Kinder , und beeilt Eure Vorstellung , damit Euch die meine nicht stört ! « Er galoppirte unter dem Zuruf der Menge in weit besserer Laune davon , als er hergekommen ; gefolgt von der ganzen Suite . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Ober-General und sein Stab waren noch nicht in der Schlucht verschwunden , als das ausgelassenste Leben und Treiben in dem Lager dieser Männer begann , die Narren und Kinder in ihrem Müssiggang , Löwen und Helden im Gefecht sind ! Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampf lief wie ein Blitz durch die Zeltreihen der ganzen Brigade und schien , trotz der brennenden Mittagshitze , Alles zu elektrisiren . Selbst die Offiziere waren von dem allgemeinen Taumel angesteckt . Ueberall waren Kreise und Gruppen in lebhafter Demonstration , vor dem Theater sammelten sich dichte Massen , nahmen die Plätze bunt durch einander um den eingeschlafenen britischen Matrosen ein und schrieen nach dem Beginn des Schauspiels und nach Musik , die Lieblingslieder und den Sturmmarsch zu spielen . In der That winde auch die Ruhe erst einigermaßen hergestellt , als die Musiker , in einem Erdloch vor der Bühne postirt , den Zuavenmarsch begannen , der Vorhang in die Höhe ging und die sämtlichen dramatischen Künstler in den absurdesten Aufzügen in einer Reihe gruppirt erschienen , während Lebrigaud an ihrer Spitze mit einer entsetzlichen Stimme den Text des Liedes brüllte , in dessen Chor bald die ganze Versammlung einfiel , daß die Melodie weithin durch die von der Sonnengluth zitternde Lust erklang . Während dieser Scenen , die so wechselnd und belebt das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen , hatten - gleichsam hinter den Coulissen - andere Auftritte gespielt , die nicht minder wichtig und fesselnd waren für die einzelnen Personen unserer Erzählung . Michael Lasaroff , der gefangene Unterfähnrich , war bei dem Erscheinen der Cavalcade des Ober-Kommandanten neugierig , wie es die Jugend ist , an ein offenes Fenster der Cantine getreten , die Feldherren zu sehen , während Nini , mit der Anklage gegen ihren Bruder noch unbekannt , neben ihm stand und ihm die Namen der Generäle nannte . Plötzlich fuhr der Jüngling zurück - sein Blick war auf eine ihm wohlbekannte Gestalt getroffen , einen alten Mann in Civilkleidung , die aber den früheren Krieger nicht zu verbergen vermocht hätte , auch wenn das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust und zwei tiefe Narben im Gesicht , von denen die eine sich am Schädel verlief , darüber in Zweifel gelassen hätten . Der Greis ritt in der Suite des Generals en Chef . Sein Auge musterte traurig und ernst die bunten Kriegergruppen . Eine kurze Wendung weiter - und es hätte gefunden , was es so sehnsüchtig suchte . Der junge Unterfähnrich war lebhaft bewegt - Blässe und fliegende Röthe wechselten auf seinem von dem Wundlager noch angegriffenen Gesicht . Dann schien er seinen Entschluß gefaßt zu haben und zog sich hastig , wie vor einer Entdeckung fliehend und zur Verwunderung seiner Beschützerin Nini , in die ihm angewiesene Abtheilung der Cantine zurück . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die kurze Unterredung , welche der zum Arrest befohlene Grenadier-Offizier mit Madame Celeste geflogen , hatte doch genügt , dem Schicksal der Eitlen und Leichtsinnigen eine neue Wendung zu geben . Die Anwesenheit von Frauen im Lager ohne bestimmten militairischen Einrichtungen entsprechenden Beruf war zwar von beiden Ober-Feldherren untersagt , das Verbot wurde aber vielfach und unter allerlei Vorwänden umgangen . In dieser Weise war auch Madame Bibesco von ihrem Entführer , dem Capitain de Sazé , während des Winters im Lager von Kamiesch untergebracht worden und hatte dort die Leiden und die Noth der Armee weniger empfunden . Erst als ihr Beschützer und zeitweiliger Geliebter gefallen oder wenigstens verschwunden war und sie dadurch in allerlei Verlegenheiten gerieth , hatte sie den Vicomte de Méricourt , als den ihr bekannten Freund desselben , aufgesucht und dabei Nini Bourdon in ihrer neuen Lage wiedergetroffen . So peinlich und unangenehm in vieler Beziehung ihr auch die Begegnung mit der früheren Freundin und deren Gefährten sein mochte , hatte die Klugheit ihr doch geboten , das gutherzige Anerbieten derselben und eine Stelle als Demoiselle de Comptoir in der Cantine anzunehmen , die sie seit einer Woche bekleidete und die ihr reichlich Zerstreuung und Gelegenheit gab , mit den besuchenden Offizieren zu kokettiren und ihre Netze auszuwerfen . Die fortwährenden Intriguen , in denen sie sich bewegte , waren es auch , die ihre Aufmerksamkeit von der Aehnlichkeit des armen Blödsinnigen mit dem früheren Geliebten Nini ' s in Paris abwandten und sie nicht näher und schärfer nachforschen ließen , als daß sie ein seltenes Spiel des Zufalls darin sah . Irgend eine Geschichte , die ihr die ehemalige Grisette von dem armen Verwandten erzählt , genügte ihr daher wenigstens scheinbar , da sie sorgfältig und aus ihr wohlbekannten Gründen vermied , auf die Scene jenes Abends in der Rue St. Joseph zurückzukommen und sich auch wohl gehütet hatte , Nini von ihrem späteren Zusammentreffen mit dem Fürsten Iwan Oczakoff zu erzählen . Dennoch blieb ihr das Verhältniß zu Nini Bourdon und deren Umgebungen höchst unbehaglich und sie ergriff daher die erste sichere Gelegenheit , sich ihm zu entziehen , indem sie die Anerbietungen des reichen Garde-Offiziers annahm . - - - Während ihres Gesprächs mit dem Grafen Bretanne und den draußen vorgehenden lebhaften Scenen war daher auch der Eintritt eines englischen Offiziers wenig beachtet worden , der unfern des Eingangs Platz nahm und Kaffee bestellte . Der Fremde trug die Interims-Uniform eines englischen Linien-Regiments , mit allen Nebenerfordernissen der feinsten Toilette . Ein röthlicher Schnurr- und Backenbart rahmte sein offenbar noch sehr jugendliches Gesicht ein , eine blaue Brille bedeckte die Augen . Dennoch schien dies Gesicht einen eigenthümlichen Eindruck hervorzubringen , denn Nini , bei der der britische Offizier im Vorübergehen Kaffee bestellt , betrachtete ihn mit halb erstaunter Miene und ging zwei Mal an ihm vorüber , ihn neugierig anschauend , ehe die Wendung des Verhörs vor General Pelissier all ' ihre Aufmerksamkeit und ihre Besorgniß fesselte . Der schwachsinnige Jean brachte , da alle Bedienung sich außerhalb der Cantine befand , das Getränk und setzte es in seinem träumerischen Wesen achtlos vor dem fremden Offizier nieder . Nicht so spurlos ging die einfache Begegnung bei diesem vorüber . Der Anblick des armen blödsinnigen Burschen durchzuckte ihn gleich einem elektrischen Schlage ; er machte unwillkürlich eine Bewegung , aufzuspringen , die Arme erhoben sich - doch eben so schnell schien er seiner Bewegung Meister zu werden und jedes Zeichen der Aufregung zu unterdrücken , außer , daß seine Blicke von diesem Moment an unverändert allen Bewegungen des Schwachsinnigen folgten , der das empfangene Geld zum Comptoir trug und den Rest dem Offizier zurückbrachte . Dieser berührte hastig dabei die Hand des armen Burschen - es schien , als ob er sie drückte . Wer in diesem Augenblick ihn näher beobachtet hätte , würde bemerkt haben , daß zwei große schwere Tropfen unter den blauen Gläsern der Brille langsam hervor und über seine Wangen flossen . General Pelissier hatte bereits den Platz verlassen und verschiedene Gruppen der Offiziere und Soldaten hatten , während der Lärm und Jubel draußen tobte , sich um das Comptoir Celesten ' s oder in der Cantine selbst versammelt , jener und der jungen Marketenderin die komischen Scenen des Verhörs schildernd , von dem bevorstehenden Kampf plaudernd oder sich gemächlich zum Einnehmen ihres Kaffee ' s anschickend . Die britische Uniform war eine zu gewöhnliche Erscheinung , als daß sie irgend hätte Aufmerksamkeit erregen können , als höchstens einige flüchtige Blicke , da der fremde Offizier sich abgesondert hielt und den Kopf in die Hand gestützt dadurch einen Theil seines Gesichts verbarg . Zwei Männer nur hatten ihm eine schärfere Beachtung gewidmet , ohne daß er dies bemerkte . Es war der Corporal Bourdon , der seinen sehr grämlichen und ärgerlichen Sergeant-Major in eine Ecke gezogen , um sich dort gegen die Vorwürfe zu vertheidigen , die der Alte für seinen Aufruf zum Zeugniß ihm machte . » Den Teufel über Euch , Halunken , « schmälte der Feldwebel . » Konntet Ihr Euch nicht herauslügen aus der Geschichte , ohne einen alten Kerl , wie mich , und seine kleinen Sünden vor den General zu bringen ? - Wenn er mich nun degradirt hätte , Ihr Schufte , blos weil ich mich verleiten ließ , mir in Gesellschaft solcher Laffen einen kleinen Haarbeutel zu trinken ? He - was hätte man dann in der ganzen Armee von Sergeant-Major Fabrice gesprochen ? Welche Schmach wäre damit auf die sämtlichen Zuaven gefallen ! Fichtre ! « » Il n ' est pas si diable qu ' il est noir , Papa Fabrice ! « beruhigte ihn der Corporal . » Ihr habt Nichts von einem Haarbeutel gestanden und nur die Wahrheit gesagt , daß Ihr mit uns ein Wenig gebechert . Wie sollte das Eurem Ruf schaden ? Oder wolltet Ihr vielleicht lieber , daß wir in eine arge Klemme kamen , wo es blos galt , ein Paar Worte Wahrheit zu sprechen ? Parbleu - laßt das meine Schwester nicht hören ! « » Na , na , « brummte der Alte , » es hätte mir freilich leid gethan , aber ... « » Ich schwöre Euch überdies , Papa Fabrice , « fuhr der Corporal fort , » Ihr war ' t auch im Geringsten nicht betrunken . Ich weiß ganz gewiß , daß Ihr uns Alle zu unserm Lager gebracht habt und der Letzte war ' t , der einschlief . « » So - na , wenn das ist ! - ich habe auch so eine dunkle Erinnerung ! - Aber der Aerger vor dem General hat mir die Kehle ganz trocken gemacht - ich muß mich wahrhaftig umsehen - - « » Bleibt ruhig hier sitzen , Papa Fabrice , und seht Euch unterdeß den Engländer an , von dem uns Nini gesprochen und der Jean so ähnlich sehen soll , indeß ich uns eine Flasche hole . « Er kehrte bald darauf zurück und schenkte ein . Von dem Platz , den sie gewählt , konnten sie unbemerkt den britischen Offizier beobachten . » Peste ! « murmelte der Sergeant-Major , » es ist wunderbar , wie ähnlich er dem blödsinnigen Jungen schaut . - Erinnerst Du Dich noch des Russen , der bei Inkerman mit seiner Pistolenkugel mir die Wange schlitzte ? - Es ist , als ob der Teufel das verhenkerte Gesicht in alle Nationen der Welt hinein gehext hätte ! « » Morbleu - Du hast Recht , Papa Fabrice , mich daran zu erinnern ! Ob der Bursche am Ende gar ein falscher Engländer ist ? - Ich will mich doch gleich überzeugen ! « Er erhob sich , nachdem sie die Flasche geleert , und schlenderte bei dem Tisch des Briten vorüber , wo er wie zufällig stehen blieb . » Wollen Sie nicht unser Theater mit Ihrer Gegenwart beehren , mein Offizier ? « fragte er auf Englisch . » Es wird ein prächtiges Stück aufgeführt und ich werde für einen guten Platz sorgen . « Der Fremde fuhr bei der unerwarteten Anrede zusammen , antwortete aber sogleich : » Später , mein Tapferer . Im Augenblick bedarf ich einer kleinen Erholung , denn es ist eine ziemliche Strecke von Kadikoi bis hierher . « » Ach , Sie kommen gewiß , das Bombardement mit anzuschauen . Man wird es prächtig von hier sehen , das französische und britische Feuer in einem Ueberblick . « » Und wann soll es beginnen , mein Freund ? « fragte der Engländer , aufmerksam geworden , mit einiger Unruhe . » Ah - General Pelissier ist von noblem Charakter . Er wird uns nicht in unserm Vergnügen stören . Unsere Landsleute am weißen Berg müssen ja auch zuvor ihr Steeple-chase abhalten , wie sie ihre Hundejagd nennen . Ich denke so gegen fünf Uhr , Sir . Aber das wird gar Nichts sein gegen unsern Sturm morgen . Sie wissen doch , daß das dritte Zuaven-Regiment die enfants perdu bilden wird ? « » In der That - ich wußte es nicht ! « » O dann müssen Sie morgen wieder hierher kommen oder hier bleiben und den Spaß ansehen , wenn der Dienst Sie nicht bindet . Auf Wiedersehen , mein Offizier - ich höre meine Kameraden mich rufen , aber ich komme es Ihnen zu sagen , wenn der zweite Act beginnt ! « Er entfernte sich nach dem Ausgang der Cantine , wo Fabrice mit der Marketenderin Nini sich unterhielt , während daneben das Publikum eben einem Couplet der Fürstin Mulaschpulaschkin donnernden Beifall klatschte . » Wir haben uns getäuscht , Papa Fabrice - der Herr ist ein veritabler Engländer , der aus reinem Zufall dem armen Jean so ähnlich sieht . « Eben traten der Vicomte , der Arzt und der Baronet zu der Gruppe . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der schwachsinnige Bursche , der Geräth von den Tischen der Cantine fortgeräumt , schlich wieder zurück nach dem hintern , für die beiden Kranken und Gefangenen bestimmten Raum , wo er den größten Theil seiner Zeit zubrachte . Er war kaum durch die Thür verschwunden , so erhob sich der britische Offizier , nachdem er einen raschen Blick in der Cantine umher geworfen und sich unbemerkt gesehen hatte und folgte dem Blödsinnigen . Er legte die Hand auf den Drücker der Thür und horchte einen Augenblick - im nächsten schloß sie sich hinter ihm . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - In dem halb von Seegeltuch , halb von Holzwerk gebildeten Seitenbau der Cantine lag auf einem Feldbett , den Kopf in eine Binde gehüllt und von einem hohen Kissen gestützt , regungslos die abgezehrte Gestalt von Gregor Caraiskakis . An seinem Bett saß stumm , die dunklen Augen fast bewegungslos auf sein Gesicht geheftet , Abdallah ben Zarujah , der Emir aus der Hedjas , und am andern Ende der stumpfsinnige Schützling Nini ' s. Auf der andern Seite des Gemachs stand Michael Lasaroff , seinem kranken Leidensgefährten von dem Besuch des Generals Pelissier und was er von dem Bombardement und dem bevorstehenden Angriff auf die Festungswerke erlauscht , erzählend . Weder die Anwesenheit Jean ' s , der sich mit sichtlicher Vorliebe an den jungen Unterfähnrich angeschlossen und aufmerksam den russischen Liedern lauschte , die dieser manchmal zum Zeitvertreib sang - noch die des Arabers schien den Erzähler zu stören . An Beide war man gewöhnt , denn der Emir erschien , wie bereits in dem Gespräch der Zuaven erwähnt worden , fast täglich in der Cantine , um nach seinem Gefangenen zu sehen , dessen Genesung er sehnsüchtig zu erwarten schien , obschon die stolze Würde seines Volkes ihm Ruhe und Geduld gab . So pflegte er , wenn der Dienst ihn nicht abhielt , eine bis zwei Stunden neben dem Kranken zuzubringen , die Augen auf sein Gesicht geheftet . Auch dieser selbst schien sich an den Besuch gewöhnt zu haben , dessen Ursache gleichwohl Jedermann ein Räthsel war . Doctor Welland hatte an diesem Nachmittag dem Krieger der Wüste mitgetheilt , daß der kranke